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Die Menschheit bricht in die Zukunft auf – und das Verbrechen ist schon da! Wehrlose Kinder elektronisch indoktrinieren, Schwarze Löcher manipulieren, Planeten entvölkern, Energiemonopole erzwingen, Dyson-Sphären sprengen, Zukunft und Vergangenheit manipulieren – es gibt fast nichts, was die Übeltäter von morgen nicht zustande bekommen. Ihrer Macht, ihrem Einfallsreichtum und ihrer kriminellen Energie werden sich nur wenige Männer und Frauen entgegenstellen. Ermittlungsbeamte, Wissenschaftler, Reporter und Agenten setzen Scharfsinn und Courage ein, um ihre Gegner zur Strecke zu bringen und das zu erreichen, was sie für Gerechtigkeit halten. Auch ihre technischen Möglichkeiten gehen weit über das hinaus, was wir uns heute vorstellen können. Und dennoch – lässt sich der Kampf für eine gerechte Welt überhaupt gewinnen oder geht es nur darum, wie viel Schuld jeder am Ende auf sich geladen hat? Arno Behrend schreibt seit über zwanzig Jahren Science-Fiction-Kurzgeschichten, hauptsächlich solche mit kriminalistischem Einschlag. Renommierte Magazine wie c't, Andromeda, Alien Contact und NOVA haben seine Werke abgedruckt. "Schuldig in 16 Fällen" enthält die zehn besten unter seinen bisher publizierten Geschichten und sechs noch völlig unveröffentlichte Storys, darunter den extra für diesen Band angefertigten Text "In deinem Geiste". Für die Story "Small Talk" aus dem Jahr 2002 hat der Autor den Deutschen Science-Fiction-Preis für die beste Kurzgeschichte in deutscher Sprache erhalten. Titelbild und Illustrationen stammen von Lothar Bauer.
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Seitenzahl: 442
Veröffentlichungsjahr: 2015
Arno Behrend
Schuldig in 16 Fällen
AndroSF 39
Arno Behrend
SCHULDIG IN 16 FÄLLEN
AndroSF 39
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
© dieser Ausgabe: August 2014
Arno Behrend & p.machinery Michael Haitel
Titelbild & Illustrationen: Lothar Bauer
Layout & Umschlaggestaltung: global:epropaganda, Xlendi
Lektorat: Michael Haitel
Herstellung: Schaltungsdienst Lange oHG, Berlin
Verlag: p.machinery Michael Haitel
Ammergauer Str. 11, 82418 Murnau am Staffelsee
www.pmachinery.de
für den Science Fiction Club Deutschland e. V., www.sfcd.eu
ISBN der Printausgabe: 978 3 95765 007 8
Arno Behrend
Schuldig in 16 Fällen
Gehirnwäsche
Dr. Paul Hochfeld verließ die Kabinenbahn und schritt auf den Eingang des Amtes für Schul- und Ausbildungsüberwachung zu. In der Glastür spiegelte sich sein Gesicht mit dem hohen Haaransatz und dem schütteren dunklen Bart, was ihm jeden Morgen der erste Grund für sein ständiges Missvergnügen war. Nein, schön fand er sich wirklich nicht. Im Innern des Gebäudes saßen die Mütter mit ihren unvergleichlichen Schützlingen auf den Bänken, die im Korridor bereitstanden. Es war Hochfelds Aufgabe, diese Frauen zu beruhigen, und er hasste es.
In seinem Büro war die Verbindungstür offen. Kurt Becker, sein Nachbar von der Sportabteilung, stand halb im Raum und hielt einen Ausdruck in der Hand.
»Morgen, Paulchen!«, posaunte er. »Schon gelesen, was Tannington zu seinen achtunddreißig Prozent gesagt hat?«
Hochfeld, der außer seiner Mutter niemandem gestattete, ihn »Paulchen« zu nennen, brummte nur. Für ihn waren Politiker Wichtigtuer, die vortäuschten, Probleme zu lösen.
»Also, da fragt ihn doch dieser Schmierfink von der Cablepost, wie er seine Gesundheitspolitik rechtfertigen könne. Und er sagt: ›In einer Zeit wie dieser, wo jeder Nachkomme eines gesunden Landsmannes gebraucht werde, müssten die UV-Erkrankten schon sehen, wie sie sich ohne den Staat ihrer Haut wehren.‹« Becker wieherte laut. »Verstehen Sie? ›Ihrer Haut wehren!‹ Wo die doch gar keine mehr haben! Der Mann ist einfach großartig.«
Immer noch wiehernd, zog er sich langsam in sein Büro zurück. Griesgrämig bemerkte Hochfeld, dass sein Kollege wieder mit dem Induktormodell in seinem Büro herumgespielt hatte. Er brachte das Abspielgerät und die Haube in ihre richtige Position zurück und schaltete Elice ein.
»Guten Morgen, Dr. Hochfeld!«, flötete sie.
Wieder brachte er nur ein Brummen zustande.
»Als Erstes möchte Sie heute Frau Martha Seibert sprechen. Ihr Sohn hat Probleme mit der neuralen Anpassung.«
So oder so ähnlich ließ sich das immer ausdrücken, wenn eine Mutter sich aus uralten Ängsten heraus einbildete, die Jacoby-Methode schade ihren Kindern und deshalb den Kinderpsychologischen Dienst mit ihren haltlosen Befürchtungen in Anspruch nahm. Hochfeld rechnete, wie so oft, die Tage bis zu seinem Urlaub nach, dann sagte er: »Soll herein kommen.«
Frau Seibert war eine recht große Frau. Sie hatte volles brünettes Haar. Sie redete nicht unwillkürlich auf Hochfeld ein, sie fixierte ihn nicht mit vorwurfsvollen Blicken, sie hatte nur eine ganz geringe Spur von Aufgeregtheit an sich. Das machte ihn stutzig. Es dauerte einen langen Augenblick, bis er ihr die Hand gab und den Stuhl vor seinem Schreibtisch anbot. Der Junge an ihrer Seite mochte zehn oder elf Jahre alt sein und nahm auf dem anderen Stuhl Platz. Die Haare waren die der Mutter. Auf seiner blassen Haut fanden sich ei-nige rote Flecken, deren Anblick in Hochfeld sofort jenen Krampf im Kehlkopf verursachte, den er schon lange nicht mehr gespürt hatte. Es konnte auch Akne sein, dachte er, sich innerlich beruhigend und äußerlich straffend.
»Was kann ich für Sie tun?« Der Satz hörte sich, wie immer, lahm an, ohne echte Hilfsbereitschaft.
»Mein Sohn träumt seit einiger Zeit schlecht. Immer wieder wacht er nachts auf und schreit aus Leibeskräften. Seitdem das so ist, hat er große Widerstände, sich den Induktor aufzusetzen.«
Also doch ein Routinefall – Hochfeld gewann seine Sicherheit zurück.
»Sehen Sie, Frau …«
»Seibert«, ergänzte sie.
»Frau Seibert, oft wird der Induktor von der Öffentlichkeit für Veränderungen in der Psyche von Kindern verantwortlich gemacht. Dabei wird übersehen, dass die Magnetfelder, mit deren Hilfe die Hirntätigkeit beeinflusst wird, gebündelt durch die beiden Hälften der Großhirnrinde hindurchgeführt werden, ohne diese zu beeinträchtigen. Sie wirken nur auf das Langzeitgedächtnis im kognitiven Bereich ein. Sämtliche Impulse, die zu Irrungen und Wirrungen der Psyche führen können, rühren daher von anderen Einflüssen her, als von denen des Induktors.«
Hochfeld räusperte sich. Der Blick von Frau Seibert hatte etwas Gekränktes an sich. Jetzt würde der übliche Widerstand kommen.
»Wissen Sie, wir haben sonst schon alles versucht. Auch unser Hauspsychologe konnte ihm nicht helfen. Kann es nicht sein, dass der Inhalt von einem der Lernprogramme meinem Sohn diese Albträume verursacht?«
»Das ist sogar ganz ausgeschlossen. Wie Sie wissen, arbeitet der Induktor nur außerhalb der Tiefschlafsequenzen. Der Inhalt, seien es nun die Schlachten des Dschingis Khan oder die Schrecken der Geometrie, wird ausschließlich in abstrakter Form vermittelt, sodass keine Schwierigkeiten mit bildhaften Informationen entstehen können, die das Kind psychisch noch nicht verarbeiten könnte. Das ganze Lernprogramm basiert auf jahrelangen pädagogischen Studien, was ja gerade der Vorteil gegenüber den archaischen Methoden der Wissensvermittlung ist.«
Frau Seibert sah immer noch nicht sehr überzeugt aus.
»Könnten Sie sich nicht vielleicht trotzdem die Programme ansehen, die er zur Zeit benutzt? Es könnte doch sein, dass etwas damit nicht in Ordnung ist.«
Hochfeld ergab sich in sein Schicksal. Er hätte auch gegen den leeren Stuhl anreden können. Frau Seibert legte die Speicher auf den Tisch. Es war die für das Alter des Kindes übliche Unterrichtsreihe.
»Wie ist sein Vorname?«, seufzte er.
»Christoph«, erklärte sie erfreut, ganz offensichtlich unbeeindruckt von Hochfelds resigniertem Tonfall.
»Geht der Drache jetzt bald wieder weg?«
Hochfeld, der gerade die Speicher beiseitelegen und sich wieder zurücklehnen wollte, hielt inne. Die Worte des Jungen waren sehr leise.
»Welcher Drache?«
»Na, der, der mich nachts immer auffressen will.« Er starrte den Erwachsenen aus großen, Hilfe suchenden Augen an.
»Klar, mein Junge, der geht bald weg.«
Der Junge lächelte nicht, aber er war zufrieden. Es war die Mutter, die sehr freundlich blickte. Hochfeld wusste, wie sie ihn ansehen würde, wenn sie merkte, dass er sein Versprechen nicht halten konnte. Und er wusste, dass er ein Idiot war.
Er brauchte ganze drei Tage, ehe er sich dazu entschließen konnte, das Labor mit einer Überprüfung der Programme des kleinen Seiberts zu befassen. Er ging also in den grauen Nordflügel des Gebäudes, in dem er nicht länger der Herr über das Ausbildungssystem der Stadt war, als der er besorgten und ratsuchenden Eltern stets erschien, sondern völlig von den Erkenntnissen der Neuroeletroniker abhing. Er verwickelte Kaldewey von der Programmabteilung in ein belangloses Gespräch über einige seiner anderen Fälle und meinte dann nebenbei: »Übrigens habe ich hier noch einige Speicher, die nicht in Ordnung sein sollen. Vielleicht schauen Sie mal rein, wenn Sie Zeit haben.«
Er redete Unsinn und wusste es. Eine Analyse auf korrekte Programmierung war ein Haufen Arbeit, der sich nicht mit der linken Hand erledigen ließ.
Das Gesicht des Technikers zeigte gelindes Erstaunen. Er strich das lange braune Haar zurück und verzog leicht den Mund, um den sich die ersten Falten bildeten. Er nahm Hochfeld den einen der winzigen grauen Quader aus der Hand, schob ihn in den Port seines Terminals und ließ sich die Steuerungsmatrix auf dem Schirm anzeigen. Hochfeld sah, wie Kaldewey mit seinen grauen Augen über die endlosen Reihen von Befehlen strich. Er selbst hätte wohl sagen können, was ein einzelner Befehl bedeutete, diesen oder jenen Zusammenhang herstellen können, aber in die Tiefe der Programmstruktur hatte er noch nie zu blicken vermocht, sehr zu seinem Ärger.
»Sieht alles ganz normal aus.« Kaldewey schreckte ihn aus seinen eigensinnigen Gedanken auf. »Aber wer kann das auf einen Blick schon sicher sagen. Ich brauche die Speicher länger hier, um festzustellen, ob auch nur einer dieser Befehle etwas an der Gesamtstruktur ändert, ein versteckter Mangel, wenn Sie so wollen.«
Seine Augen wanderten vom Monitor wieder zu Hochfeld. Ein unausgesprochenes »Das-weißt-du-doch-selber-ganz-genau« lag in ihnen.
»Sie können die Speicher haben, solange es nötig ist«, versicherte Hochfeld, ohne eine Spur von Herablassung vermeiden zu können.
Kaldewey nickte abwesend, dann wies er mit dem Kopf zu einem der kleinen Schirme, wo die Nachrichten aufliefen. »Tannington verlangt Vizepräsidentschaft«, stand dort.
»Was halten Sie davon?«, wollte Kaldewey wissen. »Bloß weil er der Erste ist, der mit einer dritten Partei einen großen Anteil am Repräsentantenhaus holt, soll Buchanan für ihn seinen Vize schassen. Und das gerade jetzt, wo er den Vorsitz in der Nordatlantik-Exekutive übernommen hat. Dieser Tannington weiß wirklich, was er will.«
Jetzt war es nur höflich, irgendetwas zu erwidern.
»Jedenfalls vertritt er sehr rigoros eine sehr eigenwillige Politik«, antwortete Hochfeld. Er dachte sofort selbst, dass sich das zu blasiert anhörte.
»Denken Sie wirklich so?« Kaldewey war ehrlich überrascht. »Das sollten Sie sich noch einmal überlegen. Glauben Sie mir, dieser Mann ist die Zukunft. Und wenn er es irgendwann schafft, Nordatlantik-Vorsitzender zu werden, wird sich auch bei uns einiges ändern.«
Auch an diesem Abend nutzte Hochfeld für den Heimweg die Dienste der Kabinenbahn. Bei jedem Halt musterte er die Schilder, auf denen der Name der Haltestelle zu lesen war. Bei einer, das wusste er, stand ein Wohnhaus, dessen Adresse ihm aus seinen Arbeitsdateien bekannt war. Er hatte keinen Grund, dort auszusteigen, drei Stationen von seinem Zuhause entfernt. Er tat es trotzdem. Das Haus war einer der vernachlässigten Sozialwohnblocks. Hochfeld fand das verbogene Türschild mit der Aufschrift »Seibert« und fragte sich abermals, was er hier sollte. Dann sah er den Jungen um die Hausecke huschen, einen Ball in den Händen. Er blickte Hochfeld mit seinen großen Augen an und drückte auf den Klingelknopf. Aus der Sprechanlage drang ein Schnarren, das nur er identifizieren konnte.
»Mama, der Mann ist da, der den Drachen wegmacht.«
Der Türöffner summte, und der Junge flitzte ins Haus. Hochfeld folgte ihm zögerlich, fand sich damit ab, keine Wahl mehr zu haben. Sie wohnten im achten Stockwerk. Die Mutter hörte verstört den schnellen Worten des Jungen zu, als er den Treppenabsatz erreichte. Ein »Ich-hab-dir-doch-gesagt-du-sollst-nicht-solange-in-der-Sonne-bleiben« konnte sie gerade noch zwischen die schnellen Worte schieben. Nun galt es, zu lächeln.
»Guten Abend, ich komme hier immer auf dem Heimweg vorbei und dachte mir, ich könnte Sie über den Stand der Dinge informieren.«
Eine Spur von Unglauben lag in ihrem Ausdruck. Ihre Sicherheit aber blieb.
»Ach so!«, gab sie knapp zurück. Mit einer Geste bat sie ihn herein. Der Junge war in eines der Zimmer verschwunden. Eine Garderobe aus blankem Aluminium, ein Standard-PC älterer Bauart, Sitzmöbel mit Kunstlederüberzug zeugten von mühsam abbezahltem Wohlstand. Auf einem schmalen Esstisch waren Kleidungsstücke ausgebreitet. Die kleineren davon waren in ihrem Innern mit einem weißen Stoff gefüttert, wie Hochfeld mit einem Blick erkennen konnte.
»Entschuldigen Sie die Unordnung.«
Er wehrte die Floskel mit der Hand ab, während er versuchte, den Krampf im Kehlkopf abzuwehren, der sich so stark festgesetzt hatte, wie lange nicht mehr. Seine unfreiwillige Gastgeberin starrte ihn schon irritiert an, als er den Induktor auf einem Beistelltisch entdeckte und sich noch rechtzeitig fassen konnte. Er ging hinüber und nahm die Verkleidung ab, mit der das Innere der Haube ausgeschlagen war.
»Christoph will den Apparat nicht mehr in seinem Zimmer haben, seitdem er diese Albträume hat«, erläuterte Frau Seibert.
Hochfeld hatte jetzt die variablen Feldspulen vor sich und begann, sie auf Unregelmäßigkeiten abzutasten.
»Schläft er besser, seitdem er keine Lektionen mehr erhält?«
»Ich bin mir nicht sicher«, erwiderte sie. »Die Albträume kommen nicht mehr so oft, aber sie sind noch da.«
»Hier dran kann ich jedenfalls keine Störungen erkennen.« Hochfeld montierte die Verkleidung wieder und richtete sich auf.
»Haben Sie denn nun etwas heraus gefunden?«, fragte sie mit leichter Ungeduld.
Er erinnerte sich seiner vorgeschobenen Worte beim Eintreten. »Nur so viel, dass die Programme keinerlei oberflächliche Defekte aufweisen. Wir müssen sie genauer untersuchen, und das wird einige Tage in Anspruch nehmen.«
»Ich verstehe.« Sie setzte sich auf das kleinere Sofa. Ihre Miene drückte alles andere als Verstehen aus, und ihre Stimme begann zu kippen, als sie weiter sprach.
»Wissen Sie, es wäre nur schön, wenn der Junge ein bisschen mehr Freude in seinem Leben haben könnte. Er hat es so schon nicht einfach.« Sie strich sich ihre dichten Haare aus der Stirn, merkte, dass sie keine übliche Konversation mehr betrieb und lächelte – erstmals mit einer Spur Unsicherheit.
Hochfeld dachte sofort an seine Ex-Frau und an ihren Schmerz, an dem er nichts ändern konnte. Der Gedanke war zu qualvoll, um ihn nicht wegzuschieben. Er nickte verständnisvoll. Mit einigen hohlen Worten mogelte er sich aus dem Netz, das die Offenheit seiner Gastgeberin um ihn schlingen wollte. Als er die Wohnung wieder verließ, sagte er sich, dass es so einfach gewesen wäre, mehr für diese Frau zu tun, die einfache Hoffnungen hatte und Sorgen, die einfach zu verstehen waren. Er konnte sicherlich mehr tun, als zu versichern, dass der bürokratische Apparat seine selbstzufriedenen Rituale abhielt. Er konnte gewiss mehr tun als die Politiker, die Phrasen droschen oder sich neuerdings darauf verlegten, populäre Drohungen auszustoßen. Er kannte sich aus mit weiß gefütterten Kleidungsstücken für schwächlich wirkende Kinder, die ermahnt werden mussten, nicht zu lange in der Sonne zu bleiben. Aber war es wirklich diese Frau, der er helfen wollte?, fragte Hochfeld sich, während er versuchte seinen Kehlkopf durch Schlucken zu entkrampfen und das Brennen in den Augen durch Blinzeln zu löschen. War es nicht doch so, dass er Hilfe brauchte, einen Menschen, mit dem er den Schmerz teilen konnte, den er jeden Tag verdrängte, seitdem seine Tochter an Hautkrebs gestorben war?
Als er am nächsten Morgen sein Büro betrat, saß Becker an seinem Schreibtisch. Hochfelds Büro schien ihm immer mehr zu gefallen.
»Morgen, Paulchen! Haben Sie’s schon gelesen?« Lässig schwenkte er den Monitor zu ihm herum. Der dicken Textzeile auf dem Schirm konnte er entnehmen, dass Tannington nun tatsächlich zum Vizepräsidenten ernannt werden sollte.
»Ein großer Tag für uns – für uns alle, auch hier in Deutschland.«
»Am größten immer für jene, die wissen, dass sie mit all ihren Lügen ihr Ziel erreicht haben.« Hochfeld bedauerte seine Worte sofort. Er wusste, dass es keinen Sinn hatte, mit jemandem eine politische Diskussion zu beginnen, der ihn »Paulchen« nannte.
»Sie haben einfach eine zu negative Lebenseinstellung«, beschied Becker ihm aufgeräumt. Er erhob sich, kam auf ihn zu und ließ einen seiner schweren Sportlerarme auf seine Schultern sinken.
»Glauben Sie mir, es ist äußerst ungesund, in allem nur das Schlechte zu sehen. Ach!« Mit einer übertriebenen Geste fasste Becker sich an die Stirn. »Fast hätte ich es vergessen. Kaldewey hat etwas für Sie. Er hat eben angerufen.«
Hochfeld stellte seine Tasche auf den Tisch und ließ den Kollegen in seinem Büro allein.
Das Labor war diesmal von hektischer Betriebsamkeit erfüllt. Kaldewey und seine zwei Assistenten bewegten sich zwischen den Terminals hin und her und tauschten hastige Hinweise aus. Hochfeld musste erst auf sich aufmerksam machen.
»Hi, Paul! Ich glaub’, ich habe was für Sie! Es handelt sich wahrscheinlich um eine Manipulation auf einer der tieferen Ebenen, wie sie mir noch nicht untergekommen ist.«
Hochfeld brachte es fertig, die vertrauliche Anrede zu ignorieren. Kaldewey berichtete von einem kriminellen Eingriff, als wäre es eine neue sportliche Höchstleistung. Das störte ihn viel mehr.
»Die haben es geschafft, in eine der Steuerungsroutinen einen nicht zugelassenen Lehrinhalt einzuschleusen, ohne dass diese Routine in ihrem Umfang vergrößert wird oder ihre Funktion einbüßt«, fuhr der Techniker begeistert fort, »gewissermaßen eine gelungene Quadratur des Kreises. Wir vermuten, dass ein Zusammenwirken mit einem manipulierten Induktor erforderlich ist, um den Inhalt einzuspeisen.«
»Können Sie den Text irgendwie sichtbar machen?«
»Da arbeiten wir schon den ganzen Morgen dran. Wenn alles klargeht, kommen Sie gerade rechtzeitig.« Er gab einem seiner Assistenten ein Zeichen.
»Wir haben versucht, die Veränderung der Induktorspulen nachzuempfinden, aber bis jetzt ist im Rezipientenmodell nur totales Kuddelmuddel angekommen. Eben hat mich Wolter auf die Idee gebracht, dass es weniger an der Position der Spulen, als an der Lage ihrer Wicklungen liegen könnte. Das wäre schwer zu kontrollieren.«
Der Assistent nickte Kaldewey zu. Der Induktor befand sich über dem Gehirnmodell. Der Neuroelektroniker drückte die Enter-Taste seines Terminals. Der Bildschirm flackerte einige Augenblicke lang. Hochfeld wollte schon ungeduldig werden, als Worte auf dem Schirm erschienen, Worte, die ihn schockierten, die er nicht wahr haben wollte, die an allem rüttelten, wofür er ein Leben lang gearbeitet hatte.
»Da sehen Sie es«, triumphierte Kaldewey. »Wer immer das gemacht hat, muss ein ganz ausgekochter Hund sein.«
Doch die Miene des Technikers verfinsterte sich wieder, als die wohlgeordneten Zeilen einem weißen Rauschen Platz machten und Wolter am Terminal in hilfloses Tastendrücken verfiel.
»Verflucht, er hat eine Sicherung eingebaut. Auf dem Speicher sind jetzt keine Beweise mehr, aber vielleicht können wir …« Erst, als er sich umdrehte, bemerkte Kaldewey, dass sein Gesprächspartner aus dem Raum gestürzt war, in einer Eile, die so gar nicht zu ihm passte.
Der Verkehr war sein Feind. Ausnahmsweise hatte er ein Elektrotaxi bestiegen und sogar auf manuelle Steuerung umgestellt, aber die Bordelektronik ließ keine Manöver zu, bei denen die Reifen gequietscht hätten. Also musste Hochfeld sich damit zufriedengeben, den Wagen durch die Kolonnen der anderen Fahrzeuge hindurch zu steuern, immer dem geringsten Widerstand folgend und die Hupsignale der anderen ignorierend. Das Radio, das man nicht abstellen konnte, schrie ihm die letzten Einzelheiten über den Autounfall von Präsident Buchanan und dessen Überlebenschancen ins Ohr. Es schienen Stunden vergangen zu sein, ehe er das Haus erreichte. Gruppen aufgeregter Menschen hasteten über die Bürgersteige, manche von ihnen mit Transparenten, die sie noch nicht entfaltet hatten. Die Haustür stand offen. Er nahm drei Stufen auf einmal, als er in das richtige Stockwerk hastete. Die Wohnungstür war aufgebrochen. Auf dem Boden der Diele lagen die Scherben einer umgestürzten Vase. In den Zimmern war niemand. Einer plötzlichen Idee folgend, fragte sich Hochfeld, welche Spielereien der PC seinem Benutzer bot. Er startete verschiedene Programme, bis er eine Außenansicht des Hauseingangs auf den Kleinbildschirm bekam. Er versuchte es mit den Pfeiltasten. Der Blickwinkel änderte sich. Er ging verschiedene Funktionen im Menu durch. Nacheinander erschienen die Bilder verschiedener Überwachungskameras. Eine war auf die große Terrasse gerichtet, die in Höhe des vierten Stockwerks nach Süden auf die Fußgängerzone blickte. Zuerst war da nur ein Stückchen roter Stoff am unteren Bildrand, dann fand Hochfeld die Knöpfe, mit denen die Kamera zu bewegen war. An der Brüstung stand ein Mann, den er nur von hinten sehen konnte, und der eine Pistole auf Frau Seibert und ihren Sohn richtete. Hochfeld schaltete ab und holte tief Luft. Jetzt müsste man die Polizei rufen. Allerdings war nicht sicher, ob dadurch nicht alles noch schlimmer würde. Es wurde ein langer Gang von wenigen Augenblicken. Der Fremde und seine beiden Geiseln sahen wieder über die Brüstung, als er die Terrasse betrat. Becker bemerkte ihn jedoch schließlich und begrüßte Hochfeld mit einem brüderlichen Lächeln.
»Na, was halten Sie von uns?« Mit großer Geste deutete der Sportexperte des Ausbildungsamtes auf die ungeordneten Marschkolonnen, die sich durch die Fußgängerzone bewegten und die dennoch irgendwie militärisch streng wirkten. Auf den Transparenten stand: »Macht Tannington zum Weltpräsidenten«, »Für eine gesunde Welt«, »Schluss mit der Ozonlüge«, »Unser Land den Starken«.
Nur ein Drittel der Demonstranten waren Erwachsene, die Mehrheit bestand aus Kindern, Mädchen und Jungen von acht bis fünfzehn Jahren, die stur und grimmig geradeaus schauten.
Anklagend wandte Hochfeld sich an Becker, der den Lauf der Waffe noch immer auf den verschreckten Christoph gerichtet hatte und die fassungslose Frau Seibert am Oberarm festhielt.
»Sie haben die Manipulationen vorgenommen!«
Becker lachte. »Zu viel der Ehre, Paulchen. Wir sind eine große Bewegung. Sie sollten nicht unterschätzen, wie günstig es ist, wenn man auf Kameraden in Fabriken und Behörden auf der ganzen Welt zurückgreifen kann.«
»Kaldewey hat die Speicher überprüft und die Manipulation gefunden.« Hochfeld presste die Worte hervor. Sein angsterfülltes Hirn funktionierte in Zeitlupe. »Sie haben keine Chance«, fügte er hinzu, unsicher, ob der Strohhalm halten würde, nach dem er griff.
Becker lachte noch lauter, während er die Pistole härter an die Schläfe des Jungen drückte. »Sie sind wirklich herrlich, wissen Sie? Sobald irgendjemand das Unterprogramm zu lesen versucht, löscht es sich selbsttätig. Das ist nicht nur bei den Speichern von diesem Hosenscheißer hier so, sondern bei allen. Ich dachte, Sie hätten das eben selbst gesehen und begriffen, dass man uns nicht aufhalten kann. Glauben Sie mir, wir haben unsere Spezialisten für sowas. Nur zu dumm, dass einige von den Kleinen auf die Botschaft mit Albträumen reagieren.« Mit einer bedauernden Geste strich Becker dem Jungen mit dem Pistolenlauf die Haare aus der Stirn.
»Der Kinderpsychologische Dienst wird sie alle finden«, hakte Hochfeld ein, »und die Manipulation beweisen.« Er witterte eine schwache Chance und versuchte die Verzweiflung aus seiner Stimme zu bannen. »Mit einer Hypnosetherapie lassen sich die Eingriffe zweifelsfrei nachweisen. Und dann sind Sie dran, dagegen kommen Sie nicht an! Sie können auch gleich aufgeben!«
»Der Psychodienst ist unterbezahlt und -besetzt.« Becker zuckte mit den Schultern, ganz so, als ob er ein altes Argument zum wiederholten Male gebrauchen müsse. »Die meisten von denen gehören schon lange zu uns oder haben innerlich gekündigt. Eigentlich sollte das also kein Problem sein, besonders nicht in unserem Bezirk, Paulchen. Unsere Psychologen waren einer Meinung, dass Sie seit Ihrer Scheidung in totale Lethargie verfallen sind, und damit zu der zweiten Sorte gehören. Als ausgerechnet Sie als einziger Sachbearbeiter in der ganzen Stadt eine Überprüfung im Labor beantragt hatten, war das schon eine faustdicke Überraschung für uns. Wenn Sie nicht plötzlich so neugierig geworden wären, müsste ich jetzt vielleicht keinen von Ihnen dreien beseitigen.«
Martha Seibert entfuhr ein Kreischen, das irgendwo zwischen Entsetzen und Zorn einzuordnen war. Hochfeld spürte, wie die Angst begann, sich in seinem ganzen Körper auszubreiten. »Sie Idiot!«, schrie er. »Sie haben in den Hirnen der Kinder herumgepfuscht, für die Sie Verantwortung tragen, und glauben noch, Sie hätten etwas damit erreicht. Keines von ihnen würde von alleine auf Sie hören!« Er merkte kaum, wie er immer mehr in Rage geriet, je heftiger sein Puls durch die Adern zuckte. »Was ist, wenn sie erwachsen werden und sich fragen, ob das alles gut ist, was Sie ihnen da eingeimpft haben? Wollen Sie sie dann auch alle erschießen?«
»Aber, Paulchen, Sie verkennen die Lage! Bis irgend so ein lascher Pädagoge wie Sie denen da Flausen in den Kopf setzen kann, sitzen wir fest im Sattel. Die werden schon begreifen, dass es in dieser Zeit am besten ist, auf die Starken zu vertrauen und selber stark zu sein.« Sein Blick wanderte über die Brüstung, zu den chaotischen Marschkolonnen, die sich, einer heimlichen Ordnung folgend, unbeirrbar vorwärts bewegten. Er weidete sich daran.
Für den winzigen Teil eines Augenblicks dachte Hochfeld daran, auf ihn loszugehen. Der Moment verging, und Becker setzte wieder dieses selbstsichere Lächeln auf.
»Uns kann man nicht aufhalten. Wir werden diese kranke Welt heilen.« In seinen Augen glomm kurz ein fanatischer Funke. Dann sah er wieder auf Christoph. »Und ein bisschen Verschnitt wird es natürlich geben. Um einen einzelnen Quälgeist ist es ja nicht so schade.«
»Ja, und zwar, weil Ihre Leute doch nicht überall sind, nicht wahr?«, rief Hochfeld, einer plötzlichen Erleuchtung folgend. »Sie haben es mit Ihrer großartigen Organisation nicht einmal fertiggebracht, die Daten aus der Gesundheitsverwaltung zu beschaffen, mit denen man die Hautkranken von der Manipulation hätte ausnehmen können.« Beckers Miene verfinsterte sich in misstrauischer Verwirrung.
»Ja, schauen Sie nur genau auf die Ausschläge im Gesicht, Sie Genie«, triumphierte Hochfeld in einem halbirren Ton. »Der Junge ist hautkrank, und viele von denen, die da unten für die Herrschaft der Gesunden ihre Fähnchen schwenken, sind es auch. Wirklich hervorragend von Ihren Leuten geplant, Kurt! Oder darf ich Sie vielleicht Kurtchen nennen?«
Aus der Verwirrung wurde Zorn. Die Hand mit der Waffe zuckte nach vorne. Martha Seibert nutzte den Augenblick und stieß zwei Finger ihrer freien Hand in die Augen ihres Peinigers. Becker schrie auf. Ein Schuss fiel und ging an Hochfeld vorbei. Becker griff nach dem Jungen, den seine Mutter mit beiden Armen umschlang. Dann richtete er seine Waffe wieder auf ihr ursprüngliches Ziel. Hochfeld nahm seine ganze Kraft zusammen, stürzte die zwei Schritte vorwärts und warf sich mit ausgestreckten Armen gegen seinen massigen Gegner. Beckers Gesicht verzog sich in Überraschung, als er über die Brüstung fiel. Sein Schrei mischte sich mit dem Rufen der Massen, ehe er auf dem Boden aufschlug. Martha Seibert hielt ihren Sohn vom Abgrund zurück, während Hochfeld auf den zerschmetterten Körper starrte, der unter ihnen auf dem Bürgersteig lag. Niemand sonst kümmerte sich um ihn. Alle starrten auf das Schauspiel, das auf den Straßen vonstattenging.
»Ist der Drache jetzt tot?«, wollte Christoph wissen.
»Ganz bestimmt«, versicherte seine Mutter hastig.
In der Ferne ertönte eine Polizeisirene. Wie automatisch begann Hochfeld, Mutter und Sohn die Haustreppen entlang zu führen. Hektisch überlegte er, was zu tun sei, und wehrte gleichzeitig die aufgeregten Fragen seiner Begleiterin ab. Später, dachte er, später würde er ihr sagen, was sie wissen wollte und noch vieles mehr, wenn ihnen nur die Zeit dazu blieb. Am Hauseingang angelangt, mieden sie die Nähe des Toten, der jetzt von Neugierigen umstanden war. Dann begann die Menge, die vor ihnen marschierte, einen Schlachtruf zu skandieren. »Nieder mit den Kranken, die Zukunft gehört uns! Nieder mit den Kranken, die Zukunft gehört uns!«
Das Gesicht des Jungen verhärtete sich. Er ließ seine Mutter stehen, ordnete sich in die Marschierenden ein und schrie mit. »Nieder mit den Kranken, die Zukunft gehört uns!«
Dreimal rief er es, bevor Hochfeld ihn packte, die verstörte Mutter an die Hand nahm und mit ihnen davon rannte, immer weiter rannte, weiter und weiter.
Völkermord
An den Direktor des
United Nations Department
of Defense Technology
Mr. A. D. Brownlowe jr.
Sehr geehrter Herr Direktor Brownlowe,
es ist zutreffend, dass ich Professor Theodore Vanderbildt umgebracht habe. Obwohl ich befürchten muss, klischeehafte Vorstellungen zu bestätigen, möchte ich dieser Erklärung eine Darstellung der dazu führenden Ereignisse beifügen, die mein Geständnis an Umfang weit übertreffen wird. Ich hoffe, Sie können nach der Lektüre die Gründe für meine Handlungsweise zumindest ansatzweise nachvollziehen.
Als ich Singularity Point vor einer Woche mit dem letzten Versorgungsschiff erreichte, war ich der Überzeugung, den Olymp der physikalischen Forschung bestiegen zu haben. Jenes sternenumkränzte Nichts, welches meine Augen als schwarze Kreisfläche interpretierten, stellte für mich das Tor zu Triumphen des Geistes und Einsichten in die Unendlichkeit dar. Bei der Annäherung schälten sich nach und nach die Umrisse der Station aus der Mitte des Schwarzschildradius heraus. Wie ein Felsen in den Stromschnellen eines Wasserfalles thronte sie über der Öffnung in andere Zeiten und Räume, trotzte der größten Kraft, die die Natur je hervorgebracht hat. In diesem Monument menschlicher Schaffenskraft sollte ich einen Platz einnehmen, weil sein Erbauer mich gerufen hatte.
Professor Vanderbildt erwartete mich auf der anderen Seite des Schleusenmoduls, obwohl ich eher mit seinem Assistenten gerechnet hatte. Ebenso wie Sie, Herr Direktor, kannte ich ihn damals nur von Holoprints. Ich hatte nie angenommen, dass seine Körpergröße eher durchschnittlich ist. Alles an ihm erschien kraftvoll, das Haupt, die Statur, die Hand, die er mir reichte. Der kühle Blick aus seinen Augen verriet über den Menschen so wenig, wie das von dem berühmten grauen Vollbart bedeckte Gesicht. Selbst heute glaube ich nicht, dass ich jemals wirklich etwas über ihn erfahren habe.
Er fragte mich nach den Unbequemlichkeiten der Reise, und ich gab eine zufriedenstellend unbeschwerte Antwort. Vergeblich versuchte ich, jenen schneidend scharfen Tenor mit der äußeren Erscheinung des Mannes in Einklang zu bringen. Weitere Konversation fand nicht statt. Meinen unsicheren Blicken schenkte Vanderbildt keine weitere Beachtung. Über den äußeren Radialgang erreichten wir das Hauptlabor, wo Dr. Hauke Willemsen gerade Einstellungen an der Emitterphalanx vornahm.
»Der Doktor glaubt, dass nur ein sphärisches Resonanzfeld im mittleren Abstand zur Singularität zu einer optimalen Schwingungsübertragung führen kann. Ich bestehe dagegen auf dem Einsatz eines birnenförmigen Feldes. Glauben Sie, dass das machbar ist?«, fragte Vanderbildt.
Zwei Augenpaare musterten mich, als meine Hände über die Sensoren der Kontrolleinheit flogen. Ich hatte alles über die Ausstattung der Station gelesen, und die beiden Physiker wussten dies. Die von einem Liniennetzwerk angedeutete pulsierende Kugel, die auf dem großen zentralen Holobild die Singularität umschloss, verwandelte sich in einen Tropfen. Die Linien, die zu seiner Spitze liefen, zuckten nervös mit jedem Pulsschlag.
»Es ist notwendig, den Schwingungsimpuls in der zulaufenden Hälfte um den Faktor zu erhöhen, um den sich der Endpunkt vom Zentrum entfernt. Die Schwingungsdiskrepanz pendelt sich auf ein vernachlässigbares Niveau ein, wenn sie die überschüssige Energie in der sphärischen Hälfte in der Expansionsphase aufnehmen und in die andere Hälfte rückführen.«
Willemsen, eine schlaksige Erscheinung mit schütterem rotem Haar, nickte zögernd, sich an die Idee gewöhnend. Vanderbildt verließ wortlos den Raum, ohne ein Anzeichen von Zufriedenheit oder Enttäuschung zu zeigen.
»Ich glaube, er ist sehr zufrieden.« Ein feines Lächeln umspielte die Lippen des Doktors. »Andernfalls hätte er mich gebeten, Sie zu ihrem Schiff zurückzubegleiten, solange es noch entladen wird.«
»Wie aufmerksam.« Ich hatte Mühe, an dem Ablauf der Dinge Gefallen zu finden.
»Sie werden sich an seine Art gewöhnen. Glauben Sie mir, wenn Sie bei diesem Projekt etwas leisten, dann wird er Ihnen Dinge zeigen, von denen kein Mensch außer ihm geglaubt hat, dass es sie gibt.«
Ich suchte nach einem ironischen Lächeln im Gesicht meines Gegenübers. Es war keines vorhanden.
Nach diesem irritierenden Anfang wurde mir schließlich doch noch ein Quartier zu Verfügung gestellt. Mit Willemsen und seiner Frau, Dr. Monica Regiani, arbeitete ich die Einzelheiten des Tropfenfeldes aus, sobald ich mein letztes Kleidungsstück verstaut hatte. Von einer Erholung von der anstrengenden Reise war nie die Rede. Ich fand mich damit ab, dass im Olymp nur Leistung zählt. Als die Stationsbeleuchtung Abend simulierte, fand ich mich zu einem Gespräch in Vanderbildts Quartier ein, so wie Willemsen es mir nahe gelegt, um nicht zu sagen befohlen hatte.
Als ich eintrat, stand der Professor an einer Luke und betrachtete die vor ihm ausgebreitete Schwärze. Mit einer knappen Fingerbewegung wies er mir einen Platz auf der Sitzkombination zu. Nach einer vollen, schweigsam verbrachten Minute konnte ich nicht mehr an mich halten und versuchte die Konversation in Gang zu bringen.
»Dr. Willemsen ist zuversichtlich, dass wir das Feld in wenigen Tagen aktivieren können. Es gibt zwar noch kleine Probleme mit der Energieaufnahme, aber …«
»Treiben Sie eigentlich Sport?«
Als ich nicht gleich eine Antwort gab, drehte sich Vanderbildt um und fixierte mich mit seinen kühlen, grauen Augen.
»Etwas Holocricket und Pedalfliegerei. Auf der letzten Station, auf der ich gearbeitet habe …«
»Wie war das mit der Energieaufnahme?«
Ich sammelte mich, um wieder auf mein eigentliches Thema zu kommen. »Wir wissen noch nicht, wie schnell wir einen der Emitter umpolen können, damit er die überschüssige Feldenergie aufnehmen kann. Ein Rhythmus im Nanosekundenbereich sollte genügen. Wir haben dem Simulationsrechner mehrere Modelle eingegeben und warten jetzt …«
»Wie müssen eigentlich die Flügelabmessungen eines Pedalgleiters aussehen, mit dem man in der Nähe der Null-G-Achse fliegt?« Der Professor hatte sich mir gegenübergesetzt, ohne auch nur einen Augapfel von mir zu lassen.
»Etwa 2,5 × 0,4 Meter, wieso?«
»Sie sind auch handwerklich begabt?«
»Ich habe auf unser Station ab und an etwas repariert – Installationen, Hydroponikanlagen …«
»Auch Holz- oder Steinarbeiten?«
Mühsam unterdrückte ich meine aufkommende Wut. »Nur zu Hause auf Terra, in der öffentlichen Gartenanlage. Hören Sie ich weiß nicht was Sie damit bezwecken, aber ich …«
»Es ist schon gut«, unterbrach er mich abermals. »Morgen sprechen wir über die Energieabnahme. Wir brauchen das Tropfenfeld unbedingt in zwei Tagen. Gute Nacht.«
Er nahm einen Ausdruck von einem der seitlichen Tische und beachtete mich nicht mehr. Vollständig konsterniert verließ ich den Raum.
Auf der gegenüberliegenden Seite war der Korridor durch eine transparente Wand begrenzt, die den Blick auf die Pflanzenanlagen des Biosphäresystems freigab. Eine grazile Gestalt verursachte Unruhe unter den dicht belaubten Zweigen. Sie streckte einen von schwarzen Locken umwogten Kopf aus, entdeckte mich, und lief dann mit katzenhafter Eleganz zu einer der Wartungsschleusen.
»Na, hat er Sie gehörig durch die Mangel gedreht?«, fragte sie mit kindlich interessiertem Blick.
»Wer?«, fragte ich, von der Selbstverständlichkeit dieser Feststellung indigniert.
»Na, mein Vater natürlich. Das macht er mit jedem. Möchten Sie gerne meinen Lieblingsplatz sehen?«
Alles ging mir auf dieser Station zu schnell, soviel war klar. Das Biosphäremodul war so gut wie jeder andere Ort, um etwas Klarheit in meine Erlebnisse zu bringen.
»Warum nicht?«, willigte ich ein. Meine Führerin lachte kurz und war im Nu in dem wuchernden Grün verschwunden. Nach einigem Umherirren, das für meine Lage symptomatisch zu sein schien, fand ich sie auf einer Bank unter einer Kokospalme sitzend, wo sie sich mit den Zehen ihrer bloßen Füße beschäftigte.
»Sie sehen gar nicht so aus wie die anderen«, sagte sie.
»Welche anderen?«
»Die, die mein Vater schon hierher geholt hat, damit sie mich kennenlernen.«
Ich beschloss, dass es keinen Sinn hatte, mir ob dieser Worte meine Verlegenheit anmerken zu lassen.
»Na, wenn ich Sie kennenlernen soll, könnten Sie mir ja mal Ihren Namen sagen.«
»Manou.«
»Hübsch!«
»Ich finde ihn langweilig, zu kurz. Wie Sie heißen, weiß ich schon.«
»Sie wissen sowieso eine ganze Menge. Sind die anderen, von denen Sie sprachen, auch alle als Assistenten auf die Station gekommen?«
»Die meisten. Dr. Willemsen gehört natürlich nicht dazu. Der ist ja schon immer bei uns. Einmal hat Vater es auch mal mit zwei Mechanikern versucht. Sie dachten, sie sollten die Station überholen, ganz besonders die Biosphäre.« Sie kicherte. »Aber bis jetzt war keiner dabei.«
»Sind Sie so wählerisch?«
»Nicht ich, aber mein Vater. Finden Sie mich schön?«
Ich setzte eine gespielt kritische Miene auf, um Zeit zu gewinnen. Ihre Augen waren in der Tat von einem schönen braun, das zu ihrer Haut passte. Ihre Züge waren ebenmäßig aber unauffällig. Ihnen fehlte das Maß an Individualität, das ihr gutes Aussehen zu etwas Besonderem gemacht hätte.
»Ziemlich«, befand ich.
»Ich denke, das ist besser, als ›interessant‹. Das hat der Letzte zu mir gesagt.«
»Was machen Sie den ganzen Tag auf der Station? Wird Ihnen nicht langweilig?«
»Ich helfe meinem Vater.«
»Sind Sie Wissenschaftlerin?« Ich versuchte, die Frage nicht zu verblüfft klingen zu lassen.
»Technische Assistentin. Vater wollte mich nicht auf eine Uni lassen. Er sagte, dort würden sie mich nur mit unausgereiften Ideen vollstopfen. Die Technikerausbildung habe ich in unserem Labor gemacht. Die Prüfung kann man über die Kom-Verbindung ablegen, das war einfach.«
»Wenn Sie nach Sol gehen könnten, würden Sie viele andere Menschen kennenlernen, ohne dass Ihnen jemand sagt, wen Sie kennenlernen sollen. Das macht bestimmt Spaß.«
»Ich glaube nicht, dass das besser wäre. Mein Vater weiß alles über die Menschen. Er ist sehr klug. Er weiß auch alles über Sie. Ich habe gesehen, wie er eine Datei über Sie angelegt hat, wo alles drinsteht.« Sie gähnte plötzlich. »Es ist schon spät. Ich gehe jetzt schlafen. Sehen wir uns morgen wieder?«
»Warum nicht«, wiederholte ich.
»Schön!« Binnen Kurzem war sie zwischen den Büschen verschwunden. Ich spürte, wie ein leichtes Beben durch die Bodenplatte ging. Das Versorgungsschiff hatte wieder abgelegt.
Ich denke, verehrter Herr Direktor, dass die vorangegangenen Schilderungen deutlich illustrieren, wie ungewöhnlich sich für mich der Umgang mit den anderen Personen an Bord der Station gestaltete. Lassen Sie mich nun zur technischen Seite kommen. Als Professor Vanderbildt Ihnen gegenüber behauptete, seine Entwicklungen ermöglichten die potenzielle Nutzung aller überhaupt im Kosmos enthaltenen Energien, hat er wohl nicht übertrieben. Die gezielten Erschütterungen, welche die Emitter der Station in der Singularität des Schwarzen Loches auslösen, werden durch die Quantenstruktur des Vakuums an andere Löcher im ganzen Kosmos weitergeleitet. Diese fallen in eine simultane Reaktion. Durch das Energieniveau in jeder der Singularitäten erhält sich der Prozess selbstständig. Eine Überlagerung des Impulses durch einen anderen wird in jedem Fall zu einer Manipulation der Quantenstruktur an einem bestimmten Ort im Kosmos führen. Werden mehrere Überlagerungen erzeugt, die in Ausrichtung und Impulsstärke übereinstimmen, sich aber in der Frequenz unterscheiden, kann auf diese Weise quasi Materie aus dem Nichts erschaffen werden. Nur durch die Stärke und Dauer der Schwingungen in den Singularitäten werden dabei Grenzen gesetzt. Das Erzeugen komplizierter Molekülstrukturen würde eine unüberschaubar große Zahl von überlagernden Impulsen erfordern, die in kürzester Zeit erfolgen müsste, da wir noch nicht in der Lage sind, allein durch die Manipulation eines einzigen Schwarzen Loches Schwingungen von mehr als Minutenlänge zu erzeugen. Daher haben bis jetzt alle Versuche der Materialisierung von Wasserstoffwolken gedient.
In den zwei Tagen, die auf den meiner Ankunft folgten, waren die Kollegen Willemsen und Regiani und ich selbst bestrebt, das Referenzquantenfeld, dass von den äußeren Emittern projiziert wird, auf die von mir vorgeschlagene Weise zu modifizieren. Ich konnte den Sinn des Ganzen allerdings nicht gleich einsehen. Die Form eines Referenzfeldes ist nicht ausschlaggebend. Es muss quasi eine gute Spiegelfläche abgeben, durch die die Emitterimpulse auf die Singularität reflektiert werden. Mein Einwand veranlasste Willemsen nur zu diesem wissenden Lächeln, das ich schon kannte.
»Das Schöne daran, wenn man mit einem wahrhaften Genie zusammenarbeitet, ist das unbegrenzte Vertrauen, das man in seine Pläne setzen kann.«
Dr. Regiani äußerte sich im Allgemeinen nicht zu derartigen Erwägungen. Sie äußerte sich kaum zu irgendetwas anderem als der konkreten Arbeit. Gelegentlich trafen mich aus ihrem reizlosen Gesicht misstrauische Blicke, die den Neuankömmling in der kleinen eingespielten Gemeinschaft nicht duldeten. Manou Vanderbildt sah ich in diesen zwei Tagen nur selten. Vier bis fünf Male ließ sie sich im Labor sehen, um kleinere technische Pannen zu beheben. In ihrem weißen Overall wirkte sie strenger als bei unserem ersten Zusammentreffen. Jedes Mal warf sie mir einen fröhlichen Blick zu, wie in Erwartung eines kommenden, angenehmen Beisammenseins. Die wenigen Stunden, die ich aber außerhalb des Labors verbrachte, konnten nicht für irgendetwas anderes als Schlaf dienen.
Ich nehme an, dass Manou es war, die ganz unauffällig einen Zettel mit einem Passwort und dem Namen einer Datei auf meinem Terminal hinterließ. Es war wirklich einfach, den Text einblenden zu lassen, während ich gleichzeitig an einem Problem mit der Abstimmung der äußeren und inneren Emitter arbeitete. Willemsen stellte nicht mehr fest, als eine kleine Abgelenktheit, die er wahrscheinlich meiner Erschöpfung zuschrieb. Dr. Regiani registrierte nichts anderes, als die Grafiken auf ihrem Display.
Hinter meinem Namen und den üblichen persönlichen Daten fanden sich Angaben zu meinem Muskelvolumen, meiner vermutlichen Leistungsausdauer, meiner psychischen Belastbarkeit, früheren praktischen Tätigkeiten, dem sozialen Hintergrund meiner Eltern, der Häufigkeit von Geistes- und Nervenkrankheiten in unserer Familie, meinen politischen Ansichten, meiner sexuellen Veranlagung und jeder denkbaren Beeinträchtigung meiner Zeugungsfähigkeit.
»Ist bei Ihnen alles klar?«
Willemsen musste meine überraschte Miene doch alarmiert haben.
»Ja, ja«, stammelte ich. »Es scheint nur ein Problem mit der Endaufteilung der Speiseenergie zu geben. Ich fragte mich gerade, ob sie in Verteiler I oder II geschehen soll.«
»Das kommt darauf an, welche Ladung Sie in der Materie erzeugen wollen. Ich zeige es Ihnen.«
Mit ein paar äußerst schnell eingegebenen Befehlen gelang es mir, die verräterische Datei vom Display zu löschen, ehe Willemsen mir ungeduldig den Sachverhalt an meinem Terminal darlegte.
Vanderbildt selbst ist in diesen Tagen überhaupt nicht zu sehen gewesen. Ich nehme an, dass er sehr damit beschäftigt war, den Hauptteil zur Krönung seines Werkes beizutragen.
Wie Ihnen bekannt sein dürfte, Herr Direktor, ist die Station kurz vor den Ereignissen, die ich hier besonders schildern möchte, von Admiral Kwazimba von der UN Space Fleet inspiziert worden. Es heißt, dass ein hoher Offizier von schwarzer Hautfarbe für unsere Vorfahren ein seltsamer Anblick gewesen sein soll. Ich kann mir den Admiral nicht anders vorstellen, als in seiner imposanten Uniform, den länglichen, kahlen Schädel hoch erhoben, das Kinn arrogant vorgestreckt und mit jener Geradlinigkeit in Bewegung und Sprache, die wohl jede Form von Unsicherheit überdecken soll, und es gewöhnlich auch tut.
»Wirklich ganz ausgezeichnete Arbeit, die Sie hier leisten«, befand der Admiral, als er seinen Rundgang an der Seite von Professor Vanderbildt beendet hatte. »Und Sie sind wirklich ganz sicher, dass Sie Materie mit jeder elektrischen Ladung herstellen können?«
Statt einer Antwort zeigte Vanderbildt auf eine der Sichtluken, schritt zu einem Terminal und rief eine programmierte Impulsfolge ab. Der blendend weiße Lichtblitz brachte unseren Gast vorübergehend außer Fassung.
»Dieser Ort wurde von uns routinemäßig zur Materialisierung von Wasserstoff benutzt. Wenn wir für experimentelle Zwecke eine neue Wolke bilden wollen, zerstören wir die alte für gewöhnlich auf diese Weise, indem wir eine gleichgroße Masse von umgekehrt geladenem Wasserstoff in sie hinein materialisieren.«
Obgleich sie in einem äußerst gelangweilten Tonfall vorgetragen wurden, riefen Vanderbildts Worte bei dem Admiral äußerste Begeisterung hervor, die nur durch sein Streben nach Haltung gedämpft wurde.
»Das heißt also, dass wir an jedem Ort des ganzen Weltalls soviel Antimaterie auftauchen lassen können, wie wir brauchen, um jeden zur Hölle zu jagen, der uns krumm kommt?«
Vanderbildt legte nun zusätzlich zur Langeweile auch etwas Verachtung in seine Stimme.
»Die Masse ist im Augenblick durch die Impulsdauer begrenzt. Langfristig stellt diese Anlage aber die ultimativste Waffe dar, die im bekannten Universum existiert.«
Die Knöpfe, auf die der Professor mit diesen Worten drückte, waren ganz offensichtlich dazu geeignet, jeden Geldhahn zu öffnen, der sich in der Reichweite des Admirals befand.
»Ausgezeichnet, ganz ausgezeichnet! Damit werden wir es den verdammten Cetianern schon zeigen! Wenn Sie irgendwelche Probleme mit der Versorgung haben, wenden Sie sich sofort an mich! Ich bin sicher, die Geschichte hat für Sie und mich einen Platz frei!«
Kwazimba unterstrich den letzten Satz durch das selbstsichere Ausstrecken seines rechten Zeigefingers, nickte uns allen zu, und marschierte Richtung Schleusenmodul. Professor Vanderbildt dagegen setzte sich in sein üblicherweise verwaistes Büro am Ende des Hauptlabors. Von dort beobachtete er Minuten später das Ablegen des Flottenschiffs. Ich meinerseits wollte die Gelegenheit zu einem klärenden Gespräch wahrnehmen.
»Geschichte!«, zischte der Professor, als sich das leichte Beben durch die Bodenplatten ausdehnte. Ruckartig drehte er sich zu mir um. »Wissen Sie, was ich glaube? Dass unsere Vorfahren von den Bäumen heruntergestiegen sind, muss ein Segen für sie gewesen sein. Manche Exemplare wären aber besser in der Krone hocken geblieben.«
Ich verbiss mir jeden Kommentar.
»Ich nehme an, Sie haben sich das alles hier ein bisschen anders vorgestellt, nicht wahr?« Der Professor sah wie durch mich hindurch, was mir das irrationale Gefühl gab, seinem Blick völlig ausgeliefert zu sein.
»Ich kann mich an Ihren Aufsatz gut erinnern. Es ging hauptsächlich um die Materialisierung komplizierter Strukturen – synthetische Lebensmittel, Rohstoffe für neue Raumstationen, die Erschaffung ganzer neuer Welten, die zur Besiedelung offen stehen, sogar neuer Sonnen. Ziemlich weit haben Sie sich da aus dem Fenster gelehnt. Haben Sie sich gefragt, ob die Menschheit Ihre Segnungen überhaupt will?«
»Nun, ich denke, dass wir alle an Frieden und Wohlstand interessiert sind, und …«
Ein verächtliches Auflachen hinderte mich am Weitersprechen. »Sie können mir glauben, dass die meisten an alles andere denken, als an das. Ich gebe der Menschheit alle Macht über Materie und Energie im Universum, und was passiert? Die wenigen, die überhaupt verstanden haben, was für Möglichkeiten in diesem Prozess stecken, fragen mich nach Waffen. Nein, nein! Die Lösung der großen Probleme können Sie in diesem Universum nicht erwarten.«
»Allgemein wird über Sie gesagt, dass Sie die Finanzierung über das Militär als notwendiges Übel ansehen, um sich letztlich solchen Projekten zuwenden zu können, wie sie in meinem Aufsatz nur angerissen wurden.«
»Es mag schon sein, dass ich das Geld vom Militär gut gebrauchen kann. Aber ich brauche bestimmt keine Soldaten, um meine Ideen zur Anwendung zu bringen, dessen können Sie versichert sein! Alles was das Militär mit den Emittern vollbringen würde, kann ich genauso gut selbst tun, und zwar besser.«
»Professor, ich wollte Sie schon einige Zeit fragen, wozu die Modulation des Referenzfeldes eigentlich dient. Und unter diesen Umständen …«
»Später«, winkte er ab. »Wir reden morgen darüber.«
Bis jetzt, verehrter Herr Direktor, kann ich nicht sicher sein, ob die Mischung aus Andeutungen, Vertröstungen und bizarren Enthüllungen, der ich auf der Station teilhaftig geworden bin, bei Ihnen dasselbe Maß an Spekulationen und düsteren Vorahnungen verursacht hätte, wie bei mir. Ich weiß auch nicht, ob es diesem persönlich gefärbten Bericht gelingen kann, alle Nuancen meiner Wahrnehmung zu übertragen. Es ist nun an der Zeit, auf die wesentlichen Ereignisse zu kommen.
Unfähig, nach dem Gespräch mit dem Professor die notwendige Ruhe zum Schlafen zu finden, nahm ich meinen eigenen Rundgang durch die Station vor. Ich glaube fast, dass irgendetwas mich drängte, nach einem Corpus Delicti Ausschau zu halten, einem Gegenstand, der mir auf dramatische Weise die Antwort auf meine Fragen vor Augen halten würde. Doch als es geschah, war ich mehr als überrascht.
Über dem Zentralring, der in seiner Mitte die Emitterphalanx birgt, ist das selten benutzte Besatzungsschiff für den Mannschaftsaustausch angedockt. Durch den Dockingkanal gelangt man direkt in den bewohnbaren Trakt des Schiffs mit den Besatzungsquartieren. Der Korridor sollte nicht mit Ausrüstungsgegenständen vollgestopft sein, da der Laderaum groß genug ist, um alles zu fassen, was für einen einfachen Überführungsflug notwendig ist. Unter den zahlreichen herumliegenden Gegenständen waren Pakete mit Notrationen, Wasserfilter, Werkzeugsätze, Handfeuerwaffen, Buschmesser, aber auch etliche Bände mit Computerausdrucken technischen Inhalts.
»Finden Sie nicht auch, dass es hier so still ist?«
Ich hätte mich kaum mehr erschrecken können. Manou nahm meine heftige Reaktion dagegen kaum wahr.
»Das liegt wahrscheinlich daran, dass alle Maschinen abgestellt sind, und die Versorgung über die Station läuft. Ein Schiff, das darauf wartet, endlich auszulaufen. Das gefällt mir. Ich komme oft hierher.«
»Wohin soll es auslaufen, Manou? Was hat Ihr Vater mit dem ganzen Zeug hier vor?«
»Warten Sie doch, bis es losgeht! Dann werden Sie alles erfahren.«
»Ich weiß nur nicht, ob ich mitkommen möchte.«
»Wollen Sie denn nicht mit mir zusammen sein?« Sie klang ehrlich verletzt.
»Nein, es ist nicht wegen Ihnen. Ich frage mich nur, was am Ende der Reise auf mich wartet und auf Sie, auf alle anderen. Ihr Vater hat furchtbar viel Macht in seinen Händen, wissen Sie das?«
»Natürlich, vertrauen Sie ihm denn nicht?«
»Nein, um ehrlich zu sein, nicht. Ich weiß auch nicht, ob Sie ihm vertrauen sollten.« Ihre Augen wurden groß. »Wir alle müssen einmal herausfinden, was das Beste für uns ist, ohne uns ständig von anderen bevormunden zu lassen.«
»Und wozu hat diese Haltung geführt, Herr Kollege?« Professor Vanderbildt war ebenso lautlos hinter seiner Tochter erschienen, wie diese selbst. »Was ist aus unserer grandiosen Gesellschaft geworden, seitdem jeder versucht, sich in ihr selbst zu verwirklichen? Haben Chaos und Anarchie dadurch vermieden werden können? Gibt es etwa mehr Verständnis und mehr Zuneigung zwischen den Menschen? Ich denke, dass die Menschheit, wie wir sie kennen, bewiesen hat, dass sie nur dazu in der Lage ist, alles in ihrer Umgebung zu zerstören, und sich selbst immer wieder in Kriegen zu dezimieren. Und dennoch breitet sie sich immer mehr wie ein Krebsgeschwür aus.«
Er maß mich mit einem prüfenden Blick, so als ob ich ihm eben erst vorgestellt worden sei. Dann holte er tief Luft.
»Heute Nacht ist ein ebenso guter Zeitpunkt wie jeder andere, um einen neuen Anfang zu machen. Kommen Sie mit!«
Erst als er Manou mit einer väterlichen Geste voran schob, entdeckte ich die kleine Waffe in seiner Rechten. Als wir am Ende des für mich unfreiwilligen Rückmarschs das Hauptlabor erreichten, waren Willemsen und Regiani dort schon anwesend. Vanderbildt reichte mir ein Diagramm.
»Wofür halten Sie das?«
Es handelte sich um eine numerische Darstellung einer besonders intensiven Abfolge von Emitterimpulsen, die offenbar ein besonders simples Quantenmuster erzeugen sollten, dafür aber ein Maximum an Energie aus den Singularitäten abschöpften. Als ich sah, dass die Summe der freigesetzten Energien das Maximum dessen überstieg, was sich aus der Expansion des Kosmos gewinnen ließe, verstand ich die Größe des Vorhabens. Ich konnte nicht sprechen, nur starren. Vanderbildt nahm mir das Blatt aus der Hand.
»Wie Sie sehen, wird das, was wir hier und jetzt tun, ein bisschen mehr als nur ›Geschichte‹ sein.« Die beiden Doktoren arbeiteten bereits fleißig an der Voreinstellung zur nächsten Impulsfolge. Ich sah mich außerstande, zu erkennen, wie viele bereits abgefeuert worden waren.
»Warum?«, brachte ich schließlich hervor.
»Es hat nicht meiner Analyse bedurft, um festzustellen, dass das Experiment Gottes, Allahs, des Schicksals, des Weltgeists oder wie immer sie es nennen wollen, fehlgeschlagen ist. Ich ziehe nur die einzig logische Konsequenz.«
»Aber Sie selbst und Ihre Tochter …«
Er lachte leicht. »Oh, ich habe durchaus Vorsorge getroffen, wenn Sie das meinen. Ich sehe mich nicht als bloßen Zerstörer. Meine wahre Bestimmung ist es, etwas Neues, Vollkommenes zu schaffen. Und dank Ihnen werde ich den Akt dieser Schöpfung überleben.«
Mir blieb nur, ein verständnisloses Gesicht zu machen.
»Sie haben richtig erkannt, dass die Impulskombination, die wir in wenigen Minuten abschließen werden, die Quantenstruktur jeglicher Materie im Universum derartig verzerren wird, dass sie sich auflösen und in einem einzigen Punkt rematerialisieren wird, der Singularität des Schwarzen Loches, über dem wir uns befinden. Das birnenförmige Feld, das Sie für uns geschaffen haben, wird nun dazu dienen, nicht nur das Uratom eines neuen Kosmos’ zu umfassen, sondern auch einen Teil dieser Station. Innerhalb dieses Feldes wird keine Zeit vergehen. Es wird solange bestehen, bis die Rotation des Loches am Ende eines der Feldpole einen entsprechend eingestellten Prozessor aktiviert hat. Dann werden bereits einige Milliarden Jahre vergangen sein. Wenn wir dann unser Schiff besteigen, werden wir von neuen Welten umgeben sein, auf denen der Geist des intelligenten Lebens noch keine formenden Spuren hinterlassen hat. Ein ganzes, neues Universum wird uns offen stehen.«
»Ein ziemlich einsamer Ort, könnte ich mir vorstellen.« Noch während ich den Satz aussprach, spürte ich, dass Ironie keine Erleichterung brachte.
»Die notwendige Anzahl von gesunden Individuen, um eine neue, bessere Menschheit zu gründen, ist anwesend.« Sein Blick streifte Manou, die ein schüchternes Lächeln auf ihre Lippen zwang und mich ansah.
»Natürlich«, dachte ich laut. »Zwei Paare brauchen Sie mindestens, zumindest, wenn man den Nachwuchs später gentechnisch optimiert. Über mich haben Sie sich ja genauestens erkundigt. Nur haben Sie nicht bedacht, dass ich vielleicht nicht kooperiere.«
»Oh, das werden Sie, vielleicht nicht gleich, aber nach einigen Jahren, wenn wir unsere neue Erde gefunden haben, wird sich der natürliche Trieb schon durchsetzen.«
»Sie werden nicht viel davon haben, Herr über eine Menschheit aus vier Erwachsenen und ein paar Kindern zu sein.«
»Sie vergessen, dass sich die besonderen Eigenschaften des Referenzfeldes auch ohne die Manipulation von Quantenstrukturen nutzen lassen. Es wird mir damit gelingen, Reisen in die Zukunft meines Universums zu unternehmen, die verschiedensten Epochen zu besuchen. Und zu jedem Zeitpunkt, an dem ich in Erscheinung treten werde, werden mich alle Menschen als ihren Schöpfer erkennen, den Gründer ihrer Welten.«
»Ja, Sie werden für alles verantwortlich sein, für ihr Glück und all ihr Unheil.«
Vanderbildt stutzte nur kurz, dann kam Willemsen heran. »Die letzten drei Impulse, Professor.«
Der alte Mann nickte und ging zu seinem Sessel am Hauptterminal. Ein Beben lief durch die Station. Auf dem Holobild löste sich der äußere Ring mit den Mannschaftsquartieren vom Zentralmodul mit den Labors und den Versorgungseinrichtungen. Das Besatzungsschiff nahm jetzt den größten Teil von Singularity Point ein. Der Rückweg zur Normalität war nicht mehr möglich.
»Nächster Impuls in sieben Sekunden«, rief Vanderbildt. Er zählte rückwärts. Bei Null schnellten die Anzeigen an den Quantenfeld-Detektoren in die Höhe. Hinter den Schaltschränken war das Brummen überlasteter Hochleistungskontakte zu hören.
»Nächster Impuls in fünf Sekunden.«
Zu spät, dachte ich. Ich konnte nichts mehr tun, nur auf einen Fehler in den kalten Berechnungen des Professors hoffen. Vor mir stand das Bedienungsterminal für die Referenzfeldbildung. Willemsen hatte die Funktionen auf seinen Platz geschaltet. Ich hatte das Feld entwickelt, und damit den letzten Baustein für die Maschinerie geliefert. Jene Maschinerie würde in wenigen Minuten eine Zerstörung verursachen, die namenlos bleiben musste, weil kein Auge sie würde schauen können. Es stimmte, was Vanderbildt gesagt hatte. Im Innern des Feldes blieb die Zeit stehen. Das entsprach einer Verlangsamung des Ablaufs um einen bestimmten Faktor. Wenn ich das Feld umkehren könnte …
Die Station schwankte, als die zweite Entladung eine Wechselwirkung mit dem Schwarzen Loch hervorrief, wie ich sie noch nicht erlebt hatte.
»Nächster und letzter Impuls in drei Sekunden!«
Das Feld umkehren. Statt einem großen äußeren, ein kleines inneres.
»Drei …«
Ich stürzte zum Terminal, machte die schnellsten Befehlszeichen meines Lebens.
»Zwei …«
Vanderbildt blieb unbewegt, während er die Waffe auf mich richtete. Die Station bebte, doch er hatte sein Ziel genau im Visier.
»Eins …«
Ich schickte die Befehle ab, bekam aber keine Freigabe. Mit halbem Auge sah ich, wie Manou zu Willemsens Terminal sprang und dort neben dem fluchenden Doktor drei Symbole aktivierte. Dann feuerte Vanderbildt augenscheinlich auf mein Knie und schrie über den sich erhebenden Lärm hinweg:
»Null!«
Ich glaube, verehrter Herr Direktor, dass der heutige Zustand der Station den Wahrheitsgehalt meines Berichts untermauern kann. Doch sollten Sie auch eine zusätzliche Untersuchung aller Schwarzen Löcher, zu denen wir Zugang haben, in Erwägung ziehen. Sie müssten dabei erhebliche Brechungen in den Quantenstrukturen des umgebenden Vakuums entdecken, die nicht auf die Gravitationstrichter der Löcher selbst zurückgeführt werden können. Dies dürfte besonders auf Singularity Point zutreffen.
Die Verwirrung, die durch den Tod von Professor Vanderbildt entstanden war, nutzte ich, um in das Besatzungsschiff zu gelangen und Richtung Sol abzulegen, eine Maßnahme, für die ich auf die Standardprozeduren des Bordcomputers zurückgreifen konnte. Manou ist mir gefolgt und befindet sich nun ebenfalls an Bord. Ich nehme an, dass die Entschiedenheit, mit der ihr Vater seine Vorstellungen vortrug, auch für sie etwas Neues, Erschreckendes an sich hatte. Vielleicht wollte sie sich auch die Möglichkeit offen halten, ihr Leben mit mehr Menschen zu teilen, als mit mir und Vanderbildts Satelliten. Anders kann ich mir nicht erklären, dass sie meine Befehlsfolgen freigegeben hat, als sie sie auf Willemsens Bildschirm erscheinen sah, wohl wissend, dass ich wahrscheinlich eine Verhinderung des Unternehmens bezweckte. Da es nun ausgerechnet ein gemeinsam begangenes Verbrechen ist, das uns verbindet, glaube ich, dass sie auf Terra bald ihre eigenen Wege gehen wird.
Das von mir umgekehrte Referenzfeld beschleunigt in seinem Innern den Zeitablauf um den Faktor, um den es ihn normalerweise verlangsamen würde, um Stillstand herzustellen. Die Emitter sind für ein solches Manöver natürlich nicht eingerichtet, sodass mir nur die obersten Spulen zur Verfügung standen und das Feld klein blieb. Nur Vanderbildts in der Mitte des Labors befindliches Terminal wurde vollständig erfasst. Das Projektil aus seiner Waffe wurde an der Feldgrenze zwischen den Zeiten zerrieben. Vanderbildt selbst ist für unser Empfinden in Sekundenschnelle gestorben und mumifiziert, hatte aber selbst den Eindruck, mehrere Stunden lang ein Gefangener des Feldes zu sein, ehe er wegen des mangelnden Sauerstoffaustauschs erstickte. Sein Leichnam ist ein weiterer Beleg für die Wahrheit dieses Berichts. Ich nehme an, dass es auch dieser grauenvolle Anblick war, der Manou dazu brachte, mir zu folgen.
Im Augenblick besteht keine akute Gefahr, da Regiani und Willemsen ohne ein Schiff und ein zweites Paar den Plan nicht werden durchführen wollen. Wenn Sie inzwischen einen Bericht von Willemsen erhalten haben, werden Sie sicherlich bald herausfinden, welche von unseren beiden Aussagen richtig ist. Damit werden Sie Ihrer Verantwortung als Leiter aller von den Streitkräften betriebenen Forschungsprojekte nachkommen können. Sie sollten aber auch sehr ernsthaft prüfen, ob die Erkenntnisse, die Professor Vanderbildt gesammelt hat, jemals auch nur einem kleinen Teil der Öffentlichkeit enthüllt werden dürfen. Auch diese Verantwortung muss ich Ihnen aufbürden. Wenn Vanderbildt mit seinen Theorien recht hatte, liegt das Schicksal des ganzen Universums in unseren Händen. Hoffentlich wird die Menschheit niemals den Beweis dafür erhalten.
Betrug
Als ich COMSEC Toshiro Johnson zum ersten Mal sah, ging er gerade zu einem Gleiter, der sich auf dem Landefeld Nr. 4 von Canberra-Sydney niederließ. Er öffnete die Kabinentür mit einem archaischen Schließwerkzeug. Dann zeigte er dem verblüfften Piloten seine ID und erklärte ihm, dass er aufgrund des Gesetzes über die Sicherheit der wirtschaftlichen Zukunft festgenommen sei. Der Pilot, ein Mann in mittleren Jahren, lauschte den mühsam hervorgebrachten Silben des veralteten Dialekts. Nicht die Aussprache, sondern der Inhalt war es, der ihn den Kopf schütteln ließ. Erst als einer der örtlichen SECEX’ die Schockbänder um die Handgelenke des Mannes legte, verwandelte sich Unglauben in blankes Entsetzen, weiteten sich die Augen in der Erkenntnis, dass ein Albtraum auf ihn wartete, wo ein Paradies hätte sein sollen.
»COMSEC Johnson!«, rief ich, als mein neuer Vorgesetzter sich umdrehte. »Mein Name ist Karim Holtzmann. Ich bin …«
»Unsere Neuinvestition.« Johnson nickte schnell. »Sie waren beim Briefing nicht dabei!«
»Es tut mir leid, aber die Strecke Frankfurt–Santiago ist immer noch nicht ausreichend markiert …«
»Schon gelöscht«, erwiderte er prompt. »Wenn Sie bei mir sind, müssen Sie sich nur eines merken.« Er zeigte auf den Gleiter, der von einer Scene-Crew umstanden war. »Wenn einer von denen durchkommt, landen wir alle im Bio-Recycling!«
Als wir Augenblicke später im Einsatzgleiter saßen, hatte ich erstmals Gelegenheit, das Gesicht des COMSEC aus der Nähe zu betrachten. Es gab fast nichts, was an diesem Mann nicht grau war: seine zurückgehenden Haare, seine Haut und besonders seine grauen Augen, hinter deren scheinbarer Müdigkeit eine kalte Brillanz lauerte, um im richtigen Augenblick, scharf wie ein Skalpell, hervorzuschießen.
»Solche wie der werden leider immer seltener«, bemerkte er, ehe die graue Iris seines rechten Auges die Akte des glücklosen Piloten vom Bordterminal löschte. »Ist noch gestartet, bevor die UN-Konvention gegen Finanzspekulationen durch relativistische Effekte erlassen wurde, der Vorläufer unseres Wirtschafts-Zukunfts-Gesetzes, wie Sie sicher wissen.«
Ich wusste sicher und nickte.
»Gefährlich sind jene, die jetzt kommen, und sich im Klaren darüber sind, dass sie gegen ein Gesetz verstoßen«, fuhr Johnson düster fort. »Manche von denen sind schon schwer zu schnappen gewesen.«
»Aber bis jetzt haben Sie noch jeden erwischt!«
»Nicht jeden. Aber die, die durchgekommen sind, haben verhältnismäßig kleine Beträge abgeschöpft. Bis jetzt hatten wir einfach Glück. Wer weiß, wie lange das noch anhält.«
Mit einer Bewegung seines Augapfels holte der COMSEC eine Auswahl weiterer Akten auf das Display. Der Cursor wanderte zu einem der Holo-Scans, die durchschnittliche, kleinbürgerliche Gesichter zeigten. »Der hier hat mir zum Beispiel Kopfzerbrechen bereitet. Dale Jeffries – er startete sein Schiff vor etwa hundertsiebzig Jahren, als die Konvention gerade in Kraft getreten war. Nach seinem Wiedereintritt hat er sich eine völlig neue Identität machen lassen – Plastomed, Netzhäute, Pheromonstruktur, sämtliche Features. Er war schon dabei, das ganze Guthaben auf ein neues Konto zu transferieren, als ihm mitten im Terminalsaal eine Schusswaffe aus der Tasche fiel, eine HK P 7000. Alle anderen Exemplare von der Sorte sind bestimmt längst verrostet. Ich schätze, sein Sicherheitsbedürfnis war etwas zu groß.«
