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Anšlavs Eglītis (1906–1993) nutzte die eigene Lebensgeschichte – seine Flucht 1944 vor der Roten Armee nach Deutschland – als Vorlage für einen bitterkomischen Episodenroman. Der ausgebombte lettische Flüchtling Pēteris Drusts strandet von Berlin aus in dem kleinen Städtchen Pfifferlingen auf der Schwäbischen Alb, einer vermeintlichen Durchgangsstation auf dem Weg in die Schweiz. Der Zweite Weltkrieg wütet noch, doch die Pfifferlinger gehen fernab von den Gefechten an der Front und den Bombardierungen der Metropolen ungerührt ihren Alltagsgeschäften nach. In dieser hinterwäldlerischen Provinz eckt der Rigaer Pēteris Drusts mit seinen großstädtischen Manieren an: Einerseits ist er auf die Güte der einheimischen Bevölkerung angewiesen, etwa für ein Dach über dem Kopf und ein warmes Essen – andererseits sind ihm die Pfifferlinger intellektuell und kulturell meilenweit unterlegen. Doch er darf ihre Bauernschläue nicht unterschätzen. Die Episoden sind wie an einer Perlenschnur aufgereiht. Einige berichten von Drusts kuriosen Begegnungen und Verwicklungen mit den alt eingesessenen kauzigen Kleinstädtern, andere erzählen schildbürgerartige Begebenheiten der Stadtgeschichte. Berthold Forssman trifft in seiner scharf ausbalancierten Übersetzung genau die zugespitzte Komik von Anšlavs Eglītis, die aus dem Aufeinandertreffen der existenziellen Lebenssituation eines Geflüchteten mit der Behäbigkeit und Begriffsstutzigkeit der Einheimischen entsteht. Der doppelbödige Humor ist von Schmerz gezeichnet – nur mit befreiendem Gelächter ist die grausame Absurdität des Lebens zu ertragen.
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Seitenzahl: 368
Veröffentlichungsjahr: 2024
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Anšlavs Eglītis
Aus dem Lettischen
und mit einem Nachwort
von Berthold Forssman
Pēteris Drusts döste vornübergebeugt im Zug. Alles Erlebte erschien ihm wie ein sinnloser Albtraum: das brennende Berlin, die Flucht durch die Flammen, das Umherirren in den Trümmern, der Ansturm auf die Züge, die langen Nächte in den überfüllten Waggons, das endlose Warten, mal auf offenem Feld, mal in zerstörten Bahnhöfen, wo in allen Ecken der Wind pfiff und Schnee umherwirbelte. Drusts war bereits die vierte Nacht unterwegs. Von jeder Endstation war er mit dem ersten Zug weiter nach Südwesten gefahren, in Richtung Rhein und Schweizer Grenze.
Der Zug hatte die großen Städte hinter sich gelassen, und nun ging es, soweit es sich anhand der langsamen Fahrt und des schweren Keuchens der Lokomotive beurteilen ließ, durch eine bergige Gegend. Im Waggon herrschte Dunkelheit, nur das Glimmen von Zigaretten war zu sehen. Ganz Deutschland lag in dichter undurchdringlicher Finsternis. Die Bürger waren folgsam und gewissenhaft: Man konnte hunderte Kilometer fahren, und nirgends drang ein einziger Lichtschein durch den Spalt einer nachlässig vorgezogenen Verdunklung hervor. Nur in den Bahnhöfen warfen fahle Birnen gespenstisches Licht auf schmale Bahnsteige, auf denen sich die Menschen drängten wie graue Schatten.
Irgendwo hier sollte er aussteigen, dachte der zu Tode erschöpfte Drusts. Aussteigen, einen Gasthof suchen und endlich eine Nacht in einem Bett verbringen. Aber an welcher Station? Dies war eine wichtige Hauptstrecke, und die Bahnhöfe konnten jederzeit zum Ziel von Luftangriffen werden. Statt wie erhofft in einem Bett auszuschlafen, würde er dann nur wieder in einem Schutzraum herumlungern. Wo ließ sich jetzt in ganz Deutschland bloß ein sicheres und ungestörtes Nachtquartier auftreiben?
Drusts presste die Hände gegen seine Schläfen und drückte die Stirn gegen die Fensterscheibe. Auf dem Nebengleis standen, im Dunkel kaum zu erkennen, eine kleine altertümliche Lokomotive und ein paar ebenso eigenttümliche Reisezugwagen, offenbar der Zug einer kleinen Nebenstrecke zu einer vollkommen unbedeutenden Ortschaft.
Einer plötzlichen Eingebung folgend sprang Drusts auf, stolperte aus dem Waggon hinaus ins Dunkel und tastete sich zu dem kleinen Zug hinüber.
Der große Schnellzug fuhr weiter, während der kleine Zug noch wartete und sich langsam mit dick eingemummelten Gestalten füllte, die gegeneinanderstießen, dann und wann ein Streichholz entzündeten oder eine Taschenlampe aufleuchten ließen. Dabei unterhielten sie sich leise in einem so merkwürdigen Dialekt, dass Drusts, obwohl des Deutschen durchaus mächtig, nur mit Mühe einzelne Wortfetzen aufschnappen konnte.
Als sich der kleine Zug endlich unter Pfeifen und Bimmeln in Bewegung setzte, sprang noch ein verspäteter Reisender auf. Vorsichtig knipste er eine Taschenlampe an und lenkte ihren bläulichen Schein auf den freien Sitz neben Drusts. Dort ließ er sich schwerfällig nieder und ließ den Strahl seiner Lampe auch über Drusts’ Gesicht wandern. Beim zweiten Mal ließ er ihn dort etwas länger verweilen.
»Sie sind wohl nicht von hier?«, fragte eine dumpfe Stimme, aus der weder das Geschlecht noch das Alter des Sprechers zu erkennen war.
»Das stimmt. Von weit her«, brummte Drusts mürrisch, weil er geblendet worden war und ihm der Sinn so gar nicht nach einer Plauderei stand, erst recht nicht mit einer unbekannten Stimme aus dem Dunkel.
»Nach Truchtelfingen oder nach Pfifferlingen?«, bohrte die Stimme weiter.
»Nach Pfifferlingen«, entgegnete Drusts, der nun endlich wusste, wohin die Reise ging. Der Name Pfifferlingen gefiel ihm, warum sollte er also nicht dorthin fahren?
»Ihrer Aussprache nach kommen Sie aus Preußen.«
»Nein. Aus Lettland.«
Ja, Lettland kannte man selbst in einem so abgelegenen Winkel Deutschlands. Auch von hier waren Soldaten in Lettland gewesen. Dort war es ihnen gut ergangen, und deshalb war ihnen Lettland wie eine Oase in der russischen Wüste im Gedächtnis geblieben.
»Haben Sie hier Verwandte?«, fragte die Stimme weiter.
»Nein.«
»Vielleicht Bekannte?«
»Nein.«
»Zu wem fahren Sie denn dann?«
»Zu gar niemandem.«
»Zu einer Arbeitsstelle?«
»Nein.«
»Vielleicht sind Sie von der Regierung oder von der Partei beauftragt worden?«
»Nein.«
»Sind Sie schon einmal hier gewesen?«
»Nein.«
»Ja, warum fahren Sie dann nach Pfifferlingen?«
»Irgendwo muss der Mensch schließlich bleiben.«
»Aber warum ausgerechnet Pfifferlingen? Auf der Welt gibt es so viele andere Orte!«
»Von denen gefällt mir keiner«, entgegnete Drusts in der Hoffnung, dass das Gespräch endlich versiegen möge.
Sein Sitznachbar schwieg eine Weile; vermutlich musste er über das Gehörte nachdenken. Dann leuchtete wieder der bläuliche Schein der Lampe auf und glitt über die Sitzbank hinweg zum Gepäcknetz über ihren Köpfen.
»Wo sind denn Ihre Sachen?«, fragte die Stimme.
»Ich habe keine.«
»Was heißt da, Sie haben keine? Jeder Mensch besitzt irgendwelche Sachen. Wo sind Ihre?«
»Sie sind verbrannt.«
»Verbrannt? Bei einem Luftangriff?«
»Ja.«
Drusts hörte, wie sein Gegenüber einen Seufzer ausstieß, entweder, weil er auf einen so wortkargen Gesprächspartner gestoßen war, oder aus Mitgefühl über sein Schicksal.
Nach einer Weile erklang erneut die Stimme aus dem Dunkel: »Und was haben Sie jetzt vor?«
»Ich fahre nach Pfifferlingen.«
»Aber was wollen Sie nach Ihrer Ankunft dort anstellen? Mitten in der Nacht?«
»Ich werde einen Gasthof aufsuchen. Können Sie mir einen nennen?«
»Aber ja! Es gibt die Gasthöfe ›Zum Bären‹, ›Zum Adler‹ und ›Zum Lamm‹.«
»Schön. Dann gehe ich zum ›Lamm‹. Vor dem Bären bin ich auf der Flucht, und Adler mag ich auch nicht.«
Doch dieser Sarkasmus verfing bei seinem Gesprächspartner nicht. Damals wusste Drusts noch nicht, dass die Pfifferlinger niemals und nirgends nach einem verborgenen Hintersinn suchten, und vielleicht war das einer der Gründe für ihr glückliches Leben.
Der Zug hielt an.
»Wir sind da«, sagte die Stimme, und Drusts hörte, wie sein Gesprächspartner seine Bündel schulterte. Kurz darauf standen sie vor dem Bahnhof in pechschwarzer Finsternis.
»Zum ›Bären‹ und zum ›Adler‹ wäre es viel näher«, sagte seine Begleitung. »Aber wenn Sie unbedingt im ›Lamm‹ absteigen wollen, bringe ich Sie dorthin. Im Dunkel finden Sie den Weg nicht allein.«
Natürlich war es Drusts vollkommen gleichgültig, in welchem Gasthof er unterkommen würde, aber ihm gefiel dieses Spielchen in der Finsternis, und zwar schon allein deshalb, weil sein Begleiter schweres Gepäck bei sich hatte. Sollte er ruhig an seiner Torheit zu schleppen haben, dachte Drusts, und sie machten sich auf den Weg.
Es war ein eigenartiges Gefühl, in kohlrabenschwarzer Nacht durch einen gänzlich unbekannten Ort zu laufen. Wie mochten die Häuser bei Tag aussehen, gegen die sie dann und wann schrammten, was mochten das für Brücken sein, über die sie gingen, wie würden diese löchrigen schneebedeckten Straßen sein, die immer wieder kurz im bläulichen Schein der Taschenlampe seines Begleiters auftauchten?
»Hier ist der Gasthof ›Zum Lamm‹«, sagte die Stimme unvermittelt. »Behalten Sie ruhig meine Lampe. Die werden Sie hier gut gebrauchen können, wo es doch überall so dunkel ist.«
Drusts war beschämt von dieser so überraschenden Großzügigkeit. Das harte Pflaster Berlin hatte ihn nicht eben verwöhnt, und so bat er: »Sagen Sie mir doch, wie Sie heißen, damit ich Ihnen die Lampe zurückgeben kann.«
Drusts wollte aber auch nicht auf eine kleine Revanche verzichten, und so richtete er den Lichtstrahl direkt auf die Augen seines Begleiters. Aber da wäre ihm beinahe die Lampe aus der Hand gefallen: Im Dunkel tauchte ein von schwarzen Haaren umrahmtes südländisches Gesicht mit tiefliegenden dunklen Augen auf. Die Wangen waren vom Tragen der schweren Bündel gerötet, und an der Stirn klebten mehrere Haarsträhnen.
»Ich bin Frau Bitzer«, bekam der überraschte Drusts als Antwort, und sogleich verhallten ihre Schritte in der Dunkelheit.
»Verdammt!«, entfuhr es ihm, denn erst jetzt wurde ihm klar, dass das eine hübsche Frau gewesen war und er ihr nicht einmal geholfen hatte, ihr Gepäck zu tragen. Was für Verletzungen erlitt ein Mensch in der Kriegszeit, dass er so gleichgültig und grob wurde!
Drusts wollte ihr hinterherrennen und zusehen, ob er seinen Fehler wiedergutmachen konnte, aber schon an der nächsten Ecke wusste er nicht mehr weiter. Er leuchtete nach rechts und nach links und rief dann leise: »Frau Bitzer! Frau Bitzer!«
Doch alles war und blieb still und dunkel. Dann quietschte irgendwo eine Tür, und eine dumpfe Stimme fragte: »Was ist denn hier los?«
»Ich suche den Gasthof ›Zum Lamm‹«, stieß Drusts erschrocken hervor. Gehörte diese Stimme etwa Frau Bitzer?
»Dann sind Sie hier richtig«, sagte die Stimme. »Aber ich hatte den Eindruck, dass Sie nach jemandem gerufen haben?«
Drusts erkannte im bläulichen Dämmerlicht der Türöffnung eine weibliche Gestalt. Aber die Frau trug eine weiße Kittelschürze, und ihre Stimme klang noch dumpfer als die von Frau Bitzer.
»Ich wollte Frau Bitzer treffen«, stotterte Drusts. »Ich habe sie in der Dunkelheit verloren. Wissen Sie, wo sie wohnt? Ich würde sie gerne morgen treffen.«
»Was heißt da Frau Bitzer?«, fragte die Gastwirtin. Sie ließ Drusts in den Empfangsraum eintreten und musterte ihn von Kopf bis Fuß. »Sie wollen einfach nur Frau Bitzer treffen?«
»Ganz genau, Frau Bitzer.«
»In Pfifferlingen gibt es nichts Einfacheres, als Frau Bitzer zu treffen«, sagte die Gastwirtin und grinste.
Die dumpfe Stimme veranlasste Drusts dazu, die Frau noch einmal aufmerksam zu mustern. Ihre Haare und Augen waren dunkel, die Wangen zart gerötet. War das womöglich doch Frau Bitzer? Aber warum hätte sie sich für eine Fremde ausgeben sollen? Das würde keinen Sinn ergeben, dachte Drusts.
Die Müdigkeit und die Dunkelheit verleiteten ihn dazu, allerlei Unsinn zu denken. Natürlich war die Gastwirtin eine völlig andere Frau.
Ihr spöttischer Ton gefiel Drusts ganz und gar nicht. Aber wer immer Frau Bitzer auch sein mochte: Sie hatte sich überaus menschlich und freundlich verhalten. Die Kriegszeit hatte Drusts gelehrt, Menschen nach anderen Maßstäben zu bewerten. Er setzte eine abweisende Miene auf und erkundigte sich nach einer Unterkunft im »Lamm«.
Doch auch die Wirtin des Gasthofs hatte eine Frage: »Kommen Sie aus Preußen? Warum sind Sie gerade nach Pfifferlingen gekommen? Auf der Welt gibt es so viele andere Orte!«
Drusts seufzte. »Gestatten Sie mir, gute Frau, die Erklärungen für den morgigen Tag aufzuheben. Es ist schon spät. Ich bin müde, und auch Sie werden sich zur Ruhe begeben wollen. Sagen Sie mir geschwind, ob Sie mir ein Zimmer geben können oder nicht?«
»Nein. Alle Zimmer sind belegt.«
Drusts vernahm dies wohl, machte aber keineswegs Anstalten, sofort zu gehen. Dies war nicht der erste deutsche Gasthof, der einen Ausländer abwies. Drusts trug einen guten, noch in Riga geschneiderten Mantel, bei dem nur der Persianerkragen durch die Brände in Berlin leicht angesengt war. Er knöpfte ihn weit auf, um seinen feinen Anzug aus blaugestreiftem englischem Tuch zu zeigen, dessen Hosenenden zwar beim Rennen über die brennenden Trümmer schadhaft geworden waren und aussahen wie von Rost befallen, aber das war im Dunkel des Empfangsraums nicht zu erkennen. Er legte seinen teuren Filzhut auf die Theke, und auch die Schlangenlederhandschuhe, die freilich vom Herumstöbern in den verkohlten Ruinen schwarz und eingeschrumpelt waren, und zog eine Brieftasche aus Krokodilleder hervor. Dort wühlte er in Papieren, damit es für die Wirtin aussah, als schimmere dort noch ein ganzes Bündel Reichsmark. Dabei glänzte der massive goldene Siegelring an seinem Finger.
Diese stumme Zeichensprache in Gestalt der Sonntagsstatt eines angesehenen Rigaers überzeugten die Wirtin mehr als alle Worte. Als sich Drusts freundlich erkundigte, ob sie ihm nicht irgendeinen anderen anständigen Gasthof empfehlen könne, meinte sie, dass es im Dunkel gewiss schwierig würde, den Weg zu finden. Dabei fiel ihr plötzlich ein, dass im Gasthof »Zum Lamm« doch noch ein Zimmer zu vergeben sei.
»Frau Bitzer!«, tönte es in Drusts, während er in den Schlaf hinüberglitt. Vor seiner Abreise morgen würde er sie unbedingt aufsuchen, um ihr zu beweisen, dass er keine Geschenke annahm, und sei es nur eine Taschenlampe.
Drusts erwachte erst am späten Vormittag. Eine Weile rekelte er sich unter seinen Decken, aber dann trieb ihn die Neugierde dazu, die mehrschichtigen Vorhänge vor dem Fensterchen zur Seite zu schieben und die Läden zu öffnen.
Pfifferlingen lag in einem tiefen engen Tal. Auf beiden Seiten erhoben sich verschneite, mit Buchen bewachsene Hänge, die ganz oben stellenweise von kahlen Felskämmen gekrönt waren. Sein Blick suchte vergeblich nach Trümmern. Wie überaus sonderbar war das alles: Tagelang war er durch verrußte Ruinenstädte und Bahnhofsgerippe ohne Dach gefahren, über zerstörte und nur notdürftig abgestützte Brücken, und nun erwachte er plötzlich in einem hübschen gepflegten Städtchen mit weißen Häusern und leuchtend roten Dächern, das an ein sonntäglich aufgeputztes Mädchen erinnerte, das auf einem sonnigen Berghang Platz genommen hatte.
Aber Drusts staunte nicht nur über diese Sonntagsstimmung und diese Sauberkeit, sondern auch über die ungewöhnlich, ja geradezu unglaublich geringen Ausmaße der Gebäude.
Die winzigen Häuschen mochten vier oder sogar fünf Fensterreihen übereinander haben. Aber wenn das die einzelnen Stockwerke waren – wie niedrig mussten die Zimmer dann sein? Als Drusts die Hand hob, konnte er mühelos die Decke ertasten. Dabei war er nicht einmal im kleinsten Dachstübchen des Gasthofs untergebracht worden, wie man vielleicht hätte annehmen können, sondern im besten Fassadenzimmer mit den größten Fenstern. Trotzdem waren diese so schmal, dass sich ein kräftig gebauter Mann nur mit Müh und Not hätte hindurchzwängen können. Auch die Tür war schmal und so niedrig, dass man sich beim Eintreten tief bücken musste.
Nachdem Drusts gerade aus den kolossalen ausgebrannten Ruinen Berlins mit ihren imposanten verkohlten Schlossportalen und den hohlen Fensteröffnungen mächtiger Theater und Großbanken kam, erschien ihm Pfifferlingen wie ein Puppen- oder Liliputstädtchen, das ein Wanderzirkus hier errichtet hatte.
Er hatte es nirgendwohin eilig. Gelangweilt trank er die fade Flüssigkeit, die seine Wirtin als Kaffee bezeichnete, und kaute träge die dünne Brotscheibe, die er für den letzten Abschnitt seiner Reiselebensmittelkarte bekommen hatte. Über Frau Bitzer verlor Drusts an diesem Morgen kein Wort, denn die Wirtin gefiel ihm bei Tageslicht noch weniger als in der vergangenen Nacht. Am meisten ärgerte es ihn, dass ihre Stimme so sehr an die von Frau Bitzer erinnerte.
Die Einheimischen hier hatten wirklich nicht gerade die schönsten Stimmen, dachte er, bezahlte für die Unterkunft und trat auf die Straße hinaus.
Über allem lagen eine beneidenswerte Stille und ein fast erdrückender Friede. Die Menschen gingen ohne Eile die Straßen entlang, und sobald Drusts einem von ihnen direkt ins Gesicht blickte, entrichtete dieser einen freundlichen Gruß. Niemand, der durch Pfifferlingen schlenderte, hätte sich vorstellen können, dass anderswo ein Krieg tobte. Drusts erschien dieser Friede wie etwas Wundersames, aber trotzdem kam es ihm nicht einmal für einen Augenblick in den Sinn, an einem so verschlafenen Ort mehrere Tage zuzubringen oder sich gar für längere Zeit niederzulassen, nicht als Weltenbummler und erst recht nicht als Flüchtling. Er war zu sehr an Aufregung gewöhnt, Gedränge, laute Schutzräume, Neuigkeiten und frische Gerüchte zu jeder Zeit. Aber er hatte hier hervorragend ausschlafen können, und dafür war er dankbar: Niemand weiß ein bequemes Nachtquartier höher zu schätzen als ein Flüchtling.
Jetzt konnte er weiterfahren und versuchen, heimlich in das Sperrgebiet an der grimmig bewachten Schweizer Grenze vorzudringen, um irgendwann in diesen legendären Hort der Freiheit zu gelangen. Wenn er sich nicht auf einen gefährlichen Grenzübertritt einlassen wollte, konnte er sich als Wohnort auch eines der schönen alten Residenz- oder Klosterstädtchen am Oberlauf der Donau aussuchen, einen berühmten Kurort im Schwarzwald im Schatten dunkler Fichten neben donnernden Wasserfällen oder eines der alten Hafenstädtchen am Bodensee, über denen alte Burgen auf den Hängen thronten wie Torten. Was für eine lächerliche Vorstellung, ohne Not in diesem unbedeutenden Nest zu bleiben!
Gleich an der nächsten Ecke sah Drusts vier rotgesichtige Pfifferlinger, die in ein Gespräch vertieft waren. Schade nur, dass es hier niemanden gab, mit dem er hätte wetten können, dass wenigstens einer von diesen vier Frau Bitzer kannte, dachte er.
Drusts grüßte das Grüppchen höflich und erkundigte sich artig: »Ob einer der Herren wohl so freundlich sein möchte und mir sagen würde, wo Frau Bitzer wohnt?«
Alle vier Gesichter wandten sich dem Sprecher zu und erstarrten für einen Augenblick in feierlicher Stille, während ihre Gehirne das Gehörte verarbeiteten. Dann erstrahlte auf allen ein breites Lächeln, vier Hände hoben sich und zeigten in alle vier Himmelsrichtungen oder vielmehr zu allen vier Straßenecken.
Drusts schaute, wohin die roten Finger wiesen, und las mit zunehmender Verwirrung die Schilder »Sattler Jakob Bitzer«, »Maler Martin Bitzer«, »Metzger Hans Bitzer« und »Bäcker Berthold Bitzer«.
»Aber meine Herren«, sagte Drusts und breitete hilflos die Arme aus, »welcher von diesen Bitzers ist denn nun der Richtige?«
Jetzt begriffen es auch die vier Umstehenden. »Ach so! Sie sind fremd hier!«, riefen alle durcheinander. »Ja, so ist das hier bei uns – fast die Hälfte der Pfifferlinger trägt den Nachnamen Bitzer, und die meisten anderen heißen Ammann, Faigle, Konzelmann oder Maute. Wenn jemand einen anderen Nachnamen hat, dann ist er wahrscheinlich aus einem der Nachbarorte zugezogen. Bestimmt kennen wir Ihre Frau Bitzer, aber sie wäre selbst dann schwer zu finden, wenn Sie uns ihren Vornamen sagen könnten. Die meisten heißen Leni, Marta, Berta oder Margarete. Wir müssten wenigstens wissen, als was ihr Mann arbeitet.«
Das wusste Drusts natürlich nicht. Die redseligen Pfifferlinger wollten ihn sofort in ein Gespräch verwickeln, aber kaum hatte er ihre Fragen gehört: »Kommen Sie aus Preußen?« und »Warum sind Sie ausgerechnet nach Pfifferlingen gekommen?«, dachte Drusts, dass er nie zu einem Ende gelangen würde, verabschiedete sich und machte sich aus dem Staub.
»Was für ein Kaff«, dachte er erstaunt. »Nicht einmal für Geld würde ich hier leben wollen! Die Hälfte der Einwohner heißt Bitzer! Diese Puppenhäuschen! Diese Schläfrigkeit! Wahrscheinlich findet man in ganz Deutschland kein schlimmeres Krähwinkel!«
Die Rückgabe der Taschenlampe würde zu nichts führen. Drusts wusste bereits aus eigener Erfahrung, dass es in diesen chaotischen Kriegszeiten keinen Sinn hatte, sich mit Dingen zu befassen, die größere Anstrengungen erforderten. Es war besser, seine Kräfte zu schonen und auf der Stelle einen ganz anderen Weg einzuschlagen.
Um diese Lebensweisheit zu befolgen, hätte Drusts jetzt einfach mit dem Mittagszug weiterfahren müssen, aber die Februarsonne schien so warm, und die bunten Häuserreihen sahen so reizend und anmutig aus, dass er nicht schon wieder in einen verrußten Zug mit zerborstenen Fensterscheiben und Bänken voller grauer ausgezehrter Menschen klettern und die ganze Zeit ängstlich nach Tieffliegern Ausschau halten wollte.
Während Drusts müßig herumstreifte, bot sich ihm vor einem Bäckerladen ein überaus eigenartiges Bild: Aus irgendeinem Grund standen dort ganze Scharen von Kindern mit Strohkörben, holten große, frisch gebackene Brotlaibe heraus und luden sie in ihre Wagen oder Schlitten. Einige Knaben nahmen sogar gleich drei oder vier davon mit.
Was mochte das zu bedeuten haben? In Berlin zeigte niemand offen sein Brot, von dem es ohnehin nur sehr wenig gab. Schließlich fragte Drusts nach.
»Ganz einfach, heute ist Samstag, und da können die Bürger hier Brot backen. Das heißt diejenigen, die eigenes Mehl außerhalb der Kartenzuteilung haben«, lautete die Antwort.
Solche Provinznester hatten also auch ihre Vorzüge. Drusts verspürte eine unangenehme Leere im Magen und überschüssige Flüssigkeit im Mund. Seine Frühstücksschnitte war ganz dünn gewesen. Diese verdammten Brotwagen! Wer hätte ihn daran hindern können, einem dieser Buben eins über den Schädel zu ziehen, dem Bewusstlosen einen Laib zu entreißen, sich damit zu verkrümeln und sich satt zu essen? Warmes, weiches, duftendes Brot, und davon so viel er wollte! Was gab es Besseres als Brot?
In Berlin hatte Drusts wie alle Letten noch ein Schmalztöpfchen und ein Stück Räucherspeck aus der Heimat bei sich gehabt, um den ärgsten Hunger zu stillen. Aber nach dem großen Luftangriff Anfang Februar hatte er allein mit seiner Kartenration auskommen müssen, und sein Appetit war von da an mit jedem Tag mächtig gewachsen. Voll Kummer und Sorge dachte er daran, dass die letzte Reisemarke aus Berlin heute aufgebraucht worden war, und es war gar nicht so einfach, ohne festen Arbeitsplatz und Wohnsitz neue Lebensmittelkarten zu ergattern. Vielleicht war das in einem solchen Kaff einfacher als anderswo? Dann hätte sich dieser Abstecher mehr als ausgezahlt, und zwar mit einem anständigen Nachtquartier und Lebensmitteln für die nächste Woche.
Also begab sich Drusts zum Rathaus und wollte beim Bürgermeister persönlich vorstellig werden, da dieser in deutschen Kleinstädten schaltete und waltete. Drusts bemühte sich, sein Anliegen mit der höflichen Selbstverständlichkeit vorzubringen, die in einem stets gradlinig denkenden deutschen Beamtenschädel gar nicht erst die Idee aufkommen ließ, es könne noch eine weitere Möglichkeit geben. Damit war es Drusts schon öfter gelungen, auch erheblich schwierigere Angelegenheiten zu regeln.
Doch der Bürgermeister fragte genau wie alle bislang angetroffenen Pfifferlinger als Erstes: »Warum sind Sie ausgerechnet nach Pfifferlingen gekommen?«
Drusts verzog das Gesicht. Er vergaß seine gewohnte Vorsicht, zuckte mürrisch mit den Schultern und erwiderte: »Der Zug fuhr nicht mehr weiter.«
»Heute fährt er wieder weiter«, erklärte der Bürgermeister ernst. »Sie müssen auf der Stelle aufbrechen. Lebensmittelkarten bekommen Sie dort, wo Sie sich niederlassen und arbeiten werden. In Pfifferlingen gibt es weder Wohnung noch Arbeit für Sie. Hier können Sie nicht bleiben.«
»Das hatte ich auch keineswegs vor! Was habe ich schließlich in so einem gottverlassenen Winkel verloren?«, rief Drusts verärgert und wollte sich schon zum Gehen wenden.
Aber jetzt war auch der Bürgermeister beleidigt. Er lief puterrot an und rief: »Was haben Sie da gesagt? Gottverlassener Winkel? Sie wissen überhaupt nicht, wovon Sie reden! Wo lebt es sich in Kriegszeiten besser als in einem kleinen abgelegenen Ort? Pfifferlingen ist wie eine Oase in einer Trümmerwüste. Als die Familie meines Bruders aus dem zerstörten Stuttgart hierherkam, weinten alle vor Freude, dass man bei uns nicht durch ausgebrannte Straßen laufen muss und die Abende in Zimmern mit heilen Fenstern verbringen kann. Das Leben in Pfifferlingen ist ein Glück, aber es ist nicht jedem vergönnt! Kein Pfifferlinger nimmt einen Fremden bei sich auf, denn wir schätzen den häuslichen Frieden mehr als alles andere. Nur eine direkte Anordnung des Bürgermeisters kann die Aufnahme eines Fremden veranlassen. Aber der Bürgermeister von Pfifferlingen vermag die Rechte und die Ruhe seiner Bürger zu schützen. Nein, mein Herr, das Glück in Pfifferlingen zu leben, ist nicht so einfach zu erlangen!«
»So ein Unsinn«, warf Drusts möglichst leichthin ein, um den Beamten zu ärgern. »Ich habe hier schon seit gestern ein Zimmer.«
»Sie haben ein Zimmer? Bei wem?«
»Bei Frau Bitzer«, log Drusts.
»Bei welcher Frau Bitzer?«
»Bei der Leni.« Drusts nannte den erstbesten weiblichen Vornamen, der ihm in den Sinn kam.
»Bei der Leni? Wie heißt ihr Mann? Ach so, wenn sie einen Fremden bei sich aufnimmt, kann es sich nur um eine Witwe handeln.«
»Sieht ganz so aus.«
»Witwen mit dem Namen Leni Bitzer gibt es bei uns nur in der Flussstraße, in der Mühlenstraße und in der Gartenstraße.«
»Die in der Gartenstraße.«
»Tatsächlich? Sieh mal einer an! Und die Leni war wirklich bereit, Ihnen ein Zimmer zu geben? Dabei hat gerade sie immer behauptet, sie wolle um keinen Preis jemanden bei sich aufnehmen.«
»Was für ein Unsinn! Leni Bitzer ist eine reizende Gastgeberin. Überzeugen Sie sich selbst: Sie hat mir sogar ihre Taschenlampe gegeben, damit ich abends herumlaufen kann, weil ich meine eigene verloren hatte!«
»Hm«, sagte der Bürgermeister, betrachtete aufmerksam die Taschenlampe und danach noch viel aufmerksamer Drusts, dessen herrschaftliches Auftreten und guter Mantel nicht ohne Eindruck geblieben waren.
»Aber warum kommt sie dann nicht selbst zum Rathaus und teilt mit, dass sie einen Mieter bei sich aufgenommen hat?«
»Ach, sie hat so viel anderes zu tun. Reicht es nicht, wenn ich es Ihnen mitteile?«, sagte Drusts und bemühte sich, durch den Ton seiner Stimme dem Bürgermeister zu verstehen zu geben, dass ihn das müßige Geschwätz langweilte und er sich auf den Weg machen wollte. Pfifferlingen begann ihm endgültig, wie man zu sagen pflegt, auf die Nerven zu gehen, und er war wütend auf sich selbst, dass er sich auf ein so albernes und sinnloses Gespräch eingelassen hatte.
Aber der Bürgermeister war wirklich auf das Wohlergehen seiner Bürger bedacht. »Ganz richtig, der Leni fehlt es nicht an Arbeit. Sie steht vollkommen allein im Leben und hat vier schulpflichtige Kinder. Gut, ich gebe Ihnen einen Anmeldeschein mit. Wenn sie ihn unterschrieben hat, bringen Sie ihn mir wieder zurück. Dann muss sie sich nicht abhetzen. Und Ihr Name war, bitte? Ihre frühere Adresse? Ah, Berlin, die Hauptstadt … Na, sehen Sie, selbst aus der Hauptstadt treffen Leute in unserem kleinen verlassenen Winkel ein. Ihre neue Adresse lautet Gartenstraße 6, Pfifferlingen. Da. Sobald dieser Schein unterschrieben ist, bekommen Sie hier im Nebenzimmer Lebensmittelkarten für zehn Tage. Alles Weitere wird an Ihrem künftigen Arbeitsplatz geregelt. Auf Wiedersehen!«
Voller Erleichterung darüber, das unerfreuliche Gespräch mit Anstand hinter sich gebracht zu haben, trat Drusts eilig auf den Flur hinaus, aber vor dem Nebenzimmer verlangsamte er seinen Schritt: Frisch gewagt ist halb gewonnen.
Die Frau bei der Lebensmittelkartenausgabe war dunkelhaarig und dunkeläugig und ganz besonders rotwangig. Als Drusts ihre dumpfe Stimme hörte, zuckte er wieder zusammen: Das mochte viel eher seine Frau Bitzer sein als die Gastwirtin.
»Heißen Sie womöglich Bitzer?«, fragte er sie ganz direkt.
»Ja, ich bin Marta Bitzer«, antwortete die junge Frau.
»Sind Sie gestern womöglich mit dem Truchtelfinger Zug gefahren?«
»Nein, ich war gestern Abend in der Flussstraße beim Geburtstag von Tante Berta.«
Drusts entschuldigte sich für seine Neugierde. Die freundlichen Fragen hatten jedoch die Beamtin auftauen lassen, und ohne viel Federlesens überreichte sie ihm auch ohne Unterschrift seiner Wirtin eine Lebensmittelkarte. Da sie in ganz Württemberg galt, verließ Drusts das Rathaus hochzufrieden und stolz über seine Geschicklichkeit.
Frau Bitzer hatte sich als fabelhafte Frau erwiesen: Sie hatte ihn zu einem Gasthof geführt, ihm eine Taschenlampe geschenkt und ihm obendrein zu einer Lebensmittelkarte verholfen. Nur sie selbst glänzte nach wie vor durch Abwesenheit, und mit jedem Augenblick schwand die Hoffnung, sie doch noch zu finden.
Drusts betrat eine Gastwirtschaft und nahm in ausgezeichneter Laune ein Mittagessen zu sich, das ihm weniger fettarm vorkam als in anderen Städten. Er bog noch in einen nahegelegenen Lebensmittelladen ein, um für unterwegs etwas zu essen zu kaufen.
Im hintersten Winkel des Geschäfts erblickte Drusts ein von schwarzen Haaren umrahmtes Gesicht mit dunklen südländischen Augen, und es ähnelte so sehr dem seiner gestrigen Begleiterin, dass er zuerst seinen Augen nicht trauen wollte. Als die Frau dann aber mit trockener dumpfer Stimme seinen Gruß erwiderte und an den Ladentisch trat, sah Drusts, dass sich unter ihre schwarzen Haare bereits eine ganze Menge Grau mischte. Ihr Gesicht war schon recht knochig, und ihre Wangen waren mit feinen bläulichen Äderchen überzogen. Das war dann zwar auch nicht seine Frau Bitzer, aber als Krämerfrau kannte sie mit Sicherheit die halbe Stadt.
»Sehr geehrte Frau«, erkundigte sich Drusts, »Sie kennen vermutlich viele Frauen mit dem Namen Bitzer?«
Die Krämerfrau lächelte fröhlich und blickte Drusts direkt in die Augen.
»Ich bin auch eine Frau Bitzer. Das hier ist der Laden von Balzer Bitzer. Er ist aber in Geschäftsangelegenheiten unterwegs.«
»Ich suche schon den ganzen Tag eine Frau Bitzer. Sie hat mir in der letzten Nacht ihre Taschenlampe gegeben. Schauen Sie, das ist sie.« Drusts zog sie aus der Tasche und legte sie auf den Ladentisch. »Ich würde sie ihr gerne voller Dankbarkeit zurückgeben.«
Die Krämerfrau dachte einen Augenblick nach. »Wie sah diese Frau Bitzer ungefähr aus?«
»Oh, in gewisser Hinsicht wie die meisten Hiesigen. Mit dunklen Augen und Haaren. Mittelgroß, mit rosigen Wangen.«
»War sie … schön?«
»O ja! Sie war auf jeden Fall sehr hübsch!«
»Wie alt?«
»So um die fünfundzwanzig. In der Nacht lässt sich das Alter schwer schätzen. Ich habe sie auch nur einen einzigen kurzen Augenblick gesehen, als ich auf recht unhöfliche Weise den Strahl der Lampe in ihre Augen lenkte. Mehr als dreißig würde ich ihr auf keinen Fall geben.«
Die Krämerfrau seufzte. »Ich fürchte, da werde ich Ihnen nicht helfen können. Was hat es für einen Sinn, nach dieser Frau Bitzer zu suchen? Eine Taschenlampe ist doch keine große Sache.«
»Wissen Sie, ich habe mich recht ungebührlich verhalten. Zuerst hatte ich in der Dunkelheit gar nicht bemerkt, dass ich es mit einem weiblichen Wesen zu tun hatte, und dann nahm ich alle ihre Gefälligkeiten an, half ihr aber nicht beim Tragen ihres Gepäcks. Wo ich jetzt aber schon einmal angefangen habe, nach ihr zu suchen, will ich sie auch finden.«
Die Krämerfrau zuckte mit den Schultern und sagte ziemlich barsch: »Ich fürchte, Sie werden Ihre schöne Frau Bitzer nicht finden.«
Die Alte hatte vermutlich recht, dachte Drusts, nahm seine Einkäufe und machte sich auf den Weg.
Doch kaum hatte er den Laden verlassen, hielt er inne: Die Krämerfrau hatte vergessen, seine Brotmarken abzuschneiden. Um ein Versehen konnte es sich nicht handeln, denn Verkäuferinnen taten das ganz automatisch. Sie hatte ihm die Karte genau in dem Augenblick zurückgegeben, als er begonnen hatte, über Frau Bitzer zu sprechen. War das aus Freundlichkeit gegenüber dem Reisenden geschehen? Das vermochte niemand höher zu schätzen als Drusts. Mit beschwingtem Schritt begab er sich zum Bahnhof.
Aber der Zug war soeben abgefahren, und der nächste würde erst in drei Stunden gehen.
»Das ist Ihre Schuld, Frau Bitzer!«, schimpfte Drusts und brach zu einem erneuten Streifzug durch den Ort auf.
Die vier Pfifferlinger, die er nach Frau Bitzer gefragt hatte, standen noch immer an derselben Ecke und plauderten. Die Schwaben waren zwar bekannt für ihre Gesprächigkeit, aber mehrere Stunden mitten im Winter auf der Straße zu stehen, das vermochten nur die Pfifferlinger! Als die vier ihn bemerkten, grüßten sie ihn wie einen alten Bekannten, aber Drusts zuckte zusammen und bog ab. Bloß keine Gespräche und die Frage: »Warum sind Sie ausgerechnet nach Pfifferlingen gekommen?«
Wie alle Letten, die es sich leisten konnten, hatte Drusts vor dem Krieg jede Gelegenheit zum Reisen genutzt, durch die baltischen Staaten, Skandinavien, Polen und Ungarn, getrieben von der Neugier und der Freude an Besichtigungen. Ein regelrechtes Fieber der Begeisterung hatte ihn gepackt, und er kannte damals kein größeres Vergnügen, als unerkannt durch die Straßen einer unbekannten Stadt zu streifen.
Während der letzten vier Tage war er beim Warten auf Züge durch bedeutende und berühmte Städte spaziert, durch die Goethestadt Weimar, durch das in unzähligen Studentenliedern besungene Heidelberg und durch die Schillerstadt Stuttgart. Aber wie viele der historischen Häuser, Schlösser und Brücken hatten grau, gewöhnlich und unansehnlich gewirkt! Reisen als vornehmer Herr und Tourist und Umherirren als Flüchtling waren eben doch zwei ganz unterschiedliche Dinge.
Um sich die Zeit zu vertreiben, stieg Drusts einen der Hänge empor und betrachtete Pfifferlingen von oben. Wie an einer Perlenschnur aufgereiht lagen die Spielzeughäuschen zu seinen Füßen und hellten für eine Weile den unbeständigen Gemütszustand des Flüchtlings auf. Er sah, wie die Schatten der Wipfel wie schwere dunkle Fetzen auf eines der niedlichen Häuschen nach dem anderen fielen. Das erinnerte ihn an die Lage im Osten, wo Kurland immer weiter zusammenschrumpfte und sich die Finsternis aus dem Osten auf einen europäischen Staat nach dem anderen herabsenkte. Nach einer Weile waren nur noch die weißen Kirchtürme zu sehen, bis auch sie verschwanden.
Damit war auch der letzte Rest von Drusts’ guter Laune verflogen. Er war in der Fremde seltsam empfindlich gegenüber manchen ganz alltäglichen Dingen geworden. Ein Fenster, das langsam beschlug, ein Holzscheit, das nach und nach von Flammen verzehrt wurde, selbst Zuckerkörnchen, die in einer Teetasse zergingen, ließen in ihm plötzlich heftige Gedanken über die Vergänglichkeit aufkommen.
Das galt auch für viele andere Dinge und Anlässe. Wenn Drusts eine Birke bemerkte, die in Süddeutschland nur als Zierbaum anzutreffen war, zog er den Kopf ein und eilte rasch weiter, um nicht an die glänzend weißen Birken an den feuchten Buchten des Flusses Kujupe denken zu müssen. Wenn aus einem Haus Klavierklänge drangen, legte er sofort einen Schritt zu, denn ihm kam seine Schwester in den Sinn, die ebenso gerne musizierte wie er ihr zuhörte. Wo mochte sie jetzt sein, in welchen Winkel Sibiriens konnte man sie gebracht haben? Wann immer die bekannten Stücke von Chopin und Liszt erklangen, schmerzten sie ihn wie Säure in einer Wunde.
Drusts stieg wieder ins Tal hinab und folgte einem Bach, der in einem breiten zementierten Trog wie ein unendlich langer Graben durch die Stadt verlief. Stellenweise hatte man schmutzigen Schnee von der Straße hineingekippt, sodass sich das Wasser so mühsam seinen Weg hindurchbahnen musste wie ein armer Flüchtling im zusammenbrechenden Deutschland. Wie lange sollte es so weitergehen und wohin würde das alles führen? Was konnte ein Flüchtling hoffen zu erreichen?
Auf den schattigen Straßen wurde es ungemütlich. Ein kalter Wind begann zu pfeifen, und trotz seiner ausgedehnten Streifzüge hatte Drusts nur eine Stunde herumgebracht. Er betrat eine Schankwirtschaft und trank einen Krug wässriges Bier. Jetzt im Winter schmeckte das kalte Gebräu einfach nur widerlich. In der Gaststube war kein Mensch, offenbar wurde hier überhaupt nicht geheizt. Zitternd trat Drusts wieder auf die Straße hinaus. Dieses ewige Warten, das ewige Herumlungern war wirklich der Fluch des Flüchtlings. Wo sollte er bleiben? Was sollte er anfangen?
Zufällig bemerkte Drusts, dass er die Gartenstraße entlangging. Er steckte die Hand in die Tasche: Der Anmeldeschein war noch da. Er konnte zum Spaß zu Frau Leni Bitzer gehen und nachsehen, wie es ihr ging. Wer weiß, vielleicht stellte sich heraus, dass sie ihm gestern Nacht die Taschenlampe gegeben hatte? Vier schulpflichtige Kinder – das schien allerdings verdächtig, denn die Frau mit der Taschenlampe war jung gewesen. Aber in Schwaben feierten die Leute früh Hochzeit, und wenn Frau Bitzer schon mit sechzehn oder siebzehn Jahren geheiratet hatte, dann konnte sie mit etwa achtundzwanzig Jahren tatsächlich vier Kinder im Schulalter haben.
Schon bald war er bei der Nummer sechs angekommen. Es war ein Gebäude wie alle anderen in dieser Straße: fünf Fensterreihen übereinander, unten die sogenannte Waschküche und die Holzkammer, dann zwei Wohngeschosse und im Giebel ein zweistöckiger Dachboden. Alles zusammengenommen war es gleich hoch wie ein gewöhnliches zweistöckiges lettisches Gebäude.
Drusts läutete. Ein Summen ertönte, und die Tür sprang auf: Ein elektrischer Türöffner war der Stolz eines jeden Pfifferlinger Hausbesitzers! Drusts ging nach oben und klopfte der Reihe nach leise an allen Türen. Niemand antwortete. Er öffnete eine erste und eine zweite Tür: keine Menschenseele. Ein Dieb hätte eine ganze Fuhre vollladen und davonschaffen können.
Schließlich öffnete Drusts die Tür zur Küche. Die Frau am Herd hob den Kopf. »Ach, und ich hatte gedacht, es wäre einer von den Meinigen. Grüß Gott! Was wünschen Sie?«
Drusts behielt die Hände in den Manteltaschen und musterte sie. Ja, sie hatte dunkle Haare und Augen und rosige Wangen und war noch ziemlich jung. Mittelgroß. Auch die Stimme war recht trocken und dumpf. Aber das traf hier auf alle zu.
Um etwas zu sagen, zog Drusts die Taschenlampe hervor und reichte sie der Frau. »Ist das etwa Ihre?«
»Wo haben Sie die denn gefunden? Danke!«, rief die Frau, aber als sie im Küchentisch eine Schublade aufzog, um die Taschenlampe hineinzulegen, wunderte sie sich: »Nanu, meine ist ja schon hier! Dann gehört sie nicht mir. Wir haben hier ja alle die gleichen Taschenlampen!«
Drusts nahm Platz und knöpfte seinen Mantel auf. In der Küche herrschte eine Gluthitze, aber nach der Kälte auf der Straße empfand er sie als angenehm. Vor lauter Müdigkeit überkam ihn leichter Schwindel. Um einen Grund zu haben, noch länger in der Wärme zu verharren, zog er den Zettel des Bürgermeisters hervor und legte ihn auf den Tisch.
»Das schickt Ihnen das Rathaus. Da unten sollen Sie unterschreiben.«
Einen Füllfederhalter hatte Drusts zur Hand, und die Wirtin unterzeichnete. Erst nach einer Weile kam sie auf die Idee nachzusehen, was das für ein Papier war. Sie fuhr zusammen: »Ich soll ein Zimmer hergeben? Nein! Das kommt überhaupt nicht in Frage! Außerdem hat mir der Bürgermeister persönlich versprochen, dass ich als kinderreiche Witwe keine Einweisung bekomme.«
»Aber gute Frau, ein ruhiger, anständig zahlender Mieter hat noch niemandem geschadet.«
»Um Himmels willen! Ein Fremder im Haus! Was kann es Schlimmeres geben?«
»Gute Frau, im Krieg werden jedem von uns Pflichten auferlegt. Auch Sie müssen Ihren Beitrag zum Endsieg leisten!«, sagte Drusts und sprach das Schlagwort mit einem Grinsen aus.
»Ach, dieser Endsieg«, seufzte Frau Bitzer. »Der treibt uns noch ins endgültige … Nein, über die Vermietung eines Zimmers gibt es nichts zu bereden!«
»Aber Sie haben doch den Anmeldeschein unterschrieben.«
»Das hat nichts zu bedeuten. Ich gehe zum Bürgermeister und erinnere ihn an sein Versprechen. Unser Bürgermeister hält sein Wort.«
Drusts vermochte es nicht, ein Lächeln zu unterdrücken, als er sich das Gespräch zwischen der Witwe Leni und dem Bürgermeister vorstellte. Schade, dass er dann schon in einem Eisenbahnwagen weit weg von Pfifferlingen schlummern würde. Es wäre zu schön gewesen zu lauschen, wie viel Zeit die beiden Bürger damit verschwendeten, voll hehrer Gedanken und mit heiliger Empörung im Gesicht den Fall zu klären und zu erörtern, den diese unverschämte Preußenschnauze angerichtet hatte. So wurden hier im Süden alle genannt, die »preußisch«, also die deutsche Schriftsprache sprachen.
»Wer ist denn dieser Mieter? Sie etwa?«, erkundigte sich die Wirtin.
Drusts nickte.
»Ich habe kein Zimmer, das ich Ihnen geben könnte.«
»Aber gute Frau, ich habe doch gesehen, dass sich hinter allen Türen Ihres Hauses leere Zimmer verbergen.«
»So? Das haben Sie gesehen? Sie haben in fremde Zimmer geschaut?«
»Ich habe die Hausherrin gesucht, und darum habe ich jede Tür geöffnet, an der ich vorbeigegangen bin. Ich sage Ihnen, wie es ist, gute Frau«, log Drusts weiter, um das Gespräch in die Länge zu ziehen und noch ein wenig in der Wärme bleiben zu können. »Ich sage immer, wie es sich verhält. Ich bin ein einfacher Mensch und kann mich nicht verstellen. Ich erzähle alles über mich.«
»So?«, wunderte sich Frau Bitzer. »Ich kann mich sehr wohl verstellen und mit den Menschen so reden, wie es gerade nötig ist. Ich bin sehr verschlossen. Ich erzähle nie etwas über mich. Mein Mann, Gott hab ihn selig, sagte immer, als wir noch nicht verheiratet waren: ›Leni, du tust immer so geheimnisvoll!‹ Damals hatte er gerade erst in der Trikotfabrik angefangen, und ich konnte ihm doch nicht sagen, dass ihn meine Eltern nicht wollten! Aber Jakob erwies sich als tüchtiger Mann. Er schaffte Tag und Nacht. Innerhalb von fünf Jahren hat er dieses Haus gebaut. Natürlich mit der Hilfe meiner Eltern.«
»Ein schönes Haus mit vielen schönen Zimmern. Ein sehr behaglich eingerichtetes Haus. Alles zur Hand …«
Sie gingen ins Treppenhaus und betraten die ungeheizte Stube. Über dem Sofa, das schmal wie eine Bank war, hing in einem dünnen schwarzen Rahmen die Fotografie eines schnurrbärtigen Mannes.
»Oh«, sagte Drusts. »Ihr Gatte war ein schöner und kräftiger Mensch. Was hat ihm etwas anhaben können?«
»Ach, er hatte es mit dem Magen, zu viel Säure. Daran ist er gestorben. Er war schon von klein auf krank. Er konnte nichts Saures vertragen, vor allem keinen Essig. Aber ich esse doch so gerne Essigsalat, Essiggurken, Essigsuppe und alles andere, was schön sauer ist. Mein Mann hat mich sehr verwöhnt. ›Leni, iss nur das, was dir schmeckt‹, sagte er stets. Also haben wir immer Speisen mit Essig zubereitet.«
Die Frau seufzte, und Drusts tat es ihr höflichkeitshalber nach.
Auf demselben Stockwerk lagen noch die Schlafzimmer der Witwe und ihrer Kinder, aber die Zimmer eine Treppe höher waren unbewohnt und meistens mit allerlei Gerümpel zugestellt. Ein ansehnlicher Raum war dagegen vollständig leer; nur in einer Ecke lag ein Haufen Hühnerfutter, bestehend aus Spelzen und Mais.
»Sehen Sie, gute Frau, dieses Zimmer steht ganz leer.«
»Ja, aber wo soll ich dann mein Hühnerfutter aufbewahren?«, entgegnete die Wirtin, doch ihre Stimme klang nicht mehr so abweisend wie noch kurz zuvor. »Außerdem habe ich kein überzähliges Bett. Ebenso wenig wie alles andere.«
»Ach, gute Frau, die Hauptsache ist das Zimmer. Das Übrige kriegen wir im Lauf der Zeit zusammen.«
Sie kehrten in die Küche zurück. Drusts legte seinen Mantel ab. Die Wirtin fragte, immer noch leicht verärgert: »Haben Sie denn selbst irgendwelche Sachen?«
»Sachen? Aber ja. Das eine oder andere habe ich, sozusagen das Allernotwendigste.«
»Wann bringen Sie sie her?«
»Ich trage immer alles bei mir«, lächelte Drusts und beförderte einen Gegenstand nach dem anderen aus seinen Taschen zu Tage. »Sehen Sie selbst: ein Zigarettenetui, Streichhölzer, eine Taschenlampe, ein Füllfederhalter, ein Geldbeutel, ein Kalender, ein Taschenmesser mit einem Korkenzieher und ein Schlüsselring. Ein hübscher Besitz. Er passt in eine Hand.«
Die Wirtin starrte ihn an wie ein Gespenst. »Hat man Sie ausgebombt?«
»Sie haben es erraten.«
»Was sind das für Schlüssel?«
»Der hier ist von meiner Rigaer Wohnung, in der jetzt sicher irgendein verwahrloster Russe haust; der ist von meinem Auto, das ich beim Besteigen des Schiffs am Ufer zurücklassen musste und mit dem jetzt sicher auch irgendeine verkommene Gestalt unterwegs ist, und der hier ist von meinem Koffer, der jetzt unter den Trümmern des Hauses in der Uhlandstraße 106 in Berlin liegt.«
Die Wirtin wiegte ihren Kopf. »Warum haben Sie diese Schlüssel mitgebracht?«
»Als Andenken. Sie wiegen ja nicht viel.«
»Gut. Ich besorge Ihnen ein Bett. Sie bekommen ein vollständig eingerichtetes Zimmer.«
Drusts sah zum Fenster hinaus. Draußen dämmerte es. Ganz unbemerkt hatte er sich in die Rolle des Mieters eingelebt. Was für einen Sinn hatte es auch, jetzt noch zum Bahnhof zu trotten und in eine andere unbekannte öde Stadt zu fahren, solange er hier im Warmen sitzen konnte und man ihm ein Bett versprach? Er gähnte verstohlen.
»Haben Sie Arbeit?«, fragte die Wirtin.
»Noch nicht.«
»Ich helfe Ihnen bei der Suche. In den Fabriken von Pfifferlingen gibt es genug Arbeit. Ich schreibe meinen Vettern eine Nachricht, dass sie meinem Mieter helfen sollen. Wissen Sie, was die Schwaben sagen? ›Wenn es meinem Nachbarn gutgeht, dann geht es auch mir gut‹.«
»Das ist ein wahrhaft vernünftiges Sprichwort«, pflichtete ihr Drusts bei. »Ich danke Ihnen von Herzen für die Freundlichkeit und die Fürsorge – aber am allerliebsten würde ich jetzt das Bett besichtigen.«
Drusts übernahm nun keinen weiteren Versuch mehr, sich gegen das Schicksal zu sträuben, das ihm offensichtlich beschieden war: nämlich noch eine Nacht in Pfifferlingen zu verbringen.
»Natürlich wird diese Kammer nicht beheizt«, sagte Frau Bitzer, als sie Drusts in den für ihn bestimmten Raum führte. »In Pfifferlingen schlafen wir alle in kalten Zimmern und heizen nur die Wohnküchen. Vor dem Krieg haben wir gelegentlich auch die Stuben geheizt, aber daran ist jetzt nicht mehr zu denken. Schließlich muss gespart werden.«
Aus dem Mund der Wirtin quoll bei jedem Wort weißer Dampf. In dem Zimmer war es so kalt, dass Drusts eilig seine Hände in die Taschen steckte. Das Wasser in der Waschschüssel in der Ecke war zu mattem Eis gefroren.
Der Raum war lieblos eingerichtet und fast vollständig mit einem dunkelbraunen Schrank, einer dunkelbraunen Kommode und einem dunkelbraunen breiten Bett zugestellt. Dunkelbraune Möbel! Drusts fand sie auf Anhieb abstoßend. Sie ließen das Schlafzimmer ungemütlich wie eine Katakombe wirken. Seufzend dachte Drusts an die goldfarbene Maserung aus karelischem Birkenholz und das grünlich-graue Vogelaugenfurnier seiner Wohnungseinrichtung, die er in Riga hatte zurücklassen müssen. Er wandte sich den blütenweißen Daunendecken zu, die sich verlockend aufbauschten. Worauf man schläft, ist das eine, womit man sich zudeckt das andere. Bei solchen mit Federn vollgestopften Säcken konnte man hoffen, auch eine tüchtige Kälte abzuwehren. Pech nur, dass das Bett ziemlich kurz zu sein schien, sogar noch kürzer als das im Gasthof.
Drusts seufzte ergeben. In diesem kalkigen Brachland wuchsen vermutlich keine größeren Menschen heran. Doch als sein Blick auf den Kissenstapel auf dem kurzen Bett fiel, öffneten sich seine Kiefer zu einem herzhaften Gähnen. Er hatte längst begriffen, dass von sämtlichen Erfindungen, die das menschliche Genie jemals erdacht hatte, diejenige des Bettes allen anderen überlegen war. Ach, wie gerne wollte er sich ausstrecken! In dieser einen Nacht im Gasthof hatte er längst nicht all die Müdigkeit vertreiben können, die sich während so vieler Wochen angesammelt hatte.
»Das Bett sieht großartig aus«, sagte er. »Mit Ihrer freundlichen Genehmigung, gute Frau, würde ich mich am liebsten sofort zur Ruhe begeben.«
»Es ist halb neun«, vermerkte Frau Bitzer nach einem Blick auf ihre Armbanduhr. »Offenbar sind Sie doch ein ordentlicher Mensch, wenn Sie gerne so früh zu Bett gehen. Das ist sehr gesund, und schließlich müssen Sie sehr früh aufstehen, wenn Sie sich eine Arbeit suchen wollen. Das muss auf jeden Fall gleich morgen passieren, denn ich darf in meinem Haus niemanden aufnehmen, der nicht arbeitet. Das verbietet das Gesetz. Außerdem müssen Sie hier allein zurechtkommen«, fügte sie mit gesenktem Kopf hinzu. »Ich habe keine Zeit, in Ihrem Zimmer Ordnung zu halten.«
»Aber natürlich!«, pflichtete ihr Drusts schleunigst bei, hocherfreut über die Aussicht, dass niemand die Nase in sein Zimmer stecken würde.
»Ich bringe Ihnen gleich eine Wärmflasche«, sagte die Wirtin und begab sich zur Tür.
Bevor ihr Drusts hinterherrufen konnte, dass er keine Flasche brauche, war sie auch schon verschwunden und ließ ihn ratlos zurück. Er wartete eine Weile, aber auf der Treppe blieb alles still. Wie lange sollte er noch in dem kalten Zimmer sitzen und frieren, obwohl er sogar einen Mantel und einen Filzhut trug? Die Kälte kroch rasch heran. Es hatte keinen Sinn zu warten, bis sein ganzer Körper von Frostschauern geschüttelt wurde. Drusts schloss die Tür ab, entkleidete sich blitzschnell und schoss unter die Decke.
