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Paula steht kurz vor dem Zusammenbruch. Ihr Traumjob fordert. Tag und Nacht. Verschnaufpausen gibt es auf den modernen Großviehbetrieben nicht. Die Arbeit in den ehemaligen LPG-Ställen der DDR hat nichts mit der Landlust auf manchen Milchkartons gemein. In einem strengen Elternhaus zu Gehorsam und akademischen Höchstleistungen angetrieben kommt sie während ihrer Assistenzzeit körperlich und emotional an ihre Grenzen. Nach einem fatalen Behandlungsfehler muss Paula eine Entscheidung treffen, die alles infrage stellt ...
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Seitenzahl: 399
Veröffentlichungsjahr: 2022
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Über das Buch
„Das Junigewitter hat die Straßen gewaschen, heiß und heftig. Vom Wüten erschöpft zieht es weiter nach Süden. In der Ferne ist nur noch ein dumpfes Grollen zu hören, und durch die geschwollene Wolkendecke zwängt sich die Abendsonne. Blauviolett und an den Rändern hellrot, wie ein frisch geschlagener Bluterguss.“ Paula Berger wächst nach der Wende in einer Plattenbausiedlung im brandenburgischen Bernau auf. Die jahrelangen Versuche, sich der elterlichen Strenge zu widersetzen und das Bedürfnis nach Nestwärme und Anerkennung zu unterdrücken, haben Narben in ihrem Denken hinterlassen. In der Praxis eines erfahrenen Lehrtierarztes arbeitet sie fleißig, fokussiert und hochprofessionell. Doch ihr Leistungsanspruch fordert zunehmend Tribut. Sie beginnt, an ihren Fähigkeiten zu zweifeln, wird unaufmerksam, macht Fehler. Doch Schwäche zeigen ist keine Option. Nach einem Unfall im Stall gibt sich Paula einer stillen Arbeitswut hin, die sie mit Mut und Zuversicht überwinden muss, wie sie nur aus aufrichtiger Freundschaft entstehen kann.
Madlen Pilz, geboren 1982 in Brandenburg, hat in Berlin Veterinärmedizin studiert und über das Verhalten von Kühen promoviert. Sie ist Fachtierärztin für Rinder und hat mehrere Jahre in einer Nutztierpraxis gearbeitet. Als freischaffende Autorin schreibt sie auch Reportagen, Portraits und Interviews für Zeitungsverlage. Das vorliegende Buch ist ihr erster Roman.
Für Angie und Dana.
Und für Lola. Mit ihrem wunderbar leisen Gespür für Menschen.
Die im Text verwendeten Fachbegriffe werden in einem Glossar am Ende des Romans erläutert.
1. Mai 1989
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
8. Oktober 1989
Eine winzige Spermazelle befruchtet das Ei.
Zygote. Embryo. Fetus.
Das Kalb wird geboren und aufgezogen.
Als junge Kuh besamt. Trägt. Und wirft.
Dann gibt sie Milch.
Die Du trinkst. Da in Deinem Glas
ist Leben.
Reines Leben.
Das Geräusch brannte sich in ihr Gedächtnis. Schmatzend schrappten die Gummischlappen über das glatte Linoleum. Eilten hastig von einem Ende des Flures zum anderen, bevor sie in einem der vielen Zimmer verschwanden. Einen Atemzug lang gab sie sich der trügerischen Stille hin. Schon hetzte wieder jemand durch die Winkel des Kreiskrankenhauses. Das Quietschen schwoll an, zog an ihrer Zimmertür vorbei und wurde wieder leiser. Ebbte aber nie ganz ab. So könnte sie ihren Schülern den Doppler-Effekt auch erklären. Wenn sie ihn durchgestanden hätte, diesen heutigen Tag, dessen Ereignisse ihre Schatten vorauswarfen und mit gierigen Fingern nach ihren hauchdünn gesponnenen Zukunftsplänen griffen.
Wie festgenagelt lag sie auf der Pritsche unter dem Fenster. Der geflieste Raum erinnerte sie an das verlassene Schlachthaus, in dem sie sich getroffen hatten. Zwar fehlten die an rostigen Haken baumelnden Rinderhälften. Doch mit ihrem eigenen Blut würde sie schon bald dienen können.
Verkrampft drehte sie den Kopf zur Seite. Zog das flache Kissen über die Ohren und drückte die Nase in den sterilen Stoff, der an den Spitzen kleine Löcher aufwies. Es war hoffnungslos. Sie war nie gut darin gewesen, fremde Geräusche bei Bedarf einfach auszublenden. Wie ein trockener Schwamm sog sie alle Eindrücke um sich herum auf.
Wasser! Einen einzigen Schluck nur. Die Bitte blieb ihr am Gaumen kleben. Diese Unart, Schwäche zu zeigen, hatte man ihr schon früh ausgetrieben. Tapfer biss sie die Zähne zusammen. Und schwieg.
„Entspannen Sie sich!“
Sie wollte laut loslachen. Vor Hohn über ihre jämmerliche Erscheinung. Ein zertretener Wurm, dem die Körpersäfte aus allen Öffnungen flossen. Erschöpft schloss sie die Augen. In ihrem Kopf jagten sich die Bilder. Zu lange, zu schnell und immer die gleichen. Euphorische junge Gesichter, die genauso rot leuchteten wie die Fahnen, die sie über ihren Köpfen schwenkten. Erwartungsvolle Blicke über stolz geschwellter Brust. Nur wer ganz genau hinschaute, entdeckte hier und da Resignation hinter den mühsam aufgebauten, nur langsam bröckelnden Fassaden. In den letzten Jahren hatten sie mehr und mehr Risse bekommen. Längere. Breitere. Und trotzdem. Sie sah die Hände vor sich. Mehr als eine halbe Million Hände, wie sie später aus der „Aktuellen Kamera“ erfuhr. Winkend flogen sie durch die Luft. Manche hielten Nelken, andere sorgfältig bemalte, um Holzstiele gewickelte Stofflaken. Bigotte Zeichen der ewigen Lebenskraft dieses Schweinesystems.
Nun tötet mich endlich! Schrill hallte ihr Kreischen durch den Teil des Saales, in dem man auch Frischfleischkadaver hätte zerteilen können. Sie krallte die Hände in die harte Matratze. Ihre Fingernägel kratzten über das Metall der Pritsche, als der Schmerz ihren zierlichen Körper zerriss.
Zwei Schwestern, die Kasaks so glattgebügelt wie die Haare unter ihren Hauben, blickten sie unverblümt an. Die Kleinere schaute immerzu auf die weiße Uhr, die an der Wand über dem Stuhl hing, auf dem ihre Kleider lagen. Sie tuschelten hinter vorgehaltener Hand.
„So viel Fenoterol und trotzdem kommen die Wehen alle fünf Minuten.“
Die Längere schüttelte mitleidig den Kopf.
„Störrisches Kind! Lässt sich selbst am Kampftag der Arbeiterklasse nicht aufhalten, wirste sehen.“
Ein lautes Räuspern ließ sie zusammenzucken. Der Vorwurf stand auf seinen Lippen und, deutlicher noch, in seinen Augen. Demütig senkten die Schwestern ihre Blicke. Eine Nelke ragte aus der Brusttasche des weißen Kittels, den er aufgeknöpft trug, um ihn lässig wirken zu lassen, obwohl er es nicht war, niemand hier war das. Auf der Krawattennadel blitzte das Emblem, jedes Mal, wenn sich sein Thorax bewegte. Die schlanken Finger passten zu der kantigen Statur. Mit hektischem Griff piekte er auf ihrem Bauch herum, um die Konturen des Kindes abzufahren. Rabiat schob er die schmale Handkante unter ihre letzte Rippe, drückte auf den Fundus, genau zwischen Leber und Milz. Da war doch noch so viel Platz! Sein Mitgefühl war geheuchelt.
„Wir könn‘ nüscht mehr tun.“
Ein gezielter Tritt von innen ins Zwerchfell. Sie keuchte auf. Der Arzt zog überrascht seine Hand zurück.
„Kräftig jenug scheint’s ja zu sein. Wenn jetzt nich bald Ruhe is‘, holen wir es!“
Wer war er, dass er das über ihren Kopf hinweg einfach entscheiden konnte? Er öffnete seinen Mund weiter als nötig beim Sprechen und es dauerte einen Augenblick, bis er ihn nach dem letzten Wort wieder schloss, als hätte er eine Kieferstarre. Die Zähne waren quadratisch und groß und gelb wie die eines Ackergauls. Er rauchte offenbar gern. Die Augen dagegen, winzig und schwarz, saßen wie kleine Fliegen in der Mitte seines Gesichtes und glotzten sie argwöhnisch an. Sein sauber gescheiteltes Haar, das glattrasierte Kinn, die Linien auf der blassen Haut, wie mit dem Lineal gezogen, von der linken Stirnseite zur rechten. Alles an ihm wirkte wie nach striktem Plan arrangiert.
Sie drehte sich zur Seite. Sein Rasierwasser mischte sich mit dem kalten Gestank nach Filterzigaretten, Juwel oder so.
Nur langsam glitt der lange Zeiger der Wanduhr über das Ziffernblatt. Doch ihre Zuversicht wuchs mit jeder sich davonstehlenden Minute. Steinchen für Steinchen türmte sich Hoffnung in ihr auf. Die Schwestern lächelten ihr verstohlen zu.
Nach einer Viertelstunde kam der Tornado. Innerhalb von Sekunden fegte er über die Trümmer ihres jungen Lebens hinweg und hinterließ nichts als Schutt und Asche. Sie schlug die Hände vors Gesicht und stöhnte.
„Nun lassen Se mal den Kopp nich‘ hängen, junge Frau, wird schon allet jut werden.“
Die Schwester legte ein braunes Handtuch bereit und streifte dabei flüchtig ihre Hand.
„Rosa und blau sind leider aus.“
Schon wieder diese Pferdefresse!
Durch die gekippten Fenster drangen die gedämpften Töne der Maifanfare herein. Sie sollte da draußen sein. An seiner Seite. Wenigstens im Geiste frei, hatten sie sich geschworen. So wollten sie zusammenbleiben, bis zuletzt, und nicht, weil irdische Umstände sie dazu zwangen. Sie wusste, wie sehr er die Demonstrationen verabscheute. Dieses verlogene Huldigen von Frieden und Sozialismus. In einem Staat, der seinen Bürgern so gnadenlos die Flügel stutzte und nicht davor zurückschreckte, sie jederzeit zum Abschuss freizugeben. In dessen Maschinerie sie beide aber doch und allen Widerständen zum Trotz so tief steckten, dass es ihnen den Atem nahm.
Sie konnte kaum Luft holen. Die nächste Wehe fegte durch ihren Körper. Ob sie mit dem Kramer aus dem Ministerium verwandt sei? Sie schüttelte den Kopf. Log, ohne rot zu werden. Immerhin entsprach ihre Antwort der neuen Version der Wahrheit, seit sie in Ungehorsam gefallen war und mit diesem Provokateur angebändelt hatte. Ihre Familie würde die Frage ganz genauso beantworten. Scheinbar beiläufig schaute der Arzt auf ihre geballten Fäuste. Es steckte kein Ring am Finger.
Sie wandte sich wieder ab. Diesmal folgte er ihr mit seinen Augen. Ihre Blicke trafen sich in der Fensterscheibe. Er gab sich keine Mühe, die Gehässigkeit in seiner Stimme zu kaschieren.
„Der Mann marschiert wohl mit?“
Nur mit Mühe stieß sie die Worte zwischen den zusammengepressten Zähnen hervor.
„Er ist ein sehr pflichtbewusster Mensch.“
Was durfte sie auch anderes sagen?
Zwanzig Stunden später kam das Kind. Mickrige drei Pfund schwer. Mehr Haut und Knochen als Mensch. Wurde in das kackfarbene Tuch gewickelt, wie toter Fisch in altes Zeitungspapier, und aus dem Zimmer entfernt. Sie gaben ihr nicht einmal die Zeit, es anzusehen.
„Sobald die Kleene über‘n Berg is‘, könn‘ Se zu ihr.“
Ob ihr Baby es schaffen würde, hörte sie sich mit vom Kreischen heiserer Stimme fragen. Sie unterdrückte die Hoffnung, die sie mit dieser Frage verband, und schämte sich dafür. Man würde sehen.
Sie wagte nicht, ihrer Tochter den Namen zu geben, den sie schon länger im Kopf hatte. Paula. Als würde diese Halbherzigkeit helfen, die Furcht vor den nächsten Wochen, wahrscheinlich Monaten, vielleicht sogar Jahren zu verdrängen. Es fragte auch niemand danach.
Vor den Fenstern wippten die dürren Äste einer gesprenkelten Birke im Rhythmus des Gemurmels aus den Lautsprechern, das von der nahen Karl-Marx-Allee in den Kreißsaal drang. Wie Spuren dunkler Tränen zogen sich die schwarzen Fetzen der Rinde am Stamm hinab. Würde Uwe ihr Kind jemals so wiegen können? Die Abneigung, die in seinen Augen gestanden hatte, unausgesprochen und doch so klar, als würde man durch den Boden eines leeren Glases schauen. Anke wusste, wie sehr er sich davor fürchtete, allein zu sein. Sie wusste auch, wie sehr er es hasste, dass ihn dieses Kind, das sich gerade sieben Wochen zu früh seinen Weg ins Leben kämpfte, an sie band. Die Frau, die er um ihrer selbst willen lieben wollte, nicht weil er es aus Verpflichtung eines anderen Menschen gegenüber musste.
Und sie wusste, dass sie ihn nur halten konnte, wenn sie auf Gedeih und Verderb zu ihm stand. Dem einzigen Mann, der jetzt noch an ihrer Seite war.
Ein dröhnendes Hupen, laut und endlos. Paula widersteht dem Impuls, in der Kurve eine Vollbremsung hinzulegen, hält den Caddy aber nur mit Mühe auf Spur. Mal wieder ist sie viel zu schnell unterwegs. Der Wagen schliddert über die vereiste Straße. Hinter der Windschutzscheibe eines Lkw leuchten Buchstaben, sie rasen ihr entgegen, kommen immer näher. H-A-R-T-M-U-T. Gefährlich nah. Paula reißt das Lenkrad herum. Verdammt! Aus diesem blöden Straßengraben käme sie nicht unbeschadet heraus. Zu steil geht es die Böschung hinunter. Eine schwarze Eiche touchiert ihr Blickfeld. Verbissen umklammert sie das Lenkrad. Der Caddy hat nur noch Schrittgeschwindigkeit. Sie zieht ihn trotzdem nach links. Die Glätte ist erbarmungslos.
In letzter Verzweiflung tritt Paula das Bremspedal. Eine dünne Schicht Neuschnee knirscht unter den Reifen wie splitterndes Glas. Der Caddy rutscht und dreht sich. Dreht sich weiter und rutscht und bleibt abrupt stehen.
Sie steht quer auf der Fahrbahn. Der Lkw auch. Die Seitentüren keine Handbreit voneinander entfernt. Ein Mann steigt aus, tastet sich langsam um die Fahrzeuge herum. Zwischen seinem grauen Vollbart und dem Fellansatz der Mütze sticht eine lange Nase hervor, die Tschapka sitzt schief auf seinem Kopf. Er schnippt den Rest einer glimmenden Zigarette in den Schnee und gleitet in gefütterten Armeestiefeln über die spiegelglatte Straße. Paula lässt die Scheibe herunter. Ihr Herz rast, und das Blut pulsiert in den Ohren. Etwas grobschrötig beugt sich der Mann zu ihr in den Wagen.
„Alles okay bei Ihnen?“
Paula kann seinen Schweiß riechen. Sie schluckt und nickt. Er tippt sich mit dem Zeigefinger an die Mütze und atmet laut aus.
„Nächstes Mal ein bisschen langsamer, ja? Ist ‘ne teuflische Kurve.“
Er zieht den Kopf aus dem Wagenfenster, tippt sich erneut an die Tschapka und watschelt zurück zum Lkw. Der Unimog hustet, als er den Motor anlässt. Schwerfällig rumpelt er davon.
Paula kurbelt Paula die Scheibe hoch. Mit zitternden Händen dreht sie den Zündschlüssel. Verdammte Hektik! Sie wirft einen Blick auf die Uhr am Armaturenbrett. Nichts wie weiter.
Die Sonne steht bereits tief, als sie in Trebernitz ankommt, scheint trotz klirrender Kälte aber so kraftvoll, dass sich Paula geblendet eine Hand vor die Augen halten muss. Wie ein Kaleidoskop wirft der Schnee das grelle Licht in die Landschaft zurück. Dicke Eiszapfen hängen wie blank polierte Dolche von den Traufen.
Eine Melkerin läuft über den Hof und kratzt sich im Vorbeigehen am Kopf. Das Futteral aus Filz beginnt bei harter Arbeit furchtbar auf der Kopfhaut zu jucken. Als sie Paula im Wagen sitzen sieht, zieht sie die Hand unter der selbstgehäkelten Mütze hervor, winkt ihr zu und huscht unter den Eiszapfen in den Stall wie eine kleine Maus in ihr warmes Mauseloch.
Die Luft im Caddy hat sich während der Fahrt hierher aufgeheizt, und doch sind Paulas Füße kalt. Trotz der dicken Lammwollsocken. Beklommen dehnt sie ihre Muskeln, Strang für Strang. Der Schreck von eben hängt noch immer in ihren Gliedern.
Ein leises Piepsen. Dankbar für die Verzögerung kramt Paula im Rucksack, dann im Handschuhfach. Findet das Handy schließlich im Fußraum, es muss durch die Vollbremsung von der Ablage gerutscht sein. Eine Nachricht von Philipp, ob sie später noch nachkäme.
Der Polterabend! Paula atmet langsam aus. Schon wieder eines dieser leidlichen Trinkgelage. Examen, Hochzeit, Taufe. Irgendein fadenscheiniger Grund, sich die Rübe wegzusaufen, findet sich immer. Sie beschließt, Philipp später zurückzurufen, und steigt aus. Das Handy bleibt im Auto zurück.
Ein langer Kerl schlendert an Paula vorbei, grußlos, jedoch nicht, ohne sie wahrzunehmen. Ein wacher Blick unter buschigen Augenbrauen und zerzaustem, schulterlangem Haar. Paula kennt ihn nicht. Die Lohnarbeiter, die die Zeitarbeitsfirma regelmäßig auf den Hof schickt, wechseln häufig.
Ein beißender Ostwind peitscht den faulig-süßen Geruch zu ihr hinüber. Wahrscheinlich ist das Güllebecken mal wieder randvoll. Die Tiere hören ja nicht auf zu scheißen, nur weil der Acker gefroren ist und die Jauche nicht wie üblich dort ausgebracht werden kann. Nicht einmal die frostige Luft kann von dem latenten Gestank ablenken. Paula presst die Lippen zusammen und zieht den Schal bis unter die Nase. Mühelos kriecht die harte Dezemberkälte durch ihre Kleidung. Hoffentlich steht die Kuh in einem zugfreien Stall!
Sie läuft um das Silo herum, der wie ein metallischer Wachturm neben den langen, spitz bedachten Baracken thront, in denen die Kühe untergebracht sind, steuert fröstelnd das Büro des Herdenmanagers an. Ihr kerniges Klopfen ist bekannt. Ohne die Antwort abzuwarten, öffnet Paula die Tür.
Abgestandene Luft schlägt ihr entgegen. Unter dem gekippten Fenster brummt ein kleiner Radiator, er strahlt eine Hitze aus, die einem Sommer in der Südsee Konkurrenz machen könnte.
Der Herdenmanager sitzt in einem Drehstuhl. Gelbe Schaumstofffetzen quellen aus kleinen Löchern und Rissen aus dem schwarzen Kunstlederbezug hervor. Hinter dem Schreibtisch haben die Rollen halbmondförmige Abdrücke auf dem abgetretenen PVC hinterlassen.
Der Rechner unter dem Tisch schnarrt, als der Landwirt mit ruckartiger Bewegung seiner Zwei-Finger-Schreibmethode einen Buchstaben auf der Tastatur anschlägt. Nach zwanzig Jahren hätte es der Computer längst verdient, auf dem Elektroschrott zu landen. Doch er tut noch zuverlässig seinen Dienst, wenngleich er permanent grummelt. Zu DDR-Zeiten wurde die gesamte Lebens- und Krankengeschichte einer jeden Kuh handschriftlich auf Karteikarten festgehalten, sortiert in klobigen Holzkisten. Als Lehrling gehörte es damals zu Gerds Pflichten, Ordnung in diesem System zu halten, das nun ausgemustert auf dem Regal verstaubt.
Gedankenverloren kratzt er seine runde Nase. Mitte fünfzig und bald einen ganzen Kopf kleiner als Paula nehmen die grauen Haare langsam, aber sicher überhand. Um die Augenwinkel geben dünne Furchen seinem Blick etwas Warmes, beinah Väterliches. Er ist vor kurzem Opa geworden. Paula kann ihn sich gut mit einem kleinen Kind auf dem Arm vorstellen. Wie er es liebevoll auf seiner Schulter über den Hof trägt und ihm voller Stolz jede einzelne der über vierhundert Kühe vorstellt, seine „Muttis“, wie er die schwarz-weißen Holsteinkühe nennt. Hätten die Tiere Namen statt vierstelliger Nummern auf ihren Halsbändern, Gerd könnte sie sich wahrscheinlich allesamt merken.
Paula bleibt in der Tür stehen.
„Hey, da bin ich.“
Gerd blickt vom Bildschirm auf.
„Pünktlichkeit is‘ eine Zier, doch weiter kommste ohne ihr, was? Madame le docteur is‘ mal wieder zu spät!“
Sein Lächeln konterkariert die aufgesetzte Strenge, die er in seine Worte zu legen versucht. Paula lenkt ihren Puls in ruhigere Bahnen.
„Viele Kühe machen Mühe, weißt du doch.“
Gerd winkt gutmütig ab. Seine Wangen glänzen wie die Haut eines kleinen Ferkels, das zu lange in der Sonne gelegen hat. Ein Umstand, der entweder der übertriebenen Hitze in dem kleinen Büro geschuldet ist oder dem Schuss Weinbrand, den er nicht nur im Winter bisweilen in seinen Nachmittagstee kippt.
„Wem sagst du das! Die haben mir aus Bernau schon wieder einen Serben geschickt, der kein Wort Deutsch versteht. Naja, immerhin kann er Trecker fahren und zupacken. Aber von Geburtshilfe hat er absolut keine Ahnung.“
Er klatscht die Handflächen zusammen und stößt dabei an den kleinen Gummibaumsetzling, der in einem Tontöpfchen kurz zittert.
„Das Kalb liegt mit dem Hintern voran. Geh doch schon mal vor! Letzte Strohbuchte. Ich komm gleich nach.“
Er wendet sich wieder dem Bildschirm zu, als ihm noch etwas einfällt.
„Falls du Hilfe brauchst, ruf Hanne! Die muss irgendwo im Kälberstall rumschwirren.“
Paula zieht die Stirn kraus. Hanne? Diesen Namen hat sie schon eine ganze Weile nicht mehr gehört. Gerd reibt sich die Augen und stützt den Kopf in seine linke Hand. Die Zahlen flimmern vor seinen Augen. Futterrationen, Milchleistungen, Kalbedaten.
„Is‘ vor einer Woche aus der Elternzeit zurückgekommen. Ich bin heilfroh, dass ich sie wiederhabe. Eine meiner besten Kräfte. Hat vor sieben Jahren hier angefangen und is‘ uns seither treu geblieben. Ihr werdet euch verstehen.“
Paula zuckt mit den Schultern. Namen sind doch Schall und Rauch. Hauptsache, die Neue ist wirklich so gut, wie Gerd sagt. So eine Hinterendlage kann lange dauern.
Ihre Schritte knacken auf dem gefrorenen Stroh. Paula muss den festgetretenen Schnee erst zur Seite schieben, um die Tür weit genug öffnen zu können. Die rostigen Scharniere quietschen, beim nächsten Sturm würden sie ganz sicher ausreißen.
Hanne schleppt gerade einen Eimer Wasser und eine Flasche Flüssigseife zur Kuh und wendet sich sofort zur Tür um, als Paula eintritt. Sie erkennen einander im selben Augenblick.
„Paula? Das ist ja unglaublich!“
Sie stürzt auf Paula zu und schließt sie in eine Umarmung, die inniger nicht sein könnte. Wann hat sich ein Mensch zuletzt so gefreut, mich zu sehen? Das sollte Gewissheit genug sein. Es ist tatsächlich Hanne. Paulas Hanne.
Unter einem Stirnband aus Wolle schimmert das schwarze Haar. Ihr langer Bob war damals noch längst nicht in Mode. Doch er steht ihr nach wie vor, lässt ihre Augen spitzbübisch funkeln. Ein Fleecepullover, durch häufiges Waschen ganz ausgeblichen, und eine blaue Steppweste schützen ihre Brust vor der Kälte. Hannes Stimme schwingt vergnügt bei jedem Wort, das sie spricht.
„Deine Haare sind wieder länger. Beinah hätte ich dich nicht erkannt.“ Sie lächelt, und Paula wärmt sich an der Herzlichkeit in ihrem Blick. „Selbst unter der Mütze fällt das auf.“
Sie stellt den Eimer ab und reibt die Hände aneinander. Für den Frost ist es ein Leichtes, durch die Ritzen der alten Dachbalken zu dringen. Er tanzt um die Kühe herum, die auf eingestreuten Sägespänen in ihren Boxen liegen, seelenruhig wiederkäuen und aus feuchten Nüstern weiße Wölkchen in die klirrende Kälte schnauben. Auch aus den Mündern der beiden Frauen verlieren sich kleine Nebelschwaden. Schwer schwebt ihr Atem vor ihren Gesichtern.
„Gerd hat gesagt, dass der Tierarzt kommen würde. Aber du? Und dann auch noch beim Grollmann, du Arme!“
„So schlimm ist es gar nicht. Ich komme viel rum und kann eine Menge ausprobieren.“
Paula zieht Jacke und Wollpulli aus und krempelt die Ärmel ihres Shirts bis zur Schulter hoch. Sofort richten sich die Härchen an ihren Armen auf, eine Gänsehaut rollt ihren Rücken hinab. Sie zieht die Mütze tiefer in die Stirn.
„Nach all den Jahren im Hörsaal darf ich mich endlich in der Praxis bewähren.“
Hinter der Stalltür hängt ein grauer Kittel an einem schief ins Holz geschlagenen Nagel. Das glatte Gummi ist mit der Zeit spröde geworden. Feine Rillen ziehen sich über Paulas Bauch. Es scheint, als würde er lächeln, wenn sie sich bewegt.
„Doch sag mal, wolltest du nicht eigentlich nach Prötz in die Schweinezucht?“
„War ich auch.“
„Und hast bei DeBoer gelernt?“
„Bei Enno. Nach drei Jahren habe ich es dort aber nicht mehr ausgehalten. Das war kurz bevor sein Bruder die Sauenanlage ganz übernommen hat. Zu meiner Zeit hat sich Rouven dort zum Glück hauptsächlich um die Vermarktung gekümmert und nur ab und zu im Stall ausgeholfen. Das Angebot von Gerd kam damals genau zur richtigen Zeit.“
„Aber Kühe sind keine Schweine ...“
Hanne zuckt mit den Schultern. Sie gießt Seife in das dampfende Wasser und stellt sich an die linke Flanke der Kuh. Stützt sich lässig mit einem Arm auf dem Rücken des Tieres ab und hält mit der anderen Hand den Schwanz zur Seite, der unter ihrer plötzlichen Berührung kurz zuckt.
„Gerd hat mir viel beigebracht. Für den Rest gibt es Fachbücher. Und ganz dumm bin ich ja nun nicht.“ Sie lächelt. „Ist so ähnlich wie bei euch Tierärzten. Irgendwie lernt man alles ein bisschen. Der Rest ist Erfahrung und tägliche Arbeit.“
Die Ohren der Kuh flattern. Ohne den Kopf zu bewegen, schielt das Tier nach hinten. Sanft tätschelt Hanne den Rücken der Kuh. Während sich Paula die Arme wäscht, beobachtet sie, wie zwanglos und ruhig Hanne mit dem Tier umgeht.
„Hilfst wohl öfter bei Geburten?“
„Ich liebe es! In Prötz war ich auch am liebsten im Abferkelstall. Bei Kühen ist das nicht anders. Nur die Beziehung, die ich hier zu den Tieren aufbauen kann, ist intensiver als im Schweinestall.“
Das warme Wasser umspült Paulas Finger. Behutsam wäscht sie den verkrusteten Kot von der Scham der Kuh.
„Es ist ja auch deutlich aufwendiger, eine Kuh bis zur Geburt zu bringen als eine Sau.“
Der Schwanz zuckt erneut. Hanne nimmt ihn fester in den Griff.
„Sicher. Eine gute Kuh wirft jedes Jahr ein Kalb. Zu meiner Zeit in Prötz brachte eine Sau im Schnitt ganze 28 Ferkel, und das pro Jahr!“
Paula stößt einen leisen Pfiff aus.
„Wer hätte das gedacht? Dann hat DeBoer die Leistung seines Stalls noch mal gesteigert. Jetzt sind es knapp 32.“
Hanne runzelt die Stirn.
„Masse statt Klasse war noch nie meine Philosophie.“
Überraschend belehrend blickt Paula Hanne an.
„Jedes Ferkel mehr sichert die Existenz des Betriebs und damit die Arbeitsplätze, gerade auf den Großbetrieben. Der Markt ist gnadenlos, das weißt du besser als ich.“
„Selbst wenn unsere Tiere quasi am laufenden Band hergestellt werden und sich ihre Existenz bis zuletzt rechnen muss: Sie haben Leib und Seele. Das sollte dir klarer sein als mir.“
Die Gleitcreme ist eiskalt und zäh, sie lässt sich nur mühsam auf den Handflächen verreiben. Vorsichtig schiebt Paula ihre klammen Hände in die warme Scheide der Kuh. Aufmerksam streicht Hanne über die Kruppe des Tieres. Die muht auf und trippelt mit den Hinterbeinen. Entspannung sieht anders aus.
Langsam tastet sich Paula im weichen Geburtsweg weiter Richtung Gebärmutter, bis ihre Fingerspitzen das Kalb erreichen. Das Gesäß des Fetus ist klein und knochig. Die Kuh muht erneut, lauter, und presst so stark, dass ein nasses, dünnes Schwänzchen aus der Scheide flutscht. Paula versucht, das Kalb im Geburtsweg ein Stück zurückzuschieben, die Hinterbeine müssen zuerst auf die Welt. Die Kuh jault wieder. Es klingt beinah wie das heisere Stöhnen eines Esels.
„Ist ja gut!“
Paula pustet sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht, die unter der Mütze feststeckt und ihre Nase kitzelt. Mit beiden Händen stemmt sie sich gegen das Kalb. Die Kuh geht in die Knie, fängt sich jedoch wieder, bevor sie stürzt und Paula mit zu Boden reißen kann. Kondenswassertropfen funkeln im nur noch schwachen Licht des Sonnenuntergangs an den schmalen Fenstern des Stalls. Die Kälte klebt in der Luft, am Fell der Kuh, an Paulas Armen, in ihren Gesichtern. Beruhigend spricht Hanne auf die Kuh ein, die immer noch den Rücken aufkrümmt und schnauft. Vom Futtertisch aus schauen die anderen Kühe neugierig zu ihnen herüber.
Auch die nächste Wehe geht erfolglos vorbei. Das Kalb bewegt sich nicht einen Zentimeter. Paula schiebt und schiebt und keucht jetzt auch. Kalter Schweiß sammelt sich in ihrem Nacken. Die Arme werden schwer. Lange kommt sie mit ihrer Kraft nicht mehr gegen die Kuh an. Mit 600 Kilo ist das Tier immerhin fast zehnmal so schwer wie Paula.
Mit einem heftigen Ruck presst die Kuh Paulas Hände aus der Scheide. Doch die Erleichterung hält nicht lange an, das Kalb steckt noch drin und fest. Ihr Blick ist erschöpft, so viel kann Paula in den nach hinten gerichteten, dunklen Augen sehen. Sie klopft dem Tier kurz auf die Kruppe.
„Okay, Große, ich überlege mir etwas anderes.“
Sie wird härtere Geschütze auffahren müssen und schöpft aus dem Vollen: Clenbuterol, Denaverin, Ketoprofen. Routiniert injiziert sie die Medikamente in den Oberschenkelmuskel der Kuh. Hanne beobachtet jeden ihrer Handgriffe. Ihre Stimme klingt besorgt.
„Lebt das Kalb noch?“
Überrascht schaut Paula auf. Noch? Offensichtlich hat Hanne andere Erwartungen an den Ausgang dieser Geburt als sie. Oder spricht da die Erfahrung aus ihr? Paula fasst noch einmal in die Kuh.
„Es bewegt sich nicht, und die Fruchtblase ist schon geplatzt. Habt ihr nicht bemerkt, dass die Geburt längst angefangen hat und die Kuh allein nicht weiterkommt?“
„Doch, doch, ich hab regelmäßig nach ihr gesehen. Es schien alles in Ordnung zu sein. Aber ich hatte noch keine Zeit, selbst reinzufassen. Mit den größeren Kälbern da hinten hab ich gerade alle Hände voll zu tun.“
Paula gönnt der Kuh eine kurze Erholungspause und wäscht sich im Eimer das blutige Sekret von den Händen. Das Wasser ist mittlerweile kalt.
Einfühlsam streicht Hanne der Kuh über den Rücken. Das Tier streckt den Kopf nach vorn und lässt die Ohren fallen. Hanne gibt sich einen Moment ganz der Beobachtung des Tieres hin und intensiviert die Liebkosung. Ihre Stimme ist leiser als das Krispeln ihrer streichelnden Finger auf dem Fell des Tieres. Den Stolz darin kann Paula trotzdem deutlich heraushören.
„Ich bin jetzt übrigens Mama. Justus ist gerade zwei geworden.“
Hanne krault noch etwa weiter, dann lässt sie den Schwanz los und reibt ihre Handflächen aneinander, als wolle sie dazwischen ein Feuer entfachen. Über ihre Fußspitzen wippt sie auf und ab. Die Zehenknöchel wölben den vorderen Teil der Stiefel und entspannen sich, wieder und wieder. Ein erfolgloser Versuch, der Kälte zu trotzen. Erstaunt blickt Paula auf.
„Wow! Gratuliere ... das ist toll … deine eigene kleine Familie.“
„Naja, mein eigener kleiner Sohn.“
Paula blickt Hanne prüfend an und gibt sich einen Ruck.
„Und … Justus‘ Vater?“
Hanne lächelt etwas gequält.
„Eine lange Geschichte. Justus war ihm von Anfang an egal, glaube ich. Zwar pocht er gelegentlich auf sein Umgangsrecht. Aber das macht er wahrscheinlich nur, um mich zu ärgern.“
Die Gleichgültigkeit in ihrer Stimme ist eine Spur zu gewollt, das kann selbst ihr strahlender Blick nicht kaschieren. Nicht vor Paula. Selbst nach zehn Jahren nicht. Sie seufzt.
Die Medikamente beginnen zu wirken. Die Kuh wird merklich ruhiger und hört auf zu pressen. Zeit für den nächsten Versuch. Überlegt maßvoll schiebt Paula das Kalb ein paar Zentimeter Richtung Gebärmutter zurück. Nun hat sie Platz und kann mit beiden Händen erst das linke, dann das rechte Hinterbein des Kalbes anwinkeln, um sie anschließend auszustrecken. Matt glänzende weiße Klauen lugen zwischen den Schamlippen der Kuh hervor. Paula legt die Schlaufen zweier dünner Stricke um die Fesselgelenke des Kalbes.
„Klingt kompliziert. Wann fangt ihr früh noch gleich mit Melken an?“
Paula übergibt Hanne die Stricke.
„Um fünf. Es fällt mir nicht leicht, ihn jeden Morgen bei Paps zu lassen, um pünktlich auf der Arbeit zu sein. Aber ich werde hier einfach gebraucht.“
„Gerd scheint sehr froh darüber zu sein, dass du wieder da bist.“
„Wir kommen ziemlich gut miteinander klar. Er ist ein fairer Chef. Dennoch muss ich meine Ansprüche von Zeit zu Zeit überdenken. Manchmal reicht es vorne und hinten nicht. Paps hat schon vor langer Zeit seinen letzten Job verloren. Irgendwie hat er beruflich immer Pech gehabt. Aber so kann er sich wenigstens um Justus kümmern, wenn ich im Stall bin. Schichtdienst wäre sonst gar nicht möglich.“
Schnell klemmt sich Hanne die Enden der Stricke unter die Achsel, um mit den Händen einen Kuhfladen aufzufangen, bevor er auf Paulas Arme fallen und die blitzblanke Scheide wieder verkoten kann. Sie lässt den Fladen neben ihren Stiefeln ins Stroh platschen, wischt ihre Hände am Oberschenkel der Kuh ab und die nimmt die Stricke wieder auf. Ihre Finger sind rot vor Kälte.
„Dank Paps kann ich wieder das eine oder andere Wochenende im Stall arbeiten und bekomme so immerhin die Sonntagszuschläge. Dann muss ich hoffentlich bald nicht mehr jedes Mal nein sagen, wenn wir einkaufen gehen und Justus mit großen Kulleraugen vor dem Keksregal steht.“
Eine Tür klappt. Gerd schlurft um die Ecke, als hätte er Blei in den Stiefeln. Wässrigweiße Schneeflocken hängen in seinen Haaren. Er schaut auf seine Uhr. Am Armband klebt getrockneter Kuhmist.
„Is‘ gleich fünf! Willst du nich‘ los, Hanne? Du bist seit neun Stunden da.“ Er reibt sich die Augen. „Meine Güte, wird das schnell dunkel im Winter.“
Er nimmt Hanne die Stricke ab, und sie vergewissert sich, dass er sie fest in den Fingern hält.
„Mach das große Licht an, bevor du verschwindest, ja?“
Mit leisem Surren flackern die Neonröhren auf, die an langen Ketten unter dem Dach baumeln und den Stall in einen bleichen Schimmer tauchen. Paula kneift die Augen zusammen, um sich besser an die neue Helligkeit zu gewöhnen. Blinzelnd knotet sie die Enden der Stricke um einen glatt gehobelten Holzstab. Gerd nimmt den Stab und strafft die Stricke. Schützend legt Paula ihre Hände von innen um den Damm der Kuh. Bloß nicht einreißen! Für eine chirurgische Wundversorgung hat sie heute durch den Beinahe-Unfall von vorhin eigentlich keine Zeit mehr.
„Wir können das Kalb jetzt holen. Aber es ist ziemlich groß. Pass auf, dass mir die scharfen Zahnkanten des Kälbchens nicht die Finger zerschneiden, wenn du ziehst!“
Ihr Ton ist schärfer als beabsichtigt. Sofort kassiert sie einen genervten Blick von Gerd. Seit sie vor zwei Jahren als Assistenztierärztin bei Grollmann angefangen hat, haben sie und der Herdenmanager schon einige Geburtshilfen zusammen durchgestanden. Paula überlegt. Hanne muss damals gerade in den Mutterschutz gegangen sein. Sonst hätten sie sich früher über den Weg laufen müssen.
Ungeduldig wartet Gerd den Beginn der nächsten Wehe ab. Vorsichtig beginnt er zu ziehen. Erst langsam, bei der Hüfte, die Paula noch ein wenig im Becken der Kuh drehen muss, braucht er mehr Kraft. Routiniert entbindet Paula ein wohlgenährtes Kalb.
Es ist tot.
Gerd schaut zwischen die fruchtwassernassen Hinterbeine. Auf seiner Stirn pulsiert eine Vene.
„Ein Kuhkalb.“ Seine Kieferknochen knacken. „Is‘ noch eins drin?“
Paula schiebt sich noch einmal in die Kuh, tiefer, bis zu den Schultern.
„Ja, es liegt auch verkehrt herum. Ist deutlich kleiner ...“, sie zögert, „aber es lebt.“
Das Baumwollshirt unter dem Gummikittel saugt die nassen Ausdünstungen des Stalls auf. Feuchte Wärme, die von den verschwitzten Körpern ausgeht, ihrem und dem der Kuh, schlägt sich auf ihrer beider Rücken in feinen Tröpfchen nieder, als stünden sie in lauwarmem Nebel.
Nach fünf Minuten ist auch das zweite Kalb entbunden. Es röchelt und hustet einen Schwall Fruchtwasser aus. Blutiger Schleim rinnt ihm von der Stirn in die großen Augen und das halbgeöffnete Flotzmaul. Mit einer Handvoll Stroh rubbelt Gerd das Neugeborene ab. Der gleiche prüfende Blick zwischen die Schenkel, auf winzige Hodensäcke, kaum zu erkennen. Benommen hebt das Kälbchen den Kopf. Muht einen ersten, zaghaften Klagelaut. Gerd reibt sich mit dem Handrücken über die Stirn und schüttelt den Kopf.
„Warum werden bloß immer die Mädels totgeboren? Wir wollen doch Milch produzieren, keine Wurst!“
„Wenigstens lebt eins! Und die Kuh ist auch unverletzt geblieben.“
„Aber viel dran is‘ nich‘ an dem mageren kleinen Ding.“
Seufzend löst Gerd die Haltevorrichtung am Kopf der Kuh. Die dreht sich sofort um, und ihre raue Zunge fährt kratzend über das schwarz-weiße Fell des kleinen Bullen. Mühsam zerrt Gerd das tote Kalb über das Stroh aus dem Stall. Es hat bestimmt 50 Kilo auf den Rippen.
Unter dem noch warmen, dampfenden Leib bildet sich eine dunkelbraune Lache aus geronnenem Blut und schmelzendem Schnee. Er winkt den Serben mit dem Hoflader heran und deutet auf das Kalb. Mit ausdruckslosem Blick lädt er es auf und fährt zum Kadaverhaus. Der Spezialtransporter der Tierkörperbeseitigung kommt nur auf Abruf.
Im Stall steht das Kalb bereits auf wackeligen Beinen und stößt sein nasses Maul ein paar Mal brüsk gegen den Bauch seiner Mutter. Angelt sich mit geschürzten Lippen schließlich eine Zitze und beginnt leise zu schmatzen.
Mit dem restlichen Seifenwasser wäscht sich Paula die Arme sauber und wischt notdürftig den Gummikittel ab. Sie ist so durchgefroren, dass auch Pullover und Jacke nicht mehr helfen, das Klappern ihrer Zähne zu beruhigen. Gerd nimmt ihr den Kittel ab und hängt ihn wieder an den Nagel hinter der Tür.
„Noch Zeit für einen Tee?“
Paula schüttelt den Kopf. Verdammter Polterabend! Ein heißes Schaumbad mit Kardamom und Macadamia, das wäre jetzt was. Sie zieht den Reißverschluss bis unters Kinn.
„Beim nächsten Mal, ja?“
Gerd reibt sich die Oberarme, krempelt die aufgerollten Ärmel seines karierten Baumwollhemdes herunter und eilt durch den Stall nach draußen.
„Gerne. Danke für deine Hilfe!“
Einen Augenblick lang hängt die weiße Wolke seines Atems über der Tür. Durch den Luftzug wird sie nach oben gewirbelt, zwischen die Maschen der Spinnennetze hindurch, die in der eisigen Luft unter den staubverschmierten Fenstern glitzern.
In einen dicken Anorak gemummelt guckt Hanne noch einmal um die Ecke. Ihr grünes Diamant-Rad lehnt neben der Stalltür. Mit schmachtendem Blick, der vielleicht nur Müttern zu eigen ist, die selbst schon einmal ein Kindchen an der Brust nuckeln hatten, schaut sie auf das saugende Kalb. Sie dreht sich um. Das Funkeln in ihren Augen bleibt, als sie Paula in eine herzliche Umarmung schließt.
„Es ist so schön, dass wir uns wiedergetroffen haben. Wenn du mal früher Schluss hast, komm doch zum Abendessen bei uns vorbei, was meinst du?“
„Mein Kalender für die nächsten Tage ist rappelvoll, und ab morgen habe ich eine Woche lang nächtlichen Bereitschaftsdienst. Nächsten Freitag?“
„Passt. Vielleicht sehen wir uns vorher noch mal. Irgendeine Kuh wird ja immer krank.“
„Bestimmt. Mach‘s gut!“
„Du auch.“
Hanne steigt auf ihr Rad, und Paula sieht ihr lange nach. Wie ihr farbenfroher Schatten in der Dunkelheit dieses Abends allmählich verschwindet. Paulas Blick schwebt durch das offene Seitentor des Stalls in die Ferne und verliert sich hinter dem Silo. Als versuche sie, irgendwo auf der Landstraße die verstrichene Zeit zu entdecken.
Die Schmerzen in den Armen lassen nicht lange auf sich warten. Erste Blutergüsse schimmern bereits rot und blau auf Paulas Unterarmen. Das Kalb, das in dem knochigen Becken der Kuh feststeckte, war lang und schwer gewesen. Paula fährt sich mit den Händen durchs Haar und massiert ihre pulsierenden Schläfen. Ihre Füße sind noch immer eiskalt. Sie imitiert Hannes Zehenbewegung in den Stiefeln, während sie tippt. Ein lustloser Blick in die Aufzeichnungen und die letzten Anschläge auf der Tastatur, dann sind die Rechnungen korrekt adressiert, die Behandlungen mit Nummern versehen und einem entsprechenden Betrag zugeordnet.
Der Drucker brummt, gibt die Seiten nur widerwillig frei. Paula rafft sie zusammen und stapelt sie zur Durchsicht auf Grollmanns Schreibtisch. Den Schlüssel des Dienstwagens legt sie in die Schublade. Als sie endlich die Tür hinter sich zuzieht, zeigt die Uhr im Behandlungsraum halb acht.
Draußen ist es stockdunkel. Schwarz wölbt sich der Himmel herab. Die mit Schnee geblähte Luft drückt ihn förmlich zu Boden. Erschöpft fällt Paula auf das harte, kalte Sitzpolster ihres Autos. Der Schutzbezug raschelt leise zur Begrüßung. Die wohltuende Stille kurz vor der Einstimmung auf den verdienten Feierabend, ein heiliger Moment für Paula, wird durch das laute Piepsen ihres Handys abrupt unterbrochen. Sie hat die Hand schon an den Zündschlüssel gelegt. Jetzt hält sie hält inne und lässt das Telefon klingeln, kann sich schon denken, wer dran ist. Starr bleibt Paula sitzen. Schließlich beginnt ihr Atem, von innen an der Windschutzscheibe zu gefrieren. Das Handy verstummt, und Paula findet keinen Vorwand mehr, auf dem Parkplatz vor der Praxis weiter Zeit zu schinden.
Das Kopfsteinpflaster in Berlin-Wannsee ist von einem glatten Schneeflaum überzogen, es erinnert Paula an mit Puderzucker überzogene Pfeffernüsse. Ihr Magen rumpelt, was vermutlich der unebenen Straße geschuldet ist. Oder der Tatsache, dass sie in der Eile mal wieder nicht daran gedacht hat, etwas zu essen. Ob sich irgendwo noch ein Müsliriegel fände? Mit der linken Hand versucht sie, das Lenkrad auf dem buckeligen Asphalt zu halten, mit der rechten, das Handschuhfach zu öffnen. Es ist leer. Ihr Magen grummelt erneut. Vielleicht gäbe es ja noch Canapés.
Die mannshohen Hecken der Vorgärten sind alle akkurat beschnitten. Dichte Nadelwälle, die hinter den in Beton eingefassten Metalltoren aufragen und, auch im Winter, wenn alle anderen Bäume ringsumher ihre Äste nackt und kahl in den pfeifenden Wind halten, jeden Blick auf das Innere der Grundstücke aussperren. Die frostbedeckten Spitzen funkeln im Licht der Laternen. Immer dichter stürzen die Schneeflocken durch die schmalen Lichtkegel der Straßenlaternen auf den Boden. Kleine Pfeile aus Eis, die sich an die Fasern der Mütze heften, Paulas Wimpern und die feinen Härchen in der Nase verkleben. Paula muss blinzeln, um etwas erkennen zu können. Die protzigen Karren der Gäste sieht sie schon von Weitem am Gehweg stehen.
Vor einem mächtigen Torbogen aus schroffem Sandstein hockt zwischen zwei Mülltonnen eine junge Frau auf dem Boden. Ein spindeldürres Gerippe in knappem, türkis glitzerndem Cocktailkleid, das dem eisigen Wind eine große Angriffsfläche auf unbedeckte Haut bietet. Sie zappelt wie ein Fisch um Atem ringend auf zu seichtem Grund, und versucht, mit einem Handfeger Porzellanscherben auf eine Schippe zu schieben. Die schneeverklumpten Borsten kleben zusammen, sie schabt damit mehr über den Bürgersteig, als dass sie die Scherben wirklich aufkehrt. Paula tritt näher und bemerkt den Tremor in den zarten Gliedern der Frau. Ein feinmaschiges Bolerojäckchen umhüllt ihre schmalen Schultern. Das Leder ihrer Riemchenpumps ist nass und fleckig vom Streusalz. Einem mitfühlenden Impuls folgend möchte Paula dem Fischlein ihren gefütterten Anorak umlegen. Doch der verbitterte Tonfall der jungen Frau hält sie zurück. Mit schriller Stimme hackt sie auf ihren Begleiter ein, der einen halben Meter entfernt mit bloßen Fingern ebenfalls Scherben aufklaubt.
„Sag deinen Scheißfreunden endlich, dass sie aufhören sollen, immer wieder die Tonnen umzuschmeißen!“
Aus der Dunkelheit dringen johlende Stimmen zu ihnen herüber. Ein Scheppern und das Klirren weiterer Scherben. Wütend schleudert die Frau den Handfeger nach ihnen.
„Ihr Scheißkerle!“ Unbeholfen stöckelt sie auf der Stelle und reibt sich die Arme. „Das ist der schlimmste Polterabend, den ich je erlebt habe. Und ich darf mich nicht einmal in Ruhe besaufen.“
Der Mann blickt sie an und murmelt ein paar deftige Flüche, steht auf und schiebt die Scherben mit den Schuhen zusammen.
„Reg dich ab und hilf mir!“
Das Fischlein stöhnt auf, dann geht es wieder in die Hocke. Unbemerkt schleicht Paula an ihnen vorbei durch das offene Tor.
Die Villa steht auf einem Hügel, der sanft zum vorderen Teil des Gartens hin ausläuft. Eine langgezogene Treppe mit breiten Stufen, links und rechts von schwach leuchtenden Solarlichtern flankiert, führt Paula zum Haus. Langsam stakst sie hinauf, die Steinfliesen sind rutschig. Im Halbdunkel sucht sie nach einem Handlauf, greift aber immer wieder ins Leere. Stufe um Stufe.
Die Zimmer hinter den Fenstern der Terrasse sind hell erleuchtet. Funkelnde Farbtupfer, rückenfrei, schulterfrei oder mit langem Beinschlitz, schwirren um dunkelblaue und schwarze Sakkos herum. Die breiten Flügel der Terrassentür sind nur angelehnt. Wortfetzen und Gelächter, beschwingte Musik und das Geräusch klirrender Gläser dringen aus dem Festsaal nach draußen. Offensichtlich nähert sie sich der Villa nicht durch den Haupteingang.
Im Schatten einer Säule des Vordachs scheint sich jemand zu verbergen. Nur das Aufleuchten seiner Zigarette verrät ihn, ein glühender roter Punkt mitten im Dunkeln glimmt auf und erlischt, glimmt auf und erlischt, wieder und wieder, Paulas gesamten Weg hinauf. Bis sie die letzte Stufe genommen hat. Starr steht er an den kalten Beton der Säule gelehnt und bewegt sich nicht. Nur sein Blick folgt ihr Richtung Tür. Gemächlich schält er seine linke Gesichtshälfte aus dem Schatten.
Das zerknitterte Tuch in der Brusttasche seines Smokings aus dunklem Brokat ist nur liederlich hineingestopft, die Motive nicht leicht zu erkennen. Totenköpfe?
Ein unverschämt intensiver Blick aus stahlgrauen Augen gleitet an Paula hinab.
„Oha, Jeans! Da hat jemand so richtig Bock aufs Feiern, was? Ich glaube, heute wurde um einen etwas eleganteren Dresscode gebeten.“
Er saugt an der Zigarette und stößt pfeifend die Luft aus. Paula muss sich zwingen, ihn anzusehen. Erfahrungsgemäß ging höfliches Benehmen auf solchen Partys zwischen dem dritten und vierten harten Drink gänzlich verloren. Sie beschließt, gleich auf eine Vorstellung oder wenigstens einen knappen Gruß zu verzichten.
„Ich suche Philipp.“
Der Ausdruck auf seinem Gesicht ist meilenweit von einem Lächeln entfernt, obgleich seine Mundwinkel zucken.
„Kenn‘ ich nicht.“
Sie dreht sich nur zögerlich um. Es behagt ihr ganz und gar nicht, ihm den Rücken zuzukehren. Ihre Hände erreichen den Türknauf. Doch seine tiefe Stimme hält sie zurück. Die Art, wie er die Worte dehnt, fährt Paula bis ins Mark.
„Kennst du diese Spielzeugpistolen, mit denen man kleine Styroporpfeile abfeuern kann?“
Sie dreht den Kopf und schaut ihn über die Schulter hinweg von der Seite an. Er taxiert sie ungeniert weiter, ohne zu blinzeln. Mit spitzen Lippen zieht er an der Zigarette und bläst in einem endlosen Schwall den weißen Rauch aus seinem Mund, der wie eine dichte Wand vor seinem Gesicht in der Luft unter dem Dach stehenbleibt.
„Ich habe dem Chemielehrer mal eine dieser Spritzpullen mit Alkohol geklaut. Wir haben die Pfeile damit getränkt und angezündet.“
Wieder glimmt die Zigarette auf.
„Und dann Hühner beschossen. Ich von links mit der Pulle, mein Bruder von rechts mit den Pfeilen. Eins haben wir getroffen.“ Mit einer achtlosen Bewegung schnippt er die Kippe auf den verschneiten Rasen, wo sie sofort erlischt. „Echt geil, wie das brennende Biest über den Hof flatterte, bevor es halb verkohlt auf dem Boden zusammengebrochen ist!“
Er saugt die kalte Winterluft ein und schluckt sie lautlos hinunter.
„Wir haben Regenwürmer aus der Erde gepuhlt und auf den Acker geschmissen, um die Viecher aus Nachbars Garten anzulocken.“
Es gelingt Paula, ihrer Stimme Festigkeit zu verleihen.
„Das ist total widerwärtig.“
Erst jetzt nimmt sie Notiz von dem Glas in seiner Hand. In einem Zug spült er den Wodka hinunter. Zuckt provozierend gleichgültig mit den Schultern, ohne Paula aus den Augen zu lassen. Entweder ist er noch nicht voll genug oder er hat sich extrem gut unter Kontrolle.
Eine Terrassentür knarzt. Die Stimmen, die in die Nacht hinausflirren, werden für einen Augenblick lauter. Fröhliches Schwatzen weht nach draußen. Hämmernde Synthesizer, dumpfe Bässe und ein Schwung trockener Luft. Paula hört, wie jemand hinter ihr auf die Veranda tritt und viel zu dicht neben ihr stehenbleibt.
„Hey, Chris, machst du dich gerade an mein Mädchen ran?“
Die Hand auf ihrer Hüfte zieht er Paula zu sich heran. Mit glasigem Blick schaut Chris die beiden an. Paula unterdrückt ein Schaudern, aber sie wagt nicht, sich aus Philipps Griff zu winden, obwohl sie weiß, was kommt. Mit eindringlichem Blick wendet sie sich zu ihrem Freund um. Bitte lass nicht zu, dass er sich an einer Intimität weidet, die ihn nichts angeht!
Ihr stilles Flehen dringt nicht zu Philipp durch. Paula merkt, dass er bereits mehr getrunken hat, als ihm guttut. Mit der Nasenspitze schiebt er ihre Mütze hoch und drückt ihr einen unbekümmerten Kuss auf die nackte Stelle neben dem Haaransatz hinter dem Ohr. Chris‘ Blick flackert auf. Paula zupft an ihren Haaren. Versucht, die Stelle wieder zu verdecken, als sei sie durch den Kuss verletzt worden. Zu heftig, um beiläufig zu wirken, schlägt Chris ihrem Freund auf die Schulter.
„Ich wusste nicht, dass sie zu dir gehört, Mann.“
Philipp schafft es nicht, seinen Worten die Lässigkeit zu verleihen, die er gern an den Tag legen will.
„Jetzt weißt du es.“
Chris lacht laut und hart. Weicht mit dem Oberkörper ein Stück zurück und hebt beschwichtigend die Hände in die Luft.
„Bleib cool! Wir haben nur ein bisschen geplaudert.“
Philipp lässt sich von Chris‘ Abgeklärtheit täuschen.
„Doch nicht schon wieder diese abartige Federviehgeschichte, hoffe ich.“
Paula schüttelt kaum merklich den Kopf. Eine winzige Regung nur, um dieser bizarren Situation nicht unnötig Bedeutung beizumessen und ihr endlich ein Ende zu setzen. Zu spät merkt sie, dass sie mit dieser Notlüge in Chris‘ Falle getappt ist. Ein triumphierendes Grinsen umspielt Chris‘ Mundwinkel. Ein Grinsen, das ihr gilt und ihm selbst und das Philipp nicht bemerkt.
Plötzlich dringt ein durch die Hecke gedämpfter Schrei auf die Terrasse.
„Scheiße, scheiße, scheiße!“
Chris stellt das leere Wodkaglas auf das Fensterbrett und steigt mit überraschend festem Gang die ersten Treppenstufen hinab.
„Martin, was ist los?“
Von unten kommt ihnen eine panische Stimme entgegen.
„Jessi ist verletzt.“
Im orangenen Licht der Solarleuchten humpeln die beiden Scherbenkehrer die Treppe hinauf. Mit ängstlichem Gesicht presst das türkisfarbene Glitzerkleidchen die rechte Hand auf ihren Bauch. Eine runde, dunkle Stelle auf dem hellen Stoff, direkt über dem Bauchnabel, da, wo die Hand sitzt. Offenbar versucht sie, eine Blutung zu stillen. Hilfesuchend kreist ihr Blick zwischen Chris, Philipp und Paula hin und her.
„Irgendein Idiot hat Glas zwischen das Porzellan geschmissen!“
Rüde greift Martin nach Jessis Unterarm und dreht ihn nach oben. Sie wimmert, öffnet die zerschnittene Hand und spreizt die Finger. Ihre Augen bleiben an Paula hängen, die einen schnelle Blick auf die Hand wirft. Jessi kann ihre Finger bewegen, das ist kein schlechtes Zeichen. Blut quillt aus der Wunde und rinnt über die Hand. Tropft auf die Steinfliesen und hinterlässt hellrote Sprenkel auf Jessis Nylonstrümpfen und den Riemchen ihrer Pumps. Paula verspürt einen Anflug von Mitleid.
„Mach mal lieber eine Faust!“
Jessi gehorcht und schließt die Hand. Doch das Blut tropft weiter auf den Boden, als wränge sie einen mit roter Farbe getränkten Lappen aus. Paula wirft einen kurzen Seitenblick auf Philipp, der steif und blass, den Blick in die Ferne gerichtet, weg von der blutigen Hand und dem Boden, am Erker lehnt.
„Gibt‘s hier Verbandszeug?“
Martin kickt mit dem Fuß gegen die Terrassentür, heftiger als nötig, sie war ja nur angelehnt.
„In der Küche, glaube ich.“
An seinem Arm stolpert Jessi durch das Atrium. Paula passt sich bereitwillig dem Tempo der beiden an. In einer Küche, die beinah so groß ist wie Paulas gesamte Wohnung, lässt Martin seine zukünftige Braut auf einen Holzstuhl sinken und sucht den Sanikasten. Findet ihn in einem Schrank, in dem Putzmittel, Lappen und Spültücher verstaut sind.
Mit den Zähnen reißt Paula die Verpackung einer Mullkompresse auf, sorgsam darauf bedacht, die weiche Gaze nicht versehentlich mit dem Mund zu berühren. Ein heftiges Schluchzen rüttelt an Jessis Schultern wie Sturm an einem dünnen Grashalm. Sie ist aschfahl im Gesicht und ihre Stimme zittert.
„Eigentlich soll man doch nur Porzellan schmeißen, weil Scherben aus Glas Unglück bringen, oder?“
Etwas grob drückt Paula die Kompresse auf Jessis Hand. Sie schaut irritiert auf. Das wäre das Letzte, worüber sie sich in Jessis Situation Gedanken machen würde. Den Zynismus in ihrer Stimme kann sie nicht verbergen.
„Da meint es ja jemand richtig gut mit euch.“
Die Kompresse saugt sich sofort mit Blut voll und bleibt an Jessis Hand kleben. Paula löst sie vorsichtig ab und inspiziert die Wunde, bevor die Hand gleich wieder von Blut geflutet wird. Ein tiefer Schnitt, vom Daumenballen bis zum Ansatz des kleinen Fingers. Sie kann die Sehne erkennen, die unverletzt aussieht.
