Schnulzenroman - Daniel Borgeldt - E-Book

Schnulzenroman E-Book

Daniel Borgeldt

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Beschreibung

Was macht ein Schlagerstar, wenn er alt geworden ist und es hasst, immer die gleichen Songs zu singen? Heinrich Fraunhofer ist mittlerweile 72 und hatte in den ­Siebzigern unter dem Namen Danny Silver eine einzig­artige Schlagerkarriere hingelegt. Mittlerweile hat die Welt ihn vergessen und eigentlich wollte er auch nie Schlager machen, sondern ernsthafte Musik. Nach einem gescheiterten Suizidversuch organisiert er nun sein Leben neu, beginnt seine Autobiografie zu ­schreiben und überhaupt noch einmal von vorne anzufangen. Dabei behilflich sind ihm eine junge Punksängerin, ein ­misanthropischer Maler und ein Schriftsteller, der nie auftaucht. In Rückblicken berichtet Fraunhofer von seinem Leben, seinen Bemühungen, sich in den Sechzigern einen Namen als Komponist von Avantgarde-Musik zu machen, um gegen die Kulturindustrie zu rebellieren und seinem Vorhaben, ein elektronisches Instrument zu bauen, nur um letztlich von der Geschichte überholt zu werden. Verfolgt wird er dabei von seiner autoritären Mutter, die davon träumt, aus ihm einen einzigartigen Schubert-Interpreten zu machen. Er berichtet von seinem Scheitern als Avantgardist, wie er in West-Berlin untertaucht, wo er schließlich für den Schlager entdeckt wird, von seinen zwei gescheiterten Ehen und seiner Tochter, die alles andere als Künstlerin werden will. Und am Ende muss Fraunhofer sich fragen, ob er denn wirklich anders ist als sein Vater, der bei den Nazis Karriere gemacht hatte. "Schnulzenroman" erzählt von gescheiterten und erfolgreichen Künstlerexistenzen, den Problemen der 68er, die nie so wie ihre Eltern werden wollten und es eben doch geworden sind, fragt nach der gesellschaftlichen Relevanz von Musik, stellt Thesen über den deutschen Schlager auf und hält am Ende fest, dass alles andere wichtig ist, nur nicht die Kunst – oder doch?

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Seitenzahl: 410

Veröffentlichungsjahr: 2021

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DANIEL BORGELDT

Schnulzenroman

Die Autobiografiedes Heinrich Fraunhoferaka Danny Silver

Daniel Borgeldt ist ausgebildeter Buchhändler,studierte Literaturwissenschaft, Philosophie undItalienisch und lehrt Deutsch als Zweitsprachean einer Berufsschule. 1982 in Melle (Niedersachsen)geboren, kehrte er seiner Heimatstadt den Rücken,um in Bielefeld sein Abitur nachzuholen.Heute lebt er mit seiner Familie in Mainz undschreibt Rezensionen für »testcard« und»literaturkritik.de«. Und jetzt auch Romane.

1. Auflage November 2020© Ventil Verlag UG (haftungsbeschränkt) & Co. KG, Mainz, 2020Abdruck, auch in Auszügen, nur mit ausdrücklicherErlaubnis des Verlages. Alle Rechte vorbehalten.ISBN 978-3-95575-135-7eISBN 978-3-95575-613-0Lektorat: Jonas EngelmannGestaltung und Satz: Oliver Schmitt

Ventil Verlag, Boppstraße 25, 55118 Mainzwww.ventil-verlag.de

Für Judith und Wolfgang

INHALT

Teil I: Die Fahrt

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Teil II: Das Haus

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Teil III: Die Bühne

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Epilog

TEIL I

Die Fahrt

»Wenn Sie Ihre Eltern wirklich kränken wollenund nicht den Nerv haben, homosexuell zuwerden, könnten Sie wenigstens eine künstlerischeLaufbahn einschlagen.«

Kurt Vonnegut

1

Ich wachte fünf Minuten vor dem Klingeln des Weckers auf. Mit so einer Situation ist jeder alleine. Es war kurz vor sechs. Ich richtete mich im Bett auf, drehte meinen Unterkörper zur Seite und rutschte bis an den Rand der Matratze, so dass meine Beine aus dem Bett herausreichten, winkelte die Knie an und stellte die Füße auf den Boden, um wach zu werden. In meinem Alter braucht man dafür einen Augenblick. Es funktioniert nicht mehr alles so wie früher. Wie ein blinder Maulwurf tastete ich auf dem Nachttisch nach meiner Brille. Ich musste mich nach dem Schlafen erst einmal zurechtfinden. Dazu rief ich mir ein paar Daten ins Gedächtnis. Mein Geburtstag? 6. Juni 1945. Der heutige Tag? Freitag, der 30. Juni 2017. Wann ist mein Vater gestorben? 1960. Wann meine Mutter? 1999. Wann ist meine Tochter geboren? 1982. Gut, das genügte. Ich schaute mich in meinem 30-Quadratmeter-Zimmer um. Eigentlich war es zu groß für eine Person. Aber im Lerchenhof waren alle Zimmer gleich geschnitten, mit einem kleinen Balkon, von dem aus man einen herrlichen Blick auf den südlichen Schwarzwald hatte und auf dem absolutes Rauchverbot herrschte, das ich aber häufiger brach und mir dabei vorkam wie ein Teenager, der heimlich in der Schule auf dem Klo raucht. Ich war mir im Lerchenhof häufig wie ein Teenager vorgekommen. Teenager mit 72 Jahren. So könnte der Titel meiner Autobiografie lauten.

Was Frau Dr. Müller-Bach wohl dazu sagen würde? Sie ist die Chefärztin der Klinik und hat alle Patienten dazu animiert, ihre Lebenserinnerungen aufzuschreiben. Sie sagte, man solle keine Kunstwerke verfassen, nur kurz und knapp notieren, was man für wichtig halte. Als wenn das so einfach wäre!

Zufällig fiel mein Blick auf den Abreißkalender, der über meinem Bett hing. Als ich hierherkam, hieß es, wir sollten uns ein Morgenritual aus mehreren kleinen Schritten überlegen, das unserem Tag von Anfang an ein wenig Struktur gebe. Also hatte ich mir in der Buchhandlung des nächsten Ortes ein schwarzes Notizbuch und einen kleinen Abreißkalender besorgt, auf dem für jeden Tag der Spruch eines prominenten Intellektuellen stand. So etwas wie: »Ein Haus ohne Bücher ist arm«, Hermann Hesse, »Der Schwache kann nicht verzeihen«, Mahatma Gandhi usw. Mein Morgenritual bestand nun darin, das Blatt vom Vortag abzureißen, in dem Notizbuch alles, was wichtig war, festzuhalten und manchmal das Rauchverbot zu brechen. Als ich nun beim Morgenlicht auf den Kalender schaute und das Blatt abriss, stand dort: »Wer seine Memoiren schreibt, hat etwas zu verheimlichen«, Kurt Tucholsky.

Ich heiße Heinrich Fraunhofer, aber dieser Name wird Ihnen nichts sagen. Besser bekannt bin ich unter meinem Künstlernamen Danny Silver. In den Siebzigern habe ich Millionen mit Hits wie Nur du und Nachts träume ich nur von dir verdient. Es war die sogenannte »Goldene Zeit des Schlagers« und ich war einer der kommerziell erfolgreichsten Schlagersänger.

Mein Vermögen ist leider auf wenige Besitztümer geschrumpft, zu denen eine Eigentumswohnung in Mainz gehört, die ich von meiner Mutter geerbt habe, und ein Mercedes 200, Baujahr 1982. Früher besaß ich mehrere Häuser in Deutschland, an der Côte d’Azur, in Schottland sowie eine Finca auf Mallorca, außerdem einen Fuhrpark, der aus zwölf Oldtimern und sechs Sportwagen bestand. Aber durch eine raffgierige Plattenfirma, die mich um den Großteil der Rechte meiner Lieder betrog, habe ich in den Achtzigern beinahe alles verloren. Ich lebe heute von spärlichen zwölf Prozent Tantiemen von dem, was mir eigentlich zustehen müsste. Aber ich will mich nicht beschweren.

Ich habe eine Tochter, Clara, aus zweiter Ehe. Sie ist schon erwachsen und hat selbst Kinder. Wir haben seit langer Zeit keinen Kontakt, was an meinem früheren Alkoholproblem liegt, das ich inzwischen aber gut im Griff habe. Clara lebt mit ihrem Mann und ihren Kindern in Hamburg und arbeitet als Immobilienmaklerin. Mein negatives Beispiel hat ihr die Lust an allem, was auch nur entfernt nach künstlerischer Existenz aussieht, gründlich verdorben, obwohl sie als Kind eine leidenschaftliche Chorsängerin war. Wahrscheinlich werden meine Enkelkinder auch sehr bodenständige Berufe ergreifen. Und das ist wohl auch besser so.

Es gibt nicht mehr viele Schlagersänger meiner Generation. Denken Sie nur an Ludwig Franz Hirtreiter alias Rex Gildo, der aus dem Fenster seiner Münchner Wohnung sprang, nach einem Streit mit seinem Lebensgefährten. Vielleicht war er es auch einfach leid, immer den gleichen Song zu singen. Aber ich habe Rex Gildo nie persönlich kennengelernt, kann also nur spekulieren, ob er damit wirklich unglücklich war. Oder denken Sie an Drafi Deutscher, Roy Black und Bernd Clüver, die alle Opfer ihrer Alkohol- und/oder Tablettensucht wurden.

Und nun kommen wir zum eigentlichen Grund meines Aufenthalts im Lerchenhof: Auch ich habe versucht, mir das Leben zu nehmen. In den Gruppentherapien dort habe ich gelernt, gleich offen über alles zu reden, sozusagen mit der Tür ins Haus zu fallen.

»Hi. Ich bin Heinrich Fraunhofer. Ich bin ein ehemaliger Schlagerstar und ich habe versucht, mich umzubringen. Wie ich das getan habe? Ich sprang, genau wie Rex Gildo, aus dem Fenster, allerdings nicht aus dem meiner Wohnung, sondern aus dem des Hotels Ideal in Oelde, einer Kleinstadt in Nordrhein-Westfalen. Vorher hatte ich einen Auftritt bei der Eröffnung eines Autohauses. Muss ich noch mehr sagen?«

Ich stand auf, nahm mir eine Gauloises aus der Schachtel vom Tisch und ging auf meinen Balkon. Er war ungefähr anderthalb Quadratmeter groß und komplett vergittert. Es hatte damit tatsächlich nur eine Person darauf Platz. Und was sollte man dort wohl anderes tun als rauchen? Manchmal sah ich auch andere Leute, die das Rauchverbot brachen, auf ihren Balkonen stehen. Wir winkten uns dann zu als würden wir in vergitterten Raumkapseln einsam durchs All gondeln, froh ein anderes Lebewesen zu sehen, aber unfähig einander zu erreichen.

Der Lerchenhof ist spezialisiert auf Fälle wie mich. Eine Luxusklinik, die sich nicht jeder leisten kann. Mehr als die Hälfte meiner Mitpatienten haben einen oder sogar mehrere Suizidversuche hinter sich. Mein Freund, der Schriftsteller Kurt Vechter, ist auch einer von ihnen. Ich sage, dass er mein Freund ist, obwohl ich mir nicht so sicher bin, immerhin haben wir uns erst vor vier Wochen hier im Lerchenhof kennengelernt. Aber stellen Sie sich vor: Gestern gab er mir die Schlüssel zu einem Haus an der Nordsee, das ihm gehört. Er sagte, ich könne es haben und dort wohnen, es sei ihm nicht mehr wichtig.

Kurt ist genauso wie ich ein alter Knacker, der versucht hat, sich umzubringen. Er trägt immer schwarz: schwarze Schuhe, schwarze Hose und einen schwarzen Rollkragenpulli und sieht damit aus wie einer dieser Existentialisten, die in den Fünfzigern auch an deutschen Universitäten auftauchten, bevor diese Spezies in den Sechzigern durch die Marxisten verdrängt wurde, die ihren natürlichen Lebensraum, den Hörsaal, besetzten und durch das Schwingen großer Reden ihre melancholischen Vorgänger, die zwischen Uni und Jazzkeller hin- und herpendelten, verdrängten. Die Leute, die sich Existentialisten nannten, lasen Sartre und Camus oder gaben wenigstens vor, es zu tun, und behaupteten, das Leben sei sinnlos, aber man solle sich über diesen Zustand freuen. Als wenn man für diese Erkenntnis Sartre und Camus lesen müsste! Die meisten männlichen Studenten, die sagten, sie seien Existentialisten, taten das sowieso nur, um Studentinnen ins Bett zu kriegen. Es gab auch ein paar Frauen, die von sich behaupteten, Existentialistinnen zu sein. Warum sie das taten, weiß ich nicht.

Kurt ist Autodidakt und sehr gebildet. Er hat wahrscheinlich auch Sartre und Camus gelesen, aber er ist mit Sicherheit kein Existentialist. Im Lerchenhof trug er diesen Rollkragenpulli in erster Linie, um die Striemen an seinem Hals zu verstecken, von dem Strick, an dem er sich hatte aufhängen wollen.

Albert Camus behauptete ja bekanntermaßen, es gebe nur ein wirklich ernstes philosophisches Problem: den Selbstmord. Meiner Meinung nach hatte Camus damit alles Wichtige gesagt und er hätte gar kein ganzes Buch schreiben müssen. Leider ging es aber noch weiter und natürlich mussten ein paar philosophische Kniffe folgen, um den Lesern die Botschaft zu geben, dass es noch Hoffnung gebe und jeder, der dann doch den Selbstmord wählt, entweder ein Feigling wäre oder die grundlegende Bedingung des Lebens nicht verstanden habe. Ich hätte Camus gewünscht, diese Thesen mal im Lerchenhof im Kreise der Suizidpatienten erläutern zu müssen. Das wäre eine echte Herausforderung gewesen. Wie sich noch manche erinnern mögen, ist Camus 1960 gestorben, übrigens im gleichen Jahr wie mein Vater, allerdings nicht durch Suizid sondern bei einem Autounfall. Er ist noch nicht mal selber gefahren, sondern der Sohn seines Verlegers hat einen Sportwagen, einen Facel Vega, mit Camus und sich darin um einen Baum gewickelt. Dumm gelaufen!

Ich habe gesagt, Kurt Vechter sei Schriftsteller. Er hat jedoch noch nie etwas veröffentlicht, obwohl er mir erzählte, er habe in seinem Leben hundertdreißig Kurzgeschichten und zwanzig Romane geschrieben. Wir haben uns in den vier Wochen unserer Bekanntschaft im Lerchenhof oft unterhalten und er hat mir viele Inhalte seiner Werke anvertraut. Er sagte, sie seien ihm sowieso nicht mehr wichtig.

Kurt schrieb seine erste Kurzgeschichte im Alter von fünfzehn Jahren, als er noch davon träumte, eines Tages ein großer und bekannter Schriftsteller zu werden.

Es war eine Art Fantasygeschichte und spielt in einer Welt, die von fleischfressenden Ziegen beherrscht wird, die sich Schafe, die ihnen geistig unterlegen sind, als Nutztiere und Futter halten. Der grundlegende Konflikt der Geschichte wird von einer jungen Ziege ausgelöst, die behauptet, die Schafe wären den Ziegen gleich und hätten eine Seele. Sie wird daraufhin von ihresgleichen verstoßen. Es gelingt ihr jedoch, mit ein paar Schafen zu fliehen und zusammen mit ihnen eine Art Kommune aufzubauen, in der alle gleichberechtigt sind!

Ich ließ meinen Blick über den Schwarzwald schweifen, landete aber bei den Fenstern des gegenüberliegenden Gebäudes, das auch zum Lerchenhof gehörte. In manchen Zimmern brannte Licht, obwohl es draußen schon hell war. Die Patienten machten sich fertig für einen weiteren Tag voller Therapien und Gespräche. Manche von ihnen hatte ich in meiner Zeit hier näher kennengelernt. Wir waren eine nette, kleine Familie, wenn auch nur auf Zeit. Jeden Morgen wurden wir um sieben Uhr geweckt, falls wir nicht schon auf waren. Wir mussten uns fertig machen und dann in den Gemeinschaftsraum zum Frühstück kommen. Danach konnte man alle möglichen Arten von Therapien machen: Bewegungstherapie, Kunsttherapie, Gesprächstherapie, einzeln oder in der Gruppe usw. Man konnte frei wählen, aber wenn man einmal eine Therapieform gewählt hatte, musste man sie eine Zeit lang belegen.

Ich hatte alle zwei Tage eine Sitzung bei Frau Dr. Müller-Bach, die mir sagte, ich solle meine Autobiografie schreiben oder mir wenigstens Gedanken darüber machen, was mir in meinem Leben wichtig sei und das dann aufschreiben. Schreibtherapie nannte sie das. In der Klapse durften wir nicht einmal ein Buch lesen, das über das Niveau von Foto-Love-Storys hinausging, um negative Einflüsse von uns fernzuhalten. Und nun sollten wir in den Abgründen unserer Seele herumfischen. Aber die Psychosomatik war eben etwas anderes. Ich war eine Stufe weiter und wurde auf das Leben draußen vorbereitet.

Ich sagte gerade, dass ich in der Klapse war. Der Arzt, der mich nach meinem Sprung aus dem Fenster untersuchte und zu seiner Verblüffung feststellte, dass ich körperlich völlig unversehrt war, verfügte die Einweisung auf der Stelle. Ich befand mich damals in einem Zustand, in dem man sowieso alles mit mir hätte machen können. Also warum nicht die Klapse? Bleibt noch zu sagen, warum ich eigentlich unverletzt war. Das lag daran, dass ich aus meinem Zimmer im zweiten Stock direkt durch das geöffnete Dachfenster des Wellness-Bereichs des Hotels in den Swimming-Pool gesprungen bin. Das Fenster war geöffnet, weil es schon spät abends und der Wellness-Bereich geschlossen war. Das Reinigungspersonal war gerade dabei sauberzumachen und ein wenig zu lüften. Als sie meinen Sprung live miterlebten, riefen sie sofort ihren Chef und den Notarzt an. Dafür, dass sie mit Sicherheit unterbezahlt waren, waren sie sehr pflichtbewusste Leute.

Nach drei Monaten in der geschlossenen Psychiatrie wurde ich der Psychosomatik überstellt und landete im Lerchenhof. An meinem ersten Tag fragte mich eine der Mitpatientinnen, warum ich dort sei. Ich sah keinen Grund, zu lügen und so erzählte ich ihr von meinem Sprung. Sie sagte daraufhin, dass das der wohl schlechteste Selbstmordversuch sei, von dem sie jemals gehört habe.

Der Name der jungen Frau ist Jessy Baumann. Sie ist auch Musikerin, allerdings in einer Punkband, die nur aus Frauen besteht. Jessy bezeichnet sich selbst als Riot Grrrl. Ich weiß nicht, was das ist, aber es scheint ihr sehr wichtig zu sein. Wie viele junge Leute ist sie gepierct und tätowiert. Ihre Haare sind lang und rot gefärbt und an einer Seite abrasiert. Als wir uns gleich am ersten Tag kennenlernten und sie sich über meinen Suizidversuch lustig machte, fragte ich sie, warum sie denn bitte schön hier sei. Sie antwortete, sie habe versucht, sich die Pulsadern aufzuschneiden. Ich wollte ihr irgendwie heimzahlen, dass sie sich über mich lustig gemacht hatte und fragte sie, was denn passiert sei, dass es bei ihr nicht geklappt hatte. Sie antwortete, sie habe es einfach nicht ernst genug gemeint.

Im Laufe der nächsten Wochen lernte ich Jessy besser kennen. Sie ist sechsundzwanzig Jahre alt und könnte damit natürlich gut und gerne meine Tochter sein. Sie kommt aus Ludwigshafen und ihr Vater ist Ingenieur bei der BASF. Nach dem Abitur ging sie nach Berlin und schrieb sich für Germanistik und Philosophie an der Humboldt-Universität ein. Nebenbei jobbte sie als Kellnerin und begann als Gitarristin in Punkbands zu spielen. Inzwischen hat sie ihre eigene Band gegründet, die The Paloma Pussys heißt. Warum sie sich dann aber plötzlich das Leben nehmen wollte, sagte sie mir nicht, obwohl ich sehr offen ihr gegenüber war. Nicht, dass ich glaube, man braucht dafür unbedingt einen guten Grund, aber bei Jessy hatte ich irgendwie das Gefühl, dass etwas mehr dahinter steckte. Und das war bestimmt mehr, als herausgefunden zu haben, dass das Leben sinnlos ist.

Ich habe ganz vergessen zu erwähnen, wie ich auf Jessy aufmerksam wurde. Sie saß auf einer Bank im Park, der zum Lerchenhof gehörte, und las ein Buch. Ich bemerkte im Vorbeigehen zufällig den Titel. Es war Die Vernichtung der europäischen Juden von Raul Hilberg. Ich stand wohl ein bisschen zu lange da, denn schließlich senkte sie das Buch, blickte mich an und fragte: »Is was?«

Ich wusste nicht, was ich sagen sollte. Also meinte ich: »Ein interessantes Buch lesen Sie da.«

»Ach das, ja«, antwortete sie, worauf eine längere, unangenehme Pause entstand.

Schließlich versuchte ich einen Witz zu machen, um das Schweigen zu brechen: »Ich dachte, Ihre Generation interessiert sich nur für Pornos und Videospiele.«

Jessy sah mich an und antwortete: »Und ich dachte, Ihre Generation interessiert sich nur für Schlager.«

Ich war ziemlich überrascht. »Kennen Sie mich?«, fragte ich.

Sie grinste.

»Ich war mir erst nicht sicher. Aber doch, ja. Du bist dieser Schlagertyp. Ist doch okay, wenn ich dich duze? Wir sind doch alle gleich hier?«, meinte sie grinsend und redete weiter, ohne eine Antwort abzuwarten: »Meine Oma hatte eine Plattensammlung mit Schlagern. Auf dem einen Cover war ein Foto von dir. Die goldenen Hits der 70er oder so ähnlich. Als Kind habe ich, zusammen mit meinen Cousins, bei Familienfesten aus Langeweile immer die Plattensammlung durchgehört und mir die Cover angeschaut. Dein Gesicht war eins von denen, an die ich mich irgendwie erinnere. Du warst damals natürlich viel jünger und hattest auch keine langen Haare und keinen Bart. Darum war ich mir auch erst nicht sicher.«

Jessy hatte Recht, nicht nur was das Alter anging. Äußerlich hatte ich mich seit den Siebzigern so verändert, dass ich dachte, kaum jemand könnte mich von alten Fotos wiedererkennen. Seit vielen Jahren ließ ich mein Haupt- und Barthaar wachsen, so dass ich aussehe, wie ein alter Einsiedler, ein Waldschrat. Ich habe frappierende Ähnlichkeit mit Lee Marvin, dem Lee Marvin aus dem Westernmusical Paint your waggon, der Wandrin’ Star sang.

Ich setzte mich und wir redeten weiter. Jessy stellte mir im Laufe unseres Aufenthalts häufig Fragen, die eindeutig unter die Gürtellinie gingen. Sie benahm sich unmöglich. Sie sagte so Sachen wie: »Wenn ich ein Schlagerstar wäre, würde ich nichts anbrennen lassen und ordentlich durch die Gegend vögeln. Wie viele Groupies hast du denn so gebumst?« oder: »Du scheinst ja irgendwie ganz vernünftig zu sein. Wie bist du denn darauf gekommen, Schlager zu machen?«

Auf die letzte Frage antwortete ich ihr: »Ich musste von irgendetwas leben und zu allem anderen besaß ich kein Talent.«

Ich fand meine Antwort ziemlich gut, aber sie schien nicht zufrieden zu sein.

»Ich glaub nicht an so was wie Talent«, sagte sie. »Wenn man etwas häufig genug gemacht hat, dann kann man das irgendwann richtig gut. Ich zum Beispiel hab ein paar Songs geschrieben, die wirklich Scheiße sind, aber ich weiß, wenn ich genau da weitermache, werde ich immer besser.«

»Ich wusste nicht, dass es beim Punk darum geht, möglichst gut zu sein«, meinte ich, um sie zu ärgern.

»Was weißt du denn bitte schön von Punk?«

Ehrlich gesagt, habe ich keine Ahnung davon. Ich wollte mir aber vor ihr keine Blöße geben, also packte ich ein paar rudimentäre Kenntnisse aus.

»Mein liebes Kind, 1979, im Hochjahr von Punk, war ich 34 Jahre alt und du noch nicht mal geboren. Ich weiß sehr gut, was Punk ist. Und die Sache mit dem Talent. Na ja. Irgendwas muss da auf jeden Fall dran sein. Ich geb’ dir ein Beispiel. Du kennst doch bestimmt Tolstoi? Dann weißt du vielleicht auch, dass er in seinen späten Jahren versucht hat, ein einfaches Leben auf dem Land zu führen und seine Hausangestellten als gleichberechtigt behandelt hat, was damals im zaristischen Russland ungefähr so obszön war, wie heute, Tierpornos zu drehen. Auf der Suche nach einer sinnvollen Tätigkeit begann er Schuhe zu machen. Aber er machte es so schlecht, weil er sein ganzes Leben lang nie körperlich oder handwerklich gearbeitet hatte, dass sein Hauspersonal und seine Familie alle nur aus Höflichkeit die Schuhe trugen, die er für sie gemacht hatte. Der vielleicht größte Romancier der Weltliteratur war also gleichzeitig der schlechteste Schuhmacher weit und breit. Was ich meine ist nur, manche Leute sollten einfach bei dem bleiben, was sie richtig gut können und wofür sie Talent haben.«

Man kann sich an dieser Stelle fragen, woher ein Schlagersänger das alles weiß? Na ja, nur weil ich mit Schnulzen ein Vermögen verdient habe, bedeutet das nicht, dass ich ungebildet bin! Aber in diesem Fall hatte mir Kurt diese Anekdote kurz vorher erzählt.

Nach diesem Gespräch herrschte eine Weile Stille zwischen uns. Als ich sie ein paar Tage später traf, sprach sie mich auf diese »Tolstoi-Sache« noch einmal an und meinte: »Wenn er lange genug geübt hätte, wäre er sicher ein super Schuhmacher geworden. Es war für ihn nur leider ein bisschen zu spät.« Sie ist so stur!

An meinem letzten Tag im Lerchenhof hatte ich keine Termine. Das Abschlussgespräch mit Frau Dr. Müller-Bach hatte am vorigen Tag stattgefunden. Sie ist ungefähr zehn Jahre jünger als ich, mit einem strengen Zug um den Mund, halblangen, ergrauten Haaren und einem stechenden Chefärztinnenblick. Bei unserer letzten Sitzung war sie jedoch sehr herzlich zu mir und verabschiedete sich vielleicht ein wenig zu überschwänglich, dafür, dass sie meine Therapeutin war. Frau Dr. Müller-Bach hat ihren Doppelnamen von ihren beiden geschiedenen Ehemännern. Sie sagte mir, sie habe immer noch Kontakt zu beiden und sie seien immer noch sehr nett. Das nenne ich mal Treue bis in den Tod. Bleibt abzuwarten, was sie von ihrem jetzigen Mann behalten wird. Ich dachte, dass ich das auf jeden Fall nicht mehr miterleben werde, denn gleich sollte ich durch das Tor des Lerchenhofs gehen und nie wiederkommen. Mein alter Mercedes war auf einem bewachten Parkplatz nicht weit weg geparkt. Ich wollte mit einem Taxi dorthin fahren und mich auf den Weg nach Trangast machen. So hieß die kleine Küstenstadt an der Nordsee, wo Kurts Haus stand. Ich wusste nichts über dieses Kaff, nur dass es dort dieses Haus gab, in dem ich dann meine Memoiren schreiben wollte. Jawohl, ich war entschlossen herauszufinden, was ich eigentlich zu verheimlichen hatte. Das war es, was ich von Frau Dr. Müller-Bach behalten wollte.

Ich drückte meine Zigarette am Gitter aus, warf sie drinnen in meinen Papierkorb und begann, meine Sachen zu packen. Es waren nicht besonders viele, aber ich ließ mir Zeit. Dann nahm ich meine Tasche und verließ das Zimmer, das wochenlang mein Zuhause gewesen war. An der Pforte sollte der Arztbrief für mich bereitliegen, sozusagen meine Entlassungspapiere.

»Es wird empfohlen, dass sich der Patient umgehend in ambulante Behandlung begibt. Eine tiefenpsychologisch fundierte Therapie erscheint ratsam.«

So oder ähnlich hatte es mir tags zuvor Frau Dr. Müller-Bach persönlich gesagt, in ihrem schönsten Chefärztinnenjargon. Ich hatte ihr Büro mit dem guten Gefühl verlassen, noch einmal davongekommen und keiner ihrer verflossenen Ehemänner geworden zu sein.

Ich machte noch einen Abstecher zum Frühstückssaal, den ich als Patient jeden Morgen besucht hatte, entdeckte dort aber keine Bekannten, nur ein paar neue Gesichter. Schnell nahm ich eine Schüssel Müsli und einen Kaffee zu mir und machte mich auf den Weg zur Pforte. Plötzlich stand Jessy mit gepackten Taschen vor mir.

»Ich habe Kurt getroffen. Er hat mir alles erzählt. Ich komme mit dir«, sagte sie.

Ich starrte sie an.

»Und auf den Gedanken, mich zu fragen, ob mir das recht ist, bist du wohl nicht gekommen?«

»Warum soll dir das nicht recht sein? Es ist schließlich nicht dein Haus. Von Kurt habe ich schon das Okay. Ihm ist das alles egal.«

»Mir aber nicht.«

»Was willst du denn bitte schön völlig alleine in diesem Kaff an der Nordsee anfangen?«

»Ich will meine Memoiren schreiben.«

»Na, umso besser. Ich kann dir dabei helfen.«

»Wie willst du mir denn dabei helfen? Für so was braucht man Ruhe und vor allem Einsamkeit.«

»Das hast du wohl in einem Ratgeber für angehende Schriftsteller gelesen, was? Klischeehafter geht’s ja nicht. Du kannst mir auf der Fahrt Anekdoten aus deinem Leben erzählen und ich sag dir dann, welche ins Buch kommen. Außerdem schuldest du mir noch eine Antwort.«

Was sie meinte, war die Antwort auf die Frage, warum ich Schlagersänger geworden war. Jessy war während meines Aufenthalts im Lerchenhof immer wieder darauf zurückgekommen, weil meine erste Antwort sie nicht zufriedengestellt hatte. Irgendwann einmal hatte ich keine Geduld mehr und schrie sie an: »Ist ja gut! Ich sags dir! Weißt du, ich bin niemand, der sich nicht darüber bewusst wäre, dass das, was er gemacht hat, nur Schnulzen waren. Seichte Unterhaltung, die die Leute nach Feierabend hörten, Lieder bei denen sie mitsummten und nicht einmal wussten, wie der Song genau hieß. Aber vielleicht wollte ich noch etwas anderes. Ich wollte die Deutschen, die in der Zeit, als ich anfing, Musik zu machen, hauptsächlich aus Altnazis bestanden, mit meiner Musik zumüllen. Ich wollte ihnen eine heile Welt geben, eine heile Welt, die ihnen vorne und hinten wieder rauskam, die sie retardieren ließ, weil sie es nicht besser verdient hatten, weil sie zugesehen hatten, wie sechs Millionen Juden deportiert und ermordet worden waren, weil sie Hitler gewählt hatten und es immer wieder getan hätten. Deshalb habe ich begonnen, Schlager zu machen.«

Nach diesem Ausbruch ließ sie mich eine Weile in Ruhe. Aber bald kam sie wieder und ihre Fragerei nach Details wurde noch bohrender, besonders, weil ich einmal erwähnt hatte, dass ich nicht mit Schlagern angefangen hatte. Eine Zeit lang wollte ich nichts lieber machen als Serielle Musik. Diese Musikrichtung, die man kaum hören kann, in der Nachfolge der Zwölftonmusik, deren Stücke so Namen haben, wie Subtraktion 33, Molekül XII–XXIII oder Dienstag aus Licht.

Wir standen also beide mit gepackten Taschen voreinander.

Ich seufzte. »Aber du bist hier doch noch gar nicht fertig. Soweit ich weiß, hast du noch mindestens eine Woche vor dir.«

»Das stimmt. Aber das ist alles schon geregelt. Ich gehe auf eigene Verantwortung. Das ist ja kein Knast hier.«

Damit hatte Jessy natürlich Recht. Wir konnten jederzeit auf eigenen Wunsch den Lerchenhof verlassen, wenn wir wollten. Es schien, als gab es keine Möglichkeit, das Drohende zu verhindern.

Aber ich blieb unerbittlich: »Nein Jessy, keine Chance. Ich gehe alleine. Du kannst mich nicht umstimmen. Es gibt nichts, was du sagen kannst, um das zu ändern.«

2

»Also, erzähl mir was über deine Eltern. Damit könnten wir anfangen«, sagte Jessy neben mir auf dem Beifahrersitz. Wir waren bereits auf der Autobahn und hatten unsere Verfolger abgehängt. Zumindest schien es so.

Als wir nämlich an der Pforte des Lerchenhofs meinen Arztbrief abholten und uns von Johann, dem Pförtner, verabschiedeten, sagte dieser, dass zwei Herren nach mir gefragt hätten und deutete auf den Parkplatz der Klinik. Dort stand ein ziemlich auffälliger schwarzer Oldtimer, ein Sportwagen und darin zwei Männer, ein älterer mit Vollbart und ein jüngerer, der, wie ich flüchtig schätzte, in den Dreißigern war. Beide beobachteten die Pforte und gerieten, als sie uns sahen, in Bewegung. Der Ältere wollte die Beifahrertür öffnen, aber sie schien zu klemmen. Daraufhin versuchte er, bei dem jüngeren Mann auszusteigen, der aber zu spät reagierte, weil er mit seinem Smartphone beschäftigt war. Der Alte wollte sich an ihm vorbeiquetschen, aber da er ein wenig übergewichtig war, dauerte das alles sehr lange, sodass ich Zeit hatte, schnell zu dem wartenden Taxi zu laufen, das Gepäck einzuladen, einzusteigen und davonzufahren. Im Vorbeirennen fiel mir auf, dass das Auto der beiden ein Facel Vega war, das gleiche Modell, in dem Camus vom Sohn seines Verlegers Gallimard zu Tode gefahren worden war.

Jessy blieb die ganze Zeit an meiner Seite, sprang wortlos ebenfalls ins Taxi und fuhr mit mir zusammen zu dem Parkplatz, auf dem mein Mercedes 200 auf mich wartete. Als wir den Parkplatz in meinem Wagen verließen, stellten wir fest, dass der schwarze Facel Vega es geschafft hatte, uns aufzuspüren. Auf der Autobahn schienen wir ihn allerdings abgehängt zu haben. Ich hielt unsere Verfolger für Presseleute, die nach meinem Suizidversuch an einer Titelstory mit mir für irgendein Boulevardblatt interessiert waren.

»Also gut«, seufzte ich. »Ich mache dir einen Vorschlag. Wenn wir diese Fahrt schon zusammen machen, was du einfach so beschlossen hast, dann können wir uns auch unterhalten. Aber unterhalten bedeutet, dass beide sprechen. Ich erzähle dir etwas aus meinem Leben und du mir etwas aus deinem. Einverstanden?«

»Okay, einverstanden. Also, das Wichtigste von mir zuerst: Ich bin schwanger.«

Diese Nachricht brachte mich völlig aus dem Konzept, wie man sich vorstellen kann, und ich war froh, dass ich keinen Unfall baute. Ich stellte ihr einige Fragen dazu, besonders was sie denn jetzt weiter vorhabe. Aber sie winkte ab.

»Nein, nein, nein. Jetzt bist du erst mal dran. Das musst du erst mal einholen. Also: Wer und wie waren deine Eltern?«

Die Geschichte kennt Gewinner und Verlierer. Möchte man manchmal glauben. Aber es gibt natürlich auch Gewinner, die Verlierer waren und umgekehrt. Als ich jung war, war Heinrich Lübke Bundespräsident. Man möchte meinen, ein Gewinner. Aber Lübke kennt man heutzutage nur noch durch seinen Spruch: »Meine Damen und Herren, liebe Neger!« Also was für ein Gewinner ist ein Bundespräsident, den man nur noch durch den rassistischen Anfang einer Rede kennt?

Oder man denke an den Fürsten von Pückler, ein seinerzeit sehr erfolgreicher und gebildeter Literat, der auch berühmte Landschaftsgärten entwarf und baute. Heute sieht man seinen Namen ziemlich häufig in Gefriertruhen im Supermarkt.

Meinen Vater kennt kaum noch jemand, obwohl er früher sehr berühmt war. Und das ist wahrscheinlich auch besser so. Mein Gesangstalent liegt nämlich in der Familie. Georg Fraunhofer war Schlagersänger, aber in erster Linie Schauspieler. Er war auch der Grund, warum ich einen Künstlernamen annahm. Er muss ein träumerisches Kind gewesen sein, 1910 im Rhein-Main-Gebiet als Sohn eines Winzers geboren, begeisterte er sich als junger Mann für die Romantik, träumte davon, Künstler zu werden und nach Italien auszuwandern. Er zitierte immer Gedichte aus Des Knaben Wunderhorn von Wackenroder und Tieck. Als ich vierzehn war, schenkte er mir die Herzensergießungen eines kunstliebenden Klosterbruders. Ich wusste eigentlich nicht genau, was ich damit sollte, habe sie auch nie gelesen, besitze das Buch aber noch heute.

Während der älteste Bruder das elterliche Weingut übernehmen sollte, wurde mein Vater nach der Schule nach Frankfurt geschickt, um eine Lehrstelle in einer Bank anzutreten. Aber die Arbeit langweilte ihn. Er interessierte sich mehr für Theater und Oper und nahm privat Schauspielunterricht. Es gelang ihm, mit zwanzig Jahren Komparse am Frankfurter Schauspielhaus zu werden. Einer der Regisseure bemerkte, dass mein Vater ein gewisses Charisma besaß und ließ ihn einmal eine Nebenrolle übernehmen. Von da an ging es bergauf mit seiner Karriere. Er kündigte in der Bank, nachdem er seine erste Hauptrolle in einer Komödie namens Die Kommunionsfeier bekommen hatte. Nebenbei feierte er große Erfolge im rheinischen Karneval, wo er regelmäßig bei Sitzungen auftrat. Aber die lokale Berühmtheit, die er geworden war, reichte ihm nicht. Als 1933 alle Theater gleichgeschaltet wurden, witterte Georg Fraunhofer seine große Chance. Er biederte sich bei dem neuen Intendanten Hans Meissner an und wurde der Star des völkischen Theaters in Frankfurt.

Ungefähr zu diesem Zeitpunkt muss Joseph Goebbels, der immer auf der Suche nach neuen deutschen Talenten war, auf ihn aufmerksam geworden sein. Kann sein, dass er ihn einmal bei den Römerberg-Festspielen auf der Bühne gesehen hatte, jedenfalls holte er meinen Vater nach Berlin und brachte ihn bei der UFA unter. Dort stieg Georg Fraunhofer als Gesangstalent und Schauspieler in der Propaganda-Maschinerie kometenhaft zu einer Berühmtheit auf. Er betörte die Reichsdeutschen über den Volksempfänger mit einer Mischung aus Heimatkitsch und melancholischen Sehnsuchtsliedern nach Liebe und Vaterland, aber sein Hauptgeschäft wurde der Film. Ab 1934 spielte er in vielen schnulzigen Liebesfilmen mit, in denen er immer den jungen Liebhaber mimte. Seichte Unterhaltung ist also gewissermaßen bei uns eine Familientradition.

Meine Mutter, Margarete Hammerstein, sang in einem Berliner Varieté, als mein Vater sie 1938 kennenlernte. Sie war fünf Jahre jünger als er und stammte aus einer Textilfabrikantenfamilie. Ihr Vater hatte sie vor dem Ersten Weltkrieg in Berlin gegründet und war schnell zu Wohlstand gelangt. Die Gesinnung in der Familie meiner Mutter war deutsch-national. Mein Großvater empfand den Vertrag von Versailles als großes Unrecht und sympathisierte mit den sogenannten Freikorps, die einen Bürgerkrieg gegen die Regierung in Weimar führten. Er muss schon sehr früh ein Anhänger Hitlers gewesen sein, jedenfalls weiß ich, dass er ein Exemplar von Mein Kampf in erster Auflage besaß.

Diese politische Haltung übertrug sich auf meine Mutter. Da ihr Vater mit den Nazis sympathisierte, tat sie es eben auch. Wie sie als Bürgerstochter aus gutem Hause auf den Gedanken gekommen war, in einem etwas zwielichtigen Amüsierlokal zu arbeiten, weiß ich nicht. Aber sie tat es, sang Chansons, tanzte dazu und träumte von einer Karriere in einem großen Varieté in Paris. Mein Vater zerstörte diese Träume meiner Mutter auf seine Art: Er heiratete sie.

Bis zu seinem Tod war sie lediglich seine Ehefrau und begann eine Karriere als Alkoholikerin.

Ich wurde 1945 geboren, knapp vier Wochen nach Kriegsende, nachdem die Deutschen es geschafft hatten, dass ihr eigenes Land in Trümmern lag. Man könnte meinen, der verlorene Krieg hätte für meinen Vater das Ende seiner Karriere bedeutet. Er war einer jener Unterhaltungskünstler, die im Dritten Reich ein behagliches Leben geführt hatten und von ihrem Übervater Goebbels wie kleine Kinder, denen jeder Wunsch erfüllt wird, gehätschelt worden waren.

Georg Fraunhofer wirkte zusammen mit Stars wie Willy Birgel, Johannes Heesters, Marika Röck oder Willy Fritsch besser als die ausgefeilteste Propaganda-Rede. Joseph Goebbels, Doktor der Germanistik und den Künsten zugewandt, war sich dieser Leistung seiner Schützlinge bewusst und förderte sie, wo er nur konnte, wenn ihm nicht Hermann Göring, der zweite Mann in Hitlers Reich und ein weiterer bedeutender Kunstexperte der Nazis, dazwischen funkte. Aber meistens gab es keine Probleme.

Mein Vater jedenfalls lebte wie ein Fürst und wie alle anderen Stars dieses Staates, ohne sich darum zu kümmern, dass er durch seinen raschen Aufstieg nur die Lücke gefüllt hatte, die durch die verschleppten, exilierten und verhafteten Regimegegner und jüdischen Künstler entstanden war.

Er sagte später, dass er sich nie sonderlich für Politik interessiert habe, sondern für Kunst und schöne Frauen. Letzteres ist wörtlich zu nehmen. Er hatte bei jedem seiner Filme eine andere Geliebte vor und hinter der Kamera. Meine Mutter schwieg stets dazu und trank.

Goebbels, der ebenfalls an Schauspielerinnen interessiert war und deshalb hinter vorgehaltener Hand »der Bock von Babelsberg« genannt wurde, war meinem Vater ganz besonders zugetan. Bei offiziellen Anlässen war Georg Fraunhofer häufig in der Menschentraube zu sehen, die den Propaganda-Minister umgab. Er begleitete ihn auch oft ins Theater oder ins Kino. Mein Vater sagte später, er habe das nur für seine Karriere getan, die ja auch seiner Familie zugute kam, so wie sich heutzutage auch Künstler mit ihren Mäzenen aus Politik und Wirtschaft öffentlich zeigten. »Aber diese Verbrecher habe ich eigentlich immer verabscheut.« Diese Verbrecher verschafften meinem Vater eine feste Anstellung bei der UFA. Mehr noch, die UFA behielt eine bestimmte Summe der Gage in Absprache mit ihm ein und legte das Geld für ihn an, kaufte Immobilien, Aktien, sorgte für ihn wie eine gute Mutter.

Als ich zur Welt kam, war Joseph Goebbels bereits tot und mir blieb ein Propaganda-Minister als Patenonkel erspart. Ich wuchs in Mainz auf, wo meine Eltern eine Wohnung bezogen hatten, in einem Haus, das von den Bombardierungen verschont geblieben war. Es stand in der Oberstadt. Für ein paar Jahre wohnte im Nebenhaus der Arzt und Schriftsteller Alfred Döblin, was meinen Vater wahrscheinlich genauso wenig interessierte wie unseren berühmten Nachbarn. Georg Fraunhofer konnte mit moderner Kunst nichts anfangen und mit Literatur noch weniger. Abgesehen von den Gedichten der Romantiker habe ich ihn nur einmal Ludwig Ganghofer lesen sehen. Allerdings hatte ich auch nie Gelegenheit, mit ihm über Kunst zu sprechen.

Das große schauspielerische Vorbild meines Vaters war Buster Keaton. Warum er, der sein Leben lang in Schnulzen die Hauptrollen gespielt hatte, sich einen der größten Stars der Filmgeschichte zum Vorbild auserkor, weiß Gott allein. Wahrscheinlich braucht jeder Mensch jemanden, zu dem er aufblicken kann. Ich erinnere mich an einen Film von Keaton, in dem er, der die männliche Hauptrolle spielt, sieht, wie ein Mann seine Frau misshandelt. Keaton will einschreiten und die Frau beschützen, die ihn aber wegstößt und sich bereitwillig weiter von ihrem Mann schlagen lässt. So ähnlich könnte man die Beziehung zwischen meinem Vater und meiner Mutter beschreiben. Mit dem Unterschied, dass er sich in der Rolle Keatons sah, während ich, und wahrscheinlich auch meine Mutter, in ihm nur den schlagenden Mann wahrnahmen.

Die Karriere meines Vaters ging nach dem Krieg einfach weiter, weil er als Künstler nicht direkt in die Verbrechen des Regimes involviert gewesen war und immer noch über die alten Kontakte verfügte. Bis auf eine kurze Episode in den unmittelbaren Nachkriegsjahren, an die ich mich nicht erinnern kann, ging es uns finanziell immer sehr gut.

Mein Vater drehte in den Fünfzigern noch zehn Filme. Damit brachte er es insgesamt auf 43, bei denen er Haupt- und Nebenrollen gespielt hatte, nicht mitgezählt seine Theaterauftritte. Die Themen der Filme waren stets dieselben. Es ging um Heimat, Liebe und klar definierte Geschlechterrollen, nur dass mein Vater aufgrund seines Alters nicht mehr den jugendlichen Liebhaber sondern den liebenden und gütigen Vater spielte.

Dass ich in Mainz geboren wurde und aufwuchs, hatte mehrere Gründe. Meine Eltern glaubten, sie seien bei den Amerikanern besser aufgehoben als bei den Russen und ihnen gelang, natürlich mit Hilfe alter Kameraden, im März 1945 die Flucht aus Berlin. Goebbels hatte meinen Vater auf die sogenannte »Gottbegnadeten-Liste« gesetzt, auf der die Leute aufgeführt waren, die im Reich unentbehrlich waren und nicht an der immer enger werdenden Front eingesetzt werden durften. Hinzu kam, dass Georg Fraunhofer nicht nur vor und während des Krieges einer der beliebtesten Schauspieler Deutschlands war, sondern auch noch danach, eigentlich bis zu seinem Tod. Er rangierte an oberster Stelle in der Publikumsgunst. Nur Heinz Rühmann und Willy Fritsch konnten sich mit ihm messen. Dementsprechend hatte er nicht nur viele Bewunderer, sondern auch viele Freunde, besonders im Rhein-Main-Gebiet, aus dem er in die Welt ausgezogen war und wo er ja so große Erfolge in der Fastnacht gefeiert hatte.

Georg Fraunhofer, der sein Leben lang nur Komödien drehte, verstand ein echtes menschliches Drama nicht, wenn er es vor sich hatte. Ich habe mir die Flucht meiner Eltern immer in einer Filmsequenz ausgemalt.

In der ersten Szene sieht man den vollbeladenen Zug mit Flüchtlingen, Waggon an Waggon zieht er an der Kamera vorbei. Die Leute haben die Türen geöffnet und lassen die frische Frühlingsluft herein, dann Bilder aus der Nahen und der Großaufnahme, einzelne Gesichter, Erschöpfung, Unsicherheit, Angst, schwangere Frauen, meine Mutter. Der Zug bremst. Eine Kontrolle. Deutsche Soldaten rufen. Alles raus. Noch ist Krieg. Die meisten Männer müssen zum Volkssturm. Mein Vater nicht. Er hat die Papiere mit der Unterschrift des Propagandaministers. Er und einige andere dürfen weiterfahren. Der Großteil der jungen Männer bleibt zurück, um den Amerikaner aufzuhalten, den Engländer oder den Russen. Die meisten dieser Einheiten werden sich ergeben oder sterben. Der Zug rollt wieder an. Weiter geht es Richtung Westen. Später, während des Wirtschaftswunders, werden die meisten Deutschen, die dies miterlebt haben, es als die schlimmste Zeit ihres Lebens bezeichnen. Hunger, Kälte, Elend. Kaum vorstellbar, dass jemand etwas Schlimmeres erlebt hat. Doch. Die Juden. Aber die kommen im Film meines Vaters nicht vor. Er hat die Hauptrolle. Hoffnungsfroh schaut er wieder in die Zukunft. Er träumt vielleicht schon von einer Karriere in Hollywood. Am nächsten Tag hält der Zug wieder, diesmal endgültig. Die Kunde ist durchgedrungen, dass die Eisenbahnbrücke bei Mainz gesprengt worden ist, die bei Gernsheim auch. Verbrannte-Erde-Befehl. Alle steigen aus und müssen zu Fuß weiter. Die Amerikaner sind nicht mehr weit. Mein Vater versucht, sich zu orientieren. Aber meine Mutter ist die bessere Pfadfinderin. Sie findet sich in der ganzen Situation sowieso besser zurecht, trotz oder vielleicht gerade wegen ihrer Schwangerschaft.

Sie zieht meinen Vater abseits des Pfades durch die Weinberge. Stunden sind sie unterwegs. Dann begreift auch mein Vater. Sie sind ganz in der Nähe seiner Eltern. Eine Sekunde zögert er. Er möchte zurück. Sich von den Amerikanern verhaften lassen. In die USA gelangen. Warner Bros. Hollywood. Oscar. Meine Mutter zieht ihn weiter. Sie gelangen zu seinen Eltern. Das Haus. Totale. Abspann.

Ich habe das aus den Erinnerungen meiner Mutter gebastelt. Meinen Vater habe ich nie danach fragen können. Auf dem Land ließ es sich damals für Flüchtlinge besser leben. Es gab mehr zu essen als in der Stadt. Bei meinen Großeltern sowieso. Die Amerikaner kamen, stellten Fragen, forderten meinen Vater auf, zur Registrierung mitzukommen, verhafteten ihn aber nicht. Seine deutschen Ausweispapiere mit der Goebbels’schen Empfehlung hatte er bereits vernichtet. Er war ja kein Idiot. Als der Krieg im Mai endlich zu Ende war, beschlossen meine Eltern nach Mainz zu ziehen. Es hieß, die Franzosen, die inzwischen auch da waren, suchten Leute für den Rundfunk. So kam ich dort zur Welt.

Die nächsten Jahre verbrachte Georg Fraunhofer bei einem französischen Radiosender als Moderator in einer Unterhaltungssendung für Deutsche. 1951 stand er dann bei einer größeren Filmproduktion wieder vor der Kamera. Der einzige ernsthafte Film, den mein Vater nach dem Krieg und überhaupt drehte, war ein Militärfilm, in dem er den guten Wehrmachtsoffizier mimte, der sich gegen die bösen SS-Männer zu behaupten hatte. Prompt wurde er mit Preisen überhäuft. Es war, als hätte man nur darauf gewartet, ihn auszuzeichnen.

Meine Mutter tat inzwischen das, was sie seit dem Ende der eigenen Karriere die ganze Zeit schon getan hatte: Sie trank.

Wir hatten einen Onkel, einen Bruder meiner Mutter, Onkel Erwin. Er war Schneidermeister, wohnte in Westberlin und hatte riesige Hände. Außerdem war er in der SPD, sozusagen das schwarze Schaf der Familie. Alle Altnazis waren in der CDU oder in der FDP. Aber Onkel Erwin war einfach kein Nazi gewesen. Später erfuhr ich, dass er sich mit seinem Vater, meinem Großvater, schon lange überworfen hatte und sogar enterbt worden war. Er besuchte uns nicht oft, aber wenn er kam, brachte er mir immer ein Geschenk mit und nahm mich auf den Schoß. Sein Atem roch nach Tabak und Schnaps und ich bewunderte seine großen Hände. Einmal kam er zum Geburtstag meiner Mutter. Ich weiß noch, dass ich bereits im Bett lag und schlief. Aber plötzlich wurde ich von lautem Stimmengewirr aufgeweckt. Ich schlich in Strümpfen und Nachthemd aus meinem Zimmer durch den Flur und lugte durch den Türspalt ins hell erleuchtete Wohnzimmer.

Am Tisch saß Onkel Erwin. Er war der letzte Gast. Etwas war zu Bruch gegangen. Unsere Haushälterin Anna war damit beschäftigt, die Scherben eines Glases wegzuräumen. Mein Vater stand mitten im Raum und schien sehr aufgebracht, während meine Mutter mit erhobenen Armen versuchte, ihn zu besänftigen.

»Das nimmst du zurück, Erwin«, schrie mein Vater.

»Ich denke nicht daran. Was wahr ist, muss wahr bleiben.«

»Woran sollen wir denn noch alles schuld sein? Die Russen sind auch nicht gerade Waisenknaben gewesen, falls du dich erinnerst. Sind sie immer noch nicht.«

»Es geht hier nicht um die Russen, sondern um das, was du und deine Sippschaft getan haben oder eben nicht getan haben. Eure Köpfe steckten bei Goebbels doch ganz tief da drin.« Damit erhob er sich kurz und deutete auf seinen Hintern.

»Ich glaube, du gehst jetzt besser, Erwin«, schaltete sich meine Mutter ein.

»Ja«, sagte mein Onkel. »Es ist auch schon spät geworden. Zu spät.« Er stand auf und machte Anstalten das Zimmer zu verlassen. Ich schlüpfte schnell zurück in mein Bett, stellte mich schlafend und wartete bis Onkel Erwin weg war und Anna die Scherben aufgesammelt hatte. Ich wusste, dass sie noch einmal nach mir sehen würde und hatte mich nicht geirrt. Aber nachdem sie sich überzeugt hatte, dass ich schliefe, zog sie sich in ihr Zimmer zurück. Im Wohnzimmer brannte immer noch Licht. Ich stand auf und nahm meinen Beobachtungsposten wieder ein. Mein Vater lief wütend im Raum auf und ab. Ich hörte, wie er sagte: »Mit Leuten wie ihm kann man nicht reden. Die glauben doch, sie hätten die Moral auf ihrer Seite und immer das Richtige getan. Und jetzt blicken sie auf uns hinab. Aber das lass ich mir nicht gefallen.«

»Ja, Erwin war schon immer anders. Mit Vater gab es auch ständig Streit wegen Politik.«

Mein Vater setzte sich an den Tisch und schüttete sich einen Schnaps ein. Was er dann sagte, werde ich nie vergessen:

»Das waren einfach andere Zeiten. Ohne Hitlers Einmarsch wäre ich nie dorthin gekommen, wo ich heute bin. Ich habe nur die Gelegenheit genutzt. Das kann man mir doch nicht vorwerfen. Ich wollte die Welt erobern. Und das habe ich getan.«

Nach diesem Abend kam Onkel Erwin überhaupt nicht mehr zu Besuch.

3

Ich fragte Jessy, ob sie vielleicht bereit sei, unsere Abmachung einzuhalten und auch etwas aus ihrem Leben zu erzählen, nachdem sie mich mit der Nachricht ihrer Schwangerschaft geschockt hatte. Sie ließ sich darauf ein und berichtete, dass es ihr nach ihrem positiven Schwangerschaftstest sehr schlecht gegangen sei und sie nicht mehr gewusst hatte, was sie tun sollte.

»Ich konnte mit keinem darüber sprechen, am allerwenigsten mit meinen Eltern. Die hätten mir sowieso nur Vorwürfe gemacht. Als meinem Vater irgendwann klar wurde, dass ich kein kleines Mädchen mehr war, glaubte er ernsthaft, ich würde so ein Leben wie meine Eltern führen, irgendwann einen Mann kennenlernen, am besten einen Ingenieur, heiraten, eine Schar von Enkelkindern bekommen und Hausfrau und Mutter werden. Ich wusste schon in der Pubertät, dass ich das nicht wollte. Als ich meinen ersten Freund hatte, fragte ich, ob ich ihn mit nach Hause bringen dürfe. Mein Vater rastete aus und schrie, solche Dinge dulde er in seinem Haus nicht und ich solle froh sein, dass er so viel Geld verdiene und wir uns überhaupt ein Haus leisten konnten. Ich meine, okay, meine Eltern sind keine Nazis, aber komplett durchgeschossen.«

Ich sagte nichts dazu, stimmte ihr aber heimlich zu. Nach einer Weile fragte ich sie, wie sie eigentlich in den Lerchenhof gekommen sei.

»Ich meine, das ist ja immerhin eine Privatklinik und ziemlich teuer.«

Aber sie sagte nur: »Ich habe jetzt keine Lust, darüber zu reden. Erzähl weiter!«

Ich verlebte also meine Jugend in Mainz und wuchs in großbürgerlichen Verhältnissen auf. Mein Vater war ständig unterwegs und brachte das Geld nach Hause, viel Geld. 1955 kaufte er etwas außerhalb ein Haus für uns, idyllisch inmitten von Obstplantagen und Weinbergen gelegen. Die Wohnung in der Oberstadt behielten meine Eltern als Stadtresidenz. Unser Hausmädchen Anna, eine burschikose Frau, die mit ihrer Mutter vor der Roten Armee aus Ostpreußen geflohen war, versorgte Haus und Wohnung und kümmerte sich um meine Erziehung, und meine Mutter kümmerte sich um sich selbst.

Das alles änderte sich eigentlich erst, als mein Vater überraschend starb. Er erlag im Alter von 50 Jahren einem Herzinfarkt. Bis zu seinem Tod war er einer der beliebtesten deutschen Volksschauspieler geblieben, auch wenn ihn heute niemand mehr kennt. Die Beerdigung fand im kleinen Rahmen statt. Nur die engste Familie war eingeladen. Der Pfarrer, der die Trauerpredigt halten sollte, war furchtbar aufgeregt. Er erzählte mir, dass es ihm eine Ehre sei, einen so berühmten Toten beerdigen zu dürfen. Er habe ihn einmal bei irgendeinem Festakt zu Ehren eines Politikers gesehen. Er beschrieb mir ganz genau, wie der Auftritt meines Vaters gewesen war, wer damals dabei war und so weiter. Am Schluss stellten wir beide fest, dass er nicht meinen Vater, sondern Johannes Heesters gesehen hatte.

Als er noch lebte, war mein Vater für mich lange Zeit einfach nur mein Vater, ein Mann, der selten zu Hause war, mir aber immer Spielsachen und Schokolade mitbrachte. Adenauer regierte das Land, Frauen durften ohne die Zustimmung ihrer Ehemänner nicht arbeiten gehen, alle waren plötzlich katholisch oder taten so und überall durfte man rauchen und trinken. Ich ging in die Schule und stellte bald fest, dass ich in beinahe allen Fächern schlecht war, bis auf Musik. Dort waren meine Lehrer begeistert und attestierten mir eine musische Begabung. Ich hatte große Schwierigkeiten Lesen und Schreiben zu lernen, und in Naturwissenschaften war ich noch schlechter. Je älter ich wurde, desto weniger ernst nahm ich die Schule. Trotzdem schickte mich meine Mutter aufs Gymnasium. Ich erinnere mich an einen Chemietest, bei dem ich eine sechs bekam. Ich hatte bei Fragen wie »Nenne drei Eigenschaften des Elementes Neon« als Antwort geschrieben: »Treue, Ehrlichkeit und Zuverlässigkeit«. Oder »Unter welchen Bedingungen bildet sich bei Gülle Methangas?« »Unter schlechten.« Mein Chemielehrer schrieb unter die Note zusätzlich die Bemerkung, dass ich anfangen solle, die Schule ernst zu nehmen. Meinen Eltern schien das ziemlich egal zu sein. Allerdings verfügte meine Mutter, dass ich schon in jungen Jahren Klavier- und Gesangsunterricht bekam. Wahrscheinlich hatte sie sich das bei ihren großbürgerlichen Freunden abgeschaut und dachte, dass man das mit den Kindern so mache.

An einen Lehrer erinnere ich mich besonders gut: Dr. Werner. Er hatte immer einen roten Kopf und hinkte. Es ging das Gerücht um, er sei in Stalingrad gewesen, darum nannten wir ihn Stalingrad-Werner. Er unterrichtete Musik und Deutsch und war, wie viele andere Erwachsene, Alkoholiker. Er steigerte sich zu cholerischen Wutanfällen, und wehe, man tat dann etwas Falsches. Wenn wir in der Musikstunde im Chor singen mussten, stand er immer mit einer Stimmgabel vor uns. Falls jemand zu laut war oder etwas anderes Verbotenes tat, warf Dr. Werner die Gabel nach ihm. Der Übeltäter musste sie ihm zurückbringen und zwischen Zeige- und Mittelfinger klemmen. Stalingrad-Werner presste dann die beiden Finger mit ganzer Kraft zusammen bis der Schüler vor Schmerz aufschrie.

In Deutsch mussten wir seine beiden Lieblingsdichter auswendig lernen, Börries von Münchhausen und Hermann Löns. Dr. Werner ging während der Stunde mit einem Stock herum und rief Schülernamen auf. Wer das geforderte Gedicht nicht auswendig konnte, bekam Prügel. Ich glaube, ich könnte heute noch ein paar dieser Balladen aufsagen.

Eines Tages kam Stalingrad-Werner nicht mehr zur Schule. Es kreisten Gerüchte, er sei versetzt worden oder habe sich versetzen lassen. Manche glaubten zu wissen, dass er krank sei und sich in einem Sanatorium befände. Die anderen Lehrer gaben keine Auskunft und benahmen sich höchst seltsam. Ein paar Tage später stand seine Todesanzeige in der Zeitung. Niemand sprach offen darüber, aber Stalingrad-Werner hatte sich in seiner Wohnung erhängt. Was die Russen nicht geschafft hatten, das hatte etwas anderes geschafft. Was es war, habe ich nie herausgefunden.

Als mein Vater starb, war ich gerade fünfzehn Jahre alt. Das Geld, das er meiner Mutter und mir vermacht hatte, reichte, um uns ein angenehmes Leben zu ermöglichen und meiner Mutter ihren Alkoholismus bis zu ihrem Tod zu finanzieren. Trotzdem änderte sich plötzlich etwas.