3,99 €
Vierzehn Kurzgeschichten aus den siebziger, achtziger und neunziger Jahren des vorigen Jahrhunderts. Die Hauptfiguren sind ein gewisser Micky, ein zappeliger Typ mit großer Klappe und der Autor Alfons Hecht, der mit diesem Micky schon ewig befreundet ist und immer wieder in die Stories dieses verrückten Vogels verwickelt wird. Und dann sind da noch die ganzen anderen krummen Vögel und schrägen Hechte. Schauplätze sind die Eifel, der Hunsrück, der Westerwald, Berlin, die DDR, München und die Türkei. Die Erzählungen finden im Künstlermilieu, auf der Trabrennbahn, in der Drogenszene und anderen Randbereichen der Gesellschaft statt.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 212
Veröffentlichungsjahr: 2015
www.tredition.de
Alfons Constantin Hecht
Schräge Hechte
Kurzgeschichten
www.tredition.de
© 2015 Alfons Constantin Hecht
Verlag: tredition GmbH, Hamburg
ISBN
Paperback:
978-3-7323-7744-2
Hardcover:
978-3-7323-7745-9
e-Book:
978-3-7323-7746-6
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
Titelbild: Walter Wellenstein, Berlin, 1955.
Inhalt
1. Eifel-Probleme
2. Pallotti
3. Undercover-Hunsrück I
4. Undercover-Hunsrück II
5. Disco Tour
6. Mona
7. Doller Hecht
8. Zahltag
9. Bulli I-Glatteis
10. Bulli II-Abschleppdienst
11. Bulli III-Istanbul
12. Dora
13. Engelbert
14. Schräge Geschäfte
1. Eifel – Probleme
Es war nachts, kurz vor Vier. Das Telefon klingelte. Wir hatten Sommer und die meisten Menschen werden behaupten, dass vier Uhr im Sommer vier Uhr morgens bedeutet. Aber es war Sonntag, ein Sonntag, dem ein fröhlicher alkoholgetränkter langer Samstagabend vorausgegangen war. Und ich hatte das Gefühl, mich gerade erst hingelegt zu haben.
Daher bleibe ich dabei, es war Nacht und welcher Schwachkopf hat das Bedürfnis mit anderen Menschen um diese Uhrzeit ein Gespräch zu führen? „Geh bloß nicht dran!“ sagte ich zu meiner Frau, auf deren Bettseite sich das Mistteil von Telefon befand und unaufhörlich weiter drängelte.
Das ist bestimmt wieder eine von ihren Schwestern aus Berlin, von denen es drei gibt. Und jede von den Dreien ruft mindestens zweimal am Tag an, was für alle drei am Monatsende ne ganz schön fette Telefonrechnung geben muss. Wir waren vor ein paar Jahren aus Berlin ins Elsass gezogen und das liegt heutzutage in Frankreich. Also Auslandsgespräche. Aber jetzt mitten in der Nacht, nachdem man sich gerade erst hingelegt hatte? Die mussten endlich gemaßregelt und erzogen werden, diese respektlosen, aufdringlichen Schwägerinnen!
Deshalb wiederholte ich noch einmal:
„Geh bloß nicht dran!
Oder heb ab und lass den Hörer direkt wieder fallen!
Oder besser noch, gib mir das Teil! Ich werde deiner Schwester mal die Meinung geigen. So geht´s nicht.“
Das Ding schrillte weiter.
Vielleicht haben Frauen das feinere Gespür oder das Gehör dafür, wann ein Klingelton aussagen will, dass es sehr dringend ist. Sie hob ab.
An ihrer Anspannung, wie sie kerzengerade im Bett saß und ihrem besorgten Tonfall merkte ich, es musste was Ernstes sein.
„Nein, das glaube ich nicht. Das ist ja schrecklich.“ war ihr erster Satz, nachdem sie eine Weile zugehört hatte.
„Ich gebe Dir den Alfons“, womit sie mich meinte,
„er liegt neben mir. Tschöö!“
Es war Micky.
„Quicky Micky“, wie er bei all denen heißt, die ihn kennen.
„Quicky“, weil er so zapplig und quirlig ist und nicht weil besonders schnelles Laufen zu seinen Talenten zählt. Im Gegenteil, in dieser Disziplin bewegt er sich wie ein Fischotter an Land. Er hat zwar lange Beine und einen ausschreitenden schnellen Gang. Beim Wandern kann jederzeit noch einen Zahn zulegen und alle Anderen in Grund und Boden marschieren.
Aber wenn es ans Laufen geht, fehlt irgendwas bei ihm in der Übersetzung.
Es sieht fürchterlich aus.
So wie wenn ein Trabrennpferd in Galopp verfällt.
Scheint irgendwie auf der Stelle zu treten. Ist einfach nicht sein Metier.
Man kann da gar nicht lange hinschauen. Man wendet zwangsläufig den Blick von dem grausamen Schauspiel.
Auch früher beim Fußball war er eine absolute Null. Sowohl in den Schulmannschaften, als auch in den späteren Thekenmannschaften, bei denen eigentlich mehr Dope als Bier konsumiert wurde, war er meist einer der Letzten, die ausgewählt wurden, wenn es galt zwei Teams zu bilden.
Sein Element aber ist das Wasser. Beim Schwimmen und beim Tauchen, da ist Micky ein Ass. Er konnte in Schulzeiten am weitesten und längsten tauchen. Beim Wettschwimmen schlug er uns alle um Längen. Besonders elegant sah es aus, wenn er am Beckenrand ankam und mit einem Satz aus dem Wasser war. Jeder musste sich nach der Tortur des Wettschwimmens mühsam an der Beckenkante hochziehen und sich dann hochstemmen. Micky sprang, sich nur mit einer Hand abstützend, mit der Leichtigkeit eines Fischotters an Land.
Jetzt benutze ich das Beispiel eines Fischotters schon zum zweiten Mal.
Aber wenn ich es recht bedenke, wenn ich ihn mit einem Tier vergleichen müsste, liege ich mit dem Fischotter eigentlich genau richtig. Irgendwie sieht er auch aus wie dieses Tier. Langer, stromförmiger Körperbau, kleiner Kopf und einem Schnurrbart, der noch zusätzlich an einen Otter erinnert. Außerdem hat er wache, intelligente, hellblaue Augen. Ich weiß nicht ob ein Otter blaue Augen hat, wahrscheinlich nicht, eher dunkelbraune. Aber was ich mit dem Vergleich sagen will, es sind besonders diese lustigen, neugierigen und wachen Augen, gepaart mit dem leicht verschmitzten Lächeln der Mundwinkel, die an einen Otter erinnern lassen.
Wenn Micky redet, sind meist seine langen Arme beteiligt. Was oft zur Folge hat, dass Gläser, Flaschen, Tassen, Kannen oder Sonstiges zu Bruch gehen. Überhaupt hat er eine Unruhe in sich, die es ihm kaum erlaubt ruhig zu sitzen. Oftmals kann er drei, vier Sachen auf einmal machen. Er bringt es fertig mit einer Hand eine Zigarette zu drehen, in der Anderen eine Tasse Kaffee zu halten, mit einem Fuß - im Sommer läuft er meist barfuß - mit den Zehen in einem Blumentopf die Erde zu prüfen, ob die Pflanze Wasser nötig hat und mit dem anderen Fuß zum Takt der Musik aus dem Radio zu wippen. Was seine Art und Weise zu reden betrifft, ist er witzig, sehr schlagfertig, direkt, manchmal zynisch. Und wenn er was getrunken hat, ist er laut und provozierend, was ihn dann oft leicht in große Schwierigkeiten bringt.
Und in solchen Schwierigkeiten schien er im Augenblick wieder zu stecken.
Er hörte sich schlimm an auf der anderen Seite der Leitung, wo immer er auch sein mochte.
Micky flüsterte und sprach doch sehr eindringlich.
„Du musst sofort kommen und mich hier rausholen!“ machte er mir unmissverständlich mit wenigen Worten klar.
„Was ist los? Wo bist Du?“ wollte ich wissen.
Jetzt wurde er ungehalten und lauter:
„Stell keine dämlichen Fragen, Mann! Komm so schnell Du kannst!
Die Scheißbande will mich umbringen.“
Seine schroffe Ansage machte mir klar, dass es ernst war.
Ich musste jetzt schnell in die Gänge kommen.
Trotzdem, meine Frage musste ich wiederholen:
„O.k., Micky. Bin schon unterwegs. Aber noch mal.
Wo bist Du?
Ich kann nicht ins Auto springen und losrasen, wenn ich noch nicht mal weiß wohin. Und wer will Dich umbringen? Wie viele sind es?
Ich frage Dich ja noch nicht mal warum. Die ganze Story kannst Du mir später erzählen.“
Er erklärte mir wo ich hin musste. Er war in einem kleinen Nest in der Eifel. Irgendwo zwischen Prüm und Bitburg. Nicht weit weg von der Künstlersiedlung, wo er zurzeit in einem Bauwagen hauste.
Micky hatte sich plötzlich entschieden Künstler zu werden, genauer gesagt Bildhauer. Das war jetzt sein Ding. Er bearbeitet riesige Brocken von Buntsandsteinen nur mit der Hand bzw. mit Hammer und Meißel, und er ist gar nicht mal schlecht darin.
„Hast Du’s?“ fragte er mich.
„Beeil Dich, Mann! Die suchen immer noch nach mir. Die haben von meinem Wagen alle vier Reifen plattgestochen. Sind mindestens zwölf Typen. Völlig durchgeknallte Bauern hier aus dem Dorf und der Umgebung. Ich muss jetzt wieder schnellstens in Deckung gehen. Um Punkt sechs steh ich wieder hier an der Telefonzelle und warte auf Dich. Es gibt nur eine Telefonzelle in dem Kaff.
Ich hab mir eine Steinsammlung zugelegt, damit kann ich die Bande eine Zeitlang auf Distanz halten.“
„Na, dann bin ich ja beruhigt“, gab ich ihm zur Antwort.
„Halt durch! Bin bald bei Dir.“
Was meine entspannte Einstellung zu Mickys Vorrat an Steinmunition betraf, war kein blöder Spruch. Mit Kieselsteinen konnte er wirklich umgehen. Schon in Schulzeiten war er mit dem Schlagball nicht nur Klassenbester, sondern auch jedes Jahr Champion der ganzen Schule. Wenn es in dieser Disziplin Preise oder Gelder zu gewinnen gäbe, Micky könnte überall in der Welt antreten.
Aber nicht nur in der Weite, sondern auch in der Zielgenauigkeit, ist er ein Phänomen. Er knallt auf dreißig Meter Entfernung Bierflaschen reihenweise weg, wo andere Typen mit einer Pistole oder einem Revolver auf diese Distanz Probleme haben, überhaupt einen einzigen Treffer zu landen.
Micky hatte es einfach raus, den ganzen Bewegungsablauf.
„Schulter, Oberarm, Unterarm, Hand und im richtigen Moment den Stein loslassen und auf die Reise schicken. Mit Auge und Kopf das Ding ins Ziel führen.“ So ungefähr hatte er mir mal die Sache erklärt. Es war jedenfalls richtig Schmackes hinter seinen Geschossen.
Ich erinnere mich, wir waren mal zu Viert ein paar Tage unterwegs. Wir hatten absichtlich kein Geld dabei. Überlebenstraining in deutschen Wäldern. Wir lebten von Kräutern, Pilzen, Flechten und ab und zu stahlen wir den Bauern ein bisschen Gemüse aus den Gärten. Uns gelüstete es bald aber auch nach Fleisch. Als wir an einen Fluss kamen, ich glaube es war die Lahn, schwamm da eine Ente. Gut dreißig Meter weit weg, mitten im Strom zwischen beiden Ufern. Micky erledigte sie mit einem einzigen Wurf, genau an den Kopf. Danach sprang er sofort in den Fluss, kraulte zu dem Tier und holte die Beute aus dem Wasser.
So eine Ente gehört einfach in einen Backofen. Am Feuer grillen würde ich keinem raten. Ist eine zähe, scheußliche Sache.
Jedenfalls musste ich jetzt sehen, dass ich schnell los kam, um meinen alten Freund Micky rauszuhauen.
Für Kaffeetrinken war keine Zeit mehr. Aber eine doppelte Schnitte Brot musste ich mir noch schnell machen. Essen konnte ich auf der Tour. Morgens brauche ich was zwischen die Kiemen, sonst komme ich nicht in die Gänge. Und erst recht, wenn man in den Krieg ziehen muss.
Als Waffe schnappte ich mir ein japanisches Samurai-Schwert, ein seltenes Stück aus dem 14. Jahrhundert.
Keine lange Katanaklinge, sondern eine Nummer kleiner, ein Wakizachi. Besser für den Nah- und Häuserkampf geeignet.
Ich hatte das schöne seltene Stück eigentlich als gute Geldanlage erstanden, aber Schusswaffen besaß ich leider keine.
Für Micky nahm ich eine Südseekeule von den Fidschi-Inseln mit.
Schweres massives Holz, ungefähr 110 cm lang.
Liegt gut in der Hand. Wie ein Baseballschläger.
Ist nur nicht abgerundet, sondern von einem Grat in der Mitte zu beiden Seiten abgeflacht und in scharfe Kanten auslaufend.
Schneidet Haut und bricht Knochen.
Gegen den Kopf geschlagen absolut tödlich.
Ich hatte Micky irgendwann einmal genau so eine Keule geschenkt.
Vor ein paar Wochen gab’s jedoch Zoff in der Künstlersiedlung.
Einmal im Jahr ist dort im Sommer ein vierwöchiges Symposium. Von überall her reisen eine Menge Künstler und Möchtegernkünstler an und hauen und pickeln an den Steinen herum.
Männliche Bildhauer sind in diesem Metier in der Überzahl. Die wenigen weiblichen Akteure sind rar. Micky hatte die ganze Zeit eine junge Künstlerin angebaggert. Sie hieß Gretel.
An einem Abend saßen alle Künstler um ein großes Feuer, tranken und feierten. Eigentlich tranken und feierten sie jeden Abend. Aber heute war die Stimmung besonders gut. Und welcher Tag oder Abend wäre besser gewesen als dieser, um die heiße Gretel abzuschleppen.
Wer Gretel dann abends abgeschleppt hatte, war Alberich, der siebzigjährige Platzhirsch und Guru der ganzen Siedlung.
Seine ranzigen Komplimente kamen bei der süßen Gretel besser an.
Das Leben kann manchmal grausam sein.
Micky war mit der Situation total überfordert. Er hatte auch schon ganz schön Sprit getankt. Jedenfalls war der angestaute Zorn übermächtig und brauchte ein Ventil. Er marschierte zu seinem Bauwagen, holte seine Fidschi-Keule und erschreckte dann die ganze Meute von Künstlern, die um ein Feuer geschart friedlich zusammensaßen. Er schlug mit der Keule einigen Leuten die Bier- und Weinflaschen kaputt. Dann stürzte er sich mit einem Schrei auf eine große stehende Steinskulptur und machte den Wahnsinn perfekt. Er schlug dem Teil mit einem sauberen Schlag den Kopf ab.
Die schöne Südsee-Keule war allerdings auch hin.
Künstler sehen es im allgemeinen nicht so gerne, wenn ein Anderer eines ihrer Werke zerstört. So traf Micky die weise Entscheidung, sich aus dem Staub zu machen und erst einmal Gras über die Sache wachsen zu lassen.
Aber jetzt stressten ihn schon wieder irgendwelche Leute.
Wurde Zeit, dass ich loskam.
Ein guter Schiss ist oft der Höhepunkt eines Tages. Der ganze Stress brachte mich um diesen Höhepunkt.
Das Gesicht meiner Frau sah beim Abschied auch nicht gerade erfreut aus.
Ich war mir nicht sicher wie ich es deuten sollte.
War sie in Sorge um ihren Mann, der hinaus in die gefährliche Wüste musste oder ärgerte sie sich über den entgangenen Guten Morgen-Fick.
Ich hechtete los und trat in die Pedale.
Sonntag morgens, um diese Zeit hat man eine total freie Strecke.
Unterwegs machte ich mir meine Gedanken.
Je länger ich nachdachte, desto mehr peitschte und jagte ich die Kiste.
Was war mit diesen ausgeflippten Eifelbauern los, dass sie mittlerweile unschuldige Zeitgenossen massakrierten? Normalerweise ist der Menschenschlag in dieser Gegend doch eine der angenehmeren Sorte deutscher Spezies.
Wer weiß was für Drogen diese Dörfler mittlerweile nehmen. „Speed“ oder irgendwas Selbstgebrautes. Jedenfalls irgend so ein Zeug, das sie total durchdrehen ließ.
Vielleicht lag es aber auch an den Amis, die in der Nähe von Bitburg ihre Air-Base und unterirdische Munitionslager haben. Chemie- und Biowaffen!
Kam sicherlich nicht bloß aus der Gerüchteküche, dass die irgendwie solche Versuche machten, von denen die Einheimischen allerdings nichts Genaueres wussten. Und die Sache war möglicherweise außer Kontrolle geraten. Verstärkt noch durch die vorherrschende Inzucht in den Dörfern, war die Bevölkerung in dieser Gegend mittlerweile wahrscheinlich zu gemeingefährlichen Zombies mutiert.
Verdammt! Wie lange konnte Micky mit seinen paar Steinchen noch überleben? Vielleicht konnte er zwei oder drei von den Mutanten mit gut gezielten Würfen zwischen die Augen außer Gefecht setzen. Aber wenn die Meute ihm zu nahe kam, war er verloren.
Höchstwahrscheinlich werde ich zu spät kommen.
Sie haben ihn bestimmt schon in Streifen geschnitten und an die Schweine verfüttert.
Normalerweise brauche ich mit meinem Daimler von mir zuhause bis zu Micky in die Eifel zweieinhalb Stunden. Ich schaffte den Ritt in knapp zwei Stunden. In meinem Gehirn tanzten mittlerweile die Ratten. Scharen von Raben verdunkelten den Himmel und über die Hügel der Eifel ritten die apokalyptischen Reiter. Trübe Aussichten. Micky war bestimmt erledigt.
Punkt sechs Uhr tauchte vor mir das Ortsschild des Eifelnestes auf.
Mein Adrenalinpegel war jetzt am Level. Voll am Anschlag.
Ich verlangsamte die Fahrt auf der Suche nach der einzigen Telefonzelle des Dorfes. Ein Auge immer wachsam die Umgebung im Blick. Irgendwo dort draußen lauerten welche von den Wahnsinnigen auf ahnungslose Fremde. Die hatten hier Heimvorteil. Ich selber befand mich auf fremden Kampfschauplatz.
Das Kaff war nicht allzu groß und bald schon tauchte die Telefonzelle auf.
Micky lehnte lässig an einem Laternenpfahl, eine Selbstgedrehte im Mund.
Freudig ihn noch lebend zu sehen, entspannten sich meine Nerven.
Ich stieg aus ihn zu begrüßen, als plötzlich hinter meinem Daimler ein sportlicher Wagen parkte, scharf abbremsend, eine Staubwolke aufwirbelnd. Das geht ja schon gleich gut los.
In der Erwartung eines Angriffes, waren meine Nerven sofort wieder unter Höchstspannung.
Welche Achterbahn der Gefühle.
Aus dem Wagen stieg allerdings Mickys jüngster Bruder, Tommy. Wir gaben einander die Hand.
Ohne einen Ton zu sagen.
Mit einem Gefühl der Achtung und einem anerkennenden Blick.
Man konnte sich aufeinander verlassen, wenn es brannte.
Unsere Kampf- und Schlagkraft hatte sich unerwartet stark verbessert.
Tommy hatte das gleiche verschmitzte Otterlächeln im Gesicht wie sein Bruder Micky. Nur vom Typ her ist er dunkler. Schwarze Haare und dunkle Augen.
Aus seinem weiteren Gesichtsausdruck las ich die Frage:
„In welche Geschichte sind wir hier reingeraten?“
Dies konnte uns nur Micky erklären:
„Das nenn ich Timing. Der Eine fährt von Koblenz und der Andere vom Elsass los und beide kommt Ihr auf den Punkt genau, wie verabredet, um sechs Uhr hier an. Super!“ war Mickys erster Satz.
Jetzt sahen wir erst in welch schlimmen Zustand er war. Er sah aus wie ein an Land gespülter, schiffsbrüchiger Seemann. Er stand da, barfuß, Sonnenbrille, nur mit einer leichten, hellen Leinenhose und einem quergestreiften, blauweißen Unterhemd bekleidet. Ein Hosenbein war von unten bis zum Knie aufgerissen. Die Füße, das Gesicht und vor allen Dingen die Arme und Hände waren überall verletzt und blutig verkratzt. Am Hals trug er Würgemale.
„Du siehst ja aus als hätte Dich ein Haifisch verschluckt und wieder ausgekotzt,“ stichelte ich.
„Sind alle Knochen noch ganz?“ fragte Tommy.
„In den Rippen hab ich ganz schön Pein, aber gebrochen ist nichts.“
„Nun spuck schon aus! Was geht hier ab?“ wollten wir endlich wissen.
Micky begann auf seine übliche Art mit bewegten Händen und Gesten zu erzählen: „Gestern Abend kam ich hier mit dem Auto langgefahren. Da sehe ich am Waldrand ein Feuer brennen. Bei einem Feuer bin ich wie ne Motte, zieht mich einfach magisch an.
Ne Menge Typen waren am feiern.
Ich also, geselle mich dazu.
Weil ich in meinem Kofferraum zwei Kästen Bier hatte, war ich bei den Einheimischen auch gleich willkommen. Besonders weil es auch genau die richtige Sorte war. Bitburger Stubbis. Die Marke, die sie hier am liebsten haben. Aber es müssen die kleinen, dicken Stubbi-Flaschen sein. Bringst du den gleichen Stoff in den handelsüblichen höheren Pullen, tust du hier keinem einen Gefallen damit. Die Bevölkerung betrachtet das im Allgemeinen als schlechten Stil. An so eine Kiste Bier gehen diese Eingeborenen erst notgedrungen dran, wenn ansonsten alles leergetrunken ist. Keiner will der erste sein, der in so einen Kasten reingreift. Und jeder gibt laut seinen Unmut kund, aus welch widerwärtigen, unzumutbaren Pullen man gezwungen ist zu trinken.“
„Mann, Micky! Wir wollen keinen Vortrag über die hiesigen Bräuche. Wir wollen hören was hier los war und warum wir um diese Uhrzeit hier sind?“ unterbrach ich ihn.
„Eben! Genau!“ meinte auch Tommy.
„Also, war eigentlich ein guter Abend.“
erzählte Micky weiter. „Ging bis spät in die Nacht. Rumblödelei und wirres Geplauder.
Jeder hat Jeden gestichelt, wurde viel gelacht.
Wer ne große Klappe hat, muss auch einstecken und auch mal über sich selbst lachen können. Erst dann wird man hier als Großmaul akzeptiert. Und wie Ihr wisst, sind meine Sprüche ja nicht so schlecht. Es ist eine echte Kunstfertigkeit große, raffinierte Reden zu schwingen. Man guckt halt wie weit man gehen kann.“
Ich kenne Micky. Wenn ich jetzt nicht dazwischen ging, würde das noch ein ausschweifender Vortrag werden: „Das sind ja alles sicherlich tiefere, philosophische Wahrheiten. Aber jetzt komm mal auf den Punkt, Mann!“
„Ja nun. Ich kann mich an keinen Affront gegen irgendeinen Kandidaten erinnern.
War eigentlich alles o.k.
Ich musste mal pinkeln gehen und als ich zurück kam, war ich auf einmal in einem anderen Film. Die Typen fingen an total durchzudrehen. Ich dacht ich bin auf `nem falschen Dampfer.
Der Obermacker von der Truppe, ein Hüne von zwei Metern, packte mich mit beiden Händen am Hals und hob mich einfach in die Luft. Der Idiot wollte mich glatt erwürgen, während ein paar von den anderen Trunkenbolden meinen Rücken und die Rippen bearbeiteten.“
„Und warum?“
„Keine Ahnung. Diese besoffenen Radaubrüder gingen jedenfalls voll zur Sache und haben richtig abgefeuert.
Der Rest von dem Gesocks schrie: „Mach ihn fertig, die Sau, bring ihn um das Schwein!“
Wenn man zwei Schläge auf einmal links und rechts in die Rippen bekommt, gleicht sich das wieder aus. Der eine Schmerz übertüncht den anderen.
Aber keine Luft mehr zu kriegen ist definitiv ne schlimme Sache.
Und ich sage Euch, ich wäre nicht mehr unter Euch, wenn ich den Würger nicht mit meinem Knie in der Leber erwischt hätte.
Ich habe erst mit dem rechten Knie angetäuscht und dann voll mit dem linken Knie durchgezogen.“
„Sauber!“ war unser Lob an Micky. „Echt stark!“
„Der Typ ließ dann seine Würgepranken für einen Moment locker und ich konnte quer durch die Meute entkommen. Beim Sprung über den Stacheldrahtzaun der Kuhweide hab ich mir die Hose zerfetzt.
Auf der anderen Seite vom Zaun dachte ich, bin ich sicher.
Und hab dann die Penner mit den gemeinsten Flüchen beschimpft und geschmäht.“
„Man sollte wissen, wann man besser die Klappe hält.“
„Ja. Es war eine völlige Fehleinschätzung meinerseits, dass ich hinter dem Zaun sicher bin.
Das Untier, das mich gewürgt hatte, kam angerannt und war mit einem Satz locker über den Zaun.
Der hätte mich gehabt. War eigentlich viel schneller als ich. Aber im Rennen bin ich eh nicht so gut. Da kriegt mich sogar ein Zwerg.“
„Das sehe ich auch so.“ konnte ich mir nicht verkneifen zu sagen.
„Also, ich konnte mich dann nur mit einem Kopfsprung durch ne Brombeerhecke in den Wald retten. Ich bin dann weiter durch die Dornen gekrault.
Ihr seht ja wie ich aussehe.
Ich hab mich dann ganz flach hingelegt und die Szene beobachtet.
Der gigantische Troll stand immer noch vor der Brombeerhecke und gab Schreie wie ein Gorilla von sich. Er konnte gar nicht begreifen wie ich ihm entwischen konnte. Er brüllte seine Enttäuschung in den Nachthimmel. Dann schrie er die Kommandos an sein Rudel.
Die gesamte Meute war immer noch außer Rand und Band.
Die krakeelenden Trunkenbolde waren sich allesamt einig: „Den müssen wir finden, den machen wir fertig!“
Die ganze Bagage ist ausgeschwärmt, um mich zu suchen. Ein paar von denen sind in ihre Autos gesprungen und haben mit ihren Scheinwerfern in den Wald geleuchtet. Einer von ihnen hat mir mit nem Messer alle vier Reifen von meinem Wagen plattgestochen.“
Micky machte eine Pause.
„Und was war dann? Wie ging es weiter?“ wollten wir wissen.
Mickys Antwort war dann der Brüller.
Ganz trocken meinte er: „Ja, und dann bin ich eingeschlafen.“
„Ich weiß nicht wie lange ich geschlafen habe. Jedenfalls, als ich aufgewacht bin, war alles ruhig. Keiner mehr zu sehen. Ich hab mich dann in einem weiten Bogen zur Straße durchgeschlagen und bin von da ins Dorf zur Telefonzelle gelaufen und hab Euch angerufen. Und jedes Mal, wenn wieder die Lichter eines Autos auftauchten, hat mir das einen Schock versetzt. Ich hab dann gleich wieder einen Satz in den Wald gemacht, weil ich dachte, die suchen mich immer noch.“
„Die Typen liegen jetzt alle in ihren Betten und werden ihren Rausch ausschlafen.“ meinte ich.
Tommys Idee war es, erst einmal nach Mickys Wagen zu schauen.
So stiegen wir in sein Auto und Micky dirigierte uns zu dem Platz, wo die Szene sich heute Nacht abgespielt hatte. Ungefähr zwei Kilometer außerhalb des Dorfes am Waldrand. Mickys Auto war soweit in Ordnung, bis auf alle wirklich plattgestochenen Reifen. An den leeren Bierkästen und den leeren Bier- und Weinflaschen konnte man erkennen, dass die Typen hier reichlich getankt hatten.
Wir waren schnell einer Meinung:
Die Knallköppe mussten für den Schaden aufkommen.
Fünfhundert Mark für die Reifen und tausend Mark Schmerzensgeld.
Nur wer waren die Kerle?
„Kennst Du einen von denen?“ wollte ich wissen.
Micky, der inzwischen noch eine halbe Flasche Wein und eine volle Flasche Bier gefunden hatte, meinte:
„Den ihren Obermacker mit den Riesenpranken, weiß ich wo der wohnt.
Ich hatte mal eine Braut für ein paar Wochen hier im Dorf.
Eine alleinstehende Dame, ne Pferdebesitzerin. Ihr Mann hatte sie verlassen. Ich hatte dort trauertherapeutische Maßnahmen zu leisten. Von der ist er der benachbarte Bauer.“
Pferdeladies und Gestütsdamen waren irgendwie die Lieblingsgespielinnen von Micky. Weitere Affären und Bräute von ihm waren Theater- und Opernschnallen, nette Zeitungsverlegerinnen, Künstlerflittchen, geschiedene Frauen mit Kindern, geile Witwen und sonstige unglückliche Ehefrauen. Einmal hatte ihn eine blaublütige Gräfin in ihr teures Heim abgeschleppt.
Micky wurde eine Zeit lang gut versorgt von ihr.
Feinkost und edler Wein. Neue Klamotten, handgenähte Schuhe usw.
Bei dieser Liaison hatte er sich dann allerdings einen schweren Tripper zugezogen.
Also, wir fuhren dann zurück ins Dorf, um den Würger aus dem Bett zu holen.
Auf der kurzen Fahrt dorthin schaffte es Micky den Rest der Weinflasche im ganzen Auto zu verteilen. Fenster, Armaturen und Sitze. Aus der Bierflasche, die er gerade geöffnet hatte, schaffte er zwei Schluck, dann lief der Rest schäumend über den Fußboden. Außerdem brannte er mit einer Zigarette zwei schicke Löcher in die Sitze und hinterließ durch eine erneut aufgerissene Schramme am Arm überall Blutspuren.
Als wir ausstiegen meinte Tommy grinsend zu mir: „Scheiße! Guck Dir mein Auto an. Heute Morgen hatte ich noch einen neuen Wagen. Und jetzt? Innerhalb von drei Minuten macht Micky daraus ne Schrottkiste.“ Damit hatte er den Nagel auf dem Kopf getroffen. Den Innenraum konnte man als Totalschaden bezeichnen. Bitter für Tommy.
„Na, von außen sieht die Kiste doch noch ganz top aus.“ war mein Aufmunterungsspruch. Es war nicht wirklich ein Trost für ihn, aber er nahm die ganze Angelegenheit und meinen Spruch mit viel Humor und genau deswegen mag ich die Typen aus der Heimat, die Rheinländer und die Moselfranken.
Am Haus des besagten Bauern angekommen, kamen wir darin überein, dass Micky sich auf der gegenüberliegenden Straßenseite auf eine Bank setzen und die Klappe halten sollte. Ich stellte mich mit finsterem Gesichtsausdruck und der Fidschi-Keule in der Hand, gut sichtbar für jeden, der aus dem Fenster schaute, zwischen Micky und Tommy in die Hauseinfahrt. Tommy sollte das Reden übernehmen. Dies machte er auch ganz gut. Er klingelte so lange an der Tür bis eine Frau sich auf der Gegensprechanlage meldete.
„Wir sind hier um mit ihrem Gatten zu sprechen und ein Problem zu bereinigen.“ sprach Tommy in perfektem Deutsch.
Keine Antwort. Eine Weile warteten wir.
Der Mann musste ja erst mal aus dem Bett geholt werden.
Als sich nichts tat, klingelte Tommy weiter Sturm.
„Mein Mann kommt nicht.“ war die Antwort der Frau.
Wahrscheinlich hatten sie vom ersten Stock aus dem Fenster geschaut und den bösen Mann mit der Keule gesehen.
