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Schicksal ist ... ... jedenfalls kein Zufall. Es gibt sie, die höhere Macht, die unser Schicksal bestimmt. Sie werden Schicksalsschreiber genannt und leiten die Geschicke der Menschen. Eine von ihnen ist Eterna, die sich nichts sehnlicher wünscht, als glücklich in der Welt zu leben, über die sie täglich schreibt. Ihre Freunde unterstützen sie dabei, diesem Ziel näher zu kommen, doch als es endlich erreicht ist, gerät Eternas Entschlossenheit ins Wanken. Ist ihre Berufung wirklich unumstößlich? Welches Recht haben die Schreiber des Schicksals, den Menschen schlimme Erlebnisse aufzuerlegen? Und wie bei allen Ältesten soll man sich einem Menschen gegenüber verhalten, dessen Schicksal man selbst geschrieben hat?
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Seitenzahl: 424
Veröffentlichungsjahr: 2024
1. Auflage, 2024
© Alea Libris Verlag, Wengenäckerstr. 11,
72827 Wannweil
Alle Rechte vorbehalten
Lektorat: Michaela Harich
Korrektorat: Lisa Heinrich
© Cover- und Umschlaggestaltung: Viktoria Lubomski
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
Die Personen und die Handlung des Buches sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit tatsächlichen Begebenheiten oder lebenden oder verstorbenen Personen wären rein zufällig.
Ein furchtbares Geräusch durchbrach die Stille. Quietschende Reifen gefolgt von einem Zusammenprall, Metall auf Metall. Glas zersplitterte, Airbags platzten mit einem Zischen auf und der Inhalt des Kofferraumes schoss durch das Gefährt.
Nach nur wenigen Sekunden herrschte wieder Ruhe. Zumindest fast. Der Schrei eines Kindes hallte durch die dunkle Nacht. Es war kein Schrei der Schmerzen, sondern große Verängstigung ausdrückte. Normalerweise würden die Eltern nun einschreiten, mit ihrer bloßen Anwesenheit trösten und ermutigende Worte zusprechen. Das war hier allerdings nicht mehr möglich. Sie würden diese Funktion nie wieder für ihren kleinen Engel übernehmen können.
Dessen waren sich auch die beiden Frauen bewusst, die eingehüllt in helles Licht neben dem vollkommen zerstörten Auto erschienen. Mit ihrer Anwesenheit verblasste der Schein und in der Dunkelheit konnte man den Wagen kaum noch als solchen identifizieren. So mussten beide einen Moment suchen, bevor sie die kläglichen Überreste einer Tür fanden, um das Kind zu befreien. Anscheinend hatte das Mädchen die Frauen bemerkt, denn das Geschrei war verstummt. Das kleine Wesen gab nur noch ein trauriges Wimmern von sich. Als die Tür geöffnet war, hatte die jüngere der beiden Frauen keine Mühe, den Gurt des Kindes zu lösen und schon sprang es ihr in die tröstenden Arme.
»Schon gut, schon gut. Wir sind da und helfen dir, meine Kleine.« Ihre Hände fuhren über die glatten Haare des Mädchens. Obwohl diese Worte fast geflüstert waren, schienen sie unendlich laut in der Ruhe ihrer Umgebung. Sie hasste diesen Moment, wenn die Kinder gerade alles verloren hatten. Es zerriss sie innerlich, doch nach Außen ließ sie sich nichts anmerken. Dafür würde es umso schöner werden, diese junge, empfindliche Seele in die Geheimnisse des Sanktuariums einzuführen.
»Komm schon, Azar. Wir müssen los. Das Mädchen kann sich auch später noch ausweinen.«
Die Angesprochene verdrehte die Augen, nickte aber. Manchmal fragte sie sich, warum Losy überhaupt als Finderin arbeitete. Obwohl sie so viele schlimme Dinge sah, sprach sie beinahe kaltherzig und ließ keine Gefühlsregung erkennen. Als Azar ein sich näherndes Auto hörte, stand sie mit dem Kind auf dem Arm auf. Daran gewöhnt, hochgehoben zu werden, klammerte es sich an die Fremde und das Gewicht ließ die Sucherin keuchen, auch wenn es nicht das erste Mal war, dass sie ein kleines Lebewesen trug. Das herannahende Auto holte sie zurück in den Moment. Ihre Freundin hatte Recht, sie mussten verschwinden, bevor Menschen sie sehen würden. Sie nickte Losy zu, um zu zeigen, dass sie bereit war, und erneut wurden sie in strahlendes Licht getaucht, bevor sie zurück in die Astralebene glitten.
Die Wärme des Sanktuariums empfing sie wohlig nach der unangenehmen Kühle und Düsternis dieses Besuches der Menschenwelt. Das Mädchen hatte aufgehört zu weinen und klammerte sich fest an Azar. In dem kleinen Raum, vollgestellt mit Bücherregalen, herrschte eine einladende Atmosphäre, die das Kind sichtlich beruhigte. Es zitterte nicht mehr und sah sich neugierig um.
Azar setzte das Mädchen vorsichtig auf einem Hocker ab und streckte sich. Dann nahm sie selbst auf einem Stuhl Platz und drehte sich zu dem Kind.
»Es tut mir leid, was eben passiert ist, Eterna.«
Erstaunt schreckte das Kind hoch und sah ihre Retterin nun doch ängstlich an.
»Wieso weißt du, wie ich heiße?« Die Stimme war klar und deutlich. Die grauen Augen betrachteten Azar voller Angst. Diese lächelte und nahm ein Buch, das auf einem kleinen Beistelltisch lag. Der braune Einband wirkte unangetastet, ohne den winzigsten Kratzer und auf dem Buchrücken war in goldener Schrift Eterna Giscap zu erkennen. Sie hielt dem Mädchen das Buch hin, doch als es nicht reagierte, lächelte sie sanft.
»Oh, bitte verzeih. Du kannst vermutlich noch nicht lesen.« Ein Kopfschütteln des Mädchens bestätigte ihre Vermutung. »Mein Name ist Azar und es freut mich sehr, dich kennenzulernen.« Ihr Lächeln war sanft und erweckte den Eindruck, dass sie solche Gespräche schon sehr oft geführt hatte, so einstudiert kamen die Worte über ihre Lippen. »Es ist ganz furchtbar, was mit deinen Eltern passiert ist, doch du musst keine Angst haben. Wir werden uns um dich kümmern, wenn du das möchtest.«
Ein Hoffnungsschimmer leuchtete in Eternas Augen auf und beruhigte Azar. Es war immer gut, wenn diese armen Seelen etwas hatten, woran sie Hoffnung schöpfen konnten, sobald das Unvermeidliche geschehen war.
»Das hier ist dein Lebensbuch, Eterna.« Der Blick des Kindes wanderte zwischen dem Buch und Azar hin und her, deutlich waren Fragen in den grauen Augen zu erkennen. »Schon seit du geboren wurdest, wussten wir, dass du eines Tages zu uns stoßen würdest. Ich weiß, es ist schwer zu verstehen, aber wir möchten dir helfen. Man nennt uns auch Schicksalsschreiberinnen, weißt du?« Sie machte eine Pause und wartete, ob das Kind sie verstanden hatte. Eterna zeigte jedoch keine Regung. Losy nahm ein Glas vom Schreibtisch, füllte es mit Wasser und reichte es dem Mädchen. Dankbar trank es das Gefäß leer, bevor sie es zurückgab und sich dann wieder auf Azar konzentrierte, die mit ihrer Erklärung fortfuhr: »Nun, jeder Mensch besitzt einen freien Willen, der ihm erlaubt zu tun oder zu lassen, was er möchte. Doch gegen gewisse Einflüsse von außen ist sein Leben nicht geschützt. Es gibt Erkrankungen, Entlassungen im Beruf oder auch Einflüsse durch die Umwelt, die ein Leben schlagartig verändern können. Und genau diese regeln wir. Jeder Mensch, der geboren wird, bekommt ein eigenes Buch zugewiesen.« Sie hielt Eternas Buch in die Höhe und strich dann sanft über den Einband. Das Gefühl eines unbeschriebenen Buches war für sie etwas ganz Besonderes. »Wir werden ausgebildet, um für die Menschen ihr Schicksal zu verfassen. Dein Buch jedoch ist leer.« Azar schlug das Buch auf und zeigte dem Mädchen die leeren Seiten. Trotz des jungen Alters schien es die Erklärung Azars zu verstehen. Erstaunt griff es nach seinem Buch und blätterte darin herum.
»Hier steht wirklich nichts. Aber wieso? Ist das schlecht?« Eternas Stimme zitterte. Sie löste ihren Blick von dem Buch und sah Losy mit gerunzelter Stirn an.
Losy ergriff das Wort und ging direkt vor dem Kind in die Hocke, um ihm besser in die Augen sehen zu können. »Aber nein. Ganz im Gegenteil. Es bedeutet, dass du etwas Besonderes bist. Du bist eine von uns! Nur Kinder, die selbst einmal zu Schicksalsschreibern werden, können von uns kein Schicksal auferlegt bekommen.«
Azar nickte bestätigend. »Das ist richtig. Du kannst bei uns bleiben und hier zur Schule gehen. Wenn du möchtest und es zulässt, können wir deine Familie werden und mit dir die Zukunft gestalten.«
Bei dem Wort Familie blickte Eterna zu Boden. Sie knetete ihre Hände, da diese eiskalt waren, obwohl sie nicht fror. »Aber Mama … und Papa.«
»Du musst dich nicht sofort entscheiden, Liebes. Am besten ruhst du dich erst einmal etwas aus. Danach können wir dir den Rest des Sanktuariums zeigen und dir alle Fragen beantworten. Deine Entscheidung hat Zeit.«
Eterna nickte und gähnte. Ein wenig Ruhe würde dem Mädchen guttun.
Eine angenehme Ruhe herrschte im Sanktuarium. So früh war außer den heutigen Küchenhelfern kaum jemand wach und langsam erfüllte der zarte Duft von Kaffee und Waffeln die ersten Räume. Die Fliesen waren überall blank poliert, die Bilder an den Wänden entstaubt und die Kronleuchter mit frischen Kerzen bestückt. Überall konnte man spüren, dass dies ein besonderer Tag werden würde. Sogar das Wetter schien sich herausgeputzt zu haben: Keine Wolke verdunkelte die Stimmung und ein laues Lüftchen verkündete einen fantastischen Sommertag.
Ein lautes Pochen zerstörte Eternas Frieden, als eine Faust gegen die schwere Holztür klopfte.
»Eterna, wach auf! Heute ist dein großer Tag und du kannst es dir nicht schon wieder erlauben zu verschla-« Die Standpauke ihrer besten Freundin wurde unterbrochen, als Eterna die Tür öffnete. Mit weit aufgerissenen Augen betrachtete ihre beste Freundin sie, da Eterna bereits fertig angezogen und sogar frisiert war. Die langen, blonden Haare, die sonst morgens in wilden Büscheln abstanden, waren kunstvoll zu einer Flechtfrisur hochgesteckt.
»Hast du das alleine gemacht?« Eterna spürte den Blick ihrer Freundin in ihrem Rücken, als diese den Raum betrat.
»Nein, Tom war hier und hat mir stundenlang die Haare gebürstet und geflochten.« Beide Frauen sahen sich kurz an und lachten dann lauthals.
»Wenn ich nicht genau wüsste, dass Tom mit Yelena zusammen ist und sie dir sofort an die Gurgel gehen würde, wenn dies wahr wäre, dann hätte ich es dir tatsächlich geglaubt. Aber nun zu den wichtigen Dingen: Weißt du schon, was du heute nach der Schicht machen möchtest? Wir beide haben keine Sonderdienste, das sollten wir ausnutzen.« Während sie sprach, setzte sich Janessa auf einen kleinen Hocker, der neben einem großen Eichenschreibtisch stand. Eterna beobachtete amüsiert, wie ihre Freundin sanft über die Holzplatte strich. Sie selbst hatte sich diese Geste angewöhnt, weil ihr das schöne Möbelstück so wichtig war und anscheinend hatte ihre Freundin sich das bei ihr abgeschaut.
»Nach der Schicht möchte ich gerne ein Picknick machen. Nur du und ich. Tulevik und Soarta habe ich auch gefragt, aber die beiden sind leider zum Küchendienst eingeteilt. Dafür werden sie uns ein richtig tolles Paket zusammenstellen.« Eternas Stimme klangt freudig erregt. Ab dem zwanzigsten Geburtstag galt sie im Sanktuarium als volljährig und hatte somit mehr Rechte, aber auch mehr Pflichten.
»Komm schon, lass uns jetzt zur Arbeit gehen. In ein paar Tagen werden wir endlich offiziell zu Schicksalsschreibern geweiht. Dann schaut uns niemand mehr auf die Finger, aber bis dahin sollten wir es uns mit Tally nicht verscherzen.« Eterna klopfte ihrer Freundin auf die Schulter. Sie hielt die Tür auf und mit einer tiefen Verbeugung und einer ausladenden Handbewegung lud sie Janessa zum Vorangehen ein. Diese schenkte ihr einen skeptischen Blick und bewegte sich keinen Millimeter.
»Was ist heute mit dir los? Pass auf, oder die Leute werden sich noch daran gewöhnen, dass du pünktlich wirst.« Dann erhob sich auch Janessa und lachend verschwanden die beiden Freundinnen im Flur.
Die Schicksalsbibliothek war ein Bauwerk gigantischen Ausmaßes. Selbst nach all der Zeit, die Eterna bereits hier war, raubten ihr die schier unendlich vielen Schicksalsbücher der Menschen immer noch den Atem. Aber auch die Bibliotheksmeisterei bewunderte sie immer wieder. Trotz der Dimension ihrer Pflicht waren sie so gut in ihrer Arbeit, dass das System reibungslos lief.
Die Schränke wurden durch ein hochmodernes Rotationssystem bearbeitet, wenn es Zeit wurde, neue Schicksale in ihnen festzuhalten. Dann wanderten die Bücher durch alle Abteilungen, um schließlich für die nächsten fünf Jahre wieder in ihren Gestellen zu verschwinden. Da die Zahl der Menschen auf der Erde immer weiter wuchs, hatten die Schicksalsschreiber jeden Tag genügend Bücher zu füllen, um ausreichend beschäftigt zu sein. Eterna bewunderte diese Konstruktion jeden Tag aufs Neue. Es faszinierte sie, wie viele Menschen es auf der Erde gab und wie wenige nur nötig waren, um hier im Sanktuarium das Leben der Vielen zu bestimmen.
Die Bibliotheksmeister hatten sie anscheinend kommen sehen, denn die heutigen Bücher lagen für sie schon bereit. Eterna und ihre beste Freundin standen kurz vor dem Abschluss ihrer Schulzeit und hatten daher noch keine Registrationsnummer, mit denen sie ihr eigenes Tagespensum abholen konnten. Eterna seufzte. Sie war definitiv nicht für die Bibliotheksmeisterei geschaffen. Die dortigen Schicksalsschreiber hatten ein Händchen für Organisation und Logistik, was ihr völlig fehlte, denn bei ihr ging es immer drunter und drüber. Sich nach der langen Ausbildung für diesen Weg zu entscheiden war kein Zuckerschlecken.
Langsam schlenderte Eterna zu ihrem Arbeitsplatz, während Janessa sich ihr gegenüber auf einem Stuhl niederließ, der bei jeder Bewegung bedrohlich wackelte.
»Also so langsam könnten sie diese Stühle wirklich mal austauschen. Selbst als Praktikant, der noch nicht fertig ausgebildet ist, möchte man doch zumindest sicher sitzen können.« Janessa beschwerte sich lauthals. Trotz ihrer zierlichen Gestalt knarzte der Sitz unter ihr, als wollte er ihre Aussage unterstützen. Eterna hatte mehr Glück. Ihr Stuhl gab weder Geräusche von sich, noch drohte er, jeden Moment zusammenzubrechen. Trotzdem grinste sie.
»Wenn du einen gepolsterten Sessel mit Fußablage haben möchtest, solltest du dich möglichst schnell zur Schulleiterin hocharbeiten. Ist es das, was du möchtest?« Eternas helles Lachen erfüllte den Raum und brachte ihnen einige böse Blicke ein. Schuldbewusst zog Eterna den Kopf ein, während Janessa sich kichernd die Hand vor den Mund hielt. Im Laufe ihrer Schulzeit, die auch einige Praktika in der Schicksalsbibliothek beinhaltete, waren sie nur allzu oft von Lehrern beim Kichern erwischt worden.
»Gedenken die Damen heute noch zu arbeiten?« Eine kratzige Stimme ertönte hinter Janessa und sofort setzte sie sich aufrecht hin. Ihr Stuhl untermalte auch dies mit einem Knarzen, weshalb Janessa fast sofort wieder grinste.
»Herzlichen Glückwunsch zu deinem Geburtstag, Eterna. Ich denke, dass wir das heute nicht ganz so eng betrachten werden. Ausnahmsweise!« Eterna fiel auf, dass das letzte Wort besonders von der Abteilungsleiterin für Beruf und Finanzen betont wurde, trotzdem konnte sie ein Lächeln auf dem Gesicht der Ältesten erkennen. Die freundlichen grünen Augen zwinkerten Eterna zu. Diese nickte schnell und griff dann zu ihrer Schreibfeder.
»Danke, Tally, wir werden uns Mühe geben.« Obwohl sich die alte Frau bereits zum Gehen wandte, war sich Eterna sicher, dass sie die Dankesworte trotzdem vernommen hatte. Ihr lag viel am Respekt der Greisin, die schon länger die Abteilung leitete, als sie selbst überhaupt auf der Welt war. Eterna sah Tally noch kurz hinterher, bevor sie sich an ihre Arbeit begab.
Eterna hatte schon früh ihre Vorliebe für altmodische Schreibfedern entdeckt. Da die Schicksalsschreiber sich ihr Arbeitsgerät selbst aussuchen durften, genoss sie es, die Gänsefeder in der Hand zu halten. Sie tauchte immer wieder in das Tintenfass ein, während Eterna langsam die beruflichen und finanziellen Schicksale in die Bücher der Menschen schrieb. Sie liebte die königsblaue Tinte, die nur in dieser Abteilung eine Verwendung fand, am meisten. Das Grün der Abteilung für Gesundheit gefiel ihr zwar ebenfalls, doch es stach ihr in den Büchern etwas zu sehr ins Auge. Ganz zu schweigen von dem kräftigen Rot des Bereiches für Höhere Gewalt. Die goldene Farbe für Zwischenmenschliche Beziehungen hatte sie erst wenige Male benutzen dürfen. Erst, wenn Schicksalsschreiber mindestens drei Jahre ihr Amt ausübten, konnten sie in diese Abteilung des Sanktuariums wechseln. Oder aber, und das war in der bisherigen Zeit nur wenige Male vorgekommen, man musste während der Ausbildungszeit mit Bestnoten hervorstechen und ein besonderes Feingefühl für die eigenen Beziehungen beweisen. Folglich ließ man die Praktikanten, die noch während ihrer Schulzeit hier arbeiteten, nur unter strengster Aufsicht die Fügungen in dieser Abteilung schreiben.
»Möchtest du auch etwas trinken?« Nach einiger Zeit legte Eterna das Buch zur Seite, in dem sie eine freudige Zukunft hatte vermerken dürfen, und sah ihre beste Freundin fragend an.
»Sehr gerne. Ich habe das Gefühl, ich vertrockne sonst. Schau mal auf unsere Stapel, wir haben schon fast die Hälfte unserer Schicht geschafft. Na, das ging ja wirklich schnell heute.« Ihr Stuhl gab ein befreites Knarzen von sich, als sie sich erhob und sich bei Eterna einhakte. »Ich habe heute erstaunlich viele positive Dinge schreiben dürfen. Das macht gute Laune und lässt die Zeit schneller vergehen.«
Das Geburtstagskind nahm sich am Getränkestand einen warmen Kakao und presste die Finger eng an die Tasse. Wie immer bei der Schreibarbeit hatte sie eiskalte Gliedmaßen.
»Du solltest wirklich überlegen, ob du nicht doch lieber Handschuhe tragen möchtest.« Janessa nahm einen großen Schluck ihrer Himbeerlimonade, bevor sie Eterna angrinste. Diese beschloss zu schweigen, da sie sich an diesem wunderbaren Tag nicht von ihrer Freundin ärgern lassen wollte. Schließlich hatte sie es sich nicht selbst ausgesucht, immer so kalte Hände zu haben.
»Lass uns lieber weiterarbeiten. Vielleicht bekommen wir Tally ja dazu, uns heute etwas früher freizugeben, wenn wir besonders fleißig sind.« Eternas Stimme klang hoffnungsvoll. Sie liebte es, Geburtstag zu haben und wollte den Tag in vollen Zügen genießen. Schnell begaben sich die beiden jungen Frauen wieder an ihre Plätze. Ihr Soll lag heute bei etwa dreißig Schicksalen und Eterna hatte schon mehr als die Hälfte geschafft. Dies und die Aussicht auf ein Picknick am Nachmittag motivierten sie außerordentlich. Fix zog sie aus dem vorgegebenen Kasten eine kleine Karte, auf der eine Bestimmung vermerkt war und übertrug sie auf das nächste Buch, das auf einem Stapel neben ihr lag. Schon früh in ihrer Schulzeit hatte sie gelernt, dass es unvermeidlich war, den Menschen auch negative Schicksale bereiten zu müssen. Es gab ein übergeordnetes Gleichgewicht, dem man sich als Schicksalsschreiber nicht entgegenstellen durfte. Wichtig war nur, dass sie die Karten zu Beginn ihrer Arbeit sorgfältig durchmischte und somit die eigentliche Reihenfolge der Schicksale festlegte. Es war eine bedeutende Tätigkeit und Eterna war stolz darauf.
»Sei leise, sonst erwischt Elda uns«, flüsterte Eterna ihrer Freundin zu, nachdem diese mit ihrem Knie gegen einen der Metalltische geknallt war, die in der Küche als Ablage dienten.
Janessa schwieg und rieb sich das Bein, doch ihr Augenrollen ließ keine Zweifel darüber aufkommen, dass sie sich den unfreiwilligen Kontakt nicht ausgesucht hatte. Eterna ignorierte sie und schlich währenddessen weiter. Sie war froh, dass sie heute das Kleid mit den pastellfarbenen Punkten trug. In der Helligkeit der weißen Küche fiel sie so kaum auf und auch ihre blonden Haare verschwanden beinahe in der hellen Umgebung. Rasch hüpfte sie in den großen Vorratsraum für Brot und Gebäck. Wie vereinbart stand im dritten Regal auf dem obersten Brett ein kleiner Korb, der mit ein paar Leckereien gefüllt war. Ein schneller Blick auf den Inhalt verriet Eterna, dass Tulevik ihre Lieblingssüßigkeit vergessen hatte. Sie sah Janessa an und schüttelte leicht den Kopf. Diese schien zu verstehen und suchte rasch in den Regalen nach den passenden Stücken. Nach kurzer Zeit versuchte sie, einen ganzen Zitronenkuchen in den ohnehin schon überfüllten Korb zu stopfen. Als dies nicht gelang, legte Eterna ihn einfach oben drauf und breitete ein Küchenhandtuch darüber aus.
»Darf ich fragen, was hier getrieben wird?« Die kräftige Stimme der obersten Köchin polterte durch die kleine Kammer und die beiden Frauen zuckten zusammen. Eterna drehte sich hektisch um, schob dabei den Korb hinter sich und griff nach einem Graubrot, das im Regal neben ihr gelegen hatte. Ihr Puls schnellte in die Höhe und ihr wurde noch wärmer. Wenn Elda ihr jetzt den Korb abnahm, dann war ihr Geburtstag nicht mehr zu retten.
»Tulevik arbeitet doch heute in der Küche. Als wir zufällig vorbeikamen, hat er uns gebeten, ihm ein solches Brot zu bringen.« Ihre Stimme überschlug sich fast in der Hoffnung, die Küchenvorstehende täuschen zu können. Diese zog die Stirn kraus, begann dann jedoch schallend zu lachen. Janessa und Eterna sahen sie verwirrt an.
»Ein Graubrot? Das braucht man natürlich auf jeden Fall, wenn man Nudeln mit Brokkoli-Sauce zum Abendessen kochen möchte. Ich würde sagen, dass ihr beiden Diebe euch lieber ganz schnell vom Acker macht. Ihr habt Glück, dass meine Augen nicht mehr so gut sind. So bemerke ich es oft nicht, wenn ein einziges Teil fehlen sollte.« Sie wandte sich ab. »Hach, immer diese Jugend. Wollen einen auf den Arm nehmen und denken, sie kommen mit allem durch.« Den letzten Teil des Satzes konnte Eterna nur noch schwach hören, denn Elda war mitten in ihrer Rede aus der Kammer herausgetreten und hatte sich auf den Rückweg in die Küche gemacht. Die beiden Freundinnen tauschten verdutzte Blicke aus und verdrückten sich kichernd mit dem Korb auf das Außengelände.
»Hach, ich liebe Picknicks!« Eterna seufzte, bevor sie in ein Gurkensandwich biss. Eine große Kastanie spendete Schatten über der ausgebreiteten Decke, auf der sie sich im Schneidersitz niedergelassen hatte. Janessa hingegen hatte sich direkt an den süßen Korbinhalten bedient. Eterna beobachtete belustigt, wie ihre Freundin versuchte, ein paar Ameisen loszuwerden, die sich über die Krümel hermachen wollten.
»Ich mag sie auch. Eigentlich sollten wir das viel öfter machen. Es ist nur ein wenig nervig, dass man die Körbe dann extra in der Küche beantragen muss. Aber wenn wir in ein paar Tagen geweiht werden, dann hat das endlich ein Ende.« Eine weitere Ameise hatte sich auf Janessas Hose verirrt und wurde unsanft von ihr herunter gefegt. »Andererseits haben wir es im Sanktuarium immer so warm. Wir könnten auch öfters Ausflüge in den Schneebereich machen. Oder wenigstens in den Herbstwald.«
Eterna musste ihrer Freundin Recht geben. Die Umgebungslande des Sanktuariums waren wunderbar abwechslungsreich. Dank der Magie der Astralebene konnte man sich in Gebieten mit allen Eigenheiten der unterschiedlichen Jahreszeiten der Menschenwelt aufhalten. Wie eine große Uhr mit dem Sanktuarium in der Mitte, verteilten sich die Bereiche in Viertelabschnitte. Schon seit jungen Jahren genoss Eterna es, immer wieder die verschiedenen Wetterverhältnisse aufzusuchen.
»Möchtest du eigentlich gar kein Geschenk haben? In den letzten Jahren wurde ich immer morgens von dir ausgefragt, wann du es endlich bekommst. Ich meine, ich bin ja schon froh, dass du nicht mehr auf eine selbstgebastelte Krone bestehst.« Janessa lächelte und kramte in ihrer Handtasche. Eterna wusste, dass sie nicht zu den Personen gehörte, die sich mit dem Nötigsten abgaben, sondern das halbe Hab und Gut ständig mit sich herumtrugen.
»Ich dachte, jetzt wo ich erwachsen bin, könnte ich mich auch mal so verhalten.« Eterna zwinkerte ihrer besten Freundin zu und betrachtete dann begehrlich die große Handtasche. Sie selbst war eigentlich nie mit einer Tasche anzutreffen. Alles, was sie brauchte, war im Sanktuarium zu jeder Zeit zugänglich. Einzig ihren Zimmerschlüssel hatte sie immer bei sich, wobei er an einer feinen, silbernen Kette hing, die sie um ihren Hals trug. Während Janessa suchte, legte Eterna den Kopf schräg und aß betont langsam den Rest ihres Sandwiches, während ihr offenes Haar über die Schulter fiel. Die schöne Flechtfrisur hatte sich durch ihr wildes Rumgehopse im Nu aufgelöst, daher hatte sie sich entschieden, die Haare wieder so zu tragen, wie sie es im Alltag bevorzugte.
Janessa schien das gesuchte Objekt endlich gefunden zu haben und reichte Eterna ein kleines Päckchen. Es war in farbenfrohes Papier mit Blumenmuster eingewickelt und eine getrocknete Blüte klebte darauf. Eterna kannte die Blume nicht und es war ihr auch egal, wie sie genannt wurde. Sie wusste aber, dass Janessa diverse Blütensorten liebte und ihr gerne diejenigen heraussuchte, von denen sie dachte, dass Eterna sie mögen würde. Vorsichtig entfernte sie die Pflanze und steckte sie in den Tragegriff des Weidenkorbs, der ihr Picknick beinhaltete. Janessa begann, eine ihrer Haarsträhnen in den Mund zu nehmen. Es fiel Eterna auf, weil die Freundin das sonst nur tat, wenn sie unruhig oder nervös war. Sie fragte sich, was wohl mit ihrer besten Freundin los war, wurde jedoch durch das Geschenk wieder abgelenkt.
Eternas Mundwinkel hoben sich, als sie eine Ameise bemerkte, die auf dem Blumenpapier herumlief. Sie hielt das Geschenk sanft ins Gras, sodass das kleine Geschöpf auf einen der Halme entkommen konnte. Danach machte sie sich vorsichtig daran, das Papier zu lösen.
»Wenn es dir nicht gefällt, dann kann ich es auch gerne umtau…« Weiter kam Janessa nicht, denn Eterna entfuhr ein erfreutes Quietschen, das alles im Umkreis übertönte. Dann schloss Eterna sie in eine starke Umarmung, die all die Zuneigung beinhaltete, die sie für sie empfand.
»Vielen Dank! Das ist wirklich wunderschön. Ich liebe es und werde immer an dich denken, wenn ich es benutze.« Als sie sich aus der Umarmung löste, konnte Eterna nicht aufhören zu lachen. Janessa kannte sie wirklich gut und hatte mit ihrem Geschenk einen Volltreffer gelandet. Sanft strich sie über das neue Notizbuch. Auf der Vorderseite war das Relief einiger vierblättriger Kleeblätter zu erkennen, auf dem sich ein Marienkäfer befand. Eterna liebte diese Insekten, die als Glücksbringer galten und eine wunderbar kräftige Farbe hatten. Das Relief war farbig und so fiel das Motiv direkt ins Auge. Die Rückseite hingegen war schlicht gehalten und von schwarz gefärbtem Leder bedeckt.
Eterna drückte sich das Notizbuch mit beiden Händen an die Brust, bevor sie es sachte in den mitgebrachten Korb legte.
»Es freut mich sehr, wenn dir das Buch gefällt. Als ich neulich bei dir im Zimmer war, ist mir aufgefallen, dass das Lesebändchen deines aktuellen Notizbuches schon ziemlich weit am hinteren Ende war. Da dachte ich, du könntest ein Neues gebrauchen. Es hat extra dicke Blätter, damit die Tinte nicht durchsickert« Eterna bemerkte, dass nun auch Janessa strahlte. Scheinbar freute sie sich über Eternas Reaktion.
»Es ist wirklich perfekt. Ich weiß gar nicht, wie ich dir danken soll.« Erneut griff Eterna in den Korb, um noch einmal über das Relief zu streichen. Das Material war edel und es fühlte sich weich an ihren Fingern an.
»Deine Freude ist mir Dank genug.«
Eterna sah Janessa mit glänzenden Augen an. Sie konnte es kaum erwarten, die ersten Zeilen in dieses wunderbare Schmuckstück zu schreiben.
»Janessa! Jetzt komm endlich, sonst sind die besten Plätze schon besetzt.« Eternas Stimme hallte nur wenige Tage später durch den Korridor, als sie ihrer Freundin voraus in den großen Veranstaltungsraum eilte. Bereits seit dem Morgen war sie unendlich aufgeregt und freute sich auf die Dinge, die sie erwarten würden.
Der Tag ihrer Weihe war gekommen und das Abendessen würde an diesem Tag in der festlich geschmückten Halle stattfinden, bevor sie dann endlich in den Kreis der Schicksalsschreiber aufgenommen werden würden. Alle Absolventen hatten sich am Morgen viel Mühe gegeben, auch wenn Eterna sich erst einmal einen Rüffel von Bedisa hatte abholen müssen, weil sie mal wieder verschlafen hatte und zu spät gekommen war. Trotzdem war sie mit Freude dabei und die Dekoration erstrahlte in den hellsten Farben. Überall waren weiße Blumen der unterschiedlichsten Sorten angebracht und bildeten dicke Sträuße. Es herrschte eine fröhliche Stimmung. Die Sanktumsbewohner summten vor sich hin, die Sonne strahlte mit den Absolventen um die Wette und auf den kleinen Grünflächen zwischen den Gebäudeteilen hatten sich Kraniche niedergelassen. Ihre Ankunft prophezeite Glück und ließ auf einen wunderbaren Abend hoffen. Wenn die Schüler der Schicksalsschule ihre fünfzehnjährige Ausbildung beendeten, freute sich die gesamte Bewohnerschaft.
»Was meinst du damit? Wir haben doch eine feste Sitzordnung zugewiesen bekommen.« Janessa war völlig außer Atem, als sie endlich bei Eterna ankam. Heute waren auch ihre roten Haare zu einer eleganten Frisur hochgesteckt. Ihre Füße steckten in hellblauen Lackschuhen und ihr Kleid umwehte im sanften Wind ihre Beine. Eterna mochte dieses Outfit. Es erinnerte sie sehr an die pikfeine Janessa mit Spitzensöckchen, die sie als Fünfjährige kennengelernt hatte.
»Ich meine doch nicht die Sitzplätze beim Essen! Nein, ich rede von der Zeremonie.« Eterna zupfte ihr Halstuch gerade, packte ihre Freundin am Handgelenk und zog sie weiter in Richtung des riesigen Eingangstores, während Janessa nur die Augen verdrehte.
»Süße, wir sind nur neun Absolventen dieses Jahr. Wir alle können ganz vorne sitzen.«, japste Janessa und entschleunigte ihren Schritt. Eterna ließ sich jedoch nicht beirren und rannte zielstrebig weiter, musste dafür aber Janessas Handgelenk loslassen. Dabei stolperte sie fast über ihre Absätze und fluchte leise. Sie wusste schon, warum sie normalerweise nur Turnschuhe trug. Heute jedoch wollte sie sich anders als sonst fühlen, denn solch einen Tag gab es nur einmal im Leben.
Mit einem Seufzen wurde auch Eterna langsamer, schritt jedoch immer noch schneller voran als ihre beste Freundin. Die Schuhe klackerten über den Steinboden. Der Farbton ihres Kleides passte perfekt zur Dekoration und bildete eine schöne Einheit mit dem Grün der Wiese. Eterna wollte sich unbedingt einen Platz sichern, da konnte Janessa sie nicht umstimmen. Sie war viel zu aufgeregt und spürte ihr Herz wild schlagen.
Die Zeremonie fand auch dieses Jahr draußen statt, denn durch die Magie des Sanktuariums herrschte durchgehend eine angenehme Temperatur und Sonnenschein. Auf der Wiese angekommen, schritt Eterna Stuhlreihe für Stuhlreihe ab und blieb vor dem Podium stehen. Rechts und links vom Mittelgang waren jeweils vier und fünf Stühle aufgereiht, an denen ein Zettel mit der Aufschrift »Absolventen« angebracht war.
»Klasse, es ist wirklich noch alles frei. Wo möchtest du am liebsten sitzen, Janessa? Ich glaube, dass die Plätze direkt am Gang perfekt für uns sind.« Während sie sprach, nahm sie ihr Halstuch ab und knotete damit die beiden besagten Stühle zusammen. Janessa lachte.
»Natürlich ist alles frei. Nur du verrückte Nudel kommst auf die Idee uns Plätze reservieren zu wollen. Lass uns lieber wieder rein gehen. Ich fände es sehr schade, wenn wir nur deshalb das Essen verpassen.« Ohne eine Antwort abzuwarten, drehte sie sich um und machte sich auf den Weg zurück in die große Halle. Eterna überlegte kurz, ob sie die Beleidigte spielen sollte, musste dann aber auch lachen. Der Tag war einfach zu schön, um wegen solcher Kleinigkeiten eingeschnappt zu sein. Sie überprüfte sicherheitshalber erneut das Tuch, das die beiden Stühle miteinander verband, und nahm die Verfolgung auf.
Im Speisesaal angekommen, staunten die beiden Absolventinnen sehr über die Aufteilung der Halle. Normalerweise stand am Ende der riesigen Räumlichkeit ein großer Tisch für die Obersten, die auch die Ältesten genannt wurden, und sämtliche Schulangestellten, wie Erziehende und Lehrende. Diese Posten wurden innerhalb der Gemeinschaft besonders geschätzt, da sie die Basis bildeten, um neue Generationen von Schicksalsschreibern anzuleiten.
Heute jedoch war zu Eternas Überraschung kurzerhand ein kleines Podium aufgebaut worden. Zum Zeitpunkt des Dekorierens, bei dem die Absolventen selbst auch geholfen hatten, war es noch nicht dort gewesen. Darauf befand sich ein langer Tisch mit exakt neun Stühlen. Über die Stühle waren Stoffbahnen gelegt, die mit bunten Schleifen gehalten wurden, während auf dem Tisch Kerzenleuchter standen. Ungewöhnlich war auch die große, schneeweiße Tischdecke, die auf der Tafel ausgebreitet lag und mit kleinen, goldenen Sternchen dekoriert war. Der Anblick dieser Gruppierung erzeugte einen wunderbar festlichen Eindruck.
»War das in den letzten Jahren auch so?« Eterna hatte ihre Stirn in Falten gelegt und war verwirrt. Janessa stupste sie gegen den Oberarm.
»Lass das, du siehst ziemlich dämlich aus. Aber um genau zu sein, ich kann mich auch nicht daran erinnern, dass in den letzten Jahren zur Weihe ein Podest aufgebaut wurde.« Langsam gingen die beiden jungen Frauen auf den Tisch zu und wagten nicht, als erste die wenigen Stufen hinaufzusteigen.
»Hallo Mädels. Na, das wäre aber nicht nötig gewesen, dass ihr extra für mich alles so toll dekoriert und sogar ein Podest baut.« Tulevik war durch einen anderen Eingang gekommen, zwinkerte ihnen zu und umarmte sie zur Begrüßung. Seine eisblauen Augen funkelten und er trat nervös von einem Bein auf das andere. Eterna musste kichern, denn bisher hatte sie ihren Kumpel nur selten so aufgeregt erlebt.
Daraufhin wurde ihr noch deutlicher bewusst, was der heutige Tag bedeutete. Sie würden vollends ein Teil der Gemeinschaft werden, mit allen Rechten und Pflichten.
Während Eterna abgelenkt war, war auch ihre langjährige Freundin Soarta zu der kleinen Gruppe gestoßen und gemeinsam wagten sie sich auf das Podest, um sich dort ihre Plätze zum Essen zu suchen. Es war zwar nur um wenige Handbreit erhöht, doch trotzdem hoch genug, damit es Eterna ein unangenehmes Gefühl bereitete, die Blicke der anderen Sanktuariumsbewohner so auf sich zu ziehen.
Mit einem Blick durch die Halle sah sie auch die Kinder des Sanktuariums und dachte an ihre eigene Kindheit zurück. Die jährliche Weihe der Absolventen war immer ein besonderes Ereignis gewesen. Mit zehn Jahren endlich die Erlaubnis zu erhalten, täglich im großen Speisesaal essen zu dürfen, war damals ein riesiger Meilenstein gewesen. Ein Schritt heraus aus der Kindheit. Von den kleinen Kinderspeiseräumen hin zum gesellschaftlichen Leben mit den Schicksalsschreibern und in die Gemeinschaft. Als sie dann im Alter von fünfzehn ihre eigenen Zimmer bekommen hatten und nicht länger in den großen Schlafsälen übernachten brauchten, begann wieder ein neuer Abschnitt. Heute lag all das hinter ihr und sie konnte entspannt auf die Zukunft schauen.
Eterna wurde aus ihren Gedanken gerissen, als sämtliche Mitglieder des Rates der Obersten den Raum betraten. Obwohl sie sie gut kannte, betrachtete Eterna sie ausgiebig. Auch in ihren Gesichtern war eine allgemeine Erheiterung zu sehen. Die meisten Bewohner waren mittlerweile anwesend und auch der Tisch der Absolventen hatte sich gefüllt. Die Schulleiterin schlug einen kleinen Gong, bevor sie sich an ihren Platz begab. Dies war das Zeichen, dass sie etwas sagen wollte und alle Gespräche im Raum verstummten.
»Ich freue mich sehr, dass wir heute die Weihe von neun jungen Menschen feiern können, die künftig vollwertige Mitglieder unserer Gesellschaft sein werden.« Sie wartete den Applaus ab, bevor sie fortfuhr: »Da wir alle jedoch mit leerem Magen schlecht feiern können, eröffne ich hiermit das Buffet.«
Dankbar für die sehr kurze Ansprache blicke Eterna ihre Freunde an und war sich sicher, dass dies ein wunderbarer Abend werden würde.
»Ach du dicker Otter, bin ich vielleicht satt!« Ohne auf ihre Frisur zu achten, ließ Eterna sich auf ihrem Lehnstuhl nach hinten fallen und sank langsam an dem weichen Leder herab.
Janessa stupste sie in die Seite, was sie wieder hochschnellen ließ. »Benimm dich. Das Wichtige kommt doch gleich erst noch.«
»Aber was könnte wichtiger sein als Essen? Ach ja, die Zeremonie.« Eterna hatte für einen Moment wirklich das Hauptereignis vergessen.
Soarta und Janessa lachten lauthals auf, während Tulevik sie anstarrte.
»Ihr macht Witze. Nichts ist wichtiger als verdammt gutes Essen. Wenn die Zeremonie in die Hose geht, dann ist das nur einmal im Leben doof. Wenn Essen nicht schmeckt, hast du fünf bis sechs Mal am Tag ein Problem!« Mit erhobenem Zeigefinger hielt er seinen Vortrag und während Eterna kicherte, betrachtete Soarta ihren Freund skeptisch. »Wie oft am Tag isst du bitte? Da muss ich echt mal drauf achten.«
Tulevik jedoch antwortete nicht. Er grinste nur und Eterna beobachtete weiterhin die Schicksalsschreiber, die die Halle füllten.
Es herrschte eine ausgelassene Stimmung in der Halle und mittlerweile hatten auch die Lehrenden ihr Mahl beendet. Der Tradition folgend, hatten sie das Essen für die Absolventen gekocht, um ihre Anerkennung für den erfolgreichen Abschluss der Ausbildung zu demonstrieren. Eterna musste zugeben, dass sie nicht nur ihren Unterricht, sondern auch das Kochen ziemlich gut beherrschten.
»Alle drei Gänge waren wirklich lecker. Aber der Nachtisch hat am besten geschmeckt. Ich liebe Eis mit warmen Kuchen.« Ihre Augen wurden glasig und sie meinte den Geschmack immer noch auf der Zunge schmecken zu können.
»Immerhin sitzt sie mittlerweile wieder aufrecht«, flüsterte Janessa Tulevik zu und beide kicherten. Eterna hörte das allerdings auch und fühlte sich ungerecht behandelt.
»Hey, was gibt es denn da zu lachen? Ich glaube, ihr gönnt mir …« Weiter kam Eterna nicht, da sich Bedisa von ihrem Platz erhoben hatte. Schlagartig wurde es still in der Halle und die Schulleiterin ergriff das Wort, ohne erneut den Gong schlagen zu müssen.
»Zuerst möchte ich mich gerne bei Elda und ihrem Team bedanken.« Bedisas klare Stimme hallte durch die Halle und sie wandte sich der Frau zu, die am Ende des Lehrertisches saß. Eterna folgte ihrem Blick und sah, dass ein zufriedenes Grinsen auf dem Gesicht der Küchenchefin zu sehen war, während sie nickte. »Es war ein besonderes Essen an einem besonderen Tag und ich denke, ich spreche für uns alle, wenn ich sage: Danke für eure Mühe!«
Kräftiger Applaus brandete durch den Raum und an einigen Stellen wurden anerkennende Pfiffe laut.
Dann hob Bedisa eine Hand und wieder wurde es still.
»Auch, wenn wir heute etwas feiern, so möchte ich nun alle bitten, ihren Platz selbst abzuräumen, um unseren Küchenhelfern das Leben etwas zu erleichtern. Wir treffen uns in einer halben Stunde draußen zur Weihe der Absolventen.« Eterna fiel auf, dass die Schulleiterin ihr benutztes Geschirr nahm und alles zu einem der großen Wagen brachte, auf denen die Reste zurück in die Küche gebracht wurden. Sie tat es der Ältesten gleich und freute sich darüber, endlich aktiv werden zu können.
»Das ist klasse. Wir können uns also eine halbe Stunde entspannen, bevor wir zur Weihe müssen.« Soarta atmete tief ein, doch Eterna begann zu lachen. »Entspannen? Aber nein, wir müssen jetzt schnell abräumen und dann sollten wir auf jeden Fall schon raus gehen. Ich will den Anfang nicht verpassen!«
Sie sah, wie Soarta Janessa einen resignierten Blick zuwarf, bevor sie sich erhob. Normalerweise hätte sie sich beschwert, doch heute war ein zu schöner Tag dafür. Sie wollte unbeschwert den Abend genießen und machte sich auf den Weg zum Geschirrwagen. Gerade, als sie ihr Geschirr auf einen Wagen stellen wollte, stieß sie gegen jemanden. Doch ehe sie sich entschuldigen konnte, war die Person bereits weitergegangen. Die schwarzen Haare erkannte Eterna allerdings auch von hinten. Daiva. Seit sie vor fünfzehn Jahren in die Astralebene gekommen waren, hatte sie die Freunde schikaniert. Sie konkurrierte mit Eterna besonders um die guten Noten und die Aufmerksamkeit der Lehrer. Wobei Eterna selbst nie eine solche Rivalität gewollt hatte. Dass Daiva jedoch immer gemeiner wurde, hatte sie irgendwann selbst angestachelt. Eterna stöhnte genervt. Sie hatte gesehen, dass Daiva alleine am äußersten Ende des Tisches gesessen hatte und nach der Rede Bedisas ebenfalls aufgesprungen war. Warum die zankwütige Frau nicht längst draußen war, wunderte Eterna. Als Soarta mitten in der Halle nach ihr rief, verscheuchte sie den Gedanken, brachte ihr benutztes Geschirr weg und gemeinsam begab sich die kleine Gruppe durch das Gedränge der restlichen Sanktuariumsbewohner nach draußen.
Alle neun Absolventen saßen in der ersten Reihe und warteten auf den Beginn der Zeremonie. Es war immer noch angenehm warm und das goldene Licht des Abends erzeugte eine andächtige Stimmung. Bedisa trat auf die Bühne und verneigte sich vor ihren ehemaligen Schülern.
»Ihr habt euch jahrelang bewiesen. Ihr habt gelernt, gelacht und euch unser Vertrauen erworben. Mit euren Handlungen in all diesen Jahren konntet ihr beweisen, dass ihr als vollwertige Mitglieder in unsere Gesellschaft gehört.« Ihre letzten Worte waren leise gesprochen, doch alle Zuhörer lauschten gebannt, bevor sie laut applaudierten. Als erneut Ruhe einkehrte, breitete Bedisa die Arme aus. »Ich möchte nun alle Absolventen bitten, zu mir auf die Bühne zu kommen.«
Das war ihr Zeichen. Langsam erhoben sich Eterna und die anderen und gingen auf die kleine Treppe zu, die zur Bühne hinaufführte. Eterna wollte sie grade betreten, als sich Daiva grinsend an ihr vorbeischob und vor ihr auf die erste Stufe trat. Eterna verdrehte die Augen. Es hatte keinen Sinn, sich aufzuregen. Jetzt nicht. Sie musste einfach damit leben, dass Daiva und sie wohl niemals Freunde werden würden. Sie hasste die schwarzhaarige Absolventin nicht, aber ging ihr und den kleinen Gemeinheiten lieber aus dem Weg. Heute konzentrierte sie sich aber auf die Weihe und betrat andächtig das Podest.
Die Schulleiterin sprach sie nacheinander an und wiederholte immer die gleichen Worte: »Bist du bereit, dein Handeln und dein Leben dem Sanktuarium zu widmen? Den Menschen ihre Schicksale aufzuerlegen und deine Taten durch Weisheit leiten zu lassen?«
Eterna sah, wie ein jeder von ihnen sich beide Handflächen aufs Herz legte und antwortete: »Ich bin bereit.« Als sie selbst an der Reihe war, lächelte sie glücklich. So lange hatte sie darauf gewartet und bemerkte, dass sie in diesem Moment nicht ihre Finger knetete. Diese nervige Angewohnheit war in diesem wunderschönen Augenblick einfach fehl am Platz.
Bei jedem Absolventen erscholl lauter Jubel im Publikum. Niemanden hielt es auf seinem Stuhl.
»Wir möchten euch nun als vollwertige Schicksalsschreiber und Schicksalsschreiberinnen in unserer Mitte begrüßen. Um euren harten Weg bis hierhin zu schätzen, gewähren wir euch jeweils einen Wunsch.« Bedisa trat vor Tulevik, der als erster in der Reihe stand, und nickte ihm zu. »Sag, wie können wir deinen Wunsch erfüllen?«
Obwohl Eterna nicht direkt neben ihm stand, konnte sie sehen, dass Tuleviks Augen begannen freudig zu glänzen. Dies war der Moment, auf den viele Absolventen sich am meisten freuten, da sie hier die Weichen für ihre Zukunft stellen konnten.
»Ich möchte künftig nicht in der Bibliothek, sondern in unserer Landwirtschaft arbeiten.«
Bedisa senkte erneut den Kopf. »Dein Wunsch sei dir gewährt.« Es waren die traditionellen Worte, die seit Jahrtausenden gesprochen wurden, um die Wünsche der Schulabgänger zu würdigen. Eterna wurde nervös. Genau auf diesen Augenblick wartete sie seit Jahren und niemand wusste bisher von ihrem geheimen Wunsch, nicht einmal Janessa. Leider stand sie genau am anderen Ende der Reihe und würde erst als Letzte ihren Wunsch vortragen können. Nun knetete sie doch ihre Finger.
Bedisa befragte die jungen Männer und Frauen nacheinander. Soarta wollte gerne in den Kochdienst und Janessa wünschte sich, künftig in der Abteilung fürGesundheit die Schicksale der Menschen niederschreiben zu dürfen. Daiva hingegen überraschte Eterna mit ihrem Wunsch. Sie wollte gerne in der Abteilung fürZwischenmenschliche Beziehungen arbeiten und die vorangehenden drei Jahre damit verbringen, die Schicksale derHöheren Gewalt zu verfassen. Mit einem Lächeln auf den Lippen erfüllte die Schulleiterin ihnen diese Wünsche, bevor sie endlich vor Eterna stand. Kurz befürchtete sie, kein einziges Wort herausbringen zu können, doch ein aufmunternder Blick ihrer besten Freundin gab ihr Kraft.
»Sag, wie können wir deinen Wunsch erfüllen?« Auch, nachdem Bedisa diesen Satz nun einige Male ausgesprochen hatte, war ihre Stimme klar und von einer Wärme erfüllt, die auf die Absolventen überging. Es war deutlich zu spüren, dass sie ihren ehemaligen Schülern von Herzen gerne einen Wunsch gewährte. Eterna nahm all ihren Mut zusammen.
»Ich möchte gerne einige Zeit in der Menschenwelt leben!« Voller Freude brachte sie diesen Wunsch hervor und musste dann mit ansehen, wie die Gesichtszüge Bedisas vollkommen entgleisten. Um sich herum hörte sie aufgeregtes Murmeln und sogar Janessa sah sie entsetzt an. Sie hatte zwar damit gerechnet, dass ihr ungewöhnlicher Wunsch einige überraschen würde, doch die Stimmung schlug plötzlich um. Alle Fröhlichkeit war verschwunden und sie fröstelte.
Dann sah sie, wie die alte Tally in Ohnmacht fiel.
Heiße Tränen liefen Eterna über die Wangen, als sie sich unter ihrem Lieblingsbaum niederließ. Die Dunkelheit verschluckte den weitläufigen See fast, nur ein kleiner Schimmer des Mondlichts kräuselte sich auf der beinahe glatten Oberfläche. Die Geräusche der Natur waren um diese Uhrzeit verstummt und ihr war kalt. Obwohl dieser Ort im Sommergebiet lag, wünschte sie sich eine Jacke, die auch Janessa ihr nicht bieten konnte, die ihr gefolgt war. Ihre beste Freundin setzte sich neben sie auf das kühle Gras und schlang ihr einen Arm um die Schultern. Ein Schluchzen entfuhr Eterna, als sie sich an Janessa schmiegte.
»Ist ja gut. Lass die Tränen nur heraus.« Eine Weile saßen sie so beisammen und ließen sich vom leisen Plätschern des Wassers berieseln. Die Schluchzer wurden weniger und irgendwann löste sich Eterna aus dem Arm ihrer Freundin.
»Es tut mir leid.« Eternas Stimme war nur ein Flüstern.
»Darf ich mal fragen, wieso du dich jetzt entschuldigst? Nicht mein, sondern dein Wunsch blieb unerfüllt. Auch wenn ich zugeben muss, dass er wirklich überraschend war.« Eterna fühlte sich elend. Sie war die Erste seit der Existenz des Sanktuariums, die ihren Weihewunsch nicht erfüllt bekommen hatte. Sie hatte sogar ihrer besten Freundin nichts davon erzählt, weil sie sich nicht getraut hatte. Dieses Ansinnen war so anders als alle anderen, dass sie unsicher geworden war. Eterna hatte lange überlegt und musste sich sogar selbst überzeugen, diesen Wunsch überhaupt zu äußern. Janessa wusste schon seit Jahren von ihrer Vorliebe für die Menschenwelt und Eterna hatte sich einen Spaß daraus gemacht, sogar sie zu überraschen. Zumindest, seit ihre Entscheidung feststand. Dass es nun zu einem solchen Desaster geworden war, hatte sie nicht ahnen können.
»Ich habe allen den Abend ruiniert.« Die Tränen waren zwar versiegt, doch Eterna hatte immer noch einen Kloß im Hals. Mit einer Hand wischte sie sich die letzten Spuren ihres Weinens fort und sah Janessa dann fest in die Augen. »Wirklich lange habe ich darüber nachgedacht, was ich mir wohl wünschen soll. Glaub mir, diese Entscheidung ist mir nicht leicht gefallen, aber ich bin so neugierig. Ich möchte diese Welt, über die wir täglich schreiben, unendlich gerne kennenlernen. In der Bibliothek habe ich sogar recherchiert, ob es Verbote und Regeln für die Wünsche gibt, doch nirgendwo stand eine Antwort. Ich habe mich so sehr gefreut und dann endete es doch in einem Debakel!« Ihre Stimme war kurz davor zu brechen und ihr stiegen erneut warme Tränen in die Augen. Janessa hingegen schnipste mit dem Finger gegen Eternas Schulter. Obwohl ihr immer noch elend zumute war, fühlte Eterna sich durch diese Geste etwas besser.
»Ach, und das soll deine Schuld sein? Also so, wie ich das sehe, bist du einfach die Erste, die diesen Wunsch geäußert hat. Dann müssen die Obersten klarere Regeln aufstellen, wenn es solche Probleme geben kann. Gleich morgen werden wir uns einen Plan überlegen, wie wir deinen Wunsch doch noch durchsetzen können. Wenn das jemand schaffen kann, dann du.« Janessa blickte zum sternenübersäten Himmel hinauf. »Und ich würde lügen, wenn ich behaupte, dass ich deinen Wunsch gar nicht nachvollziehen kann.«
Eterna riss die Augen auf. Dieses Geständnis überraschte sie. »Du? Ich dachte immer, dass du dich für die Menschen nicht interessierst.« Sie rieb sich die Arme, um sich zu wärmen und sah ebenfalls zu den Gestirnen hinauf.
»Ich zeige es vielleicht nicht so deutlich, aber das Leben in der Menschenwelt finde ich doch recht interessant. Häufig schreibe ich Schicksale, die Dinge und Themen beinhalten, die wir hier gar nicht kennen. Wir sind zwar Schreiber des Schicksals, doch eigentlich auch nur Menschen. Nur, dass wir selbst kein Schicksal haben, unterscheidet uns. Da kommt man manchmal ans Nachdenken.«
»Das stimmt nicht. Wir können nicht krank werden und keine Kinder bekommen.« Eterna widersprach, doch sie wusste, dass es eher halbherzige Argumente waren.
Plötzlich stand Janessa auf. Einige Strähnen hatten sich aus ihrer Flechtfrisur gelöst und regten sich bei dieser Bewegung. Rabiat strich sie sie zur Seite und reichte Eterna die Hand. »Jetzt komm. Wir werden schlafen gehen und morgen sieht die Welt schon wieder anders aus. Vielleicht wird all das ja irgendwann Sinn ergeben und wir werden uns mit Freude daran zurückerinnern.« Eterna nickte und schloss die Augen. Dann atmete sie tief durch, bevor sie die Hand ihrer Freundin ergriff und sie ansah. Es tat gut, einen solchen Menschen an seiner Seite zu haben und sie war sich dieses Glückes vollkommen bewusst.
Gemeinsam machten sie sich auf den Weg zurück zum Sanktuarium, wo die meisten Lichter bereits erloschen waren. Nach der Weihe war eigentlich zu Feier und Tanz geladen worden, doch anscheinend war vielen heute nicht danach, sich zu vergnügen.
Zwei Tage später lief Eterna schnellen Schrittes durch die hellen Korridore des Verwaltungstraktes. Janessa hatte Recht behalten. Sie hatte sich schon am nächsten Morgen bereit gefühlt, den Kampf aufzunehmen. Den Kampf um ihren Wunsch, den sie auf jeden Fall durchsetzen wollte. Natürlich würde es nicht leicht werden, dessen war sie sich bewusst, aber die Worte ihrer Freundin nach der Weihe hatten sie nur bestärkt. Die Menschenwelt war etwas Besonderes und sie wollte sie unbedingt erleben, also musste gehandelt werden.
Deshalb hatte sie am Tag zuvor einen Brief an die Direktorin aufgesetzt. Allein. Zwar hatte Janessa ihr angeboten zu helfen, doch wollte Eterna es zuerst selbst versuchen. In dem Schreiben hatte sie um einen Termin gebeten. Als heute Morgen ein Bote mit der Zusage kam, eilte sie so schnell, wie ihre Beine sie trugen, zum Büro, bevor sie überhaupt Zeit hatte, sich Worte zurechtzulegen. Natürlich hatte sie in den letzten Nächten oft wach gelegen und immer und immer wieder Überlegungen angestellt, wie sie die Obersten doch noch von der Erfüllung ihres Wunsches überzeugen könnte. Meist vergaß sie sie recht schnell wieder. Sie würde sich dringend angewöhnen müssen, sich solche Dinge zu notieren und sie nahm sich fest vor, dafür ihr neues Notizbuch zu verwenden. Eterna ballte entschlossen die Faust. Sie versuchte, sich einzureden, dass es eh besser war, wenn sie aus dem Bauch heraus sprach, das hatten ihr die Lehrer bei Vorträgen auch immer gesagt. Allerdings zweifelte sie daran, dass ein erster Versuch das umzusetzen ausgerechnet bei solch einem wichtigen Gespräch stattfinden sollte.
Die weichen Sohlen ihrer Turnschuhe erzeugten kaum einen Laut, als sie durch die menschenleeren Flure lief. Glücklicherweise bremste sie kurz vor der Ecke ab, die zum Korridor des Büros führte, denn so rannte sie nicht in die junge Frau, die um die Ecke herumkam. Erschrocken riss Eterna die Hände hoch und ihr Gegenüber lachte. Sie trat einen Schritt zurück und deutete lachend eine Verbeugung an, gefolgt von der Handbewegung, die Eterna zum Vorbeigehen aufforderte. Eterna kannte die braunhaarige Frau aus ihrer Schulzeit. Sie hatte ihren Abschluss letztes Jahr gemacht und danach in der Abteilung für Gesundheit gearbeitet. Während Eternas Praktikum in der Bibliothek hatte sie ihr einmal geholfen. Wenn sie es recht in Erinnerung hatte, dann war ihr Name Kader. Eigentlich wollte sich Eterna bedanken, doch dann fiel ihr wieder ein, dass sie es eilig hatte. Also lächelte sie ebenfalls und rannte dann weiter.
Es dauerte nicht lange, bis sie am Büro der Direktorin angelangt war und Eterna atmete tief durch. Das war ihre Chance und sie würde sie nutzen! Langsam hob sie ihre Faust, um an die Tür zu klopfen, als diese von innen geöffnet wurde. Die Abteilungsleiterin für Höhere Gewalt kam heraus, das Gesicht mürrisch verzogen.
»Oh, hallo Eterna. Ich wünsche dir viel … Erfolg bei deinem Termin.« Urd, ein starker Name für eine starke Abteilungsleiterin, schob sich an Eterna vorbei in den Korridor. Den Blick, den sie ihr dabei zuwarf, konnte Eterna nicht deuten und sie verschwand langsam in Richtung ihres eigenen Büros. Lange sah Eterna der alten Frau hinterher, bevor sich die Schulleiterin in ihrem Büro räusperte und Eterna somit daran erinnerte, weshalb sie eigentlich hier war. Schnell richtete sie sich gerade auf und betrat dann selbstsicher das Arbeitszimmer.
»Hallo Eterna. Nimm doch bitte Platz.« Bedisa deutete auf einen der Holzstühle vor ihrem Schreibtisch, bevor sie sich selbst auf ihrem gepolsterten Sessel niederließ. Eterna nickte ihr zu und setzte sich. Die Nervosität ließ sie frösteln und sie musste tief durchatmen, um nicht gleich mit ihrem Anliegen herauszuplatzen.
»Ehrlich gesagt hat es mich überrascht, dass du mich um diesen Gesprächstermin gebeten hast, Eterna. Früher hast du meistens abgewartet, bis du selbst die Initiative ergriffen hast. Es kommt mir jedoch sehr entgegen, da ich sowieso vorhatte, mit dir zu sprechen. Ich denke, dass ein großer Bedarf besteht, die offene Angelegenheit deines Weihe-Wunsches zu klären.«
