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Geschichten rund um das Leben in einer norddeutschen Seniorenresidenz. Über eigenwillige Senioren, weise Omas und kluge Kinder. Über Sprachverwirrung, einen Kommissar und einen Stuhl.
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Seitenzahl: 44
Veröffentlichungsjahr: 2019
Abendruh
Anstalt or Residenz?
Was mache ich noch hier?
Das Malheur mit der Lobelie
Ungewöhnliche Pantoletten
Tabea im Aufbruch
An der Schwelle vor dem »Tor zur Welt«
Sprachverwirrung
Verbrechen im Haus Fördeblick
Schrumpelhaut und Silberhaar
Seniorengymnastik aus der Sicht eines Stuhls
Na, wie fühlen wir uns denn heute?
Wenn alle alles richtig machen
Kuno Knork war erst vor wenigen Wochen in die Seniorenresidenz »Abendruh« eingezogen. Er wurde versorgt und machte täglich seine Spaziergänge. Er gab sich Mühe, den Ort und die waldreiche Umgebung so kennenzulernen, dass sie ihm schließlich zur Heimat werden könnten.
Wenn er auf das pompöse Eingangsschild »Abendruh« blickte, empfand er mit seinen 83 Jahren noch keine Abendruh. Etwas in ihm sträubte sich dagegen.
War er Zeit seines Lebens nicht immer offen gewesen für allerlei Fortschritt, für den Elan seiner Kinder, wenn sie sich die digitale Welt eroberten?
Hatte er während seines langen Arbeitslebens nicht alles getan, um auf der Höhe seiner Zeit und auch gesundheitlich fit zu bleiben?
Als er sein neues Appartement eingerichtet hatte, vermied er alles, was »altbacken« aussehen könnte. Ja, »altbacken«, dieses Wort hatte er oft abwertend gebraucht.
Nein, Abendruh würde es erst in der Zukunft geben!
Wenn er zur Mittagsmahlzeit in das hauseigene Restaurant ging, genoss er nicht nur das Essen, sondern auch die Gesellschaft der Tischrunde. Besonders gern diskutierte er mit Felix Flink. Dieser war etwa gleich alt und genau wie er erst seit kurzer Zeit in der Residenz. Auch Felix Flink war wie er auf dem Weg, sich zu beheimaten.
Heute nun machte Kuno Knork wieder seinen Vormittagsspaziergang. Als er den Waldweg ein Stück gewandert war, blieb er stehen und beobachtete einen Buntspecht: Tack, tack, tack … der Vogel klopfte unüberhörbar an den Stamm einer Buche. Während Kuno fasziniert nach oben schaute, hatte er gar nicht bemerkt, dass Felix Flink ihn eingeholt hatte.
»Na, auch unterwegs? Dann können wir ja zusammen weitergehen«, schlug Kuno vor. Und so geschah es.
Noch nie waren die beiden gemeinsam unterwegs gewesen. Jeder beobachtete nun, wie rüstig der andere vorwärtsschritt.
»Na, der Knork ist ja noch ganz gut auf den Beinen«, stellte Felix Flink verstohlen fest.
»Na, der Flink holt aber mächtig aus«, bewunderte Kuno seinen Weggenossen.
Und so bewegten sich beide hastigen Schrittes über den Waldweg. Das anfänglich muntere Gespräch wurde immer etwas mühsamer und schließlich bedenklich wortkarg. Das Gehtempo verbrauchte den ganzen Atem.
»Oh, da ist eine Bank«, keuchte Kuno.
»Wollen wir uns setzen?«, hechelte Felix.
Beide ließen sich erschöpft nieder. Nach einer langen Atempause fragte Kuno: »Gehen Sie immer so schnell, Herr Flink?«
»Nee, ich wollte Ihr Tempo nicht bremsen. Und Sie, Herr Knork?«
»Ich wollte nur mithalten«, gab er zu.
Da gab es ein schallendes Gelächter durch den Wald und beide schlenderten gemütlich zurück, zurück zu ihrer Residenz »Abendruh«.
Anna Mewes weer in ehr ne’e Wahnung trocken. »Betreutes Wohnen« nööm sick dat. Dat duur nich lang, dor föhl se sick ganz to Huus. Se kunn to Gymnastik gahn, singen, Korten spelen, Utfohrten maken un wat nich all.
Un se harr Bekanntschop maakt mit Frida Erichsen ut de Naverwahnung.
Op en Spazeergang meen se: »Is doch goot, wat dat Heim allns to beden hett.«
»Aber ich bitte Sie, Frau Mewes, wir sind hier nicht im Heim; wir leben in einer Wohnanlage – Seniorenwohnanlage!« Dat harr Frida ornlich füünsch rutbröcht.
»Ach«, meen Anna, »dat is doch eendoon. Ik kann ok ›Anstalt‹ seggen.«
»Das ist ja noch viel schlimmer, dann sagen Sie lieber ›Residenz‹.«
Bilütten weern se to Huus ankamen, un Anna güng in ehr »Anstalt«; se müss noch Kantüffeln to Middag opsetten. Un Frida verswunn in ehr »Residenz«. Bi ehr geev dat Arfensupp von güstern.
Missmutig schob Hermine Hermann ihre Flasche »Doppelherz« zurück zu den anderen Medikamenten. Nein, sie wollte nichts mehr einnehmen, nichts mehr gegen ihre Herzattacken, gegen Rheuma, gegen ihre Reizblase und sie wollte keine Gummistrümpfe mehr tragen. Jeden Morgen diese grässliche Mühe beim Anziehen der Kompressionsstrümpfe »Stärke drei«!
Nein, Schluss damit!
Sie war jetzt immerhin dreiundachtzig Jahre alt geworden, und das Leben wurde täglich beschwerlicher. Am liebsten würde sie eines Morgens gar nicht mehr aufwachen. Vielleicht … vielleicht würde sie das ohne Einnahme von Medikamenten beschleunigen können.
Sie warf der Ansammlung ihrer Pillenröhrchen, Arzneifläschchen, Kapseldosen und der großen Flasche »Doppelherz« noch einmal einen verächtlichen Blick zu und humpelte aus der Küche in ihr angrenzendes Wohnzimmer. Hier ließ sie sich ächzend in ihren Plüschsessel fallen.
Ihr Blick fiel auf die Wanduhr: 9.30 Uhr, Zeit, dass das Frühstücksgeschirr abgeholt würde. Hier in der Seniorenwohnanlage war ja alles zeitlich geregelt.
Ob wohl Schwester Melanie kommen würde? Melanie war ihr die liebste unter all den Schwestern.
Ein leiser langgezogener Schellenton und das anschließende Schlüsselgeräusch rissen Hermine aus ihren Morgenträumereien. Schwester Yvonne rauschte herein:
»Guten Morgen, Frau Hermann, na, haben wir gut geschlafen?« Yvonne sprach betont munter, schien aber eine Antwort gar nicht zu erwarten.
»Haben wir gut geschlafen« – was hieß hier eigentlich »wir«? Hermine mochte diesen Schwesternjargon nicht: »Krankenschwestern-Kasus« nannte sie ihn im Stillen und fühlte sich dabei stets ein bisschen bevormundet.
