Schuld und Lüge - Markus Dreist - E-Book

Schuld und Lüge E-Book

Markus Dreist

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Beschreibung

Trotz seines nur geringen Erfolges und seiner daher nur sehr bescheidenen Geldmittel führt Robert Kahlenborn einen aufwändigen Lebensstil zwischen seinen beiden Freundinnen Barbara und Simone. Klar, dass er immer wieder Probleme bekommt. Das hält ihm ja die überaus attraktive Bankangestellte Sophie immer wieder vor Augen. Als auch seine letzte Geldquelle zu versiegen droht, bietet sich ein unverhoffter Ausweg: Ein Forschungsprojekt aus dem sensiblen Bereich Nationalsozialismus. Ein Prestigeprojekt! Zum Nationalsozialismus hat er noch nie geforscht. Aber egal: Er muss diesen Auftrag annehmen. Doch schnell wird klar, dass es schwieriger wird als erwartet. Kann er sich gegen all die Intrigen und Machenschaften der Professoren und Politiker, Assistenten und Angestellten, und nicht zuletzt den Neidern unter den Kommilitonen durchsetzen? Und warum benimmt sich selbst Simone plötzlich so eigenartig? Ein turbulenter Campus-Roman über die nicht immer ganz saubere Weste derer, die über das zentrale deutsche Thema forschen – und doch eigentlich moralisch integer sein sollten!

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Seitenzahl: 575

Veröffentlichungsjahr: 2013

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Markus Dreist

Schuld und Lüge

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Kleiner Spinner

Stolpersteine

Hoppla!

Ärger

„Heil Hitler, das Schwein ist tot!“

Wer, Herr Kahlenborn, glauben Sie eigentlich zu sein?

Ach, Robert...

Impressum neobooks

Kleiner Spinner

1

Klar! Musste ja irgendwann passieren.

Post von der Bank. Scheiße!

Robert spürte, wie sein Herz ins Stolpern geriet.

Er schloss den klapprigen Briefkasten wieder zu und hastete die Treppe zu seiner Wohnung hoch. Nach dem kleinen Sprint über die zwei Etagen spürte er sein Herz jetzt wieder kräftig in der Brust pochen, und während er der Wohnungstüre einen kräftigen Tritt gab, dass sie mit einem Rumms zuflog, nestelte er das Schreiben nervös aus dem Umschlag. Post von der Bank brachte ihn immer durcheinander, brachte sein Herz ins Stolpern, oder es klopfte wild, manchmal beides zusammen. Und nervös wurde er auch immer dabei.

Er las die wenigen Zeilen, die ihm seine Kundenbetreuerin bei der Bank schrieb, Frau S. Kottenbeck. Sie bat ihn zu einem Gespräch. Robert huschte ein Schmunzeln über das Gesicht, ein Gespräch mit Frau Kottenbeck, das würde er sich nie entgehen lassen. Das gab ja gleich noch mehr Herzklopfen, lächelte er in sich hinein. Aber der Versuch, alles ein wenig freundlicher zu sehen, verflog gleich wieder, es würde ja bestimmt doch nur wieder ausschließlich um seinen desolaten Kontostand gehen, mehr nicht.

Er warf den Brief samt Umschlag auf den kleinen Küchentisch, zu der anderen Post der vergangenen Tage. Einen Kaffee, er brauchte einen Kaffee, zur Beruhigung. Etwas Heißes, das die Kehle hinunterrann, so, dass es weh tat. Dazu musste er spülen, stellte er widerwillig fest, ließ aber trotzdem Spülwasser ein und begann, den Stapel Geschirr zu spülen. Robert überlegte, wie er seinen Tag angehen sollte. Er wollte nicht mehr an den Brief denken, auch wenn er von Frau Kottenbeck kam, und auch nicht daran, was vielleicht in den nächsten Wochen noch alles schief laufen konnte.

Also, heute war Freitag. Max war nicht da, kam erst am Montag wieder.

Erst mal abtrocknen. Dabei drehte Robert immer seine Runden in der Küche. Erst zum Fenster, ein kurzer Blick nach draußen, dann wieder zurück zur winzigen Küchenzeile, Teller in den Schrank stellen, Besteck nehmen, wieder zum Fenster gehen, noch ein Blick, wieder zurück, bis alles im Schrank verschwunden war.

Wenn aber heute Freitag war, dann würde Simone garantiert hereinschneien. Er maß Kaffeepulver ab und stellte die Maschine an. Ohne Verabredung natürlich. Wie immer. Er musste plötzlich an seinen Italiener denken, Paolo, bei dem er schon mehr Geld gelassen hatte, als ihm selbst lieb war. Da ging er immer freitags mit Simone hin. Einer der Gründe, warum er Briefe von Frau Kottenbeck bekam.

Er ging noch einmal zum Fenster, aber diesmal schob er die Pflänzchen auf der Fensterbank beiseite um das Fenster weit aufzumachen und lehnte sich gefährlich weit hinaus, reckte seinen Kopf, um durch das immer dichter werdende Grün der großen, schattigen Lindenbäume hindurch einen Blick auf ein Stück Straße wenige Häuser weiter zu erhaschen, ob Paolo seine Sommerterrasse auf dem üblichen, eng abgezirkelten Bereich des Parkstreifens heute aufbauen würde. Nein, nichts tat sich. Er konnte zwar gerade noch die weiße Front des Restaurants erkennen, die Türe eingequetscht zwischen den beiden großen, schaufensterähnlichen Fenstern, auf denen er den einzigen Schmuck, den unbescheidenen Schriftzug mit seinem eigenen Namen „Da Paolo“, modern und in einen schlichten roten Rahmen gefasst, erkennen konnte, aber nichts tat sich, keine Terrasse. „Schade“, dachte sich Robert, heute wäre ein schöner Tag, um ein erstes Mal in diesem Jahr auf der Terrasse eine Pizza zu essen. Er schloss das Fenster wieder und stellte die traurig hängenden Pflänzchen wieder zurück. Die Frische des Frühlings ließ seine kleine Küche noch stumpfer und verstaubter erscheinen.

Ob sie heute trotzdem dort essen gehen sollten? Klar, schön wäre es. Wie sollte er Simone erklären, dass er sich das eigentlich nicht leisten kann? Gar nicht. Also ...

Robert schüttelte den Kopf, wie um sich selbst deutlich ‚nein‘ zu sagen, und nahm sich eine Tasse Kaffee. Damit trottete er zu seinem ausladenden Schreibtisch im einzigen Zimmer seiner Wohnung, welcher die ganze Glasfront der schön geschwungenen Jugendstilfenster einnahm. Er stellte den Kaffee auf einem der wenigen freien Flecken ab und ließ sich auf den Stuhl fallen.

Wie spät war es? Zwei Uhr. Schon! Gleich würde bestimmt Simone kommen. Und erwartete natürlich, dass er da wäre und Zeit hätte.

Hatte er denn Zeit?

Nein, eigentlich nicht. Er wollte – nein, er musste jetzt arbeiten und den Kurs für die VHS vorbereiten. Die VHS war seine letzte Geldquelle. Der letzte Strohhalm. Wenn auch die verbliebenen Kurse bei der VHS nicht mehr wären, könnte er gleich einpacken. Eigentlich ja jetzt schon, dachte er bissig, denn so viel brachten die ja auch nicht ein. Aber wenigstens ein bisschen. Er wollte doch eigentlich heute gar nicht darüber nachdenken, was alles schief laufen könnte. Aber was sollte er denn dann noch Frau Kottenbeck sagen? Komisch, früher, als er noch als Student eingeschrieben war, war es leichter, einen Job zu bekommen. Was hatte er nicht alles gemacht? Bei der Messe gearbeitet. Aber den Knochenjob konnte man nicht allzu lange machen. Danach im Büdchen verkauft. Aber das war nix für ihn, sich den ganzen Tag die Beine in den Bauch stehen. Und dann der Job für ein Beratungsunternehmen. Der beste Job, den er jemals hatte. Außerhalb der Uni. Mit Rentenversicherung! Und dann war er HiWi bei seinem Prof. Den Job musste er aber aufgeben, als er Examen gemacht hatte. Und seitdem? Nix. Mist! Was sollte er also jetzt Frau Kottenbeck sagen? Was er jetzt an der VHS zu wenig verdiente, würde er später wieder ausgleichen. Er würde seinen allerletzten Trumpf aus dem Ärmel schütteln. Die Hoffnung auf das Forschungsprojekt in Münster! Würde er ihr das vermitteln können? Eine Hoffnung gegen Geld? Ja, gut, es war etwas mehr als eine Hoffnung, immerhin lief der Antrag an die Deutsche Forschungsgesellschaft ja schon seit einigen Wochen. Der musste nur noch bewilligt werden. Das dürfte gar nicht mehr so lange dauern, überlegte er. Und wenn der Antrag durch wäre, was ja gar nicht so unwahrscheinlich wäre, wie Professor Hergenau meinte, könnte das Forschungsprojekt starten. Zwei Jahre gut bezahlt. Vielleicht länger. Es wäre das beste Projekt, das ihm je untergekommen ist, genau sein Thema, die Wahrnehmung der Weimarer Republik im europäischen Ausland. Und genau seine Zeit, Weimarer Republik! Er liebte diese verzweifelte Zeit, in der Größe und Gosse so nah beieinander lagen, einander hoffnungslos verbunden. Das alles hatte nur einen Haken: Es würde frühestens im Herbst los gehen! In sechs Monaten erst! Und auch nur, wenn alles glatt lief. Bis dahin wäre er längst verhungert. Wenn alles glatt lief!

Er beugte sich wieder über seine Zettel. Aber richtig konzentrieren konnte er sich nicht, denn immer wieder wurde er abgelenkt, Ingo, sein Nachbar rechts, stritt sich lauthals mit seiner Mutter, sie hatte ihrem Mann verboten, sich mit der gemeinsamen Tochter zu treffen, weil sie deren Freund nicht ausstehen konnte. Und wenn sie nicht mehr zu ihrer Tochter fuhr, dann sollte ihr Mann das gefälligst auch nicht mehr tun. Ein ganz schöner Drachen, die Mutter, dachte Robert, der längst seinen Stift aus der Hand gelegt und angestrengt gelauscht hatte. Plötzlich aber ging Ingo in sein anderes Zimmer, und Robert konnte nichts mehr verstehen. Mit einem tiefen Seufzer wandte er sich also wieder seiner Arbeit zu. Aber schon kurz darauf schreckte ihn ein Sturmklingeln auf. Das musste Simone sein. Jetzt schon? Aber es konnte nicht anders sein, ein solches Klingeln konnte nur Simone zustande bringen.

„Du musst unbedingt mitkommen“, meinte sie. Robert schaute sie nur fragend an.

„Komm, los, lass uns mit dem Fahrrad fahren! Hier ganz in der Nähe gibt es eine wunderschöne Stelle, hab ich gestern entdeckt“, meinte sie und zog ihn vom Schreibtisch weg. „Mach schon!“

Simone war verrückt. Hatte er ihr das nicht immer wieder gesagt? Aber so war sie eben! Liebte er sie nicht gerade deswegen? Und was konnte schöner sein als eine verrückte Idee? Also fuhren sie mit ihren Rädern zu der wunderschönen Stelle ganz in der Nähe.

Na ja, ganz in der Nähe war es nicht, Robert hatte so etwas schon geahnt. Erst durch den Park, dann in einem großen Bogen an der Uni vorbei, hinter der Uni durch die Anwohnerstraßen, über die Autobahn, und anschließend wieder Anwohnersträßchen bis zum Rhein. Robert wollte schon beinahe protestieren. Aber dann waren sie da. Und Robert war zuerst ganz verwirrt, so sehr berührte ihn die Stimmung dieses Mittags in den Rheinauen. Er hätte nicht einmal sagen können, was ihn so berührte, er konnte nur vage umschreiben, dass diese Landschaft mit ihren hoch aufragenden und weit ausladenden alten Bäumen, ihr Licht, das silbrig in den im Wind flatternden Blättern flirrte, der blassblaue, weite Himmel für ihn etwas Leichtes besaßen. Einen ganz eigenen Charakter, etwas Unerreichbares. Hatte sie wissen können, dass dieser Flecken Land ihn so verzaubern würde?

Simone ließ sich ins Gras fallen, verschränkte die Arme unter ihrem Kopf und schloss die Augen. Und Robert hatte neben ihr geträumt, sich immer mehr verloren, verloren im strahlenden Frühlingshimmelblau. Hin und wieder, wenn man genau hin schaute, konnte man den blitzenden Rumpf eines Flugzeuges sehen, man konnte es nicht hören, dazu flog es zu hoch oben über dem Blau des Himmels, winzig klein, kaum zu erkennen, nur einen kurzen, dünnen weißen Streifen ließ es hinter sich. Aber der verschwand schnell.

Simone hatte die Augen geschlossen, schaute gar nicht mehr in den Himmel, sie schien zu schlafen, aber sie war hellwach. Ihre langen, fast weißlich schimmernden Haare hatte sie in ihrem Nacken zusammengerafft, nur hin und wieder ließ der Wind das ein oder andere Haar tanzen, das sie nicht erwischt hatte. Die Bluse spannte sich über ihrer Brust. Wenn sie tief Luft holte, zeichneten sich ihre Brustwarzen deutlich als kleine, erhabene Punkte unter dem dünnen hellblauen Stoff ab. Robert seufzte. Er hatte diesen Reizen noch nie widerstehen können. In Momenten wie diesen wusste er wieder genau, warum er sich in sie verliebt hatte, warum er ihre kleinen Fehler immer wieder übersah. Er strich ihr über die Wange, sie lächelte, er setzte sich halb auf und küsste sie auf die Stirn.

Boooooooooouuuuuuoobooouuuaaaoooaaauuu ...

Robert hielt sich die Ohren zu, aber es nützte nichts. Es war kaum zu ertragen. Daniel war nicht zu bremsen. Daniel war sein anderer Nachbar, der zur Rechten. Wohnte schon hier, als Robert vor einer halben Ewigkeit hier eingezogen war. Irgendwann war er wohl mal in Australien gewesen. Und seitdem er von dort wiedergekommen war, passierte es alle paar Tage, dass er sein Didgeridoo ausprobierte. Wie hatte er das nur von Australien hierher bekommen? Als Handgepäck?

Simone und er standen sich gegenüber, die Hände an den Ohren und mussten beide lachen.

Als sie von ihrer kleinen Fahrradtour zurückgekommen waren, hatte Robert schon aufgeatmet, dass Ingo sein Telefonat endlich beendet hatte und gar nichts mehr aus seiner Wohnung mehr zu hören war. Bis plötzlich Daniel aus der anderen Wohnung ...

Baaaaaoooooooouuuuuubbbboooooooouuuuuu ...

Simone fiel ihm lachend um den Hals. Küsste ihn innig. Robert allerdings störte der Lärm, normalerweise kribbelten ihre Küsse immer, auch nach so vielen Jahren noch, aber heute nicht, und Simone bemerkte es sofort.

„Was ist los?“

„Nichts, nichts, ich – ach, nichts!“ Sollte er sich diesen Nachmittag durch Lärm kaputt machen lassen?

Boooooaaaaoouuuuuuuuooooouuuoooo ...

Simone nahm ihn enger in ihre Arme und erstickte alles weitere in einem leidenschaftlichen Kuss.

„So, und nun?“, fragte er, als sie seinen Mund wieder frei gegeben hatte. Er musste kurz an Barbara denken. Aber wirklich nur kurz.

„Das fragst du noch?“, lächelte sie, stieß ihn in das Zimmer, trat die Tür rücklings zu und zog ihn wieder an sich packte ihn mit beiden Händen am Kragen und küsste ihn erneut wild und leidenschaftlich.

Nebenan fiel ein großer, hölzerner Gegenstand auf den Boden.

„Macht dein Nachbar eine Pause? Das ist aber rücksichtsvoll!“

Es hörte sich so an, als ob Daniel tatsächlich aufräumen würde.

Sie riss sein Hemd aus der Hose, Robert ließ es sich gefallen, er mochte es, wenn sie stürmisch wurde, Gänsehaut machte sich breit auf seinem Oberkörper, eigentlich hatte er dieses Mal darauf bestehen wollen, zu tun, was er sich vorgenommen hatte, aber konnte er sich etwas entgehen lassen, von dem er wusste, dass es auch dieses Mal wieder einzigartig sein würde? Da war sie, ihre barbarische Ader, ihre unbändige Lust. Hatte Robert jemals vergessen, warum er mit Simone zusammen war?

Sie knöpfte seine Hose auf, Robert spürte, wie es ihn erregte, wenn Simone ihn auszog, ihn ungestüm küsste, wenn sie gar nicht mehr aufhörte ihn zu küssen. Robert strich über ihre Brüste, merkte, wie sich ihre Brustwarzen gegen den dünnen Stoff ihrer Bluse abhoben, sie hat nichts darunter an, dachte er, das erregte ihn noch mehr, er begann, langsam einen Knopf nach dem anderen zu öffnen, je wilder sie wurde, um so langsamer zog er sie aus, ein wilder Strudel erfasste sie beide, sie zog ihn mit sich aufs Bett, immer fordernder wurden ihre Küsse, ihr Streicheln wurde zu einem Kratzen ...

Buuuuooooooooaaaaaaaaooouuuuooooooaaaaaaauuuuooooh!

Simone war weg. Heute morgen in aller Frühe hatte sie sich auf den Weg gemacht. Keine Ahnung, wohin.

Manchmal verschwand sie einfach, ohne zu sagen wohin. Nächsten Freitag würde er sie wiedersehen.

Spätestens!

Warum fiel ihm in der letzten Zeit immer wieder Barbara ein, wenn er mit Simone zusammen war? Gut, eigentlich war er mit Barbara zusammen. Eigentlich. Sie war seine feste Beziehung, wie man so sagt. Aber nicht nur, sie war ja eigentlich die Frau, mit der er zusammenleben wollte, wenn er ehrlich war. Wenn sie nicht gerade in München wäre. Na ja, gerade stimmt so nicht ganz, eher seit – ungefähr einem Jahr. Ja, stimmt, ungefähr ein Jahr ist es her, dass sie für ein Semester nach München gehen wollte. Daraus sind jetzt zwei geworden. Na gut, kann man jetzt sagen, wenn man sich ein Jahr immer nur an den Wochenenden sieht, das kann schon schwierig werden für eine Beziehung. Aber Robert war immer optimistisch. Sie und ihre Beziehung würden daran wachsen, hatte er gesagt. Und wenn sie wieder zurückkommen würde, würde alles so weitergehen wie gehabt. Aber in den letzten Wochen hatte sich etwas verändert. Er konnte nur nicht sagen, was.

Robert beschloss, erst einmal wieder einen klaren Kopf zu bekommen und in den Volksgarten zu fahren. Eigentlich müsste er heute noch in die Uni, um etwas für den nächsten Volkshochschulkurs nachzuschlagen. Aber das hatte Zeit, dachte er sich. Jetzt wollte er erst einmal in den Park, und dort zu seiner Lieblingsstelle, von wo aus man einen kleinen Teil des Rheinturms erhaschen konnte, so lange das Laub der Bäume noch nicht allzu dicht gewachsen war. Wenigstens ein bisschen des schönen Tages erleben. Hoffentlich hab ich noch die Ruhe dazu, ging es ihm durch den Kopf. Aber nur kurz. Er ging zu seinem Bücherregal, in dem im Gegensatz zu seiner immer etwas vernachlässigt wirkenden Wohnung immer alles sauber und geordnet stand, baute sich davor auf, schloss die Augen und griff auf gut Glück ein Buch heraus, nur nichts historisches, dachte er und hielt schließlich Herodots „Geschichte und Geschichten“ in der Hand, auf den Zufall ist auch kein Verlass mehr. Aber er musste doch schmunzeln, er schlug das Büchlein auf, dieses kleine gebundene Büchlein hatte es ihm angetan, immer und immer wieder hat er es zur Hand genommen und darin gelesen, und so konnte er sich jetzt schnell mit dem Gedanken anfreunden, es mit in den Park zu nehmen, das wird mich nicht an meine Arbeit ermahnen, nein, eher ablenken, vielleicht sogar ein bisschen anspornen, dachte er sich noch und machte sich auf den Weg zum nahe gelegenen Park, in dem sich an diesem Tag eine Menge Leute tummeln würden, es war immerhin einer der ersten schönen Tage in diesem Jahr, und doch hätte er seine Ruhe. Allein auf einer Bank würde er den Gedanken nachgeben, die heute wie wässrige Farbkleckse auseinander liefen.

Und da war ja auch noch die Frau aus dem Park, Frankie, so nannte er sie, ihren richtigen Namen kannte er nicht, er hatte sie im letzten Sommer kennen gelernt. Na ja, kennen gelernt ist eigentlich zu viel gesagt. Ein paar Worte hatten sie gewechselt. Aber vielleicht würde sie ja auch jetzt im Park sein, das wäre eine angenehme Überraschung, abgesehen davon, dass sie mehr als eine Ablenkung wäre. Sie war schön, hatte kurze, dichte Haare, die ihr Gesicht in einem Kranz umschlossen und ihrem ebenmäßigen Gesicht etwas Fremdes, Abgründiges gaben, und ihre gerade Nase und ihr schmallippiger Mund hoben das noch hervor. Doch wirklich besonders machte sie diese besondere Ausstrahlung ihrer Bewegungen, die ihrem zierlichen Körper eine Willensstärke verliehen, dass Robert sich ihr gegenüber klein vorkam, auch wenn er sie mindestens einen Kopf überragte. Was er von ihr wollte? Keine Ahnung. Sie war einfach da, in seinem Leben. Frankie. Er klappte den Herodot zu.

Robert stieß die Haustüre auf und bugsierte sein Rad auf die Straße, bevor die schwere Türe hinter ihm wieder zuknallte. Vor dem Nebenhaus stand ein großer Umzugswagen und eine ganze Menge Leute trugen schwere Schränke, einen großen Tisch, Stühle und andere große und kleine Möbelstücke und allerlei Kisten unterschiedlichster Größe aus dem Haus in den Lastwagen. Die Leute kamen Robert sogar bekannt vor. Hatten die nicht kürzlich erst die gleichen Möbel hinaufgeschleppt? Und schon zogen sie wieder weg? Hatten sie sich in der Gegend vertan?

Robert schüttelte den Kopf und schwang sich auf sein Rad. Auf dem kleinen Kreisverkehr, der sich am anderen Ende der beschaulichen Straße befand, stieß Robert auf Herrn Schneider, er stand dort und stocherte mit dem Finger vor seinem Gesicht in der Luft herum. Herrn Schneider kannten alle auf der Straße. Herr Schneider war arbeitslos. Die einzige Beschäftigung, die ihm geblieben war, war, sich aufzuregen. Am Liebsten regte er sich über die Stadtverwaltung auf. Manchmal auch über Politiker. Hin und wieder auch über seine Sachbearbeiterin auf dem Amt. Meist aber zählte er immer wieder die Schilder hier am Kreisverkehr, seit dieser Kreisverkehr vor einigen Jahren gebaut wurde, dann regte er sich wieder über die unfähige Stadtverwaltung auf, die sein Geld, ja, sein Geld zum Fenster hinauswerfen würde, weil sie hier viel zu viele Schilder aufgestellt hätten, die Hälfte hätt’s ja auch getan, und er erzählte jedem, der ihm begegnete, wie sehr ihn die Unmenge an Schildern ärgerte, und fast jeden Morgen, wenn er nicht gerade wieder einmal auf dem Amt war um sich sein Geld abzuholen und sich dort zu streiten, traf man ihn hier, an seinem Kreisverkehr, wenn er wie jetzt mit Zählen beschäftigt war.

„Siebzehn – achtzehn – neunzehn ...“

„Achtundzwanzig, Herr Schneider, achtundzwanzig! Immer noch! Es hat sich nichts verändert seit letzter Woche.“ Robert konnte sich ein leises Lächeln in den Mundwinkeln nicht verkneifen.

„Herr Kahlenborn! Machen Sie sich etwa wieder lustig?“ Herr Schneider funkelte Robert an, empört, wie immer, wenn er den Verdacht hatte, dass jemand sein wichtigstes Anliegen, die Verminderung der Zahl der Verkehrsschilder zur Vermeidung übermäßiger Kosten der Behörden nicht ernst nahm.

„Herr Schneider, Sie wissen doch, wie ich’s meine!“, fiel ihm Robert ins Wort.

„Ja, ja“, der Nachbar ging wegwerfend darüber hinweg, „Achtundzwanzig Verkehrsschilder, Herr Kahlenborn, ja, für einen kleinen Kreisverkehr, da war mir die Kreuzung davor ja noch lieber, achtund ...“

„Ihre Briefe sind wohl noch nicht beim zuständigen Beamten angekommen?“, erkundigte sich Robert, der aus Mitleid mit dem bei jedem Wetter auf der Straße stehenden Herrn Schneider die Idee mit den Briefen an das Amt nebenbei erwähnt hatte. Herr Schneider hatte diese Idee bereitwillig aufgegriffen und mittlerweile einige bitterböse Briefe geschrieben. Die ersten waren sogar noch beantwortet worden.

„Verarschen kann ich mich selber! Ämter! Ha!“

„Tja, vielleicht lässt sich ja dann wirklich nichts daran ändern?“ fragte Robert vorsichtig nach und erntete dafür einen bitterbösen Blick.

„Aber ...“ und nun legte sich Robert ein wenig zurück, kniff die Augen ein klein wenig zusammen und setzte seinen wichtigsten Blick auf, der ihm möglich war und flüsterte fast nur noch, „aber an Ihrer Stelle“, und er ließ eine bedeutungsvolle Pause folgen, „an Ihrer Stelle würde ich die Situation im Blick behalten, nicht wahr, beobachten, abwarten, das ist das wichtigste, anschleichen, um dann im richtigen Moment mit der Säge griffbereit im Mund ...“

„Herr Kahlenborn!“ Herrn Schneiders Empörung war keineswegs gespielt. Wollte Robert ihn hopps nehmen? Immerhin kannte jeder hier auf der Straße seine Indianerbegeisterung.

„Herr Schneider, Sie wissen doch, wie ich’s meine, oder?“ fiel ihm Robert mit seinem gewinnendsten Lächeln ins Wort, verabschiedete sich und ließ einen ganz verwirrten Herrn Schneider zurück. Herr Schneider hatte seine eigenartigen Seiten, zugegeben. Seine manchmal ausufernde Beschimpfung der ortsüblichen Behörden zum Beispiel, seine Begeisterung für Indianer, oder auch die zweifelhafte Liebe zu seinem VW Bulli, der schon hundert Jahre alt aussah. Trotzdem mochte Robert Herrn Schneider. Er war genauso eigenwillig wie alle hier auf dieser kleinen Straße, die Studenten nebenan, die netten Familien, die grau gewordenen Reformpädagogen, der Fahrradfreak vom Ende der Straße und nicht zu vergessen Paolo, der Italiener, der verrückt genug war, auf dieser Straße sein Restaurant zu eröffnen. Vielleicht hielt man sie in der Stadt alle ein bisschen für verrückt, und vielleicht hatten sie ja sogar Recht, dass sie hier wohnen blieben, und das seit Jahren, wo dieses Viertel doch angeblich kaum mehr zu retten war, hier, hinterm Bahnhof. Manche von denen, die merkten, wo sie hingezogen waren, zogen ja auch ganz schnell wieder weg. Aber die, die blieben, lebten hier alle wie in einer kleinen, sturmumbrausten Oase. Nur wenig Schritte weiter waren die Strandgüter der weltweiten Sturmflut zu besichtigen. Wirklich angenehm war es dort wirklich nicht. Eher rau. Keine Schnörkel mehr im Umgang miteinander. Zum Glück musste Robert nicht oft dorthin. Und wenn, dann kam er schnell wieder hierher zurück.

Nach kurzer Zeit war er im Park angekommen, fuhr am Brunnen vorbei, der schon in Betrieb war, und das Wasser plätscherte munter in die verschieden großen, treppenartig angeordneten Becken. Robert war froh, dass die Racker nicht da waren, um ihn nass zu spritzen, die Racker, Erik, Matti, Thorsten und Conni, sie wohnten alle im Nebenhaus, gingen alle auf die gleiche Schule, hier um die Ecke, und lungerten immer zusammen herum. Und an heißen Sommertagen waren sie immer hier, und wenn er hier vorbeikam und der Brunnen lief, spielten sie hier in ihren Badehosen am Wasser und ärgerten Passanten. Und ihn am liebsten. Warum ausgerechnet ihn? Keine Ahnung. Vielleicht, weil er sie nicht böse genug anfuhr? Aber zum Ärgern war es wohl noch zu kalt. Robert fuhr weiter, an der großen Wiese vorbei, auf der er letztes Jahr so oft gelegen hatte, um festzustellen, dass hier fast alle Bänke besetzt waren. Nein, nicht fast alle. Alle. Bis zum Teich hinunter. Er fuhr weiter zu der kleinen Wiese, hier war es ein wenig intimer, keine weiten Räume, die man überblicken konnte, keine großartigen Ausblicke, eine kleine Wiese eben, wie es mehrere in diesem Park gab, aber hier gab es ein kleines Blumenbeet, das Robert immer an zu Hause erinnerte, und ausgerechnet auf dieser Wiese gab es noch eine freie Bank. Robert steuerte sie sogleich an, stellte sein Fahrrad ab und setzte sich hin, sein Buch legte er auf die Bank. Er legte den Kopf in den Nacken, ließ die Sonne auf sein Gesicht scheinen, ließ ihre Wärme auf seinem Gesicht spielen und genoss die Ruhe.

Schließlich nahm er seinen Herodot zur Hand. Der Zufall war doch gar nicht so unzuverlässig. Es war ein Buch zum wegtauchen. Alles vergessen. Er blätterte zu der Seite, auf der er zuletzt gelesen hatte und versuchte, sich in die Zeilen zu vertiefen. In die Welt vor zweieinhalbtausend Jahren einzutauchen. Aber schon bevor er den ersten Satz zu Ende gelesen hatte schweiften seine Gedanken ab. Schweiften zu Simone. Wo er doch jetzt hatte lesen wollen. Den albtraumhaften Brief ließ er aus.

Und noch weiter zurück, in den letzten Sommer, zu Frankie.

Er hatte sich schon oft gesehen, wie er mit ihren dunklen Haaren spielen, wie er in diese wundervollen kleinen, braunen Augen hineinstürzen und ihre schmalen Lippen mit seinen Fingerspitzen nachfahren würde.

Er war gerade in Ägypten, weit entfernt von seiner Heimat. Er beschrieb die Pyramiden und wie sie entstanden waren. Wie man es ihm erzählte.

Barbara war auch weit weg von ihrer Heimat. Also, wenn er, Robert, und Düsseldorf noch ihre Heimat waren. Er liebte sie. Also, Barbara jetzt. Auch wenn sie jetzt in München war, für ein Semester, hieß es vor einem Jahr. Und sie käme jedes Wochenende zu ihm. Klar, dass das nicht funktionieren würde, wäre auf Dauer ja auch viel zu teuer. Also sahen sie sich schon zu Beginn ihres ersten Forschungssemesters nur hin und wieder. Und jetzt eben ein bisschen seltener. Dabei liebte er sie mehr als alles andere. Wirklich! Ihren Witz. Ihren Esprit. Egal. Die langen Diskussionen mit ihr. Auch wenn sie sich manchmal heftig stritten. Wenn sie komisch war, wie er immer sagte. Auch dann liebte er sie. Aber Simone liebte er auch. Ganz besonders, wenn sie wild war und über ihn herfiel. Das mochte er besonders. Dann würde er am liebsten gar nicht mehr von ihr lassen. Danach sah die Frau hier aus dem Park zum Beispiel gar nicht aus. Und Barbara würde so etwas nie machen. Aber wer weiß? Vielleicht konnte sich ja doch mehr ergeben? Also, mit Frankie. Liebte er sie? Also, Simone? Zu schwere Frage für einen leichten Frühlingstag. Auf jeden Fall liebte er Barbara. Simone war einfach wild. Das musste für heute reichen.

Er berichtete gerade von König Cheops, der Unglück über Ägypten gebracht hätte, weil er alle Ägypter zum Bau an seinem Grabmal verpflichtet und sie bis zum Äußersten ausgepresst hätte, um die Pyramide zu errichten, selbst seine Tochter hätte er zur Hure gemacht, damit genügend Geld für den Bau zusammen käme; und sein Sohn Chefren hätte es genau so getan. Wie trügerisch doch Geschichten sein können, dachte Robert. Aber immerhin wusste Herodot noch, dass die Pyramiden Grabmäler waren.

Er brauchte sie beide. Das, was sie beide zusammen ihm geben konnten. Und vielleicht noch mehr als das.

Er kam nicht zur Ruhe, konnte sich nicht auf Cheops oder die Pyramiden konzentrieren, konnte sich nicht ablenken, es ging nicht. Er würde wütend. Auf Simone. Weil sie ihn nicht in Ruhe ließ. Nicht einmal hier, nicht einmal jetzt, auch wenn sie gar nicht da war. Und auf Frau ... wie hieß sie noch? Die Unruhe, die ihr Brief ausgelöst hatte, ließ ihn nicht mehr los. Sie war nicht übermäßig, aber immer da. Immer im Hintergrund. Ein Hintergrundrauschen. Frau Kottenbeck! Genau! So hieß sie!

Missmutig klappte er das Buch zu, stand auf, steckte das Buch fahrig in die Jackentasche, dass die Seiten verknickten, was ihn noch wütender machte, schnappte sich das Fahrrad und fuhr nach Hause.

Er rollte sein Fahrrad durch den Flur bis in den Schuppen im Hof und ging hinauf in seine Wohnung, zog seine Jacke aus, warf sie auf das Sofa und sah den Anrufbeantworter blinken. Ein Anruf. Er drückte auf den blinkenden Knopf. Die nette, weiche Stimme des alten, sanftmütigen Herrn Reuben. Sein Fachbereichsleiter von der Volkshochschule. Er stoppte den Anruf mittendrin. Er würde ihn sowieso jetzt anrufen.

Er hatte wieder einmal Lust auf einen Kaffee, ging in die Küche, nahm Filtertüten und Kaffeepulver aus dem Schrank, füllte Wasser in die Maschine, setzte die Filtertüte ein, löffelte das Pulver hinein, stellte die Maschine an, setzte sich an den Tisch und wartete darauf, dass die kleinen dunklen Tropfen in einem kleinen Rinnsal in die gläserne Kanne tropfen würden. Das beruhigte ihn.

„Herr Kahlenborn, jaaa! Gut, dass Sie gleich zurückrufen. Wie? Jaaa!“

Herrn Reubens Stimme klang ein wenig unsicher, wunderte sich Robert.

„Ja, Herr Reuben, ich wollte ohnehin in den letzten Tagen schon anrufen, um zu fragen, in welchen Räumen ich denn meine Kurse abhalten kann?“ Robert versuchte ruhig zu klingen, nicht so gehetzt, so, als würde er ganz in Ruhe seine Kurse abwarten und als wäre er gar nicht auf sie angewiesen. Wie macht man das? Wie legt man das in seine Stimme? Robert wusste es nicht, versuchte es aber trotzdem.

„Jaaa, wie ich Ihnen schon auf den Anrufbeantworter gesprochen habe, ja, es tut mir ja so Leid!“

„Ja? Äh – was?“ Tja, das war’s dann wohl mit der souveränen Zurückhaltung! „Oh, ich habe nicht ... also, ... äh, den Anrufbeantworter habe ich gar nicht zu Ende ...“ Robert beschlich ein unguter Gedanke. „Also ...

„Tjahaa, also – die Kurse ...“ Reuben brach ab.

„Ja?“

„Die können nicht stattfinden.“ Reuben klang gequält. Zerknirscht.

„Wie – die können nicht stattfinden?“

„Ja, also, ich meine nein. Es tut mir ja sehr Leid, und Sie wissen ja, wie sehr wir an Ihnen interessiert sind, Sie haben immer so gute Themenvorschläge, aber dieses Mal ...“

„Ja?“

„Dieses Mal scheinen Ihre Themen nicht so gut anzukommen.“

„Aha.“

„Ja, zu wenig Anmeldungen, leider.“

„Aha.“

„Ja.“

„Wie viele denn?“

„Jaaa, um genau zu sein ...“

„Ja?“

„Für zwei Kurse jeweils eine Anmeldung.“

„Das ist nicht viel.“

„Nein, viel ist das nicht.“

„Und bei den anderen Kursen? Keine Anmeldung?“

„Äh – nein.“

„Aha.“

„Aber bestimmt ist das im nächsten Semester anders. Nicht wahr? Wir telefonieren in den nächsten Wochen noch einmal und sprechen dann die Themen für das nächste Semester ab, nicht wahr? Vielleicht mal etwas populäreres, Nationalsozialismus vielleicht? Dann wird Ihnen bestimmt mehr Erfolg zuteil werden, nicht wahr? Also, bis dann!“ Reuben legte auf.

Robert stand vor dem Telefon, blickte auf den Hörer. Er hatte das Gefühl, dass Reuben froh war, dass das Gespräch zu Ende war.

Was hatte er gesagt? Nationalsozialismus?

Reuben war immer besorgt um seine freien Mitarbeiter. Immer hatte er Zeit für alle Sorgen, immer war er um sie bemüht. Er sprach sonst immer länger mit ihm, zuletzt waren sie sogar beide einen Kaffee trinken gegangen, im Anschluss an eine seiner Seminarstunden, da hatten sie zusammen überlegt, wie das Angebot für das nächste Semester aussehen sollte. Aber das alles half jetzt auch nicht mehr weiter.

Nationalsozialismus!

Bloß nicht!

Er wunderte sich wieder einmal über sich selbst. Er war schließlich Historiker. Gab es das, einen Historiker, der immer versuchte, einen Bogen um das Thema Nationalsozialismus zu machen? Ja. Ihn.

Robert drehte die Opernkarten in den Fingern, die er gerade gekauft hatte. Erste Reihe, Parkett, Preiskategorie eins, wenn schon – denn schon! Eine besondere Überraschung für Barbara, wenn sie wieder hier sein würde, nach ihrer Zeit in München. Vielleicht auch nur für ein weiteres Wochenende.

Er musste an Frau Kottenbeck denken.

Ihm wurde schwindlig.

2

Seine Schuhe hinterließen auf dem Pflaster ein eigenartiges Geräusch. Ein Geräusch, das man nur hören konnte, wenn nichts sonst zu hören war. So wie jetzt. Mitten in der Nacht war niemand unterwegs. Also, fast niemand. Nur Robert, der dem Geräusch seiner eigenen Schuhe folgte. Und ein paar Gleisbauarbeiter, die Schienen untersuchten. Das letzte Mal, als er nachts durch die gleichen einsamen und leeren Straßen lief, prüften sie noch die Oberleitungen der Straßenbahnen. Und wie damals zuckte das orangene Licht der Baustellenwagen schon von weitem durch die Straßen, wurde zurückgeworfen von den Häuserwänden, strich die Häuser entlang und ließ die Alleebäume geisterhafte Schatten werfen.

Robert hatte nicht schlafen können. Wie auch? Immer die gleichen Gedanken im Kopf. Auch im Bett wälzen brachte nichts. Also hatte er den Fernseher angemacht. Kam aber nichts. Und dann hatte er die Idee, sich einfach anzuziehen und spazieren zu gehen. Es war ziemlich kühl, mitten in der Nacht in der Stadt. Auch wenn es Frühling war.

Von Ferne hörte er Autoreifen über die Schienen einer Kreuzung klackern.

Allmählich wurde die Stadt wach.

Und Robert wurde müde. Er freute sich, dass er merkte, wie schwer ihm die Füße wurden.

3

Heute morgen saß er wieder an seinem Schreibtisch, die Tasse Kaffee neben sich, mittlerweile kalt. Eigentlich hatte er nichts zu tun. Gab ja nichts mehr zu tun.

Scheiße!

Er konnte warten. Ja klar, auf den Herbst warten. Die ganze Zeit bis zum Herbst an seinem Schreibtisch warten. Ein halbes Jahr nicht mehr vom Stuhl aufstehen. Gottverdammtescheiße.

Geht das überhaupt? Gar nicht mehr aufstehen?

Und dann diese Unruhe. Irgendetwas musste er doch tun!

Die Sonne schimmerte durch die frühen zerbrechlichen Blättchen an den Ästen der Straßenbäume. Er liebte diesen Ausblick, der manchmal so träge war, manchmal traurig, melancholisch.

Warum kam ihm jetzt der Morgen mit Simone in den Feldern in den Sinn? Keine Ahnung. Wie lange war das jetzt her? Vier Tage? Fünf? Er hatte Angst, dass das Bild immer mehr entglitt, verblasste, heller, unwirklich, unendlich weit weg, nie gewesen. Alles würde wieder genau so wie jeden blassen Tag.

Simone und ihre verrückten Ideen!

Er vermisste sie. Barbaras Stimme war ihm zu wenig. Ihre weiche Stimme, die so weich und so wach war, dass er schon oft gedacht hatte, er könnte sie berühren, wenn sie miteinander telefonierten, so, wie er über ihr Gesicht streichen könnte, wenn sie vor ihm stand. Und jedes Mal stand sie wirklich vor ihm, wenn sie telefonierten. Als sie gefahren war, begriff er zum ersten Mal wirklich, wie sehr er sie liebte. Dabei waren sie seit zwei Jahren zusammen, weniger, als er mit Simone zusammen war. Aber er hatte sich unsterblich in sie verliebt. Also, in Barbara. Als sie ihn ganz unerwartet zu Beginn des Semesters gesehen hatte, sie kam die Treppe auf ihn zugestürzt und war ihm in die Arme gefallen, so sehnsüchtig, dass er das Gleichgewicht verloren hatte und eine Stufe hinuntergestolpert war. Zum Glück hatte sie ihn festgehalten. So fest, dass er nicht fallen konnte. Und dann hatte sie ihn geküsst. Er mochte es nicht, dass die große Liebe seines Lebens ihn wegen eines einfachen Praktikums in München verlassen hatte. Wenigstens kam es ihm so vor, dass sie ihn verlassen hatte.

Robert sah in die Sonnenstrahlen, die durch die Blätter blinzelten und die Luft tanzen ließen, bevor sie schließlich das geschwungene Muster der alten Holzfenster erst auf seinen Schreibtisch mit all seinen Zetteln, Stiften und Mappen, dann auf den Boden mit den Stapeln ausgeliehener Bücher und Kopien und schließlich das große, das Zimmer beherrschende Regal mit seinen vielen bunten Buchrücken zeichnete, das gegenüber des Schlafsofas stand, das jetzt ganz im Schatten dalag.

Jetzt hatte er viel Zeit für Simone.

Aber er musste auch an diesen Kuss zurückdenken.

Gut, dass er sich damals nicht von ihr getrennt hatte. Also, von Simone. Sonst käme er jetzt vielleicht noch auf dumme Gedanken, wo Barbara weg war.

War er glücklich?

Zehn Fragen an ...

Ihre persönliche Vorstellung vom Glück?

Nebenan klingelte ein Telefon, wahrscheinlich bei Ingo. Hoffentlich nicht wieder Ingos Mutter!

Wäre er eine berühmte Persönlichkeit, würde er antworten ... Robert hätte es nicht einmal auf Anhieb sagen können. Irgendwie hatte es wohl mit dem Beruf zu tun. Erfolg? Karriere? Karriere an der Uni! Irgendwie aber auch wieder nicht, nicht um jeden Preis. Sein Vater hat Karriere gemacht und hat nichts von seinem Leben gehabt, jedenfalls in Roberts Augen. Davon hatte er sich abgewandt. Familie? Ja, schon, aber erst später. Geld? Zack, da war’s wieder! Und schon spürte er wieder diese nagende Unruhe in sich. Geld! Natürlich, vor allem, um seine dringendsten Schulden bezahlen zu können. Man hat eben nicht in jeder Lebenslage immer das nötige Geld für sein Leben. Später würde er erben. Nicht viel, aber immerhin! Ein bisschen konnte er sich damit beruhigen.

Also, so leben wie gerade jetzt? Und träumen!

Nein, nicht seriös genug!

Er war Historiker! Also? Es gab nur zweierlei Arten von Historikern. Die einen versuchten, sich im Schatten der wirklich Mächtigen zu sonnen. Indem sie über die Großen der Geschichte urteilten, wähnten sie sich ihnen gleich. Manche Historiker waren so und wurden damit unglücklich, denn wer konnte sich schon in den ewigen Granit der Geschichtsschreibung einmeißeln? Robert interessierte das nicht. Er gab sich einem anderen Genuss hin. Er las sich in die längst gelebten Leben anderer, in die längst gefällten Schicksale anderer, schlich sich in ihre Leben, betrachtete ihre Leben aus ihrer Innensicht heraus, mit der spitzbübischen Sicherheit dessen, der das Ende schon kennt, ein Dieb im Unterschlupf für eine Nacht im Leben eines anderen.

Ingo stritt sich wieder einmal mit seiner Mutter. Robert musste lächeln. Diesmal ging es wohl um Ingos Schwester Doro. Sie schien sich bei ihm über die Mutter beschwert zu haben. Warum nur musste er sich da immer wieder einmischen?

Ihr bevorzugter Frauentyp?

Barbara. Nein, Simone. Vielleicht Frau Kottenbeck! Ha, warum kam sie ihm schon wieder in den Sinn? Nein, jetzt hab ich’s: Steffi! Na klar! Seine erste Liebe, noch als er zur Schule gegangen war! Steffi würde er nie vergessen! Gegen Ende des Schuljahres hatten sie sich verliebt. Warum hatten sie sich erst am Ende dieses verflixten Schuljahres verliebt? Keine Ahnung. War aber so. Erst waren da neugierige Blicke. Dann unverfängliche Wortwechsel. Schließlich ein erstes Date. Und dann ...

Manchmal bekam Robert Sehnsucht, aber er hätte nicht einmal genau sagen können wonach. Vielleicht nach der Unbeschwertheit, als sein Leben noch ganz undeutlich war, kaum Zeit vergangen war, die Zukunft noch ganz vor ihm lag, alles war möglich, nichts war unmöglich? Carpe diem! Der Tag war noch frisch, dein Leben ist noch ein leeres Blatt, das nach den ersten Zeilen hungert. Vielleicht hatte er mit Simone an jenem Morgen ein Stückchen Vergangenheit geatmet? Etwas von der Zeit, als er das erste Mal verliebt war? In Steffi. Vielleicht war er da glücklich? Ja, vielleicht. Sie war der erste Satz auf dem leeren Blatt.

Er musste schmunzeln, lehnte sich zurück und fuhr sich mit den Händen durch seine Haare, die ihm jetzt manchmal wieder in den Augen kitzelten. Also, Steffi? Nein, doch eher Barbara! Ihr Lachen! Wie wunderschön sie lachen kann! Mit den Grübchen, die sie dann in ihrem Gesicht bekommt. Und ihre kleine Stupsnase in ihrem Mädchengesicht, in dem man alles lesen kann. Und ihre Neugier! Ihre Energie! Ihre unbändige Tatkraft. Oder, nein, eher Simone! Ja, Simone! Sie half ihm dabei, jede Scham zu verlieren. Oder doch Barbara? Sie war zurückhaltender, aber so viel einfühlsamer als Simone. Und intellektueller. Simone gehörte nicht zu den intelligentesten Menschen. Manchmal regte er sich auf, wenn Simone den einfachsten Gedanken nicht verstehen konnte.

Ingo stritt sich immer noch mit seiner Mutter. Er mochte ihn ja, aber manchmal waren seine lauten Streitereien nervtötend.

Jeder Tag wollte genossen werden, jeder Tag war ein Tag seines Lebens! Carpe diem! Den heutigen Tag musste er wohl der Arbeit zollen. Gut. Nein, nicht gut. Aber es geht nun mal nicht anders.

Er schob die Blätter beiseite. Draußen schlugen laut und heftig Autotüren. Das brachte ihn aus seinen Gedanken. Endlich! Neugierig geworden ging er zum Fenster. Oh, es war wieder soweit! Gegenüber packte Herr Schneider seinen Bulli, die Familie fuhr ins Wochenende. Aber dieses Mal war es wieder ihr ganz besonderes Wochenende. Einmal im Jahr nahmen sie ihren kurzen Abschied vom täglichen Einerlei der Glotze, der Flure des Amtes und der ewigen Streitereien, hin in die gelobte Einfachheit eines Wigwams, wenn auch nur für ein paar Tage. Das war noch so eine Eigenart von Herrn Schneider. Ob das auch das Amt bezahlte, fragte sich Robert und wunderte sich gleichzeitig darüber, dass ihm so eine Frage einfiel. Hans, der immer noch bei seinen Eltern lebte, verstaute gerade die beiden letzten riesigen Aldi-Taschen, als seine kleinere Schwester Moni jetzt im Hauseingang erschien, verstohlen nach rechts und links guckte und dann gesenkten Kopfes schnell vom Hauseingang in den Bulli huschte. Nicht alle in der Familie schienen die gleiche Freude für Herrn Schneiders Eigenheiten zu teilen. Robert grinste. Als der Bulli schließlich knatternd um die Ecke bog, machte Robert das Fenster zu, setzte sich wieder an seinen Schreibtisch, schaute auf die Stapel der verschiedenen Papiere vor sich, die frischen, leeren Blätter genauso wie die mit Stichpunkten vollgeschriebenen, jeder hätte ein Durcheinander vermutet, aber er wusste genau, wo was lag, doch das brachte ihn jetzt auch nicht weiter und er lehnte sich wieder zurück und schaute in die frischen grünen Blättchen.

Steffi war nach den Sommerferien mit Ralf zusammen. Und wollte von ihm nichts mehr wissen. Wäre wohl ein Irrtum gewesen, vor den Ferien.

Sollte er nicht vielleicht doch habilitieren? Das fragte sich Robert immer wieder. Wollte er das? Nein! Ein entschiedenes Nein! Auch wenn ein leiser Zweifel doch immer noch nagte. Aber schon die Promotion war ihm doch immer wieder aus den Händen geglitten, wenigstens hatte er immer wieder das Gefühl gehabt damals. Würde er so etwas denn schaffen, Professor werden? Er war sich da gar nicht so sicher. Heute genauso wenig wie damals, als Clauß, sein Professor, ihn aus heiterem Himmel auf der Examensfeier darauf angesprochen hatte. Könnte er sich ja überlegen. Neinneinnein. Andererseits: Schließlich hatte Clauß ihm ja dieses Forschungsprojekt vermittelt, das im Herbst starten würde. In Münster! Nachdem er ein paar mal dort gewesen war, hatte er seine beiden Kommilitonen kennengelernt, Bernd und Lisa, und mit ihnen ein paar nette Tage verbracht. Im Herbst würde es starten. Dann wären sie seine Kollegen. Und er müsste sich Gedanken darum machen, ob er nach Münster ziehen müsste. Wenn es genehmigt würde. Wenn, ja, wenn! In ein paar Wochen würde er es wissen. Verflixt! So lange noch. Aber das Thema gäbe was her, man könnte es ausbauen und ...

Clauß! Seine letzte Hoffnung. Einer der besten Professoren, die er je gehabt hatte. Immer wieder war ihm was eingefallen. Letztens das Forschungsprojekt bei seinem Kollegen Hergenau. Die Arbeit für die Anträge war längst fertig, jetzt hieß es warten. Und wenn er die Zusage bekäme, würde es immer noch einige Wochen dauern, bis es beginnen könnte. Herbst, hatte Hergenau gesagt, bis dahin würde es dauern, mindestens. Zu lange? Für Frau Kottenbeck?

Ja, Clauß ... Sein Vorschlag zu habilitieren hatte ihn damals glatt aus der Bahn geworfen. Er wusste zuerst nicht ein noch aus, er war einige Tage lang völlig verwirrt, weil er sich nie für so gut gehalten hatte. Damals hatte er beschlossen, nicht mehr daran zu denken. Und das funktionierte sogar. Eigentlich bis heute. Erst heute dachte er wieder einmal daran, aber nicht ernsthaft, manchmal schien ihm der Gedanke sogar lächerlich. Professor Robert Kahlenborn! Neinneinnein, hatte Clauß nicht irgendwann einmal selbst gesagt, die Uni wäre wie ... was hat er damals gesagt? Ach ja, man fühle sich wie unter Wölfen, so hatte er es ausgedrückt, ein komisches Bild. Neinnein, ihm fehlte nur der richtige Job, keine Professur, oder nein, nicht ein Job, eine Stelle! Eine Festanstellung. Eine, die ihm bis jetzt niemand geben konnte. Oder wollte. Eine, die er auch jetzt, nach zwei Jahren Sucherei, nicht gefunden hatte. Waren es wirklich schon zwei Jahre? Aber er baute fest darauf, sie zu bekommen, und bis dahin arbeitete er eben unverdrossen seine Jobs ab. Er war so fest davon überzeugt, dass er noch eine Festanstellung an der Uni finden würde, dass ihn nichts und niemand davon abbringen konnten. Er war zwar immer wieder verwundert, dass es so lange dauerte, aber seine Lebensplanung war dadurch nur ein bisschen ins Stocken geraten. Er dachte nicht im mindesten daran, etwas anderes in Erwägung zu ziehen.

Ingo hatte aufgehört zu streiten. Jetzt lief er schimpfend in seiner Wohnung hin und her, mal wurde das Schimpfen lauter, mal leiser, dann entfernte es sich ganz.

Er sah hinaus in die klare Luft des Frühlings, und er sah die kleinen, leicht im Wind treibenden kleinen Wattebäusche der Pollen, die schon während des ersten schönen Tages kaum mehr zu zählen waren. Er spürte die Wärme der Sonne, sie prickele leise an den Stellen, die er länger in das Licht hielt.

Übermorgen hatte er den Termin mit Frau Kottenbeck. S. Kottenbeck! Und immer noch keinen wirklichen Plan, was er ihr sagen sollte.

Ihm fiel auf, dass der muffige Geruch, der vom Winter übrig geblieben war, immer noch im Zimmer war. Vielleicht fiel ihm das ja auch nur auf, weil draußen alles begann, frisch zu werden. Er stand auf, ging die paar Schritte zum Fenster, das auf die Straße ging, öffnete es, ließ die kühle, frische Frühlingsluft herein und lehnte sich auf die Fensterbank. Die Luft schmeckte feucht, und der Tau des Morgens lag noch auf den Blättern. Urlaub. Wenn man im Urlaub früh aufsteht, riecht die Luft genauso.

Frau Kottenbeck!

Übermorgen!

4

„Muss ich Ihnen mitteilen, ...“

Robert las den Brief zum zehnten Male. Blutleere im Hirn.

„... mitteilen, dass unser Forschungsantrag ...“

Tabula rasa im Kopf. Das konnte einfach nicht wahr sein!

„... leider nicht die nötige Unterstützung erfahren hat.“

So ein verfluchter Mist! Gestern noch war es wenigstens die ferne Aussicht auf Besserung gewesen, die ihn noch hoffen ließ, er hätte ja nur ein halbes Jahr überbrücken müssen. Bis zum Beginn des Projekts. Aber jetzt? Was soll er ein halbes Jahr überbrücken? Wozu? Was käme nach dem halben Jahr? Nichts! Absolut nichts!

Scheiße!

„Muss ich Ihnen mitteilen, ...“

Gottverdammtesch...

Kein Projekt. Keine VHS-Kurse. Und Morgen ist der Termin mit Frau Kottenbeck. So, und was mache ich jetzt mit Frau S. Kottenbeck? Hallo Frau Kottenbeck, alles kein Problem, ab nächsten Monat bekomme ich Harz IV. Nein, geht ja auch nicht, bei dem Vater und seinem Einkommen. Scheiße! Also, was? Was soll ich sagen?

Gedankentornado.

Ich könnte erst mal Papa fragen. Ein kleiner Überbrückungskredit. Nein, geht nicht, der ist ja gar nicht da im Moment. Kommt erst übermorgen wieder. Scheiße! Ein Tag! Einen Tag zu spät.

Ich könnte ihr vorspielen, dass dieses grandiose Forschungsprojekt immer noch im Herbst beginnt, ha, da ist schon alles so gut wie sicher, tjaha, wäre ja gelacht, wenn das nicht zustande käme, ein halbes Jahr noch und dann hätte ich eine grandiose Stelle! Ja, vor allem grandios! Wenn ich grandios sage, weiß sie doch sofort Bescheid. Völlig überzogen. Und so ’n Scheiß wird mir garantiert passieren, so was passiert mir doch immer, wenn ich nervös bin! Das merkt sie doch! Dass was nicht stimmt. Dass ich lüge. Und dann?

Ich möchte sie nicht anlügen.

5

„Und was genau haben Sie dann gegen italienische Restaurants?“ Weit über den Tisch gebeugt zwischen dem Bildschirm auf der einen und dem Telefon auf der anderen Seite schaute Robert ihr unverwandt ins Gesicht.

„Nichts. Ich habe nichts gegen italienische Restaurants.“ Sie hatte aufgehört, sich Notizen zu machen, hielt aber ihren anthrazitgrauen Stift weiter in ihrer Hand und spielte damit. „S. Kottenbeck“ las Robert auch auf ihrem Namensschild. S. Kottenbeck. S...imone. Nein!

„Und warum würden Sie dann nie dahin gehen?“ S...abine. Hm, nein.

„Weil ich immer in italienischen Restaurants das Gefühl habe, ein klein wenig übers Ohr gehauen zu werden. Mir scheinen die Preise immer ein klein wenig zu hoch.“

„Dann haben Sie bestimmt noch nie bei einem richtig guten Italiener gegessen.“ S...tefanie. Nein, bestimmt auch nicht. S...

„So, meinen Sie?“, lächelte sie mit ihren unverwechselbaren Grübchen in den Wangen zurück.

„Ja, aber natürlich. Bei welchem Italiener waren Sie denn bisher essen, Frau – Ess Kottenbeck?“

„Sophie. Sophie Kottenbeck“, korrigierte sie lächelnd. „Nicht hier. Ich – bin nicht von hier.“

„Ach? Tja. Na dann.“ Robert sah ihr tief in die Augen und ein kleines Lächeln umspielte seine Lippen. „Ich kenne einen wirklich guten Italiener. Wirklich sehr gut. Und ich habe mich dort nie übers Ohr gehauen gefühlt. Und es ist gar nicht einmal weit von hier. Gleich bei mir gegenüber, Sie wissen doch, die Lindenallee gar nicht weit von hier? Eines dieser alten Häuser, mit vielen verspielten Ornamenten“, und Robert zeichnete die Formen mit seinen Händen nach, während Sophie Kottenbeck ihm mit einem Lächeln zuhörte, ein ganz normales, italienisches Restaurant, wie so viele in der Stadt, modern eben, es passte so gar nicht in dieses alte Haus, und Sophie Kottenbeck vergaß ganz ihre Arbeit wie es schien, aber es wäre gemütlich dort, sehr gemütlich, auch auf der Terrasse, die Paolo, der Besitzer, dort im Frühjahr und im Sommer auf der Straße aufbauen würde, „und was das wichtigste ist, das Essen, das ist gut, also, wirklich gut, meine ich, das ist so gut, dass dieser Italiener glatt mein Ruin sein könnte, möchten Sie wirklich nicht einmal mit mir ...“

„Apropos Ruin, Herr Kahlenborn!“, unterbrach Sophie Kottenbeck ihn jetzt geduldig.

Mist! Irgendein Scheiß würde mir passieren, hatte ich es nicht gewusst? Zu nervös, einfach zu nervös.

„Wir sollten jetzt vielleicht nicht darüber reden, ob Sie mit mir in ein wirklich gutes Restaurant essen gehen möchten, dazu sehen Ihre Zahlen wirklich nicht gut genug aus.“ Auch sie lächelte jetzt, während sie die Blätter mit den Zahlenkolonnen durch ihre zarten Finger gleiten ließ und ein spitzbübisches Lächeln durch ihre Züge huschen ließ. „Im Gegenteil. Wir sollten jetzt wirklich weiter darüber sprechen, wie wir Ihren Kontostand wieder verbessern könnten.“

Und dabei hatte doch bis hierhin so gut geklappt. Es war doch fast schon alles klar, als Robert den leichten Hauch einer Rötung auf ihren Wangen gesehen hatte bei seinem Vorschlag, sie beide sollten doch mal ganz allein bei seinem Italiener essen gehen, fast hätte er sich sogar noch dazu verstiegen, sie auch glatt noch dazu einzuladen – und dabei hatte er völlig vergessen, dass sie ja Herr – oder Frau – seines Geldes war. Und dann – passierte ihm so ein Mist!

„Tja“, setzte Robert an, „Sie wissen da doch bestimmt einen Ausweg, nicht wahr? Ich meine, es geht ja einigermaßen regelmäßig Geld ein.“

„Tja, sicherlich.“ Ihr Augenaufschlag nahm jetzt etwas Mitleidiges an. „Aber leider nicht viel. Dafür aber um so mehr ab. Das Verhältnis stimmt nicht ganz. Wirklich nicht!“ Und nun war sie es, die Robert unverwandt in die Augen schaute: „Die Miete geht ja noch, und die anderen regelmäßigen Zahlungen sind auch nicht hoch. Aber Sie heben immer recht viel Bargeld ab.“

Robert hatte bei diesen weichen Zügen nicht mit solch harten Feststellungen gerechnet. Er musste überlegen. Der gestrige Sturm im Kopf hatte zwar nachgelassen, aber klar denken konnte er immer noch nicht.

„Na ja, es gehen aber doch noch andere Zahlungen ein!“

„Hm.“ Sie blätterte durch den Stapel und warf die Stirn in Falten. „Ja, das stimmt. Einmalzahlungen.“

„Die das Saldo aber immer wieder ausgleichen“, beeilte sich Robert hinzuzufügen.

„Kurzfristig!“

„Kurzfristig.“

„Und eben auch nicht regelmäßig.“

„Nein.“

„Tja, Herr Kahlenborn, was machen wir denn da jetzt?“, seufzte sie und hatte schon wieder diesen mitleidigen Blick.

„Ich dachte, Sie wüssten vielleicht einen Rat?“ Robert bemühte sein gewinnendstes Lächeln.

„Ich denke, Sie sollten in der nächsten Zeit dringend etwas an Ihrer Einkommensseite ändern. Meinen Sie, das könnte in den nächsten Wochen der Fall sein?“

„Tja – vielleicht könnte ich da etwas machen?“ Robert dachte angestrengt nach, aber wie sollte ihm nach diesem beschissenen Brief noch etwas einfallen? Trotzdem, er schien genau richtig mit seiner Bemerkung zu liegen, es war wohl genau das, was Frau Kottenbeck hören wollte, denn mit einem langen „hmmm“ blickte sie wieder auf die Zahlenkolonnen. Und allmählich entspannte sich Robert ein wenig, er wusste nicht, ob das Durchsehen der Zahlen so lange nötig war, aber er freute sich, Frau Sophie Kottenbeck so lange still anschauen zu können. Ihre Sommersprossen. Vor allem aber ihre lockigen Haare, die mit einem Haarreif streng aus dem Gesicht gekämmt waren und über Nacken, Schultern und Rücken wieder auseinanderstieben. Robert versank in diesen Anblick, und er hätte sich in diesem Moment nirgendwo anders hin gewünscht, auch wenn es für sie beide bestimmt einen schöneren, ruhigeren Ort hätte geben können, einen Ort, an dem die Leute nicht an ihrem Tisch vorbei liefen, die Türe öffneten, Taschen an ihnen vorbei trugen, sich an Schalter stellten um auf eine Beratung zu warten, sich in die Schlangen einreihten, die schweren Taschen abstellten, immer wieder aufnahmen, mit den Angestellten stritten, diskutierten, Belege durchsahen, Geldscheine zählten, quengelnde Kinder lautstark zurechtwiesen. Das alles wogte um sie herum, aber Robert achtete gar nicht darauf, und in diesem Moment, dem kleinen Moment mit diesem Herrn Robert Kahlenborn als Kunden hatte auch Frau Sophie Kottenbeck dieses ganze teppichgedämpfte Durcheinander in den Geschäftsräumen der Bank vergessen, sah auf die Zahlenkolonnen der Belege vor sich und genoss es, dass Robert sie versonnen anschaute, als wären sie einsam und allein gewesen.

„Tja“, meinte Sophie Kottenbeck nach längerer Zeit. „Tja, vielleicht können wir ja wirklich etwas für Sie tun? Ich werde einmal mit dem Filialleiter sprechen“, meinte sie mit einem Lächeln zu Robert.

Sie stand auf, nahm die Zettel mit und ging leichten Schrittes an den letzten Tisch, wahrscheinlich den des Filialleiters. Sie nahm gekonnt die Ecken der Tische und warf hin und wieder die nie zu bändigenden Haare in den Rücken. Robert liebte genau diesen Augenblick, wenn sie den Kopf leicht in den Nacken warf, wenn dann die Haare in den Rücken fielen und für einen kurzen Moment der Hals ganz frei anzusehen war, wie oft hatte er es sich schon jedes Mal, wenn er hier in der Bank war, vorgestellt, sie dort zu küssen? Leider war sie in diesem Moment dem Filialleiter näher, der sie mit gierigen Blicken verschlang. Zu ihm beugte sie sich jetzt hinunter und legte ihm die Zettel mit den Zahlenkolonnen in die speckigen Hände. Dieser Anblick tat weh. Robert verdrehte die Augen, kniff sie zu und beschloss, sie erst wieder aufzumachen, wenn er merken sollte, dass sie wieder vor ihm auf dem Stuhl sitzen würde.

Ob er sie geifernd anguckte? Dieses Sch...

„Geht es Ihnen nicht gut?“

„Nein, nein, alles in Ordnung, manchmal sind nur meine Augen so müde.“ Er hatte den Moment tatsächlich verpasst, die Augen rechtzeitig wieder zu öffnen. Robert bemerkte einen sorgenvollen Ausdruck in ihrem Gesicht.

„Also, ich habe noch einmal mit unserem Filialleiter gesprochen. Da Sie ja sagen, dass sich in den nächsten Wochen ihre Lage deutlich verändern würde, stellen wir die Überprüfung Ihres Kontos noch einmal zurück.“

„Danke!“

„Das heißt aber, dass wir uns in den nächsten zwei oder drei Monaten noch einmal sprechen werden, wenn sich Ihre Lage dann nicht geändert haben sollte“, mahnte Sophie Kottenbeck ernst. Trotzdem waren da die Grübchen in den Wangen.

„Oh? Jetzt weiß ich aber wirklich nicht mehr, ob ich mich tatsächlich noch um eine Veränderung meiner Lage bemühen soll, wenn ...“ Ein mahnender Blick ließ Robert abbrechen. „Na gut. Sie haben mich überzeugt“, lächelte er. „Und?“

„Wie bitte?“

„Und?“

„Was und?“ Sie schüttelte verwirrt den Kopf.

„Würden Sie sich jetzt von mir einladen lassen zu diesem wirklich guten Italiener?“

Und wieder begann sich dieses Rot ganz zart auf den Wangen abzuzeichnen, das Robert genauso liebte wie ihren Nacken, während sie kein weiteres Wort verlor, die Zettel zusammenklaubte, aufstand und Robert lächelnd die Hand reichte.

Draußen vor der Türe hingen schwer die Abgase der Autos und schweren Lastwagen, die über die beiden großen Hauptstraßen rasten, und von den Baumaschinen, die auf der anderen Seite des großen aber hässlichen Platzes eines dieser nichtssagenden Gebäude abrissen, die den Platz einschlossen. Trotzdem holte Robert tief Luft. Das drohende Unheil war zunächst einmal abgewendet. Trotzdem fühlte er sich nicht besonders. Denn als nächstes müsste er sich wieder einmal um ein paar Einmalzahlungen seines Vaters kümmern. Morgen. Oder Übermorgen. Ihm war wieder schwindlig. Seit dem Brief mit der Absage war ihm immer wieder mal schwindlig. Er sah in den Himmel, Regenwolken türmten sich am Horizont auf. Er würde jetzt erst mal wieder nach Hause gehen, später zur Uni fahren, Max abholen und mit ihm zu „Annes Ecke“ zu gehen. Jetzt hatte er ja wieder ein bisschen Kredit.

6

Robert war immer noch zuhause, eigentlich wollte er ja Max abholen, aber jetzt lag er noch genau so auf seinem Sofa, wie er sich vor einer Stunde dorthin geschmissen hatte, den Arm über die Stirn, ein Bein ausgestreckt, das andere auf dem Boden, so starrte er gegen die weiße Decke und versuchte, an gar nichts zu denken. Barbara hatte wieder einmal angerufen. Es war immer so schön, Barbaras Stimme zu hören. So zärtlich und zerbrechlich nahm sie ganz von ihm Besitz, füllte ihn aus bis zum Bersten, gerade wenn sie leise sprach, so wie gerade eben, je leiser ihre Stimme war, um so tiefer hallte sie in ihm wider. Er brauchte sie. Hin und wieder wenigstens ihre Stimme. Verlangte er zu viel?

Aus den Boxen tröpfelte Sentimentales. Das brauchte er immer, wenn sie telefoniert hatten.

Erst hatte er die Fotos ihres letzten gemeinsamen Urlaubs in Italien durchgeblättert. Manchmal half es ihm, wenn er in seiner Melancholie badete. Dann war sie um so schneller vorbei.

Heute nicht.

Es regnete.

Die Tropfen rannen die Fenster hinab und er sah ihnen nach.

Und Simone hätte ihn auch nicht trösten können. Sowieso nicht. Nicht jetzt.

Im dämmrigen Regen flackerte das Licht der Gaslaterne vor seinem Fenster.

Ein Foto musste er immer wieder anschauen, eines aus dem ersten gemeinsamen Urlaub in der Toscana, sie waren einen Tag die Küste entlanggefahren, durch kleine Orte hindurch, bis sie diese kleine Straße hinauffuhren und an einer kleinen Kehre hielten, ausstiegen und sich plötzlich dieser unwirkliche Blick auftat, als ob man über das Meer und über die ganze Welt schauen könnte. Und daneben die Einfahrt zu einem kleinen Restaurant. Da hatten sie dann den ganzen Abend verbracht. Mit Blick auf das Meer, das tiefschwarz unten lag, hier und da vom Mond funkelnd beschienen.

Barbara blinzelte schelmisch in die Kamera. Und Robert konnte sie fühlen. Sogar riechen. Nur auf diesem Foto.

Er dachte an Max. Eigentlich war er ja mit ihm jetzt verabredet. In Annes Ecke. Hat er selbst vorgeschlagen. Aber jetzt konnte er nicht mehr hingehen. Ging nicht mehr. Ende. Aus. Heute war einfach zu viel passiert. Er konnte sich nicht mehr regen, nicht mehr bewegen, eine beängstigende Taubheit hatte sich in allen Gliedern festgesetzt.

Das Telefon klingelte. Max. Wo er bleibe. Er solle sich auf die Socken machen. Los jetzt! Robert schwieg. Hallooo! Komm jetzt, ich warte. Na gut, dann eben doch noch. Immerhin hörte es gerade auf zu regnen.

Robert ließ die schwere, alte Türe hinter sich zufallen. Annes Schlüsselbund schlug dumpf von innen gegen das im Laternenlicht schwarze Holz der Tür, als sie gleich hinter ihnen die schwere Kneipentüre abschloss. Sie waren wieder einmal die letzten Gäste bei „Annes Ecke“ gewesen, wie so oft. Die Nacht war kalt, die Straßen waren immer noch nass vom Regen, man konnte den Winter manchmal noch spüren, und es war noch gar nicht so lange her, dass es so kalt war, dass er nachts auf der Straße kleine Wölkchen mit seinem Atem hauchen konnte. Als er jetzt in der kühlen Nachtluft stand, wurde ihm wieder schwindlig. Er musste sich setzen. Auf den kalten Bordstein.

„Was ist los?“ fragte Max. Er blieb stehen.

„Ich weiß nicht. Mir ist schwindlig!“

Max wandte sich zum Gehen und schüttelte leise den Kopf. „Weil du betrunken bist? Ich hätte nicht die Zeche für dich zahlen sollen!“

„Nein, nein!“

„Was dann?“

„Ich weiß nicht. Wirklich! Vielleicht ...“ Robert stand auf und taumelte. Er musste sich an der Hauswand festhalten.

„Ja?“ Max kam einen hastigen Schritt auf Robert zu und fing ihn auf bevor er hingefallen wäre. Max war zwar nicht besonders groß, so dass man so viel Kraft, einen taumelnden Robert aufzufangen, gar nicht vermuten würde, aber er zog ihn auf seine Schulter und gemeinsam stolperten sie weiter.

„Vielleicht – weil es mir ssiemlich beschissen geht?“, fragte Robert in Max Gesicht hinein.

„Ich bring dich nach Hause.“

„Danke, aber das schaff ich schonnalleine.“

Robert stieß sich von der Wand ab und fiel beinahe auf das Pflaster. Er hielt sich wieder an der Wand fest.

„Scheiße!“

„Komm her!“ Max reichte ihm die Hand, um ihn hochzuziehen. Robert zögerte.

„Es geht nicht nur dir im Moment ziemlich beschissen. Ja, gut, Barbara hat sich von dir getrennt, aber ...“

„Am Telefon!“, fuhr Robert ihn an. An einem Fenster wurde ein Vorhang zur Seite gezogen. Max wurde es peinlich. Er riss Robert hoch und zog ihn einfach mit sich.

„Vielleicht hatte ich in der letzten Zeit nicht solchen Liebeskummer wie du, aber sei dir da sicher, das war nicht freiwillig!“ Max wurde allmählich sauer. „Und überhaupt – war da nicht noch die kleine Bankangestellte? Hattest du nicht gerade noch erzählt, dass ...“

„Soffie? Lass sie auss’m Spiel, ja!“

Max brach ab. In dem Zustand ließ sich mit Robert nicht reden. Das kannte er schon von einigen Abenden vorher. Als Barbara nach München ging, zum Beispiel. Als Barbara fast herausbekommen hätte, dass er noch mit Simone zusammen war. Und eben heute Abend.

„Mach dich blossnich lustich, ja?!“

Max sagte nichts.

Robert stutzte.

„Jaaa, ich weiß, ich bin ja auch froh, dass ich dich noch hab!“ Robert küsste Max auf die Wange. Max roch Roberts Fahne und wandte angewidert sein Gesicht ab. Sie waren fast unzertrennlich. Aber im Moment wollte Max das nun so genau auch nicht wissen.