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In einer Welt, an die die Menschen schon lange nicht mehr glauben, glaubt auch kaum noch jemand an die Welt der Menschen. Denn zu absurd erscheint das Gerücht, dass Menschen das wertvollste Material, das es in ganz Waaja gibt, künstlich herstellen können: Schokolade. Nachdem ein Tyrann die Macht an sich gerissen und den König der Kobolde von seinem rechtmäßigen Thron gestürzt hat, kann da Schokolade aus der Menschenwelt die Ordnung in Waaja wiederherstellen?
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Veröffentlichungsjahr: 2021
Sören Bielow | Mike-Philipp van Severen
Schokoladentaler
In einer Welt, an die die Menschen schon lange nicht mehr glauben, glaubt auch kaum noch jemand an die Welt der Menschen.
Denn zu absurd erscheint das Gerücht, dass Menschen das wertvollste Material, das es in ganz Waaja gibt, künstlich herstellen können: Schokolade.
Nachdem ein Tyrann die Macht an sich gerissen und den König der Kobolde von seinem rechtmäßigen Thron gestürzt hat, kann da Schokolade aus der Menschenwelt die Ordnung in Waaja wiederherstellen?
Sören Bielow | Mike-Philipp van Severen
Schokoladentaler
ROMAN
1. Auflage (E-Book), 2021
© 2019 Sören Bielow & Mike-Philipp van Severen
c/o Alte Feuerwache 12, 21423 Winsen (Luhe) im Selbstverlag – Alle Rechte vorbehalten.
Coverdesign: Dennis „Bouncie D.“ Lehmann
Layout: Christopher Kloiber
ISBN 978-3-9820957-2-1
Auch als erstklassige Printausgabe im Hardcover erhältlich!
www.schreiben-ist-magie.de
Kugelblitze nennt man schwebende Lichtkugeln, die plötzlich und auch in geschlossenen Räumen auftreten. Es gibt neben teils jahrhundertealten Augenzeugenberichten nur wenige fotografische Belege.
Kugelblitze treten sehr selten und überwiegend in Bodennähe auf. Sie wurden als schwebende, glühende Objekte beschrieben. Im Gegensatz zu gewöhnlichen Blitzen haben sie eine Lebensdauer von bis zu dreißig, typischerweise aber zwei bis acht Sekunden.
Die größte beobachtete Ausdehnung lag zwischen fünfzehn und vierzig Zentimetern. Sie sind selbstleuchtend, meist orange bis hellgelb und undurchsichtig. Manchmal versprühen sie Funken und sind von Geräuschen begleitet. Letztlich verschwindet die Erscheinung, zerstreut sich, wird von etwas absorbiert oder verschwindet in seltenen Fällen sogar in einer Explosion. Manchen Berichten zufolge können sie in Gebäude eindringen, scheinbar wirkungslos durch Mauern, Türen und Fenster schweben oder aber auch bei Berührung explodieren und Verletzungen verursachen.
Fakt ist, dass unsere Naturwissenschaften keinerlei Erklärung dafür haben, was Kugelblitze sind, wie sie entstehen oder was ihr Zweck ist. Mit ihren Theorien und Experimenten zielen die Physiker und Mathematiker der letzten Jahrhunderte wahllos ins Dunkle.
„Globe of Fire Descending into a Room“ (Dr. G. Hartwig)
1
Lord Rillrich
Schokolade war wertvoll. Das Kostbarste, das es in ganz Waaja gab. Nur selten und tief im Erdboden vorhanden und mit schwersten Mühen ans Tageslicht zu befördern, konnten sie sich lediglich wohlhabende Händler und die vermögenden Bewohner von Königsstadt leisten, um aus ihr Schmuck und reich verzierten Tinnef anfertigen zu lassen oder um einfach nur mit ihrem Besitz anzugeben. Wer nur ein bisschen Schokolade besaß, galt als reich.
Und Lord Rillrich besaß sie tonnenweise. Durch Zufall war er auf ein scheinbar unendlich großes Vorkommen an Schokolade gestoßen, das er seitdem aus der Erde graben ließ und sich damit alles kaufte, was er haben wollte. Das allein wäre gar nicht so schlimm gewesen, doch gab es nur eine einzige Sache, die Rillrich haben wollte: Eine Armee.
Schon bald begann er damit, jeden anzuwerben, der gerade mal ein Schwert halten oder auch nur eine kleine Hitzekugel beschwören konnte, um sie auf den Gegner zu werfen. Die Entlohnung war reichlich und sie war aus Schokolade. Das sprach sich in Windeseile herum und schon nach kurzer Zeit hatten sich gut ausgebildete Kampfkobolde und Dutzende Trolle um ihn versammelt, um alles zu tun, was er von ihnen verlangte, solange er sie nur bezahlte. Die Zahl seiner Söldner stieg rasch und als er über so viele Trolle verfügte, dass er sie in einzelne Rampas aufteilen konnte, begann er kurzzeitig, sich zu sorgen, wie er die tumben Riesen kontrollieren konnte. Trolle waren kaum intelligent genug, um sprechen zu können, geschweige denn, einen langfristigen Angriffsplan zu befolgen. Alles, was sie konnten, war, drauflos zu stürmen und Knüppel aus Eisenholz zu schwingen. Und natürlich nach Schokolade zu verlangen. Doch glücklicherweise stieg die Zahl der Kobolde, die reich werden wollten, ebenso. Viele waren ausgebildete Krieger und verfügten über ausgezeichnete Kenntnisse im Umgang mit Schwertern, Speeren und Bögen, sowie über exzellente magische Fähigkeiten, die sie im Kampf einsetzen konnten. Diese Kobolde wies er an, die Trolle in seinen Rampas anzuführen. So wurde jede einzelne Rampa zu einem schlagstarken Armeeverbund aus Trollen und Kobolden und schon bald begannen sie, Dörfer und Städte zu überfallen und ganz Waaja mit einem schrecklichen Krieg zu überziehen, der für Lord Rillrich nur ein Ziel hatte: Der Sturz König Segomers und die Eroberung der Ewigen Festung von Königsstadt.
Schokolade war nicht alles. Das wurde Segomer, dem König von Waaja, allzu deutlich bewusst, als er die Soldaten seiner Königlichen Armee gegen die Horden der gekauften Trolle ankämpfen sah, die unter der Führung des Verräters Rillrich gegen die Ewige Festung marschierten. Denn die Trollhorden folgten Rillrich nur, weil er sie reich mit Schokolade entlohnte, die Königlichen Soldaten jedoch kämpften für ihr Königreich, ihren König und ihre Freiheit, die auch gleichzeitig die Freiheit der gesamten Welt bedeutete.
Fast einen ganzen Sonnenkreis lang dauerte dieser Krieg nun schon an, seit Rillrich sich mit seinen Söldnern erhoben und eine Schneise der Zerstörung durch ganz Waaja gezogen hatte. Diese Schneise führte bis hierher, vor die Mauern der Ewigen Festung, der letzten Bastion der Freiheit. Niemals in der langen Geschichte Waajas war sie erobert worden, keinem Angreifer war es gelungen, ihre Außenmauern zu überwinden. Denn diese Mauern bestanden aus tonnenschweren Steinquadern, gehauen aus den Äonenfelsen der Durstwüste, und ihre Tore waren aus dem Eisenholz der versteinerten Bäume des Ehernen Waldes gefertigt. Kein brennendes Ölharz, kein noch so großer Rammbock und kein bekannter Zauber vermochten dieses Holz zu bersten. Und selbst wenn doch! Das Innere der Festung bestand aus verwirrenden Irrgängen, die tausend Möglichkeiten zum Laufen in die falsche Richtung boten. Nur ein einziger Weg führte zum Thronsaal und den musste man kennen, wenn man nicht in irgendeiner Sackgasse verdursten wollte.
Segomers Blick glitt über das Schlachtfeld, das direkt vor den Mauern der Festung lag. Er sah die anstürmenden Trolle, die darauf spezialisiert waren, Hindernisse und etwaige Gegenwehr dem Erdboden gleich zu machen. Normalerweise hatten die tumben Kolosse, die nichts konnten als zuschlagen, dass kein Halm mehr wächst, kein Mittel gegen die einfachsten Zauber, mit denen ein erfahrener Königssoldat sie ins Leere laufen lassen konnte. Doch unter der Leitung der schwer bewaffneten und kriegserfahrenen Kobolde, die zwischen ihnen umher huschten und Befehle schnarrten, lieferten sie einen harten Kampf. Von jeher waren die magischen Koboldwaffen gefürchtet, die nie verheilende Wunden zu reißen vermochten und darüber hinaus dem Verwundeten sogar noch derart die Sinne verwirren konnten, dass er die eigenen Waffen gegen seine Mitstreiter oder sogar gegen sich selbst richtete. In Verbindung mit koboldischen Kampfzaubern und mit Unterstützung der Trollhorden wurden die Söldner zu gefährlichen Kriegern und gefürchteten Gegnern und allein ihre große Zahl ließ sie unbesiegbar erscheinen.
Die Königssoldaten kämpften mit der Kraft der Verzweiflung gegen den übermächtigen Feind, der sie immer weiter zurückdrängte.
Lord Rillrich war der Verlauf dieser letzten Schlacht um die Ewige Festung keineswegs entgangen. Freudig verfolgte er das Geschehen aus sicherer Entfernung, umgeben von seiner Leibgarde, den Voggs.
Die Voggs waren eine schwer bewaffnete Elite von Kampfkobolden und trugen die stärkste und härteste Rüstung, die eine Koboldschmiede herzustellen vermochte. Eingebrannt in ihre silbern schimmernden Brustpanzer trugen sie weithin sichtbar das Herrschaftssymbol Lord Rillrichs: Ein Eiswolf mit gefletschten Zähnen. Ausgerüstet mit Schwert, Axt und Wurfspieß waren sie im Zweikampf die gefährlichsten Gegner, auf die man in einer Schlacht treffen konnte.
Hoch über Rillrich befand sich Norgan, sein oberster General und engster Vertrauter. Er saß auf dem Rücken seines gezähmten Titanenadlers und kreiste über dem Schlachtfeld. Seinen Krückstock, auf den der alte Kobold sich zu stützen pflegte, wenn er am Boden war, hatte er hoch über seinen Kopf erhoben. Aus der Luft schoss er magische Blitze auf die Königliche Armee hinab und schlug durch gelegentliche Sturzflüge Löcher in die Reihen der Soldaten.
Rillrich stellte zufrieden fest, dass seine Söldner immer mehr die Oberhand über Segomers Armee gewannen. Die Angriffe des gigantischen Titanenadlers (dem einzigen, der jemals gezähmt und für kriegerische Zwecke eingesetzt worden war) hinterließen ihre Eindrücke. Immer näher rückten seine Krieger an die Mauern der Ewigen Festung heran. Die Mauern, die noch nie überwunden worden waren. Nun, er würde der Erste sein! Doch vorher musste er noch die Königlichen Bogenschützen und die Leibgarde des Königs besiegen. Und dafür würde er seine besten Kämpfer einsetzen müssen. Mit einem Kopfnicken gab er seinen Voggs ein Zeichen und lautlos schwärmten sie aus.
König Segomer beobachtete die Angriffe des Titanenadlers, gegen die sich seine Soldaten tapfer verteidigten und die Lücken, die die riesigen Klauen in ihre Reihen rissen, durch Nachrücken sofort wieder schlossen. Doch die Verluste waren groß und Rillrichs Söldner hatten die Königliche Armee mittlerweile bis dicht vor die Mauern der Ewigen Festung zurückgedrängt. Segomer schickte nach seinen Bogenschützen und ließ sie auf den Wehrgängen Stellung beziehen. Sofort legten sie auf den Titanenadler an, der den Pfeilen jedoch geschickt ausweichen konnte.
Weit unter sich auf dem Schlachtfeld konnte Segomer Rillrich erkennen, der sich hinter den Reihen seiner Söldner positioniert hatte und aus sicherer Distanz Befehle erteilte. Und gerade eben hatte er seine Voggs ausgesandt, die sich schnell und geschmeidig durch die Reihen der Kämpfenden bewegten und sich den Festungsmauern näherten.
Überlebende früherer Schlachten aus dem Süden erzählten schreckliche Geschichten über Rillrichs Leibgarde, die undurchdringliche Panzer und furchtbare Waffen trugen und zudem über Kampfzauber verfügen sollten, die kein anderer Kobold kannte, weil sie wie Familiengeheimnisse von einer Generation zur nächsten weitergereicht wurden.
Die Voggs würden den Königssoldaten schwer zu schaffen machen und das Gleichgewicht der Kräfte noch weiter zugunsten von Rillrichs Rampas verändern.
König Segomer spürte Verzweiflung in sich aufsteigen. Wie lange würde seine Armee diesem Angriff noch standhalten können?
Er positionierte seine Bogenschützen auf den äußersten Zinnen der Ewigen Festung und ließ sie auf die Kampfkobolde anlegen. Sofort schossen die Pfeile in den wolkenverhangenen Himmel über das Schlachtfeld von Königsstadt, vervielfältigten sich in der Luft und flogen zielgenau auf die angreifenden Voggs.
Segomer beobachtete, wie Rillrichs Garde die abgeschossenen Pfeile mit Zaubern abwehrte oder im vollen Lauf mit dem gezogenen Schwert einen Pfeil aus seiner Bahn schlug. Manche ließen sich auch mit voller Absicht treffen, in dem Wissen, durch ihren Brustpanzer geschützt zu sein.
Einige der abgewehrten Pfeile trafen als Querschläger andere Kampfkobolde, die sich inmitten der Trolle bewegten. Auf die taten die Angriffszauber ihre Wirkung und während die einen wie eingefroren erstarrten, gingen andere in hell lodernde Flammen auf, brachen zusammen oder verloren ihre Waffen. Einige der Getroffenen wirkten einfach nur verwirrt und schienen vergessen zu haben, weswegen sie sich mit gezogenem Schwert in einem Kampf befanden und wieso ihnen ein Pfeil in der Schulter steckte. Sie versuchten dann, ihre Kameraden zum Rückzug zu bewegen, und hörten erst damit auf, wenn ein Vogg sie mit dem Schwert zum Schweigen brachte.
Doch diese vereinzelten Zufallstreffer konnten dem Feind keine entscheidenden Verluste beibringen und die Königliche Armee stand kurz vor der Niederlage. König Segomer wusste, dass den Voggs nur die besten seiner Soldaten entgegentreten konnten.
Er verließ die Zinnen und sammelte seine Leibgarde um sich. Mit ihnen verließ er die Ewige Festung und trat vor die Mauern. Dort sah er, dass nur noch wenige seiner Soldaten kampffähig waren, wogegen unzählige Trolle wie Bäume in den Himmel ragten, wohin man auch blickte. Rillrichs Sturm auf die Ewige Festung schien nicht mehr abgewehrt werden zu können.
König Segomer klammerte sich an eine letzte Hoffnung. Leise stellte er sich selbst eine verzweifelte Frage, die sich in seinen Ohren mehr wie ein Hilferuf anhörte, als ob er sie allein durch die Nennung ihres Namens würde herbeirufen können. Sie, die alles zum Guten wenden konnten. Die die Schlacht auf der Stelle ohne weitere Opfer beenden konnten. Die dafür bekannt waren, stets das Gleichgewicht der Mächte aufrecht zu erhalten und die schon so oft in der Geschichte Waajas das aufsteigende Böse im Keim erstickt und den Frieden bewahrt hatten.
König Segomer fragte: „Wo bleiben die Mhyster?“
Die Mhyster waren - und darin war sich jeder Mann, jede Frau und jedes Kind in ganz Waaja, egal ob Fee, Elb, Kobold, Zwerg oder Troll, einig – das geheimnisvollste, merkwürdigste und am schwersten einzuschätzende Volk, das es weit und breit gab. Und das, obwohl kaum jemand mehr über sie wusste, als dass sie schwarze Umhänge trugen, die ihren ganzen Körper umhüllten und dass sie bleiche, ausdruckslose Gesichter hatten. Es hieß, dass sie die mächtigsten magischen Fähigkeiten aller Wesen in Waaja besaßen, so unermesslich, dass sie sogar ihr eigenes Aussehen zu verändern vermochten. Nur die wenigsten bekamen sie jemals in ihrem Leben zu Gesicht. Es hieß, dass sie manchmal einhundert Sonnenkreise lang nicht aus dem Ehernen Wald herauskamen, so dass sie manchmal schon beinahe in Vergessenheit geraten wären, wenn sie sich dann nicht doch wieder gezeigt hätten, um uneingeladen an einer Schlacht teilzunehmen, die das Schicksal Waajas verändern konnte. Denn das Gleichgewicht der Mächte zu bewahren, schien die selbstauferlegte Pflicht zu sein, der die Mhyster seit jeher nachkamen. Stand das Gleichgewicht auf der Kippe, kamen die Mhyster und stellten es wieder her. Danach verschwanden sie wieder in den Nebeln und Schatten, aus denen sie erschienen waren und niemand hatte je herausgefunden, wo genau sie lebten. Nur dass es in einem so tiefen und finsteren Teil des Ehernen Waldes sein musste, dass kein gescheites Geschöpf sich dorthin wagte. König Segomer war sicher, dass die Mhyster kommen würden. Diese Schlacht war zu monumental, der Aufrührer zu zerstörerisch und das Gleichgewicht der Mächte zu unausgeglichen, als dass die Mhyster sie ignorieren würden.
Rillrichs Kämpfer hatten die Mauern beinahe erreicht und seine Voggs - eine zerstörerische Streitmacht aus todbringenden Kriegern - standen der Königlichen Leibgarde gegenüber, der letzten verbliebenen Einheit der Königlichen Armee. So rettungslos unterlegen und in der Minderzahl sie auch waren, würden sie dennoch nicht zögern, die Voggs anzugreifen und in einen sinnlosen Tod zu gehen.
Grinsend und mit einem kalten Funkeln in den Augen warteten die Voggs auf den Angriff, Schwert und Axt kampfbereit in den Fäusten.
Ohne dass sie auf ein Kommando gewartet hätten, zog die Königliche Garde ihre Schwerter. Es war unnötig, auf einen Befehl zu warten, wenn es nur eine Richtung gab. Und so stürmten sie vorwärts, die Schwerter hoch erhoben und griffen in einer verlorenen Schlacht einen übermächtigen Feind an. Verzweifelt und machtlos blickte König Segomer ihnen nach. Die Mhyster waren seine letzte Hoffnung. Ohne ihre Hilfe würde Rillrich siegreich sein.
Und die Mhyster kamen.
Zuerst wurde es dunkel. Obwohl noch helllichter Tag war, verfinsterte sich mit einem Schlag der wolkenlose Himmel. Die brennende Sonne verdunkelte zu einer schwach glimmenden Scheibe am schwarzen Firmament und ein sonderbares Zwielicht fiel auf den Kriegsschauplatz herab. Dann erschienen sie zu hunderten. Verteilt über das ganze Schlachtfeld tauchten sie in kleinen Gruppen aus dem Nichts auf und wo sie eintrafen, endete das Sterben.
Augenblicklich fielen den Soldaten der Königlichen Leibgarde die Schwerter aus den Händen, ohne vom Feind getroffen worden zu sein. Unfähig, sich zu rühren, standen die Königssoldaten wie erstarrt da, bevor ihnen die Knie einknickten und sie kraftlos - aber lebendig - auf dem Schlachtfeld zusammensackten und mit den Gesichtern im Sand liegenblieben. Über ihnen standen die Voggs, die überrascht von den plötzlichen Geschehnissen ihre Waffen senkten.
Die schwarzen Umhänge bauschten sich im leichten Wind und lange schwarze Haare wehten um ihre bleichen Gesichter. Der tote Ausdruck, mit denen die roten Augen der Mhyster sie anstarrten, veranlasste die Voggs dazu, ihre Waffen wegzustecken und die wehrlos am Boden liegenden Gegner nicht anzugreifen.
Es herrschte eine Totenstille ringsumher, als würde die bloße Anwesenheit der Mhyster sämtliche Geräusche der Umgebung mit einem lautlosen Nichts überdecken und erst als sie sich schweigend wieder auflösten - wobei sie nirgendwo auch nur die geringste Spur hinterließen - kehrten die Stimmen der Welt zurück.
Doch niemand rührte sich. Die Verwirrung über dieses plötzliche Eingreifen der Mhyster und wessen Seite sie zum Sieg verholfen hatten, war zu groß.
Für Lord Rillrich war es zu schnell gegangen. Noch vor wenigen Augenblicken hatte er einen Sieg über alle Soldaten Waajas in Aussicht gehabt, nun hatten die Mhyster die Schlacht für ihn beendet. Er hatte immer befürchtet, dass sie vielleicht eingreifen und seinen Eroberungsplan zunichtemachen würden. Für den Fall hätte er die Voggs auf sie gehetzt und das Beste gehofft (bei dem Anblick der mühelosen Machtdemonstration der Mhyster vor wenigen Augenblicken kam ihm dieser Plan nun töricht vor), doch niemals wäre ihm der Gedanke gekommen, dass die Mhyster auf seiner Seite sein konnten!
Äußerlich ruhig und bemüht, seine Überraschung nicht zu zeigen, schritt er gelassen die Reihen der gefallenen Königssoldaten ab, zu der Ansammlung seiner Voggs hin, die sich pflichtgetreu wieder um ihn scharten.
König Segomer war innerlich tot. Der Anblick seiner gefallenen Soldaten hatte ihn jeglicher Empfindungsfähigkeit beraubt.
Ohne dass auch nur ein einzelner Vogg einen Schwertstreich gegen die Königliche Leibgarde führen musste, hatte Lord Rillrich die Schlacht gewonnen. Und den Krieg.
Nur ein Gedanke beherrschte Segomers Geist: Die Mhyster hatten Waaja verraten. Sie hätten Rillrich aufhalten können, doch sie hatten den Kampf beendet und der Tyrann hatte gesiegt.
Die Ewige Festung war gefallen, zum ersten Mal in der Geschichte Waajas. Was würde das für die freien Völker bedeuten?
König Segomer trat vor, neben seine letzten Soldaten. Er hielt es nicht für angebracht, jetzt noch zu fliehen oder sich zu verstecken. Er zog es vor, die Niederlage - da sie nun feststand - wenigstens erhobenen Hauptes zu ertragen.
Sein Feind, der Aufständische und Verräter Rillrich kam auf ihn zu. Er wurde umringt von seinen Voggs, die jeden seiner Schritte bewachten.
Mit dem herablassenden Ausdruck des überlegenen Siegers trat Rillrich an Segomer heran und riss ihm mit einer groben Bewegung die Krone vom Kopf, um sie sich selbst auf das Haupt zu setzen. Segomer war dankbar, wenigstens über genug Selbstbeherrschung zu verfügen, um bei diesem schamlosen Akt der Respektlosigkeit gegenüber einem besiegten Gegner nicht zusammenzuzucken. Etwas abseits landete mit einem geräuschvollen Beben Norgan mit seinem Titanenadler auf dem Schlachtfeld. Der gigantische Vogel legte seine Schwingen auf dem Rücken zusammen, während der alte Kobold abstieg und gestützt auf seinen Krückstock neben Rillrich trat. Hinter ihnen nahmen ihre Krieger wieder ihre Formation ein. Tausende der Söldner hatten die Schlacht überlebt, während neben Segomer lediglich ein paar Dutzend Soldaten seiner Garde versammelt waren, die nur langsam wieder zu Kräften kamen.
Überlegen und arrogant blickte sein Gegenüber ihm in die Augen.
„Alles ist mein!“, sagte Lord Rillrich.
2
Arlamones Vision
Degans leichte Schritte trugen ihn in schnellem Tempo am Rande des Lebenden Waldes entlang. Wie alle Elben konnte er beinahe ohne zu rasten tagelang reisen. Und wie alle Elben reiste auch Degan ohne ein Reittier. Den freien Willen eines Tieres zu brechen und es als Fortbewegungsmittel oder Arbeitskraft zu benutzen, war in den Augen des Elbenvolkes ein Frevel. Wenn Elben also irgendwo hinmussten, reisten sie allein oder in Begleitung ihrer Fee.
Eine Fee als Begleitung zu haben, zeugte von Reife und Erhabenheit eines Elben und viele bekamen erst in höherem Alter eine Fee. Degan war der jüngste Elb, dem sich jemals eine Fee angeschlossen hatte und auch wenn Gefühle wie Stolz und Großmut bei den Elben allgemein verpönt waren, konnte Degan nicht verhehlen, sich durch Arlamones Begleitung geehrt zu fühlen.
Die Feen gehörten zu den geheimnisvollsten Wesen von ganz Waaja, wenn sie auch nicht so finster und unheimlich waren wie die Mhyster. Wo die Feen lebten, wusste niemand und doch waren seit Äonen die Feen die Begleiter der Elben, die dieser Koexistenz viel zu verdanken hatten. Denn niemand verfügte über mächtigere Schutzzauber als die Feen. Und das könnte sich als nützlich erweisen, sollten sie einer Trollrampa begegnen, einem Trupp von einem halben Dutzend Trollen, der von einem befehlshabenden Kobold Rillrichs angeführt wurde und durch Waaja streifte.
Einmal wären sie einer solchen Rampa um ein Haar über den Weg gelaufen. Wenn sie sich bewegten, hatte Degan keine Probleme, die schweren, dumpfen Schritte der Trolle schon aus weiter Ferne zu vernehmen, doch diese Rampa rastete und der Kobold, der sie anführte, machte einen Schritt um einen mächtigen Eisenholzbaum herum, blieb mitten in Degans Weg stehen und blickte in seine Richtung. Hätte ihn Arlamone nicht einen Wimpernschlag vorher gewarnt, wäre es Degan vielleicht nicht mehr gelungen, so schnell und so lautlos wie ein Grauschleicher auf einen Baum zu springen und sich im Blattwerk zu verbergen, um dieser unangenehmen Begegnung zu entgehen. Danach änderte Degan seinen Weg einfach ab und machte einen Bogen um Lord Rillrichs Söldnertruppe.
Degan war von den Alten Weisen seines Volkes auserwählt worden, als Kundschafter durch das Land zu ziehen und sein Kha - seine Weisheit und seine Fähigkeiten - zu steigern und außerdem Kenntnisse über die Lage in Waaja zu erlangen.
Welche der freien Völker hatten sich Lord Rillrich inzwischen angeschlossen? Und hatten sie es freiwillig getan wie die Zwerge, die gegen gute Entlohnung mit Begeisterung in Rillrichs Schokoladebergwerk schufteten? Oder mussten sie erst von Rillrichs Rampas unterworfen werden wie die Bewohner von Königsstadt, die nach der Gefangennahme König Segomers revoltiert hatten und erst durch die Zerstörung vieler ihrer Häuser zur Ruhe gezwungen werden konnten?
Wenn Degan zu der Überzeugung gelangt sein würde, dass sich eine Rückkehr in den Hohen Wald lohnte, dann würde er heimkehren und von seinen Erkenntnissen berichten.
Er war nun schon ein paar Sonnenkreise unterwegs - eine lange Zeit für einen jungen Elben - und viel hatte er noch nicht herausbekommen können, wofür sich eine Rückkehr zur Berichterstattung lohnen würde.
Degan betrachtete den Sonnenstreif, der allmählich am Horizont über der weit entfernten Durstwüste unterging und überlegte, ob er nicht langsam einen Baum zum Übernachten suchen sollte, als Arlamone sich bemerkbar machte.
„Degan“, ließ sie mit ihrer Stimme so hell wie ein Glöckchen aus Koboldsilber vernehmen, „warte.“
Degan blieb stehen. „Worauf soll ich warten?“
„Ich empfange eine zeitliche Bedeutung.“ Degan betrachtete die kleine Fee mit verwunderter Gespanntheit. Dass Arlamone eine Vision empfing, passierte äußerst selten und wenn, dann waren es bisher immer nur wenige Momente gewesen, die sie in die Zukunft hatte sehen können (so war Degan dankbar gewesen, eine Begegnung mit der Trollrampa vermeiden zu können), doch als eine zeitliche Bedeutung bezeichneten Feen nur komplexe Visionen, die weiter in der Zukunft lagen, und das war bisher nicht vorgekommen.
„Was erblickst Du?“, fragte Degan erwartungsvoll.
„Verzweiflung. Widerstand. Gegen den bösen Kobold.“
„Ein Aufbegehren? Gegen Rillrich?“ Das war in der Tat eine Neuigkeit, mit der er vor die Alten Weisen treten konnte. Doch musste er vorher noch mehr Informationen haben.
„Wo? Und noch wichtiger: Wann?“, fragte er aufgeregt.
„In einer Höhle hinter einer Wand aus fallendem Wasser, nicht weit von hier“, kam Arlamones Antwort. „Und es wird heute Nacht beginnen.“
„Heute Nacht formiert sich ein Widerstand gegen Lord Rillrich? Wer wird beteiligt sein?“
„Ich sehe zwei Kobolde, einen Zwerg und einen Elben“, zählte Arlamone auf und nach einem kurzen Moment des Zögerns fügte sie hinzu: „Und ein Wesen, das ich nicht erfassen kann.“
„Was sprichst Du da? Ein Wesen, das Du nicht erfassen kannst? Wie ist die Bedeutung?“
„Ich verstehe es nicht. Es ist nicht von dieser Welt.“
„Magisch?“
„Ich kann es nicht erkennen“, sagte Arlamone bedauernd. Dann hob sich ihre Stimme vor Aufregung. „Einer von ihnen wird ein Verräter sein.“
„Einer aus der Gruppe? Wird er den Widerstand etwa zum Scheitern bringen?“ Das wären keine wertvollen Informationen mehr, befand Degan mit einem Anflug von Enttäuschung. Wozu sollte er den Alten Weisen von einem Aufbegehren gegen den Tyrannen berichten, wenn er im Sande verlaufen würde?
„Das kann ich nicht sehen. Die Zukunft ist ungewiss“, sagte Arlamone.
Das war Degan klar. Nur selten konnten Feen ein so deutliches Bild von zukünftigen Ereignissen empfangen, dass es sich darüber zu berichten lohnte. In den meisten Fällen war die Zukunft in zu starker Bewegung, um eine Voraussage machen zu können. Wie einem Seegang gleich, bei dem man nicht wusste, wohin er das Boot treiben würde.
Degan überlegte. Zu wissen, dass hier in der Nähe eine Gruppe beginnen würde, sich gegen den tyrannischen Lord Rillrich zusammenzuschließen, war eine große Gelegenheit und er musste unbedingt mehr erfahren. Wenn er vorgab, in der betreffenden Höhle Quartier zu suchen (auch wenn er es eigentlich vorzog, die Nacht unter freiem Himmel zu verbringen), konnte er vielleicht die Beteiligten genau beobachten. Zwei Kobolde, ein Zwerg, ein Elb und ein unbekanntes Wesen. Noch dazu war einer von ihnen ein Verräter …
Degan musste herausfinden, was dahintersteckte. Und vor allem, wer der Elb war.
„Zeig’ mir, wo sich diese Höhle befindet“, verlangte er.
Iring stolperte schmutzig und verschwitzt durch die äußeren Waldausläufer. Seit vielen Tagen war er jetzt schon auf der Flucht und auch wenn er der völligen Erschöpfung nahekam, gestattete er sich keine Pause unter freiem Himmel, solange es nicht nötig war. Ihm war klar geworden, warum dieser Wald ‘Lebender Wald’ genannt wurde: Alle Nase lang schwirrte ein Nektarsucher, ein Ohrenkriecher oder sonst irgendein widerliches Insekt vor seiner Nase herum und das konnten Zwerge auf den Tod nicht ausstehen.
Zwerge waren die schützende Umgebung dicker Felswände gewöhnt und die Stille und Abgeschiedenheit tiefer Höhlen, in denen ihnen nichts Lebendes begegnete außer ein paar Schachtratten. Und jeder Menge anderer Zwerge natürlich. Am helllichten Tag durch den Wald zu stolpern und sich allerlei Kriechtieren auszusetzen, entsprach ganz und gar nicht dem Naturell der Zwerge und erst recht nicht, in dichtem Buschwerk herumzukrauchen. Doch ganz allein einer Trollrampa zu begegnen, die hier und da durch die Wälder streifte, hatte Iring nicht im Sinn und so war es schon ein paar Mal vorgekommen, dass er hektisch in ein Gebüsch gesprungen war, als er geglaubt hatte, schwere Schritte gehört zu haben.
Nun näherte er sich dem Waldrand und schützendes Buschwerk wurde seltener. Doch das war ihm nur recht. Er hatte vor, den Lebenden Wald so schnell wie möglich hinter sich zu lassen (vor allem das Leben darin) und die Steinige Steppe zu erreichen. Schaffte er es, sie zu durchqueren (und sich dabei nicht in die Durstwüste zu verirren), konnte er vielleicht zu den Granitbergen gelangen - vorausgesetzt, dass er nicht vom Weg abkam, im Ehernen Wald endete und dort ein paar Grauschleichern begegnete. Oder unterwegs der einen oder anderen Trollrampa oder irgendwelchen anderen von Lord Rillrichs Häschern. Und hatte er erst einmal die Berge erreicht, brauchte er sich nur noch eine Höhle zu suchen. Denn in den Granitbergen gab es ganz bestimmt ein paar Höhlen. Und Titanenadler. Und Eiswölfe … Iring beschloss, lieber nicht so weit vorauszudenken und einen Schritt nach dem anderen zu planen.
Er erreichte den Waldrand und blickte auf eine große Lichtung, an deren Ende der Wald wieder weiterging. Offensichtlich war der Lebende Wald doch größer, als er geglaubt hatte. Erschöpft lehnte er sich an den Stamm eines Baumes und dachte verzweifelt über seine Lage nach.
Seit Lord Rillrich vor einigen Sonnenkreisen die Ewige Festung erobert und König Segomer gestürzt hatte, gab es keine freien Völker mehr in Waaja. Sie alle waren von Rillrich brutal unterworfen worden oder hatten sich ihm freiwillig angeschlossen.
So wie die Zwerge.
Seit jeher als die Meister des Bergbaus bekannt, war Rillrich auf die Erfahrenheit der Zwerge angewiesen, um das scheinbar unerschöpfliche Schokoladenvorkommen in seinem Bergwerk abzubauen. Wie Rillrich zu dem Bergwerk gekommen war, wusste niemand ganz genau. Am wahrscheinlichsten war, dass er es durch Zufall entdeckt hatte, so wie das bei den meisten Schokoladevorkommen der Fall war. Und da die Zwerge die Tradition pflegten, den Bergwerken, in denen sie lebten und arbeiteten, Namen zu geben, wurden diese oft nach deren Entdeckern benannt. So kam es häufig vor, dass Bergwerke noch immer die Namen ihrer Entdecker trugen, auch wenn diese inzwischen längst verblichen waren. Irings Heimat zum Beispiel wurde ‘Marondas Tiefe’ genannt, doch wer dieser Maronda einst gewesen war, vermochten höchstens noch die Klanführer zu wissen. Denn die Klanführer, traditionell die ältesten Familienmitglieder, hatten als einzige Zugang zu sämtlichem vererbten Familienwissen.
Als Rillrich nach seiner Entdeckung die ersten Zwergenklans angeworben hatte, in seinem Schokoladebergwerk zu arbeiten, und den Zwergen nach und nach klar wurde, welch gigantisches Ausmaß an Schokoladevorkommen sie vor sich hatten, setzte sich schnell ein Name für das Bergwerk durch, der umso treffender wurde, als bald durchsickerte, was Rillrich mit seinem neuen Reichtum anstellte: Er baute eine Armee aus Söldnern auf und begann einen Krieg. Diese Tatsache brachte die Zwerge keineswegs aus dem Konzept, da Zwerge sich ausschließlich um Angelegenheiten der Zwerge kümmerten. Doch der Name des Bergwerks, in dem sie mit solcher Begeisterung arbeiteten, stand fortan unumstößlich fest: ‘Rillrichs Schicksal’.
Wie alle Zwerge war auch Iring von der Vorstellung der schieren Größe des Bergwerks verzückt gewesen. Täglich begannen mehr und mehr Zwerge, in ‘Rillrichs Schicksal’ zu arbeiten, und verließen dafür ihre Heimatbergwerke. Auch in seinem Klan wurde praktisch über nichts anderes mehr gesprochen. Selbst Irings Vater, gleichzeitig der Führer seines Klans, war begierig darauf, die Zelte in ‘Marondas Tiefe’ abzubrechen, nur um in dem größten Schokoladebergwerk Waajas arbeiten zu können. Eigentlich wartete er nur auf Rillrichs Ruf, dem er bereitwillig folgen würde.
Tagtäglich hörte man von den Eroberungszügen Rillrichs und seinem Marsch auf Königsstadt und Iring kamen Zweifel, dass es richtig wäre, einem Despoten dabei behilflich zu sein, seine Söldner zu bezahlen und wie ein Tyrann herrschen zu können, doch niemand sonst schien Notiz zu nehmen von diesem dramatischen Wandel der Mächte. Erst als die Nachricht von der Eroberung der Ewigen Festung die Runde machte, sorgte das für einiges Rumoren unter den Zwergen, aber auch nur deshalb, weil vor Urzeiten Zwerge dabei mitgeholfen hatten, die Festung zu bauen. Der Sturz König Segomers schien niemanden in ‘Marondas Tiefe’ sonderlich zu bekümmern. Im Gegenteil brach ein Sturm der Begeisterung in seinem Klan aus, nachdem bekannt wurde, dass Lord Rillrich noch mehr Zwerge für die Arbeit in seinem Bergwerk anforderte. Als sein Vater dann verkündete, dass der gesamte Klan die Heimat verlassen würde, um in ‘Rillrichs Schicksal’ anzuheuern, beschloss Iring, zu handeln.
Zuallererst hatte er seinen Vater gebeten, vom Umzug abzusehen und den anderen Klanführern die Beendigung der Arbeit in ‘Rillrichs Schicksal’ anzuraten, doch diese Idee war entschieden abgelehnt worden. Danach sprach Iring sogar mit anderen Zwergen und schlug ihnen vor, mit ihren Klanführern zu reden, aber niemand hatte auch nur das geringste Interesse gehabt. Zu aufregend war die Vorstellung von diesem gigantischen Bergwerk mit den ertragreichen Stollen, und unbeirrt wurde der Umzug vorbereitet, um Lord Rillrich immer noch reicher und reicher zu machen.
Schließlich hatte Iring es nicht länger ertragen können, untätig zu sein. Er beschloss, in einem entlegenen Stollen ein Feuer zu legen. Die Stollenverkleidungen, -stützen und –streben aus trockenem Holz würden das Feuer durch die Lüftungsschächte schnell auf Nachbarstollen überspringen lassen und an eine schnelle Löschung war dann nicht mehr zu denken. Trug das Heimatbergwerk genügend Schaden davon, würde das die Klans vielleicht dazu bewegen, zu bleiben, um ihr Zuhause wieder instand zu setzen.
Das war ein guter Plan und er hätte auch funktioniert, wenn nicht genau in dem Augenblick, als Iring den ersten Balken anzünden wollte, ein Arbeiter auf der Suche nach einer verloren Steinhacke den Stollen betrat. Laut schreiend hatte er sich auf Iring gestürzt und alles vereitelt. So wurde Iring vor den Rat der Klans zitiert, wo er ein letztes Mal versuchte, die Familien zu überzeugen, sich von Rillrich abzuwenden. Doch er stieß nicht nur ein weiteres Mal auf taube Ohren, sein zornbebender Vater schickte sich sogar an, ob des Verrats ein drakonisches Urteil über Iring zu fällen. Fassungslos und verzweifelt, es mit so viel Ignoranz und Dummheit zu tun zu haben, dass die Klanführer trotz Rillrichs Gewaltherrschaft nicht seine Gefährlichkeit erkennen und ihn im Gegenteil mit noch mehr Schokolade versorgen wollten, entwand er sich seinen Fesseln und floh in einen halb eingestürzten, leeren Nebenstollen. Irgendwie gelang es ihm, ungesehen durch Wetter- und Versorgungsstollen zu kriechen und sich ungesehen einen Weg zur Oberfläche zu bahnen. Im Schutz der Nacht schlich Iring sich an den Wachtposten vor dem Hauptzugang vorbei, und ohne sich noch einmal umzublicken, ließ er ‘Marondas Tiefe’ hinter sich.
Nun war er seit Tagen heimatlos und auf der Flucht. Er hatte nicht mehr viele Vorräte und auch sein Trinkbeutel war beinahe leer.
Düstere Gedanken umwölkten sein Gemüt. Ihm war weder danach, weiterzuziehen, noch eine weitere Nacht in dem Wald zu verbringen. Und wo er nun hinsollte, wusste er ebenfalls nicht. Sein Plan, sich in den unendlich weit entfernten Granitbergen eine Höhle zu suchen, kam ihm mehr und mehr abwegig vor.
Eigentlich konnte er sich ebenso gut diesen Wasserfall hinabstürzen.
Er stutzte. Wasserfall?
Iring wurde gewahr, dass sein Blick die ganze Zeit auf einem kleinen Wasserfall ruhte, der auf der großen Lichtung vor ihm breit und weiß schäumend aus einer Felswand hervorschoss und in einem flachen See mündete. Auch wenn ihm, wie jedem Zwerg, Wasser - egal ob fließend oder stehend - zuwider war, würde er zumindest seinen Trinkbeutel füllen können und das war besser als gar nichts. Manchmal konnte Wasser doch recht erfrischend wirken (auch wenn das kein Zwerg je offen zugeben würde).
Iring setzte sich in Bewegung und stapfte zu dem kleinen See hinunter. Dort entdeckte er einen schmalen Pfad, der direkt an der Felswand entlang zum Wasserfall führte.
Fließendes Wasser ist besser als stehendes, dachte er sich und balancierte vorsichtig den Pfad entlang (wobei er sich angestrengt gegen die steinerne Wand drückte, um dem glitzernden Nass des Sees nur ja nicht zu nahe zu kommen), bis der Wasserfall nur noch eine Armlänge entfernt war. Er öffnete seinen Beutel aus wasserdichtem Schachtrattenleder und hielt ihn vorsichtig in das weiße, donnernde Wasser, bis es oben überquoll (und verzog angewidert das Gesicht, als er kalten Sprühnebel auf seiner Haut spürte).
Gerade, als er den Beutel wieder verschlossen hatte und er sich zum Gehen abwenden wollte, entdeckte Iring zu seiner Verwunderung hinter dem Wasserfall eine klaffende Öffnung in der Felswand, die ihm aus größerer Entfernung nicht aufgefallen war. Sein Herz machte einen Sprung. Dies war der Eingang zu einer Höhle! Das bedeutete, er würde die kommende Nacht nicht zwischen lauter Blättern verbringen müssen. Welch ein Glücksfall!
Aufgeregt schob er sich seitlich am Wasserfall vorbei und quetschte sich durch die Felsöffnung. Zwar wurde er dabei pudelnass, was ihn in jeder anderen Situation abgrundtief entsetzt hätte, doch jetzt tat nicht einmal das seiner Freude einen Abbruch, endlich einmal wieder aus der Natur herauszukommen.
Iring fand sich in einem dunklen Höhlenraum wieder. Durch den Wasserfall schimmerte nur noch spärlich das Licht der untergehenden Sonne, doch er konnte gerade so erkennen, dass es hier absolut nichts gab als nackte, harte Granitwände und kalten, feuchten Steinboden. Perfekt.
Er wollte es sich gerade in einer gezackten Felsnische bequem machen, als seine Augen, die sich allmählich an die Dunkelheit gewöhnten, noch ein anderes, schwaches Licht ausmachten. Iring drehte sich um und entdeckte am hinteren Ende der Höhle einen schwachen Kerzenschein.
Der junge Kobold Tiuri war weit gereist, um die Höhle zu erreichen, und er hatte sich dabei strikt an den Lageplan auf dem Sumpfblattpergament gehalten, das er bei sich trug.
Nun, da er dem Ziel auf der Karte (eine Höhle hinter einem Wasserfall mitten im Lebenden Wald) stetig näher kam, musste er immer öfter an seinen Urvater denken. Ob er damals auch diesen Weg genommen und unter diesem Baum Rast gemacht hatte? Ob er damals auch diesen Abhang hinunter gestolpert war?
Tiuri war der jüngste seiner Brüder und er hatte seine Eltern nie kennengelernt. Was mit ihnen geschehen war, hatte ihm nie jemand erzählt und er wollte es auch nicht wissen. Er und seine drei Brüder waren bei ihrem Urvater aufgewachsen, der sich hingebungsvoll um sie kümmerte. Damals, als er selbst noch jung gewesen war, hatte der Urvater in der Höhle hinter dem Wasserfall ein Portal in die Welt der Druiden geöffnet. Er war hindurchgegangen und dort einem Menschen begegnet. Furchtlos und ohne sich zu verstecken hatte er mit dem Menschen gesprochen und war danach unversehrt wieder nach Waaja zurückgekehrt. Zumindest hatte er das immer behauptet. Geglaubt hatte ihm das jedoch keiner. Denn während die einen die Welt der Menschen als etwas betrachteten, das höchstens in Ammenmärchen existierte, glaubten die anderen nicht, dass jemand einem Druiden begegnen und hinterher noch darüber reden konnte. Irgendwann hatte er es schließlich aufgegeben, davon zu berichten. Nur Tiuri und seine Brüder Fingiri, Elosi und Seviri waren als Kinder ganz versessen auf diese Geschichte gewesen und ihr Urvater hatte sie ihnen immer wieder erzählen müssen. Doch während seine drei Brüder die Geschichte eifrig immer weiter zu spinnen pflegten, in dem Wissen, dass sie ja doch nicht wahr sein konnte, hatte Tiuri stets geahnt, dass sich ihr Urvater nicht bloß Märchen für Koboldkinder ausdachte (zumal Geschichten über die Menschenwelt für gewöhnlich schreckliche Erzählungen waren, in denen Kobolde von Druiden versklavt und ausgenutzt wurden und selten ein gutes Ende nahmen).
Sie lebten zu fünft in einem kleinen, windschiefen Haus am Rande der Äußeren Provinz in der Nähe der Küste. Als es neu war, musste es einmal ein schmuckes Häuschen gewesen sein, doch nun war es alt und verfallen. Sie waren arm und besaßen nicht viel, trotzdem war es eine schöne Zeit, die ihr Urvater ihnen zu bereiten verstand, und Tiuri war mit sich und der Welt zufrieden.
Doch dann passierte etwas, das Waaja veränderte: Rillrich, ein machthungriger Kobold, hatte in seinem Bestreben, König Segomer zu stürzen ganze Landstriche mit Krieg überzogen. Dafür ließ er überall verkünden, jeden Söldner anwerben zu wollen, der bereit war, für ihn zu kämpfen, und dafür eine überaus fürstliche Entlohnung versprochen.
Völlig überwältigt von der Möglichkeit, als erfolgreiche Kampfmagier mit Schokolade überhäuft zu werden, waren Fingiri und Elosi Rillrichs Armee beigetreten und hatten auch den deutlich jüngeren Seviri überredet, mitzukommen, obwohl seine magische Ausbildung noch nicht besonders weit fortgeschritten war. Wäre Tiuri etwas älter gewesen, hätten sie auch ihn gedrängt, an der Rebellion teilzunehmen, aber er war zu jung für die Armee gewesen und seine magische Ausbildung hatte gerade erst begonnen.
So waren seine drei älteren Brüder von zu Hause losgezogen, um Ruhm, Ehre und Schokolade zu ernten, und hatten Tiuri mit ihrem Urvater allein gelassen. Der alte Kobold war fuchsteufelswild gewesen, dass sie sich einer Armee von Entehrten anschließen wollten, die vorhatte, den rechtmäßigen König von Waaja zu entthronen, doch er hatte sie nicht umstimmen können und verbitterte daraufhin mehr und mehr.
Danach hatten Tiuri und sein Urvater lange Zeit nichts mehr von ihnen gehört, doch dann war eines Tages ein Brief gekommen, den Seviri geschrieben hatte: Fingiri und Elosi waren beim Angriff auf Königsstadt gefallen. Er selbst war verwundet worden, hatte aber überlebt. Seviri berichtete, wie rau es in Rillrichs Armee zuging und dass auf ihn trotz seiner Verwundung kaum Rücksicht genommen wurde. Er befürchtete, bald wieder auf einem weiteren Schlachtfeld stehen zu müssen, auch wenn er bei Königsstadt gerade noch mit dem Leben davon gekommen war. Liebend gern hätte er seine Rampa verlassen und wäre nach Hause zurückgekehrt, jedoch ließ Rillrich niemanden gehen, der sich ihm einmal verpflichtet hatte. Ein einzelnes Leben interessierte ihn nicht.
Nachdem der Urvater den Brief gelesen hatte, war er krank geworden. Es war eine Krankheit, von der er sich nicht mehr erholen konnte, und er hatte nur noch in seinem Bett gelegen, grau und eingefallen. Eines Abends, als Tiuri bei ihm saß, hatte er seine trüben Augen noch einmal geöffnet und mit wachem Geist zu ihm aufgesehen.
„In meinem langen Leben bin ich viel herumgekommen“, hatte der alte Kobold mit müder Stimme gesprochen, „doch die meisten, denen ich begegnet bin und die sich für sehr weise hielten, waren unfähig, ihren Geist für etwas Unbekanntes zu öffnen. Als einziger meiner Nachkommen bist Du weise genug, an die Druidenwelt zu glauben, auch wenn Du sie noch nie gesehen hast.“
Damit hatte er Tiuri ein kleines, in Hartleinen eingewickeltes Bündel gereicht.
„Das hier ist ein mächtiges Geheimnis und in den falschen Händen eine verheerende Waffe. Du, Tiuri, bist von allen immer der Vernünftigste gewesen. Ich weiß, dass Du das Potential, das dieser Zauber birgt, ebenso respektvoll behandeln wirst, wie die Gefahr, die er mit sich bringt. Darum vertraue ich ihn Dir an. Du musst ihn von allem Bösen fernhalten.“
Dann war er erschöpft von der Anstrengung des Sprechens in tiefen Schlaf gefallen, aus dem er nicht wieder erwachen sollte. Nur wenige Tage darauf starb der alte Kobold.
Auf einmal war Tiuri vollkommen allein. Tage und Wochen vergingen, während er nichts weiter tat, als traurig in seiner dunklen Kammer zu sitzen, ohne zu wissen, was er mit sich anfangen sollte.
Schließlich jedoch war ihn ihm der Entschluss gereift, Seviri, seinen letzten lebenden Verwandten, zu retten, notfalls dessen Leben mit Schokolade aus Rillrichs Diensten herauszukaufen. Allerdings würde Rillrich dafür sicher einen hohen Preis verlangen. Tiuri würde also viel Schokolade benötigen.
Er erinnerte sich, dass sein Urvater in einer seiner Geschichten erzählt hatte, dass die Druiden in der Lage wären, Schokolade künstlich herzustellen (was einer der Punkte gewesen war, die seine Brüder am wenigsten geglaubt hatten) und schließlich beschloss er, das Bündel aus Hartleinen zu öffnen.
Er fand darin einen dicken Packen Sumpfblattpergament mit einer kompliziert angeordneten Zauberformel und einem Lageplan der Höhle, zu der sein Urvater damals gereist war.
Mit klopfendem Herzen studierte Tiuri die Formel. Mittlerweile verstand er genug von Magie, um zu erkennen, dass der Zauber ortsgebunden war. Er funktionierte also nur in dieser Höhle.
Tiuri hatte keine Wahl. Wollte er genug Schokolade beschaffen, um Seviri aus Rillrichs Diensten freikaufen zu können, würde er den langen Weg durch den Lebenden Wald bis zur Höhle hinter dem Wasserfall antreten und das Portal in die Menschenwelt öffnen müssen, ganz gleich, wie gefährlich es auch sein mochte, Druiden zu begegnen.
Also hatte er das Sumpfblattpergament und etwas Proviant reisesicher eingepackt und das kleine, windschiefe Haus, das ihm nun so groß und leer vorkam, verlassen.
Und nun war er hier, im Lebenden Wald, auf seines Urvaters Spuren und endlich - nach vielen Tagen des Marschierens - war der Weg nicht mehr weit.
Tiuri spürte, wie seine Aufregung stetig zunahm. Gab es die Höhle wirklich? Würde der Zauber tatsächlich funktionieren? Das hoffte Tiuri von ganzem Herzen, denn die Höhle war seine letzte Hoffnung.
Es sollte nicht mehr lange dauern, bis er es herausfand.
Degan verbarg sich hinter einem Gebüsch und beobachtete den jungen Kobold, der ohne jede Vorsicht vor den Gefahren des Lebenden Waldes in Gedanken versunken schien und dabei einem Weg folgte, den er von einem vergilbten Sumpfblattpergament ablas. Ohne Zweifel war dies einer der beiden Kobolde, um die es bei der Gruppe ging, die sich gegen Lord Rillrich formieren würde. Kurz zuvor war bereits ein schnaufender und schwitzender Zwerg vorbeigekommen, der plötzlich völlig gelähmt vor lauter Überraschung vor einem Wasserfall stand, den Degan schon aus einem halben Horizont Entfernung hatte hören und riechen können. Nach endlosem Überlegen war der Zwerg durch den Wasserfall in die Höhle dahinter getreten und hatte sich dabei pitschnass gemacht.
Während jedoch der Zwerg die Höhle offensichtlich rein zufällig gefunden hatte, steuerte der Kobold den Wasserfall zielgenau an. Degan vermutete, dass die verborgene Höhle auf der Karte verzeichnet war. Und tatsächlich erschien ein freudiges Grinsen auf dem Gesicht des jungen Kobolds, als er die Lichtung betrat und den Wasserfall erblickte. Sogleich eilte er auf den kleinen See zu, in den das Wasser tosend hineinrauschte und schritt den schmalen Pfad an der Felswand entlang. Nach einem unmerklichen Zögern trat er durch den Wasserfall (wobei das Wasser kurzzeitig auf magische Weise einen Bogen um ihn machte) und verschwand aus Degans Blickfeld.
Das alles machte den Elben neugierig. Denn es eröffnete die Frage, wie geheim diese Höhle wirklich war. Und würde dieser Kobold der Anführer der Gruppe werden oder ihr Verräter? Und wann würden der zweite Kobold, der Elb und dieses andere Wesen auftauchen, von dem Arlamone gesprochen hatte?
„Soll ich weiter warten?“, fragte Degan seine Fee.
„Machte es Sinn, nicht weiter zu warten?“, kam ihre Antwort von seiner linken Schulter, über der sie in einem zarten Schimmer aus goldenem Licht schwebte. Wie so oft war ihre Antwort schwer zu deuten.
„Wird noch jemand kommen oder sind schon alle in der Höhle?“
„Hier wird niemand mehr erscheinen und doch sind noch nicht alle da.“
Degan gab es auf, Arlamone irgendwelche Informationen entlocken zu wollen. Manchmal war er sich nicht mal sicher, ob sie ihre Antworten einfach nur unverständlich formulierte oder ob sie sie selber nicht kannte.
Was sollte er nun tun? Konnte er zu den Anwesenden in der Höhle stoßen und unter der Vorgabe, Quartier für die Nacht zu suchen als neutraler Beobachter der Versammlung beiwohnen? Oder würde er damit den Ablauf des Treffens beeinflussen und damit alles vereiteln?
Degan war klar, dass das eine knifflige Entscheidung war, und er ertappte sich bei dem Wunsch, einen der Alten Weisen um Rat fragen zu können. Doch sie hatten ihn ausgesandt, weil sie ihm vertrauten, und er wollte sie nicht enttäuschen. Also fällte er eine Entscheidung und verließ den schützenden Busch. Mit schnellen Schritten hatte er den Wasserfall erreicht und war hindurchgetreten.
Die feuchte und dunkle Grotte, die er vorfand, war erfüllt mit dem donnernden Getöse des Wasserfalls, dennoch drangen laute Stimmen an Degans Ohren, die aus einem angrenzenden Höhlenraum kamen.
„Was soll das heißen: Höhlenzwerg?!“, fragte eine hohe Stimme erbost. „Es gibt keine Höhlenzwerge, nur Zwerge. Gibt ja auch keine Nasenkobolde, oder? Woher denn, schließlich haben alle Kobolde lange Nasen!“
Degan durchquerte leise den dunklen Vorraum und trat zu der schmalen Öffnung, durch die das flackernde Licht vieler Kerzen fiel. Mit jedem Schritt, den er in das Innere der Höhle tat, wuchs seine Beklemmung, die die Abwesenheit jeglicher grüner Natur mit sich brachte.
Vorsichtig spähte er durch den Zugang und erblickte einen gemütlich eingerichteten Wohnraum. Eine Feuerstelle, Schlafplatz, Tisch und Stuhl, sogar Bücherregale und Kommoden zeigten, dass schon länger jemand in dieser Höhle lebte. Und dieser jemand war ein alter Kobold mit schlohweißen Haaren und langem, grauem Bart, der die beiden Eindringlinge, den Zwerg und den jungen Kobold, ungehalten betrachtete. Der Zwerg hingegen sah den jungen Kobold finster an.
„Ich meinte damit nur, dass ich nicht überrascht war, in einer Höhle einen Zwerg vorzufinden, das ist alles“, verteidigte sich der junge Kobold.
„Ich aber schon!“, meldete der alte Kobold sich zu Wort. „Denn dies ist meine Höhle und ich mag es gar nicht, in meiner Ruhe gestört zu werden. Ich muss Euch also auffordern, unverzüglich zu verschwinden und am besten vergesst Ihr, dass es diesen Ort überhaupt gibt!“
„Auf keinen Fall!“, antworteten der Zwerg und der junge Kobold gleichzeitig.
„Draußen wird es schon dunkel“, fuhr der Zwerg fort, „und ich verbringe nicht noch eine Nacht unter freiem Himmel!“
„Haben Zwerge etwa Angst vor Nachtrufern?“, fragte der junge Kobold spöttisch und wurde Degan damit zunehmend sympathischer. „Dass ihr schauriger Ruf Zwerge und unartige Koboldkinder in den tiefen Wald hineinlockt, ist ein Ammenmärchen.“
„Wer einmal in einem Bergwerksstollen, so tief unter der Erde, dass das Gestein vor Feuchtigkeit trieft und wo es so eng ist, dass man kaum atmen kann, in dunkelster Finsternis Schokolade geschürft hat, der hat vor gar nichts Angst. Verstanden, Langnase?“
„Mein Name ist Tiuri“, erwiderte der junge Kobold, „und ich hätte hier eigentlich etwas zu erledigen gehabt …“
„Das kannst Du sicherlich auch in einer anderen Höhle erledigen“, fuhr der Zwerg dazwischen. „Da gibt es dann vielleicht auch keine ‘Höhlenzwerge’!“
„Ich glaube nicht, dass ich mir von einem Zwerg Vorschriften machen zu lassen brauche“, antwortete Tiuri bissig.
Im Schutz der Schatten verfolgte Degan diese Unterhaltung mit Sorge. Zwischen dem Zwerg und Tiuri herrschte eine offensichtliche Abneigung und der alte Kobold wollte sie in seiner Höhle nicht mal dulden. Wenn es so weiterging, dann würde die Gemeinschaft zerbrechen, bevor sie sich überhaupt richtig formiert hatte. Degan sah sich gezwungen, einzuschreiten. Er musste verhindern, dass es zu diesem Bruch kam, zumindest bis er wusste, wer der Elb war, den Arlamone erwähnt hatte und um was für ein anderes Wesen es sich handeln würde. Kurzentschlossen machte er einen Schritt in den Raum hinein.
„Verzeihung die Herrschaften“, sagte er, und die Streitgespräche verstummten schlagartig. „Aber wäre es vielleicht möglich, hier ein Nachtlager aufzuschlagen?“
„Wer seid Ihr denn?“, fragte Tiuri verunsichert.
„Und wie lange steht Ihr schon da und belauscht uns?“, fügte der Zwerg hinzu.
„Ich bin gerade erst angekommen“, antwortete Degan.
„Das glaube ich kaum“, erwiderte der Zwerg, „dann wärt Ihr nämlich noch nass vom Wasserfall.“
„Aber ich bitte Euch, trocken durch einen Wasserfall zu kommen, ist nun wirklich keine Schwierigkeit“, erwiderte Degan.
„Höchstens für jemanden, der nicht zaubern kann“, sagte Tiuri, woraufhin ihm der Zwerg nur einen verächtlichen Blick zuwarf.
„Erlaubt mir, mich vorzustellen. Mein Name ist Degan und ich bin ein Abgesandter der Elben aus dem Hohen Wald. Die Fee hier über meiner Schulter heißt Arlamone und sie ist meine Begleiterin. Wir sind seit einigen Tagen unterwegs und benötigen ein Nachtlager.“
„Seit wann schlafen Elben in Höhlen?“, fragte der alte Kobold misstrauisch.
„Nun ja, wir befürchten für die heutige Nacht ein Unwetter.“
„Ein Unwetter? Wirklich? Wie kommt Ihr darauf?“, fragte Tiuri.
„Wir Elben gehören zu den wetterfühligsten Wesen Waajas.“
„Das ist noch ein Grund mehr, aus dem Ihr uns Eure Gastfreundlichkeit nicht verweigern dürft!“, rief der Zwerg entsetzt. „Eine Nacht unter freiem Himmel ist für einen Zwerg schon schlimm genug, aber eine Nacht bei Unwetter …“
„Also gut, meinetwegen“, gab der alte Kobold seufzend nach. „Aber sobald das Unwetter vorüber ist und der neue Tag erwacht, wünsche ich, dass Ihr alle weiterzieht.“
„Aber selbstverständlich“, sagte Degan. „Wir danken Euch für Euren Großmut, uns für diese Nacht aufzunehmen. Nun würden wir gern erfahren, mit wem wir unser Lager teilen werden.“
„Mein Name ist Tiuri“, wiederholte der junge Kobold offenherzig, „und ich stamme aus der Östlichen Provinz in der Nähe der Küste.“
„Ich heiße Iring“, sagte der Zwerg knapp, und Degan merkte, dass von ihm wahrscheinlich nicht mehr kommen würde. Zwerge galten im Allgemeinen schon als verschlossene Leute, doch Elben gegenüber hatten sie von jeher eine tiefverwurzelte Abneigung (was die Elben sich freilich nicht erklären konnten). Degans Blick wanderte daher zu dem alten Kobold hinüber, dem man zwar noch immer ansah, dass ihm die Anwesenheit der drei Fremden leichtes Unbehagen bereitete, doch die tiefe Ablehnung dem Besuch gegenüber schien einer Art amüsierte Schicksalsergebenheit gewichen zu sein.
„Mein Name ist Lakalmar“, sprach er. „Und irgendwie habe ich das Gefühl, ich sollte von vornherein ehrlich zu Euch sein. Ich möchte nicht, dass irgendjemand erfährt, dass ich hier bin. Denn ich bin gezwungen, mich zu verstecken. Vor Lord Rillrich.“
3
Das Portal
Degan, erwache!“
Arlamones Stimme ließ den Elben aus dem leichten Schlaf schrecken, in den er trotz der grässlichen Beengtheit der Höhlenwände gefallen war.
Es war tief in der Nacht und bis auf ein kleines, schwelendes Restfeuer in der Kochstelle und der schwach leuchtenden Feen-Aura war es dunkel in Lakalmars Wohnhöhle.
Im weiteren Verlauf des Abends hatte sich nichts mehr ereignet, was auf die Bildung einer Widerstandstruppe gegen Rillrichs Gewaltherrschaft schließen ließ. Alle hatten ein kleines Abendmahl zu sich genommen. Degan, der einen ausreichenden Vorrat an Damarisblättern mit sich führte, hatte die Nase über Irings Schachtrattenkaldaunen gerümpft, aber nichts dazu gesagt.
Im Allgemeinen war nicht viel gesprochen geworden. Auch Lakalmar, der Tiuri etwas von seinem Reskoeintopf spendierte, der über dem kleinen Kochfeuer schmorte, war nicht näher darauf eingegangen, warum er sich in dieser Höhle vor Lord Rillrich verstecken musste. Es war deutlich zu spüren gewesen, dass jeder in der Höhle ein Geheimnis mit sich trug, aber keiner dem anderen genügend Vertrauen entgegenbrachte, um darüber zu sprechen.
Schließlich hatten sich alle zur Nachtruhe begeben und es war Stille eingekehrt. Der Elb aus Arlamones Vision war bisher nicht erschienen, und allmählich wurde Degan ungeduldig. Auf keinen Fall durfte er es zulassen, dass sich diese willkürliche Zusammenkunft, die sich ohnehin nicht allzu gut verstand, wieder auflöste und ein jeder seiner Wege ging, bevor überhaupt etwas Wichtiges passieren konnte. Degans scharfes Gehör hatte leise das stetige, einschläfernde Rauschen des Wasserfalls draußen vor der Höhle vernommen und schließlich waren ihm die Augen zugefallen.
Dass Arlamone ihn nun wieder weckte, musste einen Grund haben. Lautlos erhob sich Degan aus der Nische, die er als Nachtlager gewählt hatte, weil hier ein paar Flechten wuchsen, die zumindest ein bisschen nach Grün rochen. Er sprach einen einfachen Handfeuerzauber, der die Höhle ein wenig erhellte und gelb schimmerndes Licht in den Wohnraum brachte.
Degans Blick fiel auf Lakalmar, der seine alten Knochen auf einem Stapel Felldecken (Tierfelle, wie Degan verächtlich feststellte) ausgestreckt hatte, und in einer dunklen Ecke lag Iring wohlig zusammengerollt auf dem harten Steinboden und schnarchte. Nur das Lager aus aufeinander getürmten Leinentüchern, auf das Tiuri sich gebettet hatte, war leer.
„Er schritt in den Berg“, erklärte Arlamone dicht neben Degans Ohr und deutete auf einen schmalen Durchgang, der sich in der Wand neben einem aus rohem Holz gezimmerten Regal öffnete und in einen finsteren Stollen mündete.
„Was hat er dort zu suchen?“, fragte Degan.
„Unbestimmt. Er ging nach einer Karte.“
„Nach einer Karte?“, wiederholte Degan nachdenklich. „Demnach hat Tiuri nicht nur diese Höhle mit Hilfe seiner Karte gesucht, sondern sogar einen Ort irgendwo in ihrem Inneren. Es passte ihm sicher nicht in den Plan, dass diese Höhle bewohnt ist, deshalb diese Geheimniskrämerei mitten in der Nacht. Kannst Du seinem Weg folgen, auch wenn der Tunnel sich gabelt?“
„Gewiss. Aber seine Spur erkaltet. Wir sollten uns eilen.“
Kurzentschlossen trat Degan in den düsteren Gang, während ihm Arlamone über seiner linken Schulter schwebend folgte.
Verfolgt wurden die beiden außerdem von Lakalmars Blick, der keinen rechten Schlaf gefunden hatte, bei den vielen ungewohnten Besuchern in seinem Zuhause. Dass der junge Kobold heimlich in der Nacht aufgestanden war, um die Höhlengänge zu erforschen, hatte er noch nachvollziehen können (denn Kobolde - egal ob jung oder alt - waren wissbegierig und verfügten über einen stark ausgeprägten Forscherdrang). Dass jedoch der Elb und seine Fee ihm leise folgten, machte den alten Einsiedler misstrauisch und allmählich glaubte er nicht mehr daran, dass sich nur durch puren Zufall so viele Fremde plötzlich in seine Höhle verirrt hatten. Und da auch er ein Kobold war, wollte er unbedingt wissen, was hier vor sich ging.
Also beschloss Lakalmar, ihnen zu folgen. Allerdings hatte er nicht vor, Iring in seinem Wohnraum allein zurückzulassen, auch wenn der Zwerg so aussah, als konnte er ganze Tage durchschlafen.
Kräftig rüttelte der alte Kobold ihn wach.
„Wa?!“, machte der Zwerg verdutzt.
Lakalmar schritt voraus in den dunklen Gang (den er so gut kannte wie alle anderen Gänge in seiner Höhle) und folgte dem schwach schimmernden Licht, das Degans kleines Handfeuer irgendwo vor ihm auf die Felswände warf. Doch während der alte Kobold darauf bedacht war, möglichst genauso leise zu sein wie der Elb, stampfte Iring hinter ihm her wie auf Holzplanken. Als er schon daran dachte, sich umzudrehen und dem Zwerg zuzuzischen, gefälligst leiser zu sein, gelangten sie in eine weitläufige Kammer, in der der Gang abrupt endete.
Der Höhlenraum war exakt kreisförmig angeordnet, wobei seine Wände so weit voneinander entfernt lagen, dass sie im Dunkeln kaum zu erkennen waren, und seine kuppelartige Decke lag so hoch über dem Boden, dass das Licht von kleinen Handfeuern oder Leuchtkugeln sie nicht erreichte.
Lakalmar hatte diesen Raum schon vor etlichen Sonnenkreisen entdeckt, aber keine Verwendung für ihn gehabt. Als Lagerraum war er zu groß und zu weit von seiner Wohnhöhle entfernt. Interessanterweise waren an allen Wänden Kerzenhalter befestigt, von der Art, wie sie in grauer Vorzeit verwendet worden waren. Die Kerzen darin konnten auf magische Weise entzündet werden und hatten die praktische Eigenschaft, nie abzubrennen, was nützlich war, wenn man nicht alle Nase lang damit beschäftigt sein wollte, Kerzenstummel auszutauschen. Lakalmar vermutete, dass irgendwann einmal diese Höhle für irgendwelche Zauberrituale verwendet worden war, aber diese Zeit war schon lange vorbei: Die Kerzenhalter waren verrostet und der dicke Gesteinsstaub überall hatte ihm schon beim ersten Erkunden der Höhlengänge gezeigt, dass lange niemand mehr hier gewesen war.
Direkt vor der Mitte des finsteren Raumes (wo der Boden im Gegensatz zum Rest der gesamten Höhle außergewöhnlich glatt war), standen Tiuri und Degan mit seiner Fee. Im Licht von Degans Handfeuer und der kleinen Leuchtkugel, die der junge Kobold erschaffen hatte, lieferten sie sich ein heftiges Wortgefecht.
„Warum schleichst Du mir nach?“, fragte Tiuri unwirsch.
„Ich schleiche überhaupt nicht“, verteidigte sich Degan. „Zwar trampel ich nicht so laut wie der Zwerg, der uns folgt, doch bin ich auch nicht bemüht, sonderlich leise zu sein.“
Lakalmar (der Iring hinter sich verächtlich zischen hörte), machte eine Bewegung mit seiner Hand und sprach ein paar Worte in alter Koboldsprache. Sofort flammten sämtliche Kerzen in den verrosteten Halterungen rundherum auf und tauchten den Raum in ein angenehmes, helles Licht. Er sah keinen Grund mehr für Heimlichtuereien.
„So“, stellte er amüsiert fest, „setzen wir unsere Zusammenkunft jetzt hier fort, nachdem alle ausgeschlafen haben?“
„Ich bin unserem jungen Koboldfreund nachgegangen, weil ich es verdächtig fand, dass er sich mitten in der Nacht von seinem Lager entfernt hat“, meinte Degan.
„Ich wollte nur spazieren gehen, das geht Dich gar nichts an“, verteidigte sich Tiuri.
„Da hast Du zwar recht“, stimmte Lakalmar zu, „aber in einer finsteren Höhle, die man nicht kennt, des Nachts spazieren zu gehen, ist höchst verdächtig, da hat wiederum Degan recht.“
„Inwiefern verdächtig? Was könnte ich denn hier anstellen? Steine klauen?“
„Vielleicht hat er hier Schokolade gefunden“, warf der Zwerg ein.
„Nein, in dieser Höhle gibt es nichts Wertvolles“, entgegnete Lakalmar. „Das habe ich genau überprüft, bevor ich hier eingezogen bin.“
„Ihr habt absichtlich eine Höhle als Euer Zuhause ausgewählt, in der es nichts Wertvolles zu finden gibt?“
„Ja, denn Schokolade bedeutet mir nichts. Und ich wollte hier keine Störenfriede.“
„Wenn die Frage gestattet ist“, sagte Degan, „warum verbergt Ihr Euch überhaupt in einer Höhle? Habt Ihr dafür einen besonderen Grund?“
„Ja“, stimmte Iring zu. „Das ist doch nicht normal. Also, für einen Zwerg wäre es schon normal, aber nicht für einen Kobold, oder?“
„In Rillrichs Welt ist niemand frei“, erwiderte Lakalmar und wich damit der Frage aus, „und ich kenne keinen, der das abstreiten würde. Außer Lord Rillrich selbst natürlich.“
„Ihr kennt Lord Rillrich?!“, fragte Iring erstaunt.
Degan schüttelte den Kopf. „Das hat er nicht gemeint!“
„Was hat er dann gemeint? Warum muss er sich in einer Höhle mitten im Wald verstecken? Hat er was verbrochen?“
Degan spürte, wie sich mehr und mehr eine negative Stimmung zwischen allen Anwesenden aufbaute. Wenn er nicht wollte, dass sie alle in kurzer Zeit verfeindet wären, würde er etwas unternehmen müssen. Außerdem war gerade die Sprache auf Lord Rillrich gekommen. Wenn es ihm gelingen würde, die negative Stimmung auf den Gewaltherrscher zu lenken, konnte sich vielleicht doch noch ein Bündnis bilden. Und auch wenn der Elb, den Arlamone in diesem Bündnis gesehen hatte, noch fehlte, beschloss Degan, den Moment zu nutzen.
„Er wird schon seine Gründe haben“, verteidigte Degan den alten Kobold. „Ich bin nun schon seit einigen Monden auf Reisen und immerfort treffe ich Wesen, deren Leben unter Rillrichs Herrschaft zu leiden hat.“
„Ihr Elben habt da leicht reden“, warf Tiuri ein. „Noch hat Lord Rillrich Euer Volk nicht unterworfen, aber wir Kobolde leiden am meisten. Entweder hat er uns versklavt und uns gezwungen, in seiner Armee zu dienen oder wir wurden vertrieben oder getötet.“
„Und was ist mit uns Zwergen?“, fragte Iring. „Uns missbraucht er als Arbeitsdrohnen in seinem Schokoladebergwerk. Von Freiheit kann da auch keine Rede sein.“
„Soweit ich weiß, dienen die Zwerge ihm freiwillig. So wie die Trolle“, erwiderte Tiuri.
„Willst Du etwa Zwerge mit Trollen vergleichen?!“, schrie Iring erbost.
„Was die Zauberkraft anbelangt, schon. Zwerge können nicht mal in der Mittagssonne Milch sauer werden lassen.“
„Wir können machen, dass die Luft stinkt, pass mal auf!“
„Hört auf zu streiten“, unterbrach sie Degan beschwichtigend. „Meine Fee Arlamone spürt, dass Ihr alle einen Grund habt, Rillrichs Welt zu verabscheuen. Ist das nicht der Grund, aus dem Ihr alle hier seid? Weil Ihr auf der Flucht seid?“
Schweigen kehrte ein und Degan atmete erleichtert auf. Erneut war Zwist entstanden und der war gefährlich. Er musste einen Weg finden, sie alle zusammenzuschweißen. Plötzlich kam ihm eine Idee.
