Schmetterlingsscherben - Esther Hazy - E-Book

Schmetterlingsscherben E-Book

Esther Hazy

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Beschreibung

Louise kann von klein auf Dinge sehen, die andere Menschen nicht wahrnehmen. Sie spricht nicht nur mit ihren Puppen, sie antworten ihr auch. Das stört niemanden weiter, solange sie klein ist, aber je älter sie wird, desto mehr wird sie von den Leuten schräg angeguckt. Kurz nach ihrem zwölften Geburtstag eskaliert die Situation schließlich, als sich auch ihr einziger Verbündeter, ihr bester Freund, gegen sie stellt. Louise rastet aus und zieht kurz darauf mit ihrer Mutter weg aus dem Dorf. Fünf Jahre später stirbt ihre Mutter bei einem Autounfall und Louise muss zurück an den Ort, wo alle sie für eine Psychopathin halten. Wo alles sie an ihn erinnert... und wo er immer noch lebt.

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Seitenzahl: 373

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Esther Hazy

Schmetterlingsscherben

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Impressum neobooks

Kapitel 1

Ich liebe diesen Ort, Mama!», rief ich und drehte mich einmal um mich selbst. Lachend fing sie mich auf und nahm mich in die Arme.

«Er ist so wunderschön, ich werde für immer hier wohnen bleiben, da bin ich mir sicher.» Ich kicherte und vergrub das Gesicht in der Bluse von Mama. «Hier heirate ich und bekomme meine Kinder und die wohnen dann auch noch hier und bekommen ihre Kinder und dann bin ich irgendwann gaaaanz alt.»

Mama lachte, strich mir über das Haar und küsste meinen Kopf. «Darüber reden wir nochmal in zehn Jahren, Louise», antwortete sie. Wieso Erwachsene so etwas immer sagten, verstand ich nicht. Aber es war auch egal. Ich war glücklich und Mama auch.

Ich konnte nicht fassen, dass ich tatsächlich wieder in diesem allerletzten Scheißkaff festsaß. Ich hatte dieses Drecksloch wirklich alles andere als vermisst. An so ziemlich jedem anderen Ort der Welt wäre ich lieber gewesen und dennoch war ich gezwungen, die nächste Zeit wieder hier zu wohnen.

Unsicher sah ich die Straße rauf, die mir so seltsam vertraut und doch völlig fremd vorkam. Ich war schon öfters hier gewesen, da war ich mir sicher. Kinderlachen hallte durch meine Erinnerungen und verebbte wieder, ehe ich es konkret mit etwas verbinden konnte. Seufzend drehte ich mich zu meinem Vater um und sah zu dem Haus hoch, vor dem wir standen.

«Es ist nicht so groß wie euer Haus in Hannover, aber ich hoffe, es gefällt dir trotzdem ein bisschen… Louise?» Mein Vater sah mich erwartungsvoll an und lächelte verlegen. Das Reihenhaus vor mir war alt und hatte seine besten Zeiten bereits hinter sich. Der Putz bröckelte von der Wand und von den Fensterläden waren einige Bretter lose. Aber es musste einmal ein wahres Schmuckstück gewesen sein. Stuck zierte die Fassade und den Eingang und der Balkon links an der Fassade war von einem schmiedeeisernen Rankengitter umgeben, das nach Handarbeit aussah. «Sicher, Paps», antwortete ich schulterzuckend.

Mein Vater war in den letzten Jahren wahnsinnig gealtert. Aber vielleicht kam mir das auch nur so vor, weil ich ihn schon so lange nicht mehr gesehen hatte und er im Moment ziemlich geschafft sein musste. Für ihn war diese Situation nicht einfacher als für mich. Und er gab sich wirklich Mühe mit mir.

Jetzt seufzte er leise und es tat mir fast schon wieder leid, dass ich mich nicht zu etwas mehr Begeisterung hatte aufraffen können. «Es ist eigentlich ideal für uns, es ist zwar nicht groß, aber es hat einen tollen, kleinen Garten und du bist von hier aus in zehn Minuten mit dem Rad bei der Schule.»

«Ja. Das ist gut», nickte ich. Aber das war auch nicht das Problem an dem Haus. Selbst mit dem heruntergekommenen Teil kam ich klar. Nur…

«Also etwas mehr Begeisterung könnte dieses unhöfliche Fräulein wirklich zeigen», fauchte der Maskaron, der in dem Stuck über der Haustür eingearbeitet war, vor der ich grade stand. Es war ein ziemlich hässliches Abbild eines Gesichtes und aus demselben Material wie der restliche Stuck. Ich ignorierte ihn gekonnt und sah stattdessen meinen Vater an. «Die Fratze da ist gruselig», sagte ich, ohne noch einmal auf den Maskaron zu blicken.

«Fratze? Gruselig?! Welch ungeheure Impertinenz!», brüllte es prompt hinter mir. Mein Vater lachte leise. «Das ist doch nur ein Neidkopf, Louise. Die sehen immer so aus, weil sie das Haus vor Geistern und dem Bösen beschützen sollen. Aber wenn es dich so sehr stört, können wir die Figur auch entfernen lassen.»

«Mich entfernen?! Wer ist dieser überhebliche Dilettant, dass er mich entfernen lassen will?!»

«Nein, Pa. Schon gut. Das geht schon irgendwie klar.» Ich war mittlerweile ganz hervorragend darin, solche Dinge zu ignorieren. Dinge, die zu mir sprachen oder die sich bewegten. Ich wusste, dass ich mir das nur einbildete, also versuchte ich, meinen Hirngespinsten nicht auch noch mehr Aufmerksamkeit zukommen zu lassen. Wenn ich sie nicht beachtete, das hatte jedenfalls Doktor Meineken behauptet, würden sie irgendwann verschwinden.

Ich fragte mich manchmal wirklich, wie krank mein Gehirn sein musste, dass es sich vorstellte, wie diese hässliche Fratze meinen Vater als Dilettanten bezeichnete.

«Außerdem führen keine Stufen zum Haus hoch, du wirst also keine Probleme haben reinzukommen.»

«Ich werde nicht ewig einen Gipsfuß haben, Pa», erwiderte ich. Er nickte. «Ich weiß, aber die nächsten Wochen wirst du es mir danken. Komm erst mal rein.» Mein Vater schloss die Haustür auf und ich folgte ihm humpelnd, während der Maskaron uns weiter nachrief.

Der Flur war nur sehr klein, aber das war bei Reihenhäusern ja meistens der Fall. Auf der linken Seite führte eine Tür ab zu einem kleinen, renovierungsbedürftigen Gäste-WC, geradeaus war keine Tür, sondern ein direkter Durchbruch in der Wand. Das dahinterliegende Wohnzimmer war einigermaßen hübsch und auch die angrenzende Küchenzeile sah in Ordnung aus. Alles war bereits eingerichtet und an seinem Platz. Ein großes Ecksofa bot genügend Platz für mehrere Personen, es gab einen alten, stuckverzierten Kamin an der gegenüberliegenden Wand, neben dem ein Esstisch mit vier Stühlen stand. Neben dem Sofa hatte mein Vater offenbar seine Arbeitsecke eingerichtet, jedenfalls stand da ein antik aussehender Schreibtisch, auf dem haufenweise Papier rumflog. Und die Wände waren so gut wie alle vollgestellt mit Bücherregalen. Ich hatte ganz vergessen, wie viele Bücher mein Vater besaß. Bei meiner Mutter hatte es bis auf Kochbücher und ein paar Ratgeber kaum Literatur im Haus gegeben.

«Schaffst du es die Treppe rauf? Oder brauchst du Hilfe?» Mein Vater kratzte sich skeptisch am Hinterkopf. Er schien leicht überfordert zu sein.

«Ich komm schon klar.» Irgendwie rang ich mir ein Lächeln ab und machte mich dann auf den Weg nach oben. Natürlich brauchte ich eine ganze Weile länger als sonst, weil ich nur den rechten Fuß belasten konnte und den linken wie ein Anhängsel nachziehen musste. Aber es war nicht ganz unmöglich.

Geduldig folgte mir Rüdiger, bis wir im Obergeschoss ankamen. Hier gab es drei weitere Türen, von denen eine in ein etwas größeres, saniertes Badezimmer mit Badewanne und Dusche führte.

«Die beiden Zimmer sind beide relativ gleich groß. Ich musste bei deinen Möbeln ein paar Abstriche machen, weil wir nicht so viel Platz haben. Ich hoffe, das macht dir nichts aus.» Rüdiger öffnete die Tür zu meinem Zimmer. ‚Ein paar Abstriche‘ war die Untertreibung des Jahres. Außer meinem Bett und meinem Kleiderschrank war nichts meiner Möbel mitgekommen. Jetzt war ich froh, dass ich mich doch für das 130er Bett entschieden hatte und nicht das 150er, das ich zuerst haben wollte, sonst wäre es vermutlich auch nicht mitgekommen. In der Ecke neben dem Bett stand ein kleiner Schreibtisch, den mein Vater offenbar irgendwo ausgegraben hatte.

Der dunkelgraue Sessel, der bei meiner Mutter im Arbeitszimmer gestanden hatte, hatte ebenfalls einen Platz in meinem neuen Heim gefunden. Das Zimmer war eng, zugegeben. Aber es wirkte eigentlich ganz gemütlich, auch wenn es irgendwie komisch war, meine gewohnten Sachen an diesem fremden Ort zu sehen.

«Das ist super, Paps. Danke.» Ich rang mir ein Lächeln ab und humpelte zum Sessel, um mich darauf niederzulassen. Der geblümte Stoff erinnerte mich an zu Hause und wehmütig strich ich mit den Fingern über das kleine Loch, das ich vor zwei Jahren aus Versehen dort reingerissen hatte.

«Etwas Größeres gab es leider nicht», sagte mein Vater entschuldigend. «Wir mussten ja relativ kurzfristig was finden.»

«Ich weiß, Pa. Das ist schon okay.» Ich nickte und sah zu ihm auf. Er sah müde aus. Vermutlich hatte er enorm Stress gehabt, die letzten Wochen. Immerhin hatte er eine Menge organisieren müssen, während ich im Krankenhaus gelegen hatte.

«Gut, ich lass dich dann mal alleine. In einer Stunde gibt es Abendessen, ich ruf dich dann.» Er lächelte aufmunternd und zog die Tür hinter sich zu, ehe er runter ging.

Seufzend warf ich den Kopf in den Nacken und starrte an die Decke. Ich wollte nicht wieder hier sein. Definitiv nicht.

Mein Vater hielt sein Versprechen und rief eine gute Stunde später nach mir. Obwohl ich nicht wirklich hungrig war, zwang ich mich dazu, eine Scheibe Brot runterzuwürgen und ein Glas Saft zu trinken.

Anschließend verzog ich mich wieder in mein Zimmer und kuschelte mich in meinem Bett zusammen. Es roch nach zu Hause und ich musste mich zusammenreißen, um nicht schon wieder zu weinen. Damit hatte ich abgeschlossen. Keine Tränen mehr. Sie halfen nichts und sie machten mich nur noch schwächer und verletzlicher. Und das wollte ich nicht mehr sein.

Seufzend lehnte ich mich an die Wand und sehnte mich nach meinem Fernseher. Ich befürchtete fast, mein Vater hatte ihn absichtlich zurückgelassen. Er selbst hielt nicht viel vom Fernsehen und hatte kein solches Gerät im Haus.

Stattdessen machte ich also Musik an und ließ irgendeine Hardcoreband durch mein Zimmer schreien, während ich lustlos meinen Kleiderschrank öffnete und mir eine schwarze Jeans und ein schwarzes Kapuzenshirt für morgen rauslegte. Ich hatte den Arzt dazu überreden können, wirklich nur meinen Fuß einzugipsen und nicht mein halbes Bein, sodass ich immerhin normale Jeans darüber anziehen konnte und nicht auf die Jogginghose zurückgreifen musste, die ich im Krankenhaus getragen hatte.

Obwohl es noch keine neun Uhr durch war, machte ich mich bettfertig und ging schlafen. Da ich immer noch erschöpft und kraftlos von den letzten Wochen war, fiel es mir nicht allzu schwer einzuschlafen. Aber ich schlief unruhig und wachte mehrmals nachts auf, wo ich mich dann in einer ungewohnten Umgebung wiederfand.

Irgendwann um kurz nach sechs gab ich es schließlich auf, humpelte ins Bad und wickelte einen Plastikmüllsack um meinen Gips, ehe ich unter die Dusche stieg.

Mein Vater stand um kurz nach Sieben bereits in der Küche, weil er es offenbar als seine Pflicht ansah, mir Frühstück zu machen.

«Soll ich dir ein Spiegelei machen? Oder Brötchen holen? Was frühstückst du denn sonst immer so?»

«Müsli oder Brot oder so reicht mir völlig», lächelte ich matt. Rüdiger schien erleichtert zu sein und holte fünf verschiedene Sorten Müsli aus den Schränken. Ich löffelte eine Schüssel Früchtemüsli aus, ehe ich mir eine Flasche Wasser und einen Apfel in den Rucksack stopfte.

«Mein Rad steht draußen, oder?», fragte ich meinen Vater, der noch am Tisch saß und in die Zeitung blickte. Als ich ihn ansprach, sah er auf. «Ich kann dich eben hinfahren!», schlug er vor.

«Ich krieg das schon irgendwie hin, denke ich. Aber danke.» Die Schule war direkt um die Ecke, aber das war in diesem Ort sowieso alles. Ich könnte Hoya vermutlich sogar mit dem Rad einmal komplett umrunden und würde dafür keine Stunde brauchen. Es wäre absolut lächerlich, wenn mich mein Vater mit Auto bringen würde. Gipsfuß hin oder her. Außerdem brauchte ich den Fahrtweg, um mich seelisch auf das vorzubereiten, was danach auf mich zukommen würde.

«Ganz, wie du willst», lächelte mein Vater. «Viel Spaß in der Schule.»

Den würde ich ganz bestimmt nicht haben. Aber der Tag würde vorübergehen. So wie alle anderen auch. «Danke, Pa.» Ich zwang mich zu einem Lächeln. Es fühlte sich verkrampft und irgendwie falsch an, aber ich war mittlerweile ganz gut darin, es einigermaßen überzeugend rüberzubringen.

Sobald ich aus dem Haus war, entspannte ich meinen Kiefer, zog mir die Kapuze über den Kopf und weit ins Gesicht und schob mir meine Sonnenbrille auf die Nase.

«Großer Gott», kommentierte gleich die dämliche Fratze über der Tür sarkastisch. «Seit wann ist denn der Gothiclook wieder in Mode?»

Ich ignorierte ihn und zwang mich dazu, mich nicht nochmal umzudrehen, um ihm einen feindseligen Blick zuzuwerfen, sondern humpelte stattdessen zielstrebig den Weg zu meinem Fahrrad entlang.

Irgendwie schaffte ich es mit dem Gips auf den Sattel und die Pedale, und sobald ich erst einmal am Fahren war, lief es eigentlich sogar ganz gut. Nur das Abbremsen an Ampeln war kompliziert. Ich schaffte es innerhalb von fünfzehn Minuten zur Schule. Wenn ich den Gips los war, würde ich vermutlich sogar nur noch halb so lange brauchen.

Sobald ich auf dem Schulhof war, hefteten sich die ersten Blicke an mir fest. So etwas wie Anonymität gab es in Orten wie diesen nicht, und dass die durchgedrehte Tochter von Rüdiger Engel wieder hergezogen war, hatte bereits längst vor meinem Erscheinen die Runde im ganzen Kaff gemacht. Ich hatte damit gerechnet. Ich hatte mich seelisch darauf vorbereitet. Aber das Glotzen ging mir trotzdem ziemlich auf die Nerven.

Ich schob mein Rad zum Fahrradständer und kettete es dort an, ehe ich den Eingang ansteuerte. Mit dem Gipsfuß war ich leider nicht allzu schnell und ich spürte den ganzen Weg bis zur Tür die Blicke in meinem Rücken. Einige der Schüler hielten sogar in ihren Gesprächen inne und fingen an zu tuscheln, als ich an ihnen vorbei kam.

Ich schob die Hände in die Taschen meiner Jeans und versuchte mir meine Unsicherheit nicht anmerken zu lassen. Dann endlich erreichte ich die Eingangstür und verschwand im Inneren des Gebäudes. Ich konnte nicht behaupten, dass sich hier viel verändert hätte. Selbst die meisten Gesichter kannte ich noch, auch wenn ich mich nicht unbedingt an die dazugehörigen Namen erinnern konnte.

«Louise?!», kreischte irgendjemand, als ich gerade auf der Treppe war. Erwartungsvoll drehte ich mich um und sah stirnrunzelnd zu dem Mädchen runter, das mir jetzt nachgelaufen kam. Sie sah noch genauso aus wie vor fünf Jahren. Sie trug sogar die gleichen albernen Zöpfe, die mit elf vielleicht noch ganz niedlich ausgesehen hatten, aber sicherlich nicht mehr mit 16. Ihre großen Glubschaugen starrten hinter einem Brillengestell hervor. Ihre stämmigen Beine steckten in einer ausgewaschenen, ausgebeulten Jeans und in dem Pullover hatte ich das letzte Mal ihre große Schwester stecken gesehen.

Nur die Sommersprossen auf ihrer Nase hatten sich von der Anzahl her etwa verdoppelt.

«Dora?»

«Louise!», strahlte sie. Ich seufzte leise und ging weiter die Treppe nach oben. Sie lief mir hartnäckig hinterher. «Das ist total stark, dass du wieder hier bist. Ist ja echt eine Ewigkeit her, Mensch!» Dass sie sich wirklich darüber freute, mich wiederzusehen, bereitete mir Sorgen. Denn ich war zum Schluss nicht wirklich besonders nett zu ihr gewesen und hatte jegliche Kontaktversuche von ihr abgeblockt. Da sollte man doch meinen, sie hätte in der Zwischenzeit vielleicht andere Freunde gefunden.

«Und voll toll, dass du jetzt in meine Klasse gehst!» Sie strahlte gut gelaunt. «Na los, komm schon, ich zeig dir erst mal alles. Aber eigentlich kennst du dich ja hier aus, oder?» Sie kicherte albern und ich war mir nicht ganz sicher, ob ich froh über ihren Enthusiasmus sein sollte. Ich kam mittlerweile eigentlich ganz gut allein zurecht.

In meiner Klasse waren dreizehn Schüler, was wirklich beängstigend wenig war. In der sechsten Klasse waren wir immerhin zwanzig gewesen. In meiner Schule in Hannover waren es 32. Aber dreizehn war der absolute Horror. Als neues, altes Gesicht fiel ich da sofort auf.

Ich ignorierte das ständige Starren und ließ mich in der letzten Reihe nieder, weil mir dann immerhin niemand auf den Rücken glotzen konnte und sich die Leute umdrehen mussten, um mich anzusehen. Das würde wenigstens während des Unterrichts niemand tun.

Doras Platz war ganz vorne bei den Strebern, sodass ich kurzzeitig Ruhe hatte. Ich starrte demonstrativ aus dem Fenster und versuchte die Blicke der anderen zu ignorieren. Aus den Augenwinkeln sah ich mir meine Mitschüler näher an. Die meisten erkannte ich wieder. Bis auf einen Jungen, dessen Gesicht so mit Pickeln entstellt war, dass ich nicht genau sagen konnte, wer tatsächlich darunter steckte. Ich wollte eigentlich nur die Schulzeit möglichst schnell hinter mich bringen, ohne mit irgendjemandem reden zu müssen, aber offenbar schien mir das nicht vergönnt.

«Hey, Louise!», grinste mich ein Kerl an, der vor fünf Jahren noch genauso dämlich ausgesehen hatte. Nur, dass seine Stupsnase jetzt in einem relativ erwachsenen Gesicht saß und absolut lächerlich wirkte. «Ist ja stark, dass du wieder hier bist!» Gott, wie hieß der noch? «Äh, ja. Geht.»

«Und? Bleibst du jetzt für immer hier?!»

«Auf keinen verfickten Fall.» Eher würde ich mich erhängen. «Glubschi, oder?!», fiel mir sein Name wieder ein. Gott, jetzt wusste ich auch, wieso ich ihn nicht gleich erkannt hatte. Es fehlte diese monströse Brille, mit denen seine Augen ausgesehen hatten wie Golfbälle. Er verzog das Gesicht. «So nennt mich schon lange keiner mehr. Ich trag jetzt Kontaktlinsen. Ich bin Daniel.»

«Schön», nickte ich und wandte mich ab, als glücklicherweise unser Klassenlehrer den Raum betrat. Herr Aschermann sah noch genauso aus, wie ich ihn in Erinnerung hatte. Damals hatte ich nur Mathe bei ihm gehabt, jetzt war er auch noch mein Klassenlehrer. Er musterte mich skeptisch mit seinem psychopathischen Blick, kratzte sich am Bart und rückte seine Hornbrille zurecht. «Louise, richtig?», lächelte er mitfühlend. Das war fast noch schlimmer als das ständige Starren. Wenn ich auf eins verzichten konnte, dann war das Mitleid. Er musterte mich mit schief gelegtem Kopf.

«Sind Kopfbedeckungen im Unterricht nicht verboten?», rief einer der Idioten aus der Reihe vor mir. Ich war mir nicht ganz sicher, aber ich meinte, er hieß Kai und offenbar gehörte er jetzt der Fraktion mit den tiefsitzenden Baggyhosen an, die lächerlich um seine schmächtigen Beinchen schlotterten. Aber er hielt sich offenbar für ganz groß.

«Ja, das stimmt. Tut mir leid, Louise. Und nimm die Sonnenbrille bitte auch ab.» Herr Aschermann sah mich auffordernd an, während alle Köpfe sich jetzt zu mir umdrehten. Widerwillig zog ich mir die Kapuze vom Kopf, senkte die Augenlider und nahm die Sonnenbrille ab.

Als ich wieder nach vorne sah, versuchte ich die gaffenden Visagen zu ignorieren. Offenbar brachte der Anblick meiner Augen noch immer einige aus dem Konzept. Dabei waren sie eigentlich nicht einmal besonders aufregend, sie hatten lediglich einen sehr seltenen, intensiven Farbton. Ich hatte nichts gegen meine Augenfarbe. Ich hatte sie sogar mal sehr schön gefunden. Damals, als alle Leute mir dafür Komplimente gemacht hatten.Außergewöhnlich.Besonders schön. Mein ehemals bester Freund hatte immer gesagt, meine Augen wären wie gebrochenes Eis. Bis ich angefangen hatte, Dinge zu sehen. Und danach waren es immer nur noch die ‚psychopathischen Augen der Irren‘ gewesen.

Selbst Herr Aschermann glotzte mich einen Moment fassungslos an, eher er sich laut räusperte und zur Kreide griff. «Gut. Fangen wir mit dem Kapitel von letzter Woche wieder an.»

Die Gesichter wandten sich allmählich alle wieder ab und ich senkte die Augen und starrte den Rest des Tages nur noch auf mein Pult. In den Pausen verkroch ich mich wieder hinter dem Schutz meiner Sonnenbrille und der Kapuze und saß mit Dora zusammen auf dem Pausenhof herum. Sie redete die ganze Zeit, was mir ganz recht war. Sie brauchte keinen Partner für eine Konversation und ich war froh darüber, nichts sagen zu müssen.

«Louise? Hörst du mir zu?!» Sie stupste mich gegen die Schulter und erschrocken fuhr ich hoch. «Was?»

«Ob du Lust hättest, mit mir ins Kino zu gehen! Montags ist Kinotag, da kostet‘s nur drei fünfzig Eintritt!»

«Äh.» Ich starrte sie irritiert an und dachte daran, wie sich mein Vater freuen würde, wenn ich ihm erzählte, dass ich mit einer Schulfreundin ins Kino gehen würde. «Klar, wieso nicht», seufzte ich also und hoffte inständig, dass irgendetwas Anständiges lief.

«Echt? Das ist ja super!» Und schon sprudelte sie wieder von Neuem los.

Ich war erleichtert, als es endlich zum Ende des Schultages klingelte und ich mich auf den Weg nach Hause machen konnte. Ich freute mich auf ein paar Stunden Ruhe, ehe mein Vater nach Hause kam und mich wegen der Schule aushorchen würde.

Aber irgendwie hatte ich verdrängt, dass in Orten wie diesen die Geschäfte noch richtig Mittagspause machten. Mein Vater war also bereits zu Hause und stand in der Küche, als ich den Flur betrat und die Tür hinter mir zuzog.

«Na, wie war's?», fragte er neugierig und blickte um die Ecke. «Ich hoffe, du isst Spaghetti? Ich dachte, damit kann ich nichts falsch machen, oder?»

«Klar, klingt super», nickte ich und schmiss meine Schultasche in die Ecke, ehe ich ins Wohnzimmer schlurfte und mich am Esstisch niederließ.

«Und? Hast du noch jemanden wiedererkannt?» Rüdiger grinste gut gelaunt und häufte mir massig Spaghetti auf den Teller.

«So lang ist das jetzt auch wieder nicht her, Paps», murmelte ich und schob mir eine Gabel voll davon in den Mund. Ich aß viel, obwohl ich nur wenig Appetit verspürte. Aber solange ich was im Mund hatte, konnte ich schließlich schlecht erzählen und ich wollte auch nicht die Hälfte des Tellers stehen lassen. Tapfer kämpfte ich mich also durch die riesige Portion und sehnte mich fast schon nach den winzigen Rationen aus dem Krankenhaus.

Nach dem Essen musste mein Vater wieder zurück in den Buchladen und ich verzog mich auf mein Zimmer. Eine halbe Stunde lang starrte ich auf meine Hausaufgaben, ehe ich sie wegräumte. Lustlos sah ich mich in meinem neuen Zimmer um und griff nach dem Schlüsselanhänger, den mir meine Mutter noch vor ein paar Wochen gekauft hatte. Es war ein kleiner, silberner Engel, der mir Glück bringen sollte und mich beschützen sollte. Das war kurz vor dem Unfall gewesen. Ich biss mir auf die Unterlippe und schleuderte den Engel gegen die gegenüberliegende Zimmerwand, als ein leiser Aufschrei zu hören war.

«Das hat verdammt weh getan!»

Ich starrte auf den silbernen Fleck auf dem Sofa, der sich jetzt langsam erhob. Der Engel hatte die Flügel ausgestreckt und flog direkt auf mich zu. «Das war wirklich unhöflich!»

Ich schloss die Augen, in der Hoffnung, die Halluzination würde verschwinden. Aber das hatte noch nie geholfen. Als ich sie wieder öffnete, hatte es sich der Engel auf meinem Schreibtisch bequem gemacht.

Ich warf einen Blick auf die Uhr. Noch zwei Stunden, bis Dora mich abholen kam. Vielleicht war Gesellschaft doch gar keine so schlechte Idee. Da fiel es mir wesentlich leichter, solche Sachen zu ignorieren. Wenn man alleine war, und eines dieser Trugbilder beharrlich auf einen einredete, war das wirklich schwer.

«Hey, Louise! Ich rede mit dir!»

«Äh», machte ich und blinzelte irritiert auf das kleine Figürlein hinunter. Es war nicht real, verdammt. Ich packte den Schlüsselanhänger, riss das Fenster auf und schmiss ihn in den Vorgarten, ehe ich doch noch mit ihm sprach. Sobald ich das Fenster wieder verriegelt hatte, fühlte ich mich besser.

Seufzend setzte ich mich wieder an den Schreibtisch und zwang meine Konzentration auf die Hausaufgaben. Solange ich an Mathematik dachte, würde sich mein Hirn vielleicht keine neuen Gespinste ausdenken.

Dora holte mich um kurz nach Sieben ab. Da sie auf einem der Bauernhöfe außerhalb des Ortes wohnte, war der Weg für sie in die Stadt mit Rad ein wenig zu weit. Sie fuhr stattdessen eine ziemlich popelige, orangegelbe Vespa, weil sie mit ihren 16 Jahren noch kein Auto fahren durfte. Ich wäre mit meinem Rad vermutlich ähnlich schnell gefahren, aber ich wollte nicht meckern, also stieg ich hinter ihr auf den Sitz und stellte meinen Gipsfuß daneben ab.

Ich hatte mich immer gefragt, wie es in einem Nest wie diesem überhaupt ein Kino geben konnte. Auch wenn es nicht besonders groß war. Es hatte immerhin zwei Kinosäle und es liefen meistens auch relativ aktuelle Filme. Leider bedeutete das in unserem Falle, dass wir die Wahl hatten zwischen einem animierten Kinderfilm und einem überladenen Actionstreifen. Ich war zwar für den Film mit Bruce Willis, aber Dora war kein Fan von Gewalt und schnellen Kamerabewegungen, also kauften wir schließlich Karten für den Kinderfilm. Ich hatte keine allzu großen Erwartungen daran und trotzdem wurden diese noch enttäuscht. Der Film war sogar so schlecht, dass ich währenddessen aufstand und in den Flur flüchtete.

In der Damentoilette spritzte ich mir ein paar Tropfen Wasser ins Gesicht und rieb mir die verspannten Schultern, ehe ich wieder das Foyer betrat. Erschrocken blieb ich stehen und starrte zu einem Jungen rüber, der einige Meter von mir entfernt stand und mit dem Kartenverkäufer schwatzte.

Ich hatte keine Ahnung, wer das war, ich war mir nur ziemlich sicher, dass er neu hergezogen sein musste. Denn so ein Gesicht hätte ich mit Sicherheit nicht vergessen. Er war groß und muskulös und seine platinblonden Haare hingen ihm wirr ins hübsche Gesicht. Ich starrte ihn völlig irritiert an, während er sich umdrehte und in den Kinosaal ging, in dem gleich der Actionfilm anlief. Ich war sogar kurz am überlegen, ob ich ihm einfach folgen sollte, als mich der Junge aufhielt, der hier arbeitete. «Hey!», rief er. «Kann ich mal deine Karte sehen?»

«Äh, klar», seufzte ich und grub in meiner Jackentasche herum, bis ich ein etwas zerknittertes Stück Papier fand und es ihm reichte. Er starrte mich an wie ein Irrer. «Das… ist eine Einkaufsliste.»

«Eine…» Ich zog ihm den Zettel aus der Hand und warf einen Blick darauf. Tatsächlich. Die Sachen, die mir meine Mutter aufgetragen hatte, aus dem Supermarkt mitzubringen.

«Ach, scheiße. Ich glaub, die Karten hat Dora.» Ich verzog das Gesicht und der braunhaarige Junge grinste. «Hey, du bist doch Louise, oder?»

«Äh… Ja.» Ich nickte irritiert, während er weiterhin dämlich grinste. «Du warst mal mit mir zusammen beim Tennis, kann das sein?!»

«Äh. Kann sein.» Ich hatte jedenfalls mal Tennis gespielt.

«Ist ja irre, dass du wieder hier bist! Und? Was hast du so die letzten Jahre gemacht?»

«Ach, alles Mögliche», murmelte ich verlegen und strich mir die Haare aus der Stirn.

«Hey, Nils!», rief jemand hinter uns und ich stolperte zur Seite, als der gutaussehende Typ wieder vor uns auftauchte und den Jungen in Uniform anlächelte. «Schmeißt du den Film heute nochmal an?»

«Äh, ja, klar! Tut mir leid, ich war abgelenkt!» Damit joggte Nils davon, um in dem zweiten Kinosaal den Film einzulegen. Hier musste sogar noch alles manuell gestartet werden, ehe irgendwas lief.

Der andere stand jetzt so nah vor mir, dass ich ihn genauer betrachten konnte. Er hatte ein markantes Kinn, hohe Wangenknochen und eine kleine Narbe über der linken Augenbraue; seine Nase hatte einen leichten Knacks, als wäre sie nach einer Prügelei gebrochen worden. Das machte ihn sogar noch attraktiver. Und seine Augen waren von so einem intensiven Grün wie die Blätter der Bäume im Frühling.

Er sah mich einen Moment lang irritiert an und öffnete den Mund, als wolle er etwas sagen, besann sich dann aber doch eines Besseren und folgte Nils zurück in den Kinosaal.

Ich nutzte die Gelegenheit, um mich zurück in den Raum zu Dora zu schleichen.

Kapitel 2

Ich kicherte albern und zog ihm die dunkelbraune Perücke vom Kopf, die wir in einer alten Truhe im Keller gefunden hatten. Damit sah er aus wie Doras Mama, bloß viel kleiner.

«Du kannst dich gar nicht so gut verkleiden, dass ich dich nicht erkenn», grinste ich frech durch meine Zahnlücke und er streckte mir die Zunge raus. «Wetten?!» Er griff zu einem Haufen alter Kleider und verschwand darunter.

Ich lachte los und schmiss die wunderschönen Tücher in die Höhe. «Ich würde dich immer und überall erkennen, selbst wenn ich nichts sehen kann!»

«Das werden wir ja sehen!», rief er und rannte lachend voran die Treppe hinauf.

Obwohl ich erst seit zwei Wochen wieder hier war, hatte ich schon einen neuen Ruf weg an der Schule. Vielleicht lag es daran, dass ich in letzter Zeit nur noch schwarz trug. Das hatte aber nichts mit meiner Glaubensrichtung zu tun, sondern eher damit, dass ich mich darin momentan einfach am wohlsten fühlte.

Dazu kam wohl die Tatsache, dass mich hier sowieso schon jeder für verrückt hielt und man mir alles zutraute. Jedenfalls galt ich jetzt offiziell als Satanistin, weil irgendjemand Samstagnacht auf dem Friedhof gewesen war und dort ein Grablicht zertreten hatte.

Aber wenn sie einen Grufti haben wollten, sollten sie auch einen bekommen. Vielleicht ließen mich die Leute dann wenigstens in Ruhe.

Ich zog also auch an diesem Morgen wieder meine Kluft aus schwarzen Jeans und Kapuzenpullover an und legte ein bisschen mehr Kajal auf als sonst. Ich stellte überrascht fest, dass ich wie geschaffen dazu war, als Grufti herumzulaufen. Ich hatte nie besonders viel Farbe im Gesicht gehabt und die letzten Wochen hatten mich noch blasser werden lassen. Meine schwarzen Haare umrahmten mein bleiches Gesicht und schimmerten im Neonlicht des Badezimmers leicht bläulich, während sich die Ringe unter meinen Augen deutlich hervorhoben. Ich wirkte ohnehin schon wie ein Zombie.

Vielleicht sollte ich mir ein Nietenhalsband kaufen. Aber dafür müsste ich vermutlich zum Einkaufen nach Hannover oder Bremen fahren. Hier gab es so etwas mit Sicherheit nicht.

Seufzend zog ich mir den Schuh über den rechten Fuß und humpelte die Treppe hinunter, um mit meinem Vater zu frühstücken.

Wir hatten relativ schnell eine gewisse Routine in unser Leben bekommen und starteten den Tag meistens schweigend über einer Schüssel Müsli. Da Rüdiger ein ziemlicher Morgenmuffel war, redete er um diese Uhrzeit eher ungern und verkroch sich meistens schnell hinter seiner Zeitung. Nur ab und zu lugte er darüber hervor und sah mich an, als ob sein Gewissen ihm einredete, dass er gefälligst mit mir reden müsse. Um seine Schuldgefühle ein wenig zu besänftigen, hatte ich es mir angewöhnt, den Regionalteil der Zeitung aufzuschlagen, den er selbst meistens gleich beiseitelegte.

Auch heute Morgen lag der Ausschnitt bereits auf dem Platz neben meiner Müslischüssel und ich grüßte Rüdiger nur kurz, ehe ich die Zeitung aufschlug und mir Milch über die Cornflakes kippte.

Als ich mit dem Frühstück fertig war, machte ich mich auf den Weg zur Schule.

Ich war bereits auf dem Schulhof angekommen, als ich wie vom Blitz getroffen anhielt und vom Rad stieg. Da, direkt vor mir, stand der Junge aus dem Kino halb abgewandt und unterhielt sich lachend mit zwei Schülern, die etwa in seinem Alter sein mussten.

«Lou!» Dora kam auf mich zu gerannt und strahlte mich gut gelaunt an. Ich hatte ihr diesen wirklich dämlichen Spitznamen leider nicht ausreden können.

«Da bist du ja.» Sie nahm mir das Rad aus den Händen, weil ich ja immer noch einen Gips trug und deswegen offenbar auch nicht in der Lage schien, mein Fahrrad selbst anzuketten. Eine Woche noch, dann kam der Gips endlich ab.

«Wer… ist das?», fragte ich möglichst beiläufig, während ich Dora zu den Fahrradständern folgte, den Blick auf den Blondschopf geheftet.

«Wer?», fragte Dora irritiert und sah sich um. Ich nickte in seine Richtung. «Na, der blonde Junge da hinten!»

Dora sah nur kurz zu ihm und dann wieder zu mir. «Das ist Lennard», sagte sie verständnislos. «Den kennst du doch!»

«Lennard», wiederholte ich und spürte, wie mein Frühstück wieder hochkommen wollte. «Lenny Lennard?!», hakte ich nach, nur um ganz sicher zu sein. Dora nickte bestätigend. Lenny Lennard. Das konnte unmöglich sein. Aber das erklärte natürlich auch die Narbe über seiner Augenbraue und die gebrochene Nase.

Das letzte Mal, als ich Lennard gesehen hatte, da hatte er noch ausgesehen wie ein bekloppter Cockerspaniel mit Brille und so `ner freakigen Mütze, die er immer getragen hatte, um seine hässlichen, rotblonden Löckchen darunter zu verstecken.

Das konnte unmöglich Lennard sein. Was machte der überhaupt noch hier an der Schule?! Ich war felsenfest davon ausgegangen, dass er nicht mehr in diesem Kaff festsaß, sondern zum Studieren irgendwo weggezogen wäre. Ich war davon ausgegangen, dass ich ihn nie wiedersehen musste. Aber dieses Glück schien mir nicht vergönnt zu sein.

«Oh mein Gott», murmelte ich und spürte, wie mein Würgereiz immer stärker wurde. Dass Lennard immer noch hier war, war schlimmer als alles andere.

«Ich muss kotzen», raunte ich Dora zu und verschwand hinter dem nächstgelegenen Busch. Nachdem die Cornflakes wieder draußen waren, fühlte ich mich nicht wirklich besser. Als ich wieder auf den Schulhof trat, war Lenny Lennard mit seinen beiden Kumpanen bereits im Schulgebäude verschwunden und ich atmete erleichtert auf. Wie benommen stakste ich hinter Dora her zur Eingangstür, jeden Moment darauf gefasst, dass er irgendwo wieder auftauchen würde. Mir war schwindelig und ich biss mir auf die Zunge, um nicht auch noch ohnmächtig zu werden. Es sollte mir egal sein. Er sollte mir egal sein. Aber irgendwie hatte mein Körper diese Information noch nicht ganz verarbeitet. Mit einem mulmigen Gefühl in der Magengegend folgte ich Dora die Treppe rauf zu den Klassenräumen. Mein Puls beschleunigte vor jeder Ecke, vor der wir ankamen und beruhigte sich erst wieder, als ich ihn nirgendwo entdecken konnte.

Erst, als wir im Klassenraum ankamen, fühlte ich mich in Sicherheit und ließ mich erleichtert in den Stuhl fallen.

Obwohl ich in der Pause am Liebsten drinnen geblieben wäre, wurde ich wie alle anderen dazu gezwungen, auf den Pausenhof raus zu gehen und die frische Luft zu genießen. Bei schönem Wetter war die Aula gesperrt, nur der Zugang zur Cafeteria war offen.

Jetzt, da ich ihn einmal im Umfeld der Schule entdeckt hatte, sah ich Lenny Lennard ständig. Er stand lässig in der Raucherecke mit seinen bescheuerten Kumpanen und rauchte und fühlte sich offenbar besonders groß.

«Neo, was geht?!», brüllte irgendjemand und klopfte ihm auf die Schulter.

«Wieso nennen diese Spinner ihn eigentlich Neo?», fragte ich Dora und kaute lustlos auf meinem Butterbrot herum. Mir war immer noch schlecht und ich fühlte mich, als würde eine Starkstromleitung durch meinen Körper geleitet werden. Völlig angespannt saß ich auf der Außenseiterbank neben ihr und starrte zu ihm hinüber. Mein Fuß hibbelte unkontrolliert. Seine Gegenwart war geradezu allgegenwärtig, und selbst wenn ich mich dazu zwang, woanders hinzusehen, spürte ich seine Anwesenheit nur allzu deutlich in meinem Rücken.

«Das ist sein Spitzname», erklärte Dora schulterzuckend. «Wegen seines Nachnamens. Du weißt schon.»

Ich sah sie verständnislos an, während Lennard sich in meinen Augenwinkeln lachend zur Seite neigte.

«Matrix?!», half sie mir auf die Sprünge. Richtig. Lennard Anderson. Mr. Anderson. Neo. Ergab irgendwie einen Sinn.

Seufzend ließ ich mein Brot zurück in die Tupperdose fallen und klopfte mir die wenigen Krümel von meiner Hose, ehe ich mich dazu zwang, die Finger still zu halten. In ruhigen Bewegungen knetete ich meine Handflächen.

«Isst du das noch?», fragte Dora und starrte gierig auf mein angelutschtes Sandwich. Sie schien ja wirklich hungrig zu sein. Wortlos schob ich die Dose zu ihr rüber und beobachtete, wie Lennard mit seinen Kumpanen Richtung Cafeteria abzog. Erst, als er ganz außer Sichtweite war, ließ meine Anspannung ein wenig nach und ich sackte innerlich zusammen.

In der letzten Stunde hatten wir Chemie beim Aschermann und ich saß die ganze Zeit wie auf heißen Kohlen dort und starrte auf die Uhr hinter ihm, während ich dem Ende des Schultages entgegenfieberte.

Als es endlich klingelte, war ich die Erste bei der Tür.

«Louise, kann ich dich kurz sprechen?», rief der Aschermann und ich stöhnte innerlich auf. Seufzend schlurfte ich zurück zu seinem Pult und blieb davor stehen, während alle anderen an mir vorbei aus dem Raum gingen und der Letzte die Tür hinter sich schloss. Großartig.

«Wie geht es dir so?», fragte er und beäugte mich schräg.

«Ganz gut», antwortete ich irritiert. Er lächelte milde. «Wenn du jemanden zum Reden brauchst…»

«Äh. Geht schon.» Irritiert blinzelte ich mir eine Haarsträhne aus dem Auge.

«Hör mal… Ich weiß, dass du es wirklich nicht leicht hast. Und ich verstehe, wenn du dich im Moment mehr zu den Toten hingezogen fühlst, als zu den Lebenden. Aber ein Friedhof ist wirklich kein geeigneter Ort für ein junges Mädchen wie dich, meinst du nicht?»

Ich konnte es kaum glauben. War das etwa wirklich sein Ernst?! «Doch, ich find's da total gemütlich», erwiderte ich also sarkastisch und kreuzte die Arme vor der Brust.

«Louise…» Sein besorgter Blick bohrte sich in mein Gesicht und mir platzte endgültig der Kragen.

«Was ich mit meinem Leben mache, geht Sie jawohl einen Scheißdreck an!», fauchte ich und schmiss mir die Schultasche über den Rücken. An der Tür blieb ich nochmal stehen und funkelte ihn zornig an. «Ich hab übrigens ihre verstorbene Oma ausgebuddelt, ich soll sie schön grüßen!» Damit knallte ich die Tür hinter mir zu und hastete mit hochrotem Kopf den Korridor entlang. Erst als ich auf dem menschenleeren Schulhof ankam und mir der kalte Wind ins Gesicht wehte, beruhigte ich mich wieder. Was interessierte es mich, was der blöde Aschermann von mir dachte? Sollte er doch glauben, was er wollte!

Da sowieso keine Sau mehr außer mir auf dem Platz war, verzichtete ich darauf, meine Sonnenbrille aus der Tasche zu holen und stapfte so weiter.

Ich fuhr schnell, obwohl ich mit dem einen Fuß gehandicapt war und so nicht unbedingt sicher zum Stehen kam. Aber das war mir egal. Dieser Tag war sogar noch schlimmer, als alle anderen zuvor.

Mein Vater war bereits zu Hause und wartete auf mich mit dem Essen, auch wenn ich kaum Appetit hatte und mir immer noch leicht übel war. Eher lustlos stocherte ich in dem Salat herum. Offenbar merkte man mir meine Laune an.

«Ich hab was, das dich aufheitern wird!» Rüdiger strahlte, als ihm etwas einfiel. «Hier! Den hab ich im Vorgarten gefunden!» Er hielt mir den baumelnden Engelsschlüsselanhänger entgegen, der mich feindselig anblickte. Ach du Scheiße, das Ding hatte ich komplett vergessen. «Äh… Danke, Paps. Den hab ich… schon gesucht», murmelte ich ausweichend und griff nach dem kühlen Metall, ohne genauer hinzusehen.

«Demütigend. Zutiefst verletzend. Und wirklich gemein», maulte der Engel vor sich hin. Seufzend vergrub ich ihn in meiner Hosentasche und dämpfte damit immerhin ein wenig den Wortschwall, den mein Vater sowieso nicht hören konnte.

Der Engel war hartnäckig. Den ganzen Nachmittag über beschwerte er sich über meine grobe Art und mein unfreundliches Wesen und dass er wirklich etwas Besseres verdient hätte.

«Gott, dann geh doch einfach!», brüllte ich irgendwann nach dem Abendessen, als mir endgültig der Geduldsfaden riss. «Oder halt wenigstens deine verdammte Fresse!!!»

«Louise? Ist alles in Ordnung bei dir?» Rüdiger klopfte vorsichtig gegen meine Zimmertür und ich fuhr erschrocken zusammen. «Klar, Paps!», rief ich und griff nach meinem Handy, für den Fall, dass er reinkam. «Ich hab nur telefoniert!»

«Das klang aber nicht so gut?», hakte er vorsichtig nach.

«Ach, das ist nur jemand aus der alten Schule gewesen», stammelte ich. «Der schuldet mir noch Geld.»

«Na gut. Aber wenn du Hilfe brauchst oder irgendwie in Schwierigkeiten steckst, würdest du es mir doch sagen, oder?»

«Natürlich.» Ich lauschte angespannt, bis seine Schritte auf der Treppe verklungen waren und er sich wieder im Wohnzimmer ans Schreiben machte. Mein Vater war Autor, jedenfalls versuchte er, einer zu werden. Bisher hatte er allerdings noch nichts veröffentlicht. Immerhin lief es mit seinem Buchladen einigermaßen, sodass er davon leben konnte.

«Und jetzt zu dir, du…», knurrte ich leise und starrte den Engel wütend an. «Dich gibt es nicht. Du existierst gar nicht. Ich sehe dich überhaupt nicht.»

«Na klar gibt's mich!», flötete die Figur und drehte sich einmal um sich selbst. «Ich bin Ramona!»

Ich stöhnte entnervt auf und warf den Kopf in den Nacken. Was hatte Herr Meineken immer gesagt?Du musst es akzeptieren. Du musst wahrnehmen, dass es ein Teil von dir selbst ist. Und dieser Teil will dir irgendetwas sagen. Hör auf dich. Geh in dich. Und erkenne, dass dieses Wesen nicht existiert.

Ich hatte es akzeptiert. Ich wusste, dass es nicht real war. Aber ich hatte keinen blassen Schimmer, was mir mein Gehirn mit Ramona mitteilen wollte.

«Ich verspreche, dich nicht nochmal aus dem Fenster zu werfen, wenn du von jetzt an schweigst. Alles klar?»

Ramona nickte artig und hüpfte vom Schreibtisch aus auf den Boden. Seufzend schmiss ich mich ins Bett und schloss die Augen.

Keine Ahnung, wieso Lenny Lennard immer noch in diesem Nest rumgammelte. Ich wusste nur, dass ich seinen Anblick nicht viel länger ertragen konnte. Aber immerhin schien er mich nicht erkannt zu haben. Wenn ich Glück hatte, erinnerte er sich gar nicht mehr an mich. Vielleicht musste ich nicht einmal mit ihm sprechen. Ich würde ihm einfach so gut es ging aus dem Weg gehen müssen und könnte dann vielleicht vergessen, dass er überhaupt existierte.

Kapitel 3

«Und das ist die Göttin der Jagd und des Winters, Skadi», erklärte Lennard, der neben mir auf dem Boden lag und in seinem Buch über keltische Mythologie blätterte.

«Wow!», rief ich und strich über die Figur auf dem Papier. «Sie ist wunderhübsch!»

«So wie du», grinste er jetzt und sah mich an. «Du bist meine Göttin des Winters!»

Ich kicherte albern. «Aber ich bin doch gar keine Göttin!»

«Ab heute nenn ich dich nur noch Ska…» Er sah erneut auf den Namen. «Di.»

«Di?!» Ich lachte erneut und Lennard streckte mir die Zunge raus. «Ska. Meine Ska!»

Ich war wiedermal die Letzte, die aus dem Klassenraum kam. Herr Aschermann hatte offenbar Gefallen daran gefunden, mich täglich noch länger dazubehalten, um seine pseudopädagogische Lehre bei mir anzuwenden. Wenig erfolgreich, aber er war wirklich beharrlich und durchlöcherte mich mit Fragen, ob es mir gut ginge und was ich den Tag über gemacht hätte. Ich beantwortete sie größtenteils patzig und wenig informativ, aber das schien ihn nicht abzuschrecken. Heute war schon der vierte Tag in Folge, an dem er es versuchte. Ich konnte bloß hoffen, dass er das bald wieder aufgab, wenn er feststellte, dass er aus mir nichts herausbekam.

Natürlich war keiner der anderen Schüler mehr da, als ich auf den Schulhof trat. Dora hatte sonst immer auf mich gewartet, aber heute musste sie sich beeilen, weil ihre Oma Geburtstag hatte.

Seufzend humpelte ich also alleine bis zu den Fahrradständern und starrte auf das einzige, noch verbliebene Rad. Jemand hatte beide Reifen davon aufgeschlitzt und die Luft herausgelassen, sodass es nur noch auf den Felgen stand.

«Spitze», murrte ich, öffnete das Schloss und schob das Rad in Richtung Straße.

«Hey! Hey, Ska!» Ich zuckte innerlich zusammen und mein Magen verkrampfte sich, als ich diesen Namen hörte. So hatte mich seit Jahren niemand mehr genannt und ich kannte auch nur eine einzige Person, die mich überhaupt jemals so bezeichnet hatte. Einen flüchtigen Moment überlegte ich, ob ich einfach weitergehen sollte und so tun konnte, als hätte ich ihn nicht gehört. Aber mit meinem Gips war ich nicht sonderlich schnell und er hätte mich vermutlich noch vor der Straße eingeholt. Mit einer unguten Vorahnung drehte ich mich also um und sah Lennard auf mich zukommen. Und ich wusste, dass er sich noch genau erinnerte. An alles.

«Soll ich dich mitnehmen?» Er hielt einen Autoschlüssel in die Höhe und grinste blöd über seine dämliche Visage.

«Da kriech ich lieber auf allen Vieren nach Hause», antwortete ich bissig und schob das Rad weiter.

«Wenn du in dem Tempo weitermachst, schaffst du es bestimmt bis zum Anbruch der Dunkelheit», lachte Lennard und ging weiter neben mir her. «Komm schon. Ich fahr da sowieso direkt dran vorbei. Du musst auch nicht mit mir reden.»

«Lass mich in Ruhe.» Ich hatte jetzt die Straße erreicht und hielt kurz inne, um meinem Fuß eine Pause zu gönnen.

«Na schön, dann ruf ich deinen Vater an und sag ihm, dass er dich abholen soll», seufzte Lennard und zog eines dieser überteuerten Zwitterdinger zwischen Handy und Minilaptop aus der Tasche.

«Untersteh dich!», knurrte ich und griff nach dem Ding. Lennard hielt es so hoch, dass ich nicht mehr dran kam, und grinste feixend. «Fährst du mit?»

«Ich hasse dich», gab ich ihm als Antwort und wendete das Rad, um damit zurück auf den Schulhof und in Richtung Parkplatz zu gehen.

«Das ist gut», nickte er. «Hass ist immerhin ein Gefühl. Scheint, als wärest du noch kein Vampir.» Er nahm mir das Rad ab und hielt mir die Hand entgegen, damit ich ihm auch meine Schultasche gab. Ich ignorierte die Geste und ging wortlos an ihm vorbei.

«Du siehst abgemagert aus», rief er und folgte mir.

«Ich lag fünf Wochen im Krankenhaus, Arschloch», fauchte ich. Lennard hatte mich kurz darauf wieder eingeholt. Er war wesentlich schneller als ich mit meinem Gipsfuß.

«Das ist aber schon eine Weile her. Geht's dir gut?», fragte er und beäugte mich schräg.

«Ganz phantastisch.»

«Okay, blöde Frage.» Er verdrehte die Augen. «Tut mir leid, das mit deiner Mutter…»

Ich blieb stehen und funkelte ihn hasserfüllt an. «Hast du nicht gesagt, du hältst die Fresse, wenn ich mitfahre?!»

Er hob entschuldigend die Arme. «Bin schon still.»

Wir hatten jetzt den protzigen BMW seines Vaters erreicht und Lennard öffnete den Kofferraum und zwängte irgendwie mein Rad hinein.

«Hättest du nicht letztes Jahr Abitur machen müssen?», fragte ich mit gekreuzten Armen vor der Brust, als er den Kofferraum zuschlug. Er grinste breit. «Hab in der Elften eine Ehrenrunde gedreht.»

«Wow, wie beeindruckend», gab ich sarkastisch von mir und humpelte zur Beifahrertür. Lennard war schneller und öffnete sie für mich. Wortlos stieg ich in den Wagen, ehe er die Tür wieder zumachte und auf der Fahrerseite einstieg. Er beäugte mich abschätzig. «Was ist mit dir? Wie kommt's, dass du immer noch zwei Jahrgänge unter mir bist?»

«Ich hab ein Jahr pausiert», erklärte ich ihm, zog mir meine Kapuze wieder über und setzte die Sonnenbrille auf.

«Was hast du in der Zeit gemacht? Warst du im Ausland?»

«So was in der Art», antwortete ich ausweichend und schnallte mich an.