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Die beiden Frauen Pauline und Eva könnten kaum unterschiedlicher sein. Während Pauline sich in Tagträume flüchtet, trägt die temperamentvolle Italienerin Eva ihr Herz auf der Zunge. Pauline träumt von einem eigenen Café, wo die Sehnsüchte der Menschen in Nachspeisen serviert werden. Trotzdem macht sie sich selbst nichts aus Schokolade. Ein Umstand, den Eva so nicht stehen lassen kann. Sie meldet Pauline bei der Kochshow Simsalakoch an und bringt ihr das Schokoladenessen bei. Gemeinsam mit Matti, Paulines kleinem Sohn, begeben sie sich anschließend in einem alten Bulli auf eine abenteuerliche Reise nach Italien, um nicht nur einem Hahn das Leben zu retten, sondern auch, um über sich selbst hinaus zu wachsen.
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Seitenzahl: 470
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Regina Reitz
Schokoladenschwestern
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Inhaltsverzeichnis
Titel
1. Kapitel
2. Kapitel
3. Kapitel
4. Kapitel
5. Kapitel
6. Kapitel
7. Kapitel
8. Kapitel
9. Kapitel
10. Kapitel
11. Kapitel
12. Kapitel
13. Kapitel
14. Kapitel
15. Kapitel
16. Kapitel
17. Kapitel
18. Kapitel
19. Kapitel
20. Kapitel
21. Kapitel
22. Kapitel
23. Kapitel
24. Kapitel
25. Kapitel
26. Kapitel
27. Kapitel
28. Kapitel
29. Kapitel
30. Kapitel
31. Kapitel
32. Kapitel
33. Kapitel
34. Kapitel
35. Kapitel
36. Kapitel
37. Kapitel
38. Kapitel
39. Kapitel
Epilog
Für meine Schwester Daggi,
Impressum neobooks
„Mama, warum hat die Frau lila Haare?“
„Mmh?“
„Warum hat die Frau lila Haare?“
„Weiß nicht.“
„Mama, findest du lila Haare schön?“
„Och?“
„Mama, willst du auch lila Haare haben?“
„Was?“
„Willst du auch lila Haare haben?“
Ich schüttelte den Kopf. „Nein, lieber nicht.“
Wo war denn nur der verflixte Mais geblieben? Der stand doch sonst immer hier, aber heute hatte er sich wohl ein gemütlicheres Plätzchen gesucht und das war der Grund, warum ich die Regalreihe entlang lief, als hinge mein Leben davon ab, oder schlimmer, als müsste ich meine HaareLila färben, wenn die Suche erfolglos bliebe.
Dabei finde ich Lila einfach nur scheußlich und stimme voll und ganz mit Loriot überein, wenn er behauptet, eine alleinstehende Frau, die zu Depressionen neigt, müsse sich unweigerlich umbringen, wenn sie einer violetten Sitzgruppe zu nahe käme. Eine gewagte, um nicht zu sagen völlig absurde Theorie, sicherlich, aber mir könnte das durchaus passieren. Nicht, dass ich zu Depressionen neige, und wirklich alleinstehend bin ich auch nicht, aber man weiß ja nie, was das Leben so für einen bereithält. Von jetzt auf gleich dreht es den Spieß um, ist nicht mehr nett und gefällig, sondern ein Arschloch und egal wie sehr man bettelt und Bitte, Bitte, sagt, sagt das Leben Nö! Und wenn man dann in einer solch heiklen Lebenslage, rein zufällig, das Pech hat, mit lila gefärbten Haaren in einer violetten Sitzgruppe zu landen, na dann Gute Nacht. Insgeheim stelle ich mir die Frage, wie hoch das Sterberisiko von Blondinen in rosa-geblümten Ohrensesseln oder Rothaarigen auf safrangelben Zweisitzern ist und vor allem, wie die Versicherungen dieses Risiko bewerten. Vielleicht ist es ein bisschen schräg, aber ich gehe jede Wette ein, dass Schwarzhaarige auf ungemütlichen, nachtblauen Designersofas die höchste Überlebenschance und somit die niedrigste Prämie zu zahlen haben, was beweist, dass es immer auf dasselbe hinausläuft - das Leben ist einfach ungerecht.
Wenn man, wie ich, brünett war, schwamm man in der Masse und da konnte es schon von Vorteil sein, sich weder auf eine Versicherung noch auf sonst jemanden zu verlassen, sondern sich gleich selbst zu helfen, wenigstens, solange es sich um Dosengemüse handelte und deshalb gab ich alles, den Mais zu finden. Doch so sehr ich mich bemühte, er hielt sich versteckt. Wütend stampfte ich wieder zurück. Das konnte doch nicht wahr sein! Wo steckte denn nun dieses famose Zartgemüse aus der Dose?
„Mama, du musst zuerst gucken, sonst weißt du nicht, wie lila Haare aussehen.“
„Matti, ich kann jetzt nicht“, keuchte ich und erhöhte meine Schrittzahl, dass sie so manchen Olympioniken in den Schatten gestellt hätte.
Da! Abrupt blieb ich stehen. Na bitte! Ganz oben hatte sich der Mais versteckt. Er war im Regal einfach eine Etage höher gerutscht und der Preis vermutlich mit ihm. Wer wollte es ihm verübeln? Immerhin war ER eine Werbeikone und da hing man nicht mit den schnöden Konserven der hauseigenen Marke der Supermarktkette ab.
Ich zählte die Konserven.
Eins - Zwei – Drei – Vier – Fünf!
Nach der fünften Dose griff ich und stellte sie in den Einkaufswagen. Die anderen Dosen blieben verwaist zurück.
Im Regal, direkt neben dem Mais, standen die Erbsen. Sieh an, die hatten also ebenfalls eine Beförderung erhalten. Nun ja, wenn man so perfekt rund und grün daherkam, dann war man eben etwas Besonderes.
Schon als Kind hatte ich mir die Frage gestellt, welchen tiefen, der Menschheit verborgenen Sinn es haben könnte, dass Mutter Natur jede einzelne Erbse zu einer perfekten Kugel formte. Spätestens nach der Erfindung von Gabeln und Flugzeugen, und in der Kombination beider Errungenschaften, löste sich das Rätsel. Wer schon einmal in einem Flieger saß und dabei versuchte mit einer Gabel, womöglich aus Plastik, Erbsen zu essen, versteht was ich meine.
„Es gibt nicht viele Menschen mit lila Haaren, oder Mama?“
„Nein, ich glaube nicht.“ Vielleicht irrte ich mich aber auch und es gab unendlich viele Lila-Behaarte, aber ihre Zahl reduzierte sich jedes Mal dramatisch, wenn sie das Pech hatten, violetten Sitzgruppen zu nahe zu kommen. Über die intensive Grübelei hätte ich beinahe die Erbsen vergessen.
Eins – Zwei – Drei – Vier – Fünf!, zählte ich schnell und schon gesellten sich die Erbsen zum Mais, so dass sie gemeinsam ein grün-gelbes Duett in meinem Einkaufswagen bildeten. Das war zwar auch nicht unbedingt meine favorisierte Farbkombination, aber immerhin besser als Lila.
„Mama, kannst du auch lila Haare haben?“
„Nein Matti!“
„Warum nicht?“
„Weil das keine gute Idee ist.“
Jetzt nur noch die Bohnen.
Eins – Zwei – Drei – Vier...
Vier?
Bestimmt hatte ich mich verzählt.
Eins - Zwei – Drei – Vier!
Nein! Es blieb dabei. Eine fünfte Dose war nirgends zu entdecken. Dann mussten die Bohnen eben ihr Dasein weiter im Supermarkt fristen. Selber schuld.
„Aber im Kindergarten hat niemand eine Mama mit lila Haaren.“
„Eben! Frag dich mal warum.“
„Warum?“
„Ach Matti!“
„Warum, Mama?“
„Weil...“ Irgendwie wollte mir auf die Schnelle keine Antwort einfallen. Dabei wäre es schon von Vorteil gewesen, denn Matti ist hartnäckig. Jedenfalls ist das meine Interpretation seines Charakters. Andere Menschen würden ihn eher als stur oder sogar als nervtötend bezeichnen. Er würde keine Ruhe geben, bis er eine zufriedenstellende Antwort bekommen hatte und weil ich das nur zu gut wusste und keine weiteren Konserven auf der Einkaufsliste standen, schenkte ich ihm endlich meine uneingeschränkte Aufmerksamkeit.
Mein kleiner Junge stand vollkommen fasziniert mitten im Gang und störte sich nicht an den Menschen, die ihre Einkaufswagen um ihn herumschoben. Er hatte die Welt vergessen. Ja, sogar seinen geliebten Ernie schleifte er über den Boden, obwohl er sich das bereits im zarten Alter von drei Jahren abgewöhnt hatte, denn spätestens da hatte er schmerzhaft begriffen, dass seine Oma niemals einen schmutzigen Ernie in seinem Bett dulden würde. War der heiß geliebte Freund dreckig geworden, musste er die Nacht einsam und allein auf der Wäscheleine verbringen, aber erst, nachdem ihn die Waschmaschine gründlich durchgerüttelt hatte, so dass einem schon vom bloßen Zusehen schlecht wurde.
Ich folgte Mattis Blick und entdeckte am Ende des Ganges das Objekt seiner Begierde, bei dem es sich um eine ältere, kleine Frau handelte, deren ursprünglich ergrautes Haar mithilfe chemischer Prozesse der Milka-Kuh gefährlich Konkurrenz machte. Wenn die Alte nicht acht gäbe, würde eine übereifrige Verkäuferin sie zu den Süßigkeiten ins Regal packen.
Die Frau war aber auch wirklich ein Hingucker. Es war nicht nur das hoch toupierte Haar, das vor Farbe strotzte und damit für Aufsehen sorgte. Ein pinker Lippenstift, dessen Farbe sich auch auf ihren, zu Krallen mutierten Fingernägeln wiederfand und eine gelbe Bluse untermalten die skurrile Erscheinung, und aus dem grünen Rock staksten die rot ummantelten Beine eines Storchs hervor. Dazu war ihr schmächtiger Körper über und über mit Schmuck behangen, der sie mit seinem Gewicht auf den Boden zu ziehen versuchte. Bei jedem Schritt, den dieser menschlich gewordene Meister Adebar auf seinen dürren Beinen tat, klimperte und glitzerte es.
„Matti, schau doch mal wie sie aussieht. Findest du sie etwa hübsch?“
„Sie ist bunt.“
„Stimmt, aber bunt ist nicht immer hübsch.“
„Ich finde sie hübsch.“
„Ja, hübsch wie ein Clown vielleicht. Ich bin sicher, in ihren lila Haaren wohnt ein Papagei.“
„Ein Papagei? Toll!“ Mein Sohn klatschte begeistert in die Hände.
„Nein, gar nicht toll!“
„Ich will auch einen Papagei haben“, ignorierte er meinen Einwand.
„Und der soll dann in deinen Haaren wohnen?“
„Muss ich dann lila Haare haben?“
„Ja!“
Mattis kleine Nase zog sich kraus.
Mir lief das Herz über, als ich ihn so betrachtete, aber nur bis er sagte: „Ist gut, Mama! Wann kaufst du mir den Papagei?“
„Matti, ich kaufe dir keinen Papagei, der dann in deinen Haaren wohnt! Und erst recht nicht in deinen lila Haaren. Blond gefällst du mir nämlich viel besser.“
„Und wieso darf die Frau lila Haare haben?“ Die Frage war für einen Vierjährigen durchaus berechtigt.
„Weil ihr leider niemand sagt, wie lächerlich sie damit aussieht“, behauptete ich.
„Ist die bunte Frau ganz allein?“
„Ja! Sie hat niemanden. Sie wohnt ganz allein in einem kleinen, schiefen Haus am Waldrand. Da fährt noch nicht einmal der Bus hin.“
Matti sah erschrocken zu mir auf. „Auch nicht die Straßenbahn?“
„Pff, die schon mal gar nicht!“
„Hat die Frau denn kein Auto?“
„Nein, alte Frauen mit lila Haaren dürfen kein Auto haben.“
„Wie kommt die Frau dann nach Hause?“
„Sie muss den ganzen Weg auf ihren dürren Beinen laufen und eines sag ich dir. Der Weg ist schrecklich weit.“
„Wie weit?“
„Ich würde sagen, einmal von der Erde bis zum Mond und wieder zurück. Mindestens!“
„Wird sie davon nicht müde?“
„Doch, aber sie kann auch gehen, während sie schläft. Sonst käme sie niemals zu Hause an.“
Matti betrachtete die alte Dame skeptisch, doch plötzlich erhellte sich sein kleines Gesicht. „Wie gut, dass der Papagei bei ihr ist. Der passt auf sie auf, wenn sie die Augen zu hat. Dann kann sie nicht gegen einen Baum rennen.“
Wo er recht hat!
Wir eilten weiter durch den Supermarkt und suchten uns einen Weg durch die Menschenmasse, die immer in dieser Filiale anzutreffen ist, egal an welchem Tag und zu welcher Uhrzeit man dort einkaufen geht.
Wie das möglich ist, will sich mir einfach nicht erschließen. Man kann sein Geld doch nur einmal ausgeben oder sind andere Leute in Kenntnis eines genialen Zaubertricks, der ihr Geld auf wundersame Weise vervielfältigt und der mir bis heute leider verborgen geblieben ist? Noch nie hat sich mein Geld vermehrt. Meins verhütet.
Ich hastete weiter, Matti im Schlepptau. Über unseren Köpfen besang Christian Anders seinen Zug nach Nirgendwo und ich fragte mich, wann er nach all den Jahren endlich einsteigen würde, um auf Nimmerwiedersehen zu verschwinden.
Plötzlich zog Matti an meiner Jacke. „Was kocht Oma heute?“
Die Frage ließ mich einen panischen Blick auf meine Armbanduhr werfen. Wann hatte sich der Sekundenzeiger, dieser miese Verräter, dazu entschlossen, schneller als üblich zu rasen? Viel Zeit blieb uns nicht mehr, um pünktlich nach Hause zu kommen und jeder, der einen angenehmen Tag verbringen wollte, sollte meine Mutter nicht warten lassen. Erst recht nicht mit dem Essen.
„Mama, was kocht Oma?“
„Heute ist Dienstag, ja? Dann gibt es Schnitzel mit Kartoffeln und Gemüse.“ Im hohen Bogen flog das Toilettenpapier in den Einkaufswagen und schon ging es ab zur Kasse.
„Ich will Fisch.“
„Du isst nie Fisch, Matti.“
„Jetzt will ich aber Fisch haben.“
„Matti!“ Ich stieß einen tiefen Seufzer aus. „Du weißt doch, dass das gegessen wird, was Oma auf den Tisch stellt. Außerdem würde sie N-I-E-M-A-L-S Fischstäbchen machen. Noch nicht einmal für dich. Fischstäbchen sind unter ihrer Würde.“
Dass meine Mutter trotzdem Dosengemüse verwendet, finde ich eigentlich ziemlich inkonsequent von ihr. Komisch, dass mir das jetzt erst auffiel.
„Ich will keine Fischstäbchen haben. Ich will so einen.“ Mattis knubbeliger Finger wies auf eine in Folie gefangene Forelle. Mit ihren kalten Augen glotzte sie mich vorwurfsvoll an.
„Och nö, den willst du nicht wirklich haben?“
„Doch, genau den will ich! Will ich! Will ich! Will ich!“ Bei jedem Will ich untermauerte Matti seine Forderung mit einem resoluten Stampfen seines Fußes auf den Boden. Der Gestank, der von dem Fisch zu uns herüberwaberte, ließ ihn völlig unbeeindruckt, so wie es sich eben für einen Vierjährigen gehört.
„Wir müssen uns wirklich beeilen, mein Spatz. Oma wird ganz böse werden, wenn wir zu spät kommen.“
„Aber ich will den Fisch haben!“
Ich warf einen Blick auf die Uhr, dann auf den Fisch und dann wieder auf die Uhr. Jetzt lieferte sich der Minutenzeiger ein Rennen mit dem Sekundenzeiger.
Die Diskussion mit meinem Sohn, die ohnehin keine war, würde ich sowieso verlieren, wozu also erst damit anfangen? Mit spitzen Fingern und abgewandtem Gesicht packte ich den Fisch und legte ihn nach ganz unten in den Einkaufswagen, dorthin, wo normalerweise die Wasserkästen und Milchkartons Platz gefunden hätten, wenn ich welche gekauft hätte.
Obwohl der Fisch verschweißt war und ich die Folie nur ganz kurz angefasst hatte, rochen meine Finger nun penetrant nach totem Meer und damit meine ich nicht jenes, vor Salz strotzende, der Gesundheit so förderliche Meer, in dem man nicht untergehen kann, egal, wie sehr man sich anstrengt. Nein, das Meer, das an meinen Händen klebte, war wirklich und wahrhaftig tot und stank entsprechend nach Moder und Verwesung. Angewidert verzog ich mein Gesicht.
Matti jedoch strahlte.
Wie immer war an den Kassen der Teufel los. Nur die Kasse zu meiner rechten Seite erinnerte an den Zollbereich des Kölner Flughafens, der von einer Gruppe Studienreisender bei ihrer Rückkehr aus Südamerika geflissentlich übersehen wird. Schnell preschte ich vor und stellte mich hinter den beiden Kunden an, die zu meinem Ärger noch ein wenig schneller gewesen waren als ich. Im nächsten Moment ahnte ich, dass ich trotzdem länger warten würde als die Menschen in den Schlangen links von mir.
Murphy, der blöde Hund und sein noch blöderes Gesetz!
Ausgerechnet jetzt beschloss die Kassiererin, eine Pause einzulegen. Immerhin war sie so gnädig und schloss nicht einfach die Kasse, sondern sie ließ sich von einer Kollegin ablösen. Ich zweifelte trotzdem daran, dass dies die schnellere Variante war, denn die Neue nahm sich gebührend Zeit, ihre Wechselgeldbox in die Kasse einzusetzen und sie nahm sich noch mal doppelt so viel Zeit, ihren prallen Hintern auf dem Stuhl zu drapieren.
Der Stuhl und ich ächzten um die Wette.
Schneller als erwartet legte die Kassiererin los und die beiden Kunden vor mir bewegten sich im Gänseschritt vorwärts.
„Matti, hilfst du mir, die Sachen auf das Band zu legen?“, fragte ich. „Matti?“ Suchend sah ich mich um. Gerade noch hatte mein Sohn neben mir gestanden und nun war er verschwunden.
Weitere Menschen reihten sich hinter mir in die Schlange ein. Den Platz zu verlassen wäre also ziemlich unklug.
Heutzutage sind die Leute ja so unverschämt. Ehe man sich versieht, schieben sie den Einkaufswagen zur Seite und mogeln sich in der Schlange vor und als ob dies nicht schon dreist genug wäre, klauen sie sogar Sachen aus dem Wagen heraus, die sie zu faul waren selbst zu suchen. Woher ich das weiß? Nun, manchmal mache ich das auch, aber nur, wenn ich in ganz großer Eile bin. Ehrlich! Und ich mache es auch nur dann, wenn ich wirklich nicht Gefahr laufe, dabei erwischt zu werden. Das wäre mir dann doch zu peinlich.
„Matti!“, rief ich erneut. Im Getümmel der Menschen konnte ich meinen Sohn nirgends entdecken. Seinen geliebten Ernie hatte er nach unten zu dem Fisch gelegt. Geruchlich hatten die beiden wahrscheinlich schon längst Freundschaft geschlossen, was bedeutete, dass Ernie die Nacht auf der Wäscheleine verbringen würde. Mir graute jetzt schon vor dem tränenreichen Drama.
„Wenn Sie so einen kleinen, blonden Knirps suchen, der ist gerade in diese Richtung davon.“ Der Mittfünfziger, der sich direkt hinter mir in die Schlange eingereiht hatte, wies in die Richtung der anderen Kassen.
Ich folgte seinem Hinweis und entdeckte meinen Sohn, der auf kurzen Beinen zielstrebig die Kasse ansteuerte, die, wie konnte es auch anders sein, am weitesten von mir entfernt lag. Was hatte er denn nun schon wieder vor?
„Matti!“, rief ich etwas lauter.
Einige Menschen schauten bereits neugierig zu mir herüber.
Schnell senkte ich den Kopf und sortierte die Einkäufe in meinem Wagen. Blau zu Blau. Rot zu Rot. Grün zu Grün. Bei den Bananen war ich unschlüssig. Waren die nun eher Gelb oder galt das noch als Grün?
Grüb wäre eine mögliche Antwort auf diese nicht selten gestellte Frage gewesen.
Die kurzen Beine meines Sohnes marschierten indessen ungehindert weiter.
„Geht das mal ein bisschen schneller da vorne?“ Der Anpfiff erfolgte von einem sportlich gekleideten Bengel, dem gerade der erste Flaum am Kinn spross. Die Arroganz jedoch, die er an den Tag legte, musste im Gegensatz zu seinem biologischen Alter schon einige hundert Jahre alt sein. Wahrscheinlich altes Familienerbe und entsprechend diesem Erbe war er nicht nur einer von der überheblichen, nein, er war auch einer von der ungeduldigen Sorte, weil er auch sonst alles bekam, und zwar sofort, na klar, und deshalb beschloss er, seine Aufwärmphase, die er sonst wahrscheinlich auf dem Sportplatz oder in einem Fitnessstudio abgehalten hätte, kurzerhand in den Supermarkt zu verlegen. Er begann ausgerechnet mit dem Muskeltraining seiner Arme. Schwungvoll schob er seinen Einkaufswagen dem Mittfünfziger über die Füße.
Anstatt sich zu beschweren und dem Jungspund gehörig die Leviten zu lesen, sprang dieser erschrocken vor.
Ob er dies tat, um dem Schmerz zu entfliehen oder um den Abstand zu seinem sowohl tyrannischen als auch unsympathischen Hintermann zu verringern, konnte ich nicht sagen. Es war auch völlig egal, denn allein das Ergebnis zählte. Unsanft prallte der Mittfünfziger gegen mich.
„Aua!“, rief ich und taumelte ebenfalls vorwärts. Ich konnte mich gerade noch am Warenband der Kasse abstützen, während mein Schienbein an den Metallstreben meines Einkaufswagens entlang schrammte. Himmel! Das brannte wie Zunder. In weniger als einer Stunde würde ich einen imposanten blauen Fleck mein eigen nennen. So eine Frechheit! Ich bückte mich und rieb mit der Hand über mein Bein.
Der Fisch schaute spöttisch.
Ein Impuls regte sich in mir. Wie wäre es, wenn ich mir mal nicht alles gefallen lassen würde, sondern einfach zurückschubste? In meiner Fantasie drosch ich bereits mit dem Fisch auf den Flegel ein, angefeuert von einem aufgeheizten Supermarktmob.
Der Impuls war ein zartes Pflänzchen und hatte dieselbe Überlebenschance wie ein einsamer Grashalm inmitten einer Herde hungriger Kühe. Eine Diskussion wäre mir auch viel zu peinlich gewesen, vor allem, da der ganze Supermarkt mithören würde. Nicht auszudenken, wenn es zu einer Rangelei käme. Dabei hätte ich dem Sportschnösel nur zu gerne mal kräftig vors Schienbein getreten. Gerne auch zwei- oder fünfmal.
Fünf ist gut. Fünf ist nämlich meine Glückszahl. An einem fünften November ist Matti zur Welt gekommen und nur für den Fall, dass es noch nicht verstanden wurde, Matti ist mein ganzes Glück.
Ich schluckte meine Wut herunter. Der Spalt auf dem Warenband war jetzt auch groß genug, so dass ich meine Einkäufe auflegen konnte. Während ich meine Ware in die Lücke stapelte, blieben meine Augen auf Matti gerichtet, der jetzt stehengeblieben war. Braver Junge. So wusste ich wenigstens, wo er war und er konnte keinen Blödsinn anstellen.
Mütter sind unheimlich gut darin, sich selbst in die Tasche zu lügen und ohne mit der Wimper zu zucken, stecke ich alle Mütter dieser Welt gemeinsam mit ihrem und meinem Irrglauben in eben diese Tasche.
Immer schneller häufte ich meine Ware auf das Band, so dass man annehmen könnte, ich wäre mit dem Sportschnösel in einen Wettkampf getreten. In einen Wettkampf, von dem ich nicht wusste, dass ich ihn bestreiten würde, jetzt aber unbedingt gewinnen musste.
Ich bückte mich nach unten und griff nach dem Fisch. Obwohl der glitschige Geselle eingeschweißt war, verschmierte er das Warenband. Das war seine subtile Rache. Obwohl, so subtil war sie dann doch wieder nicht, denn jetzt stanken nicht nur meine Finger, nein, der schleimige Saft tropfte an meiner Hand herunter.
Wieso wollte Matti unbedingt diesen blöden Fisch haben? Und wieso hatte ich nicht einfach neingesagt?
Hektisch wühlte ich mit meiner linken Hand in der rechten Hosentasche und vollführte dabei einen Tanz, der Rumpelstilzchen vor Neid hätte erblassen lassen. Wo war denn nur das verflixte Taschentuch, mit dem ich vorhin Mattis Nase geputzt hatte? Eines war nämlich klar! Vor die Wahl gestellt, ob ich lieber Mattis Rotze oder den schleimigen Fischsaft an meiner Hand kleben haben wollte, überzeugten eindeutig die mütterlichen Instinkte.
Apropos Matti! Ich suchte ihn erneut und zuckte zusammen.
Direkt neben meinem Sohn erschien der auffällig lilafarbene Schopf der alten Dame.
Das plötzliche Ziehen in meinem Bauch sagte mir, ich sollte Matti zurückholen und das Ziehen sagte auch – nein - es schrie - dass das nicht gleich, sondern sofort geschehen musste!
Ich pfiff auf das Taschentuch und griff hastig nach dem letzten Artikel in meinem Einkaufswagen. Es war ein großes, schweres Glas Nutella, die Familienportion, für deren Herstellung wahrscheinlich eine gesamte Haselnussernte drauf ging und die ich immer kaufen musste, obwohl nur Matti sich darüber hermachte.
Er liebt Nutella über alles. Ich hingegen mache mir überhaupt nichts aus Schokolade. Mehr noch, ich kann die ganze Hysterie darum nicht nachvollziehen. Selbstverständlich esse auch ich gerne Süßes. Ich sterbe für Desserts aller Art, davon kann ich nicht genug bekommen, aber einfach nur Schokolade in mich hineinzustopfen, erscheint mir dann doch zu langweilig.
Aufatmend hielt ich das Glas Nutella in der Hand und reckte es in die Höhe.
Ha, du Sportschnösel, da staunst du aber, was?
Mein Triumph war nur von kurzer Dauer. Ohne, dass ich es verhindern konnte, rutschte das schwere Glas aus meiner glitschigen Hand. Im nächsten Moment klirrte es und ich fand mich in einem Wust aus klebriger Schokolade und Scherben wieder.
Synchron zu dem dumpfen Klirren beugte sich der lila Haarschopf zu meinem Sohn herunter.
Panisch setzte ich mich in Bewegung, um zu verhindern, was nicht mehr zu verhindern war und erreichte nur, dass ich das Nutella noch mehr auf dem Boden verteilte. Meine Schuhe quietschten bei jedem Schritt.
„Halt! Hiergeblieben!“
Ich war nicht sicher, ob es die wütenden Worte der Kassiererin waren oder ob es an dem zähen Nutella lag, dass ich förmlich am Boden festkleben blieb. Vermutlich hatten sich die beiden gemeinsam gegen mich verbündet, ein oft exerziertes Szenario, das sie nur so zum Spaß mit ahnungslosen Käufern trieben und nur deshalb stand das viel zu große Nutellaglas im Regal.
Wahrscheinlich war es auch nicht besonders hilfreich, dass ich heute morgen mehr oder weniger unachtsam in den Kleiderschrank gegriffen hatte. In schreienden Buchstaben stand auf meinem pinken T-Shirt: DAS KANNST DU SO MACHEN, ABER DANN IST ES KACKE!
Das T-Shirt hattemir Tante Isolde letztes Jahr zum Geburtstag überreicht. Wie nicht anders zu erwarten gewesen war, hatte mein Vater geschmunzelt, na klar, immerhin ist Isolde seine Lieblingsschwester, aber meine Mutter war von dem Shirt alles andere als begeistert gewesen und immer wenn ich es trage, was wirklich sehr selten vorkommt, rollt sie mit den Augen und steht kurz davor, mich trotz meiner Volljährigkeit zur Adoption freizugeben. Damit bekommst du nur Ärger, pflegt sie zu predigen und fügt hinzu: Was Isolde sich dabei gedacht hat? Vermutlich nichts, denn Denken setzt ja bekanntlich ein Gehirn voraus.
Nach dem Blick der Kassiererin zu urteilen, tummelte sie sich auf derselben Humorebene wie meine Mutter. Der Spruch auf meinem Shirt besänftigte oder erheiterte sie keineswegs, nein, sie schien ihn geradezu persönlich zu nehmen, denn nun stemmte sie sich von ihrem Stuhl hoch und funkelte mich an, die Hände in die breite Hüfte gestemmt. Ich bin nicht in Stimmung, sagte ihr Blick und ihre Botschaft kam auf wundersame Weise ganz ohne Statement-Shirt bei mir an.
„Ich bin sofort zurück“, hörte ich mich stammeln. „Ich hole nur meinen Sohn.“
„Ja, sicher! Ganz wie gnädige Frau wünschen. Soll ich mir in der Zwischenzeit meine Zehennägel lackieren?“
„Dass auch heutzutage jeder Kinder bekommen muss“, tönte der Sportschnösel hinter mir.
Plötzlich wurde mir bewusst, dass alle Leute zu uns herüberschauten, so als hätte ich im Supermarkt eine Bombe versteckt und stünde nun mit dem Zünder in der Hand vor ihnen, um die Freiheit der Gummibärchen zu fordern.
Hilfesuchend sah ich zu dem Mittfünfziger, der jedoch sein Interesse für eine äußerst wichtige Information auf einer Werbetafel entdeckt zu haben schien. Ausgerechnet eine Werbetafel für Tampons.
Die Kassiererin langte unter ihre Kasse und zog eine Packung Papiertücher und eine Flasche Glasreiniger hervor. Es folgten ein Eimer und noch mehr Papiertücher. „Hier geht keiner, bevor die Sauerei nicht weggewischt ist und damit das klar ist, das ist nicht mein Job!“ Sie drückte mir die Utensilien in die Hände. „Das Nutella werde ich Ihnen berechnen. Wenn Sie so dämlich sind, ist das nicht mein Problem.“ Schwerfällig ließ sie sich wieder auf ihren Stuhl plumpsen, der wie durch ein Wunder nicht in sich zusammenklappte. Mit grimmiger Miene zog die Kassiererin meine Artikel über den Scanner. Wenn der Fisch nicht schon tot gewesen wäre – nun - spätestens jetzt hätte ich ihm keine Überlebenschance ausgerechnet. Angewidert schmiss die Kassiererin den kalten Gesellen in die Ablage. Ein hässliches Klatschen ertönte, als der leblose Leib auf dem Metall aufschlug, während ich mit Papiertüchern, Eimer und Glasreiniger drapiert dastand, wie ein reich geschmückter Weihnachtsbaum einer Hauswirtschaftsfachschule.
Stimmengewirr schwirrte in der Luft und die Blicke der Kunden drangen wie Nadeln unter meine Haut. Schnell hockte ich mich nieder und rückte somit wenigstens etwas aus ihrem Blickfeld. In meinen Schläfen pochte es und mein Gesicht brannte.
Gab es etwas Schlimmeres als zur Unterhaltung gelangweilter Menschen in Schlangen an Supermarktkassen beizutragen?
Mir fiel nichts ein.
Selbst nackt auf der Kölner Domplatte zu tanzen, erschien mir im Augenblick attraktiver.
Nach und nach verstummte das Stimmengewirr im Supermarkt, lediglich Beatrice Egli schmetterte, ihr Herz würde brennen, wenn sie IHNsah. Das musste ja ein toller Typ sein, von dem sie da sang. Ihr Schmerz wurde dramatisch untermalt von dem Piepen der Kassenscanner.
Hastig wischte ich das Nutella auf und versuchte, mich nicht an den spitzen Glasscherben zu schneiden, die ich mit gespreizten Fingern in den Eimer warf.
Wer schon einmal Nutella vom Boden aufgewischt hat, der weiß, wie unmöglich dieses Unterfangen ist, wenn kein heißes Wasser zur Verfügung steht.
Ich schrubbte wie verrückt und erreichte doch nur, dass sich die braune Masse nur noch mehr auf dem Boden und vor allem in den Ritzen und Fugen des Fliesenbodens verteilte.
Plötzlich verstummte die Egli. Ihr Herz hatte aufgehört zu brennen. Vermutlich war der Mann weg und hatte ihr Herz gleich mitgenommen. „Blöde Gans“, dachte ich, obwohl ich die Egli eigentlich ganz sympathisch finde, aber jede halbwegs vernünftige Frau hätte ihr vorher sagen können, dass der Kerl auf Nimmerwiedersehen verschwinden würde.
Fräulein Eglis Gefühlszustand konnte mir jedoch völlig egal sein, denn nun drang Mattis helles Stimmchen durch das nervige Piepen der Scanner an mein Ohr.
Laut und deutlich hallte es durch den Supermarkt.
Für mein Empfinden VIEL ZU LAUT und VIEL ZU DEUTLICH.
„Darf ich mal deinen Papagei sehen?“
„Häh? Was möchtest du?“
Sofort war jedem klar, dass die Alte schwerhörig sein musste. Leider kapierte es auch Matti sofort, denn er sprach entsprechend lauter.
„Ich will den Papagei sehen, der in deinen Haaren wohnt“, schrie er.
„Meinen Papagei? Kind, wie kommst du denn auf so einen Unsinn?“
Ohne es zu sehen wusste ich, dass Matti mit seinem Knubbelfinger in meine Richtung zeigte.
Wenn es nur irgendwie möglich gewesen wäre - dies wäre der richtige Moment, zu dem Fisch in die Folie zu kriechen.
„Mama hat gesagt, dass ein Papagei in deinen Haaren wohnt und sie hat gesagt, du siehst wie ein Clown aus.“
„Sie hat was?“ Die ältere Dame hatte trotz ihrer Schwerhörigkeit nur zu gut verstanden. Leider. Ihre Stimme zitterte vor Empörung und wer bis zu diesem Zeitpunkt noch nicht von Matti oder mir Notiz genommen hatte, tat es spätestens jetzt.
Zehenspitzen und Ballen wurden angespannt, Köpfe in die Luft gereckt.
„Mama hat gesagt, du bist ganz allein und du wohnst in einem Haus im Wald. Dann bist du aber kein Clown. Das machen nur Hexen. Im Wald wohnen, meine ich und ein bisschen siehst du auch aus wie eine Hexe. Du hast eine ganz große Nase. Hexen haben auch große Nasen, mit Warzen drauf und sie sind immer allein, weil sie so böse sind und kleine Kinder fressen. Manchmal fressen sie auch ihre Katzen, wenn sie keine Kinder finden können und ganz doll Hunger haben. Das ist nicht nett, also gibt es niemanden, der dich lieb hat. Das ist schrecklich traurig. Ich bin nicht gerne allein.“
Vorsichtig hob ich den Kopf.
Fassungslos stand die alte Frau vor Matti und rang nach Luft.
Zwei, drei Leute lachten. Bei den anderen Kunden jedoch stand die Erleichterung, wie die Schlagzeile der Bildzeitung, nur allzu deutlich ins Gesicht geschrieben: GOTT SEI DANK, NICHT MEIN KIND!
Matti blieb von der Reaktion der alten Dame vollkommen unbeeindruckt. Ihm kam überhaupt nicht in den Sinn, selbst gefressen zu werden, wenn sie tatsächlich eine Hexe wäre, obwohl es ein bisschen so aussah, als würde sie ihn am liebsten auf der Stelle verschlingen.
„Wie gut, dass du den Papagei hast, sonst würdest du gegen einen Baum laufen, weil du ja schläfst, wenn du nach Hause gehst. Hexen können das. Schlafen, wenn sie gehen. Ich muss dafür ins Bett, auch wenn ich nicht müde bin. Dann kommt das Sandmännchen und überlistet mich und dann muss ich doch schlafen.“
Die Frau atmete nun noch heftiger und griff sich an die Brust. Sie machte Anstalten, etwas zu sagen, aber Matti ließ sie nicht zu Wort kommen.
„Eigentlich könntest du auch auf einem Besen fliegen. Das machen Hexen nämlich. Vielleicht bist du aber auch eine dumme Hexe und weißt das nur nicht und es ist gut, dass ich dir das jetzt sage. Dann bist du auch viel schneller zu Hause. Aber vielleicht hast du ja einen Besen und der ist kaputt und du hast kein Geld, um ihn wieder ganz zu machen. Und ein neuer Besen ist viel zu teuer, weil du arm bist.“
„Ja, glaub ich es denn?“, keuchte die Lila-Behaarte. Sie richtete sich ruckartig auf und wich einen Schritt vor Matti zurück, als wäre er der Teufel in Person.
Für eine Hexe ein eher ungebührliches Verhalten. So tritt man doch dem Chef gegenüber nicht auf.
Ihr Schmuck klimperte dramatisch und sie hob abwehrend die Hände.
Matti betrachtete sie aufmerksam, dann setzte er ihr mutig einen Schritt nach und zog an ihrem Ärmel. „Du, sag mal! Wenn der Papagei in deinen Haaren wohnt, was machst du, wenn er dir auf den Kopf kackt?“
„Bist du das, Pauline?“
„Ja!“
„Oma, ich bin auch da!“
„Natürlich bist du auch da, mein Schatz. Zieht bitte die Schuhe aus, bevor ihr hereinkommt und stellt sie auf das Regal. Und nehmt euch ein paar Pantoffeln aus dem Schuhschrank.“
„Mama, du tust ja so, als kämen wir zu Besuch. Wir wohnen hier.“ Ich gab Matti einen Stupser und zog eine Grimasse.
Noch bevor ich die vollen Einkaufstüten abstellte, streifte ich mir die Turnschuhe von meinen Füßen, weil an ihnen noch immer Reste von Nutella klebten. Nicht auszudenken, wenn etwas davon auf den Teppich gelangen würde. Aus dem Schuhschränkchen kramte ich die hellblauen Schlappen hervor, die ich schon als Jugendliche so gerne getragen habe.
Nach all den Jahren sehen sie wie zwei ramponierte Plüschtiere aus, die einer nestbauwütigen Mäuseschar zum Opfer gefallen sind. Es ist ein ständiger Kampf mit meiner Mutter, dass sie sie nicht in den Müll wirft. Für sie sind diese Schlappen eine Zumutung, ja ein wahrer Frevel, der in ihrem Haus immer wieder aufs Neue begangen wird, sobald ich sie trage und sie versteckt sie in der hintersten Ecke des Schuhschranks und auch schon mal im Keller oder auf dem Dachboden, damit ich sie nicht finden kann.
Einmal landeten die Schlappen auf wundersame Weise in der Kühltruhe. Hat man da noch Worte? Meine Mutter behauptet bis heute steif und fest, sie hätte keine Erklärung, wie sie dahin gekommen seien, auch wenn die Schlappen ordentlich in eine Plastiktüte gewickelt waren, akkurat verschlossen mit einem ihrer orangefarbenen Klipps, die sie sonst immer verwendet, wenn sie Fleisch einfriert.
Aber egal, was meine Mutter sich auch ausdenkt, bis jetzt habe ich meine heißgeliebten Treter immer wieder zurückerobern können. Der Tag, an dem es zur finalen Schlacht kommt, aus der ich als Verlierer hervorgehe, wird der Tag sein, der meine Kindheit für immer beendet.
Aber noch befanden sich die Schlappen in meinem Besitz und deshalb zog ich sie schnell über. Sofort fühlte ich mich besser. Nichts hätte mich zurück in den Supermarkt gebracht. Noch nicht einmal die berühmten zehn Pferde, auch nicht elf, ja selbst elftausend kölsche Gäule hätten keine Chance gehabt.
„Ich laufe auf Socken“, krähte Matti und machte sich daran, in die Küche zu flitzen.
„Oh nein, du Schlawiner! Du ziehst dir Pantoffeln über!“ Meine Mutter erschien in der Küchentür und schob ihren Enkel sanft, aber bestimmt zurück in die Diele.
„Aber Oma, dann kann ich dir keinen Kuss geben und dann bist du ganz traurig.“
„Da hast du natürlich recht. Her mit dem Kuss!“
Bei Matti wird meine Mutter immer ganz weich. Wenn man es genau nimmt, ist sie auch sonst keine harte Frau, aber sie hat ihre Prinzipien. Matti jedoch wickelt sie mühelos um den kleinen Finger, als wäre sie ein Kaugummi, den man ordentlich durchgeknatscht hat.
Meine Mutter bückte sich zu ihrem Enkel hinunter, der sie stürmisch umarmte und ihr einen lauten Schmatzer auf den Mund gab und da sie schon mal so weit unten war, nutzte sie die Gelegenheit, eine Fluse vom Boden aufzuheben, die auf wundersame Weise nur von ihr gesehen werden konnte. Das allein wäre noch kein Kunststück gewesen, aber wie sie die Fluse trotz der Gummihandschuhe zu fassen bekam, war mir ein Rätsel.
Ich hege den leisen Verdacht, dass meine Mutter schon mit Gummihandschuhen auf die Welt gekommen ist und noch im Kreißsaal, zum Erstaunen der Hebammen und Ärzte, umgehend für Ordnung gesorgt hat, und da die Gummihandschuhe praktisch mit ihr verwachsen sind, kann sie mühelos mit ihnen hantieren, während ich mich mit diesen Dingern abkämpfe, als hätten sich schwabbelige Quallen an meinen Händen festgesaugt, um sie zu unförmigen, unbrauchbaren Klumpen zu transformieren.
Jetzt richtete sich meine Mutter wieder auf, die Hände ins Kreuz gestützt, ähnlich einer Schwangeren kurz vor der Niederkunft, besann sich dann aber und strich mit resoluten Bewegungen die Schürze glatt, auf der ohnehin keine einzige Falte Unordnung stiftete. Die Schürze schien, ebenso wie die Handschuhe, fest mit ihr verwachsen zu sein.
„Wo ist Opa? Ich muss ihm von der Hexe erzählen. Da wird er aber staunen.“ Aufgeregt hüpfte Matti vor meiner Mutter auf und ab.
Sie runzelte die Stirn und warf MIR einen strengen Blick zu.
Sofort fühlte ich mich schuldig.
Diesen Blick hat meine Mutter drauf, seit ich sie kenne. Seit 27 Jahren verfehlt er nie seine Wirkung. Wahrscheinlich werde ich noch mit sechzig vor diesem Blick in die Knie gehen und zugeben, dass ich vom Kuchen genascht habe. Wie meine Mutter das macht, kann ich nicht sagen. Sie macht es einfach.
„Dein Großvater ist noch nicht zu Hause“, gab sie Matti bereitwillig Auskunft. „Wahrscheinlich diskutiert er noch mit seinen Gartenfreunden über die neusten Rosenzüchtungen oder darüber, wie sie die Schnecken aus ihren Gärten vertreiben können.“
Matti guckte enttäuscht aus der Wäsche. „Die blöden Schnecken“, maulte er.
„Ja, die blöden Schnecken“, stimmte meine Mutter zu. „Das macht aber nichts, denn du kannst die Zeit nutzen und dein Zimmer aufräumen.“
„Ach, Oma!“
„Abmarsch!“
„Na gut!“ Matti drehte sich um und lief die ersten Stufen der Treppe hinauf.
„Die Pantoffeln!“
Ja, es stimmt, bei Matti kann meine Mutter weich werden, aber bei der Frage, ob in ihrem Haus Pantoffeln getragen werden oder nicht, kennt sie kein Pardon.
„Ein bisschen Gerechtigkeit muss es in der Welt schon geben“, dachte ich zufrieden.
Mein Sohn seufzte ergeben und watschelte wieder die Stufen hinab. „Oma, wieso hast du das nicht vergessen? Du bist doch alt.“
Meine Mutter zog hörbar die Luft ein, obwohl ich bezweifelte, dass seine Worte sie ernsthaft kränkten.
„Sie vergisst nie etwas, egal wie alt sie ist“, wisperte ich geheimnisvoll, während sich mein Sohn seine Pantoffeln überzog, um anschließend wieder die Treppe hinaufzustürmen.
„Genau so ist es!“, sagte meine Mutter und warf einen tadelnden Blick in meine Richtung. Nur weil sie bei Matti einen frechen Spruch durchgehen ließ, hieß das noch lange nicht, dass ich mir dasselbe Recht herausnehmen durfte. So viel zum Thema Gerechtigkeit.
„Ich vergesse nie etwas und deshalb bringst du jetzt bitte die Einkäufe in die Küche und deckst anschließend den Tisch. Aber wasch dir vorher die Hände! Du riechst streng!“
„Ja, Mama!“, sagte ich und fühlte mich so alt wie Matti an Jahren zählte. Ich schlappte ins Bad, ließ die Tür aber offen stehen.
„Kind, du sollst doch die Tür...“
„...schließen, wenn du im Bad bist. Ich weiß, Mama, aber ich wasche mir doch nur meine Hände und sitze nicht auf dem Klo.“
„Es heißt Toilette. Klo klingt so vulgär.“
Ich trocknete mir die Hände ab und trat aus dem penibel sauberen Badezimmer heraus. In einem Prospekt für Sanitäreinrichtungen wäre es das Premium Musterbad. Trotzdem drängte sich meine Mutter mit einem Tuch in der Hand an mir vorbei, um die Wassertropfen aus dem Waschbecken zu entfernen.
Ich nahm die Einkaufstüten und trug sie in die Küche.
„Was ist das denn? Ist das für mich?“ Matti musste etwas in seinem Zimmer entdeckt haben, das ihm diesen Freudenschrei entlockte.
Sofort ergriff ich die Gelegenheit, um nach ihm zu schauen. Ein Außenstehender hätte dieses Manöver vielleicht als Flucht interpretiert. Ehrlich gesagt, war es das auch und deshalb sprintete ich die Treppe hoch, bevor meine Mutter sich mir in den Weg stellen konnte.
„Und wer deckt den Tisch?“, rief sie hinter mir her. „Und Pauline, Matti soll allein aufräumen!“, setzte sie nach.
„Er ist doch noch so klein!“
„Du verwöhnst ihn viel zu sehr. Was er in Unordnung bringen kann, sollte er auch allein wieder aufräumen.“
„Aber Matti ist erst vier Jahre alt!“
„Da habe ich schon meiner Mutter geholfen, das Haus zu putzen.“
„Und sie damit bestimmt in den Wahnsinn getrieben“, murmelte ich und betrat mein altes Kinderzimmer.
Matti saß, den Kopf angestrengt über ein Blatt Papier gebeugt, an dem kleinen, weißen Tisch, an dem ich schon als Kind gespielt hatte. Seine Zunge flitzte so schnell über seine Lippen, wie der Stift über das Papier huschte.
„Mama schau, ich habe ganz tolle Stifte bekommen. Da, das Bild habe ich für dich gemalt.“ Stolz hielt er mir das Blatt Papier unter die Nase, auf dem mehrere Kreise und Striche zu erkennen waren.
„Und was ist das?“
„Das bist du“, sagte Matti stolz und zeigte auf den dicksten Kreis.
„Ich bin ein dicker Kreis?“, staunte ich, aber Matti ließ sich nicht beirren.
Er nickte selbstbewusst. „Und das ist Opa!“ Der lange Strich neben dem dicken Kreis hatte tatsächlich eine verblüffende Ähnlichkeit mit meinem Vater.
„Und das ist Oma.“ Jetzt deutete Matti auf einen roten Balken, von dem mehrere Striche abgingen, die an ein fulminantes Feuerwerk erinnerten.
Ich kicherte und konnte nicht anders, als das Bild zu lieben und deshalb gab ich meinem Sohn einen dicken Schmatzer. „Hilfst du mir den Tisch zu decken?“
„Mama, du hast doch gehört, was Oma gesagt hat. Ich muss mein Zimmer aufräumen. Wenn Oma das macht, dann wird es zu ordentlich.“
Ich betrachtete Matti bewundernd.
Er ist viel schlauer als ich es in seinem Alter gewesen bin. Wenn ich ehrlich sein soll, steckt er mich mit seinen vier Jahren ziemlich oft in die Tasche. Es sollte mir peinlich sein, aber irgendwie macht es mir nichts aus. Es ist ja nur richtig, wenn Kinder ihre Eltern überholen, auch wenn es zugegebenermaßen ein bisschen früh dafür war.
„Wir können natürlich nicht zulassen, dass Oma hier aufräumt“, stimmte ich ihm zu. „Da hilft nur eins! Zuerst nehmen wir uns dein Zimmer vor, dann decken wir gemeinsam den Tisch.“
Matti nickte erleichtert. „Ich bin froh, dass du mir hilfst. Oma ist komisiert.“
„Sie ist was?“
„Komisiert. Das sagt Opa.“
Ich hatte keine Ahnung, was er damit meinte, trotzdem war ich mir sicher, es sei besser, wenn meine Mutter diese Bemerkung nicht zu Ohren bekäme.
Das Zimmer war schnell aufgeräumt, was auch nicht weiter verwunderlich war, denn Unordnung hat es in diesem Haus vielleicht hin und wieder als phonetisches Gebilde gegeben, heimlich gewispert hinter vorgehaltener Hand, aber nie als real-existierender Zustand.
Ich nahm Matti auf den Arm und stieg mit ihm die Treppe hinab.
„Pauline, wo bleibst du denn? Jetzt musste ich die Einkäufe selbst wegräumen, damit sie nicht schlecht werden.“
Konserven konnten verderben, wenn sie nicht umgehend in den Vorratsschrank geräumt wurden? Das war mir neu.
Nein, Konserven würden nicht so schnell verderben, aber andere Dinge.
Etwas hauste in meinem Kopf, ließ sich aber nicht fassen.
Während ich noch darüber nachdachte, sprang Matti von meinem Arm auf den Boden und hopste in die Küche.
„Warum hast du keine Bohnen mitgebracht?“, wollte meine Mutter wissen.
„Die hatten keine mehr“, log ich.
„Und überhaupt, was sind das für Bananen? Gab es keine reiferen. Sie sind noch viel zu grün. Auf keinen Fall kann ich sie morgen für den Nachtisch verwenden. Diese hier müssen mindestens noch zwei Tage liegen. Denk doch mal mit Kind, du bringst meinen ganzen Speiseplan durcheinander.“
Also, grün sind die Bananen und nicht gelb. Gut, dann war diese Frage geklärt.
„Der Tisch ist auch noch nicht gedeckt und Vater wird jeden Augenblick nach Hause kommen. Du weißt doch wie schlecht seine Laune wird, wenn das Essen nicht pünktlich auf dem Tisch steht.“
Das ist eine Behauptung, die meine Mutter seit Jahren aufstellt. Merkwürdig daran ist nur, dass sie sich noch kein einziges Mal bewahrheitet hat. Zum einen, weil mein Vater sich hüten würde, nicht zum verabredeten Zeitpunkt zu erscheinen, so dass das Essen kalt werden würde, zum anderen, weil meine Mutter auf die Sekunde genau das Essen zubereiten kann. Keiner weiß, wie sie das anstellt, aber weil die beiden ein eingespieltes Team sind, bietet sich für meinen Vater nie die Gelegenheit, in dieser Hinsicht schlechte Laune zu bekommen. Auch sonst besitzt er eine eher fröhlich optimistische Natur.
Trotzdem hält meine Mutter an ihrer Behauptung fest.
„Dann lass uns mal den Tisch decken“, zwinkerte ich Matti zu. „Nicht, dass Opa zu einem Ungeheuer mutiert und uns vor lauter Hunger anfällt, um uns aufzufressen.“ Ich hob die Hände über meinen Kopf, zog eine Fratze und jagte Matti um den Tisch, der kreischend vor mir Reißaus nahm.
„Kinder! Lasst den Unsinn!“ Meine Mutter klatschte in die Hände und schaute streng drein, wie die Prusseliese, die trotz Aufbringens ihres gesamten erzieherischen Könnens hoffnungslos an Pippi Langstrumpf scheitert.
Das Rasseln eines Schlüssels war zu hören und im nächsten Moment öffnete sich die Haustür. Mein Vater steckte seinen Kopf hinein. „Hier geht es ja rund“, lachte er.
„Ludwig, da bist du ja endlich! Wasch dir die Hände!“
„Jawohl!“ Mein Vater salutierte und schob seinen langen Körper in die Diele.
Mit einer Größe von einen Meter dreiundneunzig muss er jedes Mal den Kopf einziehen, um nicht mit der Deckenlampe zusammenzustoßen. Dafür hat er genug Platz zu den Wänden hin. Er ist nämlich nicht nur sehr groß, sondern auch ziemlich dünn.
Meine eigene hochgewachsene Gestalt habe ich ihm zu verdanken.
Das kastanienbraune, glatte Haar, das mein Gesicht umrahmt und bis auf die Schultern fällt, habe ich von meiner Mutter geerbt.
Fraglich ist nur, wer mir die Zahnlücke vermacht hat. Das kann oder will mir keiner sagen, denn meine Eltern haben makellose Zähne, während zwischen dem Spalt meiner Vorderzähne eine kleine Maus hindurchschlüpfen könnte. Noch nicht einmal eine Zahnklammer hatte etwas dagegen ausrichten können. Matti sagte einmal, zwischen meinen Zähnen hätte man vergessen, eine Türe einzubauen. Darüber musste ich lachen, hielt dann aber sofort die Hand vor meinen Mund, wie ich es immer mache, weil es mir peinlich ist, wenn jemand die Zahnlücke bemerkt und womöglich noch einen blöden Kommentar darüber abgibt.
Mein Vater hatte unterdessen seine Schuhe von den Füßen gestreift und schlüpfte in seine Pantoffeln. Dann gab er zunächst meiner Mutter, danach mir und schließlich Matti einen Kuss. „Hmm, das riecht lecker“, schwärmte er und schaffte es irgendwie an meiner Mutter vorbei in die Küche zu huschen, um unter die Deckel der Kochtöpfe zu sehen.
Warum er das tat, war mir schleierhaft, denn schließlich gab es jeden Dienstag Schnitzel, Kartoffeln und Gemüse. Wahrscheinlich schaute mein Vater nur deshalb unter die Deckel, weil er insgeheim hoffte, doch mal überrascht zu werden.
Meine Mutter gab ihm einen Klaps auf die Finger. Auch das hatte eine gewisse Tradition. „Lass das, Ludwig! Du bringst mich ganz durcheinander! Nun geh schon deine Hände waschen.“
„Jawohl, Chef!“
Ich kann mich nicht daran erinnern, wann mein Vater meine Mutter das letzte Mal einfach Christa genannt hat. Immer nennt er sie Chef oder Boss, manchmal sogar Tyrann, aber letzteres auch nur, wenn sie nicht im Zimmer ist und er ganz sicher sein kann, dass sie nicht zufällig an der Türe lauscht. Was meine Mutter natürlich nie machen würde. Nein, natürlich nicht!
Mein Vater ging wie befohlen ins Badezimmer, ließ die Tür aber offen stehen.
„Ludwig!“
Er schloss die Tür.
„Komm Matti, lass uns den Tisch decken, bevor wir Ärger bekommen.“ Ich beugte mich verschwörerisch zu meinem Sohn hinab und flüsterte: „Bald rette ich dich und hole dich aus diesem verwunschenen Haus heraus.“
„Warum denn?“ Matti schaute mich mit großen Augen an.
„Na, weil es eben nicht nur Märchen gibt, in denen Prinzen die Prinzessinnen vor dem Drachen retten, sondern auch tapfere Mütter ihre Söhne beschützen.“
„Und wer ist der Drache? Oma?“
Ich kicherte, legte dann aber schnell den Zeigefinger auf seinen Mund. Leider nicht schnell genug.
„Wer ist ein Drache?“ Meine Mutter stellte die dampfenden Schüsseln auf den Tisch.
„Du, Oma!“, quetschte Matti hervor, obwohl ich immer noch meinen Zeigefinger auf seine Lippen presste.
„Das ist also der Dank für meine ganze Arbeit“, antwortete meine Mutter verschnupft.
„War doch nur Spaß.“ Ich kaute so heftig auf meiner Unterlippe, dass es bereits weh tat.
Matti lief zu seiner Oma und drückte sie. „Ich mag Drachen. Die können ganz toll Feuer spuken. Und sie können fliegen. Und sie sehen ein bisschen wie Dinosaurier aus.“
„Da siehst du, was du angerichtet hast, Pauline. Jetzt hält das Kind mich für einen Dinosaurier.“
„Hoffentlich nicht für einen T-Rex“, lachte mein Vater, der aus dem Bad getreten war und sich erwartungsvoll an den Tisch setzte. „Stell dir mal vor, du müsstest mit solch kurzen Ärmchen die Betten machen oder versuchen, mit Messer und Gabel zu essen.“ Mein Vater winkelte die Arme an und zog sie eng an den Brustkorb, um jetzt erfolglos nach dem Besteck zu greifen. Dabei riss er den Mund weit auf, wie ein hungriger T-Rex.
Matti juchzte vor Vergnügen.
„Ludwig, nun gib aber Ruhe!“ Ihr berüchtigtes Tuch aus der Schürze ziehend, lief meine Mutter ins Bad, um die zwei bis drei Wassertropfen zu entfernen, die mein Vater in seiner Unachtsamkeit übersehen haben musste.
Nicht auszudenken, wenn das Wasser auf dem Emaille Kalkflecken hinterlassen würde und wie es der Teufel wollte, würde sich unerwarteter Besuch anmelden und natürlich wäre es Frau Barsch, unsere neugierige und durch und durch penetrante Nachbarin, die sich gerne ins Haus hineindrängt und durch die Zimmer schleicht, wenn meine Mutter es nicht zu verhindern weiß, und die nach dem kleinsten Staubkorn sucht, auch wenn sie es nie zugibt und trotzdem ist die gesamte Straße eine Stunde später darüber in Kenntnis gesetzt, wenn auch nur eine einzige Kaffeetasse AUF und nicht IN der Spülmaschine steht. Und überhaupt, wer eine Spülmaschine benutzt, ist nur zu faul, mit der Hand zu spülen.
„Opa, ist Oma jetzt wieder komisiert?“
Mein Vater kicherte. „Nein, Oma ist nicht kompliziert. Sie will es nur immer ordentlich haben.“
„Opa, hast du heute wieder Gesetze gemacht?“ Mattis Beine baumelten aufgeregt unter dem Tisch.
„Na und ob!“
„Auch gegen die Schnecken?“
„Besonders gegen die Schnecken.“
„Müssen die jetzt aus deinem Garten verschwinden?“
„Ja, und ihr Haus müssen sie auch mitnehmen.“
Matti dachte eine Weile nach. Auf seiner Stirn zeigten sich steile Sorgenfalten. „Und was machen die Schnecken, die kein Haus haben? Wo sollen die hin?“
„Die müssen ins Hotel ziehen.“
„In ein Schneckenhotel?“
„Ja!“
„Dann ist gut.“ Matti schaute zufrieden drein. „Du bist der Boss, stimmt's Opa?“ Es war unbestreitbar, wer Mattis großer Held war.
Mein Vater wuchs auf seinem Stuhl noch ein paar Zentimeter mehr in die Höhe und lächelte seinem Enkel anerkennend zu. „Nun ja, ich bin der erste Vorsitzende des Gartenvereins Mauerblömche und der muss schließlich verantwortungsvoll sein und die Arbeit im Blick haben.“
„Und die Schnecken!“, nickte Matti.
„Die ganz besonders.“
„Jetzt ist aber mal genug von Schnecken gesprochen. Das verdirbt einem doch den Appetit!“ Mit säuerlicher Miene verteilte meine Mutter die Schnitzel auf die Teller.
„Nun ja, wir haben auch Termine für die nächsten Instandsetzungen festgelegt“, lenkte mein Vater ein.
„Ich dachte, die Termine stehen schon alle fest?“, wunderte sich meine Mutter, die mit einem Messer Mattis Schnitzel kleinsäbelte.
„Ja, schon, aber da sind noch zwei weitere hinzugekommen.“
Plötzlich machte meine Mutter ein zufriedenes Gesicht.
Wenn mein Vater außer Haus ist, kann sie schalten und walten, wie sie will. Es gibt keinen Grund, warum sie es nicht auch tun könnte, wenn er in seinem Sessel sitzt und die Zeitung liest. Das sieht sie aber völlig anders.
Die Aussicht auf noch mehr Tage ungestörtes Durch-Das-Haus-Wirbeln hob ihre Laune. Großzügig verteilte sie nun die Salzkartoffeln auf die Teller.
Ich hege den leisen Verdacht, dass mein Vater bewusst einige Termine zurückhält und sie erst nach und nach meiner Mutter mitteilt und zwar immer dann, wenn sie schlechte Laune zu bekommen droht. Schlauer Papa!
„Ich habe übrigens etwas für dich arrangieren können“, sagte mein Vater zu mir gewandt. In seinen Augen blitzte es freudig.
Sofort bekam ich ein flaues Gefühl im Magen. Heute war absolut nicht mein Tag, das konnte nun wirklich niemand behaupten, also würde auch jetzt nichts Gutes dabei herauskommen, wenn mein Vater diese Ansprache hielt. „Was meinst du mit arrangieren können?“, fragte ich deshalb skeptisch.
„Peter war heute bei der Versammlung anwesend. Du weißt schon, Peter Sillich, unser neustes Mitglied. Ihm gehört das schicke Restaurant in der Südstadt. Ich habe schon das letzte Mal von ihm und seinem Lokal gesprochen. Ausgezeichnete Speisekarte! Das sagen jedenfalls die anderen Mitglieder, die schon bei ihm essen waren.“
„Pff!“, machte meine Mutter, was soviel bedeutete, wie: Was sie nicht gekocht hatte, konnte auch nicht schmecken.
„Wir sollten dort mal hingehen“, ignorierte mein Vater ihren Einwand und sofort sausten die Mundwinkel meiner Mutter in den Keller und nahmen ihre Laune gleich mit.
„Soll das heißen, ich kann nicht kochen?“
„Doch natürlich. Du kochst ausgezeichnet, meine Liebe. Ich dachte nur, es wäre mal eine Abwechslung für uns.“
Das Gesicht meiner Mutter entgleiste völlig.
„Und für dich wäre es weniger Arbeit“, schob mein Vater schnell hinterher.
Oh je, armer Papa. Er ritt sich immer tiefer hinein. Aus dieser Nummer würde er ohne Federn zu lassen nicht mehr herauskommen. So viele Termine konnte er nicht in petto haben.
„So! Abwechslung willst du? Die kannst du haben! Das Gemüse könnt ihr euch selbst drauf tun.“
Meine Mutter setzte sich und vermied jeglichen Blickkontakt. So, wie sie den Mund verzog, konnte man annehmen, sie habe in eine unreife Zitrone gebissen.
Ich kaute auf meinem Stück Fleisch herum. „Was soll ich denn in dem Restaurant machen? Spülen?“
„Nein, Peter sucht noch eine Kraft für den Service.“
Das Stück Fleisch blieb mir im Hals stecken. „Im Service? Das habe ich doch noch nie gemacht, Papa. Das kann ich nicht.“
„Aber Paulchen, es ist doch nur für ein paar Stunden in der Woche. Nichts Weltbewegendes. Wirklich! Du musst es nur einmal versuchen.“ Mein Vater tätschelte beruhigend meine Hand.
Eigentlich finde ich es niedlich, wenn mein Vater mich Paulchen nennt, auch heute noch, wo ich so tue, als sei ich erwachsen.
Jetzt jedoch konnte es mich nicht beruhigen.
Du musst es nur einmal versuchen?
Haha, sehr witzig.
Der wievielte Versuch im wievielten Job sollte das wohl werden? Irgendwann hatte ich aufgehört zu zählen.
Immer wieder hat mein Vater über Freunde und Bekannte irgendwelche Jobs für mich an Land gezogen.
Eine Kostprobe gefälligst?
Jeder, aber auch wirklich jeder, kann angeblich in einem Nagelstudio arbeiten.
Jeder!
Ausgenommen meine Wenigkeit.
Die vermeintliche Tinktur, die ich auf die Nägel einer Kundin auftragen sollte, entpuppte sich leider als äußerst aggressiver Reiniger und dieser Reiniger wiederum hielt überhaupt nichts davon, mit seiner überaus effektiven Wirkung vor den Nägeln der Kundin halt zu machen. Dabei handelte es sich bei ihr ausgerechnet um die echten Krallen und nicht etwa um Kunstnägel. Ich bin immer noch sicher, dass die Ladenbesitzerin mir die Anweisung gab, den Inhalt der roten Flasche zu verwenden und nicht den der grünen, wie sie keifend behauptete, bevor sie mich hinauswarf.
Das nennt man wohl Pech!
Oder mein Einsatz als Verkäuferin in einer exquisiten Boutique im noblen Kölner Stadtteil Lindenthal.
Bereits nach einer Stunde ließ mich die Inhaberin, Frau von Mürke, allein im Laden zurück, nur um bei ihrer Rückkehr festzustellen, dass ich die Konfektionsgrößen der Kleidungsstücke mit dem Preis verwechselt haben musste. Die Worte, mit denen Frau von Mürke mich überschüttete, hallen noch heute die vornehme Einkaufsstraße hinauf und hinunter und suchen dort vergeblich ein neues Zuhause. Aber mal ehrlich! Ein T-Shirt für den Preis von 36 Euro erscheint mir vollkommen angemessen. So schön war es dann auch wieder nicht und wer hätte ahnen können, dass ich damit den Preis um satte 120 Euro unterboten hatte?
Das waren alles unschöne Erfahrungen, mit denen es sich aber durchaus leben ließ und die man auch irgendwann vergessen konnte. Was sich jedoch für die Ewigkeit in mein Hirn gebrannt hat, ist mein Zusammentreffen mit Dieter Eberstein. Auch er war ein Gartenfreund meines Vaters und nach einem abschätzenden Blick, der an meinem Busen begann und an meinen Knien endete, bot er meinem Vater an, mir unter die Arme zu greifen. Es wäre keine schwere Arbeit, aber sie sei gut bezahlt, versicherte er. Ich solle in seinem Lokal lediglich den Getränkeumsatz steigern.
Völlig naiv betrat ich die dunkle Bar, deren Wände mit rotem Samt verkleidet waren. Spätestens als Eberstein mir die Arbeitszeiten nannte, wurde ich dann doch hellhörig.
Zwischen Mitternacht und sechs Uhr morgens trinkt man nun mal keinen Kakao oder spielt Mensch-ärgere-dich-nicht.
Der mir zugewiesene Arbeitsplatz bestand aus einem Zwei Quadratmeter großen Käfig, der auf einem Podest fixiert war, meine Arbeitskleidung aus einem Hauch von Nichts.
„Du prüde Gans!“, schrie Eberstein hinter mir her, als ich kurz darauf kopflos auf die Straße stürmte.
Dass der Nachtclubbesitzer seine Parzelle in der Schrebergartensiedlung kurz nach diesem Vorfall aufgab, obwohl sein Großvater eines der Gründungsmitglieder der Gartenkolonie Mauerblömche war, ist mir nie merkwürdig erschienen.
Mein Vater hingegen murmelte etwas von Gerechtigkeit und verglich Eberstein mit einem dicken, runden Körperteil, dem er obendrein noch ein paar Ohren andichtete, obwohl das anatomisch so nicht ganz korrekt ist.
Es tut mir leid, meine Eltern immer wieder aufs Neue enttäuschen zu müssen, auch wenn sie alles daran setzen, es sich nicht anmerken zu lassen.
Die einzigen Dinge, die ich in meinem Leben zustande gebracht habe, kann ich an einer Hand abzählen und selbst dann benötige ich nur zwei Finger.
Das eine ist mein Abitur, bei dem ich recht gut abgeschnitten habe, das andere mein Sohn Matti, der zunächst völlig unerwartet in meinen Bauch und dann in mein Leben trat und es damit gehörig auf den Kopf stellte.
Eigentlich bin ich nicht böse, dass ich mein Studium der Afrikanistik an den Nagel hängen musste. Natürlich hätte ich das Studium nach Mattis Geburt fortsetzen können, aber nach der Niederkunft war ich irgendwie reifer und ich fragte mich zum ersten Mal ernsthaft: Was zum Teufel fängt man mit einem Studium der Afrikanistik an?
Gut, ich konnte einen Studentenausweis mein eigen nennen, mit dem ich kostenlos durch Köln fuhr, was ich auch lieber tat, als den langweiligen Seminaren zu folgen, die von noch langweiligeren wissenschaftlichen Hilfskräften abgehalten wurden, weil die Professoren keine Lust auf die gelangweilten Studenten verspürten.
Ich muss jedoch zugeben, dass auf Dauer allein der Besitz eines Studentenausweises sehr unbefriedigend war und irgendwann kannte ich das Netz der Kölner Verkehrsbetriebe in- und auswendig und konnte jedem Touristen erklären wie er von A nach B kam, und dabei am besten über C fuhr, weil es auch dort etwas Interessantes zu sehen gab. Der Sinnlosigkeit wäre zu entfliehen gewesen, indem ich das Studienfach gewechselt hätte. Ein durchaus überlegenswerter Gedanke, sicher, wenn Matti nicht krank gewesen wäre.
Mit Schaudern denke ich an die ersten Wochen und Monate seines Lebens zurück, an die Zeit, in der er verzweifelt nach Luft rang, während er mit seinen winzigen Fingerchen meinen Daumen umkrampfte.
Nie werde ich die Aufenthalte auf den endlosen Fluren des Kinderkrankenhauses in der Amsterdamer Straße vergessen.
Nie die langen Tage, an denen ich dort auf und ab lief, angetrieben von einer perversen Mischung aus Angst und Hoffnung.
Die Nächte jedoch, haben sich tief in mein Herz gegraben. Am schlimmsten waren jene dunklen Stunden, in denen mein kleiner Junge zuerst rot und dann blau anlief, weil er um jeden einzelnen Atemzug kämpfte.
Eines weiß ich seit dieser Zeit mit absoluter Gewissheit.
Blau wird nie und nimmer meine Lieblingsfarbe.
„Pauline! Was sagst du zu dem Vorschlag?“ Mein Vater schaute mich hoffnungsvoll an.
