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Max Janzky lebt mitten im alten Westen Berlins, der coolsten Stadt der Welt. Er hat eine Midlife-Crisis und sucht Sinn und Befriedigung in einer wilden Amour fou. Vor dem historischen Hintergrund der Trump-Wahl und terroristischer Attentate - alle haben Angst, keiner weiß mehr weiter - bleibt Max am Ende die Liebe zum Leben.
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Seitenzahl: 280
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Der neue Freund
Nada
Mausi
Beim Itaker
Ins Waschbecken
Der hungrige Blick
Durst
Fiese Sau
Beim Itaker
Fifty-fifty
Gurkensalat
Das Monster
Das Elend des Menschen
Wir wissen alle nichts
Das Leben ist kein Spiel
Mein Herz schlägt nur für dich
Keiner weiß mehr
Geld ist auch keine Lösung für regelmäßigen Sex
Für alles muss man zahlen
Dein Schmetterling will fliegen
Lust und Heiterkeit
Kamasutra Clown
Falsche Versprechungen
Beim Chinesen
Ehrlich schrecklich
Die Anima
Scheiß Weihnachten
Halleluja
Jahresendzeitblues
Endlich daheim
Super Silvester
Auf ein Neues
Max Janzky geht die Treppe hinunter und denkt nach. Vorhin ist ihm der Tod erschienen, und das geht ihm nicht mehr aus dem Kopf. So eine Begegnung ist erstens mehr als ungewöhnlich und zweitens: Wann hat man schon mal das Vergnügen und kommt aus so einem Treffen lebendig wieder heraus? Oder hat er jetzt bereits so ein schreckliches, unheilbares Syndrom, dessen wissenschaftliche Bezeichnung allein schon krank machen kann?
Ist das hier nun die Midlife-Crisis? Werde ich gerade viel zu früh alt, grau und tatterig? Mitten im Leben rast dieser mit den Jahren immer schneller werdende Terror des Alterns auf einen zu und entweder man überlebt das einigermaßen frisch – oder man wird eben alt. Bei manchen geht das rasend schnell und manche sind sowieso schon tot.
Max ist sich mit jedem Schritt sicherer, dass ihm dieser Gedanke an den Tod, das Altern und das Sterben nicht nur den Tag total vermiesen kann, sondern ab jetzt kann alles im Leben schiefgehen. Immer schön bei den Grundfragen bleiben: Wie findet man den richtigen Weg im Dickicht des alltäglichen Wahnsinns? Wie schafft man es, auf diesem Weg zu bleiben und sich nicht verführen zu lassen von Geld und Erfolg und den vielen vorfabrizierten Vorstellungen vom Glück?
Während sich Max diese Fragen stellt und natürlich keine Antworten darauf findet, wird ihm eins klar: sein Leben kann so nicht weitergehen. Eigentlich ist bis jetzt ja alles super gewesen diesen Sommer; drei Monate lang kein Handy, kein Computer, kein Stress, keine Deadlines und keine Redakteure. Stattdessen war er ständig ausgegangen und hatte sich mit Freunden zum abhängen und chillen getroffen. Viel saufen und dabei möglichst viel Spaß haben, das war die Devise der vergangenen drei Monate gewesen, ein durchgängiger Rausch durch die Bars und Clubs Berlins. Das war eine Zeitlang auch schön gewesen, aber das flirrende Leben im dunklen Zwischenreich der Club-Szene hatte Max keinen Schritt weitergebracht. Wo es keine Fragen gibt, gibt es auch keine Antworten, und in Bars und Clubs stellt man keine Fragen. Dieser vergangene, wilde Rausch erscheint Max im Nachhinein wie ein immer gleiches, unergiebiges Kreisen, mühsam und ziellos. Eigentlich hatte er nur für eine Weile ausspannen wollen, raus aus der TV-Scheiße, raus aus dem Hamsterrad, raus aus den schicken Klamotten, raus aus allem, was ihm nicht mehr gefallen hatte, weg von den Leuten, einfach nur weg. Aber eins ist ihm inzwischen klar geworden: nur einfach raus aus allem, das ist nicht das, was einen weiter bringt. Raus bedeutet eben nicht weiter, man muss schließlich auch irgendwo wieder rein, und da fängt das Scheiß-Spiel eben wieder von vorne an.
Ich möchte heute Abend jemanden kennenlernen. Ein Weib, das ist es, was mir fehlt! Wir werden Spaß zusammen haben und dann ist alles vorbei und alles wieder so wie vorher. Prima! So eine Affäre ist schnell vergessen, alles andere wäre ja noch schöner – und zu schön ist eben auch nur hässlich.
Berlin ist gerade die angesagteste Stadt der Welt, sie ist absolut top, ganz oben auf der Liste, Numero Uno. Die coolsten Hipster der Welt kommen hierher und sie wissen auch, warum. Denn hier ist was los, hier war immer was los und hier wird immer was los sein. Es kommen Maler, Musiker und andere Kreative, aber vor allem kommen immer mehr Touristen, die sich einzeln oder in mehr oder weniger großen Gruppen über die Stadt ergießen. Es gibt Busladungen voller Japaner und Chinesen, die hier so fremd erscheinen, als kämen sie vom Mars. Diese Menschen bewegen sich nie allein, verlassen ihren Bus nur zum fotografieren, steigen schnell wieder ein und fahren dann gleich weiter. Es gibt auch viele irre italienische Teenager in einer Art Dauererregung, die mit ihren kaputten Mietfahrrädern auf der falschen Straßenseite auf dem Fußgängerweg fahren und das sehr, sehr lustig finden. Dafür kommen keine Amerikaner mehr, für die scheint Berlin ein schreckliches Ungeheuer geworden zu sein. Aber es gibt jetzt um so mehr unfreundliche Russen, die sehr laut sind und die nicht nur deshalb keiner mag. Am liebsten hatte Max die Unmengen Bier saufenden Briten, die ihn morgens um halb drei grölend aus dem Schlaf rissen. Dit is Berlin! schoss es Max bei solchen Gelegenheiten mitten durchs Hirn. Dann war er auf einmal glockenwach und träumte nicht weiter von den vielen Touristen, sondern es übermannten ihn während dieser Schrecksekunden Gedanken an die während der kommenden Klimakatastrophe in der irren Hitze da draußen wie große Blutwürste zerplatzenden Menschen.
Eigentlich ist es ja egal, an was man krepiert, denn danach ist man immer tot. Man will es nur nicht mühselig und qualvoll, sondern lieber schnell und ratzfatz haben. Das wollen aber leider alle, und nur die wenigsten bekommen es. Und was ist eigentlich danach? Materielos im ewigen Nirwana herumhängen? Nein danke, das ist auch Scheiße. Wiederkehr ist doch eine große Qual, immer wieder dieses irdische Leben ertragen müssen, bah! Dann lieber hier und jetzt alles riskieren. Das Leben ist nun mal gefährlich, besonders in Berlin. Alles scheißegal, also los und mit Karacho über den Kurfürstendamm!
Max rast kreuz und quer über Gehwege und schnell noch über ein paar rote Ampeln. Die Touristen sollen ja auch zu Hause darüber erzählen können, wie diese Irren in Berlin Fahrrad fahren. Denn genau das wollen sie, zu Hause etwas über die Irren in Berlin erzählen. Und vor allem, dass sie auch mal dort und damit dabei gewesen sind, die Langeweile im Leben ist sonst zu schlimm.
Der Himmel über Berlin ist heute wieder ganz besonders, spitz-blau und weit oben strahlt ein Flugzeug mit eisigem Glanz fast für die Ewigkeit. Am Horizont schimmert es schön rosafarben ... wie eine Muschi denkt Max und biegt vor dem Bahndamm in Richtung Tiergarten ab. Er rast an den Touristen-Bussen vorbei, die hier unbewegt und leer auf ihren Einsatz warten, und dann mit Karacho den Damm hoch und weiter an den nach Urwald und Exkrementen riechenden Tieren unten im Zoo vorbei. Am Damm ist wie immer um diese Uhrzeit Party mit viel Schnaps und noch mehr Bier, hier ist jeder Tag ein Feiertag. Die Zeltplanen und Schlafsäcke der ansässigen Bewohner sind zum Trocknen auf die räudigen Büsche gelegt. Es sind echte Trinker und arme Gestrandete, die mehr oder weniger und solange friedlich miteinander leben, wie sie nicht in einen alkoholisierten Streit geraten. Am beliebten Ausflugslokal Schleusenkrug wenige Meter weiter ist dagegen alles fein bürgerlich und gesittet wie immer. Touristen, Einheimische, Leute am Grill, Kinder, Hunde, alles ist entspannt und prima.
So ein Ausflugslokal mitten in der Stadt ist immer eine Goldgrube. Es ernährt mindestens vier Familien, und alle gut. Gastronomie müsste man machen. Oder machen lassen natürlich, nie selbst da drin arbeiten. Scheiße! Diese Touris sind wirklich die Pest.
Max wäre gerade beinahe mit dem Fahrrad in den Kinderwagen gekracht. Er ist nur kurz unaufmerksam gewesen, das Kind hat so schön gelacht, es findet Berlin wohl auch cool. Es ist eben immer etwas los in der Großstadt, denn es muss ja auch immer was los sein. So ist das hier. Dann kann man seine Anwesenheit auf einer Plattform posten und dann wissen alle, was man gerade macht. Toll, nicht? Denen, die das machen, und denen, die es anschauen, ist das alles ungeheuer wichtig und gleichzeitig aber auch scheißegal, jetzt mal ehrlich! Das eigene Sein versinkt im Datenbrei, und die Menschen ersaufen in einer Flut unwichtiger Nicht-Nachrichten und wissen am Ende nicht einen Deut mehr über das Warum und wieso und das Wohin und wann. Diese Unsicherheit ist das Schlimmste, was es gibt, denn jeder will am Ende wissen, um was es eigentlich geht im Hier und Jetzt und vor allem dort hinter der Schwelle zum dunklen Nichts.
Mir ist der Tod begegnet.
Jetzt gleich rechts ab auf das Hoppelpflaster und dann tatsächlich, da vorne scheint es echt richtig abzugehen. Max spürt sofort dieses tief vibrierende Summen, dieses elektrisierende Stimmengewirr aufgeregter Menschen und noch aufgeregterer Frauen. Das ist wie plötzlich mittendrin im Bienenkorb zu sitzen, alle sind heiß, alle summen dasselbe Lied des Lebens, alle sind gut drauf. Max schließt sein Rad ab, vom großen Menschenbrummen schon trunken. Hier endlich ist heißer Sommer und reine Hitze. Mitten auf dem Platz vor dem Eingang der Akademie ist eine Bühne aufgebaut, die Band spielt eine Mischung aus Soul und Reggae. Die Musiker sind sehr jung, eigentlich noch Kinder, vielleicht gerade mal achtzehn. Die Musik klingt neu, frisch und echt gut. Lange nicht so etwas gehört, lange nicht so etwas gefühlt. Max bleibt stehen und dreht sich einmal um sich selbst, um alles auf sehen zu können und bleibt dann stehen. Das ist es, was er gesucht hat: Es ist so heiß wie am Äquator und voller Frauen. Einige glühen vor Hitze so wie er. Es sieht auf jeden Fall so aus, wenn sie allein oder zu zweit mit ihrer besten Freundin auf Männerpirsch gehen, und das tun hier einige. Max drängelt sich durch die schwitzenden, johlenden Menschen auf dem Platz. Ein paar sehr junge Frauen filmen sich gegenseitig mit ihren Handys, sie schreien wild durcheinander und finden sich echt cool.
»Maxine, komm doch mal rüber mit dein’ fetten Arsch da! Zeig, was du hast!«
Stimmt, die hat einen echt fetten Arsch. Diese dämlichen Gören sind albern und jung und doof, denen zeig ich’s jetzt!
Max drängelt, Arme vor und durch. Durch die Leute jetzt, Max Blutwurst in voller Fahrt.
»Entschuldigung, aber ich muss da jetzt mal durch, die jungen Damen!«
Maxine macht Platz und blökt Max hinterher.
»Da hat aber einer echt ganz, ganz schlechte Laune, was!?«
In den Räumen der Akademie ist noch mehr der Teufel los als draußen davor. Es lebt hier die Hölle, heiß und toll. Max rempelt absichtlich einen sehr intellektuell aussehenden Anzugträger mit Brille und viel Gel im Haar an. Es ist der Akademiedirektor Mathis Mayer. Max kennt ihn, weil Mayer vor langer Zeit mit ihm zusammen im selben Uni-Kurs gewesen ist. Vornehm und berühmt ist der Lackaffe geworden. Max will wissen, wo die nächste Band spielen wird. Der Brillenmann stutzt.
»Na, die Brasilianer, Mann!«
Der Lackaffe ist erst mal pikiert oder sich irgendwie zu fein, um zu antworten. Er lässt sich dann aber doch dazu herab.
»Wie bitte?«
Mayer schaut Max großzügig lächelnd an. Man kennt nur noch die wirklich wichtigen Leute, wenn man mal etwas geworden ist gesellschaftlich.
»Die spielen noch nicht.«
Max lächelt fast genauso blöde wie Mayer zurück.
»Na, und? Wo spielen die dann später – vielleicht?«
»Im Innenhof. Steht alles im Programm!«
Max hört dem nach süßem Parfüm riechenden Herrn nicht mehr zu und denkt nur Du Arschloch! Er drängelt sich schnell weiter, scannt nach links und rechts.
Was ist hier los? Wen finde ich heute? Wer findet mich?
Im Innenhof ist Stimmung wie im Bierzelt. Junge, fröhliche Menschen in Feierlaune stehen herum und schwatzen, andere versuchen an der überfüllten Bar Drinks zu ergattern, oder sie drängeln sich auf dem Weg zum nächsten Event vorbei an den anderen und weg sind sie! Irgendwo muss doch was los sein! Wo? Max schiebt sich langsam das Terrain sichernd durch die Menge bis zum Baum mitten im Hof. Hier ist der beste Platz, von diesem Punkt aus sieht man alles, was sich abspielt. Neben ihm, an den Baum gelehnt, steht ein langer Kerl und prostet Max mit seinem Weinglas zu. Wein spritzt dabei auf den Boden. Max lehnt sich zu dem Kerl rüber.
»Kennen wir uns?«
Der große Mann streckt seine Hand aus und grinst wie ein alter Frosch.
»Ich bin der Carl, und wir kennen uns noch nicht. Das kann aber noch kommen, nicht wahr?!«
Max ergreift die Hand und schüttelt sie fest. Er blickt seinem Gegenüber in die Augen, die ein klein wenig heller als seine eigenen sind, mehr ins Hellblaue und ohne dieses gesprenkelte Grün, das nur erscheint, wenn Max sauer ist.
»Max.«
Das war‘s, einfach Max. Carl hat sein schon breites Froschmaulgesicht zu einem noch viel breiteren Grinsen gezogen.
»Ich habe dich schon mal gesehen, aber das ist Jahre her. Bei diesem Mayer. Die Filme von dem laufen hier gerade, nicht wahr?«
Komisch, dass man sich immer in denselben Kreisen bewegt. Wo man auch hingeht, man trifft immer die Menschen, die man sowieso schon irgendwie kennt. Oder solche, die man schon einmal gesehen hat, irgendwo auf einem Fest, einer Eröffnung, im Szenelokal.
»Dieser schnöde Schönling kennt mich nicht mehr. Braucht er ja auch nicht, er ist ja jetzt der Direktor hier.«
Max grinst jetzt fast genauso breit wie sein Gegenüber, nur dass sein Mund niemals auch nur annähernd so breit sein wird wie der von diesem Froschmaul ihm gegenüber. Carl spuckt aus.
»Es gibt viele solche Leute, nicht wahr?! Die einen nicht mehr kennen, meine ich. Sind alle schön und gemein, nicht wahr?«
»Die schauen einfach durch einen durch. Als wenn man gar nicht da wäre, obwohl sie einen kennen.«
Max denkt nach.
»Dabei haben alle immer nur Angst. Das wissen wir doch!«
»Damit haben sie ja auch Recht, nicht wahr?«
Carl kippt den letzten Schluck Wein aus dem Glas in sein breites Maul und rülpst dann kräftig.
»Genau!«
Max lacht, Carl auch.
»Du bist mir sympathisch.«
Carl verzieht sein Gesicht wieder zu diesem entwaffnend freundlichen Grinsen.
Das hat er bestimmt vor dem Spiegel einstudiert.
»Alleine da?«
»Meine Frau muss noch arbeiten. Außerdem kennt sie die Filme ja schon.«
»Interessant.«
Das war das Stichwort. Carls Miene hellt sich weiter auf.
Sprüht lebendig, lebt nach vorne.
»Interessant sagt der Galerist zu einem Kunstwerk, nicht wahr? Er darf nicht sagen, das ist gut, oder das ist schlecht, das darf er auch nicht sagen. Er darf nie zu viel sagen, der Galerist, nicht wahr?«
Schon ist es wieder da, dieses breite, fröhlich-offene Grinsen. Was da wohl dahinter steckt? überlegt Max.
»Du bist Galerist?«
Jetzt bläst sich der Frosch erst richtig auf.
»Wir entwickeln die neue City-West auf künstlerischem Gebiet, nicht wahr? Allerhöchstes Niveau. Und das alles vollfinanziert vom Sozialamt, nicht wahr?«
Diese Art der Finanzierung des Kunstbetriebs durch ein staatliches Amt ist Max tatsächlich neu.
»Also so eine Art Sozial-Coaching?«
Carl schaut ihn an wie ein frecher Lausbube. Ein inzwischen älter gewordener und leicht angetrunkener Lausbube, so etwa wie der Frosch in der Geschichte von Wilhelm Busch.
»Sage ich doch: Das ist neu und interessant. Sehr interessant sogar, nicht wahr?!«
Max fällt dazu ein, dass das, was ihm sein Gegenüber sagt, vielleicht nicht wirklich neu und vielleicht nicht einmal interessant ist. Etwas ist nicht wirklich neu und interessant, nur weil es schon immer alle wollten und bisher keiner gemacht hat. Oder irgendwie hingekriegt hat, je nachdem wie man ihn sieht, den Erfolg. Das Ergebnis vieler Mühen ist doch, dass nichts dabei herauskommt. Oder dass nichts daraus wird, dass sich dadurch nichts ändert, dass sich nichts wirklich bewegt. Max will das alles aber so nicht sagen und auch nicht diskutieren und sagt deshalb lieber etwas Unverfängliches.
»Und? Wo ist deine Galerie?«
»In Charlottenburg, in der alten Spedition. Sehr schöne Räume, Fußbodenheizung, Küche, Bad, alles neu gemacht. Und nicht gerade billig, nicht wahr? Aber das muss schon sein, etwas Repräsentatives, wenn man etwas erreichen will, nicht wahr?«
Es gibt Zufälle, die keine sind. Irgend etwas zieht einen an, und das einzig Überraschende ist, dass diese so genannten Zufälle einen überraschen. Diese Ereignisse sind manchmal so seltsam, dass sie Wunder genannt werden. Das Leben ist voll davon, nur meistens nicht das eigene. Tatsache ist allerdings: Das ganze Leben ist ein einziger Zufall. Von Anfang bis Ende, alles reiner Zufall. Alles andere, was über Zufälle gesagt wird, ist gelogen. Wunder und Zufälle, die Einzigartigkeit des Menschen und seine universelle Seele, alles gehört zusammen und bedeutet zugleich nichts. Das hat Max gerade gesehen, und es ist nicht die Begegnung mit Carl, sondern etwas anderes und er sagt etwas ganz leise zu sich, damit es niemand hören kann.
»Danke.«
Carl streckt Max zum Abschied noch einmal seine Hand hin. Sie ist groß und greift fest zu, fast zu fest. Ein Männergriff, der wahrscheinlich Entschlossenheit und Zielstrebigkeit signalisieren soll. Max denkt daran, wie im Unterschied dazu eine Frau seine Hand ergreift. Manche Frauen umschließen einen mit ihrer Hand wie ein erstaunlich fester, glatter Handschuh aus warm vibrierendem Leben. Manchmal geschieht es dabei sogar, dass ein spontanes und vollkommen umfassendes Liebesgefühl entsteht, ein tiefes verstehen und verstanden sein. So schön kann die Welt sein, erfahrbar ist sie einzig und allein durch die Berührung einer Frau.
»Also sehen wir uns dann morgen beim Itaker, nicht wahr?«
Max schaut in die hell strahlenden Augen seines neuen Freundes.
»Gut. Gegen Acht. Ich werde da sein.«
»Also, wenn du wieder so Scheiße besoffen bist, dann will ich jetzt nicht mehr mit dir reden!«
Max knallt den Hörer auf die Gabel und schnauft kurz durch.
Diese schöne Frau habe ich erst geliebt und dann geheiratet und jetzt nervt sie schon viel zu lange nur noch. Weil sie trinkt. Also richtig trinkt, am besten schon morgens. Schnaps! Das ist entsetzlich und widerlich und auf Dauer ist es unerträglich.
Meistens trinkt Nada Rotwein, am liebsten Merlot, der nach nicht viel schmeckt, aber trotzdem viel Alkohol enthält und das ist ja das wichtigste am Suff. Max hat damals mit ihr Schluss gemacht, weil er sie beim Absturz ins Nichts nicht begleiten wollte. Er hat es nicht gekonnt und die Trennung war für ihn genauso die pure Hölle wie für sie. Ihr war damals alles wegen des Suffs oder aus den Gründen, warum sie soff, komplett egal. Zuerst ging ihr der Job flöten und dann der Mann, der sie aus Liebe geheiratet hatte. Ganz am Schluss ist sie dann sich selbst verloren gegangen. Nada trank damals schon frühmorgens eine Flasche koreanischen Schnaps. Der hat nur 30 Prozent und ist auch nicht scharf. Der milde Suff hilft auch nicht weiter.
Deshalb trank sie den Schnaps so wie er war, bei Zimmertemperatur, schön warm – und auf ex, versteht sich. Dieses Gesöff geht dann runter wie Öl, lässt allerdings den Atem nach einer Mischung aus Magensäure und faulen Eiern riechen. Nadas Mundgeruch war echt eklig gewesen und viel schlimmer als das blödsinnige Gelalle, da konnte man wenigstens weghören.
Nada ist heute Geschichte, aber eine, die ihn nicht mehr entlassen will, und das fällt Max in Momenten wie diesem besonders schmerzhaft auf. Der Schmerz der Erinnerung hat im Lauf der Zeit den Geruch ihres Atems angenommen. Das ist allein schon deshalb unerträglich, weil dieser Geruch immer wieder von Neuem das Bild, das Max von Nada in Erinnerung behalten hat, übermalt. Es sind inzwischen so viele dunkle Lagen der Erinnerung, dass Nada ihm inzwischen wie die Schwarze Madonna erscheint. Echt spooky.
Max sitzt im Arbeitszimmer an seinem Biest, wie er diesen Tisch weder liebevoll noch ängstlich, sondern voller Realismus und Zuneigung nennt. Das Biest ist natürlich sehr groß und voller Bücher und anderer Drucksachen wie Zeitungen, Artikel und viel anderem Kram. Stapelweise geordnet nach Themen, lagern hier die Ereignisse der Welt, griffbereit und nachlesbar. Die Bücherregale an den Wänden biegen sich unter der Last von schwerem Papier, die Bücher hat Max alphabetisch geordnet, um möglichst schnell Zugriff auf die Stellen zu haben, die er für seine Arbeit benötigt. Seit seiner Kindheit schreibt Max, und seine kindliche Begeisterung für diese Dinge des Lebens begleitet ihn noch heute. Gerade dieser Teil seines Inneren hat erstaunlicherweise nicht durch die reale Welt gelitten, aber er ist in den vergangenen Jahren dünnhäutiger geworden, empfindlicher für jede Art von Kritik. Besonders die stumpfe Blödsinnigkeit seiner Auftraggeber aus dem Showgeschäft geht Max auf die Nerven. Die sehen seine Arbeit inzwischen als Dienstleistung und nicht als praktizierte Kunst, wie Max sie gerne sieht.
Kunst ist Schmuggelware.
Max schaut zum Fenster hinaus und sieht wie die Erinnerung an Nada vor seinen Augen zur Schwarzen Madonna wird, eine Mumie aus schwarzem Nebel. Während er sich auf diesen Blick einlässt – der vorbei an allem Erkennbaren das Unerkennbare sucht – hat Max die Idee zu einer neuen TV-Show. Sie könnte von einem Politiker handeln, der keiner ist, einem Kandidaten wie Donald Trump. Einer, der nicht weiß, was wirklich ist und der auch nicht weiß, wie es auf der Welt weitergehen soll, denn das interessiert ihn gar nicht. Ein Mann ohne Visionen, dafür aber bösartig und dumm. Ein Mann, den das Volk dafür liebt, weil er so ist wie sie. Die Show könnte Humpty Trumpty heißen. Star der Show müsste natürlich ein blonder deutscher Widerling sein, oder ein Österreicher, so einen hatten wir ja schon einmal. Ein egomaner Lügner, dem die Dummen hinterherlaufen und den die Intellektuellen so lange unterschätzen, bis sie weg vom Fenster sind. Mit diesem Blick an die Geschichte bekäme der Trump-Slogan You’re fired! eine pikant-apokalyptische Note. Was man machen könnte, wäre eine fiktive Live-Berichterstattung aus dem Weißen Haus als brutale Realsatire. So ist das Leben könnte die Serie heißen, und sie wäre voller Überraschungen, wildester Wendungen und am Ende kommt immer der Tod.
Eine tolle Serie!
Max lächelt die Schwarze Madonna vor seinen Augen weg. Der Nebel verschwindet in der Nacht wie ein Traum aus Samt. So eine klasse Show wird er nie durchkriegen. Nicht hier, in Deutschland hat man die Angst lieber. Schade, aber so etwas Abgefahrenes wie das englische Spitting Image, nur mit Realfiguren wäre doch mal echt gut, oder? Aber wegen Deutschland sucht den größten Steuerbetrüger ist er schließlich schon aus seinem Job geflogen, auch wenn er den Vorschlag tatsächlich nur im Scherz gemacht hatte. Chefredakteure können manchmal sehr, sehr dünnhäutig sein. Max schreibt Humpty Trumpty auf die leere Seite, als ihn irgendetwas in seinem Blickfeld irritiert. Er schaut auf sein Telefon, dort blinkt ein kleines, rotes Lämpchen. Max mag solche altmodischen, amerikanischen Sachen. Das Telefon hat er in einem Motel 8 in San Diego mitgehen lassen.Bei diesem Sondermodell kann man sogar den Ton abschalten, dann stört das Gebimmel nicht bei der Arbeit. Nach einem kurzen Blick auf das Display, auf dem Nada blinkt – und einer Verschnaufpause, die ihn zurück ins Hier und Jetzt bringt – nimmt Max den Hörer ab.
»Was ist denn jetzt schon wieder?«
Max’ Stimme verrät Gereiztheit, aber ganz sicher ist sich Nada da nicht.
»Ich kenne deine Weibergeschichten. Das wird nie etwas mit dir und den Weibern. Du bist viel zu weich für die Frauen. Weiber sind hart im Nehmen, weißt du?«
»Woher willst du denn wissen, dass ich jetzt Weibergeschichten habe?«
Max spürt, wie Nada überlegt, aber ihr fällt nichts ein. Sie hatte schon ihren morgendlichen Schnaps und dann den Wein am Nachmittag, ihr Hirn ist also schon schön weich getrunken. Es gibt da natürlich noch ein paar Wortfetzen, die sie am liebsten herausschreien würde, aber sie ergäben keinen Sinn mehr. Immerhin, so viel weiß sie noch. Später in der Nacht kommt dann ein Zustand, der vielleicht Schlaf genannt werden kann. Für Nada ist es eher ein Ritt durch ihre Angst und Schrecken hervorrufende Welt des Grauens vor sich selbst. Gegen diese Welt des inneren Grauens trinkt sie an, aber sie kommt da nicht mehr wirklich raus. Stattdessen verstrickt sie sich immer wieder in den Rettungsseilen, die von ihrem Bewusstsein ausgeworfen werden. Nada versteht sich nicht mehr und sie hasst sich wirklich und das macht ihr Leiden immer schlimmer.
»Es gibt keine Weibergeschichten, Nada. Diesmal hast du Unrecht. Und obwohl wir einmal glücklich verheiratet waren, gehen dich meine Weibergeschichten heute wirklich nichts mehr an. Also, trink schön weiter, dann bist du endlich früher tot und ich muss nicht auch noch deinen elenden Suff mitfinanzieren!«
Max hält den Telefonhörer weit von seinem Ohr weg. Er weiß, wie Nada auf so etwas reagiert. Das war jetzt aber gemein von mir. Immerhin, Max hat diese Gespräche mit Nada schon zu oft geführt. Nachdem sie ihn zuerst traurig gemacht haben und später wie die gemeinen Späße eines unerbittlichen Gottes vorkamen, der sich seiner bemächtigt, erlaubt er sich inzwischen öfter diese boshaften Späße mit Nada, denn Gott ist tot. Nadas Stimme schimpft laut aus dem Telefonhörer.
»Du warst schon immer das mieseste Schwein, das ich überhaupt kenne. Ich hasse dich, ich hasse dich, ich hasse dich. Du bist ein Ekel!«
Max holt tief Luft und brüllt zurück in den Hörer.
»Ich bin kein Ekel! Und ruf mich nie wieder an, wenn du so besoffen bist! Es reicht!«
Max knallt den Hörer auf den Apparat und rennt im Zimmer auf und ab, böse in sich hinein murmelnd.
»So eine arschblöde, brunzdumme, saudepperte, arschgeile ... «
Das rot blinkende Telefon-Lämpchen holt Max zurück an den Schreibtisch. Verletzt von seinen eigenen Erinnerungen nimmt er den Hörer ab und brüllt los.
»Wenn du noch einmal so besoffen anrufst, komme ich zu dir und bringe dich um. Hast du mich verstanden?«
Am anderen Ende der Leitung herrscht Stille. Max stutzt und hört der Stille zu. Plötzlich brüllt ihn eine Männerstimme aus dem Hörer an.
»Was? Ich habe dich nicht verstanden, Junge!«
»Das ist gut, sehr gut. Hör zu, Vati: ich habe vorhin mit diesem Produzenten geredet. Was? Nein, ich habe keine Bankschulden!«
Max’ Vater ist so gut wie taub. Er versteht Max heute wieder überhaupt nicht. Max spricht ganz langsam, Silbe für Silbe und so laut es geht, aber es ist fast sinnlos.
»Mit dem Pro-du-zen-ten! Von dem ich noch Geld bekomme. Ja, genau der. Ja, ich komme dann mit dem Zug. Alles in Ordnung sonst. Nein, keine Beschwerden mehr.«
Max trommelt nervös auf dem Schreibtisch herum.
»Ich kann jetzt nicht mehr, Vati. Ich muss arbeiten. Ja, den Akkuschrauber bringe ich mit. Tschüss. Tschüss, tschü-ü-üss.«
Max legt den Hörer auf, schließt die Augen und dankt seinem inneren Gott für alle Freuden und die Liebe und die anderen schönen Dinge des Lebens. Er öffnet die Kladde, die vor ihm liegt, streicht die Worte Humpty Trumpty aus und schreibt stattdessen:
1. Berlin/Straße
TAG/außen
Martin fährt mit seinem Rennrad auf den Kurfürstendamm, biegt an der nächsten Ampel auf den Bürgersteig ab und rast dann mitten durch Touristengruppen, die kreischend auseinander schwärmen.
TOURIST
Der Gehweg ist für Fußgänger!
MARTIN
Ne, dit iss Berlin!
Leichter Nieselregen klebt wie Spinnen-Nebel auf den Blättern. Schon wenn man ihn nur leicht berührt, ist er verschwunden. Max steht auf seinem Balkon und atmet die frische Luft des Morgens. Als Max über die Brüstung schaut, sieht er in die Einfahrt eines alten Backsteingebäudes. Es ist die ehemalige Spedition, von der Carl gesprochen hat. Eine wackelige Leiter steht in der Einfahrt. Ein kleiner, dicker Mann im grauen Kittel balanciert darauf. Der Handwerker bringt einen Leuchtkasten aus weißem Plastik an. Auf dem Leuchtkasten steht in schöner Schrift
B | C | C Galerie | Coaching | Training | Mediation
Das Geräusch eines schnell fahrenden Autos kommt näher. Ein alter Daimler biegt in die schmale Toreinfahrt, quietscht, bremst und bleibt nur wenige Zentimeter vor der Leiter stehen. Der Mann auf der Leiter hält sich am Leuchtkasten fest. Durch das zusätzliche Gewicht gibt dessen provisorische Verankerung nach. Der Mann mitsamt Leuchtkasten schwankt auf der Leiter hin und her.
»Mann-o-Mann! Verrückter am Steuer, was?«
Carl steigt aus dem Wagen und geht auf den Mann auf der Leiter zu. Der erstaunlich behände Mann findet sein Gleichgewicht wieder und balanciert die Leiter herunter. Die Beifahrertür öffnet sich, eine kleine Frau im Kostüm springt aus dem Auto.
»Entschuldigung, aber es ist wirklich ganz dringend!«
Die Frau läuft an den beiden Männern vorbei zur Haustür, während sie aufgeregt in ihr Handy spricht.
»Hallo, Martin? Gut, dass ich dich erreiche. Wir brauchen jetzt unbedingt diese Liste, verstehst du? Ja, genau die. Aber ich kann jetzt nicht länger telefonieren, ich muss dringend etwas erledigen, verstehst du? Ich rufe später zurück, okay?«
Die Frau holt einen Schlüsselbund aus ihrer Handtasche, schließt die schwere Eingangstür auf und stemmt sich mit aller Kraft dagegen. Die Tür bewegt sich nur langsam. Als sie es endlich geschafft hat, die Tür so weit zu öffnen, dass sie durch den Spalt passt, verschwindet die Frau schnell im Hausaufgang. Der Mann im grauen Arbeitskittel geht auf Carl zu.
»Is dit Ihre Frau?«
»Das geht Sie überhaupt nichts an, nicht wahr? Aber jetzt frage ich Sie mal etwas: Wieso steht Ihre dämliche Leiter eigentlich hier mitten im Weg? Und wieso steht sie überhaupt dort im Weg, wo sie im Weg steht? Der Leuchtkasten soll doch ganz woanders angebracht werden, nicht wahr? Das habe ich doch gestern ausführlich telefonisch besprochen, mit Herrn Koschinski, dem Leiter des Hauses, nicht wahr? Wer sind Sie eigentlich?«
Der Mann im Kittel streckt Carl seine Hand entgegen.
»Koschinski, ich bin der Hausmeister hier. Ist ja wirklich ein guter Anfang mit uns beiden. Meinen Sie nicht auch?«
Carl ignoriert Koschinskis freundlich entgegen gestreckte Hand. Er zeigt auf die Leiter.
»Quatschen Sie nicht rum und räumen Sie lieber jetzt endlich Ihre Leiter da weg. Ich werde ja mit meinem Fahrzeug noch auf meinen Parkplatz fahren dürfen, nicht wahr, Herr Koschinski! Dafür habe ich schließlich bezahlt, nicht wahr?«
Koschinskis ausgestreckte Hand sinkt zurück. Sein freundlicher Blick macht dem Ausdruck von Verwunderung Platz. Aufregung ist nicht nötig, denn in seinen vielen Jahren als Hausmeister hat Koschinski gelernt, dass die Leute immer wieder zu ihm kommen und dann etwas von ihm brauchen werden. Carl bekommt gerade den letzten Platz auf seiner Warteliste für die Erledigung irgendwelcher Aufgaben. Die Reihenfolge auf seiner Liste wird von der Höhe der Zuwendungen reguliert. Zahlungseinheit ist Weinbrand-Verschnitt, Gegenleistung ist die Aussicht auf schnelle Arbeit. Koschinski lässt Carl jetzt einfach weiter quatschen. Er weiß, dass er am längeren Hebel sitzt.
»Nun machen Sie endlich mal hinne. So viel Zeit wie Sie habe ich nicht, nicht wahr?«
Carl geht zurück zu seinem Wagen. Er bleibt stehen und dreht sich noch einmal zu Koschinski um.
»Und wie ich Ihnen schon gesagt habe, der Kasten kommt nicht links, sondern rechts vom Eingang hin. Das habe ich doch gestern mit Ihnen besprochen. Sie erinnern sich, ja, nicht wahr? Der Kasten kommt rechts oberhalb des Eingangs!«
Carl zeigt auf die Stelle, wo der Kasten befestigt werden soll. Der Hausmeister blickt sich kurz um. Er ist inzwischen davon überzeugt, das es sich bei Carl um einen gefährlichen Verrückten handelt, bei dem man auf alles gefasst sein muss. Carl steigt in seinen Wagen und fährt los. Koschinski schnappt sich seine Leiter und springt mit einer Leichtigkeit, die man seinem schweren Körper gar nicht zugetraut hätte, zur Seite, als der gelbe Daimler an ihm vorbeischießt. Carl hält nur ein paar Schritte weiter, genau auf seinem mit weißer Farbe eingezeichneten Parkplatz. Die Räder stehen parallel, sie sind an den Begrenzungsstreifen ausgerichtet. So etwas macht Carl zufrieden, es vermittelt ihm sogar eine Art von Glück. Koschinski bestaunt das waghalsige Fahrmanöver, die Leiter über die Schulter gelegt.
»Jetzt brauche ich aber wirklich erst mal was zu trinken!«
Koschinski schreitet wie ein Buddha voran, die Leiter auf der Schulter balancierend, einem Ampelmännchen gleich. Er wankt fröhlich und mit Aussicht auf einen von nun an ruhigen Tag Richtung Werkstatt. Sie befindet sich im hintersten Winkel des Gebäudes in einem Kellerverschlag. Neben einem großen Vorrat an Schnapsflaschen, die er nahe der Heizungsrohre hortet, damit sein Weinbrand-Verschnitt nie allzu kalt wird – Koschinski meint, das würde ihm schaden – beheimatet sie eine Modelleisenbahn, mit der er am liebsten spätnachmittags vor Feierabend spielt, schon ordentlich betankt, oder wie er gerne sagt, flügge.
Max rast mit seinem Rennrad dicht an Hausmeister Koschinski vorbei, der kriegt einen Schreck und wird richtig sauer, schließlich will er sich nicht auf dem Weg zu seinem wohlverdienten Morgenschnaps anfahren lassen.
»Absteigen im Hof!«
Max tut so als hätte er nichts gehört, und Koschinski murmelt auch nur ein schnelles »Ist ja jetzt auch egal!« Der angewärmte Chantré ruft, und außerdem ist Fahrradfahren nicht verboten. Max bleibt mit seinem Rennrad neben Carl stehen, der ihn mit seinen hellblau unschuldig strahlenden Augen erwartet.
»Morgen, Carl. Noch gut nach Hause gekommen?«
»Ja, Carl ist noch gut nach Hause gekommen, Carl hat bei Mausi geschlafen. Ist ja hier um die Ecke, nicht wahr?«
Max zeigt auf den Leuchtkasten in der Einfahrt. Der mattweiße Kasten hängt schief an der Wand, die Kabel baumeln lose herab.
»Und besoffen mit dem Auto dahin gefahren, ja, ja. Was heißt BCC eigentlich?«
Carl macht einen Schritt auf Max zu, umfasst mit einem Arm dessen Schulter und dreht ihn zum Leuchtkasten.
»Schau mal, es ist doch ganz einfach, nicht wahr? Es heißt Business – Coaching – Consulting. Das ist unser Standbein, nicht wahr? Ein Standbein muss man schließlich haben, nicht wahr? Eine Galerie trägt sich ja nur langfristig. Sofort wirft das kein Geld ab, nicht wahr? In diesem Geschäft muss man eben flexibel und natürlich sehr, sehr gut sein. Das sind wir natürlich, nicht wahr?«
»Natürlich.«
Max holt einen mit einer roten Schleife verzierten kleinen Brotlaib aus seinem Rucksack. Im Brot sind weiß glitzernde Salzbröckchen und ein Glückspfennig eingebacken. Max reicht Carl das Geschenk.
»Viel Glück!«
Carl nimmt Max den Brotlaib ab und wirft ihn auf die Motorhaube seines Wagens.
»Herzlichen Dank, mein Lieber. Das Zeug gebe ich dann Mausi, wenn sie wiederkommt. Sie muss ja noch die ganzen Sachen hier aus dem Auto hoch tragen. Ich kann ja nicht, ich hab’s im Kreuz, nicht wahr?«
Max schaut irritiert zwischen seinem Brot und Carl hin und her.
