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Ein Neuanfang in Colorado, eine Liebe voller Hoffnung und ein Weihnachtsfest, das alles verändert
Auf der Suche nach einem Neubeginn reist Lynn kurz vor Weihnachten in die verschneite Kleinstadt Starwood. Sie freut sich darauf, in dem kleinen Laden ihrer Tante auszuhelfen, und hofft, den Schmerz ihrer Vergangenheit hinter sich zu lassen.
Als sie einen Weihnachtsbaum fürs bevorstehende Fest aussuchen möchte, trifft sie auf Miles. Er verkauft nicht nur die schönsten Tannenbäume, sondern lässt auch Lynns Herz höherschlagen.
In den nächsten Tagen sucht Miles immer wieder Lynns Nähe. Er spürt ihre Verletzungen und weiß nur zu gut, wie sich das anfühlt. Doch gerade als Lynn beginnt, wieder an die Liebe zu glauben, droht ein unerwarteter Besuch, ihr neu gewonnenes Glück zu zerstören.
Ein herzerwärmender Roman über Liebe, Hoffnung und den Zauber der Weihnachtszeit.
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Seitenzahl: 358
Veröffentlichungsjahr: 2025
Cover
Grußwort des Verlags
Über dieses Buch
Titel
Playlist
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Kapitel 37
Kapitel 38
Danksagung
Über die Autorin
Impressum
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Auf der Suche nach einem Neubeginn reist Lynn kurz vor Weihnachten nach Colorado in die verschneite Kleinstadt Starwood. Sie freut sich darauf, in dem kleinen Laden ihrer Tante auszuhelfen und hofft, den Schmerz ihrer Vergangenheit hinter sich zu lassen.
Als sie einen Weihnachtsbaum fürs bevorstehende Fest aussuchen möchte, trifft sie Miles. Er verkauft nicht nur die schönsten Tannenbäume, sondern lässt auch mit seiner charmanten Art Lynns Herz höherschlagen.
Nach und nach zeigt Miles ihr die Magie von Colorado im Winter und es dauert nicht lange, bis sie sich näherkommen.
Doch gerade als Lynn beginnt, wieder an die Liebe zu glauben, droht ein unerwarteter Besuch ihr neu gewonnenes Glück zu zerstören.
Veronika Weiß
Schneeflockenfunkeln
Christmas Tree Farm – Taylor Swift
Driving Home for Christmas – Chris Rea
‘tis the damn season – Taylor Swift
ivy – Taylor Swift
Last Christmas – Wham!
All I Want for Christmas Is You – Mariah Carey
Love Story (Taylor’s Version) – Taylor Swift
Picture To Burn – Taylor Swift
A Place in this World – Taylor Swift
Merry Christmas Everyone – Shakin’ Stevens
I’ll Be Your Santa Tonight – Keith Urban
Night Changes – One Direction
cardigan – Taylor Swift
Enchanted (Taylor’s Version) – Taylor Swift
Wonderful Dream – Melanie Thornton
Lover – Taylor Swift
Underneath the Tree – Kelly Clarkson
Christmas In The Country – Thomas Rhett
invisible string – Taylor Swift
»Du hast was gemacht?« Die schrille Stimme meiner Mutter drang durchs Handy an mein Ohr.
»Ich habe meinen Job gekündigt«, wiederholte ich.
»Das ist nicht dein Ernst.«
»Doch.«
»Lynn!« Mom stieß einen frustrierten Laut aus.
»Du weißt doch, was in der Arbeit alles vorgefallen ist.« Ich rieb mir über die Wange und bemühte mich, all die aufsteigenden Erinnerungen zu verdrängen. Es hatte viel zu lange gedauert, bis ich mich dazu durchgerungen hatte zu kündigen. Ich hätte das schon viel früher machen sollen. Bei dem Gedanken an ihn verkrampfte sich augenblicklich mein Magen.
»Ja, aber warum musste das denn jetzt so kurz vor Weihnachten sein? Damit verdirbst du uns das ganze Fest.«
Ich sah förmlich vor mir, wie Mom die Fingerspitzen gegen ihre Schläfen legte und dramatisch seufzte.
»Wieso denn verderben? Ihr habt Weihnachten doch noch nie gern gefeiert.« Ich betrachtete die weichen Sonnenstrahlen, die durch die Fensterscheibe in mein Schlafzimmer fielen. Wenn man sich das so anschaute, erahnte man nicht, wie kalt die Dezemberluft draußen wirklich war.
»Und wo willst du jetzt arbeiten?«
Ich schwieg einen Moment, während ich meine folgenden Worte sorgfältig wählte. Wenn Mom erfuhr, was ich geplant hatte, ging sie sicher noch mehr an die Decke.
»Ich möchte die kommenden Wochen bei Tante Rebecca in Starwood verbringen.« Ich biss mir auf die Lippe.
Am anderen Ende der Leitung war es still.
Einige Sekunden vergingen.
»Starwood.« Mom zog das Wort in die Länge, als schmeckte es nach zähem Kaugummi.
Es war kein Geheimnis, dass Moms Schwester und ich uns näherstanden als meine Mutter und ich. Während sie auf meine Leistung und meinen Arbeitswillen Wert legte, hatte Rebecca schon immer meine Persönlichkeit gesehen – und das, was ich wirklich wollte. Auch wenn ich sie nicht so oft traf, da meine Heimat Seattle doch ein gutes Stück von Starwood in Colorado entfernt lag.
»Was willst du denn in diesem Kaff?« Mom klang so abfällig, dass ich unwillkürlich die Zähne zusammenbiss.
»Ich möchte mir dort eine Auszeit nehmen und Rebecca in ihrem Geschäft helfen.«
»Für wie lange denn?«
»Wahrscheinlich bis Silvester.«
»Und Rebecca ist damit einverstanden, dass du dich einfach so bei ihr einlädst?«
Moms missbilligender Ton fuhr mir kalt in die Glieder.
»Rebecca weiß, was ich in der Firma alles erlebt habe, und nimmt mich gern auf. Du kennst mich doch, Mom. Ich bin niemand, der sich anderen aufdrängt.«
»Hm.« Mom gab ein undefinierbares Brummen von sich.
»Ich brauche einfach eine kleine Auszeit«, sagte ich.
»Aber wozu hast du denn dann dein anspruchsvolles Studium und die vielen Praktika gemacht, wenn du jeden Job so leichtfertig hinwirfst?«
»Leichtfertig? Jeden? Ich hab dir doch erzählt, wie schlimm die Arbeit dort für mich war! Mein Wohlergehen ist mir wichtiger als irgendwelche finanziellen Vorteile. Ich werde schon wieder eine Arbeit finden, mach dir keine Sorgen. Außerdem bin ich erst Anfang zwanzig, da darf man sich neu orientieren.« Es kostete mich alle Mühe, ruhig zu bleiben. Mom schaffte es immer wieder, mit ihren Worten ganz bestimmte Knöpfe in mir zu drücken, die mich beinahe explodieren ließen.
Sie seufzte leise. »Ich muss wohl mehr darauf vertrauen, dass du dein Leben im Griff hast und weißt, was du tust.«
»Das habe ich. Ich halte dich auf dem Laufenden, okay?«
»Alles klar.« Ich hörte, wie Moms Stimme etwas weicher wurde. »Wann fliegst du denn?«
»Morgen.«
»Ruf mich an, wenn du angekommen bist.«
»Mach ich.«
Nachdem wir uns verabschiedet hatten, drückte ich das Handy gegen meine Brust. Unter der Hand spürte ich das Vibrieren meines Herzschlags. Mir war klar gewesen, dass Mom meine Kündigung nicht gut aufnehmen würde. Und trotzdem hatte ich insgeheim gehofft, dass sie Verständnis dafür aufbringen könnte. Rebecca und sie waren grundverschieden, und ich hatte den Eindruck, als befürchtete Mom, dass ich so werden würde wie ihre Schwester.
Rebecca, die ihr Studium abgebrochen hatte, um mit einem Typen zurück in ihre Heimat Starwood zu ziehen.
Rebecca, die kurze Zeit später von genau diesem Mann verlassen worden war, weil er mit einer anderen Frau nach Kanada zog.
Meine Tante besaß einen süßen kleinen Laden in Starwood, der laut Mom nur »Ramschartikel« verkaufte. Es war ein Ort, den Mom in ihren teuren Markenklamotten niemals freiwillig betreten hätte.
Seufzend strich ich über meine Bettdecke und stand auf. Trotz all der Umstände, die meine Laune in letzter Zeit ziemlich gedämpft hatten, freute ich mich auf morgen. Es war schon viel zu lange her, seit ich Rebecca das letzte Mal in Starwood besucht hatte. Die Weihnachtszeit mitten in den Bergen würde sicher magisch werden.
»Lynn!«
Das breite Lächeln meiner Tante strahlte mir entgegen, als ich quer durch die Ankunftshalle auf sie zulief. Es war ein Wunder, dass es in Starwood überhaupt einen Flughafen gab, und er war natürlich genauso klein, wie man ihn sich in einem Städtchen mitten in Colorado vorstellte. Es gab lediglich eine einzige Landebahn, und meistens kamen hier nur Billigflieger zu den unmöglichsten Uhrzeiten an. Ich hatte den besten Flug erwischt, der zwar spätabends, aber wenigstens nicht mitten in der Nacht eingetroffen war.
»Rebecca, ich freue mich so.«
Ich ließ meinen Koffer los und streckte die Arme aus.
Rebeccas rotbraune Haare saßen in einem unordentlichen Dutt auf ihrem Kopf, und ein paar Strähnen umspielten ihr Gesicht, was Mom sicher mit einem kritischen Blick beäugt hätte. Ich jedoch liebte diesen natürlichen, charmanten Look.
Meine Tante zog mich in eine warme Umarmung. Sofort stieg mir ihr vertrauter Duft in die Nase. Kein teures Parfüm. Sie duftete einfach unverfälscht nach sich selbst und ihrem Apfelshampoo.
»Ich hab dich so sehr vermisst, meine Kleine.«
Rebecca wiegte mich in ihren Armen hin und her. Ich schloss die Augen und presste mein Gesicht in ihre Halskuhle.
»Und ich dich erst«, murmelte ich, während mich ihre vertraute Wärme umfing. Es war, als würde ein Stück Ballast abfallen, den ich aus Seattle mitgebracht hatte. Rebecca hatte schon immer diese besondere Wirkung auf mich gehabt. In ihrer Gegenwart ging es mir sofort besser.
»War der Flug sehr turbulent?« Rebecca schob mich ein Stück von sich und betrachtete mich liebevoll.
Um ihre braunen Augen entdeckte ich ein paar Fältchen mehr als bei meinem letzten Besuch. Sie hatte dieses Jahr ihren vierzigsten Geburtstag gefeiert.
»Sei froh, dass du nicht dabei warst.« Ich zog eine Grimasse. »Wir hatten einige Turbulenzen, das wäre für deine Flugangst nichts gewesen.«
»O Gott, das klingt übel.« Rebecca lachte. »Gut, dass du jetzt wieder festen Boden unter den Füßen hast.« Sie rieb über meinen Oberarm und griff nach meinem Koffer. »Hast du genug warme Sachen eingepackt? Der Dezember zeigt sich von seiner frostigen Seite.«
»Ich hoffe es.«
Gemeinsam traten wir aus der Flughafenhalle nach draußen an die frische Luft. Dunkelheit und Kälte schlugen mir entgegen. Sofort begann ich, unter meiner Winterjacke zu frösteln.
»Seit gestern Abend ist hier bei uns alles weiß.« Rebecca rollte meinen Koffer geräuschvoll hinter sich her. Ich schlang meine Arme um mich und lief über den finsteren Parkplatz zu ihrem Auto. Ich spürte mit jedem Schritt, wie meine Stiefel in dem weichen Schnee einsanken. Ich konnte es kaum erwarten, morgen die glitzernde Landschaft bei Tageslicht zu sehen.
»Ein paar Laternen hätten sie mittlerweile echt mal aufstellen können«, sagte ich und bemühte mich, die Umrisse der Gebäude um mich herum zu erkennen.
Rebecca schnaubte belustigt. »Larry kümmert sich derzeit nur um sein Dackelmuseum.«
Schmunzelnd blieb ich neben ihrem Auto stehen. »Dackelmuseum? Ich frage mich manchmal echt, was im Kopf eures Bürgermeisters vor sich geht.«
»Das fragt sich ganz Starwood, glaub mir.« Rebecca öffnete den Kofferraum, und gemeinsam hievten wir mein Gepäck hinein.
Als wir wenig später im warmen Auto saßen und die Heizung voll aufdrehten, ließ das Zittern meines Körpers nach. Ich schnallte mich an und wandte mich an meine Tante.
»Danke, Rebecca.« Ich sah, wie ihr Gesicht bei meinen Worten im gelblichen Licht des Autos weich wurde.
»Das ist doch klar.« Sie griff über die Mittelkonsole hinweg nach meiner Hand und drückte sie kurz. »Ich muss zugeben, dass ich auch nicht ganz uneigennützig zugestimmt habe, als du gefragt hast, ob du kommen kannst.«
Sie startete den Motor und fuhr los, während langsam das Innenlicht des Autos erlosch. Das Radio sprang an, und ein Weihnachtssong dudelte leise aus den Boxen.
»Ja?« Ich lächelte leicht.
»Erstens«, sie hob einen Zeigefinger, bevor sie den Wagen aus dem Parkplatz auf die Straße lenkte, »lebe ich, wie du weißt, allein und freue mich sehr über Gesellschaft. Zweitens bist du meine absolute Lieblingsnichte. Und drittens brauche ich jetzt zur Vorweihnachtszeit dringend jemanden, der in meinem Laden aushilft.«
»Aha, deshalb warst du so überglücklich am Telefon. Ich komme dir also gerade recht, was?« Grinsend stieß ich gegen ihren Oberschenkel.
»Klar, was denkst du denn? Du bist eine billige Hilfskraft für mich. Was auch sonst?«
Ein entgegenkommendes Auto warf seine Scheinwerfer für einen kurzen Moment auf Rebeccas Gesicht, und ich entdeckte ihr Augenzwinkern.
»Nein, jetzt mal im Ernst. Ich bin wirklich froh, dass du da bist. So sehr die Leute hier für mich auch wie eine Familie sind, so sehr erschlägt mich manchmal die Stille in meinem Haus. Und du weißt, dass meine Türen jederzeit für dich offen stehen. Vor allem, wenn du eine Auszeit brauchst, so wie jetzt.«
Ein Kloß wuchs in meinem Hals heran. Ich heftete meinen Blick auf die dunkle, verschneite Straße vor uns. »Das weiß ich sehr zu schätzen, Rebecca.« Meine Stimme klang belegt.
Ich spürte ihren liebevollen Blick auf mir und fragte mich mal wieder, weshalb Mom nicht genauso reagieren konnte wie ihre Schwester. Rebecca hatte mir schon immer vermittelt, dass ich genau so richtig war, wie ich war. Sie teilte meine Sorgen, fühlte mit mir und gab mir zu verstehen, dass es in Ordnung war, auf sein Bauchgefühl zu hören. Mom dagegen hatte immer von mir verlangt, dass ich unnachgiebig war und meine Intuition ignorierte. Wenn meine Mutter mir nicht ständig eingeredet hätte, wie wertvoll mein Job bei Tremblay & Friends doch sei, hätte ich sicher schon viel früher gekündigt. Die Arbeit dort und insbesondere er waren ...
Ich schaffte es nicht mal, den Gedanken zu Ende zu bringen, weil mich sofort ein beklemmendes Gefühl ergriff. Nein, das musste aufhören. Ich war jetzt in Starwood. Weit weg von meiner Heimat und von dem Ballast, den ich nicht in die idyllische Kleinstadt zerren wollte. Besagter Mann hatte in den nächsten Wochen nichts mehr in meinem Kopf zu suchen.
Rebecca schien zu spüren, dass sich mein ganzer Körper versteift hatte, denn sie drehte die Lautstärke des Radios ein wenig lauter. »Schau mal, ein Song von Taylor Swift. Wenn das mal kein Zeichen ist, dass es eine gute Idee von dir war, nach Starwood zu kommen.« Sie zwinkerte mir zu.
Als die vertraute Stimme meiner Lieblingssängerin aus den Boxen drang, begann sich die Beklemmung in meiner Brust langsam zu lösen. Christmas Tree Farm gehörte zu meinen allerliebsten Weihnachtssongs.
»Da hast du recht.« Ich atmete tief durch und schloss für einen Moment die Augen. »Taylor ist meine emotionale Stütze.«
Ich spürte, wie Rebecca kurz ihre Hand auf meinen Arm legte. »Es wird alles gut werden, Liebes. Der Zauber von Starwood hat noch alle Probleme beseitigt.«
Hoffentlich würde sie damit recht behalten.
Schläfrig öffnete ich am nächsten Morgen die Augen. Mein Handydisplay zeigte neun Uhr vormittags an. In Seattle war es erst acht. Ich gähnte und streckte mich. Nachdem Rebecca mich gestern zu sich nach Hause gebracht hatte, waren wir nach einem kurzen Getränk direkt ins Bett gefallen. Ich hatte mir noch nicht einmal die Mühe gemacht, meinen Koffer auszuräumen.
Ein sanftes Klopfen erklang an der Tür. Kurz darauf wurde sie einen Spaltbreit geöffnet.
»Hey.« Rebecca streckte ihren Kopf herein. »Bist du schon wach? Ich habe Waffeln gemacht.«
Bei dem Wort Waffeln schoss ich beinahe senkrecht aus dem Bett hoch. »Oh, mein Gott«, nuschelte ich und schlug die Bettdecke beiseite. »Allein von deinen Worten beginne ich zu sabbern.«
Rebecca lachte. »Komm runter, wenn du so weit bist. Es steht schon alles bereit.« Sie zwinkerte mir zu und schloss die Tür hinter sich.
Rebeccas Mandelwaffeln waren die allerbesten der Welt, und ich hatte seit meiner Kindheit jedes Mal bei einem Besuch gehofft, dass sie welche backen würde.
Ich gähnte noch einmal ausgiebig, bevor ich aus dem Bett schlüpfte und meinen kuscheligen Hoodie, eine Jogginghose und dicke Socken mit Rentiernasen-Motiv anzog. Mein Plan sah vor, in den nächsten Wochen nur noch in diesen überdimensional großen, gemütlichen Sweatpants zu leben. Meine blonden Haare schlang ich zu einem unordentlichen Dutt.
Rebeccas Haus strahlte eine Gemütlichkeit aus, die ich schon immer geliebt hatte. Die Holzmöbel verliehen den Räumen eine angenehme Wärme, und der dunkle Dielenboden unter meinen Füßen knarzte bei jedem Schritt. Sie hatte ihr Haus schlicht, aber sehr liebevoll eingerichtet und dekoriert. Man fühlte sich direkt wohl.
Als ich ins Wohnzimmer trat, knisterte bereits das Feuer im Kamin. Ein wohliges Gefühl stieg in mir auf. Lächelnd trat ich an den Esstisch heran, wo mir augenblicklich der Duft von Waffeln und zimtigem Tee in die Nase stieg.
»Du bist die Beste.« Ich seufzte vor Wonne und rutschte auf einen der Holzstühle.
»Ich weiß.« Schmunzelnd goss sie mir eine dampfende Tasse Bratapfeltee ein. »Hast du gut geschlafen?«
»Hervorragend. Dein Gästebett ist so groß, dass ich mich dreimal darin umdrehen könnte. Da falle ich garantiert nicht raus.«
»Passiert dir das immer noch?« Sie ließ sich mir gegenüber nieder und griff nach der Schale mit fluffig geschlagener Sahne.
»Manchmal. Wenn ich unruhige Träume habe, wälze ich mich immer viel zu sehr herum. Aber hier bei dir habe ich geschlafen wie ein Baby.« Das erste Mal seit Langem war ich nicht mitten in der Nacht aufgeschreckt. Bilder von der Arbeit hatten mich in den letzten Wochen oft genug heimgesucht. Es war eine Wohltat, dass ich diese Nacht davon verschont geblieben war.
Rebecca lächelte mich an und reichte mir die Schüssel mit der Sahne. Ich häufte mir eine großzügige Portion auf meine warme Waffel.
Als ich mir den ersten Bissen in den Mund schob und der weiche Teig auf meiner Zunge zerging, stieß ich ein wohliges Stöhnen aus. »So, so gut«, nuschelte ich.
Rebecca sah mir amüsiert dabei zu, wie ich die ganze Portion verschlang.
Satt, zufrieden und mit einem angenehmen Nachgeschmack im Mund lehnte ich mich zurück. »Kann ich dir heute schon im Laden helfen?«
Sie schüttelte den Kopf. »Das ist lieb, aber komm ruhig erst mal an. In ein paar Tagen könnte ich dich gut gebrauchen, aber ich will dich nicht direkt am ersten Tag überfallen. Gönn dir Ruhe und schau dich in Starwood um.«
»Das wäre aber überhaupt kein Problem. Ablenkung ist nicht das Schlechteste.« Sein Gesicht ploppte vor meinem inneren Auge auf. Sofort schüttelte ich den Kopf und zwang alle Gedanken an die Firma in die hinterste Ecke meines Kopfes.
Rebeccas mitfühlender Blick begegnete mir. Auch ohne große Worte wusste sie, was in mir vorging, und spürte, dass ich nicht darüber sprechen wollte.
»Weißt du, was du für mich tun könntest?«, fragte sie nach einer Weile.
Fragend sah ich sie an.
»Du könntest einen Weihnachtsbaum fürs Wohnzimmer aussuchen. Ich bin noch nicht dazu gekommen, einen zu holen.«
Ich riss die Augen auf und drehte meinen Kopf. »Stimmt! Dort neben dem Kamin steht normalerweise jedes Jahr ab Thanksgiving dein Weihnachtsbaum.«
Meine Tante nickte. »Dieses Jahr war ich lange nicht in der richtigen Stimmung, und dann habe ich es zeitlich nicht geschafft. Wenn du Lust hast, könntest du in den nächsten Tagen bei den Montgomerys auf der Farm nach einem Baum schauen. Er muss nicht der schönste oder größte sein, aber das weißt du ja.« Weiche Fältchen drückten sich um ihre Augen, als sie lächelte.
Das Bild eines kleinen, krummen Tannenbaums stieg vor meinem inneren Auge auf. Jedes Jahr hatte Rebecca ein Exemplar mit irgendeinem äußerlichen Merkmal herangeschleppt.
»Du hast ein Herz für besondere Bäume, nicht wahr?«
Rebecca nickte. »Auch die unperfekten brauchen Liebe.«
»Da sprichst du ein wahres Wort.« Ich rückte das Besteck auf meinem Teller zurecht und setzte mich aufrecht hin. »Ich glaube, da mache ich mich heute gleich auf den Weg. Ich verspreche dir, dass ich einen wundervollen Baum finden werde.«
Sie strahlte mich über den Tisch hinweg an. »Daran habe ich keinen Zweifel.«
Dick eingepackt in Winterjacke, Schal und Mütze machte ich mich wenig später mit Rebecca auf den Weg in ihren Laden. Er befand sich sehr zentral in Starwood und war eins der beliebtesten Geschäfte der Stadt. Besonders jetzt in der Adventszeit boomte er, und die Leute kauften Weihnachtsschmuck und Dekoartikel wie warme Semmeln.
Die Klingel ertönte, als Rebecca die Tür aufsperrte und öffnete. Warme Luft, die nach Vanille-Duftkerzen roch, empfing uns. Mit einem Lächeln ließ ich meinen Blick über die vollbepackten Regale schweifen. Bunte Kugeln glitzerten zwischen Holzfiguren und Rentierhausschuhen hervor. Rebecca hatte wirklich alles, was das Weihnachtsherz begehrte. Kerzen, Lichterketten, Tannenzweige, Weihnachtsbaumschmuck, Kuschelsocken, Zubehör für Krippen, Geschenkpapier und so viel mehr. Ich bewunderte Rebecca aus tiefstem Herzen dafür, dass sie es gewagt hatte, sich mit diesem Laden in einer kleinen Stadt wie Starwood selbstständig zu machen. Dass die Leute das Geschäft damals sofort so gut angenommen hatten, freute mich sehr.
»Wenn ich einen Baum gefunden habe, bringe ich ihn gleich zu dir nach Hause. Passt das?«
Rebecca nickte und wickelte den dicken Schal von ihrem Hals. »Viel Glück bei der Suche.« Sie drückte liebevoll meinen Arm, streckte mir einen Hausschlüssel entgegen, dann schälte sie sich aus ihrem Mantel und verschwand hinten im Büro.
Ich sog ein letztes Mal die vertraute Luft in ihrem Laden ein, dann trat ich wieder nach draußen in die Kälte. Es herrschte vorweihnachtlicher Trubel, und zahlreiche Menschen wuselten über den großen Stadtplatz vor mir, in dessen Mitte ein Brunnen stand. Ein Schneeräumdienst hatte die Wege bereits freigeschaufelt, lediglich am Straßenrand türmten sich die Schneemassen. Im Hintergrund ragten die Rocky Mountains in den eisblauen Himmel. Ich liebte es, dass Starwood mitten in den Bergen lag. Besonders im Winter war der Anblick ein absoluter Traum.
Ich genoss das Stimmengewirr und die geschäftigen Schritte um mich herum, während ich gemächlich über den Platz schlenderte und in die Schaufenster spähte. Dieser Kleinstadtcharme war wirklich etwas Besonderes. Eigentlich war ich Großstädterin durch und durch und wollte die bequemen Verkehrsanbindungen, die langen Öffnungszeiten der Geschäfte und die Möglichkeit, an jeder Ecke einen Kaffee zu bekommen, nicht missen. Dennoch hatten Kleinstädte wie Starwood etwas an sich, das mich faszinierte. In mir regte sich ein Gefühl, das ich lange Zeit nicht mehr gespürt hatte. Ich presste eine Hand gegen meine Brust. Es war ein sehnsüchtiges, beinahe nostalgisches Gefühl. Ich war in meiner Kindheit und meiner Jugend gern in Starwood zu Besuch gewesen. Auch wenn Mom und Rebecca kein enges Verhältnis zueinander hatten, war meine Mutter doch jedes Jahr wegen ihrer Eltern nach Starwood gekommen. Als diese verstorben waren, hatten unsere Reisen hierher deutlich abgenommen, und ich war als Teenager nur noch allein nach Colorado geflogen.
Während ich meinen Blick über die süßen Häuser mit ihren verschneiten Dächern streifen ließ, fragte ich mich, wie Mom jemals von hier hatte wegziehen können. Seattle war nicht nur ihre Wahlheimat geworden, weil sie dort studiert und meinen Dad kennengelernt hatte. Rebecca hatte oft erzählt, dass Mom schon als Jugendliche gesagt hatte, dass sie aus der Kleinstadt wegwollte. Während Rebecca das entschleunigte Leben dort geliebt hatte, war es für Mom erdrückend und einengend gewesen.
Wie mein Leben wohl bis jetzt verlaufen wäre, wenn meine Eltern mich in Starwood und nicht in Seattle großgezogen hätten? Ich atmete tief durch. Weiße Atemwölkchen bildeten sich. Die Antwort auf diese Frage würde ich wohl nie erfahren.
Mein Blick fiel auf Pete's Wafflehouse. Auch dieser Laden weckte Erinnerungen in mir. Pete war ein wahnsinnig netter Mann, auch wenn er nur halb so gute Waffeln machte wie meine Tante. Mit ihm hatte ich immer nette Gespräche geführt. Kurz entschlossen trat ich ein und nahm mir einen Coffee to go mit, bevor ich mich auf den Weg zur Farm machte.
Ein Meer aus verschneiten Bäumen trat in mein Sichtfeld, als ich am Ortsrand von Starwood ankam. Hier verkauften die Montgomerys schon seit Generationen Weihnachtsbäume. Ich war mir sicher, dass es niemanden in Starwood gab, der woanders seinen Baum holte. Außer vielleicht Larry, der Bürgermeister. Er war der Meinung, dass man Tannenbäume nicht töten sollte, nur um sie für ein paar Wochen zu sich ins Haus zu stellen, bevor man sie vertrocknet wegwarf. Damit hatte er ja recht. Trotzdem liebte ich diese Weihnachtstradition.
Ich schob eine Hand in die Tasche meiner Winterjacke, umfasste mit der anderen meinen warmen Kaffeebecher und schlenderte zwischen den Tannenbäumen hindurch. Gleich die ersten, die ich entdeckte, sahen wunderschön aus. Perfekt nach oben gewachsen, groß und kräftig und mit dichten Nadeln. Aber genau das wollten wir ja nicht.
Ich drehte mich um die eigene Achse. Ein Schmunzeln legte sich auf meine Lippen. Lustig war es ja schon. Andere suchten ewig nach einem perfekten Baum, und ich hatte bereits wunderbare Exemplare entdeckt, fahndete aber nach einem unperfekten.
Ich legte den Kopf in den Nacken und betrachtete einen Tannenbaum, der mindestens zwei Meter in die Höhe ragte. Seine perfekt geformte Spitze reckte sich gen Himmel, der heute strahlend blau war. Ich blinzelte und wollte mich gerade umdrehen, als ich gegen einen harten Körper stieß.
»Oh, Entschuldigung.« Erschrocken wandte ich mich um.
Vor mir stand ein Weihnachtself.
Ich starrte den Typen vor mir an, dessen breite Schultern in einem Kostüm steckten.
»Hi.« Er tippte sich gegen seine Mütze, unter der schwarze Locken hervorquollen. Seine Lippen waren zu einem verschmitzten Lächeln verzogen.
»Ähm, sorry«, sagte ich hastig und räusperte mich. »Ich hab dich gar nicht gesehen. Hast du dir wehgetan?«
Er schüttelte den Kopf, sodass der Zipfel seiner Elfenmütze hin und her schwang. »Nichts passiert. Bei dir auch alles gut?«
Ich nickte.
Trotz seines Kostüms konnte ich nicht umhin zu bemerken, wie gut dieser Typ aussah. Er war deutlich größer als ich, sodass ich meinen Kopf in den Nacken legen musste, um ihn anzusehen. Dunkle Bartstoppeln zierten sein Gesicht, die braunen Augen musterten mich aufmerksam.
»Du kommst mir gar nicht bekannt vor«, sagte er. »Bist du zu Besuch?«
Überrascht sah ich ihn an. Kannte hier in Starwood wirklich jeder jeden?
»Ja, tatsächlich.«
Plötzlich erhellte Erkenntnis das Gesicht des Weihnachtselfen. »Ach, sag bloß, du bist das neue Kindermädchen der Smiths! Ich hab gehört, dass es diese Woche ankommen sollte.«
Ich schüttelte den Kopf. »Nein, ich bin Lynn, die Nichte von Rebecca Winters.«
»Ah, Rebecca.« Erfreut hob er seine dunklen Augenbrauen.
»Kennst du sie?«
»Klar, ich habe dieses Jahr schon mehrmals in ihrem Laden eingekauft.«
»Und du bist ...?«
»Miles Montgomery.« Freundlich streckte er seine Hand aus.
Montgomery.
Geistesgegenwärtig ergriff ich seine Hand, während es in meinem Kopf ratterte. Seine Finger, die erstaunlich warm waren, wenn man die kalten Außentemperaturen bedachte, umschlossen meine und drückten sanft zu.
»Bist du der Sohn der Montgomerys?«, fragte ich dämlicherweise. Innerlich schlug ich mir gegen die Stirn. Wie viele Montgomerys gab es wohl in Starwood?
»Der bin ich.« Miles lächelte. Um seine Augenwinkel gruben sich dabei sanfte Fältchen ein.
Rebecca hatte gar nicht erwähnt, dass die Familie Montgomery einen erwachsenen Sohn in meinem Alter hatte.
»Arbeitest du schon immer auf der Farm?«, fragte ich.
»Früher habe ich nur ab und zu ausgeholfen, aber seit diesem Jahr arbeite ich fest hier und nehme meinen Eltern viel Arbeit ab.«
»Ist dieses Kostüm der Dresscode bei euch?« Ich nickte in Richtung seiner Weihnachtselfen-Klamotten.
Miles lachte. »Nein, eigentlich laufe ich bei der Arbeit nicht so herum.«
Ich grinste. »Schade. Das hat was.«
»Findest du?« Miles drehte sich um die eigene Achse.
Mein Blick fiel dabei prompt auf seine muskulösen Beine, die durch die grüne Stoffhose betont wurden.
Ich zwang mich dazu, mir meine Gedanken nicht anmerken zu lassen, und sah wieder nach oben in sein Gesicht. Ein Schmunzeln lag auf Miles' Lippen, als hätte er bemerkt, wo mein Blick gerade hingewandert war. Seine braunen Augen begegneten meinen. Sein Lächeln vertiefte sich, und es bildeten sich sanfte Grübchen in seinem Kinn.
Schnell räusperte ich mich. »Hast du eine Wette verloren oder warum trägst du das?«
»Ach, ich habe mich heute so danach gefühlt, mich zu verkleiden. Also dachte ich, warum nicht?« Er grinste verschmitzt.
Ich lachte.
»Nein, Spaß beiseite, ich habe einem kleinen Kunden versprochen, dass ich mich so anziehe.« Auf einen Schlag verschwand aller Schalk aus seinen Augen, und er wurde ernst. »Ich besuche den Jungen nachher im Krankenhaus. Er wollte eigentlich mit seinen Eltern einen Weihnachtsbaum bei uns kaufen, aber dann ist eine schwere Lungenentzündung dazwischengekommen. Er ist supertraurig, dass er die Vorweihnachtszeit nicht zu Hause verbringen kann.«
Mein Herz sank, als ich Miles' Worten lauschte. »Und du munterst ihn heute also auf?«
»Ich hoffe es.« Seine Stimme hatte einen weichen Klang angenommen, und ich spürte, wie sehr ihm das Kind am Herzen lag.
Für ein paar Sekunden herrschte Schweigen zwischen uns.
Dann verschränkte Miles die Arme vor seiner breiten Brust und sah mich aufmerksam an. »Also, bist du hier, um einen Baum für Rebecca auszusuchen?«
Ich nickte. »Sie hat mich gebeten, den Kauf dieses Jahr zu übernehmen.«
»Wie lange bleibst du denn zu Besuch?«
»Wahrscheinlich bis Silvester.«
»Dann kommst du also noch lange in den Genuss des Baumes, den du heute auswählst.« Er zwinkerte mir zu. »Hast du schon einen im Blick?«
Ich kräuselte die Nase. »Die hier sind mir alle ein bisschen zu perfekt.«
Er stieß ein tiefes Lachen aus. »Das hört man selten.«
Ich zuckte grinsend mit den Schultern. »Rebecca hat ein Herz für alles Unperfekte.«
»Na, dann lass uns einen perfekt unperfekten Baum für deine Tante finden.« Er setzte sich in Bewegung.
Ich biss mir auf die Lippe und lief hinter ihm her, während mich ein paar Äste an den Armen streiften. Der feuchte Boden zog bei jedem meiner Schritte an meinen Stiefeln.
»Eher klein oder eher groß?« Miles sah über die Schulter zu mir.
»Ganz egal. Habt ihr vielleicht einen Baum übrig, den ihr gar nicht verkaufen könnt, weil er nicht den Standards entspricht?«
Seine Stirn furchte sich. »Ach stimmt, gute Idee. Warte hier einen Moment, ich schaue mal kurz nach.« Damit verschwand er zwischen zwei Bäumen.
Ich blieb stehen und nahm einen letzten Schluck aus meinem Kaffeebecher. Während ich wartete, lauschte ich dem entfernten Geräusch der Kettensägen, mit denen wahrscheinlich gerade neue Bäume gefällt wurden. Ich schloss für einen Moment die Augen und sog die frische Luft um mich herum tief in mich ein. Sie roch nach Tannennadeln und Baumharz.
»Lynn?«
Ich zuckte zusammen, als Miles' Stimme ertönte. Mein Name aus seinem Mund klang ... irgendwie schön.
»Miles?«, rief ich zurück und öffnete die Augen.
Schritte knirschten, und kurz darauf stand er wieder vor mir. Ein Funkeln lag in seinen Augen. »Ich glaube, ich habe genau den richtigen Baum für dich gefunden.« Er berührte mich sanft am Arm und nickte mit dem Kopf in eine Richtung.
»Jetzt bin ich aber gespannt.« Neugierig stapfte ich hinter ihm her.
Wir bogen um ein paar Ecken, dann lichteten sich die Tannen und wir kamen am Rand des Feldes an.
Hinter einem Tisch mit einer Kasse stand Mrs. Montgomery. Jetzt, wo ich in ihr freundliches Gesicht blickte, schlug ich mir innerlich gegen die Stirn. Die Ähnlichkeit zwischen ihr und Miles war so groß, dass mir gleich hätte auffallen müssen, dass er ihr Sohn war.
»Hallo, Lynn, wie schön, dich zu sehen.« Mrs. Montgomery winkte zu mir herüber. Unter ihrer weinroten Wollmütze lockten sich dunkle Haare bis auf ihre Schultern.
»Hallo!« Ich winkte lächelnd zurück.
»Ihr kennt euch?«, fragte Miles.
»Kennen ist übertrieben. Wir sind uns schon mal bei einem meiner Besuche begegnet. Es wundert mich umso mehr, dass ich dich hier noch nie gesehen habe.«
»Ich war die letzten Jahre nicht so oft hier.« Er räusperte sich.
Irgendetwas an seiner Körperhaltung sagte mir, dass ich lieber nicht weiter nachhaken sollte. Er blickte in die Ferne, während seine Mundwinkel langsam nach unten sanken. Ein paar Sekunden herrschte Stille. Dann schien er sich wieder gefangen zu haben und blickte mir entgegen.
»Also ... bist du bereit für den Baum?« Das Funkeln in seinen braunen Augen kehrte zurück. »Die Tanne, die ich dir gleich zeige, haben wir gefällt, aber mein Dad hat sich dann doch dazu entschieden, sie nicht zum Verkauf anzubieten. Ich habe gleich gesagt, dass wir sie dazustellen sollten, aber er meinte, dass niemand so einen Baum haben wollen würde.« Miles lief ein paar Schritte, bis er bei einem Zaun ankam.
»Da kennt er Rebecca aber schlecht. Sie sucht sich doch jedes Jahr einen unperfekten Baum aus.«
Miles zuckte mit den Schultern. »Dann macht sie das wohl immer so subtil, dass Dad es noch nicht gecheckt hat.« Grinsend blieb er stehen und breitete die Arme aus. »Tadaa, da ist das Prachtstück.« Er trat einen Schritt zur Seite und gab damit den Blick auf einen kleinen Baum frei, dessen kahle Seite direkt auf mich zeigte.
Ich hob die Augenbrauen. Auf den ersten Blick wirkte diese Tanne kraftlos und karg. Ich konnte verstehen, weshalb die Montgomerys sie nicht verkaufen wollten. Der Baum reichte mir gerade bis zum Bauch und eine offene Stelle ohne Zweige klaffte mir entgegen. Nur der krumme Baumstamm stach mir ins Auge.
Ich bemühte mich, Rebeccas Sichtweise einzunehmen, und ging einmal um die Tanne herum. Auf der anderen Seite wuchsen die Zweige dichter. Hier bogen sie sich allerdings seltsam nach oben, sodass ich im ersten Moment nicht sagen konnte, wie man am besten Weihnachtsschmuck daran befestigen sollte. Vorsichtig streckte ich eine Hand aus und fuhr über die rauen Tannennadeln. Sie piksten leicht in meine Fingerkuppen. Der Baum gab den typischen Geruch nach Baumharz und Wald ab, den ich tief einsog. Er roch herrlich. Nach Weihnachten.
Als ich wieder einen Schritt zurücktrat, fielen mir zwei Erhebungen am Baumstamm auf. Ich legte den Kopf schief, während mir ein Gedanke kam.
Miles musterte die Tanne ebenfalls. »Die Erhebungen da sehen aus wie zwei Augen, oder?«
Verblüfft blickte ich zu ihm. Genau das hatte ich mir auch gerade gedacht. Erkannte er auch Gesichter in den willkürlichsten Gegenständen? Ich sah immer irgendwo Augen, Nase und Mund – sei es im Essen, bei einem Auto oder eben bei Pflanzen. Miles schien es wohl genauso zu gehen.
Ich lächelte. »Den Baum nehme ich.«
»Ja?«
Ich nickte. »Er ist perfekt unperfekt. Und er hat eine Seele, das spüre ich.«
Zufrieden griff Miles nach der Tanne und trug sie ein paar Schritte weiter zu einem Metallzylinder. Fasziniert sah ich dabei zu, wie er die Tanne mit dem Stamm voran durch das offene Ende des Zylinders führte und am anderen Ende wieder herausholte. Ein Netz spannte sich nun über den Baum. Miles schnitt das obere Ende des Netzes ab und verknotete es. Alle Handgriffe sahen so leicht und routiniert aus, als würde er das schon sein ganzes Leben lang machen. Wahrscheinlich war das auch der Fall.
»Die Tanne ist nicht sonderlich schwer.« Feierlich überreichte er sie mir. »Warte, ist dein Kaffee schon leer? Ich kann den Becher entsorgen, dann hast du die Hände frei.«
»Oh, das wäre lieb. Danke.« Ich überreichte Miles den Becher und nahm im Gegenzug den Baum an. »Wie viel bekommt ihr dafür?« Ich lugte an der netzumspannten Tanne vorbei.
Miles winkte ab. »Gar nichts. Wir sind froh, dass du ihm ein Zuhause schenkst.«
»Aber ...«, setzte ich an.
»Nichts aber. Meine Eltern sehen das sicher genauso.« Gemeinsam liefen wir über das Feld zu seiner Mutter, die gerade einen anderen Kunden abkassierte. Miles warf meinen Kaffeebecher in den Abfalleimer und kam dann zu mir zurück.
»Viel Spaß mit Ihrer Tanne«, sagte Mrs. Montgomery in diesem Moment und winkte dem Kunden zu, der mit seinem Baum verschwand.
Miles schmunzelte und beugte sich langsam zu mir herunter.
»Das war Mr. Bishop«, raunte er. Sein warmer Atem streifte dabei meine Ohrmuschel. »Er versucht immer, mit Mom zu flirten, obwohl er genau weiß, dass sie seit fast dreißig Jahren glücklich verheiratet ist.«
Gänsehaut zog sich über meinen Nacken. »Der Arme. Denkt er wirklich, er hätte eine Chance gegen deinen Dad?«
»Ich hoffe nicht, dass er so verquer tickt.« Miles grinste und zog sich zurück. »Mom, sieh mal, Lynn hat sich unseres Sorgenkindes erbarmt.« Er deutete auf den Baum in meinen Armen.
Ein Strahlen legte sich auf Mrs. Montgomerys Gesicht. Ebenso wie bei ihrem Sohn bildete sich dabei ein Grübchen in ihrem Kinn. »Das freut mich aber, Lynn. Ihr werdet sicher Spaß mit ihm haben.«
»Das glaube ich auch. Und ihr seid sicher, dass ihr nichts dafür wollt?« Zaghaft sah ich zwischen den beiden hin und her und stellte den Baum neben mir auf dem Boden ab.
Mrs. Montgomery schüttelte vehement den Kopf. »Nichts da, der geht aufs Haus.«
»Das ist sehr lieb, vielen Dank.«
»Wir haben zu danken. So bekommt er ein liebevolles Zuhause.« Miles' Mom rieb sich die Hände. »Hast du Lust auf eine heiße Schokolade, bevor du gehst?«
Mein Blick fiel auf Miles.
»Mom macht den besten Kakao«, sagte er und sah mich abwartend an.
Seine braunen Augen brachten mich für einen Moment aus dem Konzept. Hastig räusperte ich mich. »Da sage ich nicht Nein.«
Mrs. Montgomery warf ihrem Sohn einen liebevollen Blick zu. »Vorhin hat mich eine Kundin gefragt, wo du dein Kostüm gekauft hast. Ihr Neffe war so begeistert davon, dass sie überlegt hat, sich auch so eins zuzulegen.«
»Wirklich?« Miles lächelte und griff nach zwei Tassen mit aufgedruckten Weihnachtsbäumen. »Dann mache ich heute wohl nicht nur Kingsley eine Freude.«
»Wann besuchst du ihn denn?«, fragte seine Mutter.
Er schob den Ärmel seines grünen Mantels nach oben und warf einen Blick auf die Uhr. »In etwa einer Stunde.«
»Alles klar. Bis dahin müsste der größte Ansturm für heute vorüber sein. Richte ihm liebe Grüße von mir aus und gute Besserung.«
»Mach ich.« Er drückte auf den Knopf der Pumpkanne, die am Rand des Kassiertisches stand, und ließ heißen Kakao in die zwei Tassen laufen. Dann gab er noch ein paar Marshmallows in das Heißgetränk und überreichte mir eine Tasse, die sofort meine kalten Hände wärmte.
»Danke schön!« Ich blies auf die dampfende Flüssigkeit und sog den süßen, schokoladigen Duft in mich auf.
Plötzlich nahm ich sanfte Musik wahr, die aus der Ferne zu uns schallte.
»Dein Dad hat endlich die Musikbox repariert«, sagte Mrs. Montgomery zu Miles. An mich gewandt fügte sie hinzu: »Unsere Kundschaft liebt es, wenn wir Weihnachtslieder abspielen. Leider waren unsere Boxen in den letzten Tagen kaputt.«
Ich nickte verständnisvoll und nahm einen Schluck Kakao. Ein sentimentales Gefühl ergriff mich, als ich Driving Home for Christmas hörte, das in einer angenehmen Lautstärke die Luft erfüllte.
Langsam ließ ich meinen Blick über die Bäume schweifen. »Ich muss gestehen, dass ich bisher noch nicht wirklich in Weihnachtsstimmung war«, sagte ich und sah zurück zu Miles und seiner Mom. »Aber hier auf eurer Farm ... diese Atmosphäre, die Weihnachtssongs ... Das trägt sehr dazu bei, dass sich das weihnachtliche Gefühl in mir doch langsam einstellt.«
Mrs. Montgomery sah mich liebevoll an. »Das freut uns sehr.«
Einen Moment wie diesen hatte ich lange nicht mehr gehabt. An der frischen Luft zu stehen mit angenehmen Düften in der Nase, umgeben von kribbelnder Weihnachtsstimmung und netten Menschen, die mich freundlich behandelten und nicht mit unangenehmen Fragen löcherten ... Vielleicht schaffte ich es nach dem ganzen Trubel in Seattle nun doch, in Weihnachtslaune zu kommen. Mein Aufenthalt hier bei Rebecca in Starwood begann noch viel schöner, als ich es mir erträumt hatte.
»Und, hast du einen Baum gefunden?« Rebecca hielt einen riesigen Karton mit silbernen Weihnachtsbaumkugeln im Arm, als ich den Laden betrat. Einige vorwitzige Haarsträhnen hatten sich aus ihrem Pferdeschwanz gelöst, und man sah, dass sie schon seit einiger Zeit auf den Beinen war. Doch das Lächeln in ihrem Gesicht zeigte, wie gern sie ihre Arbeit tat.
Ich reckte bestätigend einen Daumen in die Luft. »Ich bin so gespannt, was du sagst.«
Nach meiner heißen Schokolade und ein bisschen Small Talk mit Mrs. Montgomery hatte ich mich von ihr und Miles verabschiedet und war mit einem warmen Gefühl im Bauch nach Hause gelaufen.
»Hast du ein Foto gemacht?« Rebecca griff nach einer Kugel und legte sie in ein leeres Regalfach.
»Du musst dich gedulden, bis du ihn in echt siehst«, sagte ich geheimnisvoll.
»Ach, du wieder. Du weißt, dass Geduld nicht meine Stärke ist. Meinst du, es ist schlimm, wenn ich den Laden jetzt schon schließe?« Sie grinste mich an und befüllte das restliche Regalbrett.
»Ich glaube, deine Kundschaft hätte etwas dagegen. Genau wie dein Kontostand.«
»Du hast recht ...« Sie seufzte, zwinkerte mir aber im nächsten Moment zu. »Hast du Miles getroffen?«
»Miles? Ja, habe ich. Warum?«
»Ach, nur so.« Rebecca rückte die Kugeln zurecht und faltete dann den leeren Karton zusammen.
Argwöhnisch betrachtete ich sie. Sie fragte nie etwas einfach nur so. »Wusstest du, dass er heute dort arbeitet?«
Sie nickte und ging zwischen den dicht befüllten Regalen nach hinten zur Kasse.
»Wieso habe ich ihn in den letzten Jahren nie in Starwood gesehen? In diesem Ort trifft man doch jeden irgendwo und irgendwann.« Ich folgte ihr an die Kasse. Im Hintergrund ertönte die Klingel, als jemand den Laden betrat.
»Er hat die letzten Jahre nicht hier gewohnt«, sagte Rebecca und stopfte den Karton unter die Theke. Als sie wieder auftauchte, bemerkte ich das betont unschuldige Funkeln in ihren Augen. »Und, wie fandest du ihn so? Ganz nett, oder?«
»Ja, er war sehr nett.«
»Und nett anzusehen ist er auch, nicht wahr?«
»Rebecca!«
Unschuldig sah sie mich an. »Ich meine ja nur.«
»Ich bin nicht nach Starwood gekommen, um einen Mann kennenzulernen. In meinem Leben herrscht schon genug Chaos. Außerdem, wer sagt denn, dass Miles nicht schon vergeben ist?«
Rebecca legte ihre Hände flach auf den Tresen. »Also erstens: Ich weiß aus sicherer Quelle, dass Miles Single ist. Und zweitens: Männer bedeuten nicht immer nur Stress.«
»Ja, aber die erste Datingphase bedeutet Stress pur. Die Nervosität, die Unsicherheit, ob er mich wirklich mag oder nicht. Wie oft schreibt man sich? Wann weiß man, dass er ebenso etwas Festes will? Oder spielt er nur irgendwelche Spielchen? Diese Phase, bevor man sich richtig kennt. Stress, auf den ich aktuell gern verzichte.«
Meine Tante strich sich eine Strähne hinters Ohr. »Wenn es der Richtige ist, dann klären sich die Fragen schnell von allein, und dann spürst du diese Nervosität auch nicht.«
»Und das weißt du, weil ...?« Ich sah sie schmunzelnd an. »Weil du schon so lange in einer Beziehung bist?«
Sie streckte ihren Arm über den Tresen und boxte mich gegen die Schulter. »Ich hatte noch nie Glück mit den Männern, das heißt aber nicht, dass es für mich nicht irgendwann auch den Richtigen geben könnte.«
»Wieso gibst du als Single dann so tolle Beziehungstipps?« Mit einem frechen Grinsen sah ich sie an.
»Trainer spielen eben nicht selbst.« Sie zuckte mit den Schultern, als wäre damit alles geklärt.
Ich lachte.
»Verzeihung, Mrs. Winters?« Eine brüchige Stimme erklang hinter meinem Rücken.
Ich drehte mich um und entdeckte eine alte Frau. Sie ging leicht gebeugt und trug einen zerschlissenen Mantel.
»Suchen Sie etwas Bestimmtes?« Rebecca trat um den Tresen herum und lächelte ihre Kundin freundlich an.
»Haben Sie so etwas ...?« Die alte Dame überlegte und formte mit den Händen einen Gegenstand. »Eine Dose, die Musik abspielt?«, beendete sie ihre Frage.
»Ja, da habe ich einige. Kommen Sie gern mal mit.« Rebecca führte sie an die rechte Wandseite, an der einige Spieluhren aneinandergereiht waren. »Suchen Sie eine mit Weihnachtsmusik?«
Die Dame nickte. Ich bemerkte, wie ihre Hand leicht zitterte, als sie nach einer Dose griff, die Rebecca ihr reichte. Die ersten Töne von Silent Night dudelten aus der Box, als die Frau sie öffnete.
»Wie viel kostete die?« Fragend sah sie zu meiner Tante auf.
»Sechs Dollar.«
Die Frau zuckte zusammen und ließ die Dose beinahe wie eine heiße Kartoffel fallen. Schnell reichte sie Rebecca die Spieluhr zurück und murmelte ein paar Worte vor sich hin, während sie sich abwendete und zur Tür tippelte.
»Ich könnte vier Dollar für Sie machen ...«, rief Rebecca der Dame hinterher.
Doch die hörte sie gar nicht mehr und trat auf die Straße hinaus. Die Glocke klingelte, dann fiel die Tür mit einem leisen Klicken ins Schloss.
