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Schnee E-Book

Alexander Lange Kielland

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Beschreibung

Die Stellung der Frauen es 19. Jahrhunderts, die eine untergeordnete Rolle einnahmen, war eine völlig andere als heute. Eingefahrene, patriarchale Strukturen aufzubrechen und den Gedanken der Emanzipation zu formulieren war bahnbrechend. Damit gehört "Schnee" von Alexander Lange Kielland zum unbestrittenen Kanon der deutschen Literatur mit anhaltendem und vielfältigem Einfluss auf den lesenden Menschen und die Literaturgeschichte – bis heute. Spannend und unterhaltend, vielschichtig und tiefgründig, informativ und faszinierend sind die E-Books großer Schriftsteller, Philosophen und Autoren der einzigartigen Reihe "Weltliteratur erleben!".

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Veröffentlichungsjahr: 2013

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Alexander Lange Kielland

   Schnee

Roman

1889

Inhaltsverzeichnis
Schnee
Erstes Kapitel.
Zweites Kapitel.
Drittes Kapitel.
Viertes Kapitel.
Fünftes Kapitel.
Sechstes Kapitel.
Siebentes Kapitel.
Achtes Kapitel.
Neuntes Kapitel.
Zehntes Kapitel.

Erstes Kapitel.

Wenn der Schnee nach einem Sturme fällt – dicht, schwer und ebenmäßig – Vertiefungen ausfüllt, Spitzen und scharfe Ecken glättet; da ist es wunderbar, zu denken, es sei dasselbe Wasser, dem die Kraft verliehen ward, zu rauschen und zu springen, wie ein Rauch im Wasserfall zu sprühen und in mutigen Wellen den Weg hinaus zu dem freien, blauen Meer zu finden.

Und draußen – wenn die Sommersonne langsam und spät sich hinter den letzten schimmernden Streifen im äußersten Westen verbirgt, wo sich die pfadlose Bahn des Meeres um die Erde schlingt – dort wird es dir nicht leicht, zu verstehen, die frischen, goldgesäumten Wellen, wo der Fisch spielt und das Leben keimt, sei dasselbe Wasser, welches als schwerer, toter Schnee die Dächer der Häuser drücken, Bäume und Zweige beugen und die Wege vom Menschen zum Menschen versperren kann.

Da wird es ganz still in den großen Wäldern. Jeder Laut wird gedämpft und stirbt hin in der schneeerfüllten Luft, die sich nicht zu rühren vermag – eine schwere, weiche Stille wie in dichten Daunen, und das Glucksen des Baches unter dem Eise kommt in dumpfen Stößen, wie die tiefen Töne einer Spieldose.

Leicht und lautlos wie vorsichtige Gespenster senken sich aber die weißen Flocken herab – groß, wenn sie näher kommen, und immer winziger, je höher hinauf der Blick dringt, bis er von einem niedrigen, graugesprenkelten Himmel getrennt wird, welcher sich über die Bäume daniedersenkt.

Oben im Gebirge, wo der Wind einzelne Flecke reingefegt und das hohe Heidekraut geschüttelt hatte, breitete der Schnee frische Decken aus, deren Falten über die steilen Abhänge hinaushingen und die Hochebene wellenförmig verhüllten.

Aber weiter unten im Thal brach der Wald durch und erhob sich mit Schnee in den Haaren – still und finster, die Felder des Thalbodens umkränzend, wo alles weiß in weiß verschwamm, mit Ausnahme der tückischen schwarzen Stellen im Flusse, die niemals zufrieren.

Alles, was flach und schräg war, erhielt einen Mantel und verlor sich ohne Form. Das ganze Pfarrhaus wurde ebenmäßig zugeschneit bis zu der kleinsten Leiste am Fensterrahmen – selbst oben am Knopf der Fahnenstange stapelten die Schneeflocken sich vorsichtig auf zu einem spitzen Hut.

Der alte Schuppen vor den Fenstern der Wohnstube wurde von oben bis unten verhüllt, so daß niemand sehen konnte, wie baufällig und elend er war.

Der Kirchweg über die Felder verschwand ganz, und der Jasmin an der Laube des Pfarrhauses beugte sich zur Erde.

Alle Wege waren versperrt, und die Angehörigen jedes Hausstandes vereinigten sich in der Ofenecke, um dieselben Gesichter zu sehen und zusammen dem kleinen, kreisförmigen Pfade ihrer eignen weltfernen Gedanken zu folgen. Die kosige, gemütliche Wärme, sowie das Licht des Feuers, welches alles da drinnen gesund und munter machte, ließ sie alle in behaglicher Weise den Gegensatz zwischen ihrem kleinen Winkel und den kalten, öden Strecken, zwischen dem Heimischen und dem Fremden empfinden – eine stille, sichere Selbstzufriedenheit, bescheiden und grau, aber ganz undurchdringlich.

War nun die Lampe erst angesteckt, da war es die Zeitung der Hauptstadt, welche den Wiederhall von dem Lärm der Welt in alle Ofenecken des Landes hineintrug. Und diese Zeitung wußte den passenden Wiederhall zu bringen.

Da waren keine verzehrende Sehnsucht nach Sonne und Schönheit, keine weitschweifigen Gedanken und Zweifel, keine leichtsinnige Bewunderung des falschen Glanzes der großen Welt.

Von den Tiefen der Gesellschaft stieg aber ein Geschrei von Blut und Leidenschaft herauf; da waren Verderbnis und Verbrechen – bis zu den schmutzigsten und unnatürlichsten, die ein gesundes Denken kaum aufzufassen vermochte: da war Fäulnis auf dem Grunde, und diese stieg und stieg, bis sie an den Stufen des Thrones still hielt – dort, wo es noch Throne gab, aber überall sonst und unterhalb wälzten sich die Völker im Blute und Schmutze der losgelassenen Leidenschaften.

So war die Zeitung der Hauptstadt.

Und wenn diese doch dalag innerhalb des frommen Scheines der Lampe auf dem Familientisch in allen gemütlichen Ofenwinkeln des Landes, und wenn sich jede Hand danach ausstreckte – sowohl die des Hausvaters und der Männer, wie die blassen Finger des halberwachsenen Mädchens, da war der Grund hierzu der: dieser ganze widerwärtige Stoff wurde von dem echt christlichen Geiste durchdrungen, welcher die Mitarbeiter beseelte und den eigentlichen Kern und das Lebensprinzip des Blattes bildete.

Daher stieg der Gedanke getrost und ohne zurückzubeben in die schwärzeste Tiefe der Verderbnis und der Bosheit hinab: die Angst vor diesen Greueln wurde ja von der christlichen Vertröstung beschwichtigt, daß alles so fern sei; Gottes kleine Schar konnte die Welt lärmen lassen; die Wächter standen auf den Mauern; der Herr selbst wachte mit den Wächtern.

Und wenn ein Gedanke, ermüdet, dem gemächlichen Kreislauf des Tages zu folgen: um sich selbst, um sich selbst herum und zu sich selbst zurück – es tastend versuchte, sich in Sehnsucht nach andern Gedanken oder in qualvoller Teilnahme für die Leiden und Kämpfe der Millionen dort in der Ferne vorwärts zu wagen, da erhob die Zeitung der Hauptstadt sich in vollem Ornat und sagte: »Viele sind berufen, doch wenige auserwählt.«

Und gegen zehn Uhr, wenn weder die Revolver Amerikas noch die verdorbenen Sitten der Pariser es vermochten, sie wach zu halten, dann dankten sie Gott aus einem aufrichtigen Herzen, weil sie davor bewahrt waren, draußen bei den schlechten Menschen zu leben, und zu den Auserwählten des glücklichen Landes mit den gemütlichen Ofenwinkeln gehörten.

Indessen fiel der Schnee dicht in der Finsternis während der langen Winternacht und Licht nach Licht erlosch in der schläfrigen, toten Kälte. Die letzten Fenster im Thal, welche quer über den Fluß zu einander hinüberleuchteten, waren die des Pfarrers und des Vogts – und da saß man noch auf – las, dachte und wachte für die andern.

Des Morgens aber arbeiteten die Bauern mit dem Schneepfluge, um den Weg für die Post fahrbar zu machen – sie mußte jedenfalls freie Bahn haben – obgleich sie leider sowohl Gutes wie Schlechtes in die Thäler hineinbrachte. Die Zeitung der Hauptstadt mußte die Gesellschaft von allerlei Giftstoff dulden, der in das Land hineinsickerte.

Böse Zeiten und böse Menschen; Unruhe in den Gemütern und Aufruhr gegen Gott; die verderblichen Gedanken von der verdorbenen Welt da draußen – sie kamen – sie kamen, wie eine Seuche durch die Luft.

Aber noch herrschte Friede in den Thälern, in denen es still wie in einer Kirche herging; und lange hatte der Friede gedauert.

Halb erstickt unter dem Schnee lagen die Häuser der Bauern – schwer und niedrig, mutlos und einander gleich mit kleinen vorsichtigen Fenstern, die das Ihrige bewahrten und sich anstellten, als sähen sie nichts. Zwischen den Gehöften schlängelten sich enge Pfade, uneben und steil, mit großen tiefen Löchern im Sommer, verschneit im Winter, so daß man es vorzog, querfeldein zu fahren.

Das Pfarrhaus lag licht und freimütig an der Poststraße mit seiner Laube und seiner Fahnenstange. Inmitten des Hofes erhob sich das hohe Reck, wo sich die Jugend im Sommer schaukelte, während die Balancierstange halb im Schnee begraben war. In dem weitläufigen Gebäude lächelten zwei Reihen großer Fenster mit Blumen und Gardinen.

An der Einfahrt entlang war der Schnee zur Seite geschafft und erhob sich nun noch höher zwischen den Stämmen der jungen Tannen, die eine Hecke bildeten.

Inmitten des Thales, dort wo der Fluß eine Krümmung machte, lag die Kirche, von den Feldern des Pfarrers umgeben. Ohne Turm, weißgetüncht, einfältig und unansehnlich, aber stark mit dicken Mauern stand sie da, verschwiegen und verschlossen: und niemand rührte an die Thür, wenn der Pfarrer nicht den Küster mit dem Schlüssel sandte. Doch die Leute ringsum in den Thälern und drüben an den Halden und Abhängen der Berge – sie wußten, heute sei Gottes Haus offen, und der Diener des Herrn lasse alle herein.

Alle die Bekümmerten und Bedrängten, die in sich selbst vergraben saßen – in Zweifel oder Kümmernis, in hoffnungsloser Langeweile oder mit halbgezähmten Lüsten auf schreckliche Unthaten sinnend, verschüchterte Mädchen in der Versuchung der Jugend und alte Sünder mit der Reue im Halse – an sie alle erging der Ruf: »Kommet her, alle, die ihr mühselig und beladen seid, heute ist Sonntagspredigt.«

Und sie krochen hervor in der Morgendämmerung, schnallten Schneeschuhe an oder spannten das langhaarige Pferd vor den Schlitten; und auf dem Wege sann jeder darüber nach, was er mit Gott abzumachen wünschte.

In der Kirche saßen sie still und warteten – die Männer auf der einen, die Frauen auf der andern Seite; und sie hörten die kräftige Stimme über sich, welche in der feingebildeten Sprache redete.

Der Pfarrer legte die heilige Schrift aus mit Ernst und ohne schwierige Gelehrsamkeit. Aber klar und deutlich zeugte er gegen die bösen Zeiten, gegen Aufruhr und Trotz im großen wie im kleinen, gegen die falschen Propheten, welche die Herzen der Völker dem Herrn abspenstig machen.

Mit den Worten der Schrift züchtigte er die Selbstklugen und Widersetzlichen: er predigte Gehorsam unter der Zucht und dem Gesetz des Herrn, unter der vom Herrn eingesetzten gesetzlichen Obrigkeit; er schilderte die christliche Demut, welche sich selbst erniedrigt; den geduldigen Christen, der sich nicht sorgt.

Es war Gottes Wort rein und klar; das wahre, unverfälschte Christentum, ganz wie in der Zeitung der Hauptstadt.

Und die Leute traten den Heimweg an – bedrückt und so seltsam leer in den Augen, als ob ein jeder bei sich sagte: »Das nächste Mal wird er zu mir reden – das nächste Mal.«

An dem schneebedeckten Lande entlang wälzte aber das Meer seine kalten winterlichen Wellen in Erwartung des Frühjahrs, welches all jenen toten Schnee als mutige blaue Strömungen in die See schicken würde, während es die Thäler mit dem Duft des frischen Laubes und Vogelgezwitscher erfüllte und die stickigen Ofenwinkel auslüftete.

Und während des Harrens erhoben die ungeduldigen Brandungen ein Getöse, welches immer und immer zwischen den ersten Gebirgen wiederhallte, bis es langsam in der unendlichen Stille der Schneefelder erstarb.

Es gibt aber einen Laut, den das Ohr atemlos lauschend auffängt – ein lustiges helles Läuten von klingenden Schellen weit fort im Walde.

Wenn die Kunde aus der Küche erschallt, man habe Schellengeläute gehört, eilen alle hinaus – die Jungen zuerst, die Alten hinterher. Dicht zusammengedrängt stehen sie in der offnen Thür, ohne auf den Schnee und die elf Grad Kälte zu achten, mit klopfenden Herzen, ein zurückgedrängtes Lächeln auf den Lippen – horch, horch – still! Hast du es gehört?

Indessen traben müde Pferde, die von dem herabfallenden Schnee dampfen, dorthin nach den gemütlichen Ofenwinkeln ringsum in den Thälern, und aus den Pelzkragen spähen sehnsüchtige Augen nach einer Lichtung im Walde, nach den bekannten Fenstern mit den roten Gardinen. Und das feine Glockenspiel, die große Schelle, die vielen kleinen Messingglöckchen bis zu dem bescheidenen Schellengeschirr des Postpferdes – sie klingen und klingen, soweit sie können, reizen, täuschen, flüstern und schmeicheln den kleinen rosigen Ohren, welche in den Thüren lauschen.

Und aus den gemütlichen Winkeln fällt der gelbe Lichtschein hinaus in den Schnee, ehe sie sich sicher und warm hinter den neuen Ankömmlingen schließen. Draußen fällt der Schnee dicht wie zuvor, und das Postpferd schleicht sich heimwärts in der Dunkelheit. Der kleine Postillon schläft im Schlitten und die Schelle hat keinen Klang mehr, weil niemand jetzt darauf achtet.

Dann beginnt ein Gerede – die Angekommenen haben so viel zu berichten, es ist wie ein Strom von Erzählungen, in dem sich die Fragen überstürzen – ein Wirbel im Ofenwinkel, welcher die Stube mit Gelächter und Gespräch bis nach Mitternacht erfüllt.

Sowohl die Ankömmlinge wie die, welche sie erwarteten, glichen zurückgestauten Gewässern, die beim Wiedersehen ihre Dämme durchbrachen, und von einer ansteckenden Lust beseelt, Bescheid zu erhalten und Bescheid zu geben, eröffnen sich die Gemüter zu einer ungeahnten Vertraulichkeit, und ein Mut, ein Gefühl von Ueberlegenheit führt die Angekommenen weit hinaus in kühne Gedanken, so daß die, welche in den gemütlichen Ofenwinkeln zu Hause sind, einander mit weit offnen Augen ansehen.

Dies läßt aber bald nach.

Die unbändige Lebhaftigkeit des ersten Abends wird nach und nach wieder eingedämmt, je nachdem jeder seine Ereignisse erzählt und die der andern gehört hat; und allmählich bringt es das Zusammenleben am Tage mit sich, daß die Gedanken aller des Abends wieder den alten Kreislauf antreten, während sie das besprechen, was sie in der Zeitung der Hauptstadt gelesen haben.

Und zuletzt bleibt nicht viel zurück von dem wilden Mut des ersten Abends. Die kühnen Gedanken, welche durch die größeren Entfernungen der ersten Begegnung wehten, werden ein wenig hier und da beschnitten und nehmen kürzere Flügelschläge, je nachdem man einander näher kommt.

Und sollte noch etwas von dem jungen Uebermut übrig bleiben, so wird es glimpflich in die Zeitung der Hauptstadt untergeduckt, und da bleibt es. Kommt es aber doch wieder zum Vorschein, so muß es aus dem Kreise hinaus, hinaus aus dem Ofenwinkel.

Es gibt kein Mittelding: entweder draußen oder drinnen.

Entweder gemütlich und warm in einem Kreise, oder einsam über die weiten Strecken schweifen, entweder sicher und geschützt mit den andern den Kreislauf um sich selbst vollbringen, oder seinen eignen Weg im Schnee gehen.

Zweites Kapitel.

Der alte baufällige Schuppen lag gerade vor den Fenstern der Wohnstube und des Arbeitszimmers, und die Einfahrt bog dicht um seine schiefe Ecke. Er stand eben allen im Wege, drängte sich stets dem Blicke auf und war von wenig oder gar keinem Nutzen. Der Pächter setzte lieber Heu und Korn in Schober, als daß er es dem alten Gebäude anvertraute, und er konnte den Pfarrer nicht zu einer Reparatur bewegen.

Es verging kaum ein Tag, wo Daniel Jürges nicht den Blick zur Seite wandte, um die Gedanken zu verscheuchen, welche das alte Haus in ihm erweckte. Und selbst wenn es mit der Zeit seltener geschah, daß er sich all den Aerger zurückrief, den ihm das Gebäude bereitet hatte, so stand es doch immer da gerade vor ihm, und selbst, wenn er es nicht sah, kam es ihm nie ganz aus dem Sinn; war er nicht wohl oder verstimmt, so saß er am Fenster und starrte zu ihm hinüber.

Als er vor zehn Jahren hierher berufen wurde, erschien ihm das breite Thal mit den wogenden Aeckern und großen Wäldern wie ein fruchtbares Kanaan verglichen mit der Gegend, die er eben verlassen hatte. Dort oben war alles so kalt und so eng, hier konnte der Sinn sich erweitern, das Auge sich an Sonnenschein und schlankem Wachstum erfreuen nach all jener Verkrüppelung im fernen Norden.

Das erste, was aber sein Auge beleidigte, als er froh und eifrig aus dem Wagen sprang, um von seinem neuen Heim Besitz zu ergreifen, war das alte Gebäude, krumm und vernachlässigt, aber doch trotzig in aller seiner Gebrechlichkeit.

Pastor Jürges konnte nicht begreifen, wie sein Vorgänger ein solches Gerümpel ohne Reparatur gelassen habe: seine erste Frage bei einer Zusammenkunft mit den besten Männern der Gemeinde war auch die, wie es nur möglich sei, daß man ein Gebäude des Pfarrhauses in solcher Verfassung belassen konnte.

Ja, es war zu arg mit dem Schuppen – meinte einer, er hatte so oft gesagt, hier müsse man Hand anlegen; schon lange hätte es geschehen sollen, warf ein zweiter dazwischen; ein dritter hatte sich schon oft gewundert, daß er nicht von selbst zusammenstürzte.

Der Pfarrer wollte aber gern wissen, wem es eigentlich oblag, die Gebäude des Pfarrhauses zu reparieren.

Einer der Aeltesten hub an zu berichten, wie es mit diesen Dingen zur Jugendzeit seines Vaters bestellt gewesen sei; ein andrer erzählte, was er von seiner Muhme gehört hatte, deren Mutter im Pfarrhaus diente, als der Propst Bosse da war – derselbe, den sie den »Stampf-Gunnar« nannten und der am Weihnachtstage von der Kanzel herunterstürzte – dies war aber dem neuen Pfarrer zu langwierig.

Er scheute keineswegs geringe Kosten; sie konnten sich ja beistehen – Pfarrer und Gemeinde – in aller Eintracht – nicht wahr? Er – der Pfarrer – würde schon die Bäume fällen lassen, dann könnte die Gemeinde die Fuhren stellen; war dies nicht Landessitte seit alters her? Sie würden schon einig werden.

Pastor Jürges nickte und sah sich im Kreise um von einem zum andern.

Keiner sagte ja oder nein; sie fanden allerdings, daß es sehr schnell ging. Kaum war man aber nach dem Umzug ein wenig in Ordnung gekommen, so sandte der Pfarrer seine Kätner – ja er ging selbst mit in den Wald und ließ mit Lust und Liebe Holz schlagen, was sich gerade für seinen Zweck am besten eignete.

Wahrend sie in voller Thätigkeit waren, kamen zwei Männer dahergegangen. Der Pfarrer kannte sie und ging ihnen herzlich und frohen Mutes entgegen. Es war ihm etwas Ungewohntes, diese Menge Bäume zur Auswahl zu haben. Der Wald gehörte zum Pfarrhaus oder zum Kirchspiel, die Gerechtsame waren mannigfaltig und verwickelt: die Grenzscheiden weitläufig und unbestimmt – er hat allerlei Dokumente darüber durchstudiert; unmöglich konnte man aber das alles behalten. Der Wald war öffentliches Eigentum, Bäume genug standen da – dies war die Hauptsache.

»Schaut her, meine Freunde!« rief Pastor Jürges und streckte den beiden Männern die Hände entgegen; »jetzt soll der alte baufällige Kasten schon ein andres Aussehen bekommen! Seht nur, was für wundervolle Bäume ich mir ausgesucht habe.«

Die Bauern sagten erst »Guten Tag«, »Gott segne die Arbeit«, »Schönes Wetter« und manches andre – das war nun ihre Art, ein Gespräch zu beginnen, und sie ließen sich durch die schnelle Redeweise nicht beeinflussen. Pastor Jürges, der die Bauern gründlich kannte, achtete nicht viel auf ihr Gemurmel, sondern fuhr fort von seinen Balken zu reden.

Indessen sollten seine Leute einen neuen Baum in Angriff nehmen: sie zauderten aber, machten sich mit den Aexten zu schaffen und schienen auf etwas zu warten.

»Nun,« rief der Pfarrer, »frisch an die Arbeit – ihr Leute! Nehmet jene Tanne dort am Felsblock, die ich euch vorhin zeigte – nicht wahr? – Ein prächtiger Baum – von passender Größe!«

O ja, daran fehlte es nicht: der Baum war gut genug. Es gab sonst – meinte der eine der beiden Männer – einen Platz weiter östlich im Walde, wo die Pfarrersleute zu hauen pflegten; wenn nun der Herr Pastor – eh – mitgehen wollte, so würden sie ihm zeigen –. O keineswegs! Sie sollten sich wahrlich seinetwegen nicht bemühen; er würde schon das finden, was er brauchte. Und je näher dem Pfarrhause, je leichter für die Gemeinde, welche die Fuhren stellen sollte; Bäume gab es ja – Gott sei Dank – genug.

»Ja, das war ein wahres Wort, Bäume gibt es hier genug,« sagte der eine, und kurz darauf sagte der andre dasselbe.