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Die Schuld ist immer zweifellos. Dolores ist jung und hübsch. Anstatt das Leben auf Mallorca zu genießen, begleitet sie freiwillig Menschen in ihrer letzten Lebensphase. Am liebsten schweigt sie mit den Sterbenden. Denn es gibt Dinge, die viel zu schrecklich sind, als dass sie sie auszusprechen im Stande wäre. Dolores birgt ein schreckliches Geheimnis. Sie hat ihre Geschwister auf dem Gewissen. Bei ihrer Suche nach Vergebung vermischen sich Traum, Trauma und Wirklichkeit immer mehr. Am Ende erkennt Dolores: Auch wenn die Schuld eine imaginäre ist, ihre Bezahlung ist real.
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Seitenzahl: 38
Veröffentlichungsjahr: 2020
Wenn für die Sterblichen verstummt der laute Tag, Die Dämmerung sich senkt auf allen Gassen Und holder Schlaf, der Lohn für ihre Müh und Plag, Den Müden naht, um sanft sie zu erfassen, Dann türmen sich vor mir auf der langen Stunden Zahl, Da ich dem Grübeln nicht vermag zu wehren, Dann fühle ich die Schlangen der Gewissensqual Am schmerzlichsten an meinem Herzen zehren. Dann brodeln Träume, und den bangen Verstand Bedrängen Dinge, die schon längst verklungen. Memoria schlägt auf mit schonungsloser Hand Die Rolle schrecklicher Erinnerungen. Mein Leben lese ich mit Abscheu und voll Scham, Vergieße bittre, heiße Reuetränen Und fuche mir entsetzt in abgrundtiefem Gram … Doch keine Schuld werd´ ich abwaschen können.
A. Puschkin
Kapitel Eins
Kapitel Zwei
Kapitel Drei
Kapitel Vier
Kapitel Fünf
Kapitel Sechs
Kapitel Sieben
Kapitel Acht
Sie hatte ihn tot geträumt. Sie wusste es, noch bevor sie ihre Augen öffnete. So, wie damals bei Diana. Trotz ihres schnellen Herzschlages hob und senkte sich das Laken aus leichtem Leinen regelmäßig. Ein kurzer Windstoß blähte die Vorhänge auf. Das Windspiel aus Treibholz und Glasperlen, das auf der Terrasse hing, klirrte leise. Es war noch keine sechs Uhr morgens und das Bett neben ihr war schon leer. Oder immer noch? Regungslos lag sie da, wartete. Horchte ins Halbdunkel hinein. Hörte, ob irgendwo im Haus ein Telefon klingelte. Aber es blieb still. Er würde anrufen. Es war nur eine Frage der Zeit. Er würde den Kontakt suchen. Lola spürte, wie der Druck in ihrem Kopf wuchs. Sie schob den Gedanken mit aller Macht von sich und zog sich das Laken über den Kopf.
Asunción de Maria. Mariä Himmelfahrt. Es war acht Uhr morgens, Urlaubsmonat. Das Thermometer zeigte 28 Grad. Bis 10 Uhr konnte die Klimaanlage noch verschnaufen, dann hieß es für sie: Auf Hochtouren fahren. Die Hunde kündigten Lolas Kommen an. Sie fuhr bis ans Tor und Josefa öffnete ihr. Sie mochte die Abendstunden lieber. Dann war mehr Ruhe. Und die, deren Gehen bevorstand, waren anders, Feingliedriger. Es war diese Zeit zwischen Wachen und Schlaf. In der Abenddämmerung hörte man das erleichterte Flüstern des Tages. Ein Murmeln und Seufzen. Verhaltenes Gelächter. Die Hektik fel ab. Die Einsamkeit zog auf. Ängste traten aus den länger werdenden Schatten. Griffen nach Lola, griffen nach dem verzagten Herzen. Es waren die Momente die nach Verfossenem haschten. Nach alten Erzählungen aus einer Zeit vor der Zeit. Die Erde in Nachbars Garten. Ihre staubbedeckten Sandalen und Opas Geschichten.
Der glänzende Mond erinnerte daran, Frieden zu schließen. Wie schloss man Frieden mit sich selbst? Für die, die gingen, gab es keine Tageszeiten mehr. Sie betrat das Zimmer.
„Wie spät ist es?“, füsterte Antonia durch das Halbdunkel.
„Zehn nach acht.“
„Das geht ja noch“, hauchte die alte Frau und sie lachten leise.
„Soll ich das Fenster öffnen, Mamá?“, fragte Josefa vom Türrahmen her.
Antonia schüttelte kaum merklich den Kopf. Lola blieb eine Stunde. Sie saß an Antonias Bett. Sie schwiegen gemeinsam. Lola hielt ihre Hand. Wenn der Mensch starb, war er nur noch er selbst.
Die Tür wurde aufgerissen, noch bevor sie den Schlüssel ins Schloss schieben konnte. Alejandro zog Lola ins Wohnzimmer und drückte sie an sich.
„Adivina, adivina!“, rief er.
Sie sollte raten.
„Ein Traum ist in Erfüllung gegangen!“
Er lief in die Küche und sie zuckte zusammen, als er den Korken laut krachen ließ. Dann kam er zurück, drückte ihr das kalte Glas in die Hand. Sie lächelte, prostete ihm zu. Die Kohlensäure prickelte auf der Zunge. Sie wollte nicht nach New York. Sie wollte in Spanien bleiben. Sie musste schnell bei Damian sein, wenn es soweit war. Amerika war weit weg, viel zu weit. Auch wenn sie im Moment keinen Kontakt zu ihrem Bruder hatte. Sie war unfähig sich noch weiter von ihm zu entfernen. Obwohl sie 1.500 km trennten, kreisten ihre Gedanken unentwegt um ihn. „Abwesend“, nannte Alejandro sie.
