Schutzhof Schwalbennest - Sarah Lark - E-Book

Schutzhof Schwalbennest E-Book

Sarah Lark

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Beschreibung

<p>Die 12-jährige Olivia ist bisher bei ihrem Vater im Berliner Diplomatenviertel aufgewachsen. Doch nun soll sie zu ihrer Mutter Julia ziehen. Als wäre das noch nicht genug, ist nicht einmal geklärt, wo ihr wertvolles Turnierpony Partygirl untergebracht wird und sie Reitstunden nehmen kann. Doch zu Olivias Überraschung eröffnet ihre Mutter ihr bei der Ankunft, dass sie gemeinsam aufs Land ziehen und Partygirl bei ihnen auf dem Hof stehen kann. Julia wird von nun an einen Schutzhof leiten. Das ist eine ganz andere Welt als die, die Olivia bisher kannte ...<br><br></p> <p>Mit Fachglossar im Anhang</p> <p><br></p> <p>Gelistet bei Antolin</p>

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Seitenzahl: 219

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Inhalt

CoverÜber das BuchÜber die AutorinTitelImpressumWidmungUmzugDas SchwalbennestAlles neuOstereier und mehrPartygirlErfolgeDer erste SchultagPolizeieinsatzInvasionDie RegenbogenbrückeGefahr im VerzugEin RegentagGlückGlossar

Über das Buch

Die 12-jährige Olivia ist bisher bei ihrem Vater im Berliner Diplomatenviertel aufgewachsen. Doch nun soll sie zu ihrer Mutter Julia ziehen. Als wäre das noch nicht genug, ist nicht einmal geklärt, wo ihr wertvolles Turnierpony Partygirl untergebracht wird und sie Reitstunden nehmen kann. Doch zu Olivias Überraschung eröffnet ihre Mutter ihr bei der Ankunft, dass sie gemeinsam aufs Land ziehen und Partygirl bei ihnen auf dem Hof stehen kann. Julia wird von nun an einen Schutzhof leiten. Das ist eine ganz andere Welt als die, die Olivia bisher kannte …

Über die Autorin

Sarah Lark, geboren 1958, wurde mit ihren fesselnden Neuseeland- und Karibikromanen zur Bestsellerautorin, die auch ein großes internationales Lesepublikum erreicht. Nach ihren fulminanten Auswanderersagas überzeugt sie inzwischen auch mit mitreißenden Romanen über Liebe, Lebensträume und Familiengeheimnisse im Neuseeland der Gegenwart. Sarah Lark ist das Pseudonym einer erfolgreichen deutschen Schriftstellerin, die in Spanien lebt.

Sarah Lark

Vollständige eBook-Ausgabe

des in der Bastei Lübbe AG erschienenen Werkes

Dieser Titel ist auch als Hörbuch erschienen

Originalausgabe

Dieses Werk wurde vermittelt durch die Literarische Agentur Thomas Schlück GmbH, 30161 Hannover.

Copyright © 2022 by Bastei Lübbe AG, Köln

Lektorat: Margit von Cossart, Köln

Umschlaggestaltung: ZERO Werbeagentur, München unter Verwendung von Motiven von © jean schweitzer/shutterstock.com; pirita/shutterstock.com; avian/shutterstock.com; lynea/shutterstock.com

eBook-Produktion: Dörlemann Satz, Lemförde

ISBN 978-3-7517-1846-2

www.boje-verlag.de

www.luebbe.de

www.lesejury.de

 

Vorbild für den Schutzhof Schwalbennest sind die Stallanlagen der Eulenmühle in Ingelheim und das dort angesiedelte Pferdeschutzprojekt Pro Equis. Wir danken Wiltrud Heine und dem Verein Pro Equis für viele Berichte über ihre Arbeit, die Anregungen für unsere fiktiven Geschichten boten.

Umzug

Olivia schaute aus dem Zugfenster hinaus in den strömenden Regen. Er ließ die Landschaft vor ihr verschwimmen, doch viel gab es auf der Strecke zwischen Berlin und Köln sowieso nicht zu sehen. Nur Felder und Wiesen, die gerade erst grün wurden, und gelegentlich graue, langweilige Orte. Das Wetter und die Aussicht passten zu ihrer Stimmung. Sie fühlte sich verlassen und verraten – und jetzt wollte die ältere Dame, die ihr gegenübersaß, auch noch ein Gespräch anfangen.

»Wo geht es denn hin, so ganz allein?«, erkundigte sie sich in freundlich mitleidigem Tonfall, als könnte sie Olivia ihre Laune an der Nasenspitze ansehen.

»Nach Köln«, antwortete Olivia, nachdem sie kurz hochgesehen hatte, und blickte erneut aus dem Fenster.

»Sind denn überhaupt schon Ferien?« Die Dame ließ sich nicht entmutigen. »Bei einer so weiten Reise wirst du doch sicher ein paar Tage bleiben, oder?«

»So weit ist das nun auch wieder nicht …«, bemerkte Olivia.

Ihre Familie war reisefreudig. Eine weite Reise führte nach dem Ermessen ihrer Eltern mindestens nach Afrika.

»Ich besuche in Köln meine Tochter«, erzählte die Frau jetzt von sich, wohl um sie aus der Reserve zu locken. »Und du?«

»Ich ziehe um«, sagte Olivia widerwillig und sah ihr Gegenüber notgedrungen wieder an. »Und ja, die Ferien haben gerade begonnen.«

»Ach?« Die Dame wirkte alarmiert. »Aber deine Eltern wissen doch sicher, dass du nach Köln fährst, oder? Du bist nicht etwa auf eigene Faust unterwegs?«

Olivia seufzte. »Nein«, erwiderte sie genervt. »Wenn Sie’s genau wissen wollen: Ich wurde von meinem Vater in den Zug gesetzt, und ich werde von meiner Mutter abgeholt.«

Falls ich nicht aus dem Waggon springe, dachte sie. Sie wollte nicht unhöflich sein, aber so ein Gespräch hatte ihr gerade noch gefehlt. Immerhin war sie jetzt wütend, während sie eben nahe dran gewesen war zu weinen. Wütend zu sein war entschieden besser.

»Du sprichst aber sehr gut Deutsch«, bemerkte die Dame und setzte damit noch eins drauf.

Olivia war nahe daran zu platzen, und das Schlimmste war, dass sie Angst davor hatte, in der nächsten Zeit öfter mit Bemerkungen wie dieser zu tun zu haben. Im Diplomatenviertel in Berlin und in der Internationalen Schule, die sie bisher besucht hatte, wunderte sich niemand über krauses Haar und eine dunkle Hautfarbe. Da gab es Menschen mit Wurzeln aus aller Herren Länder. Ob sie in der Schule in Köln, die sie demnächst besuchen würde, ebenso wenig auffiel? Sie kannte die Stadt gar nicht richtig, weil sie in den Ferien immer nur ein paar Tage dort verbracht hatte. In den drei Wochen im Jahr, die sie mit ihrer Mutter hatte verbringen dürfen, war sie meist mit ihr verreist. Oft in spannende Länder, in denen man auch reiten konnte. Im vergangenen Jahr waren sie zum Beispiel in Island gewesen. Sie freute sich immer sehr auf die Wochen mit Julia – ihre Mutter ließ sich von ihr beim Vornamen nennen –, wenn sie ihre Vorbehalte auch nicht so richtig beiseiteschieben konnte: Wer mochte schon Zeit mit einer Mutter verbringen, die einen nicht hatte bei sich haben wollen?

Olivias Eltern waren seit neun Jahren geschieden, damals war sie gerade erst drei Jahre alt gewesen, und seitdem hatte sie bei ihrem Vater gelebt. Julia, so hatte er ihr erklärt, sei als Reisejournalistin immer unterwegs und könne sie natürlich nicht zur Arbeit mitnehmen. Sie habe obendrein nur eine kleine Wohnung, in der sich kein Platz für all ihre Sachen finde. Olivia hatte das hingenommen, obwohl sie immer etwas traurig gewesen war, wenn sie ihre Mutter nach den gemeinsamen Ferien wieder hatte verlassen müssen. Bei ihren Besuchen in Köln hatten sich die Erklärungen ihres Vaters allerdings jedes Mal bestätigt. Die Etagenwohnung war winzig, zu zweit wurde es ihnen dort recht schnell zu eng.

Bei ihrem Vater hatte Olivia dagegen ein eigenes Zimmer und einen großen Garten gehabt. In der Woche hatte er sich zwar nicht viel Zeit für sie nehmen können – er hatte eine wichtige Stellung in der ghanaischen Botschaft –, aber da hatte Mama Efua für sie gesorgt, ihre immer fröhliche, rundliche Haushälterin. Früher hatte sie ein Kindermädchen gehabt, und in den letzten Jahren Au-Pair-Mädchen aus aller Welt, mit denen sie viel Spaß gehabt hatte. Am Wochenende war dann ihr Vater für sie da gewesen. In der letzten Zeit hatten sie die Sonntage meist auf den Turnieren verbracht, die Olivia mit ihrem Pony Partygirl bestritt. Ihr Vater hatte Party zwei Jahre zuvor gekauft, nachdem Olivia ein Jahr lang fleißig Reitunterricht genommen hatte. Jetzt lernte sie mit ihr weiter und war schon oft in Dressur und Springen platziert worden. Ihre Reitlehrerin war stolz auf sie – was wiederum Olivia glücklich machte. Sie vergötterte Sonja Helwig. Hätte ihr Vater sich nicht in sie verlieben können?

Olivia musste jetzt doch kurz schniefen – auf die Gefahr hin, die Neugier ihres Gegenübers noch weiter anzufachen. Aber es machte sie eben immer wieder fertig, wenn sie daran dachte, wie schnell sich alles geändert hatte, nachdem ihr Vater Amaya kennengelernt hatte. Die Japanerin war ihm bei einem Botschaftsempfang aufgefallen – auch sie arbeitete in der Vertretung ihres Landes –, und es hatte wohl sofort gefunkt zwischen den beiden. Ein paar Monate später hatten sie geheiratet, und vor vier Wochen hatte ihr Vater die Bombe platzen lassen: Er hatte sich um einen Posten in der Botschaft in Tokio beworben und ihn bekommen. Amaya wollte nach Hause, sie war schwanger. Und Olivia, so hatte ihr Vater beschlossen, sollte nicht mit nach Japan. Er hatte gemeinsam mit ihrer Mutter entschieden, dass sie die nächsten Jahre bei ihr verbringen sollte. »Julia freut sich auf dich«, hatte er behauptet und alle möglichen Gründe angeführt, weshalb es für sie selbst besser wäre, in Deutschland zu bleiben: die Schule, die Reitausbildung, die Sprache … und ihr Pony, von dem sie sich ja bestimmt nicht trennen wolle.

Olivia hatte nicht lange gebraucht, um herauszufinden, dass all das Unsinn war. Die anderen Diplomatenkinder, mit denen sie zur Schule gegangen war, waren zum Teil schon in den verschiedensten Ländern gewesen, und sie bestätigten ihr, dass es auch in Tokio eine Internationale Schule gab sowie Reitställe, in denen nach westlichen Standards Dressur und Springen unterrichtet wurde. Japaner kauften sehr gern Pferde in Deutschland. Es war also keineswegs unmöglich, ein Pferd nach Tokio zu transportieren. Wohingegen es ganz und gar nicht sicher war, wo Party in Köln unterkommen würde. Olivias Mutter suchte noch nach dem richtigen Stall. Und nach gutem Unterricht, wie sie versprochen hatte. Olivia war allerdings jetzt schon klar, dass sie keine zweite Frau Helwig finden würde.

»Was hast du denn?«, fragte ihre gesprächige Mitreisende.

Olivia biss die Zähne zusammen. »Nichts«, antwortete sie und stand auf.

Sie konnte auch im Gang aus dem Fenster schauen. Es war beschlagen, und Olivia zeichnete einen Pferdekopf auf die Scheibe. Die Konturen gaben den Blick auf einen Offenstall mit Auslauf frei, in dem ein paar nasse, schmutzige Pferde standen. »Vielleicht findet ihr ja in Köln einen Stall, dem eine Weide angeschlossen ist, sodass Party an die frische Luft kann«, hatte Aenné, ihr irisches Au-Pair-Mädchen, aufmunternd gesagt. »Es wird doch jetzt Frühling, da muss ein Pferd mal raus!«

Olivia hatte nur mit den Schultern gezuckt.

Frau Helwig sah das ganz anders. »Turnierpferde brauchen keine Weide«, hatte sie ihren Schülerinnen erklärt. »Wenn ihr fleißig trainiert, sind sie damit ausgelastet. Dann kommen sie nicht in den Fellwechsel, und man hat weniger zu putzen.«

Party trug auch jetzt, Anfang April, noch ihre kuschlige pinkfarbene Stalldecke. Ihr tiefschwarzes Fell war kurz und glänzte wie eine Speckschwarte, ebenso ihre akkurat gekürzte schwarze Mähne und ihr üppiger Schweif. Olivia konnte sich an ihrem hübschen Westfälischen Reitpony kaum sattsehen. Sie vermisste es jetzt schon.

Immerhin waren es nur noch ein paar Minuten bis zum Kölner Hauptbahnhof, wie sie der Ansage eines Zugbegleiters entnehmen konnte, und so suchte sie rasch ihre Sachen zusammen. Sie hatte nur einen kleinen Koffer und einen Rucksack dabei, alles andere wollte ihr Vater demnächst mit einer Spedition schicken. Theoretisch könnte sie ihre ganze Zimmereinrichtung behalten. Aber praktisch würde es wohl so aussehen, dass sie bei ihrer Mutter auf der Couch schlafen musste.

Julia Wiegand-Afrani stand schon auf dem Bahnsteig und winkte wie wild, als sie Olivia im Zug erkannte. Sie trug Jeans und einen Trenchcoat – einen Schirm schien sie wieder mal nicht mitgebracht zu haben. Ihre Mutter mochte keine Schirme. Dementsprechend nass war ihr halblanges braunes Haar – ganz glattes Haar, wie Olivia immer wieder auffiel. Hätte sie ihr das nicht vererben können?

»Livvie!« Julia kam strahlend auf sie zu und zog sie in die Arme. Sie war die Einzige, die sie Livvie nannte. Olivia wusste nicht recht, ob ihr das gefiel oder nicht, und sie erwiderte auch die Umarmung nur halbherzig. »Wie war die Reise? Sehr langweilig? Aber du hast ja bestimmt dein Tablet dabei, oder? Hast du einen Film geguckt? Also, ich finde Bahnfahren nur stressig, besonders wenn man Mitfahrer hat, die einen ununterbrochen zutexten …« Zum Zutexten neigte ihre Mutter selbst ein bisschen, aber jetzt musste Olivia doch lachen, weil sie den Nagel auf den Kopf getroffen hatte. Unauffällig wies sie mit dem Kinn auf die ältere Dame, die ebenfalls ausgestiegen war und neugierig zu ihnen herüberlinste. Julia stöhnte. »Vielleicht tust du beim nächsten Mal einfach so, als ob du kein Deutsch könntest«, schlug sie vor. »Mach ich auch immer. Klappt zuverlässig.«

Olivia schaute sie ungläubig an. »Du sagst, du bist aus Ghana?«, fragte sie verblüfft.

Ihre Mutter lachte. »Eher aus Island oder Spanien«, behauptete sie. »Aber je exotischer, desto besser. Mir würde natürlich kaum einer glauben, dass irgendein ghanaischer Dialekt meine Muttersprache ist. Dir dagegen steht da geradezu die Welt offen. Jetzt komm, lass uns nach Hause fahren. Was für ein Sauwetter! In Mainz soll es Gott sei Dank besser sein.«

Olivia fragte sich, weshalb sie sich für das Wetter in Mainz interessieren sollte, aber jetzt dackelte sie ihrer Mutter, die sofort nach ihrem Koffer gegriffen hatte und ihn jetzt hinter sich herzog, erst mal nach zu deren Kleinwagen. In Berlin war sie meistens vom Chauffeur ihres Vaters hin- und hergefahren worden. In der Regel in großen schwarzen Limousinen. Das Auto ihrer Mutter war dagegen himmelblau, hatte runde Scheinwerfer wie die Augen einer Comicfigur und schien ihnen vergnügt zuzublinzeln. Das hatte auch etwas für sich.

»Ich freu mich unheimlich, dass du da bist!«, erklärte Julia beim Einsteigen zum ungefähr dritten Mal. Diesmal sah sie Olivia jedoch fragend an. Anscheinend war ihr aufgefallen, dass sie nicht ebenso begeistert wirkte. »Wobei ich anscheinend nicht weiß, wie es dir damit geht.«

Sie hatten zwar mehrfach über den Umzug gesprochen, aber es war hauptsächlich um praktische Fragen wie die Schule und die Unterbringung des Ponys gegangen. Jetzt schien es ihrer Mutter zu dämmern, dass Olivia sich über den Ortswechsel nicht gar so freuen konnte wie sie selbst.

»Hat Papa dich überhaupt gefragt, ob du zu mir ziehen möchtest?«, stellte sie die entscheidende Frage.

»Hat er dich gefragt?«, gab Olivia patzig zurück. »Ist doch wohl etwas komisch, dass du mich plötzlich wolltest …«

Eigentlich hatte sie dieses Thema viel später anschneiden wollen, jetzt platzte es einfach aus ihr heraus. Schnell setzte sie sich neben ihre Mutter auf den Beifahrersitz, nachdem diese den Koffer verstaut und sich ins Trockene geflüchtet hatte.

Julia blickte sie erschrocken an. »Ich soll dich nicht gewollt haben?«, fragte sie entrüstet. »Hat dein Vater dir das erzählt? Livvie, das sagst du mir jetzt erst? Es stimmt nicht, das musst du mir glauben! Ich wollte dich unbedingt bei mir behalten nach der Scheidung. Ich hab alles versucht. Aber dein Vater hatte die besseren Anwälte, mehr Geld … und das schlagende Argument war die Hautfarbe. Du würdest bei ihm weniger rassistischen Belästigungen ausgesetzt sein, hat er gesagt, und überhaupt würde ich dich deiner Kultur entfremden. So ein Unsinn! Jetzt hat er sich die Sache anders überlegt. Ich war total glücklich, als er sagte, dass du bei mir leben könntest.« Olivia antwortete nicht. Schließlich ließ ihre Mutter den Motor des Autos an. Sie wohnte in der Nähe der Messehallen, nur zehn Fahrminuten vom Bahnhof entfernt. »Du bist nicht glücklich, oder?«, stellte sie fest. »Du wolltest nicht zu mir ziehen.«

Olivia hatte auf einmal ein schlechtes Gewissen. Es war ja nicht so, dass sie ihre Mutter nicht liebhatte. Und falls das stimmte, was sie sagte …

»Du hast doch gar keine Zeit für ein Kind«, wiederholte sie die Erklärungen ihres Vaters. »Und kein Geld für ein Pferd!«

Dieses Argument war in den letzten Jahren hinzugekommen, seit Olivia häufiger Fragen stellte. Die gemeinsamen Urlaube mit ihrer Mutter waren immer so schön gewesen, und sie waren sich dabei sehr nahegekommen. Es war ihr dann seltsam erschienen, dass Julia sie nicht häufiger bei sich haben wollte. Sie hatte allerdings nie gefragt, warum – schon aus Furcht vor einer Enttäuschung. Stattdessen hatte sie versucht, mehr aus ihrem Vater herauszubekommen.

Ihre Mutter bremste abrupt. »Livvie, jetzt hör aber auf! Ich hätte mir alle Zeit der Welt genommen! Und ich hatte immer ein Pferd. Während des Studiums, der Ausbildung … Das weißt du doch. Mit dem Reisejournalismus hab ich erst angefangen, nachdem Coffee tot war. Später hab ich deinen Vater kennengelernt … Na ja, es hat sich halt nicht ergeben, ein neues Pferd anzuschaffen. Am Geld hat es nicht gelegen. Und jetzt … Das wollte ich dir eigentlich nicht so zwischen Tür und Angel erzählen. Lass uns erst mal ankommen, okay?«

Olivia nickte. Frustriert schaute sie aus dem Fenster. Sie fuhren die Rheinuferstraße entlang und dann über die Deutzer Brücke, von wo aus man einen schönen Ausblick auf den Kölner Dom hatte, danach wurde es immer trister und eintöniger. Eigentlich war Köln ja eine tolle Stadt, sie hatte Fernsehstudios, den Karneval, den Rheinpark, das Sport- und das Schokoladenmuseum … Mhmm, Schokolade wäre jetzt eine gute Idee. Mama Efua pflegte zu sagen, man könne sich damit trösten.

Ihre Mutter schien das auch zu wissen. Jedenfalls duftete ihre Wohnung anheimelnd nach frisch gebackenem Kuchen, als sie das graue Mietshaus endlich erreicht und die Stufen bis in den zweiten Stock hinaufgestiegen waren. Den Aufzug nahmen sie nie.

Olivias Stimmung hob sich. »Schokokuchen?«, fragte sie hoffnungsvoll.

Julia lächelte. »Schokokuchen und eine Überraschung!«, erklärte sie. »Eine pferdige Überraschung!« Olivia runzelte die Stirn. Das Adjektiv »pferdig« hatte ihre Lehrerin angestrichen, als sie es einmal in einem Aufsatz gebraucht hatte. Das gab es schließlich nicht in der deutschen Sprache. Ihre Mutter sah das anscheinend anders. Wie erwartet wies sie ihr jetzt das Sofa zum Schlafen an. »Ist ja nicht für lange«, bemerkte sie tröstend.

Olivia merkte auf. »Willst du ein Bett für mich kaufen?«, fragte sie, hellhörig geworden. »Wo sollen wir das denn hinstellen?«

Ihre Mutter zwinkerte geheimnisvoll und winkte sie erst mal in ihre winzige Küche, wo sie ein Glas mit kalter Milch füllte und ein großes Stück Kuchen abschnitt. Olivia durfte beides mit ins Wohnzimmer nehmen und auf dem Sofa essen. Mitunter aßen sie sogar vor dem Fernseher. Bei ihrem Vater wäre das undenkbar. An diesem Tag blieb der Fernseher allerdings aus. Ihre Mutter machte sich einen Kaffee und nahm sich ebenfalls ein riesiges Stück Schokokuchen. Dann setzte sie sich in den Sessel Olivia gegenüber.

»Was würdest du sagen …«, begann sie, »… wenn du demnächst mit deinem Pony zusammenwohnen könntest?«

Olivia kicherte. »Im Stall?«, fragte sie. »Soll ich im Stroh schlafen?«

Julia verzog das Gesicht, als dächte sie ernsthaft darüber nach. »Kann passieren, wenn deine Möbel nicht schnell genug kommen«, meinte sie. »Aber eigentlich sollen wir eine Wohnung mit Blick auf den Stall bekommen. Den sich Partygirl mit vielen anderen Pferden teilen wird. Ich hab einen neuen Job, Livvie. Ich werde einen Pferdehof leiten.«

Olivia blieb der Schokokuchen im Halse stecken.

»Einen Reitstall?«, rief sie. Ihre Stimme klang ganz quietschig vor Aufregung. »Aber du … das kannst du doch gar nicht! Ich meine … Frau Helwig ist Pferdewirtschaftsmeisterin. Und du bist nicht mal Pferdewirtin oder so was …«

Ihre Mutter schüttelte gelassen den Kopf. »Nein, bin ich nicht. Ich will ja auch keinen Reitunterricht geben oder Pferde ausbilden. Tatsächlich geht es um einen Schutzhof, Livvie, früher sagte man Gnadenhof. Ein Stall, der Pferde aufnimmt, die keiner mehr will. Weil sie alt sind oder krank oder hässlich oder schwierig … Es gibt viele Gründe, aus denen Pferde auf einem Schutzhof leben.«

Olivia runzelte die Stirn. »Wer bezahlt denn für die?« In ihrem Reitstall in Berlin gab es keine alten oder überflüssigen Pferde. Wenn ein Pferd nichts mehr taugte, verschwand es. Wenn sie so darüber nachdachte, fiel ihr auf, dass sie gar nicht wusste, wohin. »Bei Frau Helwig wurden solche Pferde verkauft, glaub ich.«

Ihre Mutter nickte. »Und hast du dich mal gefragt, an wen?«, erkundigte sie sich ernst. »Es ist durchaus möglich, dass eure ausgedienten Turnierpferde noch bei einem netten Freizeitreiter unterkommen, für viele von ihnen beginnt jedoch ein trauriger Abstieg – wenn sie nicht gleich zum Schlachter geschickt werden.«

»Zum Schlachter?«, fragte Olivia ungläubig. »Aber … aber wer isst denn Pferde?«

Ihre Mutter rieb sich die Stirn. »Es gibt eine Menge Leute, die Pferdefleisch essen«, erklärte sie dann. »Besonders in anderen Ländern. Deshalb schickt man Pferde, die ausgedient haben, oft noch auf eine lange und ziemlich schreckliche Reise. Hast du noch nie von Schlachtpferdetransporten gehört, Livvie?«

Olivia verneinte. Ihre Pferdewelt bestand aus pinkfarbenen Halftern und Pferdedecken, Stirnbändern mit Swarovski-Kristallen, Turnieren und weißen Reithosen … Alles, was mit Pferden zusammenhing, war irgendwie schön. Und jetzt fing ihre Mutter mit solchen Horrorgeschichten an.

»Jedenfalls gibt es Menschen, die diesen Pferden helfen wollen. Und einige von ihnen, zum Beispiel eine Sängerin, die vor Kurzem gestorben ist, geben Geld dafür. Diese Sängerin – Joline Pierot, falls dir das was sagt, sie war eine international bekannte Sopranistin – hat eine Stiftung gegründet und ihr ein Vermögen vermacht, das zum Kauf eines Schutzhofs angelegt werden soll. Du weißt schon, eine Stiftung ist so eine Art Verein, der Geld verwaltet. Die Stiftungsverwaltung hat nun in der Nähe von Mainz einen Hof gefunden, ein früheres Gestüt. Es soll unseren Zwecken entsprechend umgebaut werden, und dann nehmen wir dort hilfsbedürftige Pferde auf.«

»Wir?«, fragte Olivia.

»Ja«, bestätigte ihre Mutter. »Die Stiftungsverwaltung hat jemanden gesucht, der diesen Hof leiten will. Jemanden, der Pferde liebt und etwas von ihnen versteht, aber auch Werbung für den Hof machen kann, Spenden eintreibt, Prospekte schreibt und gestaltet, Filmarbeiten organisiert und beaufsichtigt. Die Arbeit der Stiftung soll so oft wie möglich in den Medien auftauchen. Wir werden ein oder zwei Angestellte haben und hoffentlich viele Ehrenamtliche, die sich um die Pferde kümmern …«

»Ich denke, die Pferde sind zu nichts mehr gut?«, erkundigte sich Olivia. Sie verstand die Sache immer noch nicht so ganz.

Ihre Mutter sah sie an. »Livvie, die Stiftung geht davon aus, dass jedes Pferd zu irgendetwas gut ist. Und wenn es nur darum geht, einfach da zu sein, glücklich zu sein. Und Menschen glücklich zu machen. Macht dein Partygirl dich nicht glücklich?«

»Doch!« Olivia nickte eifrig. »Vor zwei Wochen haben wir eine A-Dressur gewonnen, und …«

»Übers Gewinnen hinaus«, sagte ihre Mutter ungeduldig. »Bist du nicht glücklich, wenn du sie streichelst, dein Gesicht in ihrer Mähne vergräbst, sie umarmst?«

Olivia biss sich auf die Lippen. Frau Helwig pflegte diesen Umgang mit Pferden »betüdeln« zu nennen. Die meisten Mädchen machten es trotzdem. Weil es einfach schön war, wie Pferde sich anfühlten, wie sie dufteten …

»Schon«, gab sie zu.

Ihre Mutter lächelte. »Siehst du! Ich hab mich jedenfalls um den Job beworben, als ich hörte, dass du in Zukunft bei mir leben wirst. Ich dachte, du wärst gern dabei. Und ich hab ihn bekommen! Aufgrund meiner Erfahrung mit Pferden, der Arbeit für Pferdezeitschriften … Ich konnte die Verwaltung davon überzeugen, dass ich die Richtige bin. Also: Freust du dich?«

Olivia überlegte kurz und konnte nicht verhindern, dass ein Strahlen über ihr Gesicht huschte. Das alles klang nach einem ganz anderen Leben. Spannend. Aufregend. Wie die Urlaube, die sie mit ihrer Mutter gemacht hatte. Ganz, ganz anders als ihr gewohntes, geordnetes Leben. Aber warum nicht?

Sie nickte.

Das Schwalbennest

»Wann fahren wir denn jetzt nach Mainz?«, fragte Olivia am nächsten Morgen und leckte sich Schokocreme von den Lippen.

Am Abend ihrer Ankunft hatten sie Pizza gegessen und einen Pferdefilm geschaut, den Olivia großartig und ihre Mutter total unrealistisch fand. Immerhin hatten sie sich darauf einigen können, dass der mitspielende Hengst sehr schön war und die Stuntfrau, die das Mädchen in den Reitszenen doubelte, extrem gut reiten konnte. Jetzt saßen sie am Frühstückstisch, und Olivia brannte darauf, ihre neue Heimat kennenzulernen.

»Nach Igelheim«, berichtigte ihre Mutter. »Hof Schwalbennest liegt bei Mainz, in einem kleinen Ort mitten in einem Weinanbaugebiet. In die Stadt fährt man so etwa eine halbe Stunde. Mit dem Zug zwanzig Minuten. Da hab ich mich erkundigt, weil du ja in Mainz zur Schule gehen wirst.«

Olivia zog eine Schnute. »Mit dem Zug in die Schule?«, fragte sie.

Ihre Mutter lachte. »Ja, Prinzessin, du wirst mit öffentlichen Verkehrsmitteln vorliebnehmen müssen, die Stiftung bezahlt keinen Chauffeur. Aber du stellst bestimmt bald fest, dass auch das seine Vorteile hat.« Sie zwinkerte ihr zu. »Im Zug kann man vor der Schule schnell noch die Hausaufgaben abschreiben oder für eine Klassenarbeit lernen. Und es fahren bestimmt andere Kinder aus der Gegend mit.«

Olivia verdrehte innerlich die Augen. Typisch Julia. Hausaufgaben abschreiben! So was hatte sie noch nie getan!

»Wie komme ich denn von dort zum Bahnhof?«, erkundigte sie sich, immer noch nicht begeistert.

»Entweder ich bringe dich, oder du fährst mit dem Fahrrad«, erläuterte ihre Mutter. »Du hast doch ein Fahrrad?« Olivia sah sie an, als hätte sie nach einer fliegenden Untertasse gefragt. Bislang war sie nicht einmal auf die Idee gekommen, Radfahren zu lernen. Ihr Vater hätte das als viel zu gefährlich empfunden in der Stadt. Eigentlich war sie nie allein unterwegs gewesen. Ihre Mutter rieb sich die Stirn. »Du hast also keins«, schloss sie aus Olivias Schweigen. »Wie bist du denn immer zu deinem Pferd gekommen? Egal, dann werden wir eben eins anschaffen und dir das Radfahren beibringen. In ein paar Wochen wirst du es nicht mehr missen wollen. Das macht doch auch unabhängig! Und jetzt machen wir uns auf nach Igelheim und gucken uns Hof Schwalbennest an. Ich wäre am liebsten schon längst mal hingefahren, nachdem der Kaufvertrag mit den Stiftungsleuten abgeschlossen war, aber ich wollte auf dich warten!«

»Auf mich?« Olivia konnte es kaum glauben.

Ihr Vater hatte sie nie bei irgendwelchen Entscheidungen einbezogen. Sogar Party hatte sie sich nicht aussuchen dürfen. Das Pony war auf Frau Helwigs Rat für sie gekauft worden, und sie hatte es erst kennengelernt, als es im Reitstall stand.

»Klar!«, sagte ihre Mutter. »Ich möchte den Hof mit dir zusammen erkunden. Also, wenn du auch so gespannt bist wie ich, dann mach dich fertig. Ich räum noch die Spülmaschine ein und los geht’s!«

Olivia stellte ihr Frühstücksgeschirr zusammen und trug es zur Spülmaschine. »Wenn ich dir helfe, geht’s schneller«, sagte sie.

Ihre Mutter lächelte ihr zu.

»Wohnt da eigentlich keiner mehr?«, fragte Olivia, als der Kleinwagen ihrer Mutter auf die Autobahn rollte. »In diesem … Schwalbennest, meine ich? Komischer Name für einen Hof.«

Julia seufzte. »Doch«, sagte sie. »Und das ist etwas, mit dem wir uns zuallererst beschäftigen müssen. Es gibt zwei Mietparteien, die schon lange dort leben. Ein älteres Ehepaar, das auf dem Hof ein paar Schafe hält, und eine Familie Kesselbrink, die einen Teil des Hofes gepachtet hat, wo sie eine Art Reitstall betreibt.«

Olivia horchte auf. Vielleicht jemand wie Frau Helwig? »Sind dann nicht die ganzen Boxen belegt?«, überlegte sie.

Julia schüttelte den Kopf. »Nein, nur ein paar. Insgesamt haben die höchstens zwanzig Pferde. Der Trainingsstall Kesselbrink nimmt Pferde zur Ausbildung an und trainiert Turnierreiter. Wobei Frau Kesselbrink die Trainerin ist. Ihr Mann und ihr Sohn reiten aktiv Springen. Der Mann soll ganz bekannt sein. Ich hab zwar noch nie was von ihm gehört …«

»Lorenz Kesselbrink?«, fragte Olivia. Sie hatte die Zeitschriften in Frau Helwigs Reiterstübchen immer gewissenhaft durchgeblättert, auch wenn die vielen Turnierberichte manchmal etwas langweilig waren. »Cool! Der hat super Pferde. Eins soll über eine Million Euro gekostet haben!«

Ihre Mutter zuckte mit den Schultern. »Hoffentlich weiß er das auch zu schätzen«, bemerkte sie dann eher zweifelnd. Der Preis des Pferdes schien ihr nicht zu imponieren.

»Das ist jedenfalls toll!« Olivia freute sich. »Da kann ich mit Partygirl gleich weitertrainieren. Oder … oder wollt ihr denen kündigen?« Es klang besorgt.