Schrecken aus vergangener Zeit - Michael Manz - E-Book

Schrecken aus vergangener Zeit E-Book

Michael Manz

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Beschreibung

In der Ferne, nahe dem großen Donnerwall, der stillschweigenden Grenzlinie zwischen den Reichen der Menschen und dem der Orks, steigen schwarze Rauchfahnen zum Himmel, als ein schwerverletzter Fremder die Tore der nahen Hafenstadt Gemmenhort erreicht. Noch ahnt niemand, dass dies Ereignis erst der Vorbote einer Gefahr ist, die das Ende aller Völker bedeuten könnte. Nur eines ist schnell klar, ein Krieg mit den Orks scheint unausweichlich. Zusammen mit dem abenteuerlustigen Zwerg Norogor bemüht sich Erzherzog Anias von Iltria, die Kriegsgefahr zu bannen, doch schnell muss er erkennen, dass die Orks selbst einem unbezwingbar scheinenden alten Feind gegenüberstehen, den Dämonen. Nur mit Hilfe der Magie der Menschen besteht die Möglichkeit, das Blatt zu ihren Gunsten und dem der Orks zu wenden, doch ist sie seit Jahrhunderten verloren. Im verzweifelten Versuch, das Unausweichliche aufzuhalten, begeben sich Zwerg und Mensch auf die Suche nach den alten Formeln. Dabei müssen sie nicht nur dem Misstrauen und Hass der orkischen Kriegerkaste trotzen, sondern auch Schnelligkeit beweisen, denn niemand vermag zu sagen, was die Dämonen planen und wann sie zum entscheidenden Schlag ausholen werden. Orks, Trolle, Elben, Menschen und Zwerge sind ebenso gefordert ihren Beitrag zu leisten, wie die Syxira, das uralte, scheue Spinnenmenschenvolk und die rätselhaften, bestienartigen Jurgh-Hargk. Doch wird es gelingen ihr Vertrauen zu erringen?

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Seitenzahl: 1326

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Inhaltsverzeichnis

Kapitel I: Rückkehr eines Helden?

Kapitel II: Belagerungszustand

Kapitel III: Böses Erwachen

Kapitel IV: Dunkle Vergangenheit

Kapitel V: Schicksalswenden

Kapitel VI: Planspiele

Kapitel VII: Enthüllungen

Kapitel VIII: Zeitnot

Kapitel IX: Unverhofftes Wiedersehen

Kapitel X: Böse Überraschung

Kapitel XI: Schwierige Rückkehr

Kapitel XII: Entscheidungen

Kapitel XIII: Resultate

Kapitel XIV: Wege in die Dunkelheit

Kapitel XV: Schrecken aus der Tiefe

Kapitel XVI: Getrennte Wege

Kapitel XVII: Fortschritte

Kapitel XVIII: Dunkelgold

Kapitel XIX: Rückkehr

Kapitel XX: Schlechte Nachricht

Kapitel XXI: Die Trolle

Kapitel XXII: Die Zwerge

Kapitel XXIII: Die Jurgh-Hargk

Kapitel XXIV: Die Ruhe vor dem Sturm

Kapitel XXV: Marsch in die Ungewissheit

Kapitel XXVI: Der Sturm bricht los

Kapitel XXVII: Schlachtenglück

Kapitel XXVIII: Nachwehen

Epilog

Personenregister

Ortsregister

Kapitel I

Rückkehr eines Helden?

Die tiefschwarzen Rauchschwaden stiegen immer noch weit hinauf in den Himmel und färbten ihn in ein tiefes dunkles Schwarz. Der nahegelegene Wald mit seinem grünen Idyll bildete hierzu einen so starken Gegensatz, dass er, obwohl nur einige wenige Kilometer entfernt, in einer ganz anderen Welt zu liegen schien. Auf seinen Lichtungen grasten friedlich und harmonisch Hasen und Rehe und aus seinem Inneren schallten die Rufe und Pfiffe der üblichen Waldbewohner. Etwas abseits kreisten einige Raubvögel auf der Suche nach Beute für sich und ihre Brut.

Am Rande einer dieser Lichtungen, nahe dem Waldrand, zerbrach plötzlich ein lautes Knacken die trotzige Harmonie.

Die Rehe hoben vorsichtig den Kopf und blickten in Richtung des Geräusches, während die kleinen Hasen aufgeregt zu schnuppern begannen, als ein Schatten auf die bislang allein von ihnen beanspruchte Freifläche heraustrat, sich auf ihr Zentrum zu bewegte und nach und nach die Gestalt eines hoch gewachsenen, kräftigen Mannes annahm. In dessen schweren, nurnoch von wenigen Fetzen eines Wappenrocks bedeckten Brustpanzer steckte der Pfeil eines Langbogens der einen weniger stark gerüsteten Streiter das Leben gekostet hätte. Auch die übrigen Körperpartien hatten den vergangenen Ereignissen offenbar ihren Tribut gezollt. Die sie schützenden Rüstungsteile, sofern überhaupt noch vorhanden, waren dreckig und nahezu zerstört. Das darunter ursprünglich verborgene Fleisch wies unzählige Schnitt- und Brandwunden auf. Blut lief langsam, aber konstant aus den unzähligen Öffnungen über den muskulösen rechten Oberarm und das zur Stütze verkommene, einstmals mächtige und jedem Gegner Angst einflößende Langschwert zu Boden. Das Gesicht des Fremden war schmerzverzogenen und von hoffnungsloser Verzweiflung gezeichnet, seine Stirn zierte eine breite Platzwunde, seine rechte Wange eine Schnittwunde. So erinnerte die Gestalt eher an die Karikatur eines Kriegers.

Mit letzten Kräften bewegte sich der Mann auf einen alten Wegweiser zu, an dem er kurz verharrte, um die Inschriften zu entziffern, die zwischen zehn und einhundertachtzig Kilometern variierten. Nur ein Schild schien interessant. Ein müdes Lächeln huschte über sein Gesicht.

„Ein Kilometer. Das könnte ich vielleicht noch schaffen.“

Der Wegweiser verwies auf Gemmenhort, eine reiche Handelsstadt mit dem vermutlich wichtigsten Hafen des gesamten Reiches. Nicht zuletzt dieser Umstand machte sie zu einem Treffpunkt von Söldnern, Soldaten, Händlern und Abenteurern, wodurch es ihr gelungen war zu ihrem beachtlichen Wohlstand zu gelangen. Dieser hatte bei den Bewohnern allerdings auch Angst vor Angriffen und Überfällen durch Banditen, oder andere weniger begüterte Mächte geschürt.

Als Folge hatten die Verantwortlichen die Stadt mit einer riesigen Befestigungsmauer und mächtigen Verteidigungsanlagen umgeben, die sogar das große Hafenbecken umfassten. Diese waren mit Aussichtstürmen, Bogenschützen, Katapulten und Ballisten versehen worden, die, wenn notwendig, Verteidigungsmaßnahmen gegen selbst die größt denkbare Streitmacht boten. Unterirdische Brunnen, Zisternen, sowie der Zugang zum Meer machten ein Aushungern unmöglich. Der Reichtum, der auch die Steuerkassen stets gut gefüllt hatte, verschaffte der Stadt auch den inoffizielle Status eines Kronjuwels des Reiches und so konnte sie im Falle einer Belagerung zusätzlich auf die Unterstützung des Herrscherhauses, sowohl politisch, wie auch mit Material und Personal zählen. Ein Beistand der, wie zu befürchten stand, schon sehr bald dringend benötigt werden könnte.

Der Unbekannte sammelte seine verbliebenen Kräfte und setzte seinen Weg fort.

Schon nach kurzer Zeit hatte er den Waldrand erreicht und zwanzig Minuten später stand er in Reichweite der Stadttore. Die ersehnte Rettung schien nahe.

Doch was war das? Die mächtigen Stadttore waren geschlossen und die Verteidigungsanlagen voll besetzt. Das hatte er eigentlich nicht erwartet. Die Bewohner konnten schließlich nicht um die vorangegangenen Geschehnisse wissen. Dann sah er die rote Fahne oberhalb des Haupttores.

„Die Stadt wird also belagert.“, ging es ihm durch den Kopf.

Das hatte ihm zu seinem Glück noch gefehlt. Eben wollte er dazu ansetzen die Stimme zu erheben und Einlass zu fordern, da verließen ihn die Kräfte und er tauchte ein in eine tiefe Dunkelheit. Durch das Schwert gestützt drehte sich der Körper im Fallen auf die Seite, so dass er mit Schulter und Arm voran auf die Erde prallte. Mit einem leisen, dumpfen Geräusch ergab sich dann auch die einstige Stütze dem Drängen der Schwerkraft und folgte ihrem Herrn in den Staub des Weges.

Ungläubig und zweifelnd betrachteten die schwer gerüsteten Torwachen das Geschehen. Grübelnd verzog der Wachhabende das Gesicht. Seine Stirn legte sich in Falten. Der der Uniform nach kaum von den übrigen Männern zu unterscheidende Mann schien sich über die nun zu unternehmenden Schritte im Zweifel zu sein. Langsam hob er die rechte Hand zum Gesicht und massierte sich das Kinn, dann hatte er seine Entscheidung getroffen.

„Milas, holt den Hauptmann. Er soll entscheiden.“, gab er sie bekannt.

Eine der Wachen setzte sich unverzüglich in Bewegung, eilte eine Treppe hinunter und verschwand nach ein paar Schritten in einer massiven Steinhütte.

Deren Inneres war komfortabel eingerichtet. In der Ecke stand ein massives Bett, welches es dem verantwortlichen Hauptmann ermöglichte auch in schweren Rüstungen zu schlafen. Allerdings war die optische Wirkung des wuchtigen Möbels durch filigrane Ritzereien etwas aufgehoben.

Es gab mehrere Regale mit Büchern und Karten, aber auch einige Schränke für Waffen, Munition und andere Dinge.

Im hinteren Teil der Hütte stand ein großer Schreibtisch hinter welchem auf einem bequem aussehenden Lehnenstuhl ein etwa fünfzigjähriger Offizier in einer massiven Plattenrüstung saß. Verräterische Schnörkel oder Verzierungen wies aber auch sie nicht auf. Nur ein kleines, nahezu unscheinbares knotenbesetztes Bändchen am Saum seiner Handschuhe wies den Mann als Hauptmann aus. Ein kleiner spitzer Vollbart gab seiner Erscheinung eine natürliche Würde. Als die Torwache Milas den Raum betrat hob er langsam den Kopf von den Berichten, die er im Begriff zu lesen war und schaute ihn fragend an.

Milas nahm Haltung an und salutierte, was der Hauptmann mit einem kurzen Nicken quittierte.

„Was gibt es am Tor?“

„Herr Hauptmann, am Tor ist ein Fremder aufgetaucht. Er scheint schwer verletzt zu sein und ist in etwa zwanzig Meter Entfernung zusammengebrochen.

Der Wachhabende Stallven hat mich geschickt, um Euch zu holen.“

Unschlüssig verzog der Hauptmann das Gesicht.

„Dann werde ich mir die Sache einmal selbst ansehen.“

Mit diesen Worten erhob sich der Mann und ging zu einem der Waffenschränke.

Routiniert, nahm er einen Waffengurt an sich und legt ihn um, bevor er ihn mit einem Schwert bestückte. Danach griff er sich noch einen Schild, um so gerüstet nach Milas das Gebäude zu verlassen.

Er folgte ihm die Treppe hinauf, ohne zu vergessen, die Tür des Wachlokals sorgsam zu verschließen.

Oben angekommen nahm Milas wieder seinen alten Posten ein, während der Hauptmann die Situation vor dem Tor in Augenschein nahm. Nach ein paar Augenblicken richtete er das Wort an den Wachhabenden, ohne allerdings den Blick von der Szenerie abzuwenden.

„Was meint Ihr Stallven?“

Die Augen des Wachhabenden verengten sich.

„Nun, ich bin mir nicht sicher. Es könnte ein Abgesandter der königlichen Truppen sein die hier vor kurzem vorbeikamen, aber auch eine Falle unserer Feinde.“, antwortete der Wachhabende ohne eine Regung zu zeigen.

„Aber selbst wenn es ein Abgesandter ist könnten unsere Feinde versuchen die Situation auszunutzen und aus dem Hinterhalt angreifen.“, erwiderte der Hauptmann.

„So sieht es aus. Was sollen wir also tun? Die Entscheidung liegt als Hauptmann der Verteidigung bei Euch Golbart.“

„Ich weiß.“, grummelte er.

Nachdenklich betrachtete er das sich bietende Bild. Nichts, keine Veränderung.

Es wirkte beinahe, als sei die Umgebung eingefroren. Dann entdeckte er etwas.

„Ist Euch der Pfeil aufgefallen?“

„Ja, natürlich. Der ist schwer zu übersehen. Was soll damit sein?“

„Das ist ein Orkpfeil.“

„Das könnt Ihr von hier aus erkennen? Ihr habt hervorragende Augen.“

Stallven nickte anerkennend.

„Nun, sagen wir, dass ich das Aussehen eines Orkpfeils immer und überall erkennen werde.“

Der Hauptmann rieb reflexartig eine Stelle an seinem Oberschenkel, obwohl die Plattenrüstung es unmöglich machte den Schenkel zu massieren.

„Ein altes Andenken an die Grünhäute.“

„Aha, ich verstehe.“

„Es ist gefährlich, aber wir holen ihn rein.“, verkündete er seine Entscheidung.

„Gut.“

Stallven nickte den Torwachen zu und gab ein Zeichen nach unten.

Milas und fünf weitere Wachen legten ihre Waffen, nicht aber ihre Schilde ab und begaben sich zum Tor, das sich nun langsam öffnete, während Armbrustschützen dahinter und auf der Brüstung in Stellung gingen.

„Hoffen wir, dass dies die richtige Entscheidung war.“, entfuhr es Stallven.

„Hoffen wir es.“, seufzte dann auch Golbart.

Die sechs Wachen liefen in zwei Dreierreihen nebeneinander und mit schnellen Schritten in Richtung des Fremden, wobei sie ihre Seiten jeweils mit den Schilden abdeckten. Dort angekommen nahm Milas das Schwert an sich und schob es in seinen Waffengurt, bevor er und eine Wache die Arme und jeweils zwei Wachen die Beine des Fremden ergriffen und sie, weiterhin durch die Schilde geschützt, den Rückweg antraten.

Kaum hatten sie mit ihrer Fracht wieder das Tor passiert, begann es sich zu schließen. Die zwischenzeitlich herbeigerufene Stadtwache nahm die Gruppe in Empfang.

Nachdem der letzte Sperriegel im massiven Tor eingerastet war ließ die Gruppe ihre menschliche Fracht auf den sicheren Stadtboden sinken. Das Klacken auf der Tormauer verkündete, dass die Schützen ihre Waffen sicherten.

Eiligst händigte Milas das blutverschmierte Schwert des Fremden einer der Stadtwachen aus, um anschließend mit dem Rest des Trupps wieder seine Positionen auf dem Tor einzunehmen.

Während drei Mann der Stadtwache den Verletzten zu untersuchen begannen und fünf weitere sie dabei sicherten, gesellte sich auch Golbart zu ihnen und trat auf einen weiteren Gardisten zu der durch seine mit zahlreichen goldenen Verzierungen und etlichen Schnörkeln versehene Rüstung schon von Weitem als Kommandant der Wachen zu erkennen war.

Grimmig blickend wandte der sich an den Hauptmann.

„Was soll das? Hättet Ihr den Kerl nicht einfach liegen lassen können? Ihr habt die ganze Stadt in Gefahr gebracht. Falls Ihr es vergessen habt, der Schutz der Stadt vor äußeren Feinden ist Eure Aufgabe, nicht das Heranschaffen neuer Probleme.“

„Auch der Schutz von Unschuldigen ist meine Aufgabe, genauso wie die Eure Wiland.“, erwiderte Golbart unbeeindruckt.

„Bringt den Kerl ins Gebäude der Stadtwache.“, befahl der Kommandant.

Er deutete auf einen der Gardisten.

„Du, schaff mir einen Heiler herbei. Ich will schließlich nicht meine Pflicht vernachlässigen und diesen Fremden einfach verrecken lassen.“, brüllte er seinen Befehl, wobei er Golbart feindselig anfunkelte.

Augenblicklich packte eine Gruppe den Verletzten und begann ihn anzuheben, während der einzelne Gardist sich in Richtung einer kleinen Gasse aufmachte.

Mit dem Kommandanten an der Spitze setzte sich der Trupp in Bewegung.

Ein zufriedenes Grinsen legte sich auf das Gesicht Golbarts der in seine Wachhütte zurückkehrte und die Tür hinter sich schloss.

Kaum hatte der Trupp das Gebäude der Stadtwache erreicht, traf auch schon der ausgesandte Gardist mit einem älteren Mann, der sie wie selbstverständlich ins Innere begleitete, ein.

„Legt ihn dorthin.“, rief er, ohne sich Zeit für Förmlichkeiten zu nehmen und deutete auf einen der Tische.

Mit einem Handstreich fegte der Kommandant das darauf befindliche Mobiliar herunter und schon hievte der Trupp den Verletzten auf den Tisch, der gefährlich zu knarren begann.

Unverzüglich begann der Heiler seine Untersuchung. Fachmännisch hantierte er an den Wunden herum, nahm Geräte aus seiner mitgebrachten Tasche und setzte mit ihnen seine Untersuchung fort. Nach ein paar Minuten wandte er sich an Wiland.

„Ihr müsst mir helfen. Er lebt, aber seine Verletzungen scheinen ernst zu sein.

Ich muss ihn genauer untersuchen, doch muss dafür die Rüstung abgenommen werden. Wäret Ihr wohl so freundlich.“

Missmutig gab der Angesprochene drei Wachen ein Zeichen dem Begehren des Heilers nachzukommen.

Gekonnt begannen diese die Riemen und Schnallen der Rüstung zu lösen und nach und nach deren Teile, beziehungsweise deren verbliebene Fragmente, zu entfernen. An einigen Stellen erforderte dies auch blanke Gewalt, da die erlittenen Beschädigungen zu Verformungen geführt hatten. Schließlich lag der Fremde jedoch nurnoch gekleidet mit einem Lendenschurz und seinem Brustpanzer, samt dem darunter liegenden Kettenhemd, auf dem Tisch.

Der Alte kratzte sich am Kopf.

„Der Brustpanzer muss auch herunter.“, erklärte er grüblerisch und begann ihn zu untersuchen. Vorsichtig betastete er den darin steckenden Pfeil und dann das Loch welches dieser in der Rüstung hinterlassen hatte.

„Brecht ihn ab, dann müsste es gehen.“, entschied er nach kurzer Überlegung.

Wenig später waren dann auch Brustpanzer und Kettenhemd entfernt und der Heiler konnte die Untersuchung abschließen. Er trug einige Salben auf und legte Verbände an. Nach einiger Zeit war seine Arbeit getan, der Pfeil ragte noch immer aus der Brust. Nun richtete der Heiler abermals das Wort an den Kommandanten, der ihn schlecht gelaunt ansah.

„Mehr kann ich für ihn hier nicht tun.“

„Wird er es schaffen?“, schnitt ihm Wiland bellend das Wort ab.

„Es steht auf der Kippe. Er muss ins Lazarett gebracht werden, damit wir den Pfeil entfernen können, dann werden wir weitersehen.“

„Hauptsache ich bin ihn los.“

Der Kommandant sprach mit einem seiner Leute, der anschließend zwei weitere Gardisten zu sich winkte und sie einwies.

Nachdem der Alte seinen Patienten in einige Decken gewickelt hatte hoben die Drei ihn auf und trugen ihn aus dem Gebäude.

„Ich wünsche noch einen schönen Tag.“, entgegnete der Alte, nickte Wiland zu und verlies ebenfalls die Räumlichkeiten.

Kaum dass die Tür hinter ihm zugefallen war setzte sich der nun etwas kleinere Trupp mit dem Fremden erneut durch die Gassen der Stadt in Bewegung.

Diesmal in Richtung des Lazarettes.

Kapitel II

Belagerungszustand

Langsam öffnete der Fremde seine Augen, nur um sie sofort wieder zusammenzukneifen. Ein gleißendes Licht, so schien ihm, traf ihn mitten ins Gesicht. Gleichzeitig breiteten sich auch brennende Schmerzen über den gesamten Körper aus. Ihm war, als stünde er in Flammen. Zudem fiel das Atmen schwer.

Allmählich gewöhnten sich die Augen an die Helligkeit. Zunächst noch verschwommen, dann zunehmend deutlicher zeichnete sich nun die Umgebung ab. Tatsächlich befand er sich nicht in einem Folterkeller, wie die Schmerzen und die Blendung ihn zunächst vermuten ließen, sondern in dem Bett eines kleinen hellen Raumes. Auch was die Ursache des brennenden Schmerzes war begann er langsam zu begreifen. Es waren Salben und andere Tinkturen, die zur Heilung auf seine unzähligen Verletzungen aufgetragen worden und die offenbar, jedenfalls teilweise, verbunden worden waren.

Vielleicht bildete er es sich nur ein, aber nach seinem Empfinden nahm der erste schmerzliche Impuls zunehmend an Intensität ab.

Die Umgebung war ihm nicht vertraut und so beschloss er sich zunächst einmal umzusehen.

Das Zimmer war spärlich eingerichtet. Er lag in einem einfachen Bett, das gegenüber der Eingangstür mit der Kopfseite an der Wand stand. Zur Linken der mittig in der Wand eingelassenen Tür stand ein kleiner Kleiderschrank, zur Rechten ein kleines Tischchen mit einer Vase darauf. Ein paar ihm nicht bekannte Blumen lächelten ihm daraus entgegen. An der von seiner Position rechten Raumseite befand sich ein Waschtisch samt Spiegel. Die Wände waren leuchtend weiß. Dann noch dieser Geruch. Keine Frage, er befand sich in einem Lazarett.

Noch bevor er sich weitere Gedanken machen konnte vernahm er ein Räuspern, welches aus der linken Ecke zu kommen schien.

Sein Blick schweifte an dem auf dieser Seite eingelassenen Fenster vorbei und traf schließlich auf einen in der Ecke befindlichen Stuhl, auf dem ein ihm unbekannter Mann saß. Der Mann, der offensichtlich schon einige Jahre auf seine Schultern geladen hatte lächelte ihn an. Obwohl er nur eine einfache Lederrüstung trug verliehen ihm sein dunkler Vollbart und seine gepflegte Erscheinung eine gewisse natürliche Würde. Seine ernsten und sorgenvollen Augen passten allerdings so gar nicht zu diesem höflichen und offenen Lächeln.

„Mein Name ist Golbart von Rohnstahl. Ich bin der Hauptmann der Verteidigung der schönen Handelsstadt Gemmenhort.“, erklärte er.

„Es freut mich Euch wieder unter den Lebenden begrüßen zu dürfen. Der Heiler sagte mir, dass es ziemlich knapp gewesen sei. Ihr habt ihn, mich, meine Männer und die Stadtwache ziemlich in Aufregung versetzt, Fremder.“

Er wusste die Worte nicht einzuordnen. Was war geschehen? Er wollte eben darum bitten eingelassen zu werden und im nächsten Moment war er hier.

Warum wollte ausgerechnet einer der für die Verteidigung verantwortlichen mit ihm sprechen? Wenn überhaupt hätte er eigentlich mit dem Kommandanten der Stadtwache gerechnet.

Noch bevor er irgendetwas entgegnen konnte erhob sich Golbart und machte eine beruhigende Geste.

„Macht Euch keine Gedanken. Ich bin nicht als Hauptmann hier, sondern als neugieriger Zivilist, wie Ihr an der Kleidung erkennen könnt.“

Ein unverbindliches Zwinkern huschte über sein Gesicht.

„Ruht Euch aus. Wenn Ihr mögt, dann treffen wir uns am Abend in der Pfeifenden Eiche. Dort können wir uns unterhalten. Ich wette Ihr habt eine interessante Geschichte zu erzählen die ich nur zu gerne von Euch hören würde.“

Als Antwort kam ein schwerfälliges Nicken.

„Sehr schön, dann bis zum Abend.“

Mit diesen Worten bewegte sich Golbart Richtung Tür, öffnete sie und nickte ihm noch einmal zum Abschied zu, bevor er das Zimmer verließ und sie hinter sich zuzog.

Noch bevor er weiter über das Gespräch nachdenken konnte öffnete sich die Tür erneut. Ein älterer Mann trat ein und bewegte sich neben das Bett.

„Guten Morgen, ich bin Hilbert Norik, einer der städtischen Heiler. Ich habe Eure Verletzungen versorgt, mein Herr. Ihr habt mir ganz schön Sorgen gemacht. Eine Zeit lang dachte ich schon, Ihr wolltet meine Arbeit vergeblich werden lassen.“

Mit diesen Worten schlug der Alte die Decke zurück und begann die verschiedenen Verbände zu entfernen, bevor er die Wunden zu untersuchen begann. Die freundliche Art des Mannes gefiel ihm und so ließ er die Prozedur über sich ergehen. Nach einiger Zeit hatte der Heiler seine Arbeit getan.

„Das sieht sehr gut aus. Eine richtige Meisterleistung will ich behaupten, aber genug des Eigenlobs.“

Mit diesen Worten begann Hilbert einige Verbände und Salben zurechtzulegen, um anschließend die Brustwunde wieder zu verbinden.

Ein redseliger Alter, dachte der Fremde bei sich.

„Ihr könnt Euch noch eine Weile ausruhen und dann gehen. Schont Euch noch ein paar Wochen und achtet darauf, dass die Wunde auf der Brust nicht erneut aufbricht. In einem Monat solltet Ihr Dank meiner Künste wieder so gut wie neu sein. Und .... ach, wo bin ich denn wieder mit meinen Gedanken. Entschuldigt mich, aber ich habe völlig die Höflichkeit vergessen und wieder einmal eine Unterhaltung ganz allein geführt. Also, Fremder, wie ist Euer Name?“

„Mein Name ist Anias von Iltria. Ich...“

„Oh.“, viel ihm der Alte ins Wort.

„Da haben wir aber einmal hohen Besuch in der Stadt. Es ist mir eine Ehre Euch kennenzulernen.“

Mit diesen Worten deutete Norik eine Verbeugung an.

„Was macht Ihr hier und woher habt Ihr die Verletzungen? Ach was, das geht mich gar nichts an. Verzeiht, ich bin einfach zu neugierig.“

Ohne eine Reaktion abzuwarten packte der schrullige Heiler seine Instrumente, sowie die übrigen Utensilien und machte sich daran den Raum wieder zu verlassen.

Schon halb in der Tür wandte er sich noch einmal um.

„Euer Besucher, der Hauptmann, ist ein echtes Vorbild für seine Männer und die restliche Stadtbevölkerung. Ich denke die Stadt kann froh sein die Verteidigung in den Händen eines solchen Mannes zu wissen. Jeden seiner Leute besucht er hier und fühlt stets mit ihnen. Auch um Euch schien er sehr besorgt gewesen zu sein, obwohl Ihr offenkundig keiner von ihnen seid. Jeden Tag erkundigte er sich nach Eurem Befinden und setzte sich einige Minuten an Euer Bett. Ein wahrhaft anständiger Mann, oder kennt Ihr ihn vielleicht?“

„Nein, ich kenne ihn leider nicht, aber er wollte sich mit mir am Abend in der Pfeifenden Eiche treffen. Wisst Ihr wie ich dort hin gelange?“

Der Alte lachte.

„Jaja, das ist typisch. Das ist eine der örtlichen Tavernen. Dort ist immer etwas los, selbst jetzt. Wenn Ihr Aufmunterung sucht, dann seid Ihr dort in jedem Fall richtig. Ich erkläre Euch dann später den Weg. Wie gesagt, für den Moment solltet Ihr noch etwas ruhen. Und haltet Euch vorerst mit den berauschenden Getränken zurück. Zu viel, oder zu starker Alkohol beeinträchtigen Eure Wundheilung“

Mit diesen Worten verließ der Mann den Raum und schloss die Tür hinter sich.

Nun war Anias wieder allein in dem vom hellen Sonnenlicht gefluteten Krankenzimmer und nur ein wenig Vogelgezwitscher brach die ansonsten absolute Stille.

Beruhigt entspannte er sich und nach ein paar Lidschlägen glitt er abermals in das Reich der Träume. Was immer sich hier abspielte, für den Moment schien er in Sicherheit.

Der Abend dämmerte, aber die Rufe der Vögel waren nicht verstummt. Zu Anias Erstaunen hatten sich im Kleiderschrank einige einfache Kleidungsstücke in seiner Größe befunden. Ein ockerfarbenes Leinenhemd, eine braune Lederhose, ein paar dicke Socken und schwarze Stiefel. Dazu ein schwarzer Kapuzenumhang.

Wie ihm der Alte verriet hatte Golbart die Stücke dort für ihn hinterlassen. Die Sachen passten Anias perfekt und so befand er sich frisch und neu eingekleidet auf dem Weg zum vereinbarten Treffpunkt, um sich zu bedanken.

Er hatte mittlerweile einen großen rund angelegten Platz erreicht an dem nach der Beschreibung Hilberts auch sein Ziel liegen musste. Eine kleiner gepflasterter Weg umlief eine große Rasenfläche in deren Mitte sich ein ansehnlicher Eichenbaum befand, der wahrscheinlich der Namensgeber der Taverne gewesen war.

Ein schöner Ort, dachte er bei sich. Der Baum raschelte friedlich im Wind. Auf einem Ast saß ein Uhu und blickte in die Runde. Auf einem anderen huschte ein Eichhörnchen in seine sichere Höhle. Am Straßenrand befanden sich mehrere Häuser und an vier Stellen liefen gepflasterte Wege von hier ab. Eines der Häuser war auffällig. Es war ein einfaches Holzhaus, mit einigen Verzierungen an seiner Front. Das Dach war leicht schief. An einer Stange neben der Tür hing, von zwei Ketten gehalten und ebenfalls schief, ein größeres Holzschild. Auf ihm war ein Baum eingeätzt worden, in dessen Stamm sich ein scheinbar pfeifender Mund befand und neben dem einige Noten angebracht waren. Eingefasst war das Motiv von den Worten „Zur Pfeifenden Eiche“.

Ein Grinsen breitete sich auf Anias Gesicht aus. Das ist nicht der Ort, an dem er einen Mann wie Golbart vermuten würde, aber die bodenständige schiefe Art des Gasthauses sagte ihm sehr zu und dass der Hauptmann sie augenscheinlich ebenfalls zu schätzen wusste machte ihn in seinen Augen nur noch sympathischer.

Frohen Schrittes bewegte er sich die zwei Stufen hinauf und öffnete die Tür.

Der typische Duft strömte ihm entgegen. Ein Gemisch aus süßlichem Tabak, Alkohol und Schweiß. Dazu mischten sich die Geräusche von Stimmen und Musik.

Er trat ein und schloss die Tür. An der ihm gegenüber liegenden langen Seite des Gebäudes befand sich die Theke. Dort zapfte ein rundlicher Mann einige Krüge Bier. Hinter ihm befand sich ein Regal in Form des pfeifenden Baums, das verschiedene Flaschen in verschiedensten Farben und Formen fasste. Ein paar Fässer mit Zapfhähnen waren ebenfalls gut sichtbar. An der rechts vom Eingang gelegenen Seite der Taverne hingen einige Dartscheiben, an denen sich einige nicht sonderlich talentierte Spieler versuchten. Etwas abseits davon befanden sich einige Musikanten, die auf Zuruf und gegen ein kleines Endgeld die üblichen Volksweisen zum Besten gaben. An der linken Seite befanden sich mehrere Bänke an längeren rechteckigen Tischen, während der verbleibende Gaststättenraum mit kleinen runden Tischen in Form von Baumstämmen aufgefüllt, die mit mehreren Stühlen versehen worden waren. An ihnen wurden die Gäste bedient, die tranken, aßen, sich unterhielten, oder spielten.

Obwohl alles sehr gewohnt aussah, schwebte doch eine gewisse Spannung in der Luft.

Ein Tisch fiel Anias sofort ins Auge. An ihm saßen fünf Gestalten und spielten Karten. Vier von ihnen passten durchaus zum Rest der Gesellschaft. Sie trugen einfache Stoffkleidung ohne nennenswerte Zier und starrten ernst auf ihre Karten. Der Fünfte Spieler hingegen passte weder von seiner Erscheinung, noch von seinem Verhalten zu ihnen, oder dem Rest der Gesellschaft. Er trug einen dicken langen Vollbart in den mehrere Zöpfe, einige Bänder und Perlen eingeflochten waren. Sein helles braunes Haar flog hektisch hin und her, beinahe so, als sei es selbst lebendig und wurde lediglich von dem auf dem Kopf ruhenden, mit kleinen Hörnern besetzen Helm gebändigt. Das darunter liegende Paar wache, lebendige grüne Augen musterten seine Mitspieler unablässig. Den etwas untersetzten Oberkörper schützte ein Kettenhemd welches von einem übergeworfenen Wappenrock bedeckt war, sowie ein Satz glänzend polierter, prachtvoller Schulterstücke in welche ein orangefarbener Umhang mündete.

Der Spieler johlte, schrie, nahm einen kräftigen Schluck aus einem großen Krug und schlug ihn dann krachend auf die Tischplatte. Mit einem herzhaften Lachen zog er die Einsätze zu sich.

Bei genauerer Betrachtung erkannte Anias, dass er seinen Stuhl auf ein kleines Podest gestellt hatte, um überhaupt richtig am Tisch sitzen und ihn überblicken zu können. Ohne jeden Zweifel war dies ein Zwerg.

Beinahe wie ein kleines Kind, dachte Anias bei sich, dann fiel sein Blick auf einen anderen Tisch, den er zuvor nicht wahrgenommen hatte. An diesem saß Golbart in passender einfacher Stoffkleidung und deutete ihm Platz zu nehmen.

Zu gern kam er dem Angebot nach.

Kaum hatte er sich gesetzt wurde ihm schlagartig das Problem seiner derzeitigen Situation bewusst, zwar war er lebendig und hungrig, allerdings besaß er kein Geld mit welchem er die Rechnung würde begleichen können.

„Aber, aber, Ihr braucht nicht das Gesicht zu verziehen.“, eröffnete sein Gegenüber freundlich das Gespräch.

„Ich lade Euch erst einmal ein, macht Euch also um die Rechnung keine Gedanken.“, schien der Hauptmann die Überlegungen Anias erkannt zu haben.

Golbart hob den Arm und winkte eine der Bedienungen zu sich.

„Wir hätten gerne zwei Krüge mit Palidbeerensaft und dazu zweimal den Braten bitte.“

Die Bedienung nickte und setzte sich in Richtung Theke in Bewegung.

„Vielen Dank für die Einladung. Ich stehe in Eurer Schuld.“

Golbart machte eine abwehrende Geste.

„Nein, Ihr schuldet mir Nichts. Dank Euch konnte ich Wiland, dem Kommandanten der Stadtwache das Leben etwas schwer machen. Der Kerl hält sich für den Herrscher der Stadt und behandelt die Menschen wie seine Untergebenen, da hole ich ihn gerne von Zeit zu Zeit in das Reich der Gewöhnlichen zurück. Mir kann er auf Grund meiner Stellung Nichts anhaben.

Lasst Euch das aber kein Beispiel sein, Ihr solltet ihn nach Möglichkeit nicht reizen. In diesen Zeiten, in denen niemand die Stadt verlassen darf, führt er ein besonderes strenges Regiment.“

In diesem Moment brachte die Bedienung die Bestellungen. Sie setzte jedem der Beiden einen großen Teller vor und stellte jeweils einen großen Krug mit einer dunkelroten Flüssigkeit daneben. Das Mahl war reichlich. Auf dem Teller befanden sich ein großes Bratenstück, dazu ein paar Klöße und Rotkraut. Alles wurde verziert durch eine dunkle Soße.

Golbart schenkte der Bedienung ein aufrichtiges Lächeln und bedankte sich.

„Ihr müsst großen Hunger haben, also lasst es Euch schmecken. Danach reden wir.“

Mit diesen Worten spießte Golbart einen Kloß auf die Gabel und teilte ihn, um anschließend eine Hälfte erneut aufzuspießen und in seinem Mund verschwinden zu lassen.

Damit war die Unterhaltung erst einmal beendet und Anias begann ebenfalls zu essen. Es schmeckte ihm außerordentlich gut.

Schon bald schob er sich den Rest des letzten Kloßes in den Mund und spülte ihn mit dem süßen Saft hinunter, dann legte er das Besteck ordentlich auf dem Teller ab.

Immer wieder hatte er fasziniert zu dem Zwerg geblickt, der sichtlich Spaß zu haben schien. Mal schimpfte und fluchte er, ballte die Faust gegen seine Mitspieler, oder Schlug mit ihr auf den Tisch. Wesentlich häufiger jauchzte er und lachte laut. Immer wieder hatte er zu seinem Becher gegriffen und ihn eins ums andere Mal geleert. Die Bedienung hatte sichtlich Mühe ihn gefüllt zu halten.

Anias bemühte sich seinen Blick wieder von dem Zwerg loszureißen und seine Aufmerksamkeit wieder auf seinen Gastgeber zu richten.

„Das war wirklich sehr gut. Ich danke Euch noch einmal für die Einladung, Golbart. Ich hatte bisher noch nicht die Möglichkeit mich vorzustellen. Ich bin Anias von Iltria.“

Er deutete eine Verbeugung an.

Golbart saß wie von Donner gerührt auf seinem Stuhl und sah ihn mit weit aufgerissenen Augen an. Kurz erwog er einen Betrüger vor sich zu haben, verwarf den Gedanken jedoch als er sich an die herausragende Qualität der Brustplatte des Mannes erinnerte die ihm trotz des schlechten Zustandes nicht entgangen war. Ein derartiges Stück konnte nur von den besten Schmieden des Reiches gefertigt worden sein und das passte zu der behaupteten Identität des Mannes.

Mit vielem hatte er gerechnet, aber nicht mit diesem Mann in seiner Stadt. Schon traf ihn der nächste Schlag. Bedachte er den Zustand des Mannes bei seiner Ankunft und seine Stellung, dann graute es ihm vor dem was er zu berichten haben könnte. Nach einigen Augenblicken hatte sich der Hauptmann wieder gefangen und erwiderte die Verbeugung etwas verstört.

„Es ist mir eine große Ehre eine solch bedeutende Persönlichkeit des Reiches kennenzulernen. Was bringt Euch ausgerechnet nach Gemmenhort?“

Anias Gesicht verfinsterte sich und er seufzte tief.

„Also...“, wollte er zu einer Erklärung ansetzen als ein lauter Schrei ihn unterbrach. Es war der Zwerg der laut fluchte und nun nach seinen halb gefüllten Krug griff, um ihn nach seinem Gegenüber zu werfen, das scheinbar das letzte Spiel gewonnen hatte.

Dem Mann gelang es nichtmehr auszuweichen und so traf ihn das Wurfgeschoss direkt an die Stirn, bevor sich dessen Inhalt über Brust und Hose ergoss. Nun hatte der Zwerg auch die Aufmerksamkeit Golbarts geweckt. Drei der Kartenspieler erhoben sich sofort, während der Getroffene nur schwankend auf die Beine kam.

Der Erste griff nach dem Zwerg und riss ihn vom Stuhl.

Der wehrte sich mit einem gezielten Schlag ans Kinn. Taumelnd lockerte der Mann den Griff und schwankte zurück. Der Zwerg plumpste zu Boden, wobei ihm der Helm vom Kopf rutschte.

Wütend rappelte er sich hoch.

Schon drangen drei der Männer erneut auf ihn ein.

Der Schlag des ersten Angreifers verfehlte sein Ziel, während der Tritt des Zwerges das anvisierte Schienenbein genau traf und dessen Faust anschließend dem Zweiten in die Magengrube sauste.

Eben wollte sich der tobende Berserker mit dem dritten Mann anlegen, da traf ihn der Vierte von hinten mit einer vollen Flasche mitten auf den Schädel, wo sie zerbarst und ihren roten Inhalt über den Schädel des Kleinen ergoss.

Besinnungslos ging er zu Boden.

„Lasst ihn uns waschen!“, rief einer der Männer hämisch und versuchte sich die Flüssigkeit von der Kleidung zu wischen. Die Anderen grinsten böse.

Während er den heruntergefallenen Helm an sich nahm und anschließend den größten Teil des Spieleinsatzes einstrich, packten die Übrigen den Zwerg.

„Der Rest ist für die Getränke und den Schaden.“, rief er dem Wirt zu, dann verließ die Gruppe mit ihrem Opfer das Gasthaus. Die Treffer hatten bei ihnen allerdings sichtbare Zeichen hinterlassen.

Kaum waren die Männer verschwunden drehte sich Golbart wieder zu seinem Gast.

„Soetwas kommt hier gelegentlich vor.“, erklärte er mit einem Grinsen.

„Ein schönes Unterhaltungsprogramm.“, gab Anias mit gleicher Miene zurück, bevor er zu seinem Krug griff und einen tiefen Schluck nahm.

„Ahhhh..., nun also zu meiner Geschichte.“

Seine Gesichtszüge verzogen sich aufs Neue.

„Wie Ihr wahrscheinlich wisst bin ich die rechte Hand und ein guter Freund unseres Großkönigs.“

Golbart nickte.

„Vor einiger Zeit haben wir Berichte erhalten, dass vermehrt Orkspäher auf unserer Seite des Donnerwalls gesichtet wurden. Dies hat seine Majestät, wie auch den gesamten Hofstaat, mich eingeschlossen, beunruhigt. Seit dem großen Krieg haben die Orks den Wall stillschweigend als Grenze akzeptiert und ihn nicht überschritten. Die Zahl ihrer Späher belief sich auf vielleicht drei in den letzten zwanzig Jahren.“

Er nahm einen weitern Schluck.

„Nun wurde uns von fünf innerhalb eines Monats berichtet. Wir kamen zu dem Schluss, dass wir den Orks Stärke demonstrieren mussten, um die Sicherheit der Grenze weiterhin erhalten zu können. Stärke, so wussten wir aus den alten Schriften, war immer das erfolgversprechendste Mittel gegen die Orks. Wir waren so dumm!“

Golbart folgte den Ausführungen. Tatsächlich enthielten sie wenige Neuigkeiten, hatten doch seine Männer die Orkaktivitäten am nahen Wall selbst entdeckt und er selbst sie gemeldet.

„Seine Majestät erwog nach Beratung mit den Militärstrategen einen Teil der Streitkräfte zusammenzuziehen und sie zum Donnerwall zu entsenden. Es gab jedoch einige Bedenken, da dieser sich auf einer Anhöhe befindet und ein Kampf so aus militärischer Sicht wegen der zu erwartenden hohen Anzahl und Verlusten nicht ratsam war.

Einem Offizier Eures Ranges und Eurer Erfahrung brauche ich das selbstverständlich nicht zu erklären.

Hinzu kam das fehlende Wissen über das was sich hinter den Toren befindet, hatten wir bislang doch den Wall ebenfalls als Grenze akzeptiert und für eine Aufklärung keinerlei Notwendigkeit gesehen.

Wer interessiert sich schon für Orks? Zudem wäre es unwahrscheinlich schwierig gewesen, einen Späher unbemerkt auf das Orkland zu bringen und seine Anwesenheit hätte einen neuen Krieg provozieren können.“

Anias schüttelte den Kopf.

„Zunächst waren wir unschlüssig, dann schließlich gaben die Erfahrungen mit einem ihrer Späher, der vor einigen Jahren gefangengenommen und uns übergeben worden war, den Ausschlag.“

Golbart erinnerte sich und griff sich instinktiv wieder an den rechten Oberschenkel.

Etwa fünf Jahre war es her. Damals hatten sie den Ork durch den Wald streifen sehen. Eben jenen kleinen Forst, aus dem nun sein Gesprächspartner gekommen war. Mit einem kleinen Trupp von zehn Mann hatte er ihn damals verfolgt. Sie waren schon rasch bemerkt worden und der Pfeil des Orks hatte ihn in den Oberschenkel getroffen.

Schließlich hatten sie ihn jedoch gestellt. Es war ein harter Kampf, der zwei seiner Männer das Leben gekostet hatte.

Trotz der einfachen Lederrüstung war es schwierig gewesen ihm ernsthafte Verletzungen beizubringen. Ein schlanker Dolch war sogar einfach abgebrochen nachdem er nur die Haut geritzt hatte. Letzten Endes konnten sie ihn nur mit dem Einsatz von Äxten und Schwertern überwältigen.

Schwer verletzt, aber lebendig hatten sie ihn anschließend in eine Spezialzelle gebracht. Dort hatte er ihn einige Tage beobachten können. Primitiv und nahezu wild hatte das Ungetüm gewirkt. Zwei Meter hoch, breite Schultern und grüne Haut. Lange Eckzähne ragten aus dem Unterkiefer über die Oberlippe. Dazu die langen dunklen Haare und dicken Augenbrauen. Nie würde er das böse Funkeln der bernsteinfarbenen Augen vergessen. Erstaunlich gut waren seine Wunden verheilt und nur zu gut erinnerte sich der Hauptmann an den gewaltigen Appetit seines Gefangenen. Informationen hatte er allerdings keine bekommen. Nicht, dass er es nicht versucht hätte, aber eine Kommunikation kam einfach nicht zustande. Er verstand das Grunzen des Orks nicht, so sehr er sich auch Mühe gab und der Ork schien ihn nicht zu verstehen. Zusätzlich schien auch sein Verhalten darauf hinzudeuten, dass keine nennenswerte Intelligenz vorhanden war. Einmal hatte er sich sogar den Latrineneimer auf den Kopf gesetzt und angefangen wild zu toben, als er ihm die Sicht nahm.

Nach zwei Wochen hatten sie ihn dann gefesselt und mit samt seiner Waffen nach Raasun geschickt. Nur den Pfeil, der ihn getroffen hatte, den hatte er aufbewahrt und in seinem Heim an der Wand befestigt. Sollte sich der Großkönig weiter mit dem Ork befassen. Damals hielt er das für die beste Idee, gab es in der Hauptstadt doch deutlich mehr Experten für Sprachen und Verhörtechniken. Ob, oder welche Informationen dieses Wesen hatte geben können hatte er nie erfahren. Bis zum heutigen Tage.

„Habt ihr es geschafft mit ihm zu kommunizieren?“, fragte er neugierig.

Anias lachte.

„Nein. Das ist uns nicht gelungen. Unsere Entscheidung basierte allein auf seiner Beobachtung. Wild, primitiv und äußerst aggressiv war dieses Exemplar. Wir waren uns nicht einmal sicher, ob sein Grunzen überhaupt eine Sprache war. Im Vergleich zu den alten Berichten über Orks scheinen sie sich in wenigen hundert Jahren stark zurückentwickelt zu haben. Wir schätzten, dass sie zu keiner koordinierten Kriegsführung fähig wären und somit eine aussichtsreiche Verteidigung gegen unseren strategischen Angriff, auch trotz ihre territoriale Überlegenheit, nicht zu erwarten war. So beauftragte der Großkönig General Vyron von Larkas mit einem Angriff auf den Wall. Er war ein erfahrener Militärstratege und hat bereits mehrere große Schlachten geschlagen.

Er sollte den Wall einnehmen und somit unter Kontrolle des Reiches bringen. So wollten wir einerseits die Situation mit Demonstration unserer Stärke befrieden, andererseits einen Blick auf des Orkland werfen.

Insgesamt waren es etwa tausend Mann, die mit dem General zogen. Darunter Kämpfer, Bogen- und Armbrustschützen, aber auch Sturmleitern und Rammböcke. Schwerere Waffen, so dachten wir, seien nicht nötig gegen diese Wilden.

Ich sollte das Unterfangen als Vertrauter begleiten und den General bei der Koordination unterstützen.“

Der Hauptmann erinnerte sich an die kleine Streitmacht, die er vor einigen Tagen an Gemmenhort hatte vorbeiziehen sehen.

„Und?“

„Nun, wir waren von uns überzeugt. Am Morgen des Tages, bevor ich hier ankam sammelten wir uns zum Angriff. Die Wallanlage wirkte verlassen und so marschierte die erste Abteilung zum Wall, um eine der Sturmleiter nahe des Tores an die Brüstung zu werfen. Sie verhakte sich, dann ging alles schief.

Noch bevor der erste Mann die Leiter erklimmen konnte fiel der Haken wieder herab und augenblicklich brachen drei Mann zusammen. Die Orks hatten das Feuer eröffnet.

Auf einmal sahen wir sie überall auf dem Wall und sie waren schwer gerüstet.

Ihre Armbrüste feuerten unnachgiebig. Schnell versuchten wir eine Verteidigung aufzubauen. Wir hatten uns schwer verrechnet.

Nach allen Regeln der Kriegsführung wehrten sie sich. Öl getränkte Heuballen wurden brennend auf uns herabgeworfen, Katapulte feuerten Steinbrocken. Wir hatten keine Chance. Zweihundert Mann waren innerhalb der ersten Stunde gefallen, die Rammböcke gänzlich zerstört. Wir hatten sie nicht einmal in die Nähe der Tore schaffen können. Ein Vorrücken der Sturmleiterträger war bei dem Beschuss ebenfalls ausgeschlossen. Uns blieb allein der Rückzug.

Zum Glück hatten wir den Wind im Rücken. Wir sammelten rasch alle Reserven an Waffen-, Schmier und sonstigen Ölen, die wir zur Verfügung hatten und entfachten damit, mit Laub und Ästen auf längerer Front eine Feuerwand. Der Rauch zog in Richtung Wall und bot uns somit Schutz.

Ein waghalsiger Plan. Würde der Wind drehen, so würden wir in dem Rauch ersticken, aber in unserer Verzweiflung sahen wir keine Alternative.

Unfähig ein Ziel zu erkennen und mit dem beißendem Qualm im Gesicht stellten die Orks ihren Beschuss ein. Wir waren noch einmal mit dem Schrecken davongekommen. Das dachten wir jedenfalls.

Fast augenblicklich begann eine tiefe Trommel zu schlagen. Dann noch eine, noch eine und schließlich waren es Dutzende. Dazu erklangen Kriegshörner. Wir kannten die Töne und Tonfolgen nicht, aber auch so verstanden wir die Bedeutung. Ein feindliches Heer begann sich zu formieren. Auch wenn wir es nicht sahen, so versprachen die Trommeln eine beeindruckende Streitmacht. Wir waren wie gelähmt. Nicht nur, dass die Einfachheit des Unternehmens falsch beurteilt wurde und die Einnahme des Bauwerks ausgeschlossen war, nein, es drohte nun sogar ein vernichtender Gegenangriff und niemand wusste wie weit die Orks nun auf unser Territorium vordringen würden. Wir mussten auf das Schlimmste gefasst sein.“

Entsetzen trat auf das Gesicht Golbarts. Er konnte die Bedeutung der Worte kaum fassen. Stand etwa ein neuer Krieg bevor?

„Was habt ihr unternommen?“, fragte er mit brüchiger Stimme.

„Wir waren zunächst ratlos. Vyron und ich setzten uns zusammen, um unser weiteres Vorgehen abzustimmen, während die Soldaten ihre Wunden versorgten.

Sollten wir einfach abziehen, in der Hoffnung, dass die Orks dann wieder zur Ruhe kommen würden, oder sollten wir bleiben, um ihnen auf unserem Boden so schwere Verluste beizubringen, dass sie keinen weiteren Angriff wagen würden?

Mehr aus einem Gefühl der Schuld, als aus Überzeugung von einem Erfolg entschieden wir uns zu bleiben. Im Hinterkopf hatten wir noch unsere damaligen Schlussfolgerungen. Eine Demonstration der Stärke ist das erfolgversprechendste Mittel zur Verhandlung mit einem Ork. So gaben wir also den Befehl außerhalb der Reichweite der Katapulte Stellungen auszuheben, Palisaden zu Bauen und Wälle aufzuschütten. Der Wind wenigstens schien auf unserer Seite zu sein, oder hatte zumindest Mitleid mit uns, denn er drehte nicht.

Schnell wuchs die Verteidigungsanlage. Wahrscheinlich war es die blanke Angst, die uns antrieb. Das Holz schlugen wir aus dem hinter uns liegenden Wald. Dieses Mal war das Glück mit uns. Die Orks blieben hinter ihrem Wall, jedenfalls vorerst. Als der Abend dämmerte wussten wir, dass uns eine Galgenfrist bis zum Morgen eingeräumt worden war. Nachts konnten die Orks so wenig sehen wie wir, das wussten wir von unserem Untersuchungsobjekt, außerdem deuteten die vielen nun entzündeten Lichter auf und hinter dem Wall ebenfalls darauf hin. Die Trommeln und Hörner jedoch gönnten uns keine Ruhe.

Wir arbeiteten die ganze Nacht in Schichten. Angespitzte Stämme waren in die Erde gerammt worden und bildeten so ein geschlossenes Quadrat von fünfzig mal fünfzig Metern. Davor hatten wir in einem Abstand von vielleicht dreißig Zentimeter einen Graben an drei Seiten ausgehoben. So sollte der Einsatz von Rammböcken und anderen Sturmgeräten erschwert werden. Wir trauten den Orks dies zwar nicht zu, doch hatten wir uns bereits einmal geirrt und wollten einer weiteren Überraschung um jeden Preis vorbeugen.

In Richtung des Walls waren drei Türme aufgebaut worden. Natürlich war die ganze Konstruktion schon auf Grund fehlender Werkzeuge und des kleinen Zeitfensters einfach und die Türme sehr wackelig, aber welche Wahl hatten wir schon?“

Anias nahm einen weiteren Schluck aus seinem Krug.

„Zur Verstärkung und besseren Verteidigung hatten wir von unserer Seite in Richtung der Verteidigungslinie an vielen Stellen eine Rampe aufgeschüttet, so dass über die Pfähle gesehen und die Angreifer bekämpft werden konnten.

Lieber hätten wir eine dickere Mauer gebaut und sie mit einem Wehrgang versehen, aber dafür war nicht genug Zeit. Ohne die Angst im Rücken und den sicheren Tod vor Augen hätten wir sicherlich selbst diese Arbeiten kaum bewältigt.

Im Morgengrauen waren wir fertig und konnten in unserem selbstgebauten Gefängnis nur warten. Das Feuer war zwischenzeitlich auch erloschen und damit der schützende Rauchschleier verloren, aber die Orks machten keine Anstalten den Beschuss wieder aufzunehmen. Vielleicht ahnten sie, dass wir außerhalb ihrer Reichweite waren.

Die Arbeit hatte wenigstens die schlimmen Gedanken ferngehalten.

Schließlich öffnete sich jedoch das große Tor. Kurz darauf erschien ein Reiter, der langsam heraustrabte. Dann folgte ein weiterer. Sie hielten nebeneinander etwa zehn Schritt außerhalb des Tores. Natürlich konnten wir auf die Entfernung nicht mehr erkennen, aber schließlich hob der erste Reiter den Arm und augenblicklich änderten sich die Melodien der Trommeln, die Hörner verstummten. Ein Standartenträger passierte das Tor, gefolgt von zwei Trommlern, die zu den Reitern aufschlossen und dann verharrten. Das schwarze Banner zeigte einen roten Kreis mit einer Wolfpranke in der Mitte.

Der kleine Trupp setzte sich in Bewegung und dann stockte uns der Atem. In Dreierreihen traten die Orks heraus. Eine scheinbar nicht enden wollende Streitmacht. In etwa halber Entfernung zu uns bauten sie sich auf. Gerade eben außerhalb der Reichweite unserer Bögen und Armbrüste. Diese Armee war beängstigend.

Nun konnten wir auch die beiden Reiter und ihre Tiere besser erkennen. Das Pferd des ersten Orks, den wir für den Kommandanten hielten, war groß, kräftig und schwarz wie die Nacht. Seine Mähne war gepflegt und sein Körper mit einer mattierten Plattenrüstung geschützt. Einfachere Kreaturen mussten glauben ein Wesen aus den tiefsten Abgründen der Hölle vor sich zu haben.

Die Rüstung des Orks selbst stand denen unserer Offiziere in Nichts nach.

Schwerer, massiver, aber auch mit einigen Verzierungen. Sein weiter roter Umhang bedeckte den hinteren Teil des Pferdes. Eine schwere doppelschneidige Streitaxt hielt er locker in der Hand.

Auch der zweite Reiter war gut gerüstet. Sein Panzer war weniger prachtvoll verziert und sein Umhang kürzer und blau, aber ebenfalls beeindruckend. Er trug die einzige Fernwaffe, jedenfalls soweit ich es erkennen konnte. Es war ein schwarzer Bogen samt einem Köcher mit Pfeilen.

Am Ende waren es vielleicht zweitausend Orks. Eine Plattenrüstung bedeckte ihre Brust, die Arme und Beine. Jeder von ihnen trug eine mächtige Axt, einige auch mit einem Breitschwert in der einen und einen Rundschild in der anderen Hand.

Mit grimmigem Gesichtsausdruck nahmen sie Aufstellung. Eine perfekte Schlachtordnung mit den beiden Reitern an der Spitze, dem Standartenträger zwischen ihnen und den Trommlern dahinter. Der Anblick raubte selbst dem tapfersten unserer Soldaten die Zuversicht.

Der Kommandant gab ein Zeichen und die Melodie änderte sich. Die Kämpfer setzten sich in Bewegung, der Kampf begann.

Unsere Bogenschützen eröffneten das Feuer von den Rampen und den Türmen aus. Fast vollständig wurde die erste Salve von den Rundschilden abgefangen.

Wenige Pfeile gingen ins Leere, kaum einer traf ein Ziel. Wir hätten Brandpfeile verwendet, aber unser Öl war für die Verteidigung am Vortag verwendet worden. So flog eine neue Salve durch den Himmel, jedoch nicht mit besserem Ergebnis.

Während sich die Streitmacht unaufhaltsam ihren Weg auf uns zu bahnte, stand eine kleine Gruppe immer noch auf halber Höhe und beobachtete das Geschehen.

Es waren die beiden Reiter, der Standartenträger und die Trommler.

Schon erreichten die Orks den Graben und die ersten stiegen hinab. Erst jetzt zeigten die Geschosse Wirkung. Die ersten Orks brachen durch Treffer in den Kopf zusammen. Andere rückten nach. Sie versuchten mit ihren Fingern in die Zwischenräume der Pfähle zu gelangen, um sie mit bloßer Kraft herauszureißen.

Zu unserer Erleichterung waren ihre Finger aber zu breit, um in die kleinen Spalten zu kommen. Anderenfalls hätte das Unternehmen in Anbetracht der Qualität zweifellos Erfolg gehabt, dessen waren wir uns beim Anblick der entschlossenen und kräftigen Kämpfer, von denen jeder einzelne mindestens 2,10 Meter maß, sicher. Allerdings begriffen auch sie sehr schnell die Aussichtslosigkeit und so ließen sie von diesem Plan ab.

Während nun die Axtkämpfer zu unserem Entsetzen begannen auf die Pfähle einzuschlagen langten die Schwertkämpfer nach hinten und brachten Taue zum Vorschein. Augenblicklich flogen sie in Richtung der Pfähle. Noch ehe wir den Sinn verstanden legten sich die ersten Schlaufen um deren Spitzen. Hektisch begannen wir den Versuch die Seile zu kappen als wir den Zweck erkannten, doch an einigen Stellen strafften sie sich bereits. Mehrere Orks zogen.

Es dauerte einige Zeit, aber die Wirkung von Axtschlägen im unteren Bereich und die Zugkraft im oberen ließ die Pfähle fallen. Einer nach dem anderen brach aus der Palisade, es bildeten sich Lücken die von den Angreifern mit den bloßen Händen rasch zu Löchern ausgeweitet wurden.

Als die Orks die aufgerissenen Breschen freigaben, gaben die ersten Stellen der aufgeschichteten Rampe nach. Die darauf stehenden Bogenschützen und diejenigen, die die Seile zu kappen versucht hatten verloren den Halt und rutschten mit dem Erdreich den Orks entgegen, welches alles in seiner Bahn unter sich begrub. Es war entsetzlich.

Sichtlich routiniert griffen die Schwertkämpfer wieder nach ihren Waffen und zusammen mit ihren axtschwingenden Mitstreitern machten sie die meisten Abgerutschten nieder, noch bevor sie sich erheben konnten.

Auch wir übrigen Kämpfer hatten kaum mehr Chancen, denn schon drängten die Orks ins Innere unserer kleinen Festung. Wir zogen dennoch unsere Waffen.

Wenigstens wollten wir unsere Leben teuer verkaufen. Während einige Orks damit begannen die Stützen der Türme zu fällen trafen die ersten Schneiden klirrend aufeinander. Wir kämpften mit dem Mut der Verzweifelung. Ein Kämpfer nach dem anderen viel. Die Verluste der Orks waren gering und nun erschienen auch die beiden Reiter, stiegen vom Pferd und mischten sich ins Kampfgeschehen. Es war das reinste Massaker. Die Kampfkraft des Gegners war unglaublich. Ein Hieb trennte Arme, Beine und Köpfe vom Gegner, oder landete tief im Körper, während nur unsere stärksten Schläge fähig waren, schwerere Verletzungen zuzufügen.

Die von den fallenden Türmen stürzenden Schützen wurden ebenso wenig verschont wie Verletzte, oder sogar unsere Pferde. Überall war Blut und auch ich hatte schon schwere Treffer einstecken müssen, jedoch hatte ich im Gegenzug auch fünf Orks bezwingen können.

Ich blickte zu Vyron, der einige Meter von mir entfernt stand. Er atmete schwer und stützte sich auf sein Schwert. Noch dabei seine Kräfte zu sammeln winkte er mich zu sich. Wir waren uns einig, dass wir keine Möglichkeit hatten diesen Kampf zu überstehen und so entschieden wir uns das Signal zum Rückzug zu geben, was in dieser Situation allerdings nur noch panische Flucht bedeuten konnte.

Das Signal ertönte, aber eingeschlossen in unserem Fort blieb nur der Weg durch die feindlichen Linien, denn die Orks hatten ihre Abrissbemühungen lediglich den Pfosten der Frontseite gewidmet, die übrigen drei waren unversehrt geblieben. Die Pferde lagen allesamt tot am Boden und kamen somit ebenfalls nicht als Fluchmittel in Frage.

Mit letzter Kraft warfen wir uns den Feinden entgegen, in der fantastischen Hoffnung, uns könnte der Ausbruch gelingen. Der inzwischen vom Blut aufgeweichte Boden verschlechterte unsere ohnehin geringen Chancen zusätzlich, doch tatsächlich vollbrachten wir es unter erheblichen Verlusten eine kleine Lücke zu schlagen. Mir gelang es hindurchzuschlüpfen. Vyron wurde von einem Schild am Kopf getroffen und ging besinnungslos zu Boden. Damit schloss sich die Lücke wieder. Instinktiv wollte ich zurück, aber es gab nichts mehr zu tun.

Ich sah eines der Orkpferde und bewegte mich darauf zu. Die Kampfzone lag bereits hinter mir, aber plötzlich trat mir der Orkkommandant in den Weg. Ich erschrak als er mir in unserer Sprache versprach mich eigenhändig abzuschlachten. Nun konnte ich auch seine Rüstung in allen Details erkennen.

Sie besaß auch ohne die Blutspritzer an vielen Stellen einen rötlichen Ton und die unzähligen Muster waren detailreicher als es zu vermuten war und es zunächst den Anschein gehabt hatte. Seine Schulterpolster hatten die Form eines Wolfskopfes, der nach außen furchteinflößend funkelte, als wollte er seinen Träger vor den dort lauernden Gefahren schützen. Mehrere kleine Zöpfe waren in das dunkle Haar des Orks geflochten und seine entschlossen und finster blickenden Augen fixierten mich.

Dem ersten Axthieb konnte ich ausweichen und krachend traf er den Boden. Ich schlug mit meinem Schwert zu und traf die rechte Schulter, doch glitt der Streich an den Schulterstücken ab. Schon sauste die Axt wieder horizontal in meine Richtung. Hätte ich mich nicht mit dem Schwung meines Hiebes fallen lassen, dann hätte sie mich gewiss zerteilt.

Ich rollte mich ab und stach zu. Lässig wurde der Schlag mit dem Axtgriff abgelenkt. Ein tiefes, lautes Lachen schallte mir entgegen, dann kam die feindliche Schneide von oben auf mich zu. Es gelang mir gerade noch den Hieb abzuleiten. Die Wucht riss mir allerdings beinahe die Waffe aus den Händen.

Kaum hatte ich mich gefangen, da folgte der nächste Hieb. Er verfehlte mich, traf aber das Schwert. In einem kleinen Bogen flog es davon und landete im Schlamm. Mit einem Hechtsprung versuchte ich mich aus der Reichweite der Axt zu bringen und zugleich wieder in Besitz meines Schwertes zu kommen. Es gelang mir nicht ganz, die Schneide streifte knapp mein Bein. Ein Schmerz durchfuhr meinen Körper.

Fest griff ich das Schwert und drehte mich zur Seite. Der Ork war abgelenkt.

Scheinbar hatte einer seiner Leute etwas Interessantes entdeckt. Auch wenn ich keine Vorstellung davon hatte was das sein konnte, nutzte ich die Gelegenheit, um auf die Beine zu kommen und anzugreifen.

Mit aller Kraft sprang ich meinem unerbittlichen Gegner entgegen, aber ich hatte ihn abermals unterschätzt.

Blitzschnell fuhr er herum und hieb mit der Axt zu. Es hätte nicht viel gefehlt und mein Kopf wäre vom Rumpf getrennt worden, aber es fehlte und so traf er zum wiederholten Male nur mein Schwert.

Die Axt trieb es mit der breiten Seite gegen meine Schulterplatten. Der Griff war mir aus den Händen gerissen worden und verfing sich an meinen Armschienen.

Die verkantete Klinge konnte der Wucht der feindlichen Waffe nicht widerstehen und verformte sich. Das genügte hingegen, um den Axtkopf ohne nennenswerte Verletzungen über meine Schulter abrutschen zu lassen, wobei jedoch die Schwertspitze abbrach. Das Bruchstück traf mich im Gesicht und schnitt mir in die Wange.

Noch bevor ich mich von dem Schrecken erholen konnte sah ich etwas Bedrohliches auf mich zukommen. Es war groß und grün. Ehe ich verstand was dies bedeutete traf mich die Faust mitten im Gesicht. Es wurde schwarz um mich. Ich kann nicht sagen was danach geschah, aber als ich die Augen öffnete waren die Orks dabei die Leichen der Gefallenen und die herausgerissenen Pfeiler in das Innere unserer kleinen Festung zu tragen.

Mühsam rappelte ich mich hoch. Mein Körper pochte und brannte. Deutlich spürte ich die vielen Wunden, aber in der Nähe konnte ich noch immer den gerüsteten Rappen sehen. Er hatte sich scheinbar keinen Millimeter bewegt.

Ich entschloss mich auf das Pferd zu steigen und davonzureiten. Hier gab es weder Ruhm, noch Ehre und schon gar keinen Schlacht mehr zu gewinnen.

Schwer gezeichnet bewegte ich mich langsam auf das Tier zu und von den Orks unbemerkt erreichte ich es schließlich. Mit all meiner Kraft zog ich mich in den Sattel, griff die Zügel und gab dem Tier mit einem leichten Druck den Befehl sich in Trab zu setzen. Ein wütendes Schnauben erhielt ich als einzige Reaktion.

Noch einmal drückte ich dem Tier, nun aber fester, die Beine in die Flanken und zog an den Zügeln.

Augenblicklich stellte sich das Pferd auf seine Hinterläufe und wieherte laut. Mit Mühe konnte ich mich halten, aber einige Orks hatten das Geräusch vernommen und drehten sich zu mir. Sie riefen etwas und deuteten auf mich.

Das Pferd hatte sich mittlerweile zwar wieder beruhigt, bewegte sich allerdings noch immer nicht vom Fleck.

Aus der Gruppe der Orks löste sich nun eine bekannte Gestalt. Der Ork mit dem blauen Umhang kam ein paar Schritte auf mich zu und blickte mich wütend an.

Ein letztes Mal versuchte ich mein Glück. Ich blickte nach vorn und gab das Kommando. Das Pferd bäumte sich abermals auf und wieherte, bevor es in seine Ausgangsposition zurückkehrte.

Ich blickte zurück zu dem Ork. Ich sah etwas in seinen Händen, dann traf mich etwas in die Brust. Ich stürzte und wieder einmal wurde alles schwarz.

Ich öffnete die Augen, als ein brennender Schmerz meinen Arm durchfuhr.

Überall breitete sich Feuer aus. Ich lag zwischen den Leichen und konnte kaum atmen. Aus meiner Brust ragte der Schaft eines Pfeils und ich spürte wie mein Blut langsam durch meine Rüstung und über den Arm floss. Merkwürdigerweise lag mein Schwert direkt neben mir, oder jedenfalls das, was davon übrig war.

Instinktiv nahm ich es an mich und versuchte verzweifelt einen Ausweg zu finden. Einen Moment lang sah ich durch den dichten Qualm eine der Breschen.

Ohne zu überlegen stolperte ich darauf zu. Es gelang mir irgendwie sie zu erreichen und hinauszugelangen. Ich verschnaubte einen Moment, dann machte ich mich in Richtung des Waldes auf den Weg, mehr tot als lebendig, langsam humpelnd und auf die Reste meines Schwertes gestützt. So kam ich schließlich vor die Tore der Stadt, den Rest kennt Ihr.“

Mit zunehmender Bestürzung hatte Golbart die Erzählung auf sich wirken lassen.

Er gab ein Zeichen ihnen zwei weitere Krüge zu bringen. Mehrere Minuten lang schwiegen beide, dann hatte sich der Hauptmann wieder gefangen.

„Das ist gar nicht gut. Ich wünschte, Ihr hättet mir bessere Neuigkeiten gebracht.

Es scheint so, als müssten wir uns nun auch noch auf eine Belagerung der Orks vorbereiten und nach Euren Schilderungen wird das ganz sicher kein Spaziergang.“

„Ich fürchte so sieht es aus.“, stimmte Anias der Einschätzung des Hauptmannes niedergeschlagen zu.

„Wahrscheinlich greifen sie an, sobald die Überreste unserer Leute und unsere Verteidigungsstellung zu Asche verbrannt sind und sie sich neu formiert haben.“

Golbart schüttelte nachdenklich den Kopf.

„Nein, dann hätten sie bereits angreifen müssen.“, stellte er grübelnd fest.

Anias war überrascht.

„Wie lange war ich denn weg?“, wollte er wissen.

„Drei Tage.“

Anias überlegte.

„Das ist in der Tat mehr als genug Zeit. Vielleicht haben sie sich dann doch entschieden es bei dieser kleinen Lektion zu belassen, oder aber sie sammeln ihre Streitkräfte für einen wesentlich größeren Angriff.“

Anias wirkte unschlüssig.

„Wie dem auch sei, die Stadt sollte auf das Schlimmste vorbereitet sein.“

„Da habt Ihr Recht.“

„Vielleicht solltet Ihr einen Späher aussenden und die Orkaktivitäten im Auge behalten. Dann können wir entscheiden was zu tun ist.“, schlug Anias vor.

„Leider ist das im Moment nicht möglich. Die Stadt ist im Belagerungszustand.“

Anias verzog das Gesicht.

„Das ist wirklich sehr ungünstig. Wie kam es dazu?“

Golbart lehnte sich zurück.

„Es begann vor ein paar Wochen. Immer wieder gab es Übergriffe auf die Stadt.

In der Nacht wurden Häuser verwüstet und ausgeraubt, oder gleich angezündet.

Bewohner wurden hinterrücks überfallen und niedergeschlagen. Nie fanden die Stadtwachen aber auch nur die kleinste Spur. Betroffen waren alle Viertel der Stadt und Menschen jedes Standes. Der Pöbel genauso wie der Adel, die Bürgerschaft, oder die Händler. Wir waren einfach ratlos.“

„Warum war das außergewöhnlich? Übergriffe gibt es doch überall.“

Ein Nicken bestätigte die Annahme.

„Sicher. Einige Übergriffe sind immer zu verzeichnen und müssen als alltäglich betrachtet werden, genau wie Brände und Verwüstungen, aber zum Teil waren bis zu drei Häuser und acht Personen pro Nacht betroffen. Das ist weit mehr als üblich.

Langsam breitete sich Angst aus, die in Panik überzugehen drohte. Sperrstunden, Patrouillen und die Bildung von Bürgerwehren waren die Folge. Nichts brachte einen Erfolg. Die Stadtwachen verhörten jeden bekannten Kriminellen der Stadt und ließen, natürlich unter der Hand, Kontakt zur Diebesgilde aufnehmen. Nicht einmal sie konnte die Vorkommnisse erklären.“

„Das ist dramatisch, aber doch kein Grund den Belagerungszustand zu verhängen.“

„Eigentlich nicht. In der Bevölkerung verbreitete sich allerdings zusehends die Annahme, dass diese Angriffe von außen koordiniert worden sein müssten, um Unruhe zu stiften und damit die Wachsamkeit an den Mauern zu verringern. Das war natürlich haltlos. Für die Geschehnisse innerhalb der Mauern liegt die Verantwortlichkeit schließlich allein bei der Stadtwache. Zwar wurde auch ein Kasernengebäude in Brand gesteckt, aber unsere Verteidigungsfähigkeit beeinträchtigte dies in keiner Weise. Objektiv gesehen gab es für eine Unterstützung von außen keinerlei Anhaltspunkte. Auch waren am Tor zu keiner Zeit außergewöhnliche Aktivitäten beobachtet worden. Um aber jeden Zweifel auszuräumen ließen wir die Umgebung durchsuchen.

Ihr wisst es vielleicht nicht, aber zwei Kilometer östlich von hier befindet sich ein Höhlensystem, das sehr weit verzweigt ist. Eine vollständige Erkundung ist bisher nicht gelungen, aber wir sind sicher, dass es sich bis nach Galun erstreckt.

Die Beziehungen zwischen uns und dem Nachbarreich sind nicht die Besten und so gingen wir der Vermutung nach. Mehr hatten wir ohnehin nicht.

Tatsächlich fanden wir einige Wertgegenstände innerhalb des Höhlensystems, die aus den niedergebrannten Häusern stammten und scheinbar dort verloren wurden. Von den Tätern fehlte allerdings auch weiter jede Spur.

Das verstärkte natürlich die Annahme, dass die Übergriffe ihren Ursprung in Galun hatten. Allerdings konnten wir dagegen wenig ausrichten. Auf Grund der unzähligen, teils unbekannten Ausgänge des Systems war eine Sperrung der Tunnel nicht möglich, das zum Einsturz bringen des Systems kam ebenfalls nicht in Betracht, hätte dies doch die unter der Stadt befindlichen Zisternen gleichfalls zum Einsturz bringen und damit auch die Stadt zerstören können.

Auf Drängen der Stadtwache und der Stadtoberen schlossen wir daraufhin die Tore über Nacht und ließen Patrouillen das Gelände überwachen. Das Ergebnis war, dass die Übergriffe nicht etwa ausblieben, sondern sich auf den Tag verlagerten. Einige unserer Leute kehrten zudem von ihren Erkundungsgängen nicht zurück. Nachts hingegen normalisierte sich die Lage.

Obwohl wir aber nun jeden der die Stadt tagsüber betrat, oder verließ genauestens untersuchten, war es uns nicht möglich die Verantwortlichen zu stellen, oder deren Beute aufzufinden. Somit sahen sich die Oberen gezwungen die Tore gänzlich zu schließen. Die Übergriffe blieben danach zwar aus, aber unsere Kundschafter kehrten nicht mehr zurück. Hilflos erklärten wir daraufhin den Belagerungszustand und stellten die Patrouillen ein. Seither blieben weitere Geschehnisse aus.“

„Aber Ihr habt Zweifel?“

„Ja, denn es macht keinen Sinn. Weshalb sollte jemand Angst verbreiten und derartige Mittel einsetzen. Am Anfang mag es die Aufmerksamkeit von der Peripherie fortgelenkt haben, doch inzwischen ist das Gegenteil der Fall. Mit Ausrufen des Belagerungszustandes sind die Mauern voll besetzt und die Mannschaften auf einen jederzeitigen Angriff vorbereitet. Feindlichen Armeen erschwert dies Bemühungen, einen erfolgreichen Angriff auf die Stadt zu führen.“

„So gesehen muss ich Euch zustimmen. Vielleicht haben die Angreifer ihr Spiel aber auch zu weit getrieben und den rechten Angriffszeitpunkt verpasst.

Möglicherweise sind sie längst verschwunden und Eure Kundschafter wurden von Orks getötet.“, mutmaßte Anias.

„Das wäre sicherlich eine Möglichkeit. Wir haben zwar keine Späher in der Nähe der Stadt gesehen, aber das will nicht viel heißen. Allerdings verschwanden unsere Leute spurlos. Wir fanden Nichts. Keine Leichen, kein Blut, nicht einmal Rüstungsteile, oder persönliche Habseligkeiten. Wenn ich an meine bisherigen Erfahrungen denke, dann scheint Heimlichkeit eher nicht der orkischen Vorgehensweise zu entsprechen. Bisher dachte ich allerdings auch, ihnen fehlte die Intelligenz für derartige Methoden und ein vollständiges Verwischen der Kampfspuren.

Auch wenn diese Annahme nach Euren Schilderungen wohl falsch sein dürfte, sehe ich keinen Grund für ein solches Handeln. Unsere Männer verschwanden immerhin vor dem Angriff auf den Wall. Außerdem, wie wahrscheinlich ist es schon, dass eine Gruppe unsere Stadt überfällt und eine andere, die Orks, unsere Kundschafter tötet?“