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Das Leben kann ziemlich schrecklich sein. Besonders wenn man nicht dazu taugt. Nicklas Stäufer sieht scheiße aus und kriegt meistens kaum einen Ton raus. In der Schule gemobbt und zu Hause verprügelt, sieht er bald keinen anderen Ausweg und sagt sich: ein Galgen muss her! Doch gerade als sich Nicklas den Baum runterstürzen will, kommt es zu einer unerwarteten Begegnung und er gibt dem Leben doch eine Chance...
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Seitenzahl: 250
Veröffentlichungsjahr: 2014
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John Otis
Schtraworski
das grausame Leben des Nicklas Stäufer
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
1
2
Teil I
1
2
3
4
5
6
7
8
9
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13
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Teil II:
1
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Impressum neobooks
Ich zähl die Schritte. Sechs, sieben, acht, neun. So viele sinds bis zur Wand. Die Breite meiner Wohnung. 11 sinds in der Länge. Die hab ich gestern schon vermessen. Ich drück meine Nase gegen die Tapete. Ob ich nicht doch noch den dahinterliegenden Ziegelstein aus der Wand pressen könnte, ob ich nicht doch noch in die Verlegenheit kommen würde, frei zu sein. Ich erhöhe den Druck, schlage meine Stirn sachte gegen die Mauer. Nichts passiert. Ich mag das Gefühl. Eingesperrt? Quatsch. Ich sperr die Welt aus. So wie Irina mich ausgesperrt hat. Ich tu das, was man mir tat. Eigentlich menschlich, oder?
Ich hasse meinen Spiegel. Ein dürrer schmächtiger Junge guckt mich da an. Die Pickel in meiner Fresse. Ich kann sie schon gar nicht mehr zählen. Ich drücke ein, zwei aus. Schau genüsslich zu, wie mir der Eiter über die Backe fließt. Ich dachte, das hört nach der Pubertät auf. Jetzt bin ich schon 28.
Sonntag morgen. 7:30 Uhr. Ich wisch mir das Gesicht ab, lauf zum Bäcker. Gebt mir Brot. Und noch ein Hörnchen dazu. Hübsche Bedienung. Meine Schweißporen kotzen auf meine Backen. So sehe ich dann auch aus. Ein bisschen Zittern. Zu hübsche Bedienung. Sie versteht auch schon, was ich bin. Die Verachtung ist ihr ins Gesicht geschrieben. Ja ja, ich weiß, es ist noch viel zu früh für die, die ein Leben haben. Und betrunken bin ich nicht. Ich pack mir meine zwei Tütchen, lauf davon und werf im Vorbeigehen noch ein piepsiges Tschüss über meine Schulter. Ich glaube sie schnaubt. Vor Aufregung läuft meine Brille an. Ich sollte mir Scheibenwischer für sie bauen. Das sollte ich auch können. Schließlich bin ich Ingenieur. Der beste der Welt. Oder halt fast… Für wen ich arbeite? Für einen berühmten Autohersteller. Wie der heißt? Das soll ein Geheimnis bleiben, die Schwänze zahlen mir nicht genug für Schleichwerbung. Aber mein Chef liebt mich. Er will ein Kind von mir. Schwulette. Ja, die Ingenieurskunst! Das ist meine Superkraft. Sonst bin ich eher ein Horst. Ich bin ein Pinguin. Diese armen, von der Evolution verarschten Freaks mit den verkrüppelten Flügeln und diesen bescheuerten kleinen Füßchen. So einen schmeißt man um und der bleibt liegen und krepiert. Quak quak machen die Viecher dann. Aber aufstehen? Vergiss es. Nicht drin. Hungertod. Eiskalt. So bin ich auch. Aber schmeiß mich ins Wasser und ich bau dir ein Auto. Kein Scheiß. Ein ganzes. Mit Motor drin und so. Da kannste dann auch deine Aufkleber drauf machen und so… Oder was die Leute halt so machen. Ich weiß eigentlich nicht so wirklich, was die Leute so machen.
Ja, da hab ichs drauf. Auch früher immer an der Uni: „Herr Nicklas Stäufer?“ (das bin übrigens ich) – „Hää?“ – „1.0“ – „danke!“
So ging das immer ab. Meine Zauberformel: Können und Schleimen. Ganz viel Schleimen. Das mögen die Herrn Professoren. Ich bin der Schleiminator 3000. Das ist auch ne ziemliche Wissenschaft. Ich glaube, dass ich inzwischen sogar am Geschmack eines Arschlochs Rückschlüsse auf dessen Persönlichkeit schließen kann. Ja, das geht.
Und dann nach Bestehen meiner Masterarbeit, nach all den Jahren der Unterwürfigkeit und dem geheuchelten Respekt: Herr Professor Dr. Arsch (Name geändert) schaut mich an.
„Sehr gut gemacht, haben Sie das“, sagt er. Guckt mich ein wenig stolz aus seinen kleinen Schweinsäuglein an – als obs sein verfickter Verdienst war. „Haben Sie schonmal daran gedacht, zu promovieren?“
„Fick dich!“ Hab ich gesagt, „fick dich!“ Hab ihm mein Abschlusszeugnis entrissen und bin abgehaun. Oder eher davongelaufen. Draußen hab ich übelst gelacht und gezittert und die Leute haben mich angestarrt, als ob man mich gleich abholen müsste. Den Blick von Herrn Professor Dr. Arsch, den ich vorm wegrennen kurz erhascht hatte, werde ich nie vergessen. Seine kleinen hässlichen, hasserfüllten Augen, seine pergamentförmige Haut. Oh, er ist nicht gut gealtert, wirklich nicht. Und das in den 6 Jahren meines Studiums. Wie siehtn der heute aus? Vielleicht ist er ja auch schon tot. Der alte Drecksack.
Die Ingenieurskunst! Und als Kind wollte ich eigentlich immer Schmied werden. Schwerter und so… Hab damit auch noch mit 24 geliebäugelt. Sie hat das gehasst. Ja Irina, verklag mich für meine Träume.
Ich zieh das Hörnchen aus der Tüte, beiß rein. Es ist Herbst. Die Marmeladenfüllung fließt mir übers Gesicht. Mit der Zungenspitze schieb ich sie in meinen Mund. An der Ampel: aus Versehen Blickkontakt mit einer älteren Frau. Sie hälts für eine obszöne Geste. Schüttelt den Kopf. Was denkst du? Dass ich meinen Schwanz mal gerne in deine verrottete Fotze reinstecken wollen würde? Die Egozentrik der Frauen, die man fast schon paranoid nennen könnte. Aber wer weiß… Vielleicht passiert ihr genau das jeden Tag.
Ich schmier mir ein Brötchen. Mit Butter, dann Nutella. Drüber brösle ich zermatschte Scheibchen aus noch mehr Butter. Darauf kommt Fett. Ja, Fett. Ich schneid die Ecken vom Schinken ab. Und: Ketchup. Gott gab mir die Fähigkeit des lecker Schmeckens. Mir schmeckt alles lecker. Und Kalorien? Egal. Es ist jetzt sowieso mal an der Zeit fett zu werden. Nichts mehr mit Frauen. Ich könnte noch so viel Kohle haben, die Mädels würden mir immer noch stecken, dass ich stinke. („Du riechst wie mein Pudel, wenn er irgendwo reinspringt“.) Und Irina? IRINA, ich hasse dich! Dich und deinen fetten Arsch. Was soll das überhaupt? Schon mal was von Sport gehört? Was für ein liebes nettes Mädchen, dachte ich. Sechs Jahre lang. Dann vor zwei Wochen: Schluss, aus. „Weil du ein Versager bist…. Hab übrigens nen Neuen.“ Verlobung gebrochen. Gemeinsame Wohnung gehört jetzt ihr. Scheiß egal, dass ich die Miete zahl. Hab das Feld geräumt. Da wohnt jetzt nämlich auch ihr Neuer.
Wenigstens hab ich noch meinen Flitzer. 40000 Öcken für die Karre. Zahl das Teil immer noch ab. Aber ist drin. Die Mädels glotzen wenn ich damit vorfahre. Und dann steig ich aus und das wars. „Nimmst du Drogen?“ hat mich mal eine gefragt. Hat gekichert wie bekloppt. Irgendwann brenn ich die ganze Welt nieder.
Aber Geld hab ich eigentlich schon genug. Und ist das nicht wichtig? Ich bin so glücklich, ich könnte kotzen. Ich schmier mir Akne-Creme in die Fresse. Brennt wie Sau. Ist aus Tschechien, das Zeug. Kriegt man hier gar nicht. Ist bestimmt Pferdefleisch drin. Muss nur genug drauf tun, dann siehts vielleicht so aus, als wär ichn Brandopfer. „Jaja, ich war mal hübsch“, sag ich dann, „aber der schreckliche Brand und so… Ja, meine ganze Familie und mein Hund Pedro, ja und auch mein Goldfisch Don Alfonso de la Carretera. Alle tot… und ich… Entstellt“ – „oh, du armer, schieb ihn rein, SCHIEB IHN REIN, SCHIEB IN REINN!“, sagt dann irgendne Schnalle. Geht das?
Ich les Zeitung. Wenigstens was zu tun. Danach falte ich sie wieder sorgfältig zusammen. Genau in der richtigen Reihenfolge lege ich die Blätter übereinander. Das Bündel kommt auf den Boden links neben den Mülleimer. Die Seiten genau parallel zu den Wänden. Das muss so sein.
Ich schau Fernsehen, weil es leichter ist. Die vielen Serien und Filme, die man im Internet auswählen kann, überfordern mich. Hier sehe ich, was jeder sieht. Einmal so sein wie jeder andere auch!
22 Uhr. Licht aus. Ich lass die Rollos runter. Unten bleibt ein kleiner Spalt offen, damit ich die vorbei laufenden Menschen beobachten kann. Das mache ich jeden Tag so. Eine Gruppe läuft vorbei.
„Na, was hast du gestern so getrieben?“ Fragt ein Kerl.
„Nichts nichts“, würde ich sagen, sage ich leise, „gearbeitet, weißt schon, bin Ingenieur…“
„Wow, Ingenieur, du toller Mensch!“
„Mh hmm…“
Sie gehen weiter und was bleibt ist ein Traum, ein kleines bisschen Licht, das sachte im Grau meines Alltags verstummt. Menschen… Wie machen die das nur? Ohne dass ihnen einer sagt wie und überhaupt dass sie so was machen sollen… Ein Leben? Das ist sowieso nichts für mich.
Genug jetzt, schlafen gehen. Ein Tag im Leben des Nicklas Stäufer
Es ist kalt. Und der Regen prasselt gegen mein Auto, als ob ers eindellen wollen würde. Auf dem Parkplatz draußen, ich hab noch zehn Minuten. Arbeit. Zwei Minuten brauch ich für mich. Ich leg mein Kopf auf das Lenkrad und versuche mich zu beruhigen. Meine Hände zittern. Jedes mal der gleiche Tanz. Ich glaub es hört auf. Jedenfalls sieht mans nicht mehr. 7 Minuten. Der Regen ist mir dann scheiß egal. Die Tropfen hämmern gegen meinen Schädel, mein weißes Hemd verfärbt sich grau. Drinnen: meine Schuhe quietschen. Und Christoph? Der lacht sich einen ab, wie er mich sieht. So wie er sich immer einen ab lacht, wenn ich durch den Regen gegangen bin.
„Wenigstens stinkst du dann nicht mehr so sehr“, sagt er. Ich scheiß dir ins Gesicht. Irgendwann.
„Spaß…“, sagt er noch. Steht auf und klopft mir auf die Schulter. Ein bisschen zu fest, aber trotzdem so, als ob wir Freunde wären. Wir beide teilen uns ein Büro. Ich hol Kaffee, wie jeden morgen.
„Einmal Zucker, sonst schwarz“, sagt Christoph. Und was ich höre: einmal Zucker, sonst Schwanz. Im Gemeinschaftsraum wechsle ich das Wasser der Kaffeemaschine aus, zuerst mein Kaffee. Dann: Ich leg mein Teil in das Wasserfach. Brr, ein bisschen kalt. Vier mal umrühren, das ist perfekt.
„Mhh“, sagt Christoph, „Kaffee kochen, das kannst du!“
Christoph ist bestimmt schon 45. Er hat Kinder oder so… Er erzählt mir oft von seinem Privatleben, aber meistens hör ich ihm eigentlich nicht zu. Wir machen so ziemlich das gleiche. Nur arbeitet er hier schon über 20 Jahre. Ich glaube er hat Angst, dass ich eines Tages sein Chef werde. Ich dagegen stell mir diesen Tag sehr glorreich vor.
„Machen Sie das und das und das, Sie Kackbatzen“, sag ich dann mit tiefer Stimme. Meine Traumvorstellung begleitet auch immer ein Bild, das ich Christoph einmal geklaut habe. Es zeigt ihn, wie er grinst. Nur habe ich sein Grinsen dick mit Edding übermalt. Es ist jetzt ein Mund mit nach unten gezogenen Winkeln.
„Machen Sie das und das und das“, und dann hole ich immer das Bild hervor.
„Ooooooch“, sagt dann der Bild-Christoph, „ooooooch nein, bitte nicht! Ich habe Kinder, oder auch nicht?!“
Falls ich hier jemals kündigen oder raus fliegen sollte, piss ich ihm noch ordentlich in die Fresse. Nicht metaphorisch, nein. Ich spring auf sein Schreibtisch und wedel mit meinem Ding rum, bis Christoph ertrinkt.
Herr Braun gehts super, heute. Er hält nen Vortrag. Über irgendwas, was die Berater ausgetüftelt haben. Unternehmensevaluation und Zukunftsprognose und so Zeug. Dabei hält mein Chef nen Stab in der Hand und zeigt damit auf Tabellen und Datensätze, die an die Wand projiziert werden. Er ist aufgedreht, schwingt den Zeigestab manchmal wie ein Schwert und seine piepsige Stimme überschlägt sich. Er war drei Wochen in der Toskana. Jetzt ist sein Gesicht zur Hälfte braun gebrannt und rot verbrannt. Da fleddert auch irgendwas runter. Ich glaub, es ist Haut. Aber ihm ists wurscht, er freut sich.
„Herr Braun“, sagt Christoph, „Sie sind aber braungebrannt“, er guckt sich um, sucht nach Applaus. Irgend sone hässliche Fotze gurgelt wie n Truthahn. Herr Braun drückt den Stab gegen Christophs Rippen.
„Das hört mir jetzt auf“, sagt Herr Braun, der Christoph nicht ab kann.
„Ok ok“, mein Zimmerkollege gibt klein bei.
„… und mehr Zahlen und da noch Zahlen…“, sagt Herr Braun, „wir müssen effektiver werden E F F E K T I V E R!“
Mein Chef schließt seine Hand um das vordere Ende des Stabes und bewegt sie auf und ab. Schaut mich dabei an. Glückwunsch Herr Braun, sie sind ein Homo. Nichts gegen Schwule, nur nicht so mein Ding, bis auf das eine Mal… bei Sammy.
Zurück im Büro: Christoph kriegts mit seinem Tablet-PC nicht gebacken. Will sich irgendwelche Bilder rein ziehen. Das Teil hängt sich auf. Bei so was fragt der alte Sack immer mich. Und ich sag immer ja. Denn, was soll ich sonst machen, ihm damit den Schädel einschlagen?
„Mach du mal“, sagt er. Er hat immer Angst, dass es explodiert und ihm um die Ohren fliegt, wenn er da dran rum werkelt, weil er zu alt ist, um der Technik zu trauen. Und … ja, ok ok, weil ich ihm mal gesagt habe, dass das passieren kann. Ich leg das Ipad vor mich auf den Tisch. Christoph geht in Deckung. Ein Neustart behebt das Problem.
„Kriegst ne Wurst von mir“, sagt Christoph. Die Wurst werde ich nie bekommen. Ich kenne ihn zu gut.
Die Pausen hasse ich am meisten. Normalerweise spaziere ich dann immer einmal um das riesige Areal herum, um mit niemandem reden zu müssen. Heute geht das nicht. Ich bin gestern über eine Pfütze gesprungen und habe mir dabei eine nicht harmlose Verletzung am Bein zugezogen. Ich fang schon an zu zittern, dann gehts los. Tatütataaaa. Der beknackte Gong. Wie in der Schule. Haben die eingeführt, damit man sich nicht überarbeitet und die Zeit vergisst. Ich weiß schon was ich mach. Das Büro im Gebäude gegenüber. Haben letztens erst die ganze Abteilung abgesägt. Deren Pausenraum ist bestimmt leer. Da kann ich alleine sein. Ich stehl mich davon und setz mich in das große Zimmer. Das Licht funktioniert nicht. Im Halbdunkel knabber ich an einem riesen Batzen Hackfleisch, den ich mit Nutella beschmiere. So lässt sichs leben. Ich lass noch ordentlich einen fahren, weil ich sowieso alleine bin. Scheiße, da kommt jemand. Zwei Stimmen kann ich hören. Ich sprinte, spring und schmeiß mich hinter die Türe. Die geht auf und ist jetzt zwischen mir und den anderen. Nur leider machen die die Türe wieder zu, setzen sich aber mit dem Gesicht zum Fenster, sodass sie mich nicht sehen können. Weißes Hemd, braune Hose, weiße Wand, brauner Boden. Könnte klappen. Ich knicke meinen Körper und verschmelze mit dem Gebäude im 90 Grad Winkel. Zu meiner Überraschung klappt das ganze auch noch. Nach 10 Minuten verschwinden die beiden wieder, ohne mich zu sehen. Ich ess noch den Rest meines Batzen auf und gehe wieder arbeiten.
Der Regen begrüßt mich auf dem Weg nach Hause. Durchweicht steige ich in mein Auto. Hierfür habe ich extra einen großen Plastikbeutel, den ich über meinen Sitz lege. Mein Handy vibriert. Ich hatte es im Wagen gelassen. 5 Anrufe von Irina. Die Schlampe kann mich mal. Aber vielleicht rückt sie ja meine Wohnung raus?
Nein, das tut sie nicht. Ihre aufgedunsenen Backen begrüßen mich, als sie die Türe öffnet. Ich glaube sie ist fetter geworden. Aber ihre Augen sind immer noch hübsch. Sie setzt sich auf meine Couch. Auf meinem Teppich, in meiner Wohnung. Neben ihr Markus. Er sieht eigentlich fast so aus, wie ich, nur halt nicht so scheiße. Ich glaube, ihm ist die Situation echt unangenehm.
„Skittles?“ Fragt sie. Ich schüttle den Kopf. Sie schaufelt sich die Teile in den Mund.
„Habe gehört, du hast den Mietvertrag gekündigt“, sagt sie.
„Ja, drei Monatsmieten…“, sag ich.
„Sind noch fällig, jaja“, sagt sie.
„Übernehmt ihr die dann?“
„Ne, wieso? Kannst ja auch hier wieder einziehen“, sagt sie, grinst.
„Ok“, sag ich. Steh auf und will gehen.
„Ok? Wie ok? Wie kannst du dir das nur gefallen lassen?“ Sagt sie wütend.
„Das ist nichts Persönliches“, sagt Markus.
Was sagt mein Messer? Stich stich stich. Mein schweizer Armee Messer. Passt nur auf. Ich schraub all eure Möbel auseinander!! Und was macht ihr dann?? HAHAHA. Auf dem Boden essen?? Stattdessen gehe ich lieber. Aber natürlich nicht, ohne den beiden unten den Strom abzustellen und den Regler so zu sabotieren, dass das nicht ohne weiteres rückgängig gemacht werden kann. Quid pro quo. Regeln. Ich liebe Regeln. Ich brauche Regeln.
Ich war 18. Glaube ich. Nein, 17. Ja, 17. Da fangen sie an, meine Aufzeichnungen. An einigen Stellen habe ich sie umgeschrieben, weil mir der Stil nicht gefiel. Chronologisch mussten sie auch neu geordnet werden. Es waren schließlich nur lose Blätter, mit losen Zusammenhängen. Aber jetzt, nach einer Überarbeitung, treffen sie sehr gut, wer ich eigentlich war.
Als ich heute früh aufgewacht bin, habe ich gegrinst. Breit über meine beiden Backen. Weil ich glücklich bin. Denn heute werde ich sterben. Es ist egal, dass die blauen Flecken auf meiner Mutter wachsen, wie mit Edding drauf gemalt, es ist egal, dass mein Vater mein Vater ist und es ist egal, dass heute Schule ist. Heute gehe ich da gerne hin, vielleicht werde ich das sogar vermissen. Eigentlich keine Ahnung, warum. Das ist halt so. Manchmal weint man dem größten Tumor nach. Einfach nur, weil er immer da war.
Frühstück. Ich schaufel mir die Kornflakes rein. Schluck sie teils im Ganzen. Leider nicht schnell genug. Mein Vater stolpert die Treppen runter.
„Was liegt heute an?“ fragt er. Ich geb ihm irgendein Buch. Scheißegal. Hab sowieso nichts gelernt, wozu auch?
„Seite 30“, sag ich noch. Er fragt mich Sachen, ich spuck ein paar Kornflakes auf den Tisch.
„Was soll das denn?“ Fragt mein Vater, „hast keine Ahnung, hm?“ Er schmeißt mir das Buch in die Fresse. Grummelt irgendwas. Vielleicht sollte ich ihn noch abstechen, bevor ich gehe. Und wahrscheinlich hätte er gar nichts dagegen.
Ich frier mir den Arsch ab. Auf dem Weg zur Schule. Der Schnee kriecht mir in die Schuhe. Ungeschickt slide ich auf den Eisplatten der Pfützen. Wie ich falle lacht irgendjemand. Kälte. Bestimmt kein ungnädiger Tod. Bald spürt man den Winter schon nicht mehr und dann schläft man friedlich ein. Auf Knien halte ich meine geballten Fäuste in den kalten Schnee. Komm stiller Tod, hol mich. Ich halte es nicht mehr aus. An meinen Händen platzt die Haut auf.
In der Schule bin ich zu spät. Herr Geyer sagt nichts. Er schaut mich bloß komisch an. Ich setz mich auf mein Einzelplatz, drück die Hände gegen die Heizung, schmier das Blut weg. Meine Finger brutzeln. Ich glaube, ich rieche verbranntes Fleisch. Mir kommts fast hoch. Ich bin müde. Es ist besser zu schlafen. In der Pause wach ich auf dem Boden auf. Jemand hat mich von meinem Stuhl runter geschmissen, der Inhalt meines Rucksacks wird gerade aus dem Fenster geleert. Ja, das reicht. Draußen: auf wiedersehen Schulhof, auf wiedersehen hässliches Kind, auf wiedersehen ihr Schwanzlutscher! Ich lass die Schule hinter mir, schlender durch die Gassen der schneeverwehten Hölle und ich könnte nicht glücklicher sein. Fanfaren in meinem Kopf. Auf wiedersehen! Was ein dramatisches Ende!
Zu hause stopf ich die Krönung meiner Knotenkunst in den Rucksack. Der Galgen passt da jetzt auch perfekt rein. Ist ja schließlich leer, das Teil. Galgen zu binden ist tatsächlich eine Kunst. Ich habe das lange im Internet recherchiert. Bestimmt hab ichs über 100 mal versucht. Der Strick muss auch ganz lang sein, damit man das Genick bricht und gleich krepiert. Ewig rumzappeln will ich echt nicht.
Ich stapf in den Wald. Am Rand: der Baum meiner Wahl. Sieht dünn aus, trägt mich aber auf jeden Fall. Den Galgen schmeiß ich in den Schnee und knie mich auf den Rucksack. Beten kann nicht schaden, was solls?
„Gott, falls es dich gibt... Mein Leben... sehr lustig, wirklich sehr lustig, du Arsch! Nein, ich schweife ab... bring mich in den Himmel, sonst werde ich es in der Hölle zu einiger Macht bringen! Und Wischnu, mach aus meinem reinkarnierten Geist keine Kotstulle, bitte. Ach, was soll die Scheiße eigentlich, Nicklas? Los gehts!! Dawai Dawai!“ Ich krachsel hoch, wickel das Ende des Galgens ein paar mal um den dicksten Ast. Ganz schön anstrengend, so ein Selbstmord! Leider hab ich nicht recherchiert, wie man das fest macht. Zehn einfache Knoten sollten reichen.
„Was machstn du da?“ Fragt jemand von unten. Ich guck aus den Augenwinkeln runter. Sogar kurz vor meinem Tod kann ich niemandem ins Gesicht sehen. Aber keine Ahnung, wo die Person da unten hinschaut. Die Person ist nämlich schwarz und da sieht man aus den Augenwinkeln nicht mal, ob sie mir das Gesicht oder den Hinterkopf zuwendet.
„Was glaubst du denn?“ Frag ich zurück, blick ungefähr in die Richtung. Da steht ein junger Mann, wohl so alt wie ich.
„Boook bock bock bock“, sagt er, äfft ein Huhn nach.
„Fick dich!“ Sag ich, reiß ein paar kleine Ästchen ab und schmeiß sie nach ihm, er weicht aus und grinst.
„Feigling!“ Sagt er.
„Egal, wenn du mich jetzt entschuldigen würdest“, ich wedle geschäftig mit dem Galgen rum, „die Dinge erledigen sich ja nicht von selbst, nicht wahr?“ Ich schmeiß noch ein paar Ästchen nach ihm und imitiere dabei die feierliche Handbewegung die unser Pfarrer bei Beerdigungen immer macht, wenn er die Leichen mit seiner Klobürste mit Weihwasser besprenkelt.
„Komm da runter oder ich komm da rauf!“ Sagt er.
„Bevor du oben bist, bin ich schon wieder unten!“
Er rüttelt an dem Baum. Scheiße, hat der eine Kraft. Es klappt, ich kann mich kaum noch halten, der Strick fällt mir aus der Hand.
„Nimm mir nicht die Freiheit zu sterben, das ist das einzige was ich mir im Leben jemals herausgenommen hab...“, sag ich.
Er greift den Strick, zieht dran, der Baum krümmt sich, er lässt los. Und wie ein Geschoss fall ich drei Meter tief. Zum Glück ist da ein Dornenstrauch, der meinen Fall bremst. Irgendwas hat mir in die Eier getreten. Ich glaube das war in der Luft, die Faust Gottes. Ein paar Kratzer, sonst fehlt mir nichts. Nur noch mein Essen, das liegt jetzt neben mir im Schnee. Ekliger Nachgeschmack, er gibt mir einen Kaugummi.
„Airwaves“, sagt er, zeigt mir die Packung, „damit bleibste frisch!“ Ich weiß nicht, warum er grinst oder warum ich mich nicht einfach am nächsten Tag umgebracht habe. Vielleicht einfach nur, weil er das nicht wollte. Weil er der einzige Mensch auf der ganzen Welt war, der mich davon abhielt, während alle anderen mich wahrscheinlich angefeuert hätten. Oder wollte ich es selber nicht? Tausendmal hatte ich es mir vorgestellt, wie die Lichter ausgehen und ich mich auflöse. Ich fand nichts Unheimliches, daran, eher etwas Befreiendes. Vielleicht lags auch daran, dass, wenn man sein Leben lang von allen wie Dreck behandelt wird und dann einer mal nett ist, es sich anfühlt, als kriege man nen verfickten Nobelpreis mit Torte, wo ne Stipperin rausspringt und dir einen bläst. Jedenfalls lebe ich noch, warum eigentlich nicht? Kann ja morgen immer noch nen Rückwärtssalto mit dreifach Schraube in den Schulhofbeton machen und ich explodier wien Keks und jeder kann sichn Batzen Nicklas Stäufer als Erinnerung mitnehmen.
„Ich bin Sammy“, sagt er.
„Nicklas... Und was jetzt?“
„Wie wärs mit Suppe?“
„Suppe??“
„Ja, was ist deine Lieblingssuppe?“
„Suppe mit äh...“, die Frage kam mir absurd vor, „äh, mit Fleisch drinnen?“
„Ja, die mag ich auch“, er reibt sich den Bauch, „wollen wir?“ Fragt er.
Ich pack mein Zeug, den Rucksack, guck zum Galgen hoch.
„Na na“, sagt Sammy, „den brauchst du jetzt nicht mehr.“ Er hat diese merkwürdig unerschütterliche Zuversicht, als ob er etwas wusste, das ich niemals verstehen würde.
„Sollten wir ihn nicht abnehmen?“ Frag ich.
Er dreht sich um, klettert etwas umständlich hoch und hantiert an den Knoten. Nach einigem Fluchen löst sich das Seil und fällt zu Boden. ich schmeiß das Teil in den Rucksack. Wir gehen ein Stück. Es ist nicht weit, er wohnt gleich in der anliegenden Siedlung.
Herd an, die Suppe blubbert, wir schweigen. Seltsam dekoriert, hier. Rustikal und irgendwie riechts nach Scheiße. Aber ich glaub, hier ist ein Bauernhof in der Nähe.
„Wir sind neu zugezogen“, sagt Sammy, „ja, ich weiß, es riecht nach Scheiße...“, mit ner Riesenkelle schöpft er die Suppe. Wir löffeln. Ich hol meine besten Manieren hervor, wie ich das immer mach, führ den Löffel zum Mund und nicht umgekehrt, die linke Faust aufm Tisch.
Er wird hier auf die Schule gehen, auf die gleiche, wie ich. Hatte heut nur kein Bock, da ist er zu hause geblieben. Ich kann ihm kaum in die Augen schauen, meine Hände zittern ein bisschen. Wie ich gehn will, zieht er den Galgen aus meim Rucksack und schmeißt ihn aufn Tisch.
„Kann ich dich in der Verfassung alleine lassen?“ Fragt er, ich nicke. Das war das letzte mal, dass wir über meinen Suizidversuch geredet haben.
Am nächsten Tag fühle ich mich wie ein Gespenst. Der Anblick des Todes hat mich dumpf und taub werden lassen, als ob ich in Watte verpackt wäre, als ob ich nur ein Mann wäre, der in meinem Kopf wohnt, aufm Sofa fläzt, Cola trinkt und unbeteiligt der Welt durch meine Augen zuguckt. Ich bin abgebrannt, aber das nächste mal wäre leichter. Den halben Weg bin ich schon gegangen. Nur so zu deiner Info, Nicklas.
Ich lauf durch die verwinkelten Gänge der Schule. Vor dem Klassenzimmer stehen Leute. Es ist abgesperrt. Wir müssen davor warten. Das hasse ich am meisten.
„Guten Morgen Nickita“, sagt Martin, mein Schänder. Ich sage nichts, lehne mich gegen die Wand. Da kommt Caroline Hintermeyer. Scharfes Teil. Martin glotzt sie an, macht keinen Hehl daraus. Ich hab auch schon lange ein Auge auf sie geworfen, nur leider würde sie wohl nicht mal Dreck auf mich werfen.
„Morgen“, sagt sie in die Gruppe. Man unterhält sich, ich versuche cool zu bleiben. In ihrer engen Hose sehe ich jede Rundung von Carolines Arsch. Am liebsten würde ich da rein beißen. Lieber nicht. Sie würde das nicht gut finden und mir vermutlich vor Schreck ins Gesicht furzen. Ich mach den Wandschrank auf, gesell mich zu den Jacken. Hinter den Holzgittern winke ich Caroline zu. Sie sieht mich nicht.
Herr Geyer kommt. Wedelt mit dem Schlüssel. Wir sind drin.
„Guten Morgen“, sagt Herr Geyer. Wir stehen alle auf und sagen:
„Guten Morgen, Herr Geyer.“ Was war das eigentlich für Scheiße? Immer das mit dem Aufstehen?
„Heut hau ich euch halt mal so was von die Physik um die Ohren, da guckter dann blöd“, sagt Herr Geyer, „aber erst gibt’s die Arbeiten zurück.“ Er verteilt sie einzeln. Ruft auf, gibt dem jeweiligen die Arbeit, sagt ein paar Worte. Herr Geyer ist angefressen. Warn beschissener Schnitt. Dann kommts zum S. Das bin ich und ich bin der einzige.
„Herr Stäufer“, ich geh nach vorne, „ 1-, beste Arbeit“, sagt er laut, guckt auf sein Tisch, mir fliegtn Wurstbrot an Kopf, Herr Geyer hats nicht gesehen, es ist aus weichem Brot, es landet lautlos.
„Beeindruckend“, sagt Herr Geyer, „wirklich beeindruckend. Nein echt, da kann was draus werden“, er nimmt seine Brille ab, guckt mir ins Gesicht, „alles ok?“ Fragt er, „sie sehen ein bisschen meschugge aus.“ Ich nicke bloß, zu mehr reichts nicht, greif mir die Arbeit, setz mich wieder.
In der Pause flitz ich davon, raus ausm Klassenzimmer. Jetzt hol ich mir das fette Sandwich. Das mit Mayo drauf und Salat und fingerdick Salami und dem ganzen Scheiß. 3.50 kostet das Riesenteil. Ich muss es mit beiden Händen halten und balancieren, um nicht umzufallen. Ich beiß in die Kruste rein, der Schlodder rinnt mir die Backen runter.
„Gut guhuuut“, sag ich leise. In den mit Schüler gepfropften Gängen schaut mich ne Fünftklässlerin seltsam an.
„Guck mal“, sagt sie zu ihren Freundinnen, „der redet mit seinem Essen“, die Schlampen glucksen und lachen. Gerne würde ich ihr die Gurken ins Gesicht pfeffern. Die mag ich sowieso nicht. Ich bin ein Feigling, ich lass es sein. Ich leck die Mayo von den Gurken und schmeiß sie auf den Boden. Dann haben wenigstens die Putzfrauen genug Arbeit.
Ich bin müde. Ab in die Katakomben. Der Unterbau. Da kommt kaum Tageslicht hin und man sagt dort unten spukt der Geist des alten Rektors. Der ist zwar noch nicht so wirklich tot, aber was solls? Gerüchte sind sowieso nur für Leute, dies mit der Realität nicht so genau nehmen, weil ihnen ihre eigene nicht gefällt.
Ich geh in einen der Aufenthaltsräume und leg mich auf den stinkenden Teppichboden. Das Sandwich neben mir. Ich beiß nochmal rein, kaue, schmatze.
„Sch sch“, sage ich und streichle es, „es wird alles ok werden...“
An meiner Backe klebt ne Salami. Und den Rest von meinem Sandwich frisst der Hausmeister. Er steht in der Tür und glotzt mich an. Ich muss wohl eingeschlafen sein.
„Mhhh“, sagt er und kaut, spült mit Wasser nach, rülpst.
„Die gute Heidi“, sagt er, „die macht die immer so gut mit ganz viel Wurscht drauf.“
Ich weiß nicht, was ich sagen soll.
„Hast Glück gehabt“, sagt der Hausmeister, „hätte dich fast eingesperrt.“
Er kommt mit, wir holen meinen Rucksack aus dem Klassenzimmer. Wie ich nach hause gehe, ist es schon dunkel. Und mein Vater sitzt in seinem tuntigen Rentierpuli am Tisch.
„17:30 Uhr: Abendessen“, sagt er und steht auf, „wie spät ist es jetzt?“
„Keine Ahnung“, sag ich.
„Es ist jetzt 18:10 Uhr“, sagt er.
In der Stille ist dieser kurze Moment reiner Aggression und schierem Hass und ich würde ihm am liebsten an die Gurgel springen. Er geht einen Schritt auf mich zu, ich fliehe in mein Zimmer, sperr die Tür zu. Er brüllt irgendwas. Warum stirbst du nicht einfach?
Ich kann nicht mehr schlafen. Oder nur dann, wenn ich es nicht sollte. Ich krieg keine Luft mehr. Ich reiß das Fenster auf und lehn mich hinaus. In Boxer-Short steh ich da, frier mir einen ab und der Mond blendet mich. Mit seinen Furchen und Gräbern sieht er aus wie das Gesicht eines Dämons. Ich starre drauf, bis das Licht vor meinen Augen tanzt und ich ne Latte krieg, weil ich an Caroline Hintermeyer denk. Ich hol mir einen runter und schäme mich danach.
Er schwankt. Die ganze Zeit. Er ist gefangen in der Ambivalenz der Eltern, zwischen Neid und Stolz. Deswegen ist es schwer ihn zu hassen und schwer ihn nicht zu hassen. Wir reden über die Zukunft, meine Zukunft.
„Was willst du vom Leben?“ Fragt mein Vater.
Ich bleib die Antwort schuldig. Keine Ahnung, vielleicht dass es aufhört?
„Dass es nicht mehr zum Kotzen ist?“, stammle ich. Er räuspert sich, schaut mich verlegen an, als ob er mich erst jetzt verstehen würde. Auch er bleibt eine Antwort schuldig. Vielleicht hasst er mich deswegen so sehr, weil er selbst keine Antwort hat.
