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Eine bunte Reise durch ein turbulentes Leben, festgehalten in kurzen und manchmal wirklich absurden Momentaufnahmen. Prall gefüllt mit Humor, Selbstironie und einer Prise Zynismus.
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Seitenzahl: 306
Veröffentlichungsjahr: 2023
“Du warst schon immer ein sperriges Kind” Einschätzung der ältesten Schwester
SCHNAPPGESCHOSSEN
Wenn ich groß bin, werde ich erwachsen
Autobiographie
Impressum:
© 2023 Betti Stewart
ISBN Softcover: 978-3-347-79583-9
ISBN E-Book: 978-3-347-79585-3
Druck und Distribution im Auftrag des Autors:
tredition GmbH, An der Strusbek 10, 22926 Ahrensburg, Germany
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Für die Inhalte ist der Autor verantwortlich. Jede Verwertung ist ohne seine Zustimmung unzulässig. Die Publikation und Verbreitung erfolgen im Auftrag des Autors, zu erreichen unter: tredition GmbH, Abteilung "Impressumservice", An der Strusbek 10, 22926 Ahrensburg, Deutschland.
Die erste Beichte
Was macht man, wenn man als Achtjährige gefangen und von Übelkeit geplagt in einer Kirche sitzt? Man sieht sich nach einem Fluchtweg um. Nur schien die Flucht an dem Tag unmöglich. Die Augen des Pfarrers waren überall, besonders auf uns Kindern. Ich verwarf den Gedanken, mich unter die Kirchenbänke zu schmeißen und gen Ausgang zu robben. Es war ein Frühlingsnachmittag vor vielen, vielen Jahren. Die erste Beichte stand bevor. Die Feuertaufe vor der Erstkommunion. Der Angstgegner eines jeden Volksschülers. Wer beichtet, muss in die Kirche. Und in unserer Gemeinde regierte dort - wie die Wiedergeburt der spanischen Inquisition - er: Pfarrer Arnestus. Er war der furchteinflößendste Mann meiner Kindheit. Groß, mit eisgrauem Haar, der Scheitel wie mit einem Lineal durchzogen. Wenn er seine Messen abhielt, stand er wie ein schwarzer Rabe vor dem Altar, wippte auf seinen Fußspitzen auf und ab und predigte Feuer und Schwefel. „Zwei Entschuldigungen lasse ich gelten, wenn ihr sonntags nicht in die Kirche kommt“, donnerte er. „Entweder ihr seid schwer krank oder ihr seid tot.“ Ich nahm mir vor, an Schwindsucht zu erkranken. So könnte ich meine Tage wenigstens auf eine Liege gebettet auf einer Terrasse irgendwo in den Alpen verbringen, statt jedes Wochenende mit der Hölle bedroht zu werden. Er hatte halt einen ganz besonderen Charme, der Arnestus. Kein Wunder, dass wir Kleinen uns allesamt in die Hosen machten, wenn sein starrer Blick uns während seiner Predigten fixierte. Ich komme aus einer katholischen Familie und deswegen war der sonntägliche Kirchgang bei uns fest im Kalender. Ob wir wollten oder nicht, wir mussten hin. Das Ganze zog sich, bis ich etwa achtzehn Jahre alt war. Die Nacht vorher durchgemacht? Um fünf Uhr früh nach Hause gekommen? Verkatert? Kein Problem! Gott wird’s schon richten! „Ihr füllt doch so schön eine Kirchenbank.“ So lauteten die Worte meiner Tante, die gleichzeitig auch die Pfarrsekretärin war. Klar, wenn die Eltern mit fünf Kindern und einer Oma im Schlepptau kamen, war das Gotteshaus schon mal gefühlt halb voll (ich war schon als Kind sehr sarkastisch). Die einstündige Tortur erleichterte ich mir, einfallsreiches Kind, das ich war, mit Lesen. Ich schmuggelte regelmäßig kleine Pixi- Bücher mit, die gerade mal so groß waren, dass sie in eine Handfläche passten. Während mein Umfeld also dachte, dass ich im stillen Gebet verharrte, suchte ich in Wirklichkeit das Abenteuer mit Petzi und Freunden.
Mit zarten acht Jahren wurde ich also auf die Kommunion vorbereitet. Damit verbunden war einmal die Woche der Kommunionsunterricht. Man musste natürlich jedes Mal pünktlich erscheinen, denn wenn man aus irgendeinem Grunde nicht kommen konnte, beharrte Arnestus darauf, dass diese verpasste Stunde privat bei ihm Zuhause nachgeholt würde. (Es sein denn, man war krank oder tot, remember?) Man kann sich vorstellen, dass die Aussicht darauf unsere kleinen Herzen mit Grauen erfüllte.
Und ein paar Tage bevor wir also in unseren weißen Kleidchen vor den Altar traten, mussten wir im Zuge der allerersten Beichte die schlimmen Verbrechen gestehen, die wir als kleine Achtjährige begangen hatten. An diesem Tag saß ich im Pfarrheim, kaute auf meinen Bleistift herum und überlegte, was ich in der stickigen und engen Dunkelheit des Beichtstuhls zum Besten geben könnte. Mir fiel nichts ein. Hilfesuchend schielte ich rüber zu meinem Nachbarn, der eifrig auf einem Stück Papier herumkritzelte. Als er meinen Blick bemerkte, schob er den Arm schützend über das Blatt. Dachte sich wohl, ich könnte ja seine Sünden klauen. Als ob! Ich hatte eh sicher bessere als er. Seufzend fing ich an zu schreiben: „Ich war frech zu meiner Mutter. Ich habe unserem Hund einen Klaps gegeben. Ich habe meinen Bruder angelogen.“ Das sollte genügen! Das musste ja alles glaubhaft erscheinen. Zudem war ich nicht auf eine strenge Strafe erpicht. Wer weiß, was der alte Vogel sich einfallen lassen würde. Am Ende müsste ich noch die Kelche polieren oder die Heiligen entstauben. Wenig später begaben wir uns vom sonnendurchfluteten Klassenzimmer in die dunkle Kälte der Kirche, reihten uns auf einer Bank auf und warteten auf die Inquisition. Den Fluchtgedanken hatte ich schon aufgegeben, und irgendwann war ich dann dran. Ich kauerte mich auf den Sitz, senkte die Augen, nahm eine, wie ich dachte, demütige Haltung ein, murmelte: „Vergib mir, Vater, denn ich habe gesündigt…“, und schickte mich dann an, meine kurze Liste, die ich natürlich mitgeschmuggelt hatte (im Falle, dass ich etwas vergessen würde), runterzubeten. Ich glaube nicht, dass meine Gräueltaten Arnestus besonders beeindruckten. Er verdonnerte mich zu fünf Vaterunser und zehn AveMaria, die ich nachher in Windeseile runterleierte. Danach rannte ich raus in die Sonne und war endlich frei. Frei von Sünde, frei von Übelkeit und frei, um das zu tun, was ein kleines Mädchen an einem Frühlingstag eigentlich tun sollte: spielen.
Die Kommunionsfeier einige Tage später ließ mich diesen schrecklichen Nachmittag übrigens dann schnell wieder vergessen, denn es gab viele Geschenke und Süßigkeiten. Am Ende war ich doch nur ein ziemlich materialistisches Biest und nicht das fromme kleine Ding, das sich Arnestus sicher gewünscht hätte. Wahrscheinlich hatte er bei mir noch Hoffnung, hatte ich doch als Sechsjährige beim Krippenspiel zwei Jahre zuvor als Engel verkleidet „Vom Himmel Hoch“ gesungen. „Das Kind hat so eine schöne helle Stimme…“ - „Das Kind war das einzige, das sich freiwillig für diese Rolle meldete“, dachte ich.
Meine Sünden blieben im Endeffekt nicht lange aus. Nur habe ich sie niemandem, der in ein schwarzes Gewand und einen weißen Kragen gekleidet war, jemals wieder gestanden. Und siehe da: Aus mir ist trotzdem etwas geworden, und ich lebe noch!
Der erste Kuss
Ich erinnere mich gern an meinen ersten Kuss. Also an meinen ersten richtigen Kuss. Ich habe auch schon davor geküsst. Ein bisschen. Als ich sieben oder acht Jahre alt war, spielte ich mit den Nachbarskindern im Keller „Verstecken im Dunkeln“, und Peter, der Sohn des Hauses gegenüber, stahl in der Dunkelheit ein ganz kurzes und freches Bussi von mir. Ich war recht verlegen, und als das Licht wieder angeschaltet wurde, tat ich so, als wäre nichts geschehen.
Spulen wir ein paar Jahre vor. In der Schule war ich ein ziemlich gescheites Kind (bevor Jahre später das nächtliche Herumtreiben in Clubs interessanter wurde, als pünktlich zum Unterricht zu erscheinen) und hatte ohne große Anstrengungen immer gute Noten geschrieben. Davon wollte der eine oder andere Klassenkamerad profitieren. Unter anderem auch Dirk. Dirk hatte einen ganz besonderen Charme. Zu jeder Jahreszeit hing unter seiner ziemlich langen Nase ein Tautropfen. Es war faszinierend, diesen Tropfen zu beobachten. Dirk schnäuzte sich nämlich nie die Nase, und so baumelte der Tautropfen, ständig ums Überleben kämpfend, 365 Tage im Jahr an seinem Riecher. Dirk war kein guter Schüler, und so machte er es sich zur Aufgabe, mich dazu zu überreden, seine Hausaufgaben zu machen. Seine Gegenleistung? Ein Kuss von ihm… Nun muss man wissen, dass ich gerade einmal elf Jahre alt war und, nachdem ich den ersten Versuch eines Bussis vom Nachbarsjungen schon längst vergessen hatte, ziemlich neugierig war, wie sich so ein Kuss anfühlt. Enttäuschenderweise war das Ereignis so romantisch wie der kalte Wintertag, an dem es stattfand. Wir saßen auf dem Spielplatz, er beugte sich vor, seine Nase rieb an meiner Wange entlang und hinterließ eine feuchte Spur, und seine Lippen landeten irgendwo links von meinem Mundwinkel. Das Ganze dauerte weniger als drei Sekunden. Danach hatte ich vom Küssen erst einmal die Nase voll. Dirk auch. Aus den schon erwähnten Gründen.
Fünf Jahre später, irgendein Samstagabend: Ich war mit einer Freundin in einer Disco. Das war in den achtziger Jahren, wo es noch Discos gab. Meine Freundin und ich tanzten ein bisschen schüchtern und peinlich berührt als einzige auf der klebrigen Tanzfläche, als mein Blick den eines jungen Mannes an der Theke traf. Ich war kein besonders hübsches Mädchen, umso mehr war ich überrascht, als ich auf dem Weg, mir etwas zu trinken zu holen von dem jungen Mann angesprochen wurde. Misstrauisch schaute ich über meine Schulter, ob hinter mir nicht irgendeine andere stand, die sein Interesse erweckt hatte, denn ich war davon überzeugt, dass er in einer ganz anderen Liga als ich spielte. Doch er sprach mich an. Mich. Manche mögen sich vielleicht daran erinnern, wie die darauffolgende Unterhaltung lief, zu Zeiten, in denen man sich noch unterhielt. Man redete über Musik, darüber, wie doof die Eltern/ Geschwister/ Lehrer waren, über die neuesten Filme, und so weiter und so fort. Die Zeit raste dahin, und irgendwann war es dann Zeit, sich zu verabschieden (meine Mutter hatte die Angewohnheit, wie ein Racheengel im Nachthemd in der Tür zu stehen, wenn ich zu spät nach Hause kam).
Mit Bedauern griff ich also meine Jacke und drehte mich um, als er mich am Ärmel packte und an sich zog. Es fühlte sich so natürlich an, als er seinen Kopf senkte und sein Mund auf meinen traf. In diesem Moment passierte etwas, das ich vorher nur aus Filmen oder Büchern kannte. Die Welt um mich herum verblasste, und der Boden unter mir schwankte. Ich hatte vor lauter Verzückung fast das Bewusstsein verloren. Und als ich wieder zu mir kam, machte ich etwas, für das ich mich noch wochenlang hinterher hätte ohrfeigen können. Ich sagte „Danke!“ und ging. Meine älteste Schwester sagte einmal, dass ich ein recht ‚sperriges‘ Kind war. In dem Moment bewies ich es wohl. „Danke!“
Danach habe ich den Jungen nie wiedergesehen. Ich bin noch oft an Samstagabenden in diese Disco gegangen, aber der Junge tauchte nie wieder dort auf. Der Junge ohne Namen. Seinen Kuss habe ich nie vergessen… Mein erster richtiger Kuss!
Schlaraffenland
Als ich klein war, wollte ich immer ins Schlaraffenland ziehen. Ich wollte mir ein kleines Lebkuchenhaus am Bach bauen, in dem statt Wasser Milch mit Honig floss (im Bach, nicht im Haus) und mit Messer und Gabel bewaffnet auf die gebratenen Hähnchen warten, die in regelmäßigen Abständen vorbeiflogen. Ich konnte mir nichts Schöneres vorstellen, als in einem Land zu leben, in dem es überall Süßigkeiten und Reichtum gab. Das Konzept Diabetes und Herzinfarkt gab es in meinem kleinen Gehirn damals noch nicht. Und so saß ich in der Vorweihnachtszeit in unserem Esszimmer auf dem Boden, den Rücken an die Heizung gelehnt und lauschte entzückt und sehnsüchtig diesem Märchen auf einer kratzigen Schallplatte, während meine Mutter am Tisch saß und sich die Nägel lackierte, Frauenzeitschriften las und andere Dinge tat, die eine Hausfrau in den Siebzigern so machte. Damals konnte man das noch. Es war eine schöne und stille Zweisamkeit, geschwängert vom Geruch des Nagellackentferners. Ich mochte die Vorweihnachtszeit in unserem Haus sehr. Das Kaminfeuer im Wohnzimmer prasselte, im Hintergrund spielte hin und wieder leise klassische Musik, abgewechselt von Weihnachtsliedern, die noch kratziger klangen als meine Märchen. Und auch wenn es im Haus nicht immer nach frisch gebackenen Keksen duftete - es wurden kurz vor dem vierten Advent lediglich ein paar Alibi Mürbeteigkekse, Nusshäufchen und Kokosmakronen in den Ofen geschoben - war die Schüssel auf der Anrichte wenigstens immer mit Lebkuchen, Dominosteinen und Marzipankartoffeln gefüllt. Apropos Nusshäufchen und Kokosmakronen. Am meisten faszinierten uns Kinder die Oblaten, auf denen sie pappten. Diese wurden heimlich entwendet und fürs Spiel „Wir feiern die Heilige Messe“ verwendet. Einmal Katholik, immer Katholik. Eine weitere beliebte Tätigkeit in der Vorweihnachtszeit war das Geschenke suchen. Bei uns im Haus gab es den Weihnachtsmann nicht und auch das Christkind wurde (wenigstens von mir) schnell als Betrug entlarvt. Zwei meiner Geschwister und ich hatten die Spurensuche perfektioniert. Wir teilten uns im Haus auf und durchkämmten es wie kleine Geheimagenten. Man konnte die Titelmelodie von „Mission Impossible“ quasi im Hintergrund hören. Natürlich lernten wir übers geschickte Verbergen von vorweihnachtlichen Einkäufen viel und unsere Eltern nichts, und so fanden wir jedes Jahr in den üblichen Verstecken (unten in Mamas Kleiderschrank, im Kabuff im Elternschlafzimmer, im Heizungskeller) schon Wochen vorm Fest unsere Geschenke. Wir waren Weltmeister im „überrascht gucken“ und „lautstark freuen“, als wir unsere Gaben am Heiligabend endlich unter dem Weihnachtsbaum aufmachen durften. Obwohl Materielles mich schon als Kind nie so richtig interessiert hatte. Mir gefiel einfach nur die Atmosphäre. Der riesengroße Baum, der sich bis zu vier Meter der Decke entgegenstreckte. Es war jedes Mal ein Kampf, ihn ins Haus zu bekommen und gerade hinzustellen. Er musste oben immer am Geländer der Empore, die unser Wohnzimmer und das Obergeschoss verband, festgezurrt werden. Unten an den Zweigen waren immer einige paar Lebkuchen festgebunden, die unsere Hunde abknabbern durften. Ich liebte die Kerzen, die das Licht der Wohnzimmerleuchten ersetzten. Der Schein des Kaminfeuers, das in den Wintermonaten täglich zu brennen schien. Selbst das nervige Singen, ohne das wir erst gar nicht unsere Geschenke öffnen durften, machte mir nicht so viel aus. Das gehörte ja alles irgendwie dazu (obwohl ich bei „Oh Du Fröhliche“ auch heute noch leichte Zahnschmerzen bekomme).
Eine Legende besagt, dass ich in einem Jahr, als ich circa vier oder fünf war, alle Geschenke ignoriert hatte und den ganzen Abend nur mit einem Sektkorken spielte. Das war wohl der erste Pflasterstein auf dem Weg zu der Frau, die an keinem Glas Crémant/ Prosecco/ Champagner vorbeigehen kann. Weitere Gerüchte, dass ich meinen Puppen ihren Tee in Deckeln von Schnapsflaschen statt in kleinen Teetassen servierte, erwiesen sich jedoch als unbestätigt. Ich servierte meinen Puppen keinen Tee. In einem anderen Jahr fand ich es spannender, einen Karton, in dem irgendetwas Größeres geliefert wurde, als mein Haus zu reklamieren.
Mit fünf Kindern konnten sich meine Eltern nie wirklich teure Geschenke leisten. So wurden zum Beispiel einmal ein paar Tage vor Weihnachten unsere Puppen gekidnappt und tauchten neu gewandet, die hübschen Kleider von irgendjemanden in der Nachbarschaft gestrickt, unter dem Weihnachtsbaum wieder auf. Aber die Eltern gaben sich wirklich Mühe, uns etwas zu bieten. Als ich sechzehn Jahre alt war, stand am Heiligabend plötzlich ein Mofa vor mir. Ein Mofa! Sowas bekamen bei uns normalerweise zuerst die älteren Geschwister, damit sie testen konnte, ob das überhaupt alles sicher war. Aber hier stand es. Für mich. Ich war vor Freude ganz aus dem Häuschen. Wo die Eltern das versteckt hatten, ich hatte keine Ahnung. Das einzige Manko an dem Geschenk war, dass ich mir kurz zuvor einen Bänderriss zugezogen hatte und mein Bein in Gips steckte. Die erste Spritztour fiel also aus. Dachten sich die Eltern… Ich ließ mich allerdings weder vom Gipsbein noch vom Glatteis, das an dem Abend unsere Nachbarschaft in einen rutschigen Parcours verwandelte, abhalten und schob meine Maschine nach draußen. Ich kam keine fünfzig Meter weit, und schon schlidderte ich, wenig graziös und unsanft, in der instabilen Seitenlage die Straße hinab. „Nichts passiert!“, brüllte ich, rappelte mich auf und bugsierte mein neues Baby (unbeschädigt) und meine Würde (angeknackst) in die Garage. Dort blieb das Mofa dann bis zum Frühjahr stehen. Unglücklicherweise verlangte das Gesetz genau in diesem Frühjahr, dass man fürs Mofa fahren einen Führerschein brauchte. Dieser war für mich bei meinem mageren Taschengeld unerschwinglich, und so verkaufte ich das Teil an ein Nachbarmädchen, ohne jemals richtig darauf gefahren zu sein. Die Eltern dachten sich im Nachhinein sicher: „Hätten wir das doch erstmals bei den älteren Schwestern ausprobiert.“ Und ich? Ich lasse auch heute hin und wieder noch, wenn angebracht, die Bemerkung fallen: „Ja klar hatte ich mit 15 ein Mofa. Du etwa nicht?“
Ich liebe übrigens immer noch das Märchen vom Schlaraffenland. Und hin und wieder höre ich es mir an, um das Kind in mir frohlocken zu lassen.
Rock Göre
Meinen allerersten Liebesbrief schrieb ich, als ich sechs war. Ich füllte eine A5-Seite mit meiner Rechtschreibfehler verseuchten, krakeligen
Erstklässler-Handschrift, steckte den Brief in einen Umschlag, adressierte ihn und legte ihn aufs oberste Regal unseres Wäscheschranks. Und vergaß ihn prompt! So groß kann die Liebe also nicht gewesen sein. Eigentlich sollte diese Erklärung meiner ewigen Zuneigung an die Bay City Rollers gehen, die ich kurz zuvor im Fernsehen gesehen hatte. War’s die ‚Hitparade‘ oder ‚Disco 75 („Hallo Leute!“ - „Hallo Ilja!“ Das Publikum war damals ja so einfach zufriedenzustellen…)? Ich weiß es nicht mehr, aber ab dem Moment verlangte ich von meiner Mutter Jeans mit Schottenkaro-Aufnähern und trällerte tagelang „Bye Bye Baby“ vor mich hin. Meine große Liebe zu den Schotten erlosch so schnell wie sie entflammt war, zumal sie auch Konkurrenz von den Rubettes hatten. Deren Lead Singer Alan war einfach süßer als Les von den Rollers, hatte aber nicht das Schottenkaro. Auch kleine sechsjährige Mädchen werden vor Dilemmas gestellt. Aber egal! Bald darauf entdeckte ich nämlich Smokie, und diese Kuschelrocker, besonders Chris Norman mit seiner Reibeisenstimme, hatten mich in ihren Bann gezogen. Gott sei Dank trugen sie keine Klamotten, die die Nähkünste meiner Mutter herausforderten (und ihre Nähkünste erstreckten sich dahin, dass sie eines Jahres mein Karnevalskostüm an meinem Schlüpfer festnähte. Noch Fragen?). „Lay Back In The Arms Of Someone“ erweckte in mir romantische Gefühle, die eine Achtjährige bestimmt noch nicht hätte haben sollen. What can I say? Ich war ein bisschen frühreif? Chris‘ Reibeisen wurde bald von einem neuen ersetzt: Suzy Quatro. Was für eine Frau! Genau so wollte ich sein. Und so kam es, dass ich mit neun in engen Röhrenjeans, gepaart mit einer kleinen Jeansjacke Rock’n’Roll-esk über den Schulhof stolzierte. Nach außen hin war ich eigentlich fast schmerzhaft schüchtern, aber Suzy weckte etwas in mir. Plötzlich war ich cool. Plötzlich bemerkten mich auch Schüler, die ein oder zwei Jahre älter waren als ich. Von der evangelischen Schule gegenüber. In diesen Tagen war ‚evangelisch‘ das Synonym für den Feind. Wir katholischen Kinder sollten mit denen nicht fraternisieren. Die mussten während der Messe ja noch nicht mal in ihren Bänken sitzen bleiben und durften herumlaufen. Ich war stolz darauf, dass der eine oder andere jetzt grüßte. Ich war ein Rebell in bester Suzy- Manier! „If You Can’t Give Me Love“ und „Can The Can“ wurden die Hymnen eines kleinen dürren kurzhaarigen Mädchens, das Girl Power für sich entdeckt hatte, lange bevor die Spice Girls in den Neunzigern es für sich entdeckten. Suzy blieb ein bisschen länger an meiner Seite und bekam Gesellschaft von Queen. Queen in den Siebzigern war für mich die Offenbarung schlechthin. Schuld daran ist mein Bruder, der die Fähigkeit hatte, durch seine zusammengepressten Lippen und Zähne Brian Mays Gitarrensolos perfekt nachzustellen. Dadurch erlangte er für mich Hero Status. Verdammt, wie machte er das? Das wollte ich auch können. Aber so sehr ich es auch versuchte (und ich saß stundenlang in meinem Zimmer und übte), es wollte mir nie gelingen. Ich konnte mit zwölf Jahren noch nicht mal pfeifen (peinlich genug!). Jedoch nahm ich es weder meinem Bruder noch Queen übel. Die konnten ja nichts dafür, dass weder Lippen noch Zunge gehorchen wollten. Hin und wieder, wenn ich „Killer Queen“ im Radio höre, versuche ich es trotzdem noch. Erfolglos! Queen bleibt für mich (neben Pink Floyd) immer noch die musikalische Liebe meines Lebens.
Im Alter von zwölf oder dreizehn entdeckte ich auf einmal die härtere, weibliche Seite des Rocks. Mein neuer Schwarm war Joan Jett. „I Love Rock’n’Roll“, akribisch auf meinem Kassettenrekorder aufgenommen (man durfte nie nie nie den Radio-Moderator dazwischen quatschen lassen) lief auf Dauerschleife. „Crimson And Clover“ spiegelte meine pubertäre Schwermut. Während die Nachbarskinder draußen durch die Gegend streiften und auf Bäume kletterten, merkte ich unbewusst, dass mich Rockmusik langsam erwachsen machte.
Schallplatten konnte ich mir nie kaufen. Dafür reichte mein Taschengeld von stolzen zwei Mark fuffzig in der Woche nicht aus, und auf dem hauseigenen Plattenspieler lief meistens nur Klassik, wenn's hochkam Neil Diamond. Deswegen musste ich mich auf das Radio verlassen, eingeschlossen in meinem Zimmer am Samstagabend, um die Charts zu hören und aufzunehmen. Jedoch gab mir das immer nur ein oder zwei Hits der Bands und Künstler, die ich in meiner Kindheit mochte. Aber es war genug, um eine lebenslange Liebe zur Rockmusik zu prägen. Und aus der kleinen Göre, die in engen Jeans und Jeansjacke über den Schulhof stolzierte, ist inzwischen selber eine Rockmusikerin geworden. Ich glaub, ich hab mich ganz gut entwickelt. Oder?
Auf Großfahrt
Wenn man mit fünf Kindern eine sechsstündige Fahrt in den Urlaub auf sich nimmt und einige diese Kinder (Schuldig, Euer Ehren!) während dieser sehr langen Fahrt irgendwann auf die Idee kommen, ihre blank gezogenen Popos an die Autoscheiben zu drücken, um die Fahrer hinter ihnen zu ärgern, dann verdienen diese Personen, die mit besagten Kindern in den Urlaub fahren, eine Medaille.
Die Sommer meiner Kindheit verbrachten wir in Dänemark. Genauer gesagt auf der kleinen Insel Fanö, die vor der Küste Esbjergs lag. Die Fahrt dorthin war fast schon so ein großes Abenteuer wie der Urlaub selbst. Die erste Frage, die sich stellte, war, wie wir als siebenköpfige Familie überhaupt dort hinkommen sollten. Unsere Familienkutsche war dafür nämlich zu klein. Selbst die sonntäglichen Fahrten in die Kirche stellten schon ein Problem dar. Meine vier Geschwister wurden auf die Rückbank gequetscht, während ich mich vorne zu den Füßen meiner Mutter zusammenkringelte (Großzügige Vorschläge meinerseits, dass ich doch zu Hause bleiben könnte, damit Papa nicht wegen mindestens fünf verstoßenen Verkehrsregeln bestraft würde, stießen auf taube Ohren.Verdammt!).
Und so verbrachten meine Eltern die Zeit vor den Sommerferien damit, ein passendes Fahrzeug für unseren Urlaub aufzutreiben. Gott sei Dank fanden sich immer wieder Freunde, die uns gerne ihr Auto zur Verfügung stellten. Dann wurde der Rücksitz heruntergeklappt, der entstandene Raum mit Decken und Kissen ausgestattet und so in eine Spielwiese für uns Kinder verwandelt. Damals gab es noch keine Gurtpflicht. Früh am Morgen fuhren wir los und spätestens am Ende unserer Straße erklang schon das erste „Wann sind wir daaa?“. Mein Vater versuchte uns durch Singen abzulenken. Kaum fuhren wir auf die Autobahn, stimmte er schon „Hoch Auf Dem Gelben Wagen“ an und ermutigte uns mitzusingen. Dem folgte „Wir Wollten Mal Auf Großfahrt Gehen“. Und damit war sein Repertoire auch schon erschöpft. Aber wenn man diese beiden Lieder oft genug singt, ist eine Stunde auch schnell um. Und das Nervenkostüm der Erwachsenen merklich dünner. Das erste Highlight unserer Fahrt war die Frühstückspause in einem Gasthaus kurz vor Bremen. Auswärts zu frühstücken war für uns immer ein großer Luxus und wir wurden immer zappeliger, je näher wir der Raststätte kamen. Dort verschlangen wir die frischen Brötchen mit Marmelade, die gekochten Eier und den heißen Kakao so gierig, als wären wir die Strecke zwischen unserer Heimatstadt und Bremen zu Fuß gelaufen. Als alle satt waren, ging es weiter und wir sahen, inzwischen noch überdrehter und leicht hysterisch, dem nächsten Abenteuer unserer Reise entgegen: dem Elbtunnel. Ich konnte es einfach nicht in meinen kleinen Kopf hineinkriegen, dass man zwei Kilometer lang unter der Erdoberfläche und zudem noch unter einem Fluss hindurch fahren konnte. Jedes Mal befürchtete ich, dass der gekachelte Tunnel um uns herum zerbersten könnte und wir in den Fluten der Elbe ertrinken würden. Es bescherte mir jedes Mal ein köstliches Gruseln. Fast war ich schon ein bisschen enttäuscht, wenn wir jedes Mal unversehrt wieder ans Tageslicht kamen. Sobald wir den Großraum Hamburg verlassen hatten, wurde uns fad. Sehr fad! Und genau dieser Zustand inspirierte uns dazu, blank zu ziehen und den anderen Fahrern auf der Autobahn unsere Hintern zu zeigen. Unsere Eltern waren entsetzt, aber auf der Überholspur und mit fünf frechen Rabauken in der Opposition konnten sie wenig tun. Wir freuten uns diebisch. Irgendwann hatten wir dann aber auch unseren Striptease satt und überlegten uns, was wir als Nächstes anstellen könnten. „Ich sehe was, das du nicht siehst“ war ein wenig inspirierendes Spiel, wenn man nur von Feldern, die mit wiederkäuenden Kühen bestückt waren, umgeben war.
„Ich sehe was, das du nicht siehst, und das ist schwarzweiß.“
„Eine Kuh.“
„Okay, du bist dran“
„Ich sehe was, das du nicht siehst, und das ist braunweiß.“
„Eine Kuh.“
„Möööönsch!“
Man kann sich vorstellen, wie es bei uns im Auto zuging. Vor der dänischen Grenze merkte man wie der Nervositätspegel meiner Mutter langsam anstieg. Hatte sie alle Pässe mit dabei? Waren sie auch noch gültig? Bei fünf Kindern kann es ja hin und wieder durchaus mal vorkommen, dass einer abgelaufen war und nicht wieder erneuert wurde. Die Panik war unbegründet. Nachdem die Grenzbeamten uns belustigt gemustert hatten, wurden wir durchgewunken. Wir und das Bier. Von dem nahm mein Vater nämlich jeden Urlaub eine Kiste mit, weil Alkohol in Dänemark sehr teuer war. Lustigerweise gilt Bier in den Zollbestimmungen aber als Babynahrung und konnte so problemlos eingeführt werden. Das Argument, dass wir Kinder eigentlich auch noch sehr gerne Babynahrung zu uns nahmen, zog allerdings bei den Eltern nicht. Während der letzten Etappe vor unserem Ziel wurde es still im Auto. Wir waren müde und dösten vor uns hin. Bis wir in Esbjerg ankamen. Jetzt, ja jetzt kam das Allerbeste unserer Fahrt. Das Übersetzen mit der Fähre. Sobald wir den Wagen auf dem Deck geparkt hatten, kletterten wir aus dem Auto, rannten nach oben und stellten uns an die Reling. Der Wind pfiff uns um die Nasen, während sich das Festland langsam entfernte. Aufgeregt suchten wir den Horizont nach unserer heißgeliebten Insel ab. „Da ist sie. Erster! Ich hab sie als erster entdeckt!“, brüllte nach wenigen Minuten irgendeiner von uns. Die Überfahrt dauerte nicht lange, zwanzig Minuten vielleicht. Aber für uns schien es eine Ewigkeit zu sein, denn wir wollten endlich zu unserem Haus, an den Strand. Das Haus, das wir jeden Sommer bewohnten, war ein Holzbungalow mitten in den Dünen mit dem schönen Namen 'Ricardo'. Ich war immer sehr aufgeregt, wenn wir auf die schmale Schotterstraße abbogen, die uns dorthin führte. Und der erste Blick auf unser Feriendomizil machte mich immer unendlich glücklich. Ich liebte die wilde Natur um uns herum, die Dünen, das Meer, den weiten blauen Himmel über uns, den Wind, den salzigen Geruch. Wir purzelten aus dem Auto, mein Vater schloss die Haustür auf und wir eroberten lautstark unser Reich, indem wir uns um die besten Schlafplätze prügelten. Das erste, was ich machte, nachdem ich mich eingerichtet hatte, war im Wohnzimmer zu stehen, den Holzgeruch des Hauses einzuatmen und zu fragen „Können wir jetzt endlich ans Meer?“ Wir waren da!
Die Talente, die keinen Anfang finden wollten
Ich wollte Ballettunterricht, verdammt nochmal! Heute frage ich mich, warum um alles in der Welt wollte ich Ballettstunden? Ich war keine anmutige Prinzessin im rosafarbenen Chiffon-Tutu, die langen Haare zu einem hübschen Dutt aufgesteckt, sondern ein zehnjähriger, eckiger Tomboy mit Pottschnitt (heutzutage würde man das ‚Pixie Cut‘ nennen, aber es war, was es war: pottig!) und der Anmut eines frisch geborenen Kalbes. Ich kann mir diese Schnapsidee, das Tanzen lernen zu wollen, nur so erklären: Zu dem Zeitpunkt schien es eine sehr gute Idee zu sein. Erstaunlicherweise unterstützten mich meine Eltern in diesem Fall; wahrscheinlich, weil Ballett billiger war als der Reitunterricht, den ich bis dahin für unabdingbar hielt. Also fand ich mich eines Tages in einem Tanzstudio unterm Dach vom Stadttheater ein. Naiverweise ging ich davon aus, dass ich zur Tanzkunst finden würde wie der Fisch zum Wasser. Dabei entging mir vollkommen, dass ich erstens zu alt und zweitens zu groß und unbeholfen war, um in die Fußstapfen der Anna Pawlowa zu treten. Das bewies ich auch schon gleich in der ersten Stunde, als ich dem Mädchen an der Stange hinter mir meinen Fuß in die Nase schlug. Scarlett, so hieß sie, war nicht amüsiert. Im Nachhinein dachte ich mir, dass jemand, der Scarlett heißt und zudem auch noch ziemlich hochnäsig war, die Nase ein bisschen zurechtgerückt bekommen musste. Es erübrigt sich zu sagen, dass ich an der nächsten Stunde nicht wieder teilnahm.
Da meine geplante Karriere an der New York Met nun den Bach runter gegangen war, beschloss ich Tennis- Star zu werden. Das traf sich ganz gut, denn zu dem Zeitpunkt baute man bei uns im Ort gerade einen neuen Tennisclub und natürlich mussten alle Kinder, die was auf sich hielten und Boris Becker und Steffi Graf verehrten, Mitglieder werden. Mit einem ziemlich ausgeleierten Tennisschläger trat ich den Unterricht an und erkannte schnell, dass Tennis spielen jetzt auch nicht so wirklich mein Ding war. Zu schnell, man musste viel zu viel rennen und einen kleinen Ball treffen, ohne dabei die Brille zu verlieren, wobei ich das schon gerne getan hätte. Zu der Zeit waren die Kassengestelle für Kinder sowie für Senioren anscheinend aus dem gleichen beigen Guss. Unser Coach war gleichzeitig auch Sozialkundelehrer an meiner Schule; ein recht energischer und strenger Mann. Wir alle hatten ein bisschen Angst vor ihm, ich allerdings dann umso mehr, als ich ihm während einer Stunde, in der wir den Aufschlag übten, meinen Ball an den Kopf schlug. He was not amused! Man erkennt, dass sich dieser Satz und ein Pfad der Verwüstung wie ein roter Faden durch mein frühes Leben zog. Ich hingegen zog mich aus dem Tennisclub zurück. Danach schleppte mich meine ältere Schwester zum Handball. Offensichtlich war das Team so verzweifelt auf der Suche nach neuen Mitgliedern, dass sie sogar mich aufnehmen wollten. Nachdem ich auf dem Feld, als Verteidigerin vor dem Tor, diesen fiesen kleinen Ball mit aller Wucht in den Magen geworfen bekam, räumte ich dasselbe nach nur wenigen Minuten. Danach legte ich meine sportliche Laufbahn auf Eis.
Der Drang, etwas Neues zu lernen, verließ mich jedoch nicht. Als am Gymnasium, das ich besuchte, wenige Jahre später eine Computer-AG, die einem das Programmieren beibringen sollte, eingerichtet wurde, war ich begeistert dabei. Computer in der Schule waren damals noch etwas ganz exotisch Futuristisches und ich sah mich schon als coolen technisch versierten Nerd, bevor es die überhaupt gab. Meine beste Freundin Andrea schrieb sich auch ein und gespannt setzten wir uns in die erste Reihe. Andrea und ich waren ein sehr explosives Duo, beide mit großer Fantasie ausgestattet und auch mit dem Hang, die Schulkollegen zu beobachten und auszurichten. Wir verbrachten mehr Zeit mit Gackern und Tuscheln und vermochten es weniger, uns auf MS-DOS Befehle zu konzentrieren. Fazit: Wir wurden nach einigen Stunden als
Störenfriede denunziert und gebeten, zu gehen und nicht wieder zu kommen. Der Lehrer war, wie kann es anders sein, not amused. Okay, hatten wir also eine Freistunde. War auch schön.
Lange blieb die allerdings nicht frei, denn zeitgleich gab es auch eine AG, die uns Chinesisch beibringen sollte, im Angebot. Bis dahin war die Auswahl von Fremdsprachen auf Englisch, Französisch und Latein limitiert. Englisch und in meinem Fall Französisch (für Latein hielt ich mich nicht klug genug), waren Pflicht, und deswegen fand ich die Aussicht, freiwillig eine andere Sprache zu lernen, ganz reizvoll. Der Mann, der die AG leitete, war der Vater einer Mitschülerin, ein ganz zauberhafter Mensch, der allerdings unfassbar schüchtern war. Wenn die Asiaten verlegen sind, dann lächeln sie. Und unser Lehrer lächelte lange und oft und vergaß in der ersten Stunde fast, uns seine Sprache beizubringen. Nach den ersten Anlaufschwierigkeiten klappt es dann aber doch, und ich lernte wie man auf Chinesisch „Hallo, mein Name ist Betti.“ sagte. Wie man es schrieb, erfuhr ich nie, denn die Schriftzeichen sind sehr fein und detailliert und schon ein falscher Strich kann einem Wort eine vollkommen neue Bedeutung geben. Das war für mich, die als Kind im Malbuch noch nicht einmal innerhalb der Linien bleiben konnte, ein Problem. Wahrscheinlich hätten meine chinesischen Aufsätze mich wegen Beamtenbeleidigung ins Gefängnis gebracht. Nach dieser Erkenntnis blieb ich dem Unterricht dezent fern und genoss dann doch lieber wieder meine Freistunde.
Eines habe ich nach diesen Erfahrungen allerdings für mein Leben mitgenommen und es zu einem meiner Leitsätze gemacht: Man ist nie fertig! Und in diesem Sinne entdecke ich sicher noch weitere Dinge, die interessant sind, für die mir aber jegliches Talent fehlt. Wer auch immer mich also in seinem Unterricht findet: You won’t be amused!
Lausbubentage
„Halt an! Ich kann nicht mehr!“ Mein Bruder drehte sich zu mir um und feuerte mich an „Los! Komm! Der haut uns sonst windelweich.“ Mit einer drohenden Tracht Prügel hatte ich zum Anfang unseres ersten Urlaubs in der Schweiz als Allerletztes gerechnet. Ich war elf Jahre alt, als ich zum ersten Mal die Alpen sah. Davor kannte ich sie nur aus der Zeichentrickserie „Heidi“ und hatte schon damals vorm Fernseher Sehnsucht nach schneebedeckten Bergen. Jetzt ragten sie majestätisch vor mir empor. Allerdings ragte hinter mir ein sehr zorniger Bergbauer. Kurz nach unserer Ankunft im Wallis machten mein Bruder, der drei Jahre älter ist, und ich uns auf Erkundungstour. Wir kraxelten über steile Wiesen, staunten vor einem Wasserfall und folgten schließlich dem Lauf eines kleinen Bächleins. Und da kamen wir auf die geniale Idee (wir hatten NUR geniale Ideen!), einen Staudamm zu bauen. Ich war begeistert dabei und sammelte schon gleich Steine und kleine Äste, um unser Werk zu bestücken. Bald folgte der kleine Bach nicht mehr seinem Lauf, sondern floss, angehalten durch unseren Damm, links den Berghang hinunter. Stolz standen wir davor und begutachteten unsere Leistung. Bis hinter uns lautes Gebrüll erklang. Ein großer, bärtiger und sehr wütender Mann stürmte auf uns zu. Er schrie etwas in einer uns unverständlichen Sprache, aber wir merken sofort: das verhieß nichts Gutes. Nichts wie weg! Und so nahmen wir unsere Beine in die Hand und rannten und rannten, bis ich müde wurde und nach Atem ringend stehen blieb. Mir war das jetzt egal, ob der böse Bauer mich verprügelte oder nicht, ich konnte nicht mehr. Unser Bauer war auch nicht mehr der Fitteste, merkte ich, als er keuchend vor mir stand und mich im buntesten Schwyzerdütsch ausschimpfte. Als er merkte, dass er eine kleine Touristengöre vor sich hatte, schimpfte er im verständlicheren Hochdeutsch weiter. Anscheinend hätten wir mit unserem Staudamm fast ein kleines Ökosystem zerstört und zudem beinahe auch noch die Straße unterhalb der Wiese überflutet. Gott sei Dank konnte er das verhindern. Ich bin mir sicher, dass er maßlos übertrieben hat, sah aber ein, dass wir in unserer Ignoranz jetzt nicht besonders schlau gehandelt hatten. Nach der Standpauke durften wir gehen. Weder mein Bruder noch ich erwähnten diesen kleinen Zwischenfall, als wir, den Schreck noch in den Gliedern und hysterisch kichernd, zu unserem Chalet zurückkamen.
Dieser Vorfall charakterisiert so ziemlich das Verhältnis, dass ich eine Zeit lang mit meinem Bruder hatte. Als einziger Junge zwischen vier Schwestern war es für ihn nicht leicht, sich zu behaupten und so ernannte er mich quasi zum Ehren-Bruder, der ihm ein bisschen den Rücken stärken sollte. Es half sicher, dass ich selber wie ein kleiner Junge aussah. Wir hatten ja denselben Friseur.
Unsere Köpfe waren oft mit Blödsinn gefüllt. Beide hegten wir eine Vorliebe dafür, Dinge in die Luft zu jagen. So füllten wir zum Beispiel gerne leere Plastikflaschen mit Überbleibseln von Wasch- und Putzmitteln und warfen sie am Wochenende ins Feuer, das mein Vater im Waldstück neben unserem Haus anzündete, um Laub und alte Kartons zu verbrennen. Die große Explosion blieb allerdings immer aus. Und so sahen wir uns um, ob wir nicht andere Wege finden konnten, unsere Lust nach dem lauten ‚Bang!‘ zu befriedigen. Nach Silvester boten sich doch gleich bessere Möglichkeiten. Am Neujahrstag zogen wir miteinander los und sammelten die Blindgänger ein, die am Abend vorher nicht losgegangen waren. Ein paar trockneten wir, zündeten sie noch einmal an, warfen sie durch Gullydeckel und freuten uns johlend über den dumpfen unterirdischen Knall. Bonuspunkte gab es, wenn der Deckel sich ein bisschen hob. Den Rest der Böller schlitzten wir auf und sammelten das darin enthaltene Schwarzpulver in einer kleinen Schachtel. Was damit passieren sollte, wussten wir nicht so genau, aber es würde sicher großartig werden. Die Lunten wurden beiseitegelegt. Wer weiß, wofür man die noch gebrauchen könnte. Während mein Bruder das überlegte, zündete er gedankenverloren eine von denen an und sah fasziniert zu, wie sie langsam in Richtung seiner Fingerkuppe abbrannte. Jaulend ließ er das Ding schließlich fallen. In unsere Schachtel mit Schwarzpulver. Booooom! Als der Rauch im Zimmer sich langsam verzog, sah ich wie sich die Lippen meines Bruders bewegten, hören konnte ich allerdings nichts. Außer einem sehr lauten Fiepen in meinem Ohr. Fiepen im Ohr war gut! Fiepen verdeckte die riesengroße Standpauke, die meine Eltern uns nach unserem Experiment hielten. Danach waren Schwarzpulver, Streichhölzer und Lunten im Hause verbannt. Übrigens sind weder mein Bruder noch ich nach unseren Zündeleien zu Psychopathen mutiert.
Trotzdem steckte in uns immer noch so ein klitzekleines kriminelles Element. Es war eine Phase, okay?
