Schwanengesang. Gottes grausamer Spaß - Dr. Eugen Wenzel - E-Book

Schwanengesang. Gottes grausamer Spaß E-Book

Dr. Eugen Wenzel

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Beschreibung

Für den Leser, der sich verführen lässt, wird der Schein zum Sein, das Böse zum Guten, das Gute zum Schlechten. Dieses Buch ist so lebensfeindlich, als ob der Teufel es persönlich diktiert hätte. Es ist eine Verherrlichung des Bösen, eine Verführung zum Bösen. So etwas darf der Mensch nicht schreiben, das ist gegen Gottes Werk und Willen, und ich vergehe mich an seiner Schöpfung, indem ich es abtippe…

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 344

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Eugen Wenzel

SCHWANENGESANG Gottes grausamer Spaß

Roman

Mit Illustrationen von Maria Semibratova

Text: © Eugen Wenzel

23 Abbildungen & Umschlag: © Maria Semibratova

Buchgestaltung: Eugen Wenzel, Maria Semibratova

Verlag & Druck:

tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg, 2019

ISBN

Hardcover: 978-3-7497-4448-0

Paperback: 978-3-7494-4447-3

e-book: 978-3-7497-4449-7

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Meiner Mutter, Elena Wenzel, in Liebe zugeeignet.

DANKSAGUNG

Diesen Roman zu schreiben war für mich eine große Freude und Bereicherung. Nicht minder wertvoll waren die vielen Gespräche, die ich im Anschluss daran in meinen Vertrauten- und Freundeskreisen diesbezüglich habe führen dürfen. Ich denke da (ausnahmsweise in umgekehrter alphabetischer Reihenfolge) an meine Mutter Elena Wenzel, Herrn und Frau Dres. Eckhard und Moira Nöldeke, Herrn Ministerialrat a.D. Gerhard Menke, Frau Prof. Eva Märtson, Herrn Prof. Dr. Joseph A. Kruse und Herrn Marcus Heyduk. Für ihre hilfreichen Kommentare, Anregungen und Ratschläge gilt ihnen allen mein tiefster Dank.

Herrn Kruse, Herrn Menke und Herrn Nöldeke danke ich zusätzlich für die Mühe, dass sie das Manuskript auch in grammatikalischer, orthographischer und stilistischer Hinsicht unter die Lupe genommen haben. Nicht zuletzt möchte ich mich aus ganzem Herzen bei Maria Semibratova bedanken, mit der ich nach meiner 2017 erschienenen Novelle Variationen nun schon zum zweiten Mal zusammenarbeiten durfte. Ihre überaus kreativen und außergewöhnlichen Bilder verleihen dem Buch eine weitere Dimension und lassen es noch ansprechender werden.

Eugen Wenzel

Berlin, März 2019,

»nel mezzo del cammin di nostra vita«

Inhalt

SCHWANENGESANG Gottes grausamer Spaß

ERSTES KAPITEL

» Wehret den Anfängen!« oder: Der falsche Lohengrin

ZWEITES KAPITEL

»Suchet, so werdet ihr finden!« oder: Der wahre Lohengrin

DRITTES KAPITEL

»Gottesgrausamer Spaß« oder: Der Mann mit den Zigaretten

VIERTES KAPITEL

»Hier bin ich Mensch, hier darf ich’s sein!« oder: Wieso tötet der Mensch?

FÜNFTES KAPITEL

»Die Damen mit den Schwanenharfen« oder: Mich deucht, ich liebe dich.

SECHSTES KAPITEL

»Von welchen Sternen sind wir uns hier einander zugefallen?« oder: Du, nur du bist mein Schwanenritter!

SIEBTES KAPITEL

»Dichtung und Wahrheit« oder: Eine Tochter Russlands

ACHTES KAPITEL

»Ein Tag im Leben des Erhörten« oder: Am Kreuz der Moral

NEUNTES KAPITEL

»Weib, dein Name ist Schwäche!« oder: Eine andere Tochter Russlands

ZEHNTES KAPITEL

»Er kann töten, ohne zu berühren.« oder: Der große Freund der Künste

ELFTES KAPITEL

»Nicht dein, sondern mein Wille geschehe!« oder: Ich bin müde von deiner Liebe

ZWÖLFTES KAPITEL

»Götterdämmerung« oder: Die Schwäne des Apollo

DREIZEHNTES KAPITEL

»Zur Genealogie der Moral« oder: Ein Mensch ohne Moral ist kein Mensch!

VIERZEHNTES KAPITEL

»Ich gratuliere dir zum neuen Lebenslauf.« oder: Was es heißt, wenn einem die Welt zu Füßen liegt

FÜNFZEHNTES KAPITEL

»Carpe diem!« oder: »Schwanensee« und Don Giovanni

SECHZEHNTES KAPITEL

»Der Zauber Platons« oder: Eine neue Mythologie

SIEBZEHNTES KAPITEL

»Kennst du das Land, wo die Zitronen blühn’?« oder: An der Fontana di Trevi

ACHTZEHNTES KAPITEL

»Wer wünscht sich nicht den Tod des Vaters?« oder: Die Gottesmörder Kastor und Pollux

NEUNZEHNTES KAPITEL

»Der schrecklichste der Schrecken« oder: Der Weg in den innersten Kreis der Hölle

ZWANZIGSTES KAPITEL

»Ein neues Lied? Ein besseres Lied?« oder: Die Selbstvernichtung der Kunst

EINUNDZWANZIGSTES KAPITEL

»Götzendämmerung« oder: Ein diabolischer Anblick

ZWEIUNDZWANZIGSTES KAPITEL

»Nur wer die Sehnsucht kennt, weiß, was ich leide!« oder: Schwanengesang

EPILOG

»Der Vorhang zu und alle Fragen offen.« oder: Die Kreise schließen sich

SCHWANENGESANG Gottes grausamer Spaß

 

ENDE DES LEBENS

„Mit gelben Birnen hänget

Und voll mit wilden Rosen

Das Land in den See,

Ihr holden Schwäne,

Und trunken von Küssen

Tunkt ihr das Haupt

Ins heilignüchterne Wasser.“

FRIEDRICH HÖLDERLIN

ERSTES KAPITEL

»Wehret den Anfängen!« oder: Der falsche Lohengrin

Der majestätische Sportwagen kam aus der Kurve und beschleunigte innerhalb weniger Sekunden auf mehr als 120 Kilometer pro Stunde. In Windeseile näherte er sich einer Gruppe ausgelassen scherzender und lachender Jugendlicher, die die Doppelspur überquerten und den Fußgängerstreifen zwischen den beiden Fahrbahnhälften der Leipziger Straße fast schon erreicht hatten. Das Auto wäre problemlos an ihnen vorbeigerast, ohne dass sie es überhaupt richtig begriffen hätten, wäre nicht ein alkoholisiertes Mädchen auf den leichtsinnigen Gedanken gekommen, sich aus ihrer Mitte herauszulösen und plötzlich zurückzulaufen. Dem Fahrer blieb kaum ein Bruchteil einer Sekunde, um darauf zu reagieren. So riss er den Lenker instinktiv nach rechts und das Auto flog mit einer erschreckenden Geschwindigkeit in einen am Straßenrand parkenden LKW.

Der Fahrer wurde auf der Stelle bewusstlos. Es grenzte fast an ein Wunder, dass er noch lebte, als bereits kurz darauf die Rettungskräfte eintrafen und das Wrack unter dem Laster hervorzogen. Das Bewusstsein erlangte er ziemlich schnell wieder, doch der grausame Zustand, den er nun durchleben musste, war einer der vollkommenen Isolation von der äußeren Welt. Seine Sinne versagten gänzlich. Er konnte nichts riechen, schmecken und fühlen. Buchstäblich alles um ihn herum hüllte sich in endlose Stille und in tiefstes Schwarz. So war es ihm auch unmöglich, in Erfahrung zu bringen, ob er sich bewegen konnte oder nicht. Er wusste überhaupt nicht einmal, ob er noch lebte oder sich bereits irgendwo zwischen den Welten befand und vielleicht in einem kalten Grab liegend auf den Jüngsten Tag wartete. Sein Körper hatte sich von seiner Seele getrennt und ob sie jemals wieder zueinander finden würden, stand in den Sternen geschrieben.

Nach unendlichen eineinhalb Wochen hörte er dann schließlich Stimmen. Zuerst hielt er sie für eine der unzähligen Einbildungen, die ihn damals unermüdlich heimsuchten, jedoch war er sich nach einiger Zeit ziemlich sicher, dass es sich dabei um die Stimmen zweier tatsächlich existierender junger Ärzte handeln musste. Sein Versuch, etwas zu sagen und seine Augen zu öffnen, blieb ohne Erfolg. Obwohl er sich innerlich mit aller Willenskraft aufbäumte, blieb er äußerlich ein starrer Leichnam und so hatte er keine andere Wahl, als den beiden Männern zuzuhören.

„Bist du dir sicher, dass er es ist“, fragte der eine den anderen beinahe im Flüsterton.

„So wahr ich hier stehe“, antwortete der Gefragte zwar ebenso leise, jedoch mit einer deutlich tieferen Stimme, und fügte sogleich hinzu: „Wirf einen Blick auf das Namensschild, dann weißt du’s: Dr. Konstantin Frincks.“

„Tatsächlich“, sagte der Aufgeforderte nach einer kurzen Pause und sprach dann mehr zu sich als zu dem anderen: „Solche erwischt es gelegentlich also auch.“

„Den Hals abwärts alles gelähmt, hoffnungsloser Fall“, diagnostizierte der mit der tieferen Stimme vollkommen gelassen und ohne jegliche Anteilnahme, gerade so, als ob er sich damit in die Rolle eines Oberarztes bei einer Visite einüben wollte, zu dem eine ganze Schar von katzbuckelnden Assistenzärzten und attraktiven Studentinnen der Medizin aufschaut.

„Bei Gott, ich möchte jetzt nicht in seiner Haut stecken“, erwiderte darauf sein etwas nachdenklich gewordener Kollege nach einem erneuten kurzen Innehalten.

„Wer möchte das schon“, kommentierte der Oberarzt in spe diese Äußerung in einem Ton der Überlegenheit. „Für immer querschnittsgelähmt, falls er überhaupt jemals wieder aufwachen sollte.“

„Wenigstens hat er die finanziellen Mittel, um sich bis ans Ende seiner Tage rund um die Uhr mit allem erforderlichen Aufwand pflegen zu lassen.“

„Zweifelsohne“, bestätigte der andere verächtlich und fiel damit aus der Rolle des Oberarztes. „Wenn unsereinem sowas zustößt, kann er sich am besten gleich einsargen lassen. Doch so einem Mistkerl schaut das Geld natürlich zum Arsch heraus und selbst noch als ein Krüppel hat er es tausend Mal besser als ein ehrlicher Mensch in einer vergleichbaren Lage. Eigentlich“, er dachte kurz nach, „eigentlich müsste man das Schwein einschläfern und seine Organe Menschen überlassen, die es wirklich verdienen, weiterzuleben. Schau dir diese Ironie des Lebens nur an“, seine wütende Stimme bekam für einen Moment eine deutlich resignative Nuance, „ich habe selten einen so durchtrainierten Körper und einen so unendlich verdorbenen Geist gesehen.“

„Ach, komm, hör auf mit diesem Quatsch.“

„Wieso ist das bitteschön Quatsch“, fragte der Unterbrochene erbost.

„Das ist einfach nur unmenschlich.“

„Unmenschlich? Wann bekommst du endlich genug von deinem humanistischen Blödsinn? Was hat dieses Arschloch der Arschlöcher der Welt jemals Gutes getan? Wie viele Menschen hat er in seinem Leben bereits ruiniert?“

„Und dennoch“, erwiderte die andere Stimme voller Ruhe. „Selbst wenn er ein noch so würdeloser Mensch ist, was ich keinesfalls bestreite, so darfst du dich deswegen nicht ebenfalls würdelos verhalten.“

„Verschone mich mit solchen Floskeln. Im Grunde genommen ist es sogar unsere heilige Pflicht, Organe hin oder her, dieses Schwein abzuschlachten, ja, du hörst richtig, abzuschlachten. Stell dir nur vor, wie es weitergehen wird, wenn er aus dem Koma aufwachen sollte. Wenn er sich schon früher wie ein tollwütiger Hund verhalten hat, so wird das auch in Zukunft kaum anders sein, eher noch schlimmer. Oder denkst du, die Tatsache, für den Rest des Lebens an einen Rollstuhl gekettet zu sein, wird einen Saulus zum Paulus machen, wird jemanden von seinem Charakter versöhnlich stimmen und zu einem Menschenfreund werden lassen? Wenn er bloß nicht dieses unglaubliche Vermögen hätte, das selbst den Grafen von Monte Christo vor Neid erblassen lassen würde, dann könnte man freilich sagen: In Ordnung, er wird in ein Heim abgeschoben und wird dort irgendwo in einer dunklen Ecke, von allen vergessen, vergammeln. Doch dieser Mann hat Geld und dieser Mann hat Macht und du weißt nur zu gut, wie bösartig gegen jeden und alles solche Menschen oft sein können, die der Meinung sind, dass ihnen ein unverzeihliches Unrecht widerfahren sei, ganz gleich, ob sie selbst die Schuld daran tragen oder nicht.“

„Ich bleibe dabei“, hielt der andere diesem zwar aggressiven, jedoch immer noch recht leisen Wutausbruch entgegen. „Selbst wenn ihn der Leibhaftige höchstpersönlich für ein Stückchen, das sich in seiner Grausamkeit jeglichem Vorstellungsvermögen entzieht, auserkoren und einzig zu diesem Zweck vor dem sicheren Tod bewahrt haben sollte, so haben wir dennoch nicht das Recht, ihn zu töten.“

„Hörst du dich überhaupt reden“, fragte sein Gegenüber auf einmal deutlich ruhiger, da ihm plötzlich aufgegangen sein musste, dass er auf Granit biss, und fügte versöhnlich hinzu: „Mach dir keine Sorgen, ich werde ihn schon nicht töten, denn ich habe keine Lust, das Risiko einzugehen, wegen einem solchen Haufen Scheiße vielleicht noch in den Knast zu kommen. Andere sind schon wegen viel kleineren Geschichten auf ihrer Karriereleiter gestolpert.“

Der Angesprochene gab sich ebenfalls versöhnlich, indem er sagte: „Komm, gehen wir eine rauchen.“

„Eine gute Idee, lass uns gehen.“ Sie setzten sich in Bewegung, blieben jedoch vor der Tür noch einmal kurz stehen, um wahrscheinlich noch einmal einen Blick auf den lebenden Leichnam zu werfen.

„Hoffentlich wacht das Schwein nie wieder auf“, sagte auf einmal ganz leise der mit der tieferen Stimme und ging. Der andere schien zumindest diesen Wunsch mit ihm zu teilen, denn er widersprach nicht, sondern folgte seinem Kollegen schweigend hinaus.

Beiden war irgendwie nicht wirklich wohl zu Mute und wer weiß, ob sie nicht vielleicht zu ganz anderen Schlüssen gekommen und sogar zur Tat geschritten wären, wenn es ihnen möglich gewesen wäre, zu sehen, dass in dem bewegungslosen Körper, den sie hinter sich im Krankenzimmer ließen, ein beinahe unüberwindbarer Wille tobte, der jetzt noch stärker als zuvor gegen die Innenwände seines dunklen Käfigs hämmerte, um endlich wieder frei zu werden und alles und jeden unerbittlich zu vernichten, der es wagen sollte…

ZWEITES KAPITEL

»Suchet, so werdet ihr finden!« oder: Der wahre Lohengrin

Aus dem Spiegel schauten ihm zwei dunkelbraune Augen entgegen. Er blickte in ein Gesicht, das in den letzten Jahren zwar um Einiges älter, jedoch auch viel interessanter geworden war. Er war ohne Frage übermüdet von der Arbeit, doch sie erfüllte ihn und deswegen arbeitete er gerne und viel. Dies war auch schon einmal anders gewesen, doch zum Glück war das nicht länger der Fall.

Damals, direkt nach dem Studium, hatte er eine Zeit lang für jemanden gearbeitet, der es nicht verstand und aus kurzsichtigem Eigennutz auch nicht hätte verstehen wollen, was es heißt, richtig zu führen und zu lenken. Als besonders frustrierend hatte er dabei die Tatsache empfunden, dass sein Herr und Meister – wie so häufig – viel weniger konnte und kannte als er, und dies darüber hinaus immer so zu drehen wusste, dass es für Außenstehende genau anders herum zu sein schien. Hinzu kam, dass er als ein eigenständig denkender Mann, der regelmäßig öffentliche Verkehrsmittel benutzte, täglich unzählige Menschen beobachten musste, die ähnlich wie er ein gestörtes Verhältnis zu ihrer Arbeit zu haben und daran zutiefst zu leiden schienen. Er sah tagein tagaus, wenn er morgens oder abends in überfüllte U-Bahnen stieg, Legionen von Gesichtern, die jeglicher echter und gesunder Ausstrahlung entbehrten, moderne Sklaven, die entweder noch halb im Schlaf in ihre »Arbeitsgruben« einfuhren oder total entmenschlicht aus ihren »Arbeitslagern« zurückkehrten. In seinen Augen waren es Menschen, die sich entweder aus Angst und Verzweiflung einredeten, dass sie den Tätigkeiten, die sie ausübten, trotz aller Widrigkeiten eigentlich gerne nachgingen oder sich schon längst mit der schamlosen Lüge abgefunden hatten, Arbeit sei keine Quelle des Glücks, sondern ein notwendiges Übel, welches der Arbeiter anderweitig kompensieren müsse. Einen mit echtem Glück nicht im Entferntesten zu vergleichenden Ersatz konnten sie sich nicht anders verschaffen, als durch die Flucht entweder in oberflächliche und damit geistlose Unterhaltung oder in sinnlose Rauschzustände, angefangen bei kurzlebigen substanzlosen sexuellen Beziehungen, aufhörend bei gewaltreichen und blutrünstigen Computerspielen und Filmen.

Dies alles führte ihn zu dem Schluss: Wenn er sein Leben nicht sinnlos vergeuden wollte, so musste er den Sprung in die Selbständigkeit wagen. Die Möglichkeit, irgendwann auf einen Arbeitgeber zu treffen, der seinen Beschäftigten Arbeitsbedingungen garantiert, die ihnen echte Erfüllung bringen, hielt er zwar nicht für gänzlich ausgeschlossen, jedoch auch nicht für allzu wahrscheinlich. Am Anfang war es unerträglich hart und manchmal reichte ihm das Geld nicht einmal für das Allernötigste, doch mit der Zeit wurde es besser, so dass er inzwischen selbst zwei Mitarbeiter beschäftigen konnte. Von ihnen bei einer passenden Gelegenheit danach gefragt, wieso er ihnen ungewöhnlich viel bezahlte und ihre persönlichen Umstände und Wünsche, so gut es nur ging, berücksichtigte, entfaltete er ihnen nicht seine gesamte Philosophie, sondern erzählte einfach von einem Gespräch, das er in einem Café einmal zufällig mitgehört hatte. Diese Unterhaltung hatten zwei Türken geführt, ein etwas älterer und ein deutlich jüngerer. Sie sprachen über das Thema Verantwortung. Der Ältere hatte die Ansicht vertreten, wenn er jemanden für sich arbeiten lasse, habe er nicht nur den Beschäftigten, sondern auch dessen Angehörige zu versorgen, denn dem Arbeitnehmer bleibe aufgrund seiner beruflichen Tätigkeit keine Zeit, sich um ihre Versorgung zu kümmern. Natürlich könne dieser nach zehn Stunden harter Arbeit auch noch woanders arbeiten und sogar die Wochenenden und Urlaubs- und Feiertage dazu nutzen, sich und seiner Familie ein Zubrot zu verdienen, doch so etwas zu erwarten, sei bereits menschenverachtend und vollkommen verantwortungslos, weshalb es nebenbei bemerkt auch mehr als beschämend sei, in einer Gesellschaft und mit einer Politik zu leben, die genau ein solches Verhalten zur Regel erhoben hätten.

Diese Geschichte verschaffte dem Jungunternehmer noch mehr Anerkennung seitens seiner zwei Angestellten. Übermäßig reich konnte er mit seiner Unternehmenspolitik selbstverständlich nicht werden, doch dass sie beträchtlich zu einem menschlichen Verhältnis zwischen den dreien und zum Glück aller Beteiligten beitrug, war ihm weit mehr als ein zufriedenstellender Ausgleich, zumal er damit einen wahrlich realistischen Weg gefunden hatte, seinen kleinen persönlichen Beitrag zur Verbesserung dieser Welt zu leisten, die so reich ist an Armut.

Sein eigener Herr und niemandes Willen untertan zu sein, war herrlich, doch das allein genügte ihm nicht. Recht früh hatte er erkannt, dass für ihn auch die Kunst zwingend dazugehörte, um glücklich sein zu können. Es war vor allem die Musik, die sein Interesse fesselte, und so war ihm das berühmte Diktum Nietzsches, »ohne Musik wäre das Leben ein Irrthum«, wie aus der Seele gesprochen. Er liebte sie und am meisten liebte er die Oper. Nicht zuletzt aus diesem Grunde hatte er bereits als Jugendlicher, womit er seinerzeit sicherlich eine sehr große Ausnahme bildete, auch Pretty Woman zu lieben gelernt, denn ihm gefiel an diesem Film der Gedanke von Richard Gere, entweder man liebe die Oper mit voller Hingabe oder man liebe sie überhaupt nicht. Es sollte jedoch noch eine gute Weile dauern, bis ihm der tiefere Sinn dieser Worte bewusst wurde, der in der unvergänglichen Wahrheit besteht, dass Kunst die Menschen nicht nur zu verbinden, sondern auch zu trennen vermag.

Der Anlass für diese Erkenntnis war – wie so oft – eine Frau. Sie war zwar nett und schön, doch anders als die von Julia Roberts im Film verkörperte Prostituierte Vivian war sie nicht sonderlich viel mehr. Die Kunst mochte sie nur äußerst bedingt und die Oper war für sie überhaupt eine Terra incognita. So musste es unweigerlich dazu kommen, dass sie eines Tages den Versuch unternahmen, gemeinsam einer Opernaufführung beizuwohnen. Doch das Leben ist kein Film. Der arme Puccini! Tosca hatte noch nicht einmal zu singen begonnen, da hatte die junge Frau schon ihr Mobiltelefon herausgeholt und in dieser »Mülltonne« zu »wühlen« angefangen. Nach weiteren zehn Minuten hatte sie bereits der gesamten Welt in Form eines Fotos mitgeteilt, an welchem weltberühmten Ort sie sich gerade aufhielt, und noch zehn Minuten später hing sie in ihrem Sessel wie ein k.o. geschlagener Boxer in den Seilen. Nach der zweiten Pause ging sie gar nicht mehr in den Zuschauerraum zurück und wartete auf ihn stattdessen in einem Café. Sie zerstörte damit seinen Abend und schlug ihrer Beziehung eine nie wieder zu schließende Wunde. Vielleicht hätten sie, wie im Film, Carmen statt Tosca hören sollen, doch er glaubte nicht, dass dies irgendeinen Unterschied gemacht hätte.

Über die unvermeidliche Trennung kam er nur äußerst schwer hinweg und überhaupt hatte er jedes Mal enorme Schwierigkeiten, wenn er sich von einer Frau trennte. Die Ursache hierfür lag in seinem auf den ersten Blick etwas seltsam anmutenden Glauben, dass der Mann erlösungsbedürftig sei und einzig die Frau ihn zu erlösen vermöge. Diesem uralten und in leicht abgewandelter Form allem menschlichen Streben nach Liebe zugrundeliegenden Gedanken war er zum ersten Mal im Lohengrin begegnet, der mit riesigem Abstand zu allen anderen Werken der Operngeschichte seine Lieblingsoper darstellte. Das Problem des Schwanenritters, sein Glück in der Liebe nirgends finden zu können, war auch das seinige.

Nicht weniger bewegte und beschäftigte ihn daher auch der von Platon überlieferte Mythos von den sogenannten Kugelmenschen. Laut diesem besaß der Mensch am Anfang der Zeiten zwei Köpfe, vier Arme, vier Beine und so weiter und so fort. Aber in dieser Gestalt war er den Göttern zu mächtig und so befahl Zeus, um keine Götterdämmerung erleben zu müssen, dem Apollo, den Menschen in der Mitte zu spalten. Erst jetzt bekam er sein heutiges Aussehen, das Aussehen eines Krüppels, körperlich wie geistig. Damit schien der Mensch nicht länger eine Bedrohung für die Götterwelt zu sein, denn seit seiner Verstümmelung verwendet er all seine Energie darauf, seine verlorene Hälfte wiederzufinden, ohne die er nicht glücklich sein kann und die zu finden angesichts der unvorstellbaren Anzahl der Menschen auf diesem Planeten so aussichtsreich ist, wie das Suchen nach der berühmten Nadel im Heuhaufen. Doch die Vernunft gebiert bekanntlich Ungeheuer. Einen Weg fand der Mensch, wie er den Göttern wieder bedrohlich werden konnte, und dieser besteht darin, wie der Nibelunge Alberich der Liebe und dem Glück zu entsagen. Genau hierzu war der Mann im Spiegel jedoch außer Stande. Unerschütterlich glaubte er daran, dass den Menschen nichts außer der wahren Liebe von seiner Krüppelhaftigkeit zu erlösen vermöge und alles andere diese nur noch verschlimmere.

Er suchte daher unentwegt, erlebte eine Enttäuschung nach der nächsten und musste schlussendlich sogar erkennen, dass mit dem falschen Menschen zusammen zu sein weitaus schlimmer ist, als niemanden zu haben. Nicht nur, dass sie uns nicht fördern und nicht wirklich glücklich machen, sondern sie belassen uns auch nicht einmal so, wie wir sind. Sie ziehen uns vielmehr hinunter, geradezu wie ein Stein, der Ihnen um den Hals gebunden wird, bevor man Sie in eiskaltes Wasser schmeißt. Zu dieser Erkenntnis gelangte unser »Lohengrin« mit Hilfe seiner Ärztin. Sie war eine sehr kluge Frau und meinte einmal zu ihm, als er sich bei ihr über seinen immer schlechter werdenden Gesundheitszustand beschwerte, dass wir oft einzig deshalb krank, sogar sehr krank werden, weil wir einfach mit den falschen Menschen zusammen seien. Er wusste nur zu gut, dass sie Recht hatte, und gerade weil er häufig Momente erlebte, in denen er nicht mehr an die biblischen Worte glaubte, »Suchet, so werdet ihr finden!«, suchte er weiter und ging alle damit verbundenen Risiken ein. Es blieb ihm keine andere Wahl. Mit seinem Beruf war er wirklich zufrieden, die Kunst bescherte ihm unvergessliche Momente, doch sein Problem mit den Frauen war der Öltropfen, der einen ganzen See vergiftet und sein Wasser ungenießbar werden lässt. Dieser Umstand sorgte dafür, dass ihm zwar schöne, jedoch zugleich auch zutiefst traurige braune Augen aus dem Spiegel entgegenschauten. Sein Blick wanderte von seinem Gesicht zu der kleinen Uhr auf dem Waschtisch. Es war Zeit zu gehen.

DRITTES KAPITEL

»Gottes grausamer Spaß« oder: Der Mann mit den Zigaretten

Die Türen des Zuges auf der U-Bahn-Linie 2 öffneten sich ruckartig und als einer der ersten stieg aus einem der letzten Waggons ein Mann aus, der seine Schritte sofort in die Richtung der U6 lenkte. Als er deren Bahnsteig erreichte, wollte er eigentlich noch ungefähr bis zur Mitte gehen, um dort auf den Zug zu warten, welcher laut der digitalen Anzeigetafel in drei Minuten einfahren sollte. Genau an dieser Stelle wartete bereits ein Obdachloser. Dieser saß auf einer der Metallbänke und obwohl er keineswegs abweisender aussah als andere Bettler Berlins, änderte der Hinzugekommene seinen Entschluss, ging an ihm vorbei und blieb erst ungefähr sechs Meter weiter stehen. Er misstraute solchen Menschen instinktiv, denn er war überzeugt, dass jemand, der nichts mehr zu verlieren hat, vollkommen unberechenbar und damit auch gefährlich sei. Aus demselben Grunde ließ er sie auch nie gänzlich aus dem Auge.

Der Obdachlose verhielt sich ganz unauffällig und starrte vor sich auf den Boden. Dies blieb auch dann der Fall, als zwei vollständig mit sich selbst beschäftigte und recht festlich gekleidete Mädchen, die höchstens in die neunte Klasse gingen, hinzukamen und sich in den Bereich zwischen der Bank und den Gleisen hinstellten. Nur kurze Zeit später kam die Lautsprecherdurchsage, dass der Zug sich näherte und die Wartenden bei seiner Einfahrt Vorsicht walten lassen sollten. Die Menschen auf dem Bahnsteig gerieten in Bewegung und auch der Obdachlose erhob sich von seinem Sitz. Dabei fiel sein Blick auf eines der Mädchen und wandte sich nicht mehr von diesem ab. Dem anderen Mann entging dies nicht und sofort schoss ihm ein schrecklicher Gedanke durch den Kopf. Doch anstatt vorsichtig näherzukommen und sich innerlich darauf vorzubereiten, gegebenenfalls schnell eingreifen zu müssen, blieb er wie angewurzelt stehen. Irgendwas faszinierte ihn an dieser Situation, ein Schauer lief über seinen Rücken und gleich einem Dokumentarfilmer, der einen Löwen nicht davon abhält, seine Beute zu reißen, sondern sogar noch näher heranzoomt, kniff er seine Augen leicht zusammen, um besser sehen zu können, was sich einen Augenblick später ereignen sollte.

Die Bremsen der U-Bahn quietschten und verursachten ein lautes und grässliches Geräusch. Der Zug rollte heran, passierte den Eingang zur Station, passierte die ersten auf ihn wartenden Menschengruppen und als er fast schon auf der Höhe der beiden Mädchen war, machte der Bettler aus dem Stand heraus einen großen Sprung nach vorne und stieß mit aller Kraft eine von ihnen auf die Gleise. Der Fahrer reagierte sofort, doch es war alles zu spät.

Der Obdachlose versuchte nicht, wegzurennen, sondern stand vollkommen versteinert da und blickte auf den Zug. Gleich daneben stand das andere Mädchen und konnte sich ebenfalls nicht von der Stelle rühren. Zwar verstand sie, dass statt ihrer Freundin sie jetzt zerquetscht und in Teile zerschnitten unter dieser U-Bahn hätte liegen können, jedoch war es ihr unmöglich zu realisieren, dass der Mensch, der diese unbeschreibliche Tat begangen hatte, direkt neben ihr stand. Kurz darauf stürzten sich mehrere Männer auf ihn und drückten ihn zu Boden.

Der andere Mann, der alles vorausgesehen und zugelassen hatte, sah sich hingegen auch dies lediglich sehr genau an, drehte sich dann plötzlich um und verließ die Station über den nördlichen Ausgang. Oben, auf der Friedrichstraße, ging er weiter in Richtung Französische Straße, hielt jedoch nach wenigen Metern an, lehnte sich mit dem Rücken an eine Wand, da er leicht taumelte, und schloss die Augen. Ohne sie zu öffnen, zog er nach ein paar Minuten eine Zigarettenschachtel aus seiner Jackentasche und zündete sich eine Kippe an. Als er sie aufgeraucht hatte, holte er noch eine heraus und rauchte sie gleich hinterher. Die Augen blieben dabei die ganze Zeit über geschlossen. Er merkte nicht, was um ihn herum geschah, und sein Gesicht erweckte den Eindruck, als ob er sich krampfhaft etwas einprägte. Nachdem auch die zweite Zigarette niedergebrannt war, schmiss er den Stummel zur Seite und ging schnellen Schrittes zur nächsten offenen U-Bahn-Haltestelle.

VIERTES KAPITEL

»Hier bin ich Mensch, hier darf ich’s sein!« oder: Wieso tötet der Mensch?

Die Türen des Zuges auf der U-Bahn-Linie 6 öffneten sich ruckartig und als einer der ersten stieg aus einem der letzten Waggons ein Mann aus, der seine Schritte sofort in die Richtung des hinteren Ausgangs lenkte. Oben, auf der Friedrichstraße, drehte er sich um 180 Grad und ging nach Norden. Er bewegte sich also beinahe direkt oberhalb und in Fahrtrichtung des Zuges, mit dem er bis hierher, bis zur U-Bahn-Station Stadtmitte gefahren war. Seine Gedanken drehten sich immer noch um das, was sich da unten soeben abgespielt und seinen Lauf damit genommen hatte, dass der Fahrer des Zuges bei der Einfahrt in die Station vollkommen unerwartet mit aller Kraft hatte bremsen müssen. Daraufhin hatte der mit schwitzenden, teilweise der Körperhygiene gänzlich abgeneigten Menschen überfüllte und unklimatisierte Zug ungefähr fünf Minuten lang einfach nur im Gleis gestanden und hätte dadurch unverzüglich allen möglichen Spekulationen reichlich Nahrung geboten, wenn nicht die Menschen auf dem Bahnsteig mit Hilfe ihrer Mimik und Gestik den Passagieren deutlich zu verstehen gegeben hätten, dass da jemand auf die Gleise geschmissen worden sei. Nach diesen fünf Minuten waren dann die ersten Polizisten gekommen und hatten sogleich damit begonnen, die Schaulustigen zu vertreiben und den vorderen Bereich der Station abzusperren. Erst nachdem sie diese Maßnahmen abgeschlossen hatten, hatte es endlich grünes Licht für das Öffnen der Türen gegeben, denn obgleich alles zusammen nicht länger als eine Viertelstunde gedauert hatte, war den schwitzenden und teilweise sogar penetrant stinkenden Passagieren das Eingepferchtsein in ihren unbelüfteten »Viehwaggons« fast wie eine Ewigkeit vorgekommen.

Wie kann ein Mensch einen anderen Menschen töten, fragte sich der Mann, dessen Kopf sich – wie dies so oft beim Denken im Gehen geschieht – gleich nach den ersten Schritten auf der Friedrichstraße nach unten geneigt hatte. Er konnte dieser Frage nicht lange nachgehen, denn plötzlich kam ein Zigarettenstummel geflogen und fiel zuerst auf sein rechtes Hosenbein und anschließend auf einen seiner Schuhe. Er begriff nicht, was das war, hob aber den Kopf und erblickte in einigen Metern von sich den Rücken eines davoneilenden Mannes. Er verspürte das Bedürfnis, ihm irgendwas hinterherzurufen, doch erkannte er gleichzeitig auch die Sinnlosigkeit eines solchen Unterfangens. Deswegen schaute er dem Davoneilenden schweigend eine kurze Weile nach, während er langsam den Kopf hin und her schüttelte, und ging dann einfach weiter.

Sein Ziel war das Konzerthaus. Als er bei diesem anlangte und auch des Schiller-Denkmals auf dem Gendarmenmarkt ansichtig wurde, erfasste ihn das beglückende Gefühl: »Hier bin ich Mensch, hier darf ich’s sein!«, denn »der Mensch ist nur da ganz Mensch, wo er spielt«, und es spielt auch jener Mensch, der einem Spiel lediglich beiwohnt, jedoch innerlich gänzlich darin aufgeht.

Noch hatten sie nicht damit begonnen, Schostakowitschs 5. Symphonie zu spielen. Der Mann hatte es noch rechtzeitig geschafft, seinen Platz in der ersten Reihe des ersten Ranges einzunehmen. Sein Sitz war so positioniert, dass, wenn er geradeaus schaute, er dann direkt auf das Orchester blickte. Wenn er den Kopf etwas nach links drehte, schaute er dem Dirigenten leicht seitlich ins Gesicht, und wenn er ihn noch ein wenig weiter in dieselbe Richtung bewegte, so konnte er das gesamte Parkettpublikum aus einem sehr vorteilhaften Winkel betrachten, was er in den wenigen Minuten, die bis zum Vorstellungsbeginn noch blieben, auch tat, denn er liebte es, Menschen zu beobachten und ihr Verhalten zu analysieren.

Vor seinen zutiefst traurigen braunen Augen lag die gesamte Palette an möglichen Haltungen und Erwartungen eines Publikums vor dem Beginn einer Vorstellung: von vollkommen desinteressiert bis hin zu total begeistert und aufgeregt. Da war zum Beispiel der arrogante, ignorante Liebhaber mit seinem vorgetäuschten Interesse, der nicht wollte, aber musste und schon in wenigen Jahren genauso auf seinem Stuhl hängen würde, wie der offensichtlich gelangweilte, dickbäuchige Ehemann vier Reihen hinter ihm. Links von diesem aufgequollenen Herrn hatte wiederum ein Teil einer Gruppe von Schülern Platz genommen. Die meisten von ihnen wohnten zweifelsohne zum allerersten Mal in ihrem Leben einer solchen Veranstaltung bei. Die etwas reiferen und attraktiveren Schülerinnen versuchten, elegant zu wirken. Doch sie verwechselten Eleganz mit Hochnäsigkeit, und die Schüler, von denen einige unbeholfen in billigen Anzügen steckten, schielten verstohlen zu ihnen hinüber, offenbar fasziniert von der noch nie an ihnen gesehenen Schminke, den Sommerkleidern und hochgesteckten Frisuren, was sie in den Augen der Jungen wie in einem Traum aus kleinen Mädchen in echte Frauen, in wunderschöne Schwäne zu verwandeln schien. Keiner aus der Gruppe gab wirklich Acht auf die endlosen, halblauten Ermahnungen ihrer Lehrerin, einer gestressten, unbefriedigten Frau Mitte dreißig, die sich innerlich fragte, wo zwei ihrer Schülerinnen abgeblieben waren und wieso sie sich schon wieder auf das Abenteuer eingelassen hatte, mit pubertären Jugendlichen einen Ort der Kultur aufzusuchen, an dem es heilige Pflicht war, sich gebührend zu benehmen. Mit Letzterer hatten die alten Eheleute natürlich gar kein Problem, die sich etwas ungelenk bemühten, zu ihren Sitzen durchzukommen, welche sie als treue Freunde der klassischen Musik vor nun mehr als zwanzig Jahren einst gestiftet hatten. Als sie endlich erleichtert auf ihren Plätzen saßen, blickten sie selbstverständlich nicht mehr nach links und rechts und nach oben und hinten, wie das die Touristen aus aller Herren Länder taten, die nur gekommen waren, um auch an diesem weltberühmten Ort einmal mit dabei gewesen zu sein. Schostakowitsch interessierte da recht wenig. Gekommen waren auch unzählige Russen aus Charlottengrad, einstmals Charlottenburg, die zu russischen Komponisten und vor allem zu Tschechow, ihrem unanfechtbaren Theaterliebling, stets in Massen strömten und bei allen anderen in der Regel mit ihrer Abwesenheit glänzten. Glänzen wollten natürlich auch die Vertreter der Geldaristokratie in der ersten Reihe, wo die Akustik nie die beste ist, aber das ist bei einer Musikveranstaltung ja auch nicht das Entscheidende.

Die traurigen braunen Augen des Mannes wanderten von den Lebenden zu den Toten. Sein Blick streifte über die Vielzahl an Komponistenbüsten, die in die Wände über dem Parkett und dem 2. Rang eingelassen waren. War Schostakowitsch eigentlich dabei? Er konnte sich nicht erinnern, die Büste des größten Symphonikers des 20. Jahrhunderts hier jemals gesehen zu haben, der ohne Zweifel auch als einer der größten Opernkomponisten in die abendländische Kulturgeschichte eingegangen wäre, hätte es nicht den großen Freund der Künste namens Dschugaschwili alias Koba alias Sosa alias Josef Stalin gegeben. Kunst ist Macht. Sie ist eine »Tochter der Freiheit« und deswegen wird ein Tyrann sie stets an die Kette zu legen und sie für seine Zwecke zu instrumentalisieren versuchen. Ohne diese Einsicht ist Schostakowitsch nicht zu begreifen. Seine Musik ist die menschliche Stimme des 20. Jahrhunderts, des grenzenlosen Leidens des Menschen an der Menschenverachtung.

FÜNFTES KAPITEL

»Die Damen mit den Schwanenharfen« oder: Mich deucht, ich liebe dich.

Die Musiker ziehen

und richten sich ein

und erst danach erscheint der Maestro.

Die Blicke bannt er sogleich auf sich.

Alles wartet –

nur einer nicht!

Die Augen füllen sich mit Leben.

Sie sind Gefangene des Lichts.

Sein Herz hat sich der Frau ergeben,

die an der gold’nen Harfe sitzt.

Er weiß es lediglich noch nicht,

jedoch sein Herz ist jetzt schon wissend –

es schlägt in ihrem treuen Herzen

in jedem neuen Augenblick.

Oh, Liebe, oh, Unsterbliche,

allein im reinen Menschen Lebende,

dein Reich ist wahrlich nicht von dieser Welt!

Dein Kelch ist nicht an ihm vorbeigegangen!

Er trinkt den Odem der Glückseligkeit

und taumelt wie von allen Sinnen.

Er taumelt,

das Konzert ist schon vorbei,

hinaus

aus dem Großen Saal.

Er denkt nicht nach,

wohin er geht,

und erst

als er ganz unten steht,

kommt er allmählich wieder zu sich.

Er steht verloren vor einer Tür,

von der er denkt,

dass sie nach draußen führe.

Er macht sie auf

und ist verblüfft:

Er sieht

sie ihm

in seine Arme rennen.

Sie sagt zu ihm:

„Sie sind hier falsch!“

„Ich denke nicht“,

entwischt es ihm ganz unerwartet,

so dass

sie gar nicht anders kann,

als kurz zu lächeln

und sich selbst zu sagen:

Das ist ja wirklich mal ein Mann!

Zu ihm spricht sie jedoch verschmitzt die Worte:

„Dann musst du mir nun »leider« folgen.

Ich führ’ dich aus dem Labyrinth.

Den Faden halte fest!

Verlierst du ihn,

so bist du selbst verloren!“

Sie eilt davon, er eilt ihr nach,

durch schmale und durch lange Gänge

führt sie ihn sicher

bis zur Schwelle,

an welcher sie das Schweigen bricht,

indem sie ihn danach befragt,

wie sehr er »uns’ren Schostik« möge.

Da er sie nicht sehr klar versteht,

die Tür, sie quietscht,

als sie sie öffnet,

fragt er zurück,

leicht irritiert und amüsiert

und auch vollkommen fasziniert,

wie sie den Schostakowitsch nenne.

„Schostik“, sagt sie liebevoll.

Er lächelt sanft und muss bekennen:

„Ich liebe sie!“

Ganz überrascht schaut sie ihn an,

dann lacht sie herzlich und sehr warm.

„Sie meinen mich“,

fragt sie fast leise

und er,

der lediglich erst jetzt begreift,

wie sie die Worte noch verstehen könnte,

beeilt sich, Klarheit herzustellen,

indem er –

sie enttäuschend –

sagt

dass er das Werk des großen Russen meine.

Daraufhin erwidert sie

mit vorgetäuschter Ironie

und ungewollter Übertreibung,

dass sie dies äußerst schade finde,

da sie die ganze Zeit gehofft,

er liebe sie

und sie allein

und werde sie noch heute frei’n.

Da,

plötzlich,

bricht’s aus ihm heraus,

er weiß kaum selbst,

wie ihm geschieht:

„Natürlich liebe ich

auch Sie!“

Sie stehen beide leicht verlegen

und schau’n sich gegenseitig an,

bis er und sie vollauf verstehen,

dass Gott sie liebt

und sie einander gibt,

weil er sie glücklich

wissen möchte!

Sie gehen noch ein Stück zusammen

und dabei fällt kein einz’ges Wort.

Doch denkt sie immerfort

bei sich:

Wie hast du bloß mein Herz erobert

in einem einz’gen Augenblick,

du unbekannter,

fremder

Mann,

wie hast du’s nur getan?

Beim großen Schiller bleibt sie stehen

und beide wissen sie sogleich,

dass es für heute damit reicht.

Er fragt,

ob er sie wiedersehen dürfe.

Sie sagt,

dass sie auch morgen spielen werde

und wenn er möge,

sie ihm dann

noch eine Karte geben könne.

Als er bejahend voller Freude nickt,

spricht sie zu ihm,

er werde sie um sieben

bei der Dame mit der Schwanenharfe finden.

Da merkt sie,

dass er ihr nicht folgen kann,

und sagt,

mit ihrem Köpfchen leicht zu Schiller deutend:

„Betrachte dir den edlen Mann,

die Frau’n,

die ihm zu Füßen liegen,

dann wirst du schnell die Antwort kriegen.“

Er hört, er sieht und er versteht

und will,

bevor sie ihm entschwindet,

zum Schluss

noch ihren Namen wissen.

„»Man kann mich auch von hinten lesen«“,

verrät sie ihm

und als sie merkt,

dass er sie immer noch versteht,

will sie nun auch den seinen hören.

»O du, Geliebte

meiner siebenundzwanzig Sinne«,

denkt er bei sich

und sagt zu ihr

mit warmer Stimme,

dass er ganz einfach Liam heiße.

„Ein schöner Name“,

spricht sie leise,

dann wendet sie sich ab und geht,

doch schaut nochmal zurück,

bevor sie ganz entschwebt.

Sie sieht ihn neben Schillern stehen.

Du »schöne Seele«,

sagt sie sich,

mich deucht,

ich liebe dich.

SECHSTES KAPITEL

»Von welchen Sternen

sind wir uns hier

einander zugefallen?«

oder: Du, nur du bist mein Schwanenritter!

Inzwischen sind fast zwei Wochen seit jenem schicksalsträchtigen Abend vergangen, an dem Liam und Anna einander begegnet sind. Was war das seitdem für eine traumhafte Zeit. Nun liegt Liam in Annas Bett und träumt von ihr und weiß nicht, was Leben und was Traum ist. Das Leben ist ein Traum, denn die Frau seiner Träume liegt auf seiner Brust und träumt von ihrem Traummann, sie träumt von ihm, von ihrem Schwanenritter.

Im komplett in Weiß gehaltenen Schlafzimmer wacht über die zwei ineinander verschlungenen Schwäne seitlich vom Bett ein großer weißer Schwan. Seine stolze, breite Brust ist der Korpus einer fast zwei Meter hohen und mehr als fünfzig Kilogramm schweren Doppelpedalharfe. Sein leicht zur Seite gebeugtes königliches Haupt wächst aus ihrer Säule heraus und die federreichen Flügel schmiegen sich voller Anmut an ihren marmorweißen Hals und ihr wohlgerundetes Knie. Die Sonne sendet durch die hohen, breiten Fenster ihren warmen Morgengruß und der Schwan hebt plötzlich an zu singen, denn Anna ist soeben leise aus dem gemütlichen Bett gestiegen, hat Liams weißes, großes Hemd über ihren nackten Körper gestreift, hat sich an die Harfe gesetzt und mit sanfter Stimme zu spielen begonnen.

Ihr Spiel und ihr Gesang wecken den Geliebten. Liam schlägt die Augen auf, stützt den Kopf auf seinen Arm und betrachtet schlaf- und liebestrunken ihre weißen Hände und die zarten Finger, wie sie in die Saiten greifen und ihnen die himmlischsten Klänge entlocken. Dann geht sein Blick zu ihrem süßen Mund, zu ihren weichen Lippen, die ihn so heiß zu küssen wissen, und schließlich zu den beiden Augen, den gütigen, den meeresblauen. Was ist das für ein Zauberwesen, fragt er sich. War ein Mensch je glücklicher als ich?

Natürlich will Liam alles über sie erfahren, wie Elsa über ihren Lohengrin. Doch obwohl sie ihm bereits ihren Namen verraten hat, macht sie vor allem um ihre Herkunft noch ein Geheimnis und möchte auch nicht sagen, wieso sie Anna heißt, denn sie liebt es zu spielen, und so musste er ihr sogar feierlich versprechen, was er notabene mit sehr viel Humor getan hat, sie nicht danach zu fragen, bis sie sich selbst dazu entschließt, ihm eine Antwort zu geben. Jetzt, da er auf dem Bett liegt und ihren Zauberklängen und -gesängen lauscht, will er auf einmal noch etwas ganz Anderes von ihr wissen. Eigentlich hatte er sie schon gestern zu fragen versucht, wie sie zu ihrem Schwan, diesem einzigartigen Musikinstrument, gekommen war, aber sie hatte seine Frage elegant beiseite geschoben und ihn stattdessen auf tausend unbeschreibliche Weisen in den achten(!) Himmel entführt.

Anna, als ob sie seine Gedanken lesen könnte, hört auf einmal auf zu singen, ohne jedoch ihr Spiel zu unterbrechen, und sagt zu ihm mit einem leichten Lächeln:

„Ich glaube, ich bin dir noch ’ne Antwort schuldig.“

„Du bist mir noch viele Antworten schuldig“, erwidert er, woraufhin sie herzlich auflachen muss.

„Also schön, dann fangen wir mal an, die Liste abzuarbeiten.“ Während sie das sagt, steht sie auf, geht zum Bett, legt sich ihm gegenüber hin und stützt ihren Kopf ebenfalls auf einen ihrer Arme.

„Den Schwan habe ich von meinem geliebten Großvater bekommen, den er mit seinen eigenen liebevollen alten Händen für mich gefertigt hat, denn es war sein Beruf, Musikinstrumente zu bauen und so dazu beizutragen, dass die Menschen sich freuen. Schon als einem kleinen Mädchen hat er mir eine selbstgemachte Leier geschenkt, mit der ich dann klimpernd durch die Gegend gerannt bin.

Wie du weißt, ist meine Mutter sehr früh gestorben, und mein Großvater hat es durchgesetzt, dass ich nicht zu meinem Vater gekommen bin. So hat er mich zu sich in diese Wohnung genommen und hier, in diesen Räumen, wie ein vor allem behütetes Entlein aufgezogen. Er war es auch, der mir den Weg in die Welt der Kunst gezeigt, der mich vor allem zur Musik geführt hat. Die erste Oper, in die er mich jemals mitgenommen hat, war Wagners Lohengrin, und seitdem habe ich nie aufgehört, von Schwänen zu träumen. Beim Parsifal habe ich immer geweint, wenn der Tor sich brüstete, dass er einen Schwan erlegt habe, und bei Tschaikowsky habe ich ebenfalls stets geheult, wenn Siegfried die von Rotbart in einen Schwan verwandelte, erlösungsbedürftige Schwanenkönigin Odette mit einer Armbrust erschießen wollte und sie ihn jedes Mal im allerletzten Augenblick davon abhalten konnte, dies zu tun.

Mein Großvater bescherte mir ein wirklich sorgenfreies Leben und unterstützte mich in allem, wo er nur konnte. Er bezahlte mir den besten Musikunterricht, sorgte dafür, dass ich an die renommiertesten Musikschulen und zu den erfahrensten Professoren kam, und half mir dabei, meine jetzige Anstellung am Konzerthaus zu bekommen. Er hat, stell dir das vor, niemals auch nur ein einziges meiner Konzerte verpasst und in seinen Augen standen immer Tränen, wenn sich das Orchester am Ende der Vorstellung erhob und das Publikum applaudierte.

Er war selbst an jenem Tag im Saal, an dem er erfahren musste, dass er Knochenkrebs im Endstadium hatte. Er wollte, aber ich wollte nicht, dass er in ein Hospiz ging, um meinen Blicken entzogen zu sterben. Es ist eine schreckliche Krankheit, unerträglich anzusehen, wie das hellste und wärmste Lebenslicht des positivsten Menschen von der ganzen Welt mit einer so unbarmherzigen Gewalt innerhalb kürzester Zeit ganz einfach ausgelöscht wird. Ich habe ihn unsäglich leiden sehen, hier, direkt im Nebenzimmer, habe ich ihn gepflegt und mit Morphium versorgt. Seit dieser Zeit denke ich ganz anders über Sterbehilfe. Was maßt sich unsere Gesellschaft an, zu bestimmen, wie der