Schön, dass man noch Träume hat - Werner Bartholome - E-Book

Schön, dass man noch Träume hat E-Book

Werner Bartholome

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Beschreibung

Hören Sie die Geschichten aus Pflaumenheim. Eine andere Erzählung berichtet davon wie 1933 Walter Mehring der Verhaftung durch die Nazis entgeht. Lauschen Sie den Ansichten und Träumen Professor Hommerweibs. Wie wurden die Evangelien zu geschriebenem Text? Berichtet wird über Jugendliche, die auf der Straße leben. Auch weitere Erzählungen thematisieren Armut in ihren verschiedenen Formen. Mehrere Beiträge gehen Liebesbeziehungen auf den Grund, die am Ende scheiterten. Von einer jungen Frau wird berichtet, die 1945 ohne Schuld in ein russisches Lager gesperrt wird. Begebenheiten aus dem letzten Krieg Israels gegen den Libanon kommen zu Wort.

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EPUB

Seitenzahl: 531

Veröffentlichungsjahr: 2013

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Schön, dass man noch Träume hat

Erzählungen

Werner Bartholome, Ursula Schröder-Zeuch, Norbert Klatt u.v.a.

Dorante Edition

Bibliographische Information der Deutschen Bibliothek Schön, dass man noch Träume hat Werner Bartholome, Ursula Schröder-Zeuch, Norbert Klatt u.v.a.

herausgegeben durch das Literaturpodium © Dorante Edition, Berlin 2009 - Engelsdorfer Verlag Leipzig (2013)

Alle Nachdrucke sowie Verwertung in Film, Funk und Fernsehen und auf jeder Art von Bild-, Wort-, und Tonträgern honorar und genehmigungspflichtig. Alle Rechte vorbehalten. Das Urheberrecht liegt bei den Autorinnen und Autoren.

Coverfoto: Jördis Kummerländer

ISBN 9783954889037

Technische Unterstützung und Bearbeitung: Firma Thomas Ferst Computer; www.ferst.de

Inhalt

Cover

Titelseite

Impressum

Michael Hesseler

Geschichten über Originale in Pflaumenheim

Christine Koch

Die Hochzeit zu Kana

Norbert Klatt

Professor Hommerweibs Traum

André Steinbach

Begegnung am Strand

Glückliche Zeiten

Die Cheber Májová Straße und Františkovy Lázne

Andreas Erdmann

Betonblumen

Auf Dr. Freuds Couch

Mister X

Alles nichts …

Nullnull

Eberhard

Ein Herzenswunsch

Eiszeit

Marko Ferst

Das Speziallager

Ursula Schröder-Zeuch

Warum liebtest du mich nicht?

Das Sofa

Wolfgang Scholmanns

Friedhelm

Träume eines Freizeitcowboys

Werner Bartholome

Blauhemd und Rock´n Roll

Die Geister, die ich rief ...

Schön, dass man noch Träume hat

Klassentreffen

Rendezvous mit der Vergangenheit

Das Lächeln der Mona Lisa

Johannes Bettisch

Grau auf weiss

Der Dorfschmied

Alpha und Omega einer Frisur

Mara Laue

Der dritte Reiter

Roland Moll

Heulen in der Nacht

Hans Sonntag

Wie werde ich ein Held?

Vom Ferkel zum Schwein oder wie ein Gedicht entstand

Willi van Hengel

„Ayla“

Requiem für Marizz

Lore Tomalla

Am Strand

Die Holzente oder: Flügel

Franziska Röchter

Sommertag

Jörg Reinhardt

Vertragsverhandlung

Grete Ruile

Der Neuankömmling

Ein stummer Dialog

Siegbert Dupke

Warstein und andere Wohnorte

Anette Räpke

Zwischenstopp

Ein Rest bleibt

Stefan Laser

Martha

Jan Pelz

Die zehn Träume des Jean - Pierre Lorêt

Esters Sonne

Heinz-Josef Scherer

Die Stimme

Betti Fichtl

Hallo Taxi!

Hans Witteborg

Überraschung ...

Spekulation

Seelen-Einblick

Autorinnen und Autoren

Vorab

Literaturpodium

Aktuelle Bücher

Fussnoten

Michael Hesseler

Geschichten über Originale in Pflaumenheim

Theos Familie stammte aus einer besonderen Zusammenballung von Menschen und Steinen, aus Pflaumenheim am Rhein. Hier lebten einst Originale, kulturell geprägt durch die lange französische Besetzung zur Zeit Napoleons, versprengte römische Kohorten am Limes und keltische Magier. Außerdem war die Bevölkerung durch die lokale Mixtur katholischer, reformierter und jüdischer Religion geübt im friedlichen Zusammenleben. Zwei Flaschen des roten Brogsitters täglich machte hier selbst Neunzigjährige kein bisschen müde, aber etwas weiser. Schon allein deswegen litten die Pflaumenheimer nicht an übertriebener Arbeitswut. Sie konnten die Arbeit auch ohne schlechtes Gewissen liegen lassen. Ein ehemaliger weiser Bundesminister, gern gesehener Gast in Talkshows, den Oma Josefine gut kannte, wird daher später sagen: „Wer nur arbeitet, ist gefährlich.“ Dieser Menschenschlag wollte die alltägliche Mühsal nicht nur ertragen lernen, um zu überleben. Er wollte das Leben wie ein Künstler zelebrieren. Wegen seiner existentiellen Bedeutung für die Lebenskunst seiner Einwohner könnte man daher Pflaumenheim das Clochemerle am ‚Ring‘ nennen. Während andere Ethnien nachdrücklich aufgefordert werden mussten, aus sich herauszugehen, befreit zu lachen und Spaß am Leben zu haben, musste man die Menschen in dieser Kleinstadt immer wieder ermahnen, endlich Ernst walten zu lassen. Sie resignierten selten.

Natürlich hatte auch bei diesen gestandenen Menschen der Humor versagt, als die Häscher am Tage des historischen Hahnenschreis ihre jüdischen Mitbürger zu ihren Mördergruben abtransportierten. Aber Theos Großmutter Josefine, die gute Katholikin, half, wo sie nur konnte. Sie war sich der Gefahr ihrer Hilfsaktionen gar nicht bewusst, einfach, uninformiert und ungebildet, wie sie war. Sie war nur herzensgut. Sie hatte instinktiv etwas gegen die böse braune Gesockschaft, genau so, wie sie fest davon überzeugt war, vor einer Höhle über dem Ahrtal rote Teufel um ein loderndes Feuer tanzen zu sehen. Hier im Land der Jäcken kamen die demagogischen Einpeitscher nicht nur schlecht mit ihren braunen Rauschdrogen an, sondern wurden sogar mit treffenden Witzen verspottet. Über den ordenbestückten Gecken Göring, den das Volk instinktsicher mit faulen Eiern beworfen hatte, räsonierte auch ein Literaturnobelpreisträger gern. Doch auch in diesem Kaff standen noch zu viele untertänige Gut-Mitmenschen - aufgepeitscht durch eine karrieresüchtige Amtsleitung - stramm, schauten andächtig nach oben und traten dann nach unten kräftig mit. Dem größten Teil der Bürger gelang es aber, den Unbill des Lebens und die Missstände im Alltag mit dem Humor zu nehmen, der diesem Landstrich eigen war. Daher nahmen sich die Postangestellte ohne schlechtes Gewissen die Freiheit, während der Arbeitszeit in der nahen Kneipe Skat zu‚ kloppen.‘ Die Anwohner befürworteten das, solange sie sich bei Bedarf den Schlüssel zur Dienststelle dort abholen konnten, um sich selbst zu bedienen. Hier konnten sich die Menschen noch vertrauen. Keiner vergaß, auch nur eine Briefmarke zu bezahlen. Die Postangestellten wussten ihrerseits, dass keiner der Mitwisser sie bei ihren Vorgesetzten verpfeifen würde. Es kam allerdings auch kein Reichsbedenkenträger ohne Vorankündigung vorbei, der ein dickes Buch aus seiner Aktentasche gezogen und auf unverständliche Vorschriften in Amtsdeutsch verwiesen hätte.

Eine nicht zu vernachlässigende Gruppe in der Bevölkerung bildeten Menschen, denen Trinken oder besser ‚Saufen‘ Erleichterung verschaffte und so ihre Lebenshaltung aktiv unterstützte. Damals war Alkoholismus noch keine von der Krankenkasse anerkannte Krankheit, deren Heilung der Herstellung der Arbeitsfähigkeit gleich kam. Jeder betroffene Einwohner in dieser Kleinstadt musste daher zwar die Folgen der Sucht selbst tragen, konnte aber auf die Solidarität eines gewachsenen sozialen Netzes bauen. Auch der angesehene Bürger Horst Schweitzer - ein weitläufiger Verwandter Theos - gehörte gern zu dieser Gruppe. Er fand aber bei seiner Frau Jule wenig Anerkennung für seine Leidenschaft. Der humanistisch vorbelastete praktische Arzt Dr. Tiksalm hatte Jule in Xanthippe umgetauft, die schon Sokrates zum Nachdenken außer Haus getrieben hatte. Mit solchen intimen Erfahrungen konnte Tiksalm allerdings als einer der ersten bekennenden Schwulen der Stadt nicht dienen, weswegen er auch auf der Hut vor den arischen Puristen sein musste. Schweitzer musste jedenfalls seinen Stoff gut vor seiner Alten verstekken. Er hatte inzwischen darin eine große Findigkeit entwickelt. Warum er soff, wusste keiner in dieser Männerclique. Eigentlich interessierte das auch keinen der Betroffenen. Vielleicht hatte ihn seine Frau in dieses Laster hinein getrieben. Sie war eine von diesen 75 % Frauen, die ihre Männer ständig verändern mussten. Ihre Gegenleistung gegenüber den Männern beschränkte sich auf die unverrückbare Überzeugung, über sich selbst weder nachdenken, noch sich selbst ändern zu müssen. Schweitzers Los war noch härter. Seine Frau war die alleinige Eigentümerin des Geschäfts, so dass der Hals dieses armen Mannes rettungslos am Abhängigkeitsseil hing. Je nach Laune und Erfordernis zog sie das Seil strammer oder weniger stramm an. Jedenfalls kannte diese Frau ihren Mann und seine leichte Sicht der Dinge, die zugegebenermaßen in dieser Intensität das Leben verkürzen konnte. Ihr ging es aber vor allem um Vermehrung ihres Geldes und Bewahrung ihrer Macht, weniger um sein Leben und Glück. Nach Jahren konnte er eben nicht mehr anders, sah er doch in den wenigen abstinenten Phasen seine Frau mit glasklaren Augen vor sich, diesen frigiden, habgierigen und kaltherzigen Drachen. Ein Grund mehr, weiter zu saufen. Reine Notwehr! Echte Freunde, darunter vor allem die, die selbst mit vergleichbaren Frauen leiert waren, unter-stützten Schweitzer daher gern. Schweitzer konnte sich schon lange nicht mehr faul auf seiner Chaiselongue rekeln und seinen Rausch ausschlafen. Das hatte ihm seine Xanthippe schon vor Jahren vergällt. Da sie bisher nach kurzer Zeit auch abseits gelegene Ruheplätze aufgespürt hatte, musste Schweitzer immer wieder neue gemütliche Verstecke erproben. Er konnte sich nicht ungehindert aktiv zu Tode saufen. Er verfluchte sie wegen ihres versteckten Sinns dafür, der wohl nur den ei-nen Zweck hatte, nämlich sich an seiner Ohmacht zu weiden. Am Tag X, es musste kurz nach dem letzten Krieg gewesen sein, war Schweitzer jedoch fest davon überzeugt, eine bleibende Lösung seines Problems gefunden zu haben. Er schnappte sich fast klaren Geistes das Bötchen seiner Frau. Damit hatte er früher Passagiere für 50 Pfennige auf die andere Seite des Flusses befördert, um dort feuchte Höhlen zu durchstapfen oder einen imposanten Brückenpfeiler zu besteigen. Schweitzer fuhr also an diesem Tag bis zur Mitte des Stromes, ankerte dort, machte es sich gemütlich und öffnete seine erste Flasche Doornkaat. Diesen Korn bevorzugte er seit seiner Stationierung in den Niederlanden. Erst als er ihn mit einem Aufseufzer der Erleichterung genüsslich bis zur Neige ausgetrunken hatte, war seine kleine Welt wieder in Ordnung. Zur zweiten Flasche kam er allerdings nicht mehr. Als er sie an den Mund setzte, wurde er nämlich plötzlich vom Ableger aus mit einer Schrotflinte beschossen. Ihre Reichweite war glücklicherweise zu kurz, um ihn zu treffen zu können. Nur kleine Wasserfontänen von 30 cm Höhe bewirkten die Schüsse. Der laute Knall der Schüsse störte allerdings empfindlich seine Glückseligkeit und Ruhe. Durch den Schleier des Alkohol-Dunstes hindurch suchte er ahnungslos nach dem Täter. Erst nach mehreren vergeblichen Versuchen kam ihm zum Bewusstsein, dass das, was er sah, keine optische Täu schung war. Am fernen Ufer erkannte er wirklich seine eigene Frau und glaubte, ihren wütenden und hasserfüllten Blick zu spüren. So weit war sie noch nie gegangen. Jahrelanger Frust hatte sich wohl aufgestaut. Dass sie ihn vergeblich den ganzen Tag über suchen musste und er sie so um die Freude gebracht hatte, ihn zu quälen, hatte das Fass zum Überlaufen gebracht. Die Alte wusste, dass sie ihn nicht erwischen konnte. Die angestaute Wut hatte sich aber irgendwie entladen müssen. Er war sich jedenfalls sicher, dass sie sich anderenfalls wenig über seinen Tod aufgeregt hätte. Allerdings hätte ihr dann ein wesentliches Objekt zur Demonstration ihrer Macht nachhaltig gefehlt, wie man später sagen wird. Das schöne Versteck war jedenfalls enttarnt, und alles nahm wieder seinen üblichen Lauf. Sieht man vom Pflaumenheimer Tagespiegel ab, der alles schon wusste, bevor es passiert war, hielt sich das weitere Schicksal von Schweitzer für die meisten Einwohner objektiv im Dunklen. Der Schwatz regierte allerdings auch in dieser Kleinstadt das Tagesgeschehen. Die einen meinten, er sei einer Leberzirrhose erlegen, die anderen mutmaßten, so unwahrscheinlich das war, er sei an Enthaltsamkeit gestorben. Einige wenige sprachen aus, was viele dachten, und behaupteten, er hätte in einem klaren Moment endlich den Mut gefunden hat, seine Alte zu erschlagen. Damit wäre der Grund für sein Saufen ja auch weggefallen. Das hätte fast jeder Mann in Pflaumenheim verstanden. Selbst das Bodenpersonal des Herrgottes hätte am Ableben dieses Drachens die Legitimation seines freiwilligen bis unfreiwilligen Zölibats fest gemacht und vielleicht trotz des schwergewichtigen Gebots „Du sollst nicht töten“ ein Auge zugedrückt. Zumindest hätten die Pfaffen dem Mann das Recht zuerkannt, die Frau zu ihrem von oben abgesegneten Glück mit gezielten Schlägen zu zwingen. Schließlich stünde im Wort der Bibel, der es mehr um Gebote als um demokratische Rechte geht, die Frau solle dem Mann ebenso folgen wie das Volk der Obrigkeit. Staatsanwälte, Richter und andere einschlägige Berufsgruppen zur Erhaltung der allgemeinen Ordnung hätten dem entgegen - auch wenn es moralisch nicht zu rechtfertigen gewesen wäre - gefordert, die Ermordung der Ehefrau im Affekt hart zu bestrafen: Allein zur Abschreckung von Nachahmern. Besser gesagt, man hätte schon in der Partei und sehr reich sein müssen, um seiner gerechten Strafe zu entgehen.

Die Einwohner dieser Provinzstadt trieben trotz oder gerade wegen ihres katholischen Glaubens gern ihre Späße mit dem Bodenpersonal Gottes. An ihm selbst hätte man sich nie herangewagt. Die explosive Allianz der Mentalität dieses Menschenschlags am ,Ring‘ mit einem Katholizismus, dessen Dogmatik an der Basis völlig versagte und eher urchristliche Formen annahm, schlug eben ohne Vorwarnung zu. Sich selbst und andere zu verkleiden war fast schon ein Volkssport. Auch vor Heiligenfiguren machte er vor Gottesdiensten nicht Halt. Pauls Vater Hermann und die anderen Messdiener waren darauf spezialisiert. Sie zogen den Heiligen Handschuhe über die krummen Hände, setzten ihnen Zipfelmützen auf ihre kahlen Köpfe und banden ihnen Winterschals um ihre kurzen Hälse. Die würdig einmarschierenden Prozessionsteilnehmer mussten sie in diesem fast menschlichen Outfit wahrnehmen. Die einen waren geschockt, die anderen amüsiert. Die einen schritten wie immer lustlos und mit devotisch gesenkten Häuptern herein und waren immun gegen jeden Anflug von Lächeln. Der Versuch, es gewaltsam zu unterdrücken und herunter zu würgen, verzerrte nur ein wenig ihre gläubigen Gesichter, in denen sich Leben wohl nur als längere Vorbereitungszeit auf den nahen Tod ausdrückte. Für die anderen brachte diese Transformation zu neuen Ufern jedoch Abwechselung in ihr tristes Sonntagsleben als Katholiken. Anständig, wie sie waren, kämpften diese Kirchgänger zunächst noch krampfhaft mit dem Lachen. Dann entlockten die kostümierten Heiligenfiguren ihnen aber ein verschämtes Grinsen, das bald in offenes Lachen ausbrach. Einige erlitten sogar einen Lachanfall. „Was ist das wieder für ein schöner Tag im Tempel des Herrgottes“, flüsterten sie inbrünstig mit gen Himmel gerichtetem Blick. Der kugelrunde Pfarrer mit seinen Hängebacken und seinem immer vor Scham roten Kopf, weil er in der Sakristei heimlich kleine Heftchen schaute, zeigte oft nur auf die Taten der bösen anderen, um sein schlechtes Gewissen zu beruhigen. Im Fall der verschandelten Heiligenfiguren durfte er im Auftrag der Kirchengemeinde ein Machtwort sprechen, dabei ganz offen zur Belohnung vorn auf dem Sockel sogar lustvoll seinen Lieblingsroten schlürfen. Es handelte sich um einen gleichsam von oben angeordneten Akt der Immunisierung gegen den Antichristen, der sich diesmal unschuldiger Messdiener bemächtigt und bedient hatte. Kein Wunder, dass sie leicht angedudelt neben dem Pfarrer knieten und auf seine Anweisungen warteten, die unter Aufstoßen und Rülpsen erfolgten. Der Pfarrer war sehr lustig gestimmt, denn er wies, als ob er den braven Soldaten Schwejk gelesen hätte, mit der Trillerpfeife die Richtung an, in die sich die Messdiener im Rahmen der vorgeschriebenen Liturgie zu bewegen hatten. Einmal kurz hieß links herum, zweimal kurz rechts herum, einmal ganz lang bedeutete stehen bleiben, zwei Mal lang weiter. Missverständnisse kamen vor, störten den Ablauf aber nur geringfügig. Im Gegenteil riefen sie bei den gelangweilten Gottesdienstbesuchern Erheiterung hervor, abgesehen von den vergrätzten Frömmlern und ausgetrockneten ‚Juffis.‘ Weil der Großteil der Kirchengemeinde ihren sanften Hirten liebte, überging sie seine Eskapaden einfühlsam. Sie wusste, dass er noch unter dem plötzlichen Tod seiner Haushälterin litt. Fern von Rom hatten die beiden fast wie ein Ehepaar zusammen gelebt. Natur bleibt eben Natur, und bis zum dritten unehelichen Kind zahlt ja wohl der Vatikan. Dann doch gleich das irrsinnige, da menschenunwürdige Zölibat abschaffen! Je mehr das Spiel auf der Bühne vorne den Hauptakteuren entglitt, desto inbrünstiger jubilierte die Gemeinde fremdsprachlich vor sich hin. Lateinische Texte, ob gesungen oder gesprochen, haben immer nur wenige gebildete Machtträger verstanden, die sie nach eigenem Gutdünken und Interesse dem Kirchenvolk übersetzten und für es auslegten. Warum verstehen, was man tun sollen muss! Aus der Sicht dieser Privilegierten dienen Dogmen vor allem dazu, dass die Herde symbolisch bei den Aktionen der Medizinmänner mit muht. Das wird später auch ein Pappa erkennen und das zwischenzeitlich abgeschaffte Kirchenlatein wieder frei geben: zur Belebung der Veralterung einer ohnehin ältlichen Liturgie. Um zur praktischen Seite zu kommen, es ist nicht überliefert, wie der dicke Pfarrer an solchen Tagen in den Beichtstuhl gekommen ist, damit die Bußwilligen ihre Sünden beichten konnten. Ob blau oder nicht, sie brauchten ihn ja dafür. Die Zeiten des Ablasses waren zwar vorbei, aber die Absolution war immer noch ein Geschäft von Leistung und Gegenleistung. Auch Kirchen sind noch nie ohne Beziehungskapital ausgekommen. Nur die erwartungsfrohe Antizipation der Absolution motivierte das Kirchenvolk, alles Nötige für sein Heil pflichtgemäß zu geben. In Gedanken war es aber schon längst beim Sonntagsbraten, den es fast wie die letzte Ölung genießen wollte. Das war der Gang der Dinge nach dem Sonntagsgottesdienst. Ab einem bestimmten Pegel römischen Weins aus der Gegend oder von Bier - dem liebsten Getränk des dumpfen Germanen - vergaßen die Gemeindemitglieder im Diesseits gern das Jenseits. Sie verspielten es förmlich. Kaum zu glauben, dass Ähnliches im südlichen Barjedeswarumien, wie die Bewohner Bayern nannten, möglich gewesen wäre. Oder wohnten dort keine Menschen, sondern nur Springprozessions-Gämsen in Lederhosen? Nur wenige nüchterne Fundamentalisten blieben dem munteren Treiben fern. Mit ausgesuchten Heiligen im Schlepptau und gestärkt durch ein Kollektivgebet verfolgten sie den Teufel, der um den Kirchturm schlich.

Die Menschen in diesem Provinznest lud damals auch Johann Alberg, genannt der Raubritter von Bröselsiech, der oben hinter dem Adlerberg eine Gaststätte betrieb, oft zum Mitlachen ein. Gern füllte er seine Gäste mit Rotwein aus dem Ahrtal so lange ab, bis ihnen in diesem Zustand der Bewusstseinserweiterung hinter der Gaststätte ein keltisches Königsfeld erschien. Theos Vater Hermann bemitleidete Johann wegen seines Buckels. Die sehr einprägsame Erhebung war eine genetisch bedingte Wirbelsäulenverkrümmung des Rückgrats nach hinten. Johanns Schulkameraden interessierten medizinische Feinheiten wenig. Wegen seiner Kyphose hänselten sie ihn ohne Ende, bis er immer häufiger den Unterricht schwänzte. Dafür konnten die Lehrer schon allein deswegen keinerlei Verständnis aufbringen, weil ihnen propagandistisches Unterrichtsmaterial zur Demonstration ihrer arischen Weltanschauung fehlte. Spätestens ab der Reichskristallnacht 1938 war für Johann wegen seiner arischen Qualitätsmängel die Luft zum Atmen zunehmend dünner geworden, so dass das Laboratorium Schloss Hohenstein winkte. Glücklicherweise ging das Damoklesschwert an ihm vorbei, nach unmenschlichen Experimenten zur Züchtung einer reinen arischen Herrenrasse das Zeitliche segnen zu müssen. Wer wird wohl überleben, wenn ihm ein approbierter Arzt, der später hoch geehrt weiter praktizieren darf, durch einen Trichter Wasser in die Lunge gießt! Hermann umhegte diesen Freund aber noch aus einem anderen Grund fürsorglich. Johann und Hermann verband, dass ihre Schulkameraden auch ihn Krüppel riefen. Als Kind hatte ihn ein Auto erfasst. Seitdem war sein Unterschenkel deformiert, hatte sich seine Kniescheibe verschoben und hinkte er infolge der entstandenen Beinverkürzung ein bisschen. Diese Diskriminierung fräste sich tief in sein Ego ein, machte ihn zwar nicht unverletzbar, aber hart im Nehmen. Anders als Johann schwänzte Hermann daher nicht die Schule. Er hatte auch erkannt, dass für die Einpeitscher hier schon die Front gegen die Feinde des Führers begann, und spielte das Spiel mit. Er konnte Johann sogar helfen, mit Ach und Krach die Volksschule abzuschließen. Eine richtige Ausbildung schaffte Johann aber nicht, vielleicht hätte er als Narr irgendeinen König oder den trotteligen Reichspräsidenten beraten können, der in der Weimarer Zeit für die in Demokratie ungeübten Deutschen zum Ersatzkaiser geworden war. Anstatt dessen machte Johann seine Gaststätte weit oben im Wald auf und arbeitete erfolgreich als Gastwirt, ohne einen Buckel voll Schulden haben zu müssen.

Ihre Behinderung verband Johann und Hermann so, dass sie nur noch zusammen mit anderen feiern wollten. Manche nannten sie daher schon Pat und Patachon, jedenfalls musste so keiner allein crippled inside werden. Sich Vergnügen konnten sie sich im gesamten großdeutschen Reich. Das musste nicht in Pflaumenheim sein, sondern konnte auch Silvester in einem Dorf der verschneiten Alpen von Barjedeswarumien sein, über dessen Einwohner sie förmlich herfielen. Als sie dort mit Skiern die Pisten herunterfuhren, hell erleuchtet durch ihre Fackeln, verschreckten sie die Dorfbewohner nicht nur mit ihren grell bemalten Gesichtern, wehenden Kapuzenumhängen, Bettlaken und Pudelmützen. Insbesondere Johanns Buckel warf vor dunklem Hintergrund riesige, Grauen erregende Schatten und ließ die ansässigen Hinterwäldler vor Angst erstarren.

Es lag wohl auch im Blut der einfachen Menschen aus Pflaumenheim, dass sie gern Wetten abschlossen. Es wäre ihnen nie in den Sinn gekommen, als romantisierende Naturliebhaber oder Sportaktivisten in die Alpen zu reisen, sie sogar zu besteigen oder hoch zu wandern, um ihren Mut zu beweisen. Sicherlich beeindruckten auch diese Provinzler einzigartige Bergmassive wie die Zugspitze. Sie verwöhnte ja nur ihr nahes Mittelgebirge, in dem später sogar ein Literaturnobelpreisträger gefahrlos leben konnte, seit die Dorfbewohner Fremde nicht mehr mit Steinen bewarfen. Menschen aus Pflaumenheim wollten nicht als Durchschnittstouristen irgendwo auf dem Gipfel verweilen oder in Liegestühlen auf Sonnenterassen mit einem Cocktail in der Hand faulenzen. Sie wollten mehr. Daher nahmen sich drei Originale spontan ein Taxi und fuhren von Pflaumenheim in den Schnee der Zugspitze allein aus dem Grund, um dort den Bürgermeister von Pflaumenheim zu begrüßen und danach ohne langen Aufenthalt wieder zurückzufahren. Es musste dort gewesen sein, wo später das Gletscherrestaurant SonnAlpin gebaut werden wird. Da die drei ohne Überlegung und Plan einer plötzlichen Eingebung gefolgt waren, geriet die spontane Aktion ohne winterfeste Kleidung und Ausrüstung zur Strapaze. Es war ja dort oben, wie man am ‚Ring‘ sagt, ‚arschkalt‘. Der nur kurze Zeit wärmende Alkoholpegel war auch gesunken, so dass sie schutzlos der Kälte ausgesetzt waren. Dennoch ignorierten sie die klirrende Kälte, so gut es ging, und schüttelten sie ab, bis sie ihre Mission erfüllt und sie sich dem Objekt ihres Besuches offenbart hatten. Sie waren sich dies aber wert und nahmen die Ausgaben von 1000 DM und eine dicke Lungenentzündung gratis gern dafür in Kauf. Der Spaß wog die Folgen mehr als auf.

Um 1930 beklatschte die Bevölkerung Wagemutige, die es geschafft hatten, den Rhein über die sich bewegenden Eisschollen hinweg zu überqueren. Bis ungefähr 1963 trieben Eisschollen auf dem Rhein. Der Rhein war selten völlig zugefroren, wenn auch die Eisdecke mal mehr, mal weniger geschlossen war. Als die Eisdecke weiter aufgebrochen war, klares sonniges Wetter sich breit gemacht hatte und wenig Treibeis stören konnte, wählten sich vier abenteuerlustige Pflaumenheimer eine frei treibende riesige Eisscholle, um sich mit ihr bis nach Kocks treiben zu lassen. Das musste zunächst ein heimliches Unternehmen sein, weswegen sie in der Nacht starteten. Die Behörden hatten ja schon einmal einen Gastwirt aus Sicherheitsgründen vom Eis vertrieben, der dort in einem Zelt Glühwein verkauft hatte und später ein Volksfest veranstalten wollte. Die Eisscholle, die in der Mitte ein Schild mit der Aufschrift „Es lebe Pflaumenheim“ zierte, hatte Platz für einen wärmenden Ofen, Tisch und Stühle. Dort spielten sie Skat, wenn sie nicht mit Enterhaken die Eisscholle wieder flott machen mussten. Sicherheitshalber ließen sie sich auf der Uferstraße von einem PKW begleiten, der trockene Ersatzkleidung und reichlich Proviant transportierte und sie wieder von Kocks nach Pflaumenheim zurückbringen sollte. Natürlich hatten sie nur annäherungsweise vorausberechnen können, wie weit die Eisscholle bei Ankunft abgeschmolzen sein würde. Sie waren doch sehr erstaunt, dass ihnen das Wasser in der Zielumgebung schon bis zu den Knöcheln reichte. Glücklicherweise war die Eisscholle nicht zwischen den Pfeilern einer Brücke aufgetaut, sie hätte vielleicht der Belastung nicht standgehalten. Unzählige Menschen jubelten ihnen bei ihrer Ankunft zu, manche ließen an Schnüren Flaschen mit Schabau zur Stärkung herunter. Auch die Presse lachte, als es ihnen noch erlaubt war, in ihren Artikeln mit. Nur die Hafenpolizei, die von Amts wegen humorlos zu sein hatte, lachte nicht mit und übte sich in der Ausübung der Staatsgewalt. Sie zitierte die vier Mutigen daher in ihre Amtsstube und verhörte sie lange Zeit wie Spione. Am Ende setzte sich jedoch die Vernunft durch und die Beamten machten den Pflaumenheimern nur zur strengen Auflage, die Eisscholle zu säubern. Erst danach durfte sie der PKW in ihre Heimatstadt zurückfahren, in der sie die Bevölkerung wie Helden empfing.

Auch Krämers Gori, wie die Einwohner Anton Krämer, den Vater von Theos bestem Freund Max, nannten, war ein Original. Er war Hobby-Imker. Theo sah ihn daher oft im Imker-Anzug, von Bienen umschwirrt. Gori verstand viel von der vorprogrammierten Kommunikation seiner Honigbienen, bei denen nach dem Geschlechtsakt die weiblichen Arbeiterinnen die männlichen Drohnen für die Königin verjagen und töten müssen. Theo kannte sich nicht so gut aus und besaß auch keine geeignete Ausrüstung. Er musste daher Distanz halten. Der ‚Gorilla‘ trug gern zur Erheiterung der Bewohner bei. Wie sein Spitzname verriet, konnte er ihnen auch selten entgehen. Sie ärgerten ihn gern und oft. Die lieben Kumpels nahmen ihn z.B. an einem sternenlosen Abend zuvorkommend mit dem Auto mit, durchfuhren mit ihm ein Labyrinth vieler dunkler Straßen und setzten ihn, ohne dass er es sofort merkte, anstatt in der Kneipe des Nachbarortes Odenzahl wieder zu Hause bei seiner Alten an der Eifeldorfer ab. Es war abzusehen, dass Gori bald in ein institutionelles Netz von Intrigen geraten könnte, als er begann, mit Dr. Tiksalm zu saufen. Dieser Allgemeinmediziner erregte öffentliches Ärgernis, weil er viele Alkoholfälle heimlich in ihren Häusern behandelte, dass heisst mit soff. Gori musste sich kurz vor dem Delirium Tremens befunden haben, als er seine fesche Schützenuniform direkt am Tresen der Kneipe dem Doktor zum Anprobieren überließ. Zwar konnte man ihm - nach welchen Gewissenskriterien auch immer - mildernde Umstände zugestehen. In diesem Fall handelte es sich aber um eine lokal bedeutsame Ehrverletzung. Immerhin steckte doch kurz nach dem Krieg das ‚völkische‘ Blut- und Boden-Substrat noch tief in den stattlichen Uniformen. Gori hatte seine Uniform zweckentfremdet und öffentlich beschmutzt, weil er sie öffentlich einem Zivilisten in einer privat betriebenen Einrichtung zur Befriedigung niederer Bedürfnisse geliehen hatte. Dass beide kurz vor Vollzug der Tat in Unterhosen vor Volk und Herrschaften gestanden hatten, machte die Sache noch brisanter. Gori durfte zur Strafe ein Jahr nicht mitmarschieren und erhielt in seinem Schützen-Dossier eine ehrempfindliche Rüge als Eintrag. Gori hatte aber in jedem Fall die Lacher wieder auf seiner Seite, in deren Achtung er sogar gestiegen war. Diese und ähnliche Geschichten über Originale in Pflaumenheim, die es heute nicht mehr gibt, machten das Besondere an dieser Kleinstadt aus, in die Theo hineingeboren wurde, in der er lebte und über die er andere hat erzählen hören. Und die haben viel erzählt, wenn der Tag lang wurde.

Christine Koch

Die Hochzeit zu Kana

„Unsere Krise ist eine Krise der Einfühlung. Das Herz kann nur hoffen, den Verstand wach zu halten. Selbst die Erinnerung füllt nicht das ganze Schweigen, und die Fehler der Alten werden immer die Schrecken der Jungen sein.“

(Colum McCann, in: In uns allen brennt es noch. DIE ZEIT vom 10.08.2006, S. 32. Aus dem Englischen von Matthias Fienbork)

Hör zu, Kind, ich möchte Dir eine Geschichte erzählen. Ich weiß nicht, wo ich anfangen soll. Es ist eine lange, eine schwierige Geschichte. Hör zu, Kind, ich weiß nicht, ob ich Dir diese Geschichte erzählen kann. Aber ich will es versuchen. Wem soll ich sie sonst erzählen, wenn nicht Dir? Du bist noch klein, nicht einmal sechs Jahre alt. Du wirst mich nicht verstehen. Aber wem soll ich erzählen? Es ist wichtig, dass Du die Geschichte hörst. Wer wird sie sonst in seinem Herzen tragen, wenn ich tot bin?

Wo soll ich anfangen, sag es mir? Ach ja, ich glaube, ich fange damit an, wie ich Deine Großmutter kennen gelernt habe. Damals, in dem kleinen Dorf in den Bergen. Es war Sommer. Wir waren im Dorf droben, das näher am Himmel ist. Man kann den Schnee auf den Gipfeln sehen, selbst im Sommer, und die Frische zieht abends herab und kühlt die Gemüter. Das Wasser in den Brunnen ist rein und klar. So waren unsere Seelen. So war mein Herz, als ich sie das erste Mal erblickte, am Brunnen, wo sie Wasser schöpfte.

Sie war umringt von blökenden Schafen, die kleinen Böckchen stießen sich und drängelten, um an das Wasser zu kommen. Sie kamen von den Bergweiden, sie waren durstig. Sie sah mich an, in der einen Hand das Seil, in der anderen Hand den Eimer. Ihr Gesicht war geteilt durch das Seil, ihre Augen hatten das unergründliche Schwarz der Nächte in den Zedernzweigen. Ich wusste es, als ich sie sah, dass sie meine Frau werden würde, ich wusste es gleich, und ich beugte mein Knie vor ihr am Brunnenrand und bat: „Gib mir auch ein wenig Wasser, dem durstigen Böckchen.“

Lach nicht, ich war jung, ich war sehr ansehnlich, so sagten zumindest die Alten im Dorf. Sie lachte jedenfalls nicht, nahm den halbvollen Eimer und hielt ihn mir an die Lippen. Das Nass floss über mein Kinn, ein Hauch ihres Kopftuches streifte mich. Da wusste ich, dass sie meine Frau werden würde.

Deine Großmutter war nicht dumm. Sie ließ mich warten. Zwei Sommer lang lief ich hinter ihr her. Sie zeigte mir ihr stolzes Rückgrat. Sie ließ mich hinauskommen bis zu den Bergweiden, eineinhalb Stunden Fußweg durch Gestrüpp und über Gestein. Und wenn ich dann schwer atmend mich neben sie niederfallen ließ, stand sie plötzlich auf, sah hinauf zur Sonne und sagte: „Es ist schon spät, es ist Zeit, die Tiere heim zu treiben.“ Dann schlenderte sie gemächlich vor mir her, und ich hinterdrein.

Oh, wie oft verfluchte ich sie, trug ihr das Holzbündel, hasste mich und hasste ihre Starrsinnigkeit.

Am Ende des zweiten Sommers lachte sie. Das Tuch war von ihren Haaren nach hinten gerutscht. Ihre Zähne glänzten wie reine Perlen. Oh Kind, warum erzähle ich Dir das? Du gleichst ihr ja, hast ihre dunklen Augen, ihr glänzendes schwarzes Haar. Sogar die Lippen, ja, sind ganz wie ihre geschnitten. Zwei lange Sommer warb ich um sie, bis zu dem Tag, wo sie lachte. Und da flogen die Vögel zum Himmel auf, ich warf die Arme hoch in die Richtung der Berge und bejubelte mein Glück.

Ihr Vater war ein geachteter Mann. Im Dorf besaß er nicht nur viel Vieh, sondern auch eine Stimme, die Streithähne zum Schweigen brachte. Er wies die Hitzköpfe zurecht, die Schüchternen ermutigte er, den Begabten lieh er Geld, die Frauen behandelte er mit Respekt. Leila hatte vier Geschwister, ein Bruder war fortgegangen nach Amerika, in das große Land jenseits des Wassers, von dem wir alle immer mal wieder träumten.

Manchmal kam Geld von einer Bank in Toronto. Viel wusste man nicht von ihm. Ehrlich gesagt, ich habe ihn als kleiner Knabe gesehen, dann habe ich ihn vergessen. Ihr zweitältester Bruder war ein Hitzkopf und Streithammel. Er meinte, er habe etwas Besseres verdient, als in diesem Dorf zu sitzen. Er machte seinem Vater viel Kopfzerbrechen, diesem ausgeglichenen, sanftmütigen alten Mann. Schließlich verließ auch er mit seiner hübschen, aber fast immer unzufriedenen jungen Frau das Dorf. Er ging nach Beirut und wurde dort Taxifahrer. Dann waren da noch die Kleinen: Tolan und Kashim. Leila sorgte für die Kleinen, wenn die Mutter mal wieder krank auf ihrer Matte lag. Ich besuchte sie oft zuhause, nachdem mein förmlicher Antrag wohlwollend von ihrem Vater aufgenommen worden war. Bedächtig hatte er den Kopf gewiegt und dann zu mir und meinem Vater gesagt: „Der Junge kommt aus einer guten Familie. Nie habe ich etwas Böses, Streit oder Gewalttätigkeiten von Euch gehört. Er wird meiner Leila ein schönes Haus und ein gutes Auskommen schaffen. Und wenn er nicht nur ihre Schönheit, sondern auch ihre reine Seele liebt: Umso besser. So sei es.“

Ich besuchte sie, so oft ich konnte, half ihr beim Buttern, half ihr beim Binden des Holzes, beim Anfeuern des Ofens. So etwas macht man, wenn man verliebt ist. Ja, schau nicht so, bald wird es auch für Dich einer tun, ich hoffe, dass er ein rechtschaffenes Herz haben wird. Kein Herz nur aus Feuer. Das Feuer zerstört, es setzt die Hütte in Flammen, in der die Liebe wohnt. Das kühle Wasser aus den Bergen allein kann den Frieden bewahren.

Kind, Du warst nicht dabei, Du hast sie nicht gesehen, Deine Großmutter, wie sie einem schlanken Reh gleich zwischen den Obstbäumen wanderte, wie sie mitten in der Herde die Ruhe selbst war, ein Mutterschaf mit vielen Jungen - ich heiratete sie, es war ein rauschendes Fest, wie die Berge es lange nicht gesehen hatten. Alle aßen, lachten und tanzten drei Nächte lang. Die meisten jungen Burschen waren ja weggegangen in die Städte, aber zur Hochzeit kamen sie wieder herauf.

Sie kam auf einem weißen Esel geritten, geschmückt mit den Blumen des Tales, duftend nach den feinen Kräutern der Berge. Der Schleier war dicht, doch ihre Augen sandten Blitze zu mir herüber, so stark war ihre Leidenschaft und Entschlossenheit. Ihr Vater hob sie vom Esel, der Imam sprach die uralten Worte. Und dann, ja dann war sie mein, und ich, ich war ihr ohnehin verfallen für alle Ewigkeit.

Während die anderen feierten und sangen, während der Duft vom gebratenen Hammel das Tal erfüllte, während die Frauen laut ihre Jubeltriller in die Berggipfel hinausstießen, hob ich erstmals, schnell und heimlich, den Schleier, ich fasste ihr Haar - diese Locke, diese eine hinter dem Ohr, die mich schon so oft schelmisch ausgelacht hatte - ich fasste die Locke, ich dachte, ich halte das Paradies in Händen. Es gibt nur ein Paradies, für jeden Menschen ein einziges.

In der Nacht, als die Sterne ihre Bahn zogen und der schmale Mond sich müde auf die Berggipfel senkte, sah ich sie einfach im Schein des Feuers nur unverwandt an. Ich konnte sie nicht berühren in dieser Nacht, so heilig schien mir ihr Wesen. Erst als der Tag schon anbrach, als die Hähne bereits schrieen, als das Glucksen der Frauen draußen schon wieder anhub, nahm sie meine Hand und zog mich an sich heran, und ich vergaß mich, vergaß alles, wurde Sturm und Erdbeben und Mann. - Das verstehst Du noch nicht. Du wirst es erfahren, wenn Du eines Tages das Tor zu Deinem Brunnen öffnest. Möge Allah gut zu Dir sein, wie er es zu Leila und mir war.

Neun Monate später gebar sie Mahmood. Dann zwei Jahre später Hadiija, Deine Mutter. Als Jila kam, war sie 32 Jahre alt. Da waren wir bereits 15 Jahre verheiratet. Der Arzt hatte gesagt, sie dürfe keine weiteren Kinder mehr bekommen. Es sei gefährlich, sagte er. Ich versuchte, sie davon zu überzeugen, aber sie sagte: „Samir, soll das sein, dass Allah uns nur drei Kinder gegeben hat? Kinder sind ein Segen des Himmels.“

Wir lebten noch zwei Jahre beieinander. Wir hatten niemals Streit, ich meine, nicht wirklich. Sie hatte sowieso immer ihre Meinung, ihre Vorstellung, und ich ließ sie. Ihre Wärme war mir genug, und um den Haushalt brauchte ich mich nicht zu kümmern. Wir hätten noch viele Jahre so glücklich sein können. Aber dann verließen wir das Dorf. Wir gingen in die Nähe der Stadt, in einen Vorort von Tyrus. Ich dachte, ich könnte besser dort arbeiten und Geld verdienen am Hafen. Die Kinder konnten eine Schule besuchen, und es waren viele Verwandte aus unserem Dorf in unserer Nachbarschaft. Aber Deine Großmutter machte das alles nicht glücklich. Ihr fehlte der Wind von den Bergen und die Kühle des Wassers. In den stickigen kleinen Häusern, wo die Hitze des Mittags nicht abziehen kann, verwelkte ihr Wesen. Ich sah es, und das Herz krampfte sich mir zusammen. Aber das Geld, das ich verdiente, war gut.

Die Kinder lernten, was ich nie hatte lernen können. Ich wusste nicht ein und aus. Da sagte sie eines abends zu mir: „Samir, morgen möchte ich hinaufgehen, ins Dorf. Es ist Sommer, die Brise von den Bergen ist warm. Samir, und ich möchte Dir noch einen Sohn schenken. Aber er soll nicht hier gezeugt sein. Nicht hier in diesen stickigen Häusern, wo man die Sonne nur durch einen Schleier sieht. Sondern in der Freiheit unter dem Himmel.“ Ich erschrak, ich schimpfte mit ihr, erinnerte sie an das, was der Doktor gesagt hatte, aber sie lächelte. Es war das Lächeln des Brunnens, das erste Mal seit langem wieder. Da dachte ich, dass Allah zu entscheiden hat, was Menschen nicht entscheiden können. Und am nächsten Tag fuhren wir hinauf in die Berge, wir zwei ganz allein, und ließen die Kinder bei einer Nachbarin.

Er wurde gezeugt unter dem Olivenbaum, mein jüngster Sohn, mein Schmerzenskind. Es war Vollmond in dieser Nacht, ich weiß es noch. Sie stöhnte, und sie weinte ein bisschen. Aber es waren Tränen der Freude, und ich trocknete ihre Tränen und küsste ihren Leib.

In der Nacht, als die Flugzeuge kamen und hinauf nach Beirut flogen unter furchtbarem Dröhnen - in dieser Nacht wurde er geboren. Deine Großmutter krampfte sich, sie starrte mich an, und die Flugzeuge durchbrachen die Festen des Himmels, in der Ferne sahen wir den Lichtschein großer Feuer - sie umklammerte meine Hand, drückte sie fest und fest, und ich schrie und flehte sie an, aber sie hörte mich nicht. Die Hebamme kam nicht, die Straße war zerbombt, es war Krieg, und die Israelis flogen auf Beirut, aber das interessierte mich nicht. Ich hielt Leilas Hand, immer nur Leilas Hand, und böse Gedanken hatte ich: „Lass das Kind tot sein, nur Leila lass leben! Nimm mir nicht mein Augenlicht!“ Aber Allah hörte mich nicht. Und am Morgen gellte das Trauergeschrei durch die Gasse.

Ich verkroch mich. Ging nicht mehr zur Arbeit. Weinte tagelang. Wochenlang. Man brachte mir Brot, und einer sogar Wein, um mich zu stärken, aber ich stieß den Krug um. Das Rot floss über die Schwelle. Ich verklagte Gott, ich verklagte den Mond. Ich schlug mir aufs Haupt. Ich riss an meiner Männlichkeit, wollte sie abhauen, allein, mir fehlte der Mut. Mein Körper wurde wie ein Gerippe, meine Augen dunkle Höhlen. Bis eines Tages Deine Mutter, Hadiija, zu mir hereinkam, und Deiner Großmutter Vater. Er war alt geworden, stützte sich auf einen Stock. Den weiten Weg war er hergekommen, nun saß er bei mir. Er schwieg lange. Dann sagte er: „Der Mond kreist einmal um die Erde, wird voll und wird leer. Die Sonne kreist einmal um die Erde, versengt die Wiesen und bringt dann den Schnee. Die Blume blüht auf, duftet und schenkt Nektar den Schmetterlingen. Dann welkt sie und fällt ab. Wer kann diesen Kreislauf aufhalten? Weine einen Tag, aber weine nicht Dein ganzes Leben. Gott schenkt Dir das Leben nicht, damit Du in der Höhle Deine Knochen vermodern siehst. Sie liebte Dich und Du warst ein guter Mann. Denk an die Kinder, die sie Dir geschenkt hat, denk an das Kind, das unter ihrem Herzen lag. Eine fremde Frau stillt es. Hole es heim zu Dir. Ich werde eine Frau für Dich besorgen.“

Ich heiratete ein zweites Mal, nicht aus Liebe, sondern aus Verstand. Nassija war eine gute Frau, und sie gebar mir Ahmed und Yahya. Aber wenn ich sie ansah, füllten sich meine Augen oft mit Tränen. Ich sah Leila, aber wie hinter einer Wand. Ich konnte verstehen, dass Nassija von mir fort ging, als die Kinder groß genug geworden waren, um allein zurecht zu kommen. Ich konnte es verstehen. Ich bin ihr nicht böse. Ich schicke ihr jeden Monat Geld. Aber sie fragt nie nach mir.

1Briefe an die Welt - 1 -

„Ich bin gefangen. Kein Weg führt herein, und keiner heraus. Die Trümmer der Brücke nach Norden liegen im Flussbett verteilt. Als Student bin ich oft über diese Brücke aufgebrochen, habe mein kleines Dorf verlassen und bin in die Stadt gefahren. Ich wollte mehr begreifen, mehr lernen, wollte mehr verstehen, mehr wissen. Und jetzt: Ich begreife nichts mehr. Doch, ich begreife den Sand, den festgebackenen Sand vor dem Haus meiner Eltern. Ich halte mich am Sand fest. Ich küsse den Sand. Der Sand ist meine Heimat. Der Sand ist der Boden, auf dem ich stehe. Er immerhin bleibt mir. Und das Dröhnen der Geschütze, keinen Kilometer von hier. Könnte ich doch einen Zettel an den Flugkörper der Rakete binden: „Hilfe, ich bin hier! Ich lebe noch. Holt mich hier raus!“ Aber der Zettel verbrennt bei der Detonation. Und wenn nicht: Wer würde im Chaos nach dem Raketeneinschlag einen kleinen Zettel finden und lesen?“

Ich habe seine Hand gehalten, als er starb. Er sagte, bevor er starb: „Wir kommen alle ins Paradies!“ Er war sich so sicher! Mein Mäuschen, hörst Du mir zu? Deine Augen fallen Dir ja schon zu. Ich kann das verstehen, Dein Großvater redet zu viel. Aber Du bist die einzige, die gerade bei mir ist. Und ich möchte reden. Deine Mutter ist im Dorf, sie kauft ein. Morgen ist Bayram. Morgen werden wir feiern, endlich einmal wieder feiern. Du wirst süße Zuckerplätzchen bekommen, und Dein neues Kleid anziehen, das rosafarbene. Wie hübsch wirst Du aussehen, meine Kleine! Siehst Du, nun lächelst Du doch. Dein Onkel Ahmed wird kommen. Er bringt einen Fotoapparat mit, so einen neumodischen. Ich freue mich auf dieses Fest. So lange gab es in diesem Dorf nichts mehr zu feiern. Aber bevor Du fortgehst, Du und Deine Mutter, vorher möchte ich Dir alles erzählen, alles, was passiert ist, damit Du verstehst, warum wir erst heute wieder feiern. Die Traurigkeit und das Lachen, sie liegen so dicht beieinander. Sie können gar nicht ohne einander sein. Ich möchte, dass Du beides mitnimmst, wenn Du wieder gehst, das Weinen und das Lachen, dass Du beides mitnimmst in Dein fernes Amerika. Ich weiß ja nicht, ob ich Dich wiedersehe, meine Kleine. Amerika ist weit weg, und ich bin alt, und wer wird Dir alles erzählen?

Kannst Du Dich noch an Hamit erinnern? Du warst noch sehr klein, als Du ihn zuletzt gesehen hast. Er hat Dir immer bunte Bonbons geschenkt. Du hast ihn geliebt, Du hast auf seinem Schoß gesessen. Er konnte schöne Geschichten erzählen, klügere Geschichten noch als ich. Er hat ja auch studiert, in Beirut. Er wusste alles, er erzählte uns, wie man die Wüste besser bewässern kann, welche Pflanzen in irgendwelchen Fabriken gezüchtet werden, damit sie auch auf trockenem Boden gedeihen - aber mehr noch als über die Landwirtschaft wusste er über Politik. Er wusste alles über die Geschichte unseres Landes, er las viele Bücher, ich weiß nicht, wo er diese Bücher fand, er schimpfte manchmal auf Amerika und manchmal auf Europa, ich wollte nicht, dass er so redet, aber ich konnte ihm auch nichts entgegensetzen. Ich wollte nicht, dass er sich so viel mit Politik beschäftigte. Er sollte Ackerbau studieren, nicht die Revolution. Aber wer hört heute noch von den Jungen auf die Alten. Ich habe ihn ermahnt. Aber Hamit hatte schon immer seinen eigenen Kopf. Schon als kleiner Junge wollte er alles verstehen. Er fragte mir und seiner Stiefmutter und Deiner Mutter, seiner Schwester, Löcher in den Bauch. Warum ist das so? Warum ist das so? Oft wussten wir keine Antwort. Dann sagten wir: „Weil Allah es so will.“ Dann schwieg er. Und irgendwann fragte er mich: „Woher wisst ihr, dass Allah es so will?“ Vor allem wollte er wissen, warum seine Mutter gestorben ist. „Allah hat sie zu sich gerufen, weil er sie sehr lieb hatte,“ sagte ich zu ihm. „Aber Du hast sie doch auch lieb gehabt?“, fragte er dann. Ich musste mich abwenden, damit er die Tränen in meinen Augen nicht sieht. „Es war sein Wille“, sagte ich. „Und nun habe ich Dich, den ich liebe, wie ich deine Mutter geliebt habe.“ Da schwieg Hamit. Er muss vielleicht zehn gewesen sein.

Als er älter wurde, ging er oft zu seinem Onkel Kashim, dem Bruder von Leila. Ich sah das nicht gern, Kashim war ein Hitzkopf wie sein älterer Bruder, und sein Vater, inzwischen ein alter Mann, fast blind und ganz taub, konnte mit seiner Autorität nichts mehr ausrichten. Kashim ging jeden Freitag in die Moschee, er tat sehr wichtig, er ließ sich den Bart wachsen und hielt Versammlungen ab nach dem Freitagsgebet. All die jungen Männer trafen sich bei ihm, auch Hamit wollte hin. Bis er fünfzehn wurde, verbot ich es ihm. Aber in seinem fünfzehnten Lebensjahr sagte er zu mir, er sei jetzt ein Mann und wolle wissen, worüber die Männer sprechen. Ich sage ja, er hatte seinen eigenen Kopf. Hadija stritt sich heftig mit Kashim: „Er ist ein Kind noch“, fuhr sie ihn einmal an, „lass wenigstens den Sohn Deiner Schwester in Ruhe, wenigstens ihn“. Aber Kashim lachte: „Er ist ein Mann, und ein Mann muss bei Männern sein und nicht bei den ängstlichen Frauen hocken. Leila wäre stolz, könnte sie ihn sehen!“

Aber Hamit hatte schon längst selbst entschieden. Er sagte zu mir und Hadija: „Ich will verstehen, wie sie denken. Wie soll ich mit diesen Menschen reden, wenn ich nicht weiß, wie sie denken?“ Und so ging er, zweimal in der Woche, mittwochs und zum Freitagsgebet. Er ging allein immer den Weg hinauf in das obere Dorf, und schweigsam kam er zurück. Er ließ sich einen Bart wachsen wie die anderen Männer um Kashim. Aber sein Verstand blieb klar und ungetrübt. Eines Tages kam er zu mir: „Sie wollen Israel vernichten“, sagte er, „dabei haben sie noch nie in ihrem Leben einen Menschen aus Israel gesehen.“ Kurze Zeit später rasierte er sich den Bart wieder ab und ging seither nicht mehr am Freitag zu Kashims Versammlung. Kashim verbreitete viele böse Worte über Hamit, er sei ein Zweifler und nicht rein genug für die gute Sache. Bald, im Monat darauf, fuhr Hamit nach Beirut. Er schrieb sich an der Universität ein, und wir sahen ihn nur noch selten. Er lud uns ein, ihn zu besuchen, aber für mich alten Mann ist die Stadt zu groß und die vielen Lichter und Autos machen mich hilflos wie ein Schaf, das sich verlaufen hat. Mahmood besuchte ihn einmal. Er erzählte, er treffe sich jeden Abend mit jungen Leuten, es gebe Kino und Theater, Musik und Feste, und dort gingen sie machmal auch hin, aber Hamit bliebe immer ernsthaft, diskutierte über Politik und alles, was er in der Zeitung lese. Er habe nicht alles verstanden, aber er kehrte beruhigt zurück, dass sein Bruder weder Geld noch Zeit vergeude, sondern ernsthaft mit seinen Dingen beschäftigt und von klugen Leuten umgeben war.

Die jungen Männer von Kashims Versammlungen kamen manchmal vorbei. Sie fragten nach Hamit, aber ich sagte, er studiere in Beirut und käme nur noch selten zu Besuch. Irgendwann kamen sie seltener.

Als er zurückkehrte aus Beirut, war er sehr anders geworden. Ich verstand vieles von dem nicht mehr, was er sagte. So ruhig war er auf einmal geworden, er, der sonst immer so vorlaut gewesen war. Aber mit Dir, Zeinab, spielte er und lachte. Dir brachte er bunte Bonbons mit.

Er sagte etwas davon, man habe ihm eine „Professur“ angeboten, vielleicht sogar im Ausland. Er könne dorthin gehen und wäre dann ein wichtiger Mann. Ich verstand nicht, warum er es nicht tat. Vielleicht war es wegen einer Frau. Er hatte wohl eine dort kennen gelernt, aber sie hatte ihn warten lassen, wie Frauen so sind, vielleicht war auch ihre Familie dagegen - er wollte es nicht erzählen. Sie studierte wie er. Aber sie durften sich abends nicht sehen. Ich weiß nicht, ob es wegen dieser Frau war oder doch wegen etwas anderem. Er traf sich wieder mit den Kashim-Brüdern. Er sagte, er wolle nur beten gehen. Dass er zu den Kämpfern ging, als sie wieder begannen, Bomben auf uns zu werfen, das habe ich nicht verstanden. So oft hat er die Hisbollah kritisiert, so oft habe ich zu ihm gesagt: „Mein Sohn, Du hast recht, die Tapferkeit und Rechtschaffenheit macht einen ehrenhaften Mann aus, nicht ein großes Maul voller Prahlerei und ein paar dreckige iranische Raketen.“ Ich sagte auch zu ihm: „Mein Sohn, denk an Deine Mutter! Sie wollte Dein Leben und hat ihres dafür geopfert! Wirf das nicht weg!“ Er aber lachte nur, sah mich an und sagte: „Hast Du mir nicht selbst gesagt, es war Allahs Wille? Ich liebe dieses Land, wie meine Mutter mich geliebt hat, ich lasse es nicht zerstören!“

Er ging zu den Kämpfern an dem Tag, als er das von Kana erfuhr.

Kashim ist schuld. Er hat es ihm gezeigt. „Da“, hat er gesagt, „da haben sie die Frauen und Kinder erschossen. Hundertundsechs wehrlose Menschen. Das Blut klebt noch am Boden. Und die Welt, dieser Verein vereinigter Feiglinge mit ihren weißen Fähnchen, stand daneben und sah zu! Welchen Weg siehst Du jetzt noch, als sich selbst zu verteidigen?“

Hamit schwieg lange an diesem Abend. Am nächsten Tag ging er, um sich die Raketenwerfer erklären zu lassen. Hätte ich ihn abhalten können? Ich weiß es nicht. Ich versuchte es: „Hast Du nun studiert und so viel Klugheit in Deinen Kopf gepumpt, um Dich abschießen zu lassen, wie einen Hasen? Hat es nicht schon genug Tote gegeben in diesem Land? Was ist mit Deinem Onkel, meinem Bruder Mohammad? Hast Du seine Witwe weinen sehen? Und die Kinder, die nach dem Vater weinten, aber der Vater lag längst unter den Steinen? Und wofür? Die Flugzeuge werden wiederkommen, in einer Woche, in einem Jahr. Geh, wenn Du es hier nicht aushältst. Geh nach Amerika zu Deiner Cousine. Sie lädt Dich ein. Geh nach Europa, wo sie Dir eine Stellung angeboten haben. Was willst Du hier in diesem dreckigen zerrissenen Land?“

„Ich habe keine Frau und keine Kinder“, sagte Hamit nur, „aber ich habe ein Land, Dein Land, Vater, das jedes Opfer wert ist. Wenn sie uns töten wollen, dann werden sie das tun, mit oder ohne iranische Raketen. Das macht keinen Unterschied.“

Starrsinnig war er, das hatte er von seiner Mutter. Aber er war nicht dumm, nein, dumm war er nicht, mein Sohn. Jetzt steht sein Name an den Hauswänden. Er war nicht sehr gläubig, das weiß ich. Immer hat er Zweifel an allem gehabt. Als sie ihn brachten auf der Bahre, da hatte er die Augen weit offen. „Vater“, sagte er, „es ist nicht recht, dass ich euch allein lasse.“

Ich habe seine Hand gehalten, als er starb. Ich habe nicht auf seine Verletzungen gesehen, nur auf sein Gesicht. Ich wollte ihn küssen, doch ich konnte nicht. Ich sah nur seine Augen. Ich habe ihn so sehr geliebt, Kind, vielleicht mehr als Dich, ich gebe es zu. Es war nicht einfach mit ihm, er war der eigensinnigste von allen, sanft, aber ungeheuer eigensinnig. Er tat immer, wofür er sich entschieden hatte. Er gewann unsere Herzen durch Schmeichelei und Unschuldsbeteuerungen, aber irgendetwas in seinem Herzen trieb ihn. Er wollte an diesem Tag in dieses Haus gehen, wo die Raketen stehen, er wollte es. Ich warnte ihn, aber er hörte nicht auf mich.

Als sie ihn forttrugen, wickelten sie ihn in die Fahne des Libanon und in das grüne Tuch der Märtyrer. Dabei hat er über diese grünen Tücher immer nur gelacht.

Brief an die Welt -2-

„Hussein, Hussein, wo bist Du? Ich habe Dich verloren, verdammt, ich dachte, Du bist auch morgens früh auf der Küstenstraße. Oder wolltest Du woanders hin? Wo bist Du? Bitte melde Dich! Ich bin hier im Park, im Sanaje-Park, im Zentrum von Beirut, Du weißt schon, wo alle sind. Tante Hashime ist schon da und Großvater Yashid, und die kleine Ela fragt nach Dir. Hussein, bitte, ich kann nicht oft hier herkommen, das Internetcafe ist überfüllt, alle suchen jemanden, gleich fällt wieder der Strom aus. Wenn Du noch lebst, melde Dich, und mach keinen Scheiß. Vielleicht bist du auf einem Schiff nach Zypern, ich hoffe es für Dich. Hast Du nicht eine Cousine in England? - Wir haben Essen aufbewahrt für den Fall, dass Du noch kommst. Irgendwie kann man es warm machen, die Nachbarn bringen uns Holz zum Kochen und Lebensmittel in den Park. Ich mache mir Sorgen um Dich. Bitte, melde Dich!“

An diesem Abend weinten wir alle, Deine Mutter, Deine Tanten, Deine Onkel, sogar Nassija war gekommen, im schwarzen Kleid. Aber wir hatten nicht viel Zeit zum Weinen. Die Flugzeuge kamen erneut. Wir duckten uns an der alten Friedhofsmauer in eine Kuhle. Tante Jila drückte ihre CD-Hüllen an sich. Sie hatte in letzter Zeit ihre CD´s immer dabei. Die waren zum Teil leer und manche schon zerbrochen. Trotzdem drückte sie sie an sich, als wollte sie damit etwas von ihrem Leben retten, diesem leichten Leben mit dieser Musik - Kind, ich verstehe nichts davon, ich kann nichts finden an dem Gestampfe und Gekeuche der neuen Musiker. Aber es gefällt den jungen Leuten, sie tanzen dazu in glitzernden Lokalen mit glitzernden Kugeln. Sie trinken Alkohol dort, obwohl man das nicht soll, ja, ich weiß das, man hat es mir erzählt, und dazu süße Getränke, die die Bitterkeit des Alkohols verdecken. Sie tanzen und lachen und trinken die ganze Nacht. Tagsüber müssen sie dann ihren Rausch ausschlafen. Ich weiß nicht, ob das gut ist. Als ich jung war, gab es das alles nicht. Ich weiß nicht, ob mir etwas fehlen würde, wenn ich heute jung wäre und tanzte nicht unter der Glitzerkugel. Vielleicht. Wichtig ist: Jila hielt sich an ihrem Leben fest. Und die CD´s zerbrachen. Als der letzte Angriff vorbei war, starrte sie auf die letzte zerbrochene CD, sekundenlang, und fing dann plötzlich laut an zu Schreien.

Ich weiß nicht, ob Jila schon einen Freund hatte. Vielleicht. Mir hat sie nichts davon erzählt. Ihrer Mutter hätte sie es vielleicht gesagt. Aber die ist tot. Ob sie es Nassija gesagt hat, weiß ich nicht. Ich war nie so streng wie andere Väter. Doch, getadelt habe ich sie schon manchmal, wenn ihr Rock mir zu kurz vorkam. Aber niemals hätte ich sie verstoßen, niemals ihr länger gezürnt. Was wird nun aus Jila? Mit wem soll sie ihre Frauenprobleme besprechen? Ich bin zu alt, und außerdem ein Mann. Du bist zu jung. Deine Mutter lebt mit ihrem Mann ganz weit weg. Hamit hätte vielleicht mit ihr sprechen können. Sie waren einander sehr nahe. Hamit war ihr Lieblingsbruder. Aber nun ist er tot. Er kann sie nicht mehr beschützen.

Brief an die Welt -3-

„Bitte, Computer, bitte, nein, gib nicht auf, bitte jetzt nicht, bitte - ich bin eh schon ein Nervenbündel - scheiße. Da ist er schon wieder, der knatternde Lärm. Unters Bett? In den Keller? Ich bin wie gelähmt. Stehe am Fenster, starre hinaus. Als es kracht, schwanke ich nur leicht. Oder schwankt das Haus. Mein Computer zischt, als hätte jemand die Luft rausgelassen. Ich will schreien. Mein Mund geht ein paar Mal leer auf und zu. Mama? Nader, mein geliebter großer Bruder, warum beschützt du mich nicht? Ich zittere wie Espenlaub, ich stehe immer noch am Fenster. Sehe, wie die Sonne blutend untergeht. Sehe wie der Himmel blutrot wird.“

Mein Kind, ich muss Dir von dieser Nacht erzählen. Ich weiß, dass es vielleicht nicht gut ist, dir das zu erzählen. Aber du bist eingeschlafen, Du kannst mich nicht hören, oder doch nur im Traum - ich weiß auch nicht, ob ich von dieser Nacht erzählen kann. Ich meine, ob ich alles richtig erzähle. Mein Kopf ist immer noch heiß von dieser Nacht und schmerzt, und wie so oft kann ich nicht schlafen. Es war ein schöner Abend, eine milde Brise vom Mittelmeer kühlte die Gassen zwischen den Häusern. Wir saßen noch draußen auf den Plastikstühlen, weißt du, da, wo Onkel Mahmood und Tante Najla immer gerne sitzen. Oma Hashime war noch vorbeigekommen, um ein wenig zu plaudern. Dein kleiner Cousin schlief, er lag auf einer Decke mit Blumenmustern, den Daumen im Mund, lächelte er, wie er immer lächelte im Schlaf.

Weißt du noch, wie du auf der Hochzeit von Onkel Mahmood und Tante Najla das hübsche blaue Kleid mit der Rose getragen hast? Das war vor eineinhalb Jahren. Mein Ältester hatte all die Jahre so viel Mühe mit seinem Laden, dass er gar keine Möglichkeit hatte, nach einer Frau zu suchen. Aber dann, endlich, hat er eine gefunden. Der Laden lief besser, und vielleicht gab ihm das Mut, auf jeden Fall hat er Najla gefunden, eine liebenswürdige Frau und schön noch dazu. Ich hätte ihn gern mit Geld unterstützt, doch hatte ich damals schon nicht mehr so viel, weil ich krank war, mein Herz ist nicht mehr so, wie es mal war, schon lange schlägt es nicht mehr richtig.

Najla stammte aus Kana. Du weißt, das ist das Dorf, von dem erzählt wird, dass Jesus, der Prophet, dort einst zu Gast war, auf eine Hochzet geladen. Mahmood hatte in Kana öfter geschäftlich zu tun. Wir feierten die Hochzeit in Kana. Die Bewohner feiern heute noch gern. Damals, zu Jesu Zeiten, haben sie Wein gehabt, sie haben so viel getrunken, dass er alle wurde, bevor das Fest zuende war. So war es bei Mahmoods und Najlas Hochzeit nicht, denn Mahmood und sein Schwager Nabila hatten alles wunderbar vorbereitet, und das ganze Dorf aß von den fünf Hammeln, die Mahmood hatte schlachten lassen. Das Fleisch duftete, die Musikanten waren gekommen, ein Flötenspieler auch aus den Bergen, der spielte die alten Lieder, die mein Herz berührten, und die Sehnsucht stieg auf in mir, und ich fühlte mich, als sei ich erneut auf den Weiden und habe Leila gefunden, die Schönheit des Mondes. Eigentlich wollte ich nicht kommen nach Kana, weil Hamit, mein Sohn, das Blut von Kana gesehen hatte und gestorben war. Aber dann sagten sie mir: „Du hast noch einen zweiten Sohn. Es ist der Abend seiner Freude. Welcher Vater feiert nicht mit seinem Sohn?“ So fuhr ich mit ihnen, und, ja, ich war glücklich an diesem Abend, für meinen Sohn, aber auch für mich, und ich tanzte sogar, das erste Mal seit ich Leila verloren hatte. Die Frauen tanzten für sich und die Männer tanzten für sich. Ich frage mich, ob Jesus auch getanzt hat, damals, er war ja noch jung, und warum sollte er nicht, wenn er doch auch den Wein hervorgebracht hat, damit alle weiterhin fröhlich sein können. Ich glaube, der Prophet liebte die Fröhlichkeit, und auch wir lieben die Fröhlichkeit, an diesem Abend stand auch der Vollmond wieder am Himmel, wie damals im Olivenhain, als wir Hamit zeugten. Du, kleine Zeinab, hüpftest mit den anderen umher bis du müde warst und einschliefst im Schoß deiner Mutter. Und ich saß bei den alten Männern, und wir erzählten Geschichten, so viele Geschichten, bis der Tag erneut über den Horizont sein Dämmerlicht ergoss.

Dieser Tag war ein glücklicher Tag in meinem Leben. Es sollte ein neuer Anfang sein. Mahmood und Najla liebten sich noch in dieser Nacht, und Jarnocan wurde geboren zu der Zeit, die wir erwartet hatten, mein Enkel, der Sohn meines Ältesten, das Kind meiner Freude. Ach, hätte auch Hamit glücklich sein können und ein Kind zeugen, ich hielte es so gern in den Armen. Aber ich liebte auch Jarnocan, und Du, Zeinab, Du mochtest seine kleinen Fingerchen und stecktest ihm manchmal Süßigkeiten zu, die er noch gar nicht essen konnte. Weißt Du es noch? Ich war gern zu Gast bei Mahmood und Najla, nie habe ich sie sich beschweren hören; auch wenn Najla müde war von der Arbeit, so machte sie mir doch gern einen Tee, und sie buk die süßesten Plätzchen, die ich kannte. So war es auch an jenem Abend in den schwülen Gassen von Tyrus. Am Hafen hatte Mahmood eine Autowerkstatt aufgemacht, gleich neben meinem alten Laden. Wir saßen zwischen dem Haus und der Werkstatt. Wir wussten, dass die Israelis gedroht hatten, uns anzugreifen. Flugblätter lagen hier und dort im Schmutz der Straßenränder. Aber wir dachten nicht an sie. Wir sprachen über den Krieg, aber als sei er irgendwo anders als in unserem Land. Wenn man zu viel Krieg erlebt hat, glaubt man nicht mehr an den Frieden. Aber man glaubt auch nicht mehr an den Krieg.

Es war diese Nacht, in der der Wein von Kana Blut wurde. Es war diese Nacht, in der das Blut von Kana unser Blut wurde. Dein kleiner Cousin Jarnocan lag auf einer Decke mit Blumenmustern, er lag mit dem Daumen im Mund und lächelte im Schlaf.

Die Uhr in der Hochhauswohnung, die wir nicht mehr betreten sollten, blieb um ein Uhr nachts stehen. Allah, ich kann es Dir nicht sagen - die Explosion war so laut, dass ich Minuten nachher nichts mehr hörte. - Zeinab, mein Herz, Du bist aufgewacht, was siehst du mich so erschreckt an? Komm her, komm an mein Herz, Dein Großvater zittert, mein Herz ist so schwer, viele Steine liegen darauf, viele Steine liegen dort begraben, die Steine auf Jarnocans Kopf, auf Jarnocans Bauch, auf Jarnocans Bein, auf Jarnocans kleiner Hand. Die Steine auf Jarnocans Grab. Zeinab, die Luft war so schwer, Asche atmeten wir, Najla hustete, und aus ihrer Nase lief Blut, als sie schrie, schrie nach Jarnocan, nach dem Propheten Mohammad und Fatima, als sie schrie nach dem Allmächtigen, sie schrie, ich kann das nicht hören, wie verrückt, wie verrückt. Wir wollten in den Keller rennen, aber was half uns das, Feuer brach aus, und Steine und Staub waren überall. Zeinab, verzeihe mir, wenn ich weine. Ein alter Mann wie ich darf weinen. Was bleibt mir übrig als der salzige Geschmack der Tränen? Mahmood hatte die Hand im Tod noch ausgestreckt, ausgestreckt nach dem Kleinen, deinem kleinen Cousin auf der Blumendecke. Dessen Lächeln war verzerrt, der Kopf abgeschlagen. Najla schrie und schrie, sie rannte schreiend zur Straße, ich hörte ihre Schreie noch, als sie bereits weit weg war. Ich höre sie in meinem Kopf noch immer schreien, manchmal, in den Nächten. Ich blieb. Ich blieb sitzen, bis der Morgen kam.

Sie haben ihn in eine Plastiktüte gesteckt. Dann schrieben sie seinen Namen darauf und legten ihn zu den anderen Plastiktüten. Ich lief immer wieder um die Plastiktüten herum, zählte wieder und wieder, bis ein Mann mich ansprach, er war groß gewachsen und sprach mit Akzent, bis er mich am Arm nahm und fortzog.