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Eine neue Stimme, ein großes Talent: anrührende Erzählungen aus dem Krisengebiet Familie.
Was tun, wenn der Onkel auf einmal eine Frau ehelichen will, die allzu sehr dem Klischee der heiratswilligen Frau aus Osteuropa entspricht? Was tun, wenn der Vater seiner Tochter und seiner Frau „ihr seid doch meine einzigen Frauen“ entgegenruft, und die Tochter dennoch eine Meisterschaft darin entwickelt hat, Vaters ständig wechselnde Geliebten auf Anhieb zu erkennen? Mit nüchternem Blick und einer ungemein eindringlichen Sprache balanciert Anja Frisch zwischen der ernüchternden Realität und den kleinen, kostbaren Nischen des Glücks.
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Seitenzahl: 323
Veröffentlichungsjahr: 2009
ANJA FRISCH
Schneehase
ERZÄHLUNGEN
Datenkonvertierung eBook:
Kreutzfeldt Electronic Publishing GmbH, Hamburg
www.kreutzfeldt.de
Originalausgabe
Luchterhand Literaturverlag, München 2006,
ein Unternehmen der Verlagsgruppe Random House GmbH
ISBN 978-3-641-01392-9
www.luchterhand-literaturverlag.de
Inhalt
Ich nannte sie alle Bibiane 7
Rosa, sagen die Leute 26
Glückskäfer 39
Kabel 67
Was heißt schon nie 91
Hertel’s Grillhuhn 120
Fast das Paradies 138
Salz und Pfeffer 158
Lale. Lale Günes 186
Der Hahn ist tot 206
Notizen einer Verreisten 222
Grüne Augen 241
Schneehase 277
Vor sieben Tagen haben Karlos Nieren am Nachmittag aufgehört, das zu tun, was sie immer taten. Vor sieben Tagen hat Brigitte am frühen Morgen telefonisch ein Zimmer in einer Pension reserviert; sie hat sich angezogen, ein zweites Wollkleid, zwei Strumpfhosen, einen Pullover, und was sie sonst noch brauchte, hat einen Pyjama und den Waschbeutel in den Koffer gepackt, hat die Tür hinter sich zweimal zugeschlossen und die Briefe, die an sie gerichtet waren, in den nächsten Briefkasten geworfen: Adressat verzogen.
Ich habe ihr angeboten, bei mir zu wohnen. Brigitte hat abgelehnt:
Die ganze Sache ist nicht gut für dich.
Am Abend rief Karlo sie aus dem Krankenhaus an: Meine Nieren wollen nichts mehr mit mir zu tun haben. So wie du.
Als ich sie mit dem Auto abholte, stand sie vor der Pension neben dem Koffer. Der Schnee in ihrem Haar und auf ihrem Mantel funkelte unter der Straßenbeleuchtung. Sie klopfte im Bordstein die Schuhe sauber und stieg ein.
Wir fragten den Pförtner, fuhren mit dem Aufzug, öffneten Glastüren und liefen lange Flure entlang; ich hielt Brigittes Arm und Brigitte versteckte ihre Hände in den Manteltaschen.
Das Bett war Karlo viel zu groß, das Nachthemd fürchterlich weiß und auch viel zu groß.
Das kommt davon, dass ich nichts mehr trinken darf. Ich schrumpfe. Wie Backobst.
Karlo streckte seine Hand aus in unbestimmte Richtung; seine Augen waren klein und rotgeädert und die Lippen hell und trocken. Brigitte nahm ihre Hand aus der Tasche und borgte sie ihm eine Weile.
Du bist doch das Kind, sagte sie, als wir wieder in ihrer Wohnung waren. Sie packte den Koffer aus und begann das Bett abzuziehen: Du musst glücklich sein, dass deine Eltern sich nicht trennen.
Ich bin aber ein großes Kind, und große Kinder wissen einfach mehr.
Papperlapapp, rief Brigitte; sie schüttelte den Kopf, dann schüttelte sie das Kissen. Ich half ihr.
Ich mach das schon, sagte ich und sie ging ins Bad und ließ Badewasser ein.
Es ist jetzt auch egal, rief sie über den Flur.
Wenn du meinst, rief ich zurück.
Ich pflückte die fremden Haare von der Matratze und öffnete das Fenster.
Ja, schrie Brigitte: Das meine ich.
Das ist doch jetzt egal, hatte Brigitte in Richtung Meer geschrien. Ihr Gesicht war nass gewesen, vielleicht von der Adria, in der sie eben noch geschwommen war, aber ganz bestimmt von dem Rotz, der ihr ungestraft aus der Nase lief. Sie hatte sich an mich geklammert, wie man sich nachts an sein Kissen klammert, wenn man schlecht träumt. An Brigittes Hals und Haaren vorbei konnte ich beobachten, wie Sanitäter Karlo auf die Trage legten und in den Ambulanzwagen schoben. Karlos Badehose war rot gewesen, mit weißen Streifen an der Seite. Ich hatte vergessen, wie viele es waren. Mein Herz pumpte Blut in meinen Kopf. Immer mehr. Waren es zwei Streifen, oder drei, auf jeder Seite? Brigitte hielt mich fest; ich konnte nicht hinlaufen und nachschauen.
Signora, sagte ein Mann, er war vom Hotel und packte Brigitte am Arm. Ein zweiter Mann trat zu uns; er konnte ein bisschen Deutsch und dolmetschte: Karlo wäre in guten Händen, das nächste Krankenhaus nicht weit und Brigitte müsste jetzt mitfahren. Brigitte zog die Nase hoch und nahm meine Hand.
I bambini no. Der erste Mann schüttelte bedauernd den Kopf.
Aber, sagte Brigitte und sah mich ratlos an.
Ich bin fast dreizehn, sagte ich: Tredici.
Der erste Mann blieb dabei: I bambini no.
Jetzt drängte auch der zweite Mann zur Eile. Ich spürte, wie jemand hinter mich trat.
Ich pass auf sie auf, hörte ich Bibianes Stimme leise sagen. Brigitte starrte ein Loch in meine Hand, die sie noch immer festhielt.
Avanti, schrie ein Sanitäter.
Tredici, wiederholte ich.
Der Ambulanzwagen fuhr los. Mein Gesicht war heiß von der Umarmung und klebte. Ich wischte mir Brigittes Rotz von der Wange und drehte mich um. Bibianes Körper versperrte mir die Sicht auf das Meer. Das Meer hätte ich jetzt gerne gesehen. Ich sah auf das rosa Frotteehandtuch, das Bibiane sich um die Hüften gewickelt hatte, und Bibiane sah über mich hinweg zur Straße.
Seit drei Monaten bereits hatte Bibiane hin und wieder im Auto gesessen, wenn Karlo mich von der Schule abholen musste, weil der Sportunterricht auf einen der neuen Sportplätze und also ans andere Ende der Stadt verlegt worden war.
Bibiane hatte kurze dunkelblonde Haare und sehr kleine, immer rote Ohren. Sie war jünger als Karlo und bestimmt auch jünger als Brigitte. Im Auto hatte sie nur mit Karlo gesprochen und selten gelacht, auch wenn Karlo Witze machte. Manchmal hatte sie ihm ins Haar gegriffen und sehr oft auch nach der Zigarette, die beim Autofahren locker in seinem Mundwinkel hing. Sie hatte sie ihm abgenommen und selbst eine Weile geraucht.
Karlo hatte Bibiane immer an derselben Kreuzung rausgelassen und Bibiane war auf den Gehweg gehüpft und hatte die Tür zugeschlagen, ohne mich ein einziges Mal angeschaut zu haben. Karlo hatte dann die Zigarettenschachtel genommen und nach hinten gefragt: Wie war’s in der Schule?
Ich wusste, dass Brigitte sie auch schon einmal gesehen hatte. Irgendwann. Wahrscheinlich noch bevor Bibiane auf dem Beifahrersitz bleiben durfte, wenn Karlo mich abholte. Irgendwann kannten wir auch ihren Nachnamen. Aber wir sprachen nicht darüber.
Im Hotel an der Adria war ich es gewesen, die Bibiane zuerst entdeckte. Karlo, Brigitte und ich waren pünktlich zum Abendessen im Hotel angekommen und hatten nur kurz Zeit gehabt, unser Gepäck aufs Zimmer zu bringen. Bibiane saß im Speiseraum an einem kleinen Tisch an der Wand. Sie hatte ein trägerloses Kleid an und spießte ein Tomatenviertel auf ihre Gabel. Ich streckte den Arm aus und zielte mit meinem Zeigefinger auf ihren Kopf.
Man kann den Menschen nicht verbieten,wo sie Urlaub machen, sagte Brigitte kühl. Karlo legte den Arm um sie: Sehr richtig, mein Schatz.
Er schob die Sonnenbrille auf den Kopf und führte Brigitte an unseren Tisch am Fenster. Ich folgte ihnen, den Zeigefinger spitz auf Bibianes Profil.
Sie sah nicht herüber. Sie spießte ein Tomatenviertel nach dem anderen auf ihre Gabel und führte sie zum Mund; ich musste meinen Stuhl verrücken, um sie weiterhin im Blick zu behalten. Ich kniff ein Auge zu und zielte wieder mit dem Finger auf Bibianes Kopf. Dann schnipste ich die ganze Bibiane weg wie einen Fussel. Karlo lächelte Brigitte und mich an:
Ihr beiden seid meine Frauen, meine einzigen Frauen, das wisst ihr doch.
Wir gehen besser zurück ins Hotel, sagte Bibiane, als der Ambulanzwagen mit Brigitte und Karlo verschwunden war. Ihr Blick streifte mich nur kurz. Sie ging voran, ich hinterher, das Meer noch ein paar Meter im Blick, dann verschwand es hinter der Hotelmauer, das rosa Frotteehandtuch aber blieb.
Das rosa Frotteehandtuch hatte Bibiane auch am Vorabend getragen, als wir mit nassen Haaren und Sand zwischen den Zehen auf der Hotelterrasse gesessen hatten: Karlo, Brigitte und ich an einem der Tische an der Brüstung; Bibiane am Tisch vor dem Eingang. Brigitte hatte meine Haare zu einer schweren Kordel gedreht.
Es wird kühl, hatte sie gesagt: Nicht, dass du dich erkältest.
Ich hatte den Kopf geschüttelt und Karlo hatte, ohne die Zeitung wegzulegen, gesagt: Ach was.
Brigitte drehte die Kordel noch einmal, meine Kopfhaut brannte:
Wir gehen jetzt hoch.
Ach was, Karlo knisterte mit der Zeitung: Es ist doch noch richtig warm.
Wenn sie Fieber bekommt: Wer sitzt an ihrem Bett? Ich bin fast dreizehn, sagte ich.
Brigitte behielt mein Haar in der Hand und stand auf, ich musste folgen.
Ich, Karlo grinste.
Natürlich! Brigittes Griff lockerte sich und ich entzog ihr mein Haar.
Das will ich sehen. Los, kommandierte sie in meine Richtung und nahm ihre Tasche.
Karlo tat unbeteiligt, und Brigitte marschierte an Bibianes Tisch vorbei ins Hotel. Bibiane blätterte in einer Zeitschrift und sah nicht auf.
Im Zimmer schickte mich Brigitte unter die warme Dusche und dann ins Bett:
Auch wenn du fast dreizehn bist.
Wo ist mein Buch?, fiel mir ein.
Unten wahrscheinlich, Brigitte zuckte mit den Schultern: Ich glaube, ich habe mein Buch auch unten vergessen. Karlo wird sie ja wohl beide mitbringen.
Ich geh schnell runter, rief ich und war aus der Tür, bevor Brigitte etwas sagen konnte.
Ich nahm die Treppe. Ich versuchte, vier Stufen auf einmal zu nehmen. Auf dem letzten Absatz wäre ich fast gefallen. Ich klammerte mich an das Geländer und sah durch den Speiseraum zur Terrassentür. Dass Bibiane nicht mehr an ihrem Tisch neben dem Eingang saß, sah ich sofort. Es roch nach Wasser. Nach Regen und Meer. Karlos Zeitung wehte. Sie lag auf dem Tisch; damit sie nicht wegflog, hatte Karlo sie mit dem Aschenbecher beschwert. Auch er saß nicht mehr am Tisch. Die Windlichter flackerten, die Terrasse war fast leer. Zwei der Hotelköche lehnten an der Mauer und rauchten. Ihre Augen leuchteten. Ich ging zu unserem Tisch und suchte unter der Zeitung nach den Büchern, als ich sie beide endlich entdeckte. Sie standen unter einer der Zierpalmen und küssten sich. Sie bemerkten mich nicht und schoben sich die Hände in den Nacken; Karlo küsste wild und laut. Ich wusste nicht, dass man beim Küssen Geräusche von sich geben musste. Während Bibiane die Hände von Karlos Körper löste, griff Karlo überall hin. Er knetete Bibianes Arme und Bibianes Brüste und auch das, was unter dem rosa Frotteehandtuch an Bibiane zu kneten war. Die Hotelköche lachten. Ihre Augen leuchteten wieder. Sie lachten auch in meine Richtung, und die Zigarettenglut hüpfte vor ihren dunklen Gesichtern.
Natürlich hießen sie alle verschieden. Sie sahen auch unterschiedlich aus. Nicht einmal beim selben Alter blieb es. Ich machte es mir leicht. Ich nannte sie alle Bibiane.
Irgendwann traute ich mir zu, eine Bibiane auf Anhieb zuerkennen. Ich weiß nicht, woran ich sie letztendlich erkannte, aber meine Trefferquote war erstaunlich hoch. Wenn wir essen gingen, an Geburtstagen in der Verwandtschaft und im Bekanntenkreis, auf Firmenfeiern, bei denen Familie erwünscht war: Überall konnte eine Bibiane sitzen. Mein Blick wurde scharf wie ein Seziermesser. Ich gewann hundert Punkte, wenn Karlo plötzlich aufstand und die vorläufige Bibiane ebenfalls nach spätestens fünf Minuten verschwand. Irgendwann merkte ich, dass nicht nur ich gewann. Brigittes Gesicht war geübt und vollführte die gelungensten Kunststücke, auch ihr Körper spielte mit. Sie saß aufrecht am Tisch und lächelte; sie strich sich mit ruhiger Hand durch die Haare und führte gelassen das Glas zum Mund. Nur wenn sie die Hände auf den Tisch legte, konnte man hin und wieder beobachten, wie ihr Daumen nervös über das Tischtuch kratzte.
Brigitte sagte selten etwas. Sie musste auch nichts sagen, sie hatte den Koffer, der unter dem Bett lag und der eindrucksvoll groß war, so eindrucksvoll, dass es für gewöhnlich reichte, wenn sie ihn mit einem schnellen Griff hervorzog und auf das Bett warf und die Verschlüsse entriegelte. Obwohl Brigitte es bei dieser Szene beließ, solange ich noch zu Hause wohnte, schlich ich, sogar noch mit fünfzehn, ins Schlafzimmer und gab dem Koffer einen Tritt, damit er noch tiefer unter das Bett rutschte und Brigitte mehr Mühe hatte, ihn hervorzuholen.
Wenn Brigitte den Koffer hervorholte, ging Karlo meistens ins Wohnzimmer und setzte sich in den Schaukelstuhl und rief nach einer Weile: Ich brauche dich.
Solange ich noch zu Hause wohnte, stellte Brigitte den Koffer dann neben den Schrank, nicht ohne noch ein Paar Socken oder einen Pullover hineingeworfen zu haben, zu wenig, um damit tatsächlich das Haus zu verlassen. Solange ich noch zu Hause wohnte, beherrschte anschließend Brigittes Schweigen den Tag. Am nächsten Tag überfiel Karlo in der Regel eine Krankheit. Er bekam Schüttelfrost, zerrte sich ein paar Muskeln, übergab sich, und einmal mussten wir den Notarzt holen; sein Blinddarm hatte sich entzündet und drohte durchzubrechen.
Wie viele Bibianes hast du eigentlich?
Wir waren auf dem Rückweg von einer Weihnachtsfeier, zu der Karlos Firmenleitung alle Mitarbeiter und deren Angehörige geladen und auf der ich vor ein paar Stunden Bibiane Nummer vier entlarvt hatte. Sie hatte gelangweilt in einer Ecke gestanden und auf einen der Adventskränze gestarrt. Bis Karlo, noch mit ein paar Kollegen scherzend, zur Tür ging. Kaum war er verschwunden gewesen, hatte sie begonnen, an ihrer Frisur zu nesteln. Ich fing an, leise zu zählen. Bei neunundachtzig, neunzig hatte sie sich von der Wand gelöst und war zur Tür geglitten.
Ich war vierzehn gewesen. Ich hatte nicht mit auf diese langweilige Feier gewollt, aber Karlo hatte darauf bestanden. Nachdem Bibiane Nummer vier bei neunundachtzig, neunzig Karlo gefolgt war, bin auch ich gegangen. Ich fischte den Autoschlüssel aus Karlos Mantel und fuhr mit dem Aufzug in die Tiefgarage. Es hatte über zwei Stunden gedauert, bis Karlo und Brigitte nachgekommen waren.
Wie viele Bibianes hast du eigentlich?, fragte ich und presste die Lippen aufeinander, aber Karlo lachte nur und schaute in den Rückspiegel.
Was meinst du damit?
Weißt du, was sie damit meint?, fragte er Brigitte. Er grinste und streckte die Hand aus; sein Zeigefinger und sein Mittelfinger tanzten auf ihrem Unterarm.
Auf dem Gang und vor der Tür wird es laut. Emma steckt einen Finger in den Mund, mit der anderen Hand greift sie sich ans Ohr. Sie sitzt auf Karlos Bett im Schneidersitz, die Kinderstiefel hat sie selbst ausgezogen. Ich nehme Karlo die Zigarette aus der Hand und öffne das Fenster. Es schneit senkrecht und in strengem Muster. Dahinter geht das Krankenhaus weiter, in fast allen Fenstern brennt Licht. Ich schnippe die Zigarette zwischen die Flocken. Die Tür wird geöffnet, eine Krankenschwester bringt das Tablett mit Karlos Abendessen und stellt es auf den Rolltisch neben Karlos Bett.
Wir gehen jetzt besser, sage ich und bücke mich nach den Kinderstiefeln. Emma streckt mir bereitwillig ihren linken Fuß hin.
Als würde ich jetzt damit aufhören, flüstert Karlo, obwohl wir wieder allein sind. Er hebt den Plastikdeckel vom Tablett. Die Kartoffeln darunter sind fast durchsichtig und sehr klein.
Das schmeckt nach nichts.
Karlo zieht eine Grimasse; Emma lacht.
Schon allein deswegen brauche ich meine Zigaretten, die schmecken nämlich. Er schüttelt den Kopf: Als würde ich jetzt damit aufhören, so ein alter Raucher wie ich. Meine Finger sind gelb, und sie bleiben gelb, bis zum Schluss.
Hör auf, sage ich: Es schneit, hast du gesehen?
Karlo verzieht wieder das Gesicht, diesmal zu einem halben Lächeln.
Wenn ich euch nicht hätte. Er zieht Emma an sich ran und legt ihr seine gelben Finger auf den Kopf: Sie hat die gleichen Haare wie du und deine Mutter. Ist dir das schon einmal aufgefallen?
Nein, sage ich. Wie auch? Emma hat dunkle störrische Haare wie ihr Vater, meine Haare sind glatt und hell wie deine und Brigitte hat Dauerwelle, seit ich denken kann.
Aber Karlo lächelt unbeirrt: Meine drei Frauen. Ihr seid meine einzigen Frauen, wisst ihr das?
Es wird ein Mädchen, ich weiß das.
Karlo hatte sich Wein nachgeschenkt: Und du weißt das auch. Du willst es nur nicht zugeben, weil ich es von Anfang an gesagt habe. Das ärgert dich: Dein alter Vater hat schon wieder mal Recht.
Ich schüttelte den Kopf, und Karlo warf einen prüfenden Blick auf Sammy.
Wir wissen es nicht, sagte ich, aber Karlo hob sein Glas: Sieh dir den an, der grinst, der kann nicht lügen.
Ich habe nichts gesagt, verteidigte sich Sammy. Ich berührte ihn am Arm: Lass ihn.
Ein Mädchen! Karlo lachte: Ich weiß es. Als deine Mutter mit dir schwanger war, habe ich auch gesagt: Es wird entweder ein Mädchen oder gar nichts.
Karlo tunkte seinen Zeigefinger in das Glas und befeuchtete den Rand mit Wein.
Ich wollte immer nur Mädchen. Andere Männer wollen Söhne. Aber was soll ich mit einem Sohn?
Karlo schaute Sammy an: Mal ehrlich, willst du etwa einen Bengel, der aussieht wie du und denselben Scheiß baut wie du?
Ich stand auf: Du bist betrunken.
Karlo nickte: Ich bin betrunken. Das liebe ich so an meinen Frauen. Sie wissen immer, was mit mir los ist. Ich liebe sie.
Karlo rülpste. Ich holte eine Wolldecke und ein weiteres Kissen, während Sammy Karlo beim Aufstehen half. Karlo sank auf das Sofa und schloss die Augen. Sammy und ich nahmen unsere Gläser und schlichen in die Küche.
Willst du kein Mädchen? Sammy sah auf meinen Pullover, der noch alles verschwieg.
Ich sagte nichts, und Sammys Fingerspitzen zogen einen Kreis um sein Glas.
Ich glaube, begann ich, ein Junge täte meinem Vater mal ganz gut.
Sammys Augen sahen erstaunt von meinem Bauch auf und in mein Gesicht: Wie meinst du das?
Ich zuckte mit den Schultern. Ich wusste, er würde es nicht verstehen.
Nur so, sagte ich.
Emma kam eine Woche zu früh. Sie lag mit den Füßen voran; sicherheitshalber schnitt man sie aus mir raus.
Ein Mädchen, sagte die Hebamme und hielt Emma hoch.
Sammy und ich hatten uns im fünften Schwangerschaftsmonat getrennt. Wir hatten beschlossen, nicht wegen des Kindes zusammenzubleiben. Sammy hatte mir sämtliche Telefonnummern aufgeschrieben, unter denen er im Notfall, irgendwie, zu erreichen war. Die Telefonnummern hatte ich nicht mehr, ich hatte sie weggeschmissen oder in einer der Schubladen verlegt. Die Wehen kamen schnell und raubten mir Luft und Gedanken. Ich hatte auch keine Zeit gehabt, Brigitte anzurufen. Eine der Schwesternschülerinnen benachrichtigte sie auf mein Bitten.
Emma hieß schon Emma, als Brigitte endlich kam. Sie beugte sich über uns und sah Emma ins Gesicht.
Karlo kommt später, hat er gesagt. Ein Mädchen, er wird sich freuen.
Das Klopfen hatte ich überhört, auch Brigitte war überrascht gewesen. Die Frau schob sich in den Raum. Es quietschte, als sie die Ballons durch die Tür drängte.
Ein Dutzend Luftballons und eine Billion Glückwünsche von Karlo, sagte sie mit schneller Stimme: Er kommt nachher auch vorbei.
Sie stockte, die Ballons glänzten silbern und rot. Sie waren mit Gas gefüllt und warteten nur darauf, zur Decke schweben zu können.
Ich bin doch im richtigen Zimmer? Die Frau stand ratlos vor meinem Bett. Wir ließen sie eine Weile ratlos, bis Brigitte mit ruhiger Stimme sagte: Das sind Sie, keine Angst.
Ich nickte: Lassen Sie die Ballons doch los.
Die Frau schaute auf den Haarschopf in meinem Arm. Ein schönes Kind, alles Gute, sagte sie. Ihre Stimme floh, bevor sie selbst fliehen konnte.
Auf Wiedersehen.
Die Ballons zischten zur Decke.
Neu?, fragte ich, als die Frau gegangen war.
Scheint so. Brigitte fuhr mit dem kleinen Finger über Emmas schwarzen Haarpelz. Ich sah sie an. Ihr Gesicht war glatt und unaufgeregt.
Meine Tasche ist im Schrank, sagte ich nebenbei: Der Schlüssel steckt ganz vorne.
Sie hatten Emma ins Säuglingszimmer gebracht, und ich hatte die Augen zugemacht und trotzdem die Ballons gesehen, die an der Decke hingen und beim kleinsten Luftzug zu tänzeln begannen. Es dauerte, bis ich das Klingeln dem Telefon zuordnen konnte. Ich streckte den Arm aus, der Hörer war schwer und Karlos Stimme an meinem Ohr triumphierte:
Ein Mädchen, ich hatte also Recht.
Ich räusperte mich: Das kannst du doch gar nicht wissen, du warst doch gar nicht hier.
Deine Mutter hat es mir gesagt.
Karlos Stimme wurde leiser:
Sie hat gesagt: ein Mädchen. Dann ist sie gegangen. Sie hat den Koffer mitgenommen.
Es ist ein Mädchen, und sie heißt Emma. Ich wechselte den Hörer in die andere Hand: Deine Ballons hängen an der Decke und erschrecken die Schwestern und die Pfleger.
Ich wäre sehr gerne gekommen, wirklich. Karlos Stimme war jetzt richtig leise: Aber ich kann mich nicht rühren. Es tut unheimlich weh. Hexenschuss, vermute ich.
Ich wartete, aber Karlo sagte nichts mehr.
Weinst du?
Karlo seufzte: Nein. Aber ich sollte. Deine Mutter ist gegangen, ohne zu fragen, was mit mir ist. Dabei lag ich schon da wie ein Fisch auf dem Trockenen. Es tut unheimlich weh.
Ein Auto fuhr unten auf der Straße vorbei, ein Lichtstreifen jagte die Wand entlang.
Mir haben sie den Bauch aufgeschnitten und dann wieder zugenäht, sagte ich: Das tut auch unheimlich weh.
Ich weiß, meine Kleine, flüsterte Karlo: Sie ist in deiner Wohnung, oder?
Ich bekam Durst. Ich legte den Hörer auf meine Beine und griff nach meinem Becher.
Ich bin müde, sagte ich laut ins Zimmer.
Ich weiß, antwortete Karlos Stimme dünn: Ich wünsche dir eine wunderschöne Nacht.
Ich nahm den Hörer und drückte ihn ans Ohr: Karlo? Ja?
Ruf sie nicht an. Ich kaute auf meiner Unterlippe. Karlos Stimme lächelte: Meine Frauen. Jetzt habe ich drei. Ihr drei seid meine einzigen, das weißt du doch.
Wir gehen jetzt, sage ich und nehme Emma an die Hand. Ja, geht und habt einen schönen Abend.
Karlos gelbe Finger spielen mit den Tabletten. Vielleicht schmeckt es doch gar nicht so schlecht, sage ich und Emma winkt: Bis morgen.
Emma rennt durch den Flur bis zum Lift. Rollwagen mit Essen werden von Zimmer zu Zimmer geschoben. Die paar Besucher, die mit uns auf den Aufzug warten, sprechen leise. Es riecht nach Kantine und scharfem Putzmittel. Emma drückt immer wieder auf den Knopf, nacheinander leuchten die Zahlen auf der Etagenanzeige rot auf. Eine kleine unsichtbare Glocke gibt bekannt, dass sich die Tür jetzt öffnet. Eine Frau mit langen braunen Haaren steigt aus und geht den Flur lang. Karlos Flur. Emma schiebt sich zwischen die Leute nach hinten, zur Spiegelwand. Ich rühre mich nicht. Ich sehe der Frau nach.
Zwischen den forschen Schritten immer wieder ein Zögern, der Mantelsaum der Frau schwingt. Vor Karlos Zimmer bleibt sie stehen.
Wollen Sie jetzt mit?
Ein Mann hat seine Hand vor die Lichtschranke geschoben und sieht mich ungeduldig an.
Mama, schreit Emma.
Ich komm schon, sage ich.
Emma läuft mit den nassen Stiefeln in ihr Zimmer. Ich lege den Schlüssel neben das Telefon. Die kleine Lampe am Anrufbeantworter blinkt. Brigittes Stimme knistert wie Papier. Ich klopfe mit dem Fingerknöchel auf den Apparat. Brigittes Stimme wird laut:
Ich habe nachgedacht. Dieses Mal wird alles anders, das weiß ich. Dieses Mal wird er sich ändern müssen. Es geht nicht anders. Alle zwei Tage muss er an eine Maschine angeschlossen werden. Die Maschine wäscht sein Blut. Er muss streng Diät halten und Tabletten nehmen. Es geht nicht anders.Er muss sich ändern. Glaubst du nicht auch?
Brigittes Stimme holt Luft, das Band ist zu Ende. Ich gehe in die Knie und lege meine Arme um die Beine. Ich wackle, kann mich fast nicht halten.
Mama, komm, schreit Emma aus ihrem Zimmer. Ich bleibe noch eine Weile so hocken, bis ich das Gleichgewicht ganz zu verlieren drohe.
Ja, schreie ich zurück und stehe steif auf: Ich komm ja schon.
Damals an der Adria hatten Bibiane und ich über eine Stunde lang in der Hotellobby gesessen; Bibiane auf der Couch und ich in einem der tiefen Sessel. Bibiane hatte Saft und ein Glas Bitter Lemon von der Bar geholt. Sie redete nicht mit mir, sondern starrte auf ihre Knie, die unter dem Frottee hervorschauten. Bibianes Knie waren beide braun gewesen und die Kniescheiben flach wie Teller. Seit wir an der Adria waren, hatte Bibiane an allen Vormittagen regungslos am Strand gelegen, die Sonnenbrille riesengroß in ihrem Gesicht, die kleinen Ohren leuchteten, nur ein paar Meter von uns entfernt.
An unserem ersten Tag am Meer hatte Karlo sich am Morgen im Hotel eine Schaufel geliehen und begonnen, einen Graben um uns herum auszuheben.
Was willst du machen?, fragte Brigitte und legte das Buch auf ihren Bauch: Willst du eine Zugbrücke aus Sand bauen, damit sie uns besuchen kommen kann?
Karlo hatte gelacht, und Brigitte hatte weitergelesen. Gegen Mittag war der Graben fertig:
Ich geh jetzt schwimmen, wer will mit?
Karlo sprang über den Graben, zog seine Badehose zurecht und stapfte zum Meer. Ich legte mich auf den Bauch und das Gesicht auf meine Arme. Ich schielte zur Seite und begann leise zu zählen. Bei sechsundfünfzig zog Bibiane die Brille von der Nase und stand auf.
In der Hotellobby, neben mir, trank Bibiane ein Bitter Lemon nach dem anderen. Seit Tagen schälte sich ihre Haut. Dort, wo sich schon Fetzen gelöst hatten, war Bibianes Haut braun bis dunkelrosa. Das Frotteehandtuch war rosapink und das Bitter Lemon fast so trüb wie Milch. Bibiane hielt den Strohhalm fest und holte leise Luft. Ich zertrat mit dem linken Fuß eine Ameise und brachte mit dem rechten eine andere zum Stehen.
Warum bist du hier?, fragte ich laut.
Bibiane starrte auf ihre Hände, die lose Haut auf den Knien und Knötchen im Frottee entdeckt hatten.
Was?, fragte sie nach einer Weile.
Ich holte den Schlüssel von der Rezeption und nahm die Treppe. Ich schaffte fünf Stufen auf einmal, mein Rekord. Ich schloss mich im Zimmer ein. Ich ging nicht zu meinem Bett, sondern legte mich ins große, auf Brigittes Seite. Ich schloss die Augen, rollte auf Karlos Seite rüber und schlief ein.
Brigitte hatte ein paarmal hart gegen die Tür klopfen müssen, damit ich wach wurde.
Gott sei Dank nichts Schlimmes, kein Infarkt oder so was. Ein Kreislaufzusammenbruch, Unterzuckerung, zu viel Sonne. Karlo geht es wieder ganz gut. Eine Nacht soll er noch dableiben. Aber es geht ihm gut. Alles andere ist egal.
Brigitte nahm mich in den Arm. Sie roch nach Schweiß und fremden Menschen. Im Krankenhaus hatte man ihr einen Kittel übergeworfen. In der Aufregung war Brigitte im Badeanzug in den Ambulanzwagen gestiegen; sogar die Taucherbrille baumelte noch um ihren Hals.
Gott sei Dank hatte ich aber auch den Brustbeutel um, mit dem Geld und den Papieren.
Brigitte lachte ein bisschen in meinen Nacken. Sie drückte mich. Ich kaute auf meiner Unterlippe, bevor ich fragte: Und Bibiane?
Brigitte schwieg.
Nichts und, sagte sie dann, und ihre Stimme war wie ein Stein. Wie einer, den man zu schnell und ohne viel Schwung ins Wasser geworfen hatte. Sie stand auf. Die Badezimmertür hatte sie offen gelassen, ich hatte sie pinkeln gehört und war unter das Laken gekrochen, das die Bettdecke ersetzte.
Ich komm ja schon, sagte sie. Sie löschte das Licht und legte sich zu mir, dabei hatte ich sie gar nicht gerufen.
Der See, sagen die Leute, ist nicht tief. Der See nicht. Ein Wässerchen, lacht der Wirt und macht eine wegwischende Handbewegung. Verkommen, die reinste Müllhalde. Der See ist nicht tief, der Abfall ragt heraus. Man meidet den See. Und das Moor. Das Moor, sagen die Leute, verschluckt alles und jeden. Im Moor, sagt der Wirt und schwitzt, verschwindet das Verkommene.
Rosa, sagen die Leute, ist verkommen. Man meidet das Moor, sagt der Wirt. Rosa, sagen die Leute, geht man besser aus dem Weg. Der Wirt lacht und schwitzt.
Rosa geht im See schwimmen. Sie taucht und umkreist ein altes Fahrrad. Es ist anstrengend, in einem flachen Gewässer zu tauchen, aber Rosa tut es. Sie hat ihren Kopf geschoren, damit sich die Haare nicht in den Speichen verfangen. Die Fische, sagt Rosa, sind tot oder haben aufgetriebene Bäuche.
Rosa, sagen die Leute, ist schamlos. Der Wirt lacht. Rosa, sagen die Leute mit gedämpften Stimmen, weiß mehr über den Wirt als seine Frau. Verkommen und schamlos, sagen die Leute.
Rosa hat eine Geige. Manchmal sitzt sie vor dem Haus und spielt. Dabei klemmt sie die Geige zwischen ihre Knie. Eigentlich, sagt Rosa, wollte ich ein Cello. Unanständig, sagen die Leute.
Rosa kann nicht singen, doch sie singt mit lauter Stimme. Der Wirt sitzt dabei und lacht. Er würde sie an ihrem Haar ziehen, aber Rosas Kopf ist kahl. Es wird dauern, sagt er, bis es nachgewachsen ist. Rosa schaut ihn nicht an, dreht eine Zigarette. Sie raucht nicht, klemmt sie sich hinter das Ohr. Daniel, der Sohn vom Heizungsbauer, wird sie hinter ihrem Ohr wegnehmen und sie sich anzünden. Mit dem goldenen Feuerzeug seines Vaters. Rosa, sagt Daniel, spinnt. Dann küsst er sie.
Das, sagen die Leute, bedeutet nichts Gutes, und zeigen auf die schwarzen Klumpen. Auf dem Parkplatz vor dem Supermarkt liegen schwarze Klumpen. Man ist in sie getreten und dachte, es wäre Hundekot. Schon wieder hat der Polizeihund dort hingeschissen, verboten, sagt man, das gehört verboten. Bis Frau Hinrich merkt, dass es gar kein Hundekot ist. Es hat nicht nach so was gerochen, sagt sie, ich musste gleich an unseren Kartoffelkeller denken. Das ist Moor, der Apotheker weiß es. Er verkauft Moorpackungen in 1-Liter-Beuteln.
Kein gutes Zeichen, sagen die Leute. Und auch die Sache mit dem Hund des Bäckers, die Leute runzeln die Stirn, gefiel uns nicht. Ein ungutes Gefühl machte sich breit, als er nach sieben Tagen immer noch nicht wiederkam. Ein Hundefänger vielleicht. Aber dann fand ihn der Sohn des Bäckers im Maisfeld. Ein schrecklicher Anblick für das Kind, sagen die Leute. Verreckt ist der Köter, sagt der Wirt. Das sesamgelbe Fell war ganz verdreckt, und ein Stück Maiskolben schaute noch aus dem Maul. Der ist dem Köter im Hals stecken geblieben, sagt der Wirt. Seit wann fressen Hunde Mais?, fragen sich die Leute.
Rosa war schwimmen. Jetzt geht sie nach Hause. Der Wirt sieht sie vor seinem Fenster.
Zartrosa, denkt er, doch er muss im Gasthaus bleiben. Es ist Freitag, und die Leute bestellen gebutterte Kartoffeln und Fisch. Fisch aus der Großmarkthalle.
Da ist jemand bei Rosa, sagt der Sohn vom Bäcker und zieht den Rotz hoch. Rosa hat die Fenster geschlossen, obwohl es draußen sehr warm ist. Eine für die Jahreszeit ungewöhnliche Hitzewelle überrollt unser Land, sagt die Stimme aus dem Radio. Der Flieder blüht bereits. Frau Hinrich muss sich auf die Zehenspitzen stellen, um einen Zweig abzubrechen. Dabei, sagt sie, habe ich die Gestalt gesehen, die in Rosas Zimmer auf und ab ging. Groß, breitschultrig. Eindeutig ein Mann, sie nickt heftig mit dem Kopf. Kennt ihn jemand, fragen die Leute, aber niemand antwortet. Der Wirt kassiert.
Man hat es geahnt. Der Kanarienvogel der Rentnerin ist weggeflogen. Dabei kann sie schwören, weder das Fenster noch den Vogelbauer geöffnet zu haben. Auf der Fensterbank, sagt die Rentnerin, lag das, und öffnet die Hand. Kleine schwarze Kügelchen. Ziegendreck, sagt der Wirt. Auf der Fensterbank?, fragen die Leute.
Keine Zigarette hinter Rosas Ohr. Daniel gibt sich enttäuscht. Warst du wieder schwimmen, er hat sie abgefangen. Rosa schweigt, geht weiter. Er läuft neben ihr her. Wann wachsen deine Haare?, fragt er. Nie, sagt Rosa. Dumme Kuh, sagt er und dreht sich um.
Ein Mann bei Rosa, die Leute lachen. Mein Bruder, sagt Rosa. Ja ja, sagen die Leute. Der Wirt zerbricht ein Glas.
Im Gasthaus raunen die Alten. Das Moor, sagen sie, das Moor, ja ja, es holt sich, was es will. Der Wirt schüttelt den Kopf. Den Supermarkt? Er lacht. Ein alter Mann beginnt zu summen, dann trinkt er sein Bier. Schon das vierte, pass auf, du, sagt der Wirt und wischt die Theke.
Die schwarzen Klumpen lassen wir untersuchen.
Und von wem? Es ist der Moorgeist. Die Alten im Gasthaus wissen es. Das Verderben. Sie raunen mal wieder, die Alten im Gasthaus.
Ostersonntag, um zehn Uhr, so steht es auf dem Plakat an der Gasthaustür, findet ein Konzert im Schlosspark statt. Es spielt das Orchester der Königlich Schwedischen Hofgesellschaft. Ach je, die Schweden. Der Alte faltet die Hände vor dem runden Bauch. Was soll’s, lacht seine Frau, da hast du gar nicht gelebt, so lang ist’s her, dass die hier waren. Sie zieht an seinem Ärmel, du und deine Geschichtsbücher.
Am Ostersamstag hält ein Bus vor dem Gasthaus. Die Schweden sind da, ruft der Alte. Die Leute lachen. Männer und Frauen mit Instrumentenkästen steigen aus. Der Wirt zeigt ihnen die Zimmer. Ach so, Musiker sind das, sagt die Rentnerin.
Rosa taucht. Das Wasser ist noch trüber als in den letzten Tagen. Sie kann nichts sehen, tastet sich voran. Ihre Finger stoßen an etwas, das im Sand vergraben liegt. Sie hebt den Schatz. Das ist wirklich ein Schatz, sagt sie und schaut auf die Klarinette in ihren Händen.
Am Sonntag, die Leute sitzen im Park und lauschen dem Konzert, regnet es. Rosa zählt die aufgespannten Regenschirme. Sie steht hinter den Bänken. An ihrem kahlen Schädel laufen die Tropfen herunter.
Der junge Mann, sagen die Leute, war plötzlich da. Der junge Mann, sagt der Apotheker, hatte einen leichten grippalen Infekt. Seine Nase lief, und er hustete trocken. Wahrscheinlich leicht erhöhte Temperatur.
Ich komme vom Zoologischen Institut aus der Kreisstadt. Der junge Mann trinkt nach dem Konzert im Gasthaus heiße Zitrone und isst Bratkartoffeln.
Wegen meines Kanarienvogels? Die Rentnerin schlägt die Hände vor das Gesicht. Das Moor, sagt der junge Mann, ist ein einzigartiges Feuchtbiotop. Er niest. Viele Tiere, sagt er, finden hier eine Heimat, die sonst kaum noch existiert. Die Alten schieben dem jungen Mann einen Korn zu. Prosten ihm zu.
Ich habe kein Zimmer mehr frei, sagt der Wirt.
Bei mir, sagt Rosa, ist noch Platz. Sie steht in der Tür.
Dein Bruder?, fragt der Wirt. Abgereist, sagt Rosa.
Deine Wohnung ist nicht sehr groß, sagt der junge Mann. Rosa deutet auf das Sofa.
Vom Zoologischen Institut, he?, fragt sie.
Ich soll das Moor untersuchen. Der junge Mann lässt sich auf dem Sofa nieder.
Rosa, sagt man sich jetzt, ist seine Assistentin. Rosa führt ihn ins Moor. Sie füllt dickes Moorwasser in kleine Glasbehälter und schreibt Zahlen auf die selbstklebenden Etiketten. Der Moorgeist wird das nicht lange dulden, warnen die Alten.
Dummes Geschwätz, der Arzt schaut in sein Bierglas. Die Wissenschaft ist eine glorreiche Erfindung.
Ach ja, lispelt der Apotheker, aber der Kneipp, sag ich, der alte Kneipp war ein guter Knabe. Und klug war der. Der Apotheker ist betrunken, er rülpst. Der Wirt hantiert mit Gläsern, sein Blick streift die Kundschaft nur flüchtig.
Der junge Mann wird schon feststellen, was es mit den schwarzen Klumpen auf sich hat, der Arzt schlägt mit der flachen Hand auf den Tisch.
Den Kanarienvogel von der Rentnerin hat die Katze gefressen. Das Mädchen reibt sich die schmutzigen Knie. Ich hab es gesehen. Mit den Flügeln hat er geschlagen und ganz laut geschrien.
Vögel schreien nicht, sagen die Kinder.
Tun sie doch, sagt das Mädchen. Die Kinder laufen ins Maisfeld. Dort, wo der Hund vom Bäcker gelegen hat, haben sie ein Kreuz aus Maiskolben gebastelt und in die Erde gerammt. Während sie laufen, singen sie: Ein Hund kam in die Küche und stahl dem Koch ein Ei.
Der Wirt schließt die Tür zu. Feierabend. Sperrstunde. Die Aushilfe zieht an ihrem kurzen Rock, bringt ihre Haare in Ordnung. Sie wird abgeholt. Der Wirt, sagt sie, ist ein feiner Mann.
Auch als Chef. Da gibt es schon andere. Sie steigt in das Auto, das vor ihr gehalten hat.
Rosa, sagt der junge Mann, es ist wirklich kaum zu glauben. Sie trinken Kaffee und sitzen sich gegenüber.
Die schwarzen Klumpen, sagt Rosa, sind auch in der Kirche aufgetaucht. Ein ganzer Haufen, sagen die Leute, direkt vor dem Altar.
Eindeutig Moor, sagt der junge Mann.
Und?, fragt Rosa. Der junge Mann zuckt mit den Schultern und nimmt noch einen Schluck Kaffee.
Der junge Mann vom Institut hat einen Schnurrbart, bemerkt Frau Hinrich. Sie sieht ihm und Rosa nach. Na und?, die anderen im Geschäft schauen sie fragend an. Nichts und, sie zuckt mit den Schultern. Die schwedischen Musiker, fragt die Rentnerin, sind die schon weg? Heute Morgen abgereist, sagen die anderen.
Schreiend laufen die Kinder aus dem Wald. Ein kleines Waldstück. Eigentlich, sagt der Wirt, nur eine kleine Ansammlung von Bäumen. Nicht der Rede wert. Der Moormann, schreien die Kinder. Sie haben rote Köpfe. Der Sohn vom Bäcker bekommt kaum Luft. Moment, sagen die Leute. Der Moormann? Ja, splitternackt, schreien die Kinder. Blühende Fantasie, sagen die Leute. Dummes Geschwätz, schimpft der Arzt.
Den Daniel, fragen die Leute, ob man den gesehen hat, wie er aus dem Wald kam? Die Leute schütteln die Köpfe. Nein, man hat ihn nicht gesehen, wie er hervortrat, die Hände in den Hosentaschen, und in Richtung Stadt schlenderte.
Der Bus mit dem Orchester der Königlich Schwedischen Hofgesellschaft ist nicht in Hamburg angekommen. Nicht angekommen, die Leute reden durcheinander, aber wie kann das sein. Man sucht sie, heißt es. Die Alten raunen. Moor in der Kirche, Moor vor dem Altar, und nun der Bus verschwunden.
Was soll das heißen, der Arzt ist aufgebracht. Die Alten schauen auf ihre zittrigen Hände. Nur die Ruhe, der Apotheker klopft dem Arzt auf die Schulter. Es ist hier drinnen so stickig, der Wirt schwitzt und reißt die Fenster auf.
Ruhe, ruft Frau Hinrich, hört ihr das nicht?
Was es war, sagen die Leute, wissen wir nicht. Es klang wie leise Musik.
Du spielst Klarinette?, fragt der junge Mann. Rosa schüttelt den Kopf. Sie holt ihre Geige hervor, klemmt sie zwischen ihre Knie. Bevor sie zu spielen beginnt, sagt sie: Ich hätte lieber ein Cello.
Reizend, sagt der junge Mann.
Verdammtes Luder, sagt der Wirt. Er steht im Schatten des Fliederbusches und schaut durch das Fenster.
Das macht hier keiner, sagen die Leute. Hier schaut niemand in Fenster.
Rosa und der junge Mann. Man tuschelt, hält die Hand vor den Mund, Ohren werden gespitzt. Der Wirt hat schlechte Laune.
Und was ist mit den Schweden? Fragen bleiben. Dann hält jemand einen Zettel in der Hand. Ausgeschnitten aus der Zeitung. Der Bus hatte eine Panne.
Und das?, fragt Frau Hinrich und zeigt Richtung Moor. Ach, der Arzt schnaubt durch die Nase.
Wenn einer was hört, wirft die Rentnerin ein, aber wenn alle was hören?
Die Alten machen wissende Gesichter, sagen aber nichts.
Rosa und der junge Mann gehen eng umschlungen an dem Gasthaus vorbei. Der Wirt hat es gesehen.
Rosa, sagt der junge Mann.
Es gibt für alles eine natürliche Erklärung, sagt Rosa.
Ein Lastwagen rollt heran, der Fahrer fragt nach dem Weg zum Moor. Vorsicht, die Alten sind herausgekommen, die Biergläser haben sie gleich mitgenommen. Damit spaßt man nicht. Der Fahrer bleibt unbeeindruckt. Der Motor heult.
Wer ist das?, der Wirt ist seiner Stammkundschaft nach draußen gefolgt.
Käfige sind da drin, die Kinder wissen es. Wozu denn Käfige? Die Leute sind ratlos. Wilde Tiere im Moor? Fast, sagt der junge Mann.
Was denn! Löwen und Tiger hier bei uns?, der Arzt lacht. Die Kinder staunen.
Nicht ganz, sagt der junge Mann, viel kleiner und viel seltener und sehr scheu. Artenschutz, sagt er und deutet auf die Käfige.
Daher auch die schwarzen Klumpen?, fragt Frau Hinrich.
Nachtaktiv, antwortet der junge Mann.
Tiere im Moor, murmeln die Alten und schütteln die Köpfe. Die Kinder sind aufgeregt.
Für alles eine natürliche Erklärung, der Arzt lacht. Seht ihr, sagen seine Hände. Frau Hinrichs Blick ist bohrend.
Rosa schwimmt und taucht. Veralgt, sagt sie und prustet. Grüne Finger liegen auf ihrem kahlen Kopf.
Ich kann noch bleiben, wenn du willst. Der junge Mann hat mit dem Zoologischen Institut telefoniert. Jetzt steht er vor Rosa. Sie schweigt und zupft an ihrer Geige. Und die Tiere?
Machen andere, sagen seine Lippen und küssen Rosa. Rosa wollte etwas sagen. Siehst du, er lacht. Weggeküsst.
