Schrei(b)k(r)ampf - Mari Ann Simon - E-Book

Schrei(b)k(r)ampf E-Book

Mari Ann Simon

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Beschreibung

Welchen beruflichen Weg schlägt ein Sprachtalent mit mittelmäßigem Schulabschluß Mitte der siebziger Jahre ein? Wenn dieses Sprachtalent unter keinen Umständen in einem Büro versauern will? Erst einmal macht Marion Petersen einen Termin mit der Berufsberaterin. Kreativität, Wortwitz und große Klappe sind jedoch nicht gefragt bei Lehrlingen; andererseits will sie jezt endlich mal Geld verdienen. Widerwillig sucht sie sich also einen Bürojob und stenografiert geschraubt formulierte Texte, die blitzschnell und fehlerfrei abzutippen sind. Die Jahre vergehen, aus der Übergangslösung zum Geldverdienen wird die Festanstellung mit Rentenanspruch. Aus der Göre in Flickenjeans die Bürozicke mit Betonfrisur und Schluppenbluse. Gegen den immer mal wieder auftretenden Frust wird geshoppt – oder gekippt. Hochprozentiges. Nach jähem Absturz und tiefer Talsohle findet sie schließlich doch noch den Job, der richtig Spaß macht. Doch als ihre Abteilung outgesourct wird, muss sie sich entscheiden: Mut zusammen nehmen, Komfortzone verlassen und ganz neu durchstarten. Oder festhalten und ausharren. Erdulden, wer oder was da auch kommen wird. Ängstlich bleibt Marion, wo sie ist. Nach Meinung ihres neuen Vorgesetzten sind Sekretärinnen lediglich Bedienstete, die abgeschirmt von jeglicher Information am produktivsten arbeiten. Niedere Hilfskräfte, die in jeder Beziehung kurz zu halten sind. Eine Schreibtante muss nicht alles wissen. Schon gar nichts über anstehende Termine, laufende Projekte oder das Tagesgeschäft. Kommunikation wird doch vollkommen überbewertet! Anstatt sich zu wehren, zieht Marion den Kopf ein, schiebt Frust und flüchtet in Krankheit. Bis sie endgültig zusammenklappt und Bilanz ziehen muss.

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Seitenzahl: 424

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Schrei(b)k(r)ampf

Mari Ann Simon

Kapitelübersicht
PROLOG
1. Zögerliches Fortkommen
2. Dröger Kram
3. Fuchsende Pfennige
4. Kategorische Fürsten
5. Hellblaue Viertürer
6. Peinliches Schweigen
7. Unterschiedliche Richtungen
8. Hochprozentiger Frust
9. Dehnbare Begriffe
10. Blankliegende Nerven
11. Vergoldete Henkel
12. Engmaschige Netzwerke
13. Regulierte Kanäle
14. Technische Unzulänglichkeiten
15. Moderne Sklavenhaltung
16. Räumliche Fehlbuchungen
17. Barolohaltige Nebel
18. Rapide Wechsel
19. Durchlöcherte Hirne
20. Riesige Anhänge
21. Vernetztes Drucken
22. Lautlose Schreie
23. Distanziertes Gelächter
24. Telefonische Kontakte
25. Ererbte Streitigkeiten
26. Geklärte Einsichten
27. Innere Abstände
28. Verfiebertes Fest
29. Pausierende Zellen
30. Sportive Bewegung
31. Laufende Projekte
32. Nostalgische Rückblicke
33. Gigantische Schatten
34. Wohlig Erwärmtes
35. Gewechselte Perspektiven
36. Ausgebreitete Flügel
EPILOG

Hamburg, Oktober 1974 – Spätherbst

PROLOG

Was machen Eltern mit einer Sechzehnjährigen, die weder konkrete Berufswünsche noch eindeutige Talente, sondern nur einen ausgeprägten Hang zu Büchern, Buchstaben, Wörtern und Sätzen hat?

Genau.

Sie machen einen Termin bei der Berufsberatung.

Vorher schleppen sie das Kind noch schnell zu C&A, um es für „den Ernst des Lebens“ anständig einzukleiden.

Meine Mutter verstand darunter kniebedeckenden Rock, ergänzt durch Karobluse mit Rüschenpasse. Zufrieden nickte sie der Verkäuferin zu, die sich vor Begeisterung geradezu die Hände rieb, mein mürrisches Gesicht ignorierte meine Mutter dabei lieber. Auf dem Heimweg starrte ich verstockt aus dem U-Bahnwaggon. Wieviele Langspielplatten hätte man für das ganze Geld kaufen können! Muffelig schleppte ich die Tüte mit den verordneten Spießerklamotten nach Hause.

Obwohl das Büro im Arbeitsamt überheizt war, fröstelte mich mit meinen nassen Füssen. Hochhackige Pumps sind für Hamburger Herbsttage nun einmal völlig ungeeignet, die hauchdünne Strumpfhose war über und über mit Matschklecksen bespritzt. Fette Regentropfen schlugen gegen das Glas und liefen in langen Bahnen an den Fensterscheiben herunter.

I. Gerresheimer stand draußen auf dem Schildchen. Berufsberatung.

Frau I. Gerresheimer blätterte flüchtig durch meine dürftigen Unterlagen, während ich überlegte, wofür das „I“ wohl stand? Inge? Isolde? Ilona? Die Papiere raschelten leise. Das Versetzungszeugnis aus der Realschule und der Lebenslauf, der mich fast in den Wahnsinn getrieben hatte. Handgeschrieben musste er sein und nach zahlreichen Versuchen war er irgendwann auch endlich fehlerlos gewesen. Zwischen Zeugnis und Lebenslauf lag auch noch die Bestätigung über mein Berufspraktikum im letzten Jahr.

"Hmmm, die naturwissenschaftlichen Fächer ... hmm, darin bist du ja eher schwach... hmmm".

Sie schaute mich nicht ein einziges Mal an, während sie vor sich hinmurmelnd flüchtig weiterblätterte und dabei ab und zu den Kopf schüttelte und hmm-te.

So ganz unrecht hatte sie leider nicht. Meinem nicht zu leugnenden Sprachtalent stand absolute Verständnislosigkeit in Naturwissenschaften und Mathematik gegenüber.

Verlegen schob ich die schweißfeuchten Hände unter meine Oberschenkel und dachte an die Ermahnungen meiner Mutter,ja ordentlich und gerade zu sitzen. Hinter meinen langen aschblonden Haaren, die mir vorhangartig ins Gesicht fielen, ließen sich Unsicherheit und Unwohlfühlen hervorragend verbergen. Denn gegen den von meiner Mutter bevorzugten ordentlich geschnittenen Pagenkopf hatte ich mich erfolgreicher als gegen die damenhaften Klamotten zur Wehr gesetzt. Hieß ich Mireille Mathieu?

Frau Gerresheimer fragte aufgesetzt fröhlich: "Wozu hättest Du denn Lust, Marion? Ich darf doch noch Du sagen?"

Ich nickte und überlegte.

Lust hätte ich, Bücher zu schreiben. Oder Journalistin zu werden. Soziologie oder Psychologie zu studieren. Laut äußerte ich nichts dergleichen. Meine Zensuren ließen nicht viel Spielraum, an einen Wechsel auf das Gymnasium war überhaupt nicht zu denken. Im Gegenteil, ich musste froh sein, wenn ich wenigstens eine Lehrstelle bekäme. Als was? Keine Ahnung. Darum saß ich ja auf einer vordersten hölzernen Stuhlkante in diesem miefigen Büro.

„Ja, äh, also ...“ Mist, irgendwie war ich aber gar nicht gut vorbereitet. „Ich möchte nicht in einem Büro sitzen“ schob ich schnell hinterher.

Das war blöd, das merkte ich sofort an ihrem Gesichtsausdruck. Schließlich hatte sie mich gefragt, wozu ich Lust hätte. Nicht, wozu ichkeineLust hatte! Genau daran haperte es bei mir ja. Was ichnichtwollte, wusste ich nämlich ziemlich genau. Zum Beispiel tagein tagaus ordentlich gekleidet mit Rock und Bluse in einem Büro sitzen.

Stattdessen fiel mir unser Schulprojekt zum Thema Umwelt ein. Mit selbst ausgearbeiteten Fragebögen waren wir losgezogen und hatten Passanten auf der Straße zum Thema Gewässer- und Luftverschmutzung interviewt. Während meine Mitstreiter später das Modell bauten, um unser Projekt auch optisch darzustellen, übernahm ich Auswertung und Zusammenfassung der Fragebögen. Mit einem idyllischen Flussufer (die Schwarzwaldhäuschen, Büsche und Bäume hatte ich meinem Bruder abgeschwatzt, der mit seinen neunzehn Jahren kaum noch mit seiner Eisenbahn spielte) und einer aus Holz, Pappe und leeren Schachteln gebauten Fabrik, die ungeklärte Abwässer in den tuscheblauen Fluss leitete und mit dicken Rauchwolken die Luft verpestete, stellten wir dar, was den Befragten zum Thema eingefallen war. Die Wasserverschmutzung wurde mit Rasierschaum und Schlieren schwarzer Wimperntusche verdeutlicht, während aus dem aus einer ausgedienten Klopapierrolle gebastelten Schornstein schmutziggraue Wattebäusche quollen. Das Modell steht heute noch in einer Vitrine unserer Pausenhalle und war insgesamt mit einer zwei plus bewertet worden. Am stolzesten war ich jedoch auf den Artikel, den ich hinterher über das Projekt in unserer Schülerzeitung veröffentlicht hatte und um den ich in den Redaktionssitzungen ziemlich kämpfen musste. Das Flugblatt für die anschließende Protestaktion hatte ich auch mitentworfen, dafür gab es natürlich keine guten Zensuren mehr. Laut antwortete ich also: „Ich habe gern mit Menschen zu tun.“ Als dieser Satz laut ausgesprochen durch den Raum schwebte, hörte er sich aber irgendwie auch schon wieder falsch an. Bevor ich jedoch genauer erklären konnte, dass ich dabei an Umfragen und mündliche Interviews gedacht hatte, fragte Frau Gerresheimer auch schon nach, ob ich denn schon mal an eine Lehre als Kindergärtnerin oder Altenpflegerin gedacht habe.

Wie bitte? Bei den Menschen, mit denen ich gern zu tun haben wollte, hatte ich an Wesen gedacht, die deutlich höher als einen Meter und weder immer noch oder schon wieder im Wickelalter waren !

Ich verdiente mein Taschengeld auf jeden Fall lieber beim Zeitungsaustragen als beim Babysitten.

Ich musste irgendetwas halblaut vor mich hingemurmelt haben, denn die Stimme von Frau Gerresheimer unterbrach ungeduldig: „Bist Du denn gern draußen? Landschaftsgärtner arbeiten den lieben langen Tag an der frischen Luft.“

Landschaftsgärtner?

Ich sah mich Begonien und Krokusse auf einer Verkehrsinsel pflanzen. Wieder schüttelte ich meinen Kopf. Landschaftsgärtner war sicherlich auch nichts für mich. Irgendwie lief das hier nicht ganz so wie erwartet.

„Bist Du denn handwerklich geschickt?“

Weder die Schürze, die wir im Handarbeitsunterricht nähen mussten und mit Motiven wie Karotten, Äpfeln oder Birnen besticken sollten, noch den emaillierten Aschenbecher aus dem Kunstunterricht könnte man auch nur annähernd als gelungen bezeichnen. Bevor die Schürzennähte nach mehrmaligem Auftrennen und Neunähen einigermassen gerade waren, war das Schulhalbjahr auch schon um. Im Aschenbecher sammelt meine Oma immerhin heute noch ihre Rabattmarken. Wahrscheinlich, weil sie ihre Enkelin sehr lieb hat. Das Aufkleben der Bäume und Ausschneiden und Anmalen der Pappschachteln beim Umweltmodell würde ich auch nicht gerade als große Handwerkskunst bezeichnen. Nein, das schied wohl auch aus.

Frau Gerresheimer studierte mit leicht verdrießlicher Miene die Bestätigung über das Berufspraktikum. Schon im vorigen Schuljahr hatte ich mich überhaupt nicht entscheiden können, was aus mir einmal werden sollte. Die meisten Klassenkameradinnen machten Praktika bei Ärzten oder Zahnärzten oderschnuppertenin Banken oder Versicherungen rein.

Alles nichts für mich.

Mein Patenonkel hatte mir schließlich die Praktikumsstelle in einer kleinen Pension besorgt. Vermutlich war er meinem Vater einen Gefallen schuldig. Frau Gerresheimer riss mich aus meinen Gedanken an diese auch nicht gerade rühmlichen vierzehn Tage und fragte: „Ich meine, hast Du denn überhaupt schon mal in einem Büro gearbeitet? Während deines Schulpraktikums?“

Wieder konnte ich als Antwort nur meinen Kopf schütteln. Einen Dialog konnte man das nicht wirklich nennen, also gab ich mir einen Ruck und antwortete: „Ich habe... in der Küche geholfen.“ Was auch nicht so ganz der Wahrheit entsprach. Denn an meinem allerersten Tag hatte ich bei der Zubereitung eines Puddings zugeschaut, der am nächsten Tag als Dessert auf der Speisekarte stand. Großzügig wurde erlaubt, dass ich die Schüssel mit den Resten auskratzte. Dass die Puddingsmasse mit Salmonellen verdorben war, konnte wohl keiner ahnen. Insofern hatte ich meine ersten Berufserfahrungen erst auf der Toilette und dann in Quarantäne zu Hause verbracht. Wohlwollend und haarscharf an der Wahrheit vorbei (außer der Gefälligkeit war dann wahrscheinlich auch noch schlechtes Gewissen im Spiel) wurde ich in der Praktikumsbeurteilung als höfliches junges Mädchen beschrieben, das sich zwei Wochen lang gut in das Küchenteam eingefügt hatte.

Meine Wangen färbten sich rötlich, als die Berufsberaterin diese Bewertung nun auch noch laut vorlas. Notfalls musste ich meinen roten Kopf auf die Raumtemperatur schieben. Frau Gerresheimer sah Rotbäckchen aber überhaupt nicht an, stattdessen zog sie aus diversen Stapeln auf dem Schreibtisch einen dünnen grauen Papphefter hervor.

„Du bringst ja schon „Erfahrungen“ mit - sie schaute hoch, ob ich die ironischen Gänsefüßchen auch verstanden hatte – „nun, jedenfalls hast Du schon mit Lebensmitteln gearbeitet...“

Auch jetzt machte ich keine Andeutung, dass mein Körper eher Mühe gehabt hatte, die verspeisten Lebensmittel zuverarbeiten. Gespannt wartete ich, womit sie jetzt rausrücken würde. Sie bog den Ordner ganz auf, suchte eifrig die entsprechende Zeile.

„Ja, dieser Betrieb sucht schon ein bißchen länger einen Lehrling. Die Inhaberin... wirklich eine sehr nette Frau. Es gibt dort noch einen Lehrling im dritten Jahr. Und die Gesellen werden hinterher meistens übernommen...“.

Jetzt hätte ich doch ganz gern gewusst, in welchem Beruf dieser sagenhafte Lehrbetrieb denn ausbildete, da kam es auch schon: „Konditor ist ein zukunftsträchtiger Beruf. Gebäck und Torte werden ja immer gegessen. Also auf Hochzeiten, Taufen, Beerdigungen...“

Sie unterbrach ihren Werbetext. Hatte wohl selbst gemerkt, dass besonders Letzteres einem jungen Mädchen den Job nicht unbedingt erstrebenswert erscheinen ließ. Na klar, ich mag Süßes und ich esse sehr gern Kuchen und Kekse. Aber den ganzen Tag hinter einer Glastheke stehen und Kunden fragen, wieviele Stücke es denn insgesamt werden? Mit einem Häubchen auf dem Kopf ovale braune Tabletts durch ein plüschiges Cafè tragen?

Ein abgrundtiefer Seufzer von mir, Frau Gerresheimer schaute mich leicht irritiert an. Jetzt wurde es wohl langsam Zeit, mal irgendetwas Vernünftigeres vom Stapel zu lassen! „Ich bin gern kreativ...“ in meinen Ohren klang das zwar ziemlich hochtrabend, aber meine kläglichen Versuche mit Aschenbecher und Schürze musste ich ihr ja nicht auf die Nase binden. Eher meinte ich auch den kreativen Umgang mit Worten und Sätzen. So wie beim Umweltprojekt. Für die Ausarbeitung des Fragebogens hatte ich immerhin eine Eins bekommen.

Gerade als ich etwas weiter ausholen wollte, erhob Frau Gerresheimer sich erfreut nickend. Aus einem Kasten, der hinter ihr auf einem niedrigen Aktenschrank stand, zog sie gelbliche Karteikarten heraus. Murmelte vor sich hin und musterte mich dabei immer wieder. „Hier hab ich’s“ ihr freudiger Ausruf ließ mich zusammenfahren. „Der Beruf der Floristin verbindet beides – man hat mit Menschen, also mit Kunden zu tun und kann kreativ sein...“

Floristin?

In einem feuchten Laden mit dicken Socken an den Füßen und einer grünen Gummischürze um den Bauch Trauerkränze flechten und Nelkenstiele auf die richtige Länge knipsen?

„Ist das auch nichts für Dich?“

Sie hatte nichtetwaauch nichts für Dich gesagt, aber ihre Frage klang durchaus drohend. Ich will doch nur eine Beratung!

Ruckartig zog ich beide Hände unter den Schenkeln hervor, der schmale Silberring riß rechts einen langen Faden aus der neuen Strumpfhose. War jetzt auch schon egal.

„Ich glaube nicht, dass Floristin für mich das Richtige ist“ stieß ich hervor. Prima! Mein erster vollständiger Satz und gleich wieder was Ablehnendes. Gut, dass meine Mutter mich nicht hören konnte, sie hätte die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen. Schnell wollte ich das Gesagte etwas abmildern und sagte hastig: „Aber ich mag Blumen ...“ Frau Gerresheimer kniff die Augen zusammen, ich glaube, jetzt fühlte sie sich auf den Arm genommen. Wollte ich doch gar nicht.

Knapp sagte sie: „Wir melden Dich zum Eignungstest an. Vielleicht bringt das Klarheit. Du hörst von uns.“

Schneller als gedacht stand ich also wieder auf dem grauen Flur.

Meine Mutter meinte zu Hause ärgerlich, dass ich mal wieder alles verkehrt angepackt hätte: „Eignungstest? Was íst das denn für ein Blödsinn? Was hast Du denen denn bloß erzählt?...“ Allerdings rümpfte sie dann doch die Nase, als ich von den Berufsvorschlägen berichtete: „Floristin? Konditor? Landschaftsgärtner? Die spinnen doch! Du bist so gut in Sprachen, hatten sie in dem Bereich denn nichts?!?“

Dass wir überhaupt nicht soweit gekommen waren, meine Sprachbegabung zu erörtern, behielt ich lieber für mich. Mamas Nase war schon gerümpft genug, weil ich so überhaupt keine vernünftigen Berufswünsche hatte. Dreiviertel der Mädchen in meiner Klasse wurden irgendwelche Kaufmänner oder Arzthelferin. So eine Tochter hätte meine Mutter wahrscheinlich auch gern gehabt.

„Wäre das denn nichts für dich?!?“

Menschen mit feinen Nadeln ins Ohr stechen, um Blut abzunehmen? Nee danke. Dabei kippte ich immer um.

In einer Bank sahen aber sogar meine Eltern ihre Tochter nicht. Die Grundrechenarten wären da bestimmt unbedingt Voraussetzung. Sie wunderten sich vermutlich nicht zum ersten Mal, wie sie zu zwei so völlig unterschiedlichen Kindern kommen konnten. Mein Bruder hatte gerade sein Abitur bestanden, mit sehr guten Zensuren. Ohne eine einzige Nachhilfestunde. Im Gegenteil, er gab seit der neunten Klasse selbst welche, in Physik und Mathe. Nicht seiner kleinen Schwester. Das hätte mit Mord und Totschlag geendet. Jetzt studierte Zahlenjongleur Markus im ersten Semester BWL.

Hoffentlich gab der Eignungstest für seine kleine Schwester was her!

Der graue Umschlag mit dem Behördenstempel, der ein paar Wochen später im Briefkasten lag, zitierte Fräulein Marion Petersen eines Dienstagmorgens um achtuhrdreißig ins Arbeitsamt am Berliner Tor. Mit mir hockten zwanzig weitere Leute der verschiedensten Altersstufen in dem Raum. Waren das auch solche hoffnungslosen Fälle wie ich? Alles Klienten von I. Gerresheimer?

Diktat, Aufsatz und Fragen zur Allgemeinbildung fand ich beim Test dann zunächst sogar relativ einfach zu bewältigen. Mit leichtem Magengrimmen kam ich zum Prüfungsteil, der meine logischen und mathematischen Fähigkeiten testen sollte. Je komplizierter die Aufgaben wurden, umso lauter tickte die verdammte Uhr auf dem Pult. Beim Übungsteil mit den Zahlenreihen hatte ich schon ganz glitschige Hände. Immer, wenn ich dachte, jetzt bin ich endlich hinter die Logik gekommen, passte die nächste Zahl wieder nicht mehr dazu ...

Verzweifelt schielte ich zu meinem Sitznachbarn, einem jungen Mann mit ziemlich abstehenden Ohren, der extrem nach Hasch roch, seitdem er in der Pause aus dem Herrenklo gekommen war. Ohne auch nur einmal hochzuschauen, schrieb er emsig. Vielleicht sollte ich auch mit dem Grasrauchen anfangen? Dann würde ich die grauen Zahlenkolonnen vielleicht auch schön farbig vor mir sehen! Mein Testbogen war weit davon entfernt, vollständig zu sein, als das Klingeln des Weckers mich endlich erlöste. Nachdem wir noch einen ellenlangen Fragebogen zu Gewohnheiten, Vorlieben, Freizeit und Hobbies ausgefüllt hatten, durften wir endlich gehen.

Viel erzählte ich zu Hause von diesem sagenhaften Test nicht. Meine Mutter fand mich mal wieder „extrem launisch“. Wütend knallte ich meine Zimmertür hinter mir zu und widmete mich liebevoll dem Starschnitt aus der BRAVO. Noch zwei Ausgaben und Marc Bolan von T. Rex wäre endlich vollständig.

Nach einiger Zeit kam auf graublauem Behördenpapier die Aufforderung, mit der Berufsberaterin meine Testergebnisse zu besprechen. Wieder verzichtete ich auf die moralische Unterstützung meiner Mutter und dieses Mal auch auf die Büromäuschenverkleidung. Ganz bequem saß ich Frau Gerresheimer in Jeans und Parka gegenüber. Meine Mutter hatte wegen der Kleidungsfrage ein Heidentheater gemacht, aber bockig hatte ich mich diesmal durchgesetzt.

Seufzend blätterte Frau Gerresheimer durch die Auswertung und zog überrascht die dünn gezupften Augenbrauen hoch: "Tatsächlich! Sogar etwas überdurschnittliche Intelligenz, einhundertachtundzwanzig...“

Einhundertachtundzwanzig was? Grad? Uhr? Meter? Sollte das gar mein IQ sein?

Bevor ich jedoch nachfragen konnte, fuhr sie fort, wobei sie wieder verständnislos den wohlfrisierten Kopf schüttelte: „Große Defizite im mathematischen Bereich. Gute Allgemeinbildung, durchschnittliches soziales Verhalten. Aaaaber ausgesprochen sprachlastig."

Durschnittliches soziales Verhalten? Verdammter Fragebogen! Hätte ich bei Interessen bloß klassische statt Popmusik und Museumsbesuche statt Kino angegeben. Andererseits käme sie mir nach der Einstufung bestimmt nicht noch mal mit Altenpflege oder Kindergärtnerin.

Sprachlastigklang allerdings auch nicht besonders gut. Mit sprachbegabt hätte ich mich eher anfreunden können. Und hierfür hatte ich mich einen ganzen Vormittag lang ausquetschen lassen? Für dieses Ergebnis hätte wohl ein ausführlicher Blick in mein Zeugnis genügt. Frau Gerresheimer nahm gerade zum Vergleich nochmal die Zeugniskopie zur Hand und fuhr fort: „Wirklich recht gute Zensuren in den Sprachen.“ Endlich mal ein wohlwollender Blick. „Hmm, tjaaa... Warum gehst Du eigentlich nicht weiter zur Schule?“

Vor Schreck saß ich stocksteif und kerzengrade.

Wie bitte?

Schule?

Nein!

DasKapitel hatte ich innerlich doch längst abgeschlossen.

Leider nahm sie mein entsetztes Schweigen als Zustimmung und ratterte ihren offensichtlich schon länger vorbereiteten Text runter. Fremdsprachenschule, zwei Jahre Unterricht, um praxisnah den schönen Beruf der Fremdsprachenkorrespondentin zu erlernen. Hinterher würden mir, so sprachbegabt wie ich bin, Tür und Tor offenstehen.

Ach nee.

Jetzt hieß es auf einmal sprachbegabt.

Hochinteressant.

Einzuhaken und nachzufragen, ob Tür und Tor mich denn nicht geradewegs in ein Büro führen würden, traute ich mich allerdings nicht.

Frau Gerresheimer musste kurz Luft holen, sie war ordentlich in Fahrt gekommen. „Du kannst dort drei Sprachen lernen. Englisch, Französisch, Spanischoder Russisch!“ trumpfte sie auf.

Russisch. Das klang allerdings interessant. Niemand, den ich kannte, sprach Russisch. Und eine komplett neue Sprache lernen – warum eigentlich nicht? Aber ansonsten... Fremdsprachenkorrespondentin? Dann konnte ich doch lieber Bürogehilfin lernen, das dauerte auch nur zwei Jahre und würde wenigstens bezahlt.

Unruhig rutschte ich auf dem Stuhl hin und her und überlegte, was ich sagen sollte, als Frau Gerresheimer ihre letzte Trumpfkarte ausspielte: „Nach den zwei Jahren auf der Fremdsprachenschule hast Du die Fachhochschulreife.“

Elektrisiert saß ich da. Fachabitur? Mit einem winzigen Umweg von zwei Jahren doch noch ans begehrte Abitur kommen und Journalistin werden? .

Wesentlich interessierter griff ich nach der Informationsbroschüre, stopfte den Prospekt in meinen Beutel und fuhr nach Hause. Warum eigentlich nicht? Erstmal weiter zur Schule gehen? Dann passte auch die Hippieverkleidung wieder!

Zwei Jahre waren eine lange Zeit, in denen viel passieren konnte. Auf keinen Fall würde ich mein Leben damit verbringen, an einer Schreibmaschine zu sitzen, um irgendwelche Texte abzutippen, die mir jemand diktiert hatte!

Meine Eltern waren vom Vorschlag Fremdsprachenschule mehr als angetan. Endlich hatte das Kind eine Perspektive! Dass ich Russisch lernen könnte, fanden sie interessanter als die Möglichkeit des Fachabiturs. „Das ist doch mal was ganz anderes! MitderSprache lässt sich bestimmt was anfangen und gutes Geld verdienen. Lernt doch nicht jeder. So sprachbegabt wie du bist, wird es dir ganz leichtfallen. Sollst mal sehen – eines Tages arbeitest du noch als Übersetzerin für die UNO.“

Das war natürlich Musik in meinen Ohren, langsam glaubte auch ich, dass diese Schule das Richtige wäre.

Erstmal.

Ich lenkte also ein: „Na gut. Ich gehe noch mal zwei Jahre zur Schule. Und danach sehen wir weiter...“ Mit meiner Sprachbegabung würde ich da mit Bravour durchrauschen und glänzend abschneiden. Überhaupt keine Frage.

Zwei läppische Jahre und mir standen Tür und Tor weit offen.

Mit der Arroganz meiner Jugend sah ich mich als Simultandolmetscherin für Russisch und Spanisch im Europaparlament in Brüssel arbeiten. Mühelos anspruchsvolle fremdsprachige Literatur übersetzen. Als persönliche Assistentin durch die große weite Welt jetten. Stolz durch die Pforten eines Unversitätscampus schreiten.

Mit zuviel Phantasie kann man sich alles schönmalen.

Der Zwischenbescheid der Fremdsprachenschule informierte ersteinmal nur lapidar, dass es zuviele Anmeldungen gäbe. Marion Petersen stünde aber auf einer Warteliste.

Das Tom Sawyer-Gartenzaun-Anmal-Prinzip.

Was so begehrt war, musste wohl etwas ganz Besonderes sein. Jetzt wollte ich auf jeden Fall Fremdsprachenschülerin werden!

Wegen des enormen Zulaufs richtete die Fremdsprachenschule zwei externe Klassen in einer anderen Handelsschule ein. Zusammen mit weiteren siebenundfünfzig Auserwählten lauschte ich der Begrüßung des Rektors. Ein Französischtest sollte die Spreu vom Weizen trennen und uns in eine schwache und eine starke Klasse teilen.

Lächelnd verteilte eine attraktive dunkelhaarige Frau Schreibpapier: „Mäine Name iiist Giselle Lebranc. Wiir wärdän jätzt aine kleinäää frongsöhsische Dicktatt schraibän...“

Restlos überzeugt, dass ich Weizen war, griff ich frohgemut zu meinem Füller.

Überschrift und Einleitungssatz bekam ich noch mit, danach floss alles in einem melodiösen Singsang zusammen. Sechsundfünfzig Köpfe beugten sich über Testbögen und schrieben eifrig mit. Nach ungefähr drei Minuten legte ich meinen Schreiber hin und lauschte nur noch. Bewunderungswürdig! Wer konnte bei der Geschwindigkeit erahnen, wo ein Satz aufhörte und der nächste begann?

Leicht verzweifelt starrte ich auf den einzigen Satz, den ich noch halbwegs mitbekommen hatte: „Ma chère Maman, nous sommes heureux ...“ Oder heureuse? Heureuses?

Nicht mal den Einstufungstest schaffst du!, schoß es mir durch den Kopf. So abwegig erschienen mir die Optionen Konditor oder Gärtner auf einmal nicht mehr zu sein.

Nach dem total vergeigten Eingangstest fand ich mich also in der Klasse derjenigen mit den schwachen Französischkenntnissen wieder und saß neben einem etwas älteren dünnen Mädchen, das seine langen roten Locken achtlos unter schwarze, blaue oder graue Baskenmützen stopfte. Nele war schon achtzehn, rauchte filterlose, selbstgedrehte Zigaretten, trug immer viel schwarzen Kajal um die braunen Augen und rollte das „R“ ganz auffällig. Nele wollte auch Spanisch und Russisch lernen und war genau wie ich schon in der ersten Woche stinksauer, denn Russisch wurde für unsAusgelagerteleider überhaupt nicht angeboten. „Das ist doch ein Witz,“ schimpfte sie, als wir aufgebracht vor unserem Klassenlehrer standen, „nur deshalb haben wir uns hier überhaupt angemeldet! Wir wollen Russisch lernen...“

Halbherzig bot die Schule an, dass wir die vier Russischstunden im Haupthaus im Mittelweg besuchen könnten. Obwohl Nele jeden Tag in einem himmelblauen R4 vorfuhr und großzügig anbot, mich mitzunehmen, war die Strecke zeitlich einfach nicht zu schaffen. Mindestens die Hälfte der angrenzenden Stunden hätten wir versäumt, was wir uns bei unseren insgesamt eher mittelmässigen Leistungen einfach nicht erlauben konnten. Murrend mussten wir also mit Französisch vorliebnehmen.

Auch Nele betrachtete die Fremdsprachenschule höchstens als Übergangslösung „bis uns was Gescheiteres einfällt“...

Das parallele Erlernen zweier romanischer Sprachen fiel uns beiden schwerer als zunächst gedacht. Wenn ich aber nicht mal sprachbegabt war, was blieb dann noch?

Simultandolmetscherin?

Ha!

Obwohl Klassenlehrer Althoff sich in BWL, VWL und ReWe auch mit Zahlenallergikern wie mir redlich Mühe gab, stand für mich schon nach wenigen Wochen unverrückbar fest: Alles, was auch nur im weitesten Sinne nach Buchhaltung, Zahlen oder Rechnungswesen aussah, würde ich auch den Rest meines Lebens weiträumig meiden. Dann doch lieber übersetzen oder sogar Briefe abtippen. Natürlich nur übergangsweise. Dachte ich in meinem jugendlichen Überschwang. Neben kaufmännischem Englisch, Französisch und Spanisch wurden den angehenden Fremdsprachenkorrespondentinnen natürlich auch die modernen Bürokommunikationswerkzeuge wie Steno und Maschineschreiben vermittelt. Wir sollten unseren zukünftigen Vorgesetzten schließlich ihre Arbeit erleichtern und dazu gehörten nun einmal flinke Finger in beiden Fächern. Die hierfür angesetzten drei Wochenstunden dauerten für mich gefühlte dreißig Stunden. Jeder Regisseur hätte unsere Stenografie- und Schreibmaschinenlehrerin als Prototyp der alten Jungfer besetzt: Weiße Rüschenbluse, brauner Wollrock, Schuhe mit klobigen Absätzen. Akkurat geschnittener brauner Pagenkopf. Klein und pummelig stand Fräulein Rusch vor der Klasse und versuchte, dreißig mehr oder weniger interessierten jungen Mädchen die Vorzüge der deutschen Einheitskurzschrift zu vermitteln. Derweil flüsterte Nele mir zu, dass sie gestern einen ganz süssen Typen im Grünspan kennengelernt hätte und ob wir uns zusammen eine Flasche „CHARLIE“ leisten sollten. Unsere ganze Schule roch flächendeckend nach diesem Parfüm, das in einer dreieckigen Glasflasche verkauft und für uns Taschengeldempfängerinnen leider unerschwinglich war.

Fräulein Rusch, die morgens offensichtlich ziemlich üppig TOSCA auftupfte und mich mit diesem altmodischen Duft stark an meine Oma erinnerte, versuchte uns Kürzelzeichen einzubläuen, die unsere Diktatgeschwindigkeit immens steigern sollten. Mit Feuereifer malte das Fräulein etwas an die Tafel, das wie ein zu rund geratenes kleines VAU aussah. Triumphierender Blick in die Klasse:

„Meine Damen – dieses ist ein Eilschriftkürzel. Eilschrift lernen Sie zwar erst im zweiten Schuljahr, aber dieses p-r-a-k-t-i-s-c-h-e Kürzel will ich Ihnen heute schon einmal verraten.“

Weder Nele noch ich konnten so recht nachvollziehen, was dieser trockene Keks so spannend an dem Krickelkrackel fand.

„Nun, meine Damen – was könnte dieses Kürzel wohl bedeutetn?

Äh. Tja.

Das Schweigen im Walde hätte nicht tiefer sein können.

Ein triumphierender Ausruf vom Fräulein: „Das ist ein „ver“ – „VER “ auf der Oberlinie ist das Eilschriftkürzel für Versicherung!“

Donnerwetter!

Gelangweilt starrte ich aus dem Fenster und konnte ihre Begeisterung immer noch nicht teilen. Wie oft konnte das Wort Versicherung wohl in einem Brief vorkommen?

Warum standen vor deutschen Schulen eigentlich immer üppige Kastanienbäume? Ein sonniger Frühlingstag, die Vögel lärmten aufdringlich in den Kronen. Statt hier drinnen über Kreidemalerei zu sinnieren, wäre ich lieber mit Nele in den Park hinausgelaufen. Den raschelnden Blättern lauschen und den Rauchkringeln unserer Zigaretten hinterherschauen.

Stattdessen quietschte die Kreide auf der Tafel. Erschreckt zuckte ich zusammen, als vom Pult der Befehl kam, das Lehrheft zur deutschen Einheitskurzschrift auf Seite fünf aufzuschlagen:

„MARION, seien Sie so gut und lesen Sie uns den ersten Abschnitt vor!“

Hatte Fräulein Rusch eben etwas von „ver“ auf der Oberlinie gesagt? Das nochmal wofür stand? Meine Augen rasten über die Zeichen und Linien, ohne ein „ver“ zu entdecken.

Mühsam entzifferte ich: Sehr geehrte Herren ... und blablabla ...

Fanden wir Steno nur stinklangweilig und für unsere späteren Karriereziele auch völlig unnötig, herrschte bei mir in fünfundvierzig Minuten Maschineschreiben das nackte Grauen.

Niemals hätte ich mir vorstellen können, dass ein an sich harmloses Gerät wie eine elektrische Schreibmaschine drückende Alpträume bescheren kann. Im Arbeitszimmer meines Vaters stand eine mechanische alte Triumph GABRIELE. Mit hartem Anschlag hatte ich auf ihr schon einige meiner Referate für die Schule getippt. Gefiel mir sogar besser als handschriftlich. Meine Mutter hatte behauptet, dass es mit einer Elektrischen erst richtig Spaß machen würde.

Hier irrte Mami!

Frohgemut setzte ich mich in der allerersten Schreibmaschinenstunde an die elektrische Olympia SE im Schreibmaschinensaal hoch oben unter dem Dach. Die Frühlingssonne sorgte für wohltemperierte Saunawärme, meine Haare kräuselten sich feucht im Nacken. Sorgfältig achtete ich darauf, das Papier trotz schwitziger Finger ordentlich und gerade einzuziehen. Ein Blick auf die Tastatur ließ mich allerdings innehalten.

Was war das denn?

Außer Ziffern und Zeichen in der oberen Reihe standen gerade mal zwei Buchstaben in der Mitte darauf: g und h.

Donnerwetter, die Maschinen mussten aber eifrig beansprucht werden!

Alle Buchstaben völlig abgenutzt.

Von wegen.

Das war Absicht.

Wir sollten ja blindschreiben lernen.

An der Tafel hing die Abbildung einer vollständigen Tastatur. Sämtliche Buchstaben an der richtigen Stelle.

Fräulein Rusch knallte ihren Zeigestock auf einen Buchstaben auf dem Schaubild und trompete in die Klasse: „Meine Damen, Ruhe bitte! Unser linker kleiner Finger schlägt dasaan!“ Viele linke kleine Finger folgten ihrem Befehl. Meiner nicht. Offensichtlich führte er ein Eigenleben, völlig unabhängig von irgendwelchen Befehlen aus meinem Gehirn. Beim größten Teil der Mitschülerinnen klappte es nach einigen Unterrichtsstunden reibungslos. Bald tippten alle fehlerfrei und flüssig:

„Sehr geehrte Herren,

in der Anlage erlauben wir Ihnen unsere Broschüre...“

Alle, außer mir. Sogar Nele. Bei mir wurde es mit jeder Stunde schlimmer.

Neunundzwanzig linke Mittelfinger schlugen in der oberen Reihe das „e“ an, unweigerlich suchte sich Marion Petersens rechter Ringfinger in der unteren Reihe den Punkt.

Mitten im Text.

Das durfte doch alles nicht wahr sein!

Tapfer hackte ich auf die Tastatur ein, hoffend, dass auch meine Finger einmal mühelos über die Tasten rasen würden. Mein jugendlicher Optimismus dauerte bis zur ersten Klassenarbeit in Maschineschreiben.

Zeitschreiben waren die Möglichkeit für Fräulein Rusch, unsere fehlerfrei geschriebenen Anschläge zu messen. Wir bekamen zehn Minuten Zeit, einen Text abzuschreiben. Vorn auf dem Pult thronte mal wieder drohend eine Uhr. Schon ihr Anblick verstärkte das flaue Gefühl in meinem Magen.

Kaum gab Fräulein Rusch das Kommando: „Und jetzt, meine Damen –auf los geht´s los!“ ratterten um mich herum Schreibmaschinen wie Gewehrsalven.

Schockstarr erinnerte ich mich an den Deutschunterricht in der zehnten Realschulklasse. Wir hatten „Wer einmal aus dem Blechnapf frisst“ von Hans Fallada durchgenommen. Der Protagonist, der gerade aus der Haft entlassene Willi Kufalt, schrieb Ende der zwanziger Jahre Adressen im Akkord. Fehlerlos mussten sie sein, sonst gab es gnadenlos Abzüge bei der Bezahlung. Fünfzig Jahre später hatte Willi Kufalt mein volles Mitgefühl. Hiermit sollte auch ich einmal meinen Lebensunterhalt bestreiten? Niemals! Lasst mich die nächsten zwei Jahre irgendwie überstehen und dann...

Steno und Maschine waren mir derart verhasst, dass ich schon anfing, mich über T-Kontenpläne im Rechnungswesen zu freuen. Auch wenn meine Bilanzen nie aufgingen und sich mir die Logik, die Buchungssätzen angeblich innewohnte, niemals erschloss! Immer noch besser als dieses stumpfsinnige Rumhämmern auf der Schreibmaschine!

Kaufmännische Standardformulierungen waren mir ebenfalls ein Graus, egal ob mitstenografiert oder abgeschrieben. In Neles und meinen Ohren klangen sie stilistisch fragwürdig, verstaubt und altmodisch. Sus seguros Servidores – Nele konnte es sich gerade noch verkneifen, mit „allerunterthänigst“ zu übersetzen.

Beim Übersetzen fremdsprachiger Zeitungstexte ins Deutsche fanden wir dann endlich unseren kreativen Spielraum. Mit Feuereifer entdeckten wir die Welt der Synonyme und probierten verschiedene Varianten aus. Unsere oft sehr frei gestalteten Übersetzungen deckten sich selten mit den Vorstellungen der Lehrer. Trotzdem spielten wir weiterhin begeistert mit der Möglichkeit, den Sinn eines übersetzten Textes allein durch die Wortwahl zu verändern. Um einigermassen gute Zensuren zu bekommen, hielten wir uns bei Klassenarbeiten jedoch an die öden kaufmännischen Vorgaben, so schwer es uns auch fiel!

Die Tatsache, dass Fremdsprachenkorrespondentinnen zum Aufnehmen von Diktaten und nicht zum kreativen Spielen mit Worten eingestellt werden, verdrängten wir trotzdem weiterhin erfolgreich. Wir hatten ja noch Zeit, beruhigten wir uns. Wir konnten uns doch immer noch überlegen, was wir wollten. Am Ende winkte doch auf jeden Fall noch ein Fachabitur!

Von achtundfünfzig waren neunzehn Schülerinnen übriggeblieben, die für den Endspurt wieder in eine Klasse zusammengelegt wurden. Viele hatten die Schule wohl nur als Parkplatz betrachtet, um die Wartezeit auf eine Lehrstelle, einen Studienplatz, einen Ehemann oder ein Baby zu überbrücken.

Meine Eltern waren stolz, als auch ich – sogar mit einem guten Zeugnis! - ins zweite Schuljahr versetzt wurde: „Siehste! War doch genau das Richtige für Dich. Die Berufsberaterin hatte ja so Recht.“

Nein.

Hatte sie nicht.

Hiermit wollte ich doch nicht den Rest meines Lebens mein Geld verdienen!

Wo war das Mauseloch?

Der Notausgang?

Die Hintertür?

Es gefiel mir immer noch nicht, meine Zeit mit kaufmännischem Grundwissen zu vertrödeln, aber ich unternahm auch keine Anstrengungen, um die Weichen in eine andere Richtung zu stellen. Irgendwas würde sich schon noch ergeben ...

Die Zeit verging jedoch schneller, als uns lieb sein konnte. Weder Nele noch ich hatten sich ernsthaft um einen Studienplatz bemüht, wir waren hinreichend mit dem Vokabelnpauken und Auswendiglernen von commercial phrases und deren französischen und spanischen Pendants beschäftigt gewesen.

Ein Mitarbeiter vom Arbeitsamt kam in die Schule, um unsere beruflichen Perspektiven mit uns zu besprechen. Schwungvoll schrieb er seinen Namen an die Tafel und begrüßte uns mit „Guten Morgen, meine Damen...“

„Sieht gar nicht übel aus,“ murmelte meine Banknachbarin und drehte unter der Schulbank geschickt zwei Zigaretten für die große Pause. Dynamisch auf- und abwippend stand Herr Kehrmann in braunen Cord gekleidet vorne neben dem Pult und bereitete uns darauf vor, dass „es nicht so einfach werden wird, meine Damen. Der Arbeitsmarkt, ich sage Ihnen, Ölkrise ... große Konzerne...Gewinneinbrüche ....nicht so einfach. “.

Das Ganze brachte er in ziemlich drohendem Tonfall vor.

Unsere jungen Mienen spiegelten wohl Entsetzen, schnell schaltete er einen Gang runter und versuchte es nach der Peitsche jetzt lieber mit Zuckerbrot: „Wer gute Zensuren hat und vor allem flink im Stenografieren und flott auf der Maschine ist ... Ja-ha, meine Damen, solche Kräfte sind rar und gesucht und werden von der deutschen Wirtschaft mit Kusshand genommen ...“

Flink im Stenografieren und flott auf der Maschine.

Ganz bestimmt nicht, dachte ich.

Trotzdem bekam ich leichte Atemnot.

Von vorn folgte der Ratschlag, sich nicht unbedingt gleich auf Stellen als Phono- oder Stenotypistin zu bewerben, „da können Sie doch sicherlich viel mehr, mit dieser Ausbildung, meine Damen“.

„Wenn er noch einmal „meine Damen sagt, schreie ich,“ murmelte Nele, die ihn auch nicht mehr attraktiv fand.

In meinem Kopf entstanden dagegen beängstigende Bilder. Ganz plastisch sah ich mich morgens in einem Büro meinen Stenoblock aufklappen. Sah mich über Kürzeln auf Ober- und Unterlinien brüten und stellte mir vor, wie ich nach hundertfünfzig verworfenen Entwürfen um Mitternacht in einem stockdunklen Büro meinen ersten fehlerlos geschriebenen Brief in eine lederne Unterschriftsmappe legte. Stenobleistifte richteten drohend ihre Spitzen auf mich.

Die Schulzeit verging immer schneller, ich musste endlich mal zu einer Entscheidung kommen. Sollte ich doch noch eine weitere Ausbildung dranhängen? Aber als was? Die ganzen Kaufmänner reizten mich noch weniger als zwei Jahre zuvor. Alle Berufe, die ich kannte und die mit Sprachen zusammenhingen, fanden – soweit ich wusste – in Büros statt. „Auf keinen Fall,“ sagte Nele. „bevor ich acht Stunden in einem Büro hocke und dämliche Briefe abtippe, stelle ich mich lieber in irgendeiner Fabrik ans Band und maloche im Akkord!“

Das konnte und wollte ich mir aber auch nicht vorstellen – dazu war ich doch nicht zwölf Jahre zur Schule gegangen! Allerdings fand auch ich, dass es allerhöchste Zeit war, eigenes Geld zu verdienen, mir eine Wohnung zu suchen und endlich den Führerschein zu machen. “Du hast es gut,“ nörgelte ich herum, als Nele mich aufzog, weil ich schon so schnell kleinbeigeben wollte. „Du hast wenigstens schon ein Auto...“

„Ja, aber ansonsten ist alles genau wie bei dir: ich wohne zu Hause und muss mir sogar das Zimmer mit meiner kleinen Schwester teilen! Dein Bruder ist wenigstens schon ausgezogen! Ich kann es überhaupt nicht abwarten, endlich mit dieser dämlichen Schule fertig zu sein!“

Nele zeigte mir einen Vogel, als ich ihr gestand, dass ich mich mit dem Gedanken an einen langweiligen Bürojob schon fast angefreundet hatte, und mein Geld tatsächlich mit dem Abschreiben und Übersetzen von Texten verdienen wollte. „Übergangsweise,“ sagte ich hastig, „das ist doch nur übergangsweise. Bis ich weiß, was ich wirklich anfangen möchte.

„Verschwendung von Kreativität und Talent,“ befand Nele lapidar. Das folgende Wochenende war das erste seit langer Zeit, an dem ich nicht mit meiner Freundin zum Tanzen ging. Beleidigt starrte ich in meinem Zimmer an die Decke.

„Komm doch auch mit nach England,“ versuchte Nele mich zu überreden, nachdem wir uns wieder vertragen hatten und in meinem Zimmer auf dem Bett lagen. Sie reichte mir ihre Zigarette und blies den Rauch in Richtung Zimmerdecke: „Im Büro können wir doch immer noch arbeiten! Und zu zweit wird es bestimmt lustiger.“

Au-Pair-Mädchen? Nein, das konnte ich mir beim besten Willen nicht vorstellen. Bevor ich auf englische Rotzgören aufpasste, würde ich mich eher noch als Tastenkünstlerin in einem Büro verdingen.

Erst einmal.

Schulterzuckend setzte Nele die Nadel des Plattenspielers wieder auf das erste Lied von Deep Purple und sang mit ihrer rauchigen Stimme leise mit: „Sweet child in time you’ll see the line“ ...

Während ich also halbherzig begann, die Zeitung doch nach Stellenanzeigen zu durchforsten, nahm Nele Kontakt zur Vermittlungsstelle für Au-Pairmädchen auf. Obwohl mein Halbjahreszeugnis gut ausgefallen war, wurde ich zu keinem einzigen Vorstellungsgespräch eingeladen, dafür erhielt Nele einen Brief mit der Adresse einer englischen Familie. Auf dem beiliegenden Foto lächelten drei mehr oder weniger zahnlückige Kinder fröhlich in die Kamera, die Mutter stand wie eine Glucke mit weitausgebreiteten Flügeln hinter ihren Küken. „Marion, hast du ne Ahnung, wo Newcastle liegt?“ Ich zuckte die Schultern und holte den Atlas aus Papas Arbeitszimmer. „Ganz schön weit weg von London...“ grinste ich etwas höhnisch, als wir hoch oben im Norden die Stadt an der Mündung des Tyne gefunden hatten. „Stimmt schon,“ sagte Nele, „wahrscheinlich will aber jeder lieber nach London. Und mir ist es eigentlich wurscht, Hauptsache, erstmal raus aus diesem Mief! Englisch wird da oben ja wohl auch gesprochen...“
Während Nele einen freundlichen Brief an die englische Familie schrieb und mit vor Aufregung schweißfeuchten Händen den Telefonhörer umklammerte, als Mr Forrester sie zu Hause anrief, um wenigstens schon einmal die Stimme des neuen Kindermädchens zu hören, überlegte ich frustriert, statt Arbeitsvertrag einfach mal meine gesammelten Absagen in die Schule mitzunehmen.
Das Hauptproblem waren vermutlich meine nach wie vor mehr als fragmentarischen Schreibmaschinenkenntnisse. Das konnte auch mit Einsen und Zweien in den Sprachen nicht ausgeglichen werden! Statt Übersetzungskünstlern wurden Frauen gesucht, die in die Tasten hauen konnten!

Ich würde in der Fabrik am Band enden.

Im Supermarkt an der Kasse.

Als Klofrau am Rathausmarkt.

Als Straßenfeger.

Die Panik wurde schleichend größer.

Meine Eltern fanden allerdings auch, ich solle mich jetzt mal ein bißchen zusammenreißen. „Das bisschen Maschineschreiben haben schon ganz andere Leute gelernt. Du bist doch nicht doof.“

Doch.

Ich war doof.

Ich konnte nicht maschineschreiben, nicht stenografieren und meine Bilanzen gingen immer noch nicht auf.

Um mich zu trösten und in die Zukunft ihrer Tochter zu investieren, bezahlten meine Eltern einen Schreibmaschinenkurs. In einem privaten Institut sollte das Blindschreiben mittels modernster Lehrmethoden kinderleicht erlernt werden. Behauptete der Prospekt, den meine Mutter mir triumphierend vor die Nase hielt.

Konnte ich mir nicht vorstellen.

Ein Obolus zum Führerschein wäre mir bedeutend lieber gewesen! Statt Anfahren am Berg und Rückwärtseinparken zu üben, latschte ich nach der Schule grollend in die Räumlichkeiten von Sight & Sound am Alten Wall. Die Frau am Empfang lächelte aufmunternd: „Sie können die Schreibmaschinenlektionen so oft wiederholen, wie Sie wollen. Erst wenn Sie die Buchstaben aus der Lektion beherrschen, gehen Sie zur nächsten Unterrichtseinheit über. Alles in Ihrem eigenen Tempo.“Klang auf jeden Fall schon mal entspannter als die wöchentliche Tortur bei Fräulein Rusch. Das Wort „Zeitschreiben“ war bisher überhaupt nicht gefallen. Etwas beruhigter griff ich in den Kasten mit den Lehrkassetten und stülpte mir die Kopfhörer auf. Stirnrunzelnd nahm ich wahr, dass auch diese Tastatur nur „g“ und „h“ hatte.Das konnte ja was werden!

Ich startete die Kassette und lauschte einer freundlichen Stimme, die mich zu Lektion eins begrüßte und aufforderte, im Lehrbuch Seite fünf und sechs aufzuschlagen. Die Abbildung der Tastatur ging über beide Seiten. Aufmunternd wurde beschrieben, welcher Finger welchen Buchstaben anschlägt.

Vor meiner Nase die Abbildung, unter meinen Händen die Tastatur, in meinem Ohr eine nette Stimme: Butterweich schlug mein linker kleiner Finger ein „a“ an...

Phänomenal.

Fünfundvierzig Minuten später schrieb ich begeistert und fehlerfrei zwei Zeilen „gasöl“.

Diese Investition lohnte sich auf jeden Fall!

Vier Wochen später hielt ich den Beweis in der Hand, dass Fräulein Marion Petersen sehr wohl in der Lage war, auf einer elektrischen Schreibmaschine dreihundertfünfzig Anschläge blind und fehlerfrei zu schreiben. Sehr aufrecht und stolz lächelnd schritt ich mit meinem Schnellschreiberzertifikat hinaus in den kalten sonnigen Wintertag. Die Sache mit dem Führerschein ließ sich bestimmt auch noch irgendwie regeln.

Trotz all der vielen Nachhilfestunden, die Nele mir zur Prüfungsvorbereitung in Rechnungswesen noch gegeben hatte, rutschte ich bei den schriftlichen Abschlußprüfungen nur im Mittelfeld durch. Blasser als sonst stand Nele am Fährterminal, flankiert von ihren Eltern und ihrer kleinen Schwester Frauke, die schon völlig verheult aussah, bevor Nele die Gangway auch nur betreten hatte. Während wir Tochter, Schwester und Freundin zuwinkten und auch ich große Mühe hatte, nicht laut loszuschluchzen, fragte ich mich, warum ich jetzt eigentlich nicht dort oben stand und meiner Familie zuwinkte? Mit Nele an der Seite in ein fremdes Land voller dort wartender Abenteuer fuhr? War ein deutsches Büro tatsächlich besser als englische Kinder? Oder gar arbeitslos zu werden!?!

Neles erste Postkarte hatte sie offensichtlich noch an Bord unter dem Eindruck der Schiffsreise geschrieben, die wohl ziemlich stürmisch verlaufen war, die Karte enthielt nämlich in ziemlich unregelmässigen Buchstaben nur folgende Nachricht: Nie wieder Schiff – bin nur noch seekrank!!!

Während ich immer mutloser in meinem Kinderzimmer hockte und darauf hoffte, dass irgendeine Firma in Hamburg doch noch ein Plätzchen für mich hätte, schrieb meine Freundin ellenlange Briefe voller Heimweh. Trotzdem hätte ich liebend gern mit ihr getauscht!

Statt wie Nele die Welt kennen zu lernen, saß ich also wieder einmal im Arbeitsamt, diesmal auf dem langen grauen Flur mit den links und rechts längs der Wände aufgereihten Stühlen. Ohne Termin.

Stattdessen zog ich eine Wartenummer und füllte auf einem Klemmbrett den Antrag aus. Viel hatte ich dort noch nicht einzutragen.

„Sie haben keinen Anspruch auf Unterstützung“. Mechanisch und unfreundlich erteilte der müde aussehende Sachbearbeiter mir nach stundenlanger Warterei Auskunft. Damit hatte ich auch nicht wirklich gerechnet. „Melden mussten Sie sich trotzdem, Frau Petersen, das war schon ganz richtig. Auch für ihre Rentenbestätigung.“ Rentenbestätigung? Ich hatte noch nicht mal angefangen zu arbeiten! Obwohl ich volljährig war, stand meinen Eltern wenigstens noch das Kindergeld für mich zu. Fünfzig Mark, die sie mir großzügigerweise überließen.

Tolles Ergebnis! Nach zwei Jahren Schultortur verfügte ich über ein Almosen von monatlich fünfzig Mark. Anstatt in einem Büro meine flinken Steno- und Schreibmaschinenkenntnisse anzuwenden, tapezierte ich mein Kinderzimmer neu. Orange und braune Kreise auf olivgrünem Grund.

Nele hatte mir ihren Autoschlüssel in die Hand gedrückt, als wir uns an der Fähre verabschiedet hatten. Jedes Wochenende mussten mein Vater oder Markus mit mir auf den Verkehrsübungsplatz fahren, denn _Fahrstunden waren natürlich immer noch nicht drin. Nach kurzer Zeit parkte ich den himmelblauen R4 schon ganz geschickt zwischen den aufgebauten Reifenstapeln ein.

Bevor ich frustriert doch noch über meinen Schatten springen und meinen Eltern die Idee unterbreiten konnte, Nele als Aupairmädchen ins Ausland zu folgen, kam mein allererster Vermittlungsvorschlag vom Arbeitsamt. Firma Düncker handelte mit Trockenfrüchten, residierte in einem Büro in der altehrwürdigen Hamburger Speicherstadt und suchte einekaufm. Ang., gern Anfäng., flott Steno + Masch’schr./gute Deutsch- u. Eng’kenntn.
Ein fünfstöckiges backsteinernes Gebäude ragte bedrohlich vor mir auf. So sah er also aus, der von meinen Eltern immer wieder heraufbeschworene Ernst des Lebens.

Hamburg, Mittwoch 23. November 2011 – wolkig, windig, aber trocken 7-10 Grad, 14:50 Uhr

1.  Zögerliches Fortkommen

Auf meinem Telefondisplay sehe ich, dass Elena Hinz mich anruft. Sie ist die persönliche Assistentin von Olaf Bendfeldt, ihr Chef einer von unseren beiden Firmeninhabern. Automatisch werfe ich einen Blick auf die kleine Uhr am PC, bestimmt will sie mich nur noch mal an unseren Termin im Hotel Sanfranski erinnern. Ich habe kaum Zeit, um mich zu melden, als auch schon Elenas immer etwas gehetzt klingende Stimme ertönt: „Marion, ich bin soweit. Wir nehmen Olafs Wagen. In einer Viertelstunde an der Tiefgaragenausfahrt, ist das okay für Dich?“

Nachdem ich nur kurz bestätigend gebrummt habe, beende ich meine angefangene E-Mail an Jan Hellersen: Hi Jan, fange morgen schon um sieben an. Bitte maile mir den Text heute Abend noch, damit ich morgen gleich loslegen kann und ihn bis zehn fertig übersetzt habe. Habe jetzt einen Termin außer Haus, lG Marion.

Jan Hellersen ist der Chef von Public Relations und Corporate Communications, wo im Moment noch mit Hochdruck an unserer Imagebroschüre gearbeitet wurde. Diese Broschüre soll ich geschwind übersetzen, bevor sie dann endlich in den Druck gehen kann.
Jetzt also schnell die E-Mail versenden, meinen PC runterfahren und ein paar Visitenkarten aus der Schreibtischschublade wühlen und ins Portemonnaie stecken. Schon bin ich so gut wie abmarschbereit. Bevor ich jedoch mit Elena und einer weiteren Kollegin losfahre, möchte ich wenigstens noch meinen Lippenstift erneuern und einen prüfenden Blick in den Spiegel werfen. Schließlich repräsentieren wir drei da draußen Bendfeldt & Kirschstein, hochwertige Haushaltsgeräte und High-Tech-Unterhaltungselektronik. Bevor ich in den Waschraum gehe, um mich etwas aufzurüschen, könnte ich meinem Chef, Herrn Dr. Fürstenheim auf dem Weg zu den Waschräumen auch gleich sagen, dass ich mich jetzt auf die Socken mache. Nicht, dass er über dieses Treffen nicht Bescheid wüsste, oh nein!

Vor einer Woche, als Elena den Termin mit der Bankettleiterin vom Hotel vereinbarte, hatte ich meinen Chef selbstverständlich umgehend informiert (was für mich informieren heißt, nennt er schätzungsweise „demütig um Erlaubnis bitten“). Seine sparsame Reaktion hatte mich zwar nicht davon abgehalten, Elena eine Terminzusage zu schicken, als brave Assistentin hatte ich meinen Sonnyboy aber selbstverständlich heute Morgen nochmals daran erinnert, dass seine Perle heute Nachmittag einen aushäusigen Termin hatte. Was Dr. Fürstenheim lediglich mit äußerst säuerlicher Miene zur Kenntnis genommen und gereizt gefragt hatte, wann ich denn wohl zurück wäre. Na, Morgen früh in alter Frische natürlich, hätte ich am liebsten schnippisch geantwortet, stattdessen erläuterte ich ein weiteres Mal geduldig, dass mit meiner heutigen Rückkehr wohl leider, leider nicht zu rechnen sei. Was im Klartext bedeutet, dass er zwischen drei und sechs ganz allein auf sich gestellt sein würde. Keine Frau Petersen, die man mit unwichtigem Kleinkram auf Trab halten konnte!

Die Aussicht auf drei lange Stunden ohne persönliche Sklavin im Bürodschungel quittierte er auch gleich mit einem ärgerlich hervorgezischten „Was kann daran wohl so lange dauern? Die Räume für die Weihnachtsfeier sind doch schon längst gebucht, wie jedes Jahr wird es irgendwas zu essen geben und danach werden ein paar Reden geschwungen. Wozu müssen Sie sich da auch noch drei Stunden im Hotel rumtreiben?!?“

Einem Mann wie meinem Chef klarzumachen, dass sich eine Weihnachtsfeier für über dreihundert Personen kaum von allein plant und ich mich mit meinen Kolleginnen mitnichten im Hotel „rumtreiben“ und mir einen Lenz machen würde, sondern vor Ort wichtige Details durchgehen musste, wäre jedoch reine Zeitverschwendung. Also zog ich meine Trumpfkarte aus dem Ärmel: „Frau Hinz hat ausdrücklich darauf bestanden, dass ich mitkomme...“

Das zog.

Aber hallo!

Und wie das zog.

Mit hohen Tieren und ihren Assistentinnen will auch mein Vorturner es sich auf keinen Fall verderben. Im Gegenteil, so ruppig er mit mir umgeht, so scheißfreundlich ist er zu Katrin und Elena. Katrin Woltmann ist die zweite Geschäftsführungsassistentin, sie arbeitet für Holger Kirschstein. Sie würde Elena und mich auch zu unserem Termin ins Hotel begleiten, um sicherzustellen, dass nicht nur Olaf Bendfeldts Wünsche zur Gestaltung der Firmenweihnachtsfeier berücksichtigt wurden, sondern auch die Ideen von Holger Kirschstein durchgesetzt wurden. Unsere Herren Inhaber verursachen manchmal leichte Territorialkollisionen und sind immer eifrig darauf bedacht, bei Entscheidungen auch ja nicht zu kurz zu kommen. Elena und Katrin arbeiten glücklicherweise partnerschaftlicher als die beiden Bosse zusammen.

Dr. Fürstenheims Bürotür ist geschlossen, es brennt nur die kleine Schreibtischleuchte und durch das neben der Tür eingelassene gläserne Bullauge sehe ich, dass der Raum verlassen daliegt. Einfach sang- und klanglos zu verschwinden wäre ja sehr unhöflich, außerdem wird ein solches Verhalten meinerseits morgen mit einer langen Predigt geahndet werden. Beim Verlassen der Räumlichkeiten habe ich mich gefälligst abzumelden! Aber wenn der Mann selbst durch Abwesenheit glänzt... Leider fehlt mir jetzt aber die Zeit, um meinen PC wieder hochzufahren und ihm eine E-Mail zu schreiben. Mein privates Handy für eine SMS an ihn zu nutzen, geht mir dann doch etwas zu weit.
Zutritt zu seinen Heiligtümern habe ich nicht, also muss ein außen an der Tür angeklebtes PostIt genügen:Bin zu meinem Termin mit dem Hotel. MfG, M. Petersen.Zur Sicherheit befestige ich den Zettel gerade mit einem zusätzlichen Klebestreifen, als Finanzchef Michael Stichler mit seiner dampfenden Kaffeetasse vorbeikommt und breit grinsend auf das PostIt deutet: „Hallo Marion, was wird das denn? Kunst am Bau?“ Knapp und leicht ironisch antworte ich: „Nee, innerbetriebliche Kommunikation bei Standards & Policies.“

Kopfschüttelnd verschwindet er in seinem Büro. Was er jetzt denkt, kann ich mir ungefähr vorstellen. Michael hält mehr von offenen Türen, verbaler Kommunikation und ausgetauschten Informationen. Tja, es gibt eben sone und solche. Und mein Chef, das Alphatier der Abteilung Standards & Policies ist nun mal ein ganz spezieller Fall.

Das Spiegelbild im Waschraum zeigt eine bebrillte schmale Frau mit halblangen Haaren, die etwas erschöpft wirkt. Meine schmalen Lippen werden sorgfältig mit glänzendem Gloss betont, ich nicke mir zu. So gehts.

Nach stundenlangem Sitzen vorm PC brauche ich jetzt dringend etwas Bewegung und nehme statt des Fahrstuhls die Treppe. An der Ausfahrt der Tiefgarage steht Olaf Bendfeldts dunkelblauer auf Hochglanz polierter Audi A8 mit leise pochendem Motor und einer ungeduldig wartenden Elena Hinz am Steuer. Schnell schlüpfe ich auf den Rücksitz und frage, wo Katrin denn wieder steckt. „Hat grad angerufen, kommt hoffentlich auch gleich“. Elena fummelt am Rückspiegel herum und dreht das Radio lauter. Sie flucht, als sie hört, dass es an der Außenalster einen Unfall gegeben hat. Mechanisch kommt dann auch noch die obligatorische Ansage aus dem Radio: „In weiten Teilen der Innenstadt können die Ampelanlagen im Moment nicht verkehrsgerecht geschaltet werden. Bitte umfahren sie diesen Bereich weiträumig.“

„So ein Mist!“ Elena dreht das Radio wieder leise und ich zücke auch schon mein Handy: „Ich sage besser mal im Hotel Bescheid, dass es einen Tick später werden könnte“, dann warte ich ungeduldig, dass Sabine Frenkel, die Bankettleiterinvom Hotel Sanfranski endlich ihr Telefon abnimmt. Leider erreiche ich nur ihre Mailbox, hinterlasse brav meine Nachricht und stecke das Telefon wieder ein.
Nervös nestelt Elena die Haarspange aus ihrer schwarzen Mähne, deren Menge locker für zwei menschliche Köpfe reichen würde. Als sie ihre Haare energisch wieder zu einem festen Knoten steckt, blitzen kleine Strassteinchen auf ihren langen manikürten Fingernägeln auf. Neugierig rutsche ich nach vorne und deute auf ihre Hand: „Hey, zeig mal, das sieht totoal schick aus.“ Sie dreht sich zu mir um und hält mir stolz ihre Hand hin, damit ich die Kunstwerke der Nagelstylistin noch besser bewundern kann: „Erst dachte ich, es sei zu auffällig, aber jetzt gefällt es mir doch ganz gut.“ Das hätte ich mir in meinem ersten Job bei Trockenfrüchte Düncker mal wagen sollen! schießt es mir durch den Kopf. Dort hatte ich sogar mal einen Anpfiff wegen eines zu kurzen Röckchens bekommen.

Immer ungeduldiger stöhnt Elena, wo Katrin denn bloss bliebe. Besänftigend deute ich auf das hellerleuchtete Foyer, vor dessen repräsentativem Empfangstresen die Vermisste inzwischen steht. Gestenreich erklärt sie offensichtlich den beiden Kolleginnen hinterm Tresen etwas, bevor sie sich endlich umdreht und ihren schicken knallroten Wollmantel im Gehen zuknöpft. Als sie durch die Automatiktür tritt, zerzaust der Wind ihren akkurat geschnittenen dunkelbraunen Bob. Mit einer Hand winkt sie uns schon fröhlich zu, bevor sie mit schnellen Schritten auf das Auto zugelaufen kommt.

Hoffentlich fragt sie mich nicht als Erstes nach ihrer Reisekostenabrechnung! Die liegt nämlich erst halb angefangen auf meinem Schreibtisch. Mittendrin musste ich abbrechen, weil mein Chef mal wieder eine andere seiner spontanen Ideen hatte. Mit einem kurzen Anruf hatte er mir nach seiner Mittagspause beschieden, dass ich mich in seinem Büro einzufinden hätte.

Und zwar pronto.

Denn in solchen Fällen erwartet er von mir, dass ich umgehend alles stehen und liegen lasse und sofort antrete.

„Wir müssen unsere Zahlen durchgehen“ lautete seine knappe Ansage, bevor er den Hörer auflegte. Tolle Idee! dachte ich bei mir. Unsere Budgetübersicht vom Vormonat schmorte seit ungefähr zwei Wochen unbeachtet auf seinem Schreibtisch vor sich hin. Mein Schreibtisch lag voll mit Arbeit und ausgerechnet hier und heute mussten wir die inzwischen schon fast wieder überholten Zahlen durchgehen!

Sein Verhör begann ohne weiteres Vorgeplänkel: „Was sind das hier für Kosten für Büromaterial, die Sie nicht einzeln aufgeschlüsselt haben?“ Dr. Fürstenheim schob mir unsere Budgetaufstellung mit einer ungeduldigen Bewegung hinüber.

Was unnötig war.

Mir sind die Zahlen bekannt – allemal besser als ihm – da ich solche Auswertungen jeden Monat für ihn als Exceltabelle aufbereite. Ich schaute auf den Ausdruck, sein Zeigefinger klopfte ungeduldig auf die Zeile, die am Rand mit einem fetten roten Fragezeichen markiert war. Auch dies eigentlich unnötig, denn ich hatte bereits alle Auffälligkeiten in Excel markiert und mit meinen Kommentaren versehen. Herr Dr. Fürstenheim kann jedoch leider, leider nicht „am Bildschirm arbeiten“, folglich musste wie immer alles farbig auf A3 ausgedruckt werden und ich ihm meine Kommentare auch noch einmal mündlich mitteilen.