Schwarzbrotesser - Iven Kruse - E-Book

Schwarzbrotesser E-Book

Iven Kruse

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Beschreibung

Hermann Löns schrieb über die ›Schwarzbrotesser‹: »Menschen in Nordniedersachsen sind so: mit derbem Realismus auf dem Boden stehend, mit zitternder Seele in die Unendlichkeit spähend und den Fehlbetrag zwischen Soll und Haben des menschlichen Daseins mit stillem Humor buchend«. Theodor Fontane gar sprach den Figuren seiner Erzählungen etwas Tolstoihaftes zu. »Meist stimmungsvolle auch sozialkritische, weniger dramatische Darstellungen machen den Reiz und den Gehalt seiner Erzählungen – auch für den heutigen Leser – aus.« (Dr. Willy Diercks, Schleswig-Holsteinischer Heimatbund) Aus seinem reichen Wissen sowohl der Historie der Heimat als auch durch umfangreiche Kenntnisse innerhalb der Literatur gestaltete er seine journalistischen Artikel. Den Schwerpunkt bilden dabei heimatliche Themen: Einsatz für die Erhaltung der Natur und Umwelt, für Pflege der heimischen Kultur bei gleichzeitiger Respektierung fremder Völker und deren Besonderheiten. Kruses Lyrik ist durchaus eigener Art. Die große Form der Ballade, vor allem in Niederdeutsch, lässt erkennen, wieso Detlev von Liliencron in Kruse den Wiederbeleber der Ballade in der Nachfolge Klaus Groths sah. Ein umfangreiches Nachwort zur Biografie des Dichters rundet die vorliegende Anthologie ab.

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Seitenzahl: 437

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Wirklichkeit, der rauhe Bauer, Schuf dies Buch, Durch den Heimatboden führend Seinen Pflug; Über ihm in Morgenwonne

– Tirili –

Eine Lerche steigt zur Sonne: Phantasie.

Iven Kruse

»Der Letzte der Alten Garde um Liliencron«

Hans Ehrke

INHALT

 

E

RSTE

S

CHRITTE

 

Christus

Die violetten Handschuh

Die Gekreuzigte

 

E

RZÄHLUNGEN

 

Holsteinische Julilandschaft

He will de Ogen todohn

Nach Rom –?

Die Ringelnatter

Der liebe Gott

Der Holzapfelbaum

Feigheit –?

Das Zepter

Die Kreuzotter

Es ist worden kühl und spät

Adam und Eva

Käpt’n Adebar

Zum stillen Unverhofft

Der Heiltrank

Die Kohlen

Knääp

Homer am Ziegelofen

   

Eva

   

De Koh un de Schoh

   

Moder Elend

 

B

ETRACHTUNGEN

 

Knicks

Die Frühlingswiese

Erntezeit jetzt und früher

Die alte Linde

Der Märchenvogel

Schmetterlinge

Die Eibe

Hand oder Maschine

Der Earl von Clancarty

Woher kommen die Künstler?

Das grüne Stäbchen

Tutankhamen

Nijahrskoken

Vun den Matterjalismus un so ’n Kram

 

G

EDICHTE UND

B

ALLADEN

 

Ich bedarf der Mädchen

Un güng se abends na den Sood

Dor achter in de Blangendöer

Hannes Lichtfoot – En fixen Kerl

Mauvefarben

Ich liebe dich nicht mehr

Schön-Elschen – Faslabend

Hannis Lichtfoot – De Verschäl

Bet de Hahn vun’n Karktoorn kreiht

De Schattentog

Auf der Bornhöveder Heide

De Organist von Bovenau

De Wichelboom

Kai Wittorp

Der rote Busch

Früher Frühlingstag

Erster Kuckuckruf

Die Amsel ruft den Frühling

Der alte Kirschbaum blüht wieder

Der ewige Ton

Heihüpper speelt sin Vigelin

In der Frühe

Die Haselschlucht

De Heid

Letzter sonniger Oktobertag

Die fremde Stadt

Dat Dörp

Der Schmied

Dat Glück

Letzter Wille

Dodenvolk

Moderspraak

 

N

ACHWORT

N

ACHWEIS DER

V

ERÖFFENTLICHUNGEN

ERSTE SCHRITTE

CHRISTUS.

Ich lieg’ auf einer kleinen sandigen Anhöhe am Rande des Torfmoores, mitten in den zartrosig-bläulichen Blüten des Marienbettstroh’s, das meinen Lagerplatz teppichgleich überzieht. Hier und da ist ein grüner Ginsterbusch achtlos und unordentlich auf diese herrliche Decke geworfen, mit prächtigen tiefgelben Blüten besetzt, welche flügelfaltenden Schmetterlingen gleichen. Das Junisonnenlicht um mich verklärt sich zu leuchtendem Golde. Träge lass ich meinen Blick über die Moorfläche schweifen. Das Moor bietet während der längsten Zeit des Jahres einen öden und traurigen Anblick: blänkernde, unbewegliche Wasserlachen, schwarze Torfhaufen, verlassene, graugrüne Wiesenflächen – sonst bemerkt das Auge nichts. Aber in der Jungsommerzeit ist es desto prächtiger und lebendiger; zumal nach einem erquickenden nächtlichen Regen ist nichts so farbenfroh, als das arme Moor: überall, wohin man sieht, überzieht den ebenen Plan ein leuchtendes samtartiges Grün, mit bunten Blumen und den wehenden weichen Flocken des Wollgrases, weiß wie Schnee, geschmückt: tausende von Schmetterlingen, mit blauen und purpurnen, weißen und orangegelben Fittigen, gaukeln darüber hin; allenthalben stehen an den wie geschmolzenes Silber blinkenden Kuhlen Erlen-und Weidenbäume, mit deren slatternden glänzendgrünen Blättern jener leichte warme blöde Wind spielt, wie er nur im Gefolge des jungen Sommers auf die nordische Erde kommt; hoch vom Himmel herab klingen die hellen Lieder der Lerchen, ganz erfüllt von der nervenstählenden Frische des Morgens; der Kiebitz schreit sein Ki-witt, Ki-witt, ohne indessen sichtbar zu werden; Fliegenschnäpper und schlanke Schwalben schießen unaufhörlich durch die Luft, den summenden Fliegen und Mücken nachstellend, und drüben über dem See blitzen die weißen Schwingen der Möwen leuchtend im Sonnenlicht. Alle Augenblicke kommt vom Dorfe her ein Storch geflogen, um die Kuhlen nach Fröschen zu durchsuchen, ernsthaft und gravitätisch, ohne sich von den Menschen stören zu lassen, welche nacktbeinig an den Rändern derselben stehen, ganz von dem schwarzen Schlamm beschmutzt, den sie aus der Tiefe holen und aus dem sie die viereckigen Torfsoden kunstgerecht zurechtformen.

Mein Blick folgt gedankenlos einem der voll steifer Grandezza nach dem Dorfe zurückfliegenden Störche und verliert sich dann in der Unergründlichkeit des blassblauen, keuschen, jedem Gebet offnen Himmels dieser Jahreszeit… Große weiße flatternde Wolken, mit welchen die frohe lächelnde Sonne zu spielen scheint, ziehen langsam, wie furchtsame verirrte Engel, unter seiner Kuppel dahin…

Mein Auge wandert mit ihnen…

*

Plötzlich seh’ ich diesen Himmel sich öffnen, und eine göttliche Gestalt steigt herab, in ein weißes schimmerndes Gewand gehüllt – mit schmalen Purpursäumen, von einem goldenen Gürtel gehalten, sonst ohne Schmuck – und wandelt mit unbeschuhten Füßen über das grüne Moor dahin, ein göttliches, gütiges Lächeln in dem seligen Antlitz, dessen dunkle Augen voll weicher, liebkosender Milde sind…

Christus?…

Das grüne hohe Schilf neigt sich säuselnd vor dem langsam Dahinschreitenden in der stillen Luft und die kleinen gedrungenen, ganz mit Torfschlamm bespritzten Gestalten der Heidebauern – schwarz wie Mohren – sehen auf und halten in ihrer Arbeit inne; er streckt die schönen Hände über sie aus und sie neigen sich unbeholfen, aber voll tiefer Ehrfurcht… und starren ihm mit weitoffenen Mäulern nach…

– – Ich seh’ ihn nicht mehr.

*

Wie kommt es, dass ich einer solchen Erscheinung gewürdigt werde?

Denn ich… Freilich es gab eine Zeit, da ich an diesen herrlichen Messias glaubte… Damals war ich glücklich… Aber dann wurden mir die Augen aufgetan und es kamen harte, schwere, finstere Tage… Doch, ich hatte sie überwunden und ich war ruhig geworden – ruhig: freudlos und leidlos.

Ach – wie glücklich ist jener alte kümmerliche Tagelöhner dort im blauen Linnenkittel, der so mühsam, von Zeit zu Zeit schwer hustend, hinter seiner Schiebkarre einhergeht… Ich beneide ihn, der sein ganzes Leben wie im Opiumrausch verbrachte und darüber sein elendes Lebenslos vergaß. Wollte er, mühselig und beladen, mürrisch werden, so brauchte er nur die dicke Bibel vom Simms über der Tür zu nehmen:

»Ich will Euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet.«

»Kommet her zu mir Alle, die Ihr mühselig und beladen seid, ich will Euch erquicken.«

»Meine Last ist leicht und mein Joch ist sanft.«

»Ei, du frommer und getreuer Knecht, du bist über wenig getreu gewesen, ich will dich über viel setzen. Gehe ein zu deines Herrn Freude.«

Und so weiter. Die knorrigen Hände des Trostsuchenden falten sich, seine zersprungenen Lippen zittern, die Augen unter den grauen buschigen Brauen leuchten dann – – und er fühlt die Last nicht mehr…

Frage ihn, wie er sich den Himmel träumt: ich werde in einem hohen hellen, glänzenden Saal auf einem weichen Pfühl sitzen, von Engeln mit weißen Flügeln umringt… Frage ihn nur, so oder ähnlich wird er mit den gläubigsten Augen antworten. Und ebenso wird wahrscheinlich auch sein Junge antworten, der sich in der frischen Jungsommerpracht des Moors wälzt, währen seine Kühe ihre Schnauzen wollüstig in das junge Gras strecken und sich an dessen frischer Saftfülle nach der langen in dumpfer Stallluft verbrachten Winterszeit berauschen.

Aber wer soll darauf verfallen, ihnen eine so närrische Frage vorzulegen?

*

Mich überkam plötzlich die Lust, dieser Narr zu sein. Ich will mich davon überzeugen – ich will zu ihm gehen – Hm, übrigens – ist es vielleicht nicht der Mühe wert! Obwohl – hm – warum nicht? Ich bin doch neugierig, ob ich mich geirrt habe; ich will zu ihm gehen.

Ich erhob mich. Mein Hirtenbube saß jetzt in halsbrecherischer Haltung auf einem wackeligen Hecktor zwischen grünen Erlenbüschen in einer Zaunlücke. Sorglos ließ er seine bis zum Knie entblößten, von der Sonne braunverbrannten Beine baumeln und seine weißen Zähne bissen lustig in einen dicken Brocken harten, wohlschmeckenden Schwarzbrots. Unbedenklich gab er sein gelbes Haar der Sonne preis und sie hatte es redlich verblichen; auf seinem lustigen sommersprossigen Gesicht lag der feine Staub des braunen Moorweges.

Seine Augen sahen so zufrieden, so lustig, so unbedenklich und unbedingt gläubig in die bescheidene holde Pracht, die sich ringsum entfaltet hatte – – und ich fragte ihn finster: »Du – gibt es einen Christus?«

Er starrte mich von seinem Sitz herab erstaunt an. Die Hand mit dem halbwegs zum begehrlichen Munde gehobenen letzten Bissen sank ihm in den Schoß… Er schien grenzenlos verdutzt.

Ich schlug eine helle Lache auf und schritt den Moorweg weiter hinab.

Nach kurzer Weile sah ich mich um. Mein Simplicissimus saß noch da – wieder gemütlich kauend. Aber etwas wie ein unbestimmtes Gefühl der Scham musste ihn erfassen, als ich ihn so sah und kauernd purzelte er vom Heck und duckte sich hinter den Erlenbüschen nieder…

*

Ein altes Mütterchen kam mir entgegen. Es war die Brotfrau aus dem nahen Dorf. Sie ernährte sich durch das Auskrämern von Weißbrot und Semmeln an die Dörfler; zweimal in der Woche versah sie sich beim Bäcker im nächsten Kirchdorf mit dem nötigen Vorrat. Zum Tagewerken im Dienste der Bauern war sie seit langem nicht mehr geschickt; früher zwar war sie ein »Rasmus«, eine Arbeitsheldin gewesen; aber ein halbhundertjähriges Arbeiten, Tag für Tag unausgesetzt,

sollte auch ihre Knochen wohl mürbe machen.… Jetzt wurde ihr das Schleppen der Brotvorratskörbe, die von einer über die Schulter gelegten Tracht ihr zu beiden Seiten herabbaumelten, in der prallen Hitze schon schwer genug. Über ihr braunes verrunzeltes Gesicht mit den kleinen grauen dummen gutmütigen Kneifaugen perlte heller Schweiß herab; sie atmete geräuschvoll und ihre kümmerliche welke Brust ging unter dem weißschmutzigen, kreuzweis verschlungenen Miedertuch mühsam auf und nieder.

»Glauben Sie an Christus?… Wie sieht er aus?« fragte ich sie brüsk.

Sie steht keuchend still und schaut mich blinzelnd von unten bis oben an – ganz so ungewiss und verdutzt wie der Hirtenjunge. Aber plötzlich – ihre Lippen zucken, tiefernst wird ihr Gesicht. Ich werde rot unter ihrem tiefernsten Blick, ich fühle es – und habe doch nicht aus Spaß gefragt. Sie freilich mag das fürchten…

Dann, zu Atem gekommen, sagt sie leise:

»Uns’ Herr Christus? O, dat is’n schönen, fründlichen Herrn… De ward mi segg’n wenn ik den mal van disse Eerd afropen ward: ›Na, nu komm man her, min Deern, to mi – Du hest Di lang ’nog plagt un afmarachelt up de ole Eerd’. Nu schast Du dat darför awerst ok god hebben, segg ik Di!‹… Un denn gifft he mi fründlich sin weeke Hand…«

Ich starrte der Alten, die, von der Zuverlässigkeit ihres Glaubens felsenfest überzeugt, kopfnickend, hechelnd ihre Last weiterschleppte, mit einem Gefühl der Bestürzung, wie betäubt nach…

»God hebben«: In einem schönen Saal auf weichem Pfühl sitzen, nie mehr arbeiten müssen, keine Sorgen haben, vielmehr von Engeln sich pflegen und bedienen lassen und eine weiche warme Segenshand auf der Stirne fühlen, über welche nie mehr ekler Schweiß herabrinnen wird…

DIE VIOLETTEN HANDSCHUHE.

Ich war in ein Café eingetreten, das in der Nähe des Hafens und des Bahnhofs lag. Bequem zurückgelehnt in einem Plüschdivan, starrte ich gelangweilt in einen großen vortrefflichen Spiegel, der Alles wiedergab, was sich auf der Straße ereignete, und außerdem noch den Bahnhof und ein kleines Stück Hafen sehen ließ. Vom Vormittag bis ganz vor Kurzem hatt’ es geregnet – es hatte gleichsam Schnee geregnet; längliche, grauweiße, schon halbaufgelöste Flocken sanken schwer aus den Wolken und zerschmolzen, bevor sie noch auf die Straße kamen – die Fahrdammsteine und die gelben Trottoirplatten waren ganz wasserblank. Eine schmutzige Weichheit lag über den Häusern, dem Hafen, überall, bis ganz zu den Wolken empor; jene kalte Feuchtigkeit, die durch die dicksten Wände kriechen kann und bis in die Seele dringt, durchschwamm die Luft; sie hatte auch die dunklen Schmutzadern in den hellgrauen Mörtelüberzug des großen Eckhauses gegenüber gezeichnet und die große Messingstange vor den hohen Ladenfenstern ganz blind gemacht… Mit großen Lettern – im Spiegel konnt’ ich’s deutlich lesen – stand zu beiden Seiten des Fensters an der Wand: »Handlung von Schiffs-Ausrüstungsgegenständen - G. C. Repennig & J. V. Thormälen – Udsalg af Skibsudrustningsgjen- stande«. Mir zum Tort hatte das Schlackerwetter nun aufgehört, da ich im Trockenen saß, ein Schälchen heißen schwarzen Kaffees neben mir…

Trotzdem blieb ich abgespannt, müde, verbittert sitzen und sah gleichgiltig die von dem unerbittlichen Spiegelglas aufgefangenen Schemen vorüberhasten, die plötzlich aus dem faltigen mattgelben Jutevorhang, der an dem Spiegel niederhing, hervorquollen, über die Fläche des Glases eilten und an der andern Seite spurlos im Rahmen verschwanden – sah, als ob sie, langgezogen, darin plötzlich erstarrten. Vor mir diese Schemen, vorgebeugt, fröstelnd, die Hände in den Taschen, den triefenden Schirm unterm Arm, die Kopfbedeckung tief in der Stirn; hinter mir, deutlich durch das große bis an den Fußboden reichende Fenster schallend, die platschenden Tritte auf den glitschigen Trottoirfliesen, anschwellend, wieder verhallend… Merkwürdig das – und eine seltsam geisterhafte unbehagliche Stimmung überkommt mich… Da, jetzt kommt Jemand um die Ecke des Hauses gegenüber, aber nicht hastig, sondern mit langsam schiebenden Bewegungen, lauernd gemächlich… deshalb fällt er mir auf… eine breite Gestalt in abgetragener Arbeiterkleidung… mit sandfarbener Kinnkrause im sandfarbenen Gesicht, in welchem nur die Nase lebhafter gefärbt ist… Er steht still, er lehnt sich gemächlich gegen die gelbe Messingstange vor dem Schaufenster, hinter dem dicke Schiffstaue, Haufen von Schiffszwieback, blanke Messingsachen, Ferngläser u.s.w. aufgestapelt sind… Gleich mir betrachtet er sich das Treiben, mit unbeschreiblich gelangweiltem, müdem, höhnischem, geringschätzigem Gesichtsausdruck… Was will er da? Ihn muss doch frieren… Und übrigens: – was? Gleich mir? Gerade wie ich?… Ich ärgere mich… und wende meinen Blick von ihm ab. Es ist wahrscheinlich einer der Streikenden? Die Arbeiter der D**schen Werft haben ja vor einigen Tagen die Arbeit eingestellt…

Angewidert glitt mein Auge von ihm in das Stück Himmel, das der Spiegel wiedergibt. Es ist graublau und gesprenkelt mitrahmgelben Punkten und Adern; die Wolkendecke scheint mir gegen vorhin mit einemmale viel höher geworden zu sein. Stellenweise kommt ein blassblaues, ungemein zartes Stücklein Himmel in eigelb umrandeten Wolkenöffnungen zum Vorschein… Vom Hafen starren eine Unmenge von Schiffsmasten, reichbetakelt, aus weitbauchigen, schwarzen oder rotschwarzen oder gelbschwarzen Schiffsrümpfen zu diesem Himmel empor… »Augusta«, »Hartwick«… Aus den Bauchlöchern der »Augusta« kommen lange, gelbe Ballen hervor, scheinbar ohne Menschenhilfe – wie ein Bindfaden aus Gauklermund. Der »Hartwick« löscht Kohlen; auf den über hohe Blöcke gelegten Bohlen, die aus dem Schiffsrumpf kommen, laufen Arbeiter mit gefüllten Schiebkarren hin, die sie über den am Quai haltenden Eisenbahnwaggons durch einfaches Umkippen geräuschvoll entleeren. Ah, mir schwindelt fast… Wie sicher sie auf dem schmalen Brett, hoch über dem Wasser, hin- und hergehen… ich würde fallen… Zwischen den Schiffsrümpfen hindurch erblick’ ich auf der grauen Hafenfläche kleine, flink hin- und herschießende Fährdampfer, weiße kleine Rauchwölkchen sparsam aus ihren kleinen Schloten ruckweise in kurzen regelmäßigen Pause in die Luft stoßend. Hell schrillt ihr Pfeifen in das leere Café, in dem ich fast der einzige Gast bin… Auf dem hochgelegenen Bahnhof verhaucht eine Lokomotive den letzten Qualm; es ist, als ob ihr ruhiger Rauchfang lauter kleine grauschwarze Flaumfedern in die Luft bliese…

Aber wirklich! Friert ihn denn nicht? Noch immer steht der Arbeiter an jene Messingstange gelehnt. Noch immer wandert sein Blick gelangweilt hier und da mit einem Vorüberhastenden – dann wendet er das Gesicht ab und spuckt aus. Jetzt hat er die Hände aus den Taschen gezogen… er hat was mit ihnen vor… richtig, er zieht Handschuhe an, große wollene Fausthandschuhe – von lebhaftester, violetter Farbe… Diese grellvioletten, giftigen Handschuhe stechen schreiend, gewalttätig ab von der sonstigen grauschmutzigen Kleidung der Gestalt; sie protestieren gleichsam gegen deren Farbenbescheidenheit… Nun legter die beiden violetten Hände, die Arme weit vom Körper abstreckend, um die Messingstange…

… Ja, vielleicht…? Ich kann mich nicht genau entsinnen… ich meine gelesen zu haben irgendwo, das Violett sei die Kaiserfarbe – irgendwo, bei den alten Römern oder den Marokkanern oder den Chinesen… oder so… jedenfalls, gelesen hab’ ich’s…

Und plötzlich musst’ ich denken, und es schauderte mir – ich sah es: wie! Wenn ihm da draußen nun von den Händen her die violette Farbe über den ganzen Körper wüchse! Dann wird er Kaiser sein… dann nehmt euch in Acht, die er jetzt mustert, teilnahmslos ergrimmt; dann wird er nicht mehr an der Ecke stehen und mit – trotz alles Grimmes–unbewusst flehend, neidischen Blicken um sich sehen – – dann: – aber jetzt sieht er ja mich an – wahrhaftig! – aus dem Spiegelglas, spöttisch drohend… sich breitbeinig aufstellend… den Mund verziehend, als ob er mich anspucken wolle…

Und, so bequem ich auch saß: voll tiefen Unbehagens und Ekels erhob ich mich und ging in den Hintergrund des Zimmers…

DIE GEKREUZIGTE.

Ich stand auf einem weiten, ungeheuren Blachfeld. – Die scharfe, weiße, glasklare und glaskalte Helle, die dem Sonnenaufgang vorausgeht, umgab mich; ein eisiger trockner Wind peitschte unablässig, höhnisch, ohne Erbarmen mein Gesicht. – Es war die Stunde der Hinrichtungen. – Vor mir lag eine große Stadt: Jerusalem. – Doch nein, nicht die Davidstadt ist es, ich bemerke hohe Kirchtürme, ich höre Wagengerassel, helles, ohrenbetäubendes Glockengeläute, das schmetternde Getöse der ihre Arbeit aufnehmenden Fabriken, das schneidende Pfeifen der Lokomotiven, das donnerähnliche Geräusch, mit dem die Züge in die Bahnhofshallen hineinkeuchen und dieselben nach kurzem Aufenthalt wieder verlassen, den weiten Gottesluftraum mit dem aus den Schloten quellenden missfarbigen, graugelblichen Dunst erfüllend.

Also: Berlin, Paris, London!

Wie herrschsüchtig, kalt verschlossen die Millionenstadt in dieser fahlen Morgenluft aussieht. Mir erbebt das Herz.…

Und was ist das für ein Auflauf?

Immer dichter wird er, immer gedrängter. Fabrikarbeiter mit bleichen Gesichtern und wüsten, gleichgiltigen Augen; Männer und Weiber mit schlumpigen Kleidern; vornehme »feine« Damen und Herren in äußerst eleganter Kleidung – als hätte ein Sturmwind sie hier in tyrannischer Laune auf dem weiten Platz zusammengefegt.

Sie schauen sich nicht an; alle Augen sind voll beklommener Neugier auf einen wüsten Hügel gerichtet, den Flaschenscherben, Butterbrotpapier, faules Stroh, Lumpen und blassgelbliches, ungesundes Unkrautgewirr bedecken.

Ist es Golgatha?

»Wie schön ist es hier draußen!« sagt ein bleiches Mädchen mit rührend großen, wie verdursteten Augen zu ihrem Begleiter, ihrem Geliebten – bleich wie sie, mit zynischem Lächeln um die breiten Lippen.

Er antwortet nicht, nimmt die Kalkpfeife aus dem Munde und spuckt aus.…

Jetzt reckt alles die Hälse.… Einige Männer besteigen den Hügel – keine Henkersknechte im Blutmantel, keine römischen Kriegsknechte im blitzenden Kürass – moderne Herren im Frack, einer mit einem Pincenez auf der Nase.

Sie richten ein Kreuz auf, ein hohes schwarzes Kreuz.…

Ein dumpfes Geschrei entringt sich der unzähligen Menschenmenge und zitternde Fäuste schwenken Hüte und Taschentücher; roh bestialisch klingt es: »Kreuzige, kreuzige!«

Und das schwarze Kreuz, sich scharf abzeichnend in der hellen Luft, scheint begierig seine noch leeren Arme nach einem Opfer auszustrekken.… In schrecklicher Spannung starren die tausende von Augen zu ihm hinauf.…

Irgendwoher, unendlich süß und leise, als ob die Lüfte es schluchzten, klangen die Worte mir in’s Ohr. »Kein Herz, keine Liebe mehr auf weiter Welt!…«

Auch ich sah tieferregt auf das Kreuz. Hastig und doch schwerfällig klopfte mir das Herz.… Eine Minute lang schloss ich die Augen – mir war, als müsst’ ich blind werden. Denn etwas Entsetzliches sah ich…

Mit rauen Stricken, die sich tief in die zarte, weiße Haut einschnitten, ziehen schwarzbehandschuhte Hände die Göttin der Liebe an das Kreuz empor – die Glücks-, die Lebensspenderin: betörend, überwältigend schön.…

Berauscht von der göttlichen Pracht, vergess ich einen Augenblick das Entsetzliche; meine Augen ruhen beseligt, wunschlos befriedigt auf dem Wunder des enthüllten Leibes der Reinen… Das Gesicht, die Brust, die Arme, die zartweiße Haut, unter welcher das rote Lebensblut pulst, die kleinen Hände, die schön sind wie ein Traum, und die schlanken Füße… aber o, o – und ich erwache aus meinem Entzük- kungsrausch – sie bluten; bis zu den Knöcheln hinauf sind sie mit Wunden bedeckt, mit Wunden, die ihr die schnöden Flintsteine ritzten, als sie unbeschuht von ihren Peinigern durch das Blachfeld bis hierher geschleppt wurde, gefesselt von rauen, engen Schlingen! Schluchzen befällt mich.

Jetzt ist sie emporgezogen. Eine Leiter wird an das Kreuz gelegt. Die göttlichen Arme werden straff an den Querbalken entlang gezerrt, die kleinen Fäuste auseinander gepult und dann rostige Nägel in sie hineingeklopft.… Widerlich kreischend gleitet der Hammer an dem Nagelkopf ab und trifft die arme zuckende Hand.…

Nun ist es vollbracht. Rohe Hände reißen auch die letzten Schleier von der göttlichen Gestalt; erbarmungslos ist die weiße, blühende Götterpracht dem kalten, unfrommen Tageslicht, den Millionen gieriger, schamloser Augen preisgegeben. – Widerliches Hohngeschrei.…

In bebender Scham lässt die hehre Göttin ihr leidend schönes Haupt auf die Brust sinken; mitunter zucken die festgeschmiedeten Hände, als bestrebten sie sich, die Blöße zu verbergen und könne nicht, und können nicht.… Und Hohngeschrei. – – –

Blässer, blässer wird der Leib dort am Kreuze, spärlicher tropft das Blut der durchbohrten Hände und Füße.… Noch einmal öffnet die Gekreuzigte ihre wundervollen Augen, ein unbeschreiblicher Blick, seltsam gemischt aus gemisshandelter Liebe und qualvollem Mitleid streift die Menschenmasse.

Ihr wisst nicht was ihr tut: o wenn ihr’s wüsstet!… sagt dieser Blick der sterbenden Götteraugen.

Dann senken sich matt, qualvoll langsam die weißen Augenlider.…

Widerlich tosendes Geschrei, Gelächter, auch Angstrufe.…

Ein General der Heilsarmee umtanzt wie trunken das Kreuz und ruft! »So recht, so recht! Es steht geschrieben! Kreuzigt Eure Lüste und Begierden! «

Jemand stößt ihn an – sich überkugelnd rollt er am Erdboden hin. Und Lachen, schauriges, – blödsinnig lallendes Lachen ringsum. – –

Und die Sonne rötet den Himmelsrand und lässt die tote Göttin durch den ihr vorausfliegenden Schimmer noch einmal mit Lebensfarben überrieseln. Ein Zucken läuft durch ihre zarten Glieder, ihre Augen öffnen sich nicht wieder.

Und dann steigt die Sonne empor.

Aber wie in ungeheurem Entsetzen über den namenlosen Gräuel, den sie erschaut, verschwindet sie wieder.

Von einem dämmrigen, blassgrauen Himmel hebt sich das Kreuz ab – nur ein dünner, mattgelber Glanzstreifen am Himmelsrand quert den Kreuzesstamm, gerade da, wo die blutüberströmten Füße der Gekreuzigten festgenagelt sind.

Tosendes Lachen und Hohngeschrei: »Geh’ schlafen, alte Sonne, geh’ schlafen, wir brauchen dich nicht mehr, wir machen uns unser Licht schon selber.…«

Und es ward dunkel… dunkel.…

ERZÄHLUNGEN

HOLSTEINISCHE JULILANDSCHAFT

Ich fuhr mit der Kleinbahn vom Altonaer Gählersplatz nach Kaltenkirchen.

Es war an einem grellsonnigen Julitag. Lange Jahre sind darüber vergangen, aber der heiße Tag steht mir noch deutlich vor Augen.

Ich erreichte Kaltenkirchen nicht. Ich konnte es einfach in der engen Staub- und Bazillenherberge des Abteils nicht mehr aushalten. An einer kleinen Haltestelle, deren Namen mir entfallen ist, verließ ich sie und schlenderte zu Fuß auf der Landstraße weiter.

Die Knickbüsche, die Gräser und Kräuter am Wegrande erstickten im Staub – sie sahen so matt, so welk, so verzweifelt durstig aus. Aber nichts kündigte Regen an. Ich sah zum Himmel empor. Er war bleifarben, als wäre er aus Metall geschmiedet.

Allmählich verschwanden die Knickwälle; sie liefen gleichsam in den Boden hinein.

Die Heide.

Unendlich dehnte sich ihre flache Weite um mich aus; braun, dürr, versengt gab sie sich dem weißen, heißen Licht des Julinachmittags preis. Dieses Licht – es lebte gleichsam über dem struppigen Kraut; es war, als ob es sich an den spitzigen Stauden verletzte, als ob es nicht zur Ruhe kommen könne und fortwährend zitternd und zuckend darüber hintanzen müsse.

Am Himmel, der mir dreimal höher als sonst vorkam, standen an einer einzelnen Stelle einige kleine Wolken, leuchtend weiß und zart grau; sie verharrten regungslos, als ob sie an der bleichblauen Kuppel festgenagelt wären. Missvergnügt schielten sie nach der Sonne hin, nach der heißen, flammenden, versengenden Sonne, die sie hassten und fürchteten zugleich.

Und in der Ferne ein schwarz-grüner Tannenwald.

Wie prachtvoll scharf er sich von dem gelblich-weißen Himmelsrand abhob! Stolz, finster, verschlossen –; ein Geheimnis, das niemand lösen kann noch mag.

Und vor ihm die Heide. Sie sah so welk aus, wie ein fahlbrauner Bärenpelz. Dennoch regte sich tausendfaches Leben in ihr: Fliegen, Mücken, schillernde Käfer spielten über ihr; kleine blaue, weiße, gelbe Schmetterlinge trieben mit milden, lässigen Flügeln in der weißen Glut dahin; hohe, dünne mäusegraue Sandhalme erhoben sich überall aus dem Gestrüpp und hin und wieder begrüßte das Auge ein bräunlich-grüner Fleck. Dort ist ein Wässerchen, dort blühen auf hohen dicken saftstrotzenden Stängeln große gelbe Blumen, die so frisch von der saharahaften Dürre rings abstechen. Ganz weit hinten vordem schwarzen Walde – werden sie häufiger; lange regelmäßige dunkelbraune Flächen wechseln damit ab: zum Trocknen hingelegte Torfsoden.

Und in der Ferne der schwarz-grüne Tannenwald.

Er zog unwiderstehlich meine Blicke an. Wie eine undurchdringliche Wand, die irgend etwas verbergen, oder vor der irgend etwas geschehen soll, kam er mir vor.

*

Ich schritt ein Stück in das Heidmoor hinein und streckte mich lang in seinem zottigen Pelz aus. Nur mein Kopf ragte aus dem Gestrüpp und aus den aromatischen Kräuterwogen hervor. Wie glühend heiß der dürre Boden war!

Und in der Ferne der schwarz-grüne-Tannenwald.

In immer gleicher Ferne noch. Die fünfhundert Schritt in die Heide hinein haben mich ihm um keinen Schritt näher gebracht.

Und immer gleich geheimnisvoll. Ich bin in gespannter Erwartung: was wird vor ihm geschehen?

Und immer gleich verschlossen. Ich starre und starre zu ihm hinüber – und ich sehe nichts.

Nur am Horizont, an diesem gelblich-weißen Himmelsrand, von dem der Tannenwald nur ein Stück verdeckt, flimmert und flackert es unaufhörlich. Weiße zuckende Lichter schießen dort wimmelnd durcheinander.

Kommt eine lange Prozession hinter der schwarzen Waldwand hervor? Es sieht genau so aus, als würden dort von unsichtbaren Händen, in feierlichem Zuge, unablässig weiße strahlende Kerzen getragen, unendlich fern. Nur die zitternden weißen Flammen sind sichtbar, die sich, im leisen Luftzug flatternd, winklig biegen – bald klein und schmal, bald wieder lang und breit.

Und der Zug nimmt kein Ende.

*

Und in der Ferne der schwarz-grüne Tannenwald. Teilnahmslos.

Und hinter ihm hervor, unablässig, der weiße Lichterzug.

Den Kopf in den mageren, dünnen Heidehalmen, starre ich zu ihm hinüber. Es kommt mir so seltsam vor, dass zwei dieser kleinen Halme, die nur spannenweit auseinanderstehen, die langgestreckte Tannenwand einfassen und sie weit überragen.

Und jetzt erst fällt mir ein brauner Haufen auf, der mitten vor der Waldwand steht. Vielleicht eine Kate, vielleicht ein Torfhaufen. Das Zitterlicht lässt es nicht genau erkennen. Eine schmale, feine, blasse Rauchsäule wolkt kerzengrade aus ihr empor in den bleichen Himmel.

Plötzlich durchfährt es mich. Vielleicht ist es ein Scheiterhaufen?

Und mir ist, als ob die Prozession sich wende und auf diesen Scheiterhaufen zuschreite, eintönige Bußlieder singend, eintönig, wie das schläfrige Gemurmel in den heißen Lüften um mich her. Voran drei weiß behemdete Knaben mit einem Kreuz und starren Goldbannern; dann zwei blutrote Henkersknechte und zwischen ihnen – ja – zwischen ihnen eine junge, schöne Dirne, deren süßes Gesicht eine wahnsinnige Angst entfärbt hat; das Gesicht ist so weiß, wie ihr langes Linnengewand. Die Henker haben ihre blutroten Ärmel in die schneeweißen der jungen Dirne geschoben; weniger wohl, um einen Fluchtversuch zu verhindern, als weil sie fortwährend stolpert, fortwährend, hinzufallen droht. Hinter ihnen gehn schwarze Mönche, weiße Nonnen, braune Bauern und buntscheckige Bauernweiber mit brennenden, geweihten Kerzen.

Und nun muss die Dirne – denn sie ist eine böse Hexe, die sich in einen blanken Hund verwandeln konnte, durch ihre Zauberei die Milch der Kühe verdarb und die Brunnen vergiftete; Gott sei gepriesen, Gott sei gepriesen, dass sie nun auf dem Wege Rechtens zum Feuertode verdammt wurde – nun muss die Dirne den Scheiterhaufen besteigen, in dessen Innern die Glut schon entfacht ist. Und nun binden die Henkersknechte die Zusammengesunkene aufrecht an einen Pfahl. Aber noch immer schlägt Lohe nicht aus dem Torfscheiterhaufen. Da werden die Leute voll Eifer alle die brennenden Kerzen auf ihn. Nun endlich flackern unter dem schwelenden Qualm die roten, fressenden Flammen hervor. Entsetzt über den Frevel, der vor dem stummen Walde geschehen soll, flüchtet der Rauch hoch hinauf in den Himmel.

*

Plötzlich erlosch das Sonnenlicht.

Die kleinen, wie festgenagelten Wolken hatten sich allmählich unmerklich ausgedehnt und einen dünnen Schleier vor das grimmige Sonnenantlitz gezogen, durch dessen Gewebe sie nur als ein blasser Fleck hindurch scheint.

Und der Strahlentanz über den Heidestauden, der ferne Lichterzug am Himmelsrand, der flammende Scheiterhaufen – auch sie sind erloschen, fort, verschwunden wie ein Spuk.

Und nun, da das heiße, flimmernde Sonnenlicht die Augen nicht mehr quält und täuscht, sehe ich deutlich, dass jener Scheiterhaufen eine alte Hütte ist, wie Torfgräber sie sich mitten im Moor errichten, um darin ihre Mittagskost zu bereiten.

Noch immer zieht die feine, schmale Rauchsäule aus ihr himmelan, kerzengrade.

Und in der Ferne der schwarz-grüne Tannenwald.

*

HE WILL DE OGEN TODOHN

1.

Der Querbalken des Ziehbrunnens ragte ein beträchtliches Stück weiter in den Junihimmel empor, als der Giebel der kleinen Kate auf der andern Seite der grauen, staubigen Landstraße. Wie in regungsloser Verwunderung schien er die weißen flockigen Wölkchen zu betrachten, welche sich droben mutwillig in der zarten Bläue umhertrieben; denn heute kam niemand, um mit kräftigen Armen seinen Schöpfeimer zu dem kalten Quell dort unten hinabzuschicken; das ganze Dorf lag still um schweigend da, es war wie ausgestorben, denn alles, was Hände und Füße rühren konnte, war auf den Wiesen draußen; es war mitten in der Heuzeit. Manchmal zitterte von ihnen leise ein klangvoll scharfer und doch melodischer Ton herüber: die in den grünen Kräutern stumpf und blind gewordenen Sensen wurden gewetzt; dann, wenn ihnen die blanken, gierigen Zähne wieder geschärft waren, bahnten sie sich tyrannisch ihren Weg weiter durch all das frischgrüne, saftstrotzende, blumendurchstickte Sommerleben.

Ein köstlicher, bittersüßer Geruch, der sich aus dem kräftigen Duft der graugrünen Kräuter an den Wegrändern, des Beifußes, des Wermuts, des Lattichs und des Rainfarns, vor allem aber aus dem Arom der in der Sonne welkenden Wiesengräser zusammenmischte, erfüllte die helle, stille Luft, die nur mitunter ein mutwilliger Kräuselwind ins Zittern brachte – ein Zittern der Freude; gleichsam ein geräuschloses Insichhineinlachen des jungen freudigen Sommers.

Es war noch früh am Vormittag; die Klarheit des Himmels und die Windstille versprachen einen heißen Tag. Köstliches Wetter zum Heumachen; so schön, wie der Bauer sich’s nur wünschen kann! – Und in der Zeit vom ersten Sensenhieb in das Wiesengras bis zum letzten Getreidefuder lernt er das Beten. Heute: »Leew’ Gott, lat dat regen.« Morgen: »Leew’ Gott, lat de Sünn schienen.« Und dabei verlangt Klaus Regen, wenn Detlev sich eine Saharaglut erfleht. Kein Wunder, wenn der liebe Gott es keinem recht machen kann.

Vor der Kate hielt ein Wagen, wie sie der Bauer für seine Sonntagsausfahrten in der Scheune stehen hat, die man aber an einem Alltag, wie heute, sehr selten auf der Landstraße sieht – ein Wagen mit zwei Stühlen aus Korbgeflecht. Die Räder und das Schutzleder sind ganz weiß bestäubt, als hätte das Gefährt schon eine längere Fahrt hinter sich. Auf dem vorderen Stuhl sitzt ein junger Knecht mit einem Ausdruck freudiger Behaglichkeit in seinem roten Gesicht; jedes Mal, wenn der Klang gewetzter Sensen an sein Ohr dringt, verzieht sichsein Mund zu einem Schmunzeln, welches deutlich sagt: »Ick heww dat good, wilt de dor ünnen in de Wischen sweeten mütt!« Und er lehnt sich bequem in eine Ecke zurück, gleich einem Baron.

Die Pferde sind lebhafter, »wähliger«; der bittersüße Geruch des Krauts und des frischen Heus tut es ihnen an, unruhig schnauben sie, spielen mit den Ohren, reißen an den Zügeln, werfen die Köpfe zurück und stampfen mit den Hufen; zudem wärmt die Sonne das Blut ihrer drallen glänzendbraunen Leiber. Mitunter ziehen sie den Wagen etwas weiter vorwärts, sie suchen sich dem Graben mit seinen Kräutern zu nähern, aber das apathisch-despotische »Prr!« des Knechtes hält sie zurück.

Aus der Türöffnung der kleinen baufälligen Kate streicht langsam ein feiner blauer Strahl beißenden Torfrauchs; dann folgen unmittelbar darauf, sich in der Enge gleichsam drängend und überkugelnd, dicke gelbgraue Wolken, als sei drinnen feuchtes Holz auf die Torfkohlen geworfen.

Die rotbraune Tür lebensmüde in ihren Angeln hängend, steht schief zurückgeschlagen an der bröckeligen, aus mit Lehm beworfenem Zaungeflecht bestehenden Wand. Sie ist früher einmal mit gebläutem Kalk angestrichen, von dem hier und da große Stücke abgeblättert sind, so dass der gelbe Lehm zu Tage tritt. Der Giebel neigt sich aus Altersschwäche vornüber auf die Straße; an einem Herbstabend, bei dunklem, regnerischem Wetter kann das räucherige Gebäude einen unheimlichen Eindruck machen, so vorübergeneigt, fensterlos, mit einer schwarzen, oben über der Tür angebrachten Luke wie mit einem drohenden Polyphemsauge auf die Straße starrend. Vielleicht kommt der Name »Packan«, wie die Kate seit Menschengedenken im Dorfe heißt, nur daher; wenngleich man von einem Besenbinder und Krupschütt »Swart-Heitmann« erzählt, der hier einst gewohnt haben soll, doch mit dem Hinzufügen: »Awer dat weer all lang vör min Tid.« Jetzt indessen, in der freudigen Sonnenhelle des Juni-Vormittags, macht sie eher einen friedlich-idyllischen Eindruck.

In diesen Katen gehen die Freude wie das Leid mit gleicher Vertraulichkeit aus und ein; beide stehen auf Du und Du mit den Bewohnern. Der schönen flatterhaarigen Göttin Freude braucht man keine bunten Fahnen aus dem Eulenloch im Giebel entgegenzustecken, sie kommt auch ohne dem und weiß, wie willkommen sie ist; dass aber das Leid sie ablöst, ist ja von jeher so gewesen und muss und wird ertragen werden. Auch der Tod tritt ohne viel Anklopfen über die ausgetretene Schwelle, und er stößt sich nicht daran, dass über das sammetweiche Moos, das auf dem im Laufe der Zeit schwarz gewordenen Strohdache wuchert und im Sonnenlicht herrlich grün schimmert, keine schwarzen Trauerflore gespreitet werden. Auch die graugrünen Haferhalme,

die oben nahe am First aus dem Moos emporgeschossen sind, werden trotz des Vernichters Eintritt lustig weiter wachsen, und nur die Tremse, die sich neben ihnen angesiedelt hat, hebt dann ihre holde tiefblaue Blüte gleich einem Auge in Tränen zum lichten Sommerhimmel empor.

2.

Drinnen auf der Diele ist es dämmerig. Eine Kuh brüllt ab und zu verlangend, mit dem weißstirnigen Kopf um die Ecke lugend, während ihre lange Zunge die graue blank-feuchte Schnauze beleckt. Auf dem niedrigen Herde flammt das mit Torfsoden und feuchtem Kratt genährte Feuer, sein roter Widerschein spielt Versteckens zwischen den mancherlei Geräten, die an den Wänden entlang stehen, und scheint ab und zu gierig den von dem undichten Boden herabhängenden Strohhalmen entgegenzulecken. Der Raum ist ganz mit Rauch erfüllt; der ist hier Hausgast und hat alles gebräunt und geschwärzt; das Gebälk vor dem Herde, von einem bis zum anderen Ende mit dicken Speckseiten, Schinken und Mettwürsten behängt, die die Bauern hier für eine geringe Vergütung räuchern lassen, ist von dem Sott ganz schwarz und blank. Von Zeit zu Zeit sieht man einen Sotttropfen auf der Lehmdiele zersprühen; ganze Reihen von runden flachen Löchern sind in ihrer gelbbraunen Fläche zu bemerken: Merkmale der, wer weiß seit wann schon, von den Balken fallenden Sotttropfen.

Die Kuh ist schon ganz heiser, sie hat bereits vom frühen Morgen an verlangend nach Sonne und frischem Gras gebrüllt. Es ist vergessen worden, sie heute Morgen aus dem Stall zu lassen, als der Hirt der Tagelöhner-Kühe seine Herde austrieb.

Aber die alte Frau dort am Herde scheint nichts zu hören. Sie steht regungslos – dem Anscheine nach auf ein Gespräch in der Stube horchend. Ein brauner, selbstgemachter Rock umhüllt ihre hagere Gestalt; ihr braunrotes, runzeliges Gesicht, das besonders um den schmalen, festgeschlossenen Mund voller Falten ist, umschließt noch die weiße Nachthaube, unter welcher ein paar graue Haarsträhnen hervorquellen, die mitunter von der schwieligen, knotigen Missgestalt einer Menschenhand, wie sie nur harte Arbeit schaffen kann, zurückgestrichen werden, jedoch immer wieder zum Vorschein kommen. Hart, hart ist diese Frau; und um so seltsamer, fast unheimlich berührt es, dass von Zeit zu Zeit bald aus dem einen, bald aus dem anderen der grauen Augen langsam eine Träne über das Gesicht rinnt und sich in den Falten der Mundwinkel verliert.

Sie hört es auch nicht, dass jemand die Seitentür öffnet; sie sieht nicht, dass eine helle Goldgarbe des Sonnenlichts auf die Diele fällt und dass die hochroten, dicken Köpfe der Bauerrosen stumpfsinnig von dem kleinen hellen Garten in das düstere Innere der Kate schauen. Sie fährt erst zusammen, als eine Männerstimme laut das übliche Grußwort ausruft.

Es ist Detelt Wuppdich, der Schuster. Er heißt eigentlich Detlev Klupp, aber man nennt ihn Wuppdich, nicht nur, weil er hinkt, sondern weil alle Bewegungen seines mageren Körpers etwas Hastiges, Unruhiges, Fahriges an sich haben. In seinem eingefallenen grünlichblassen Gesicht fallen die ernsten grauen Verstandesaugen auf, in deren Grunde etwas wie eine stille stumme Anklage ruht. Sie scheinen zu sagen: »Warum bin ich ein Krüppel –?« Wenn er spricht, hält er sein Kinn mit einer der rissigen, pechzerfressenen Hände fest, als fürchte er, es könne herunterfallen. Er war, wie fast alle Schuster, ein nachdenklicher Mensch und im ganzen Dorfe wohlgelitten, weil er sich ruhig hänseln ließ. Nur das konnte man nicht leiden, dass er nie, selbst am Erntedankfest nicht, zur Kirche ging, und man sagte ihm sogar nach, dass er nicht an die Bibel glaube.

»Na, wa geiht Hinnerk dat denn, Trina? – Wat, du sühst ja ganz verdwas ut – is dat denn würkli so leeg?«

»O Gott, Detelt, ick glöw, he liggt op’t Letz’ – Wat weer dat för’n gräsige Nacht! – He stöhn’ so fürchterli; ick kreeg keen Og vull Slap. – Un hüüt Morgen segg he ok sülben, datt dat ut weer. – – Wenn he de Ogen todohn will, och du leewer Gott, wat schall ick denn eenmal opstell’n! «

Der Schuster sah sie ein wenig erstaunt an; er wusste, dass die beiden nicht allzu friedlich nebeneinander gelebt hatten: nicht, dass sie sich gezankt oder sich gar geprügelt hätten, nein, ganz im Gegenteil, sie sprachen tagelang kein Wort, sie maulten wochenlang mit einander, und das Notwendige, was durchaus gesprochen werden musste, kam so happig und verbissen aus dem Mund, als müsse sich jedes Wort an den Zähnen blutig ritzen. Es war, als ob ein schleichender Teufel zwischen ihnen hin- und herginge, der sie gegenseitig boshaft verleumde. Namentlich Trina hatte diesen giftigen Schleicher gehätschelt – und jetzt weinte sie? Er hatte nicht geglaubt, dass es ihr so nahe ginge.

»Wa is dat denn kam’n?«

»Ja, wa is dat kam’n? Dörch Unvörsichtigkeit, natürlich. He müss jo Heu upstaken un as he nu de Ladersch den Winnelbaum ruplangt, do grippt se ni ördentlich to un dat sware Stück Holt fallt mi de Spitz’ gerad’ up em. He meen eerst, dat weer ni so slimm un an’n Dokter wull’n wi jo ock ni geern ’ran. Awer as ick öwer Nacht dat fürchterliche Grünzen un Stähnen hör’n de, do verfehr’ck mi; dat kenn’ ick, dat is de Dod. – Hüt Morgen sä he dat denn jo ock sülben – he wull dat Abendmahl hebben un uns Buer weer so god un leet den Paster hal’n.«

»Wat?« sagte der Schuster, »de Paster is dar binnen? Denn…«, »Will ick gahn« wollte er vollenden, aber das Knarren der Tür hinderte ihn daran.

Aus der Stubentür kam der alte Pastor in seinem schwarzen Talar zum Vorschein. Schweißtropfen standen auf seinem roten, wohlwollenden Antlitz, das oft diesen Leuten und ihrem hartnäckigen Egoismus gegenüber einen Ausdruck kindlicher Hilflosigkeit annahm. Er hatte ein gutes Herz, aber »he is en beten hochweg«, meinten die Bauern achselzuckend, hörten ihn geduldig an und taten dann doch, was sie wollten.

Der Pastor streckte der Frau seine volle warme Hand entgegen, kam dabei aber zu weit unter die sotttriefenden Balken und zog sie schleunigst zurück, als ein brauner Tropfen auf der Hand zerplatzte.

Verblüfft eilte er nach der Tür, wo er stehen blieb; der Schuster drehte sich um – er hatte Mühe, das Lachen zu verbeißen.

»Wa steiht dat, Herr Paster?« fragte die Frau.

»Nach menschlicher Anschauung schlecht, liebe Frau«, antwortete er. »Aber was Gott tut, das ist wohlgetan. Unser Leben, sagt der Psalmist, währet siebenzig Jahre.«

»Awer he is jo eerst twee un sössdig«, fiel die Frau dem Pastor unwillkürlich in die Rede.

»Liebe Frau, es ist gesetzt dem Menschen, zu sterben, wann es dem Herrn gefällt, uns aus diesem Jammertal in seinen seligen Himmel zu versetzen. – Seine Gedanken sind nicht unsere Gedanken – seine Wege sind nicht unsere Wege.«

Die Frau stöhnte. »Awer wat schall nu eenmal ut mi warden!« sagte sie.

Der Pastor schüttelte betrübt sein Haupt. »Der Herr belastet uns nicht über Vermögen, liebe Frau. Wem er eine Last gibt, dem gibt er auch die Kraft, sie zu tragen. Der Herr sei mit dir und tröste dich.«

Hüstelnd setzte er sich den Zylinder aufs Haupt und verschwand. Bald hörte man das Fortrollen eines Wagens.

Die Frau sank auf die Herdkante: »Wat schall ut mi warden, wat schall ut mi warden! « jammerte sie.

»Hest du denn soväl von em holen?« fragte der Schuster unwillkürlich. Er meinte es nicht böse, es war ihm nur so von den Lippen geflogen.

Ein wunderliches Zucken lief über das Gesicht der alten Frau; sie murmelte: »Dat is ni mägli, wa schall ick darmit torechkamen. – Wa kann he mi ok dodbliwen! Nu mutt ick in’t Armenhuus!«

3.

»Ehr Hart hett doch’n weeke Stell hadd,« denkt Detlev Wuppdich und geht dann zu dem sterbenden Nachbarn. Ein dumpfer, beklemmender Geruch schlägt ihm entgegen, zusammengemischt aus dem Dunst ungemachter Betten und mit Tran geschmierter Stiefel, aus dem Duft von Speiseüberresten und alten Kleidern. Die Goldlack- und Geraniumblüten, die in dem durch die kleinen, in allen Regenbogenfarben schillernden Fensterscheiben hereinfallenden Sonnenschein wie Blutstropfen schimmern, vermögen ihn mit ihrem Arom nicht zu durchdringen und zu mildern – im Gegenteil, sie geben dem Dunste etwas unangenehm Süßliches. Draußen vor den Fenstern stehen zwei Kirschbäume, deren Laub das Sonnenlicht mit kleinen beweglichen Schattenpünktchen sprenkelt; sie tanzen unruhig auf der weißgescheuerten Platte des alten Föhrentisches umher und lassen die Messingknöpfe des Beilegerofens bald blitzähnlich aufschimmern, bald wieder erblinden; sie flattern über den an der weißgekalkten Wand befestigten Neuruppiner Bilderbogen mit seinen Reihen europäischer Soldaten und die darunter hängenden Porträts der Kinder der beiden Alten, die nach ihrer Konfirmation in die weite Welt gegangen sind; – sie tänzeln auch über die rotkarierte Bettdecke, huschen über die darauf liegenden still gefalteten Hände, deren Daumen sich träge um einander drehen, und über das blasse unbewegte Gesicht des Sterbenden mit den eisgrauen Bartstoppeln um den bläulichen Mund. – Die Blicke der starr zum Deckbalken gerichteten Augen, welche den Wechsel von Licht und Schatten kaum mehr zu empfinden scheinen, haften – gleichgültig, so scheint es – an der blanken Axt, die oben zwischen zwei eng nebeneinander eingeschlagenen Nägeln hängt. Nur wer aufmerksamer in diese Augen hineinsieht, glaubt ein Zittern in ihrem Grunde wahrzunehmen: ist es Verwirrung, grenzenloses Staunen, ist es Schreck, Angst oder Furcht?

Detlev Wuppdich ist ans Bett getreten und der Sterbende wendet, ohne den Kopf zu bewegen, die Augen zu ihm und bewegt die Lippen.

»Na, Nawer, wa geiht dat?«

»Dat is sowied« murmelte dieser.

»Och wat, Hinnerk, slag di doch de trurigen Gedanken ut’n Kopp. Du büst jo noch’n Jungkerl. Ick bün twee Jahr öller as du. – Un vör en paar Wäken hest du jo op’t Ringriden noch lustig mit din Fru danzt.«

»Dat hölpt sach wat – Dat is nu eenmal so – Ick mutt nu von de Welt af – –.«

»Och wat, Hinnerk – –.«

Und beängstigendes Schweigen tritt ein. Der Sterbende hat seine Augen wieder auf die Axt gerichtet; seine Daumen laufen unaufhörlich regelmäßig umeinander. Wie gebannt folgen des Schusters Blicke diesem Spiel. Wirre Gedanken fliegen ihm durch den Kopf. Müh’, Arbeit, Ärger, wilde Lust – Katzenjammer – und aus und vorbei! – Es ist so sonderbar; diese grauen trüben Augen scheinen in ihrer Starrheit schon tot zu sein; das mechanische Spiel der Daumen ist ihm unheimlich. Ihm, der glaubt, dass mit dem letzten Atemzuge alles aus und vorbei ist, wird schwül zu Mute, unruhig rutscht er auf dem Stuhl hin und her. Endlich erhebt er sich.

Da wenden sich die trüben Augen wieder wie ängstlich suchend auf ihn.

»Segg’ mi,« kommt es zögernd aus dem Munde des Sterbenden, »de Paster is jo en Hochdütschen un ick kunn ni all’ns verstahn, wat he sä. He snack ock so gau. – He sä mi veel Schönes von unsen Herrgott un denn, düch mi, sä he ock wat von’n olen Hund.«

»Von’n olen Hund?«

»Ja: Du bist ein alter Hund, Mensch, du musst sterben, glöw ick, sä he. Mi kann he dar doch ni mit meent hebben?«

Aber der Schuster wusste gut in der Bibel Bescheid, trotzdem er als Freidenker galt.

»Du hest di verhört, Hinnerk, he hedd seggt: Es ist der alte Bund, Mensch, du musst sterben.«

»Bund –? Na, denn is’t god. – Ick bün jo ock ümmers en tämlich goden Kerl west. – Uns’ leev Herrgott kann mi ni von sik afwisen. – Sünst wörr jo keen Een selig. – Uns’ Buer weer jo ock ümmers mit mi tofreden.«

»Ja, dar heff man keen Sorg för, Hinnerk,« sagte der Schuster beklemmt. »Awer ick mutt gahn. – Adjüs, Hinnerk! Un…«

»Gode Beterung,« wollte er sagen, aber es schien ihm doch unpassend, als er noch einen Blick auf den sterbenden Freund warf.

4.

Als er wieder auf die Diele trat, sah er die Frau noch auf dem Herde sitzen, – sie hatte einen Teller voll räucheriger Buttermilchsgrütze auf den Knien, den sie langsam leer löffelte, indem sie von Zeit zu Zeit Stücke von einer Schwarzbrotschnitte abbröckelte und in den Mund schob.

»Trina, dat geiht würkli op’t Letz’ mit din Mann,« sagte Detlev Wuppdich, »wullt du ni leewer ’ringahn na em?«

Ein Schauer überlief sie. »Ick kann dat ni mit ansehn,« stöhnte sie. »Ja, wat helpt dat, Trina, dat is jo eenmal ni to ännern. He kann dar doch ni so alleen ligg’n bliwen.«

Sie stand schwerfällig, widerwillig auf, den Teller, den sie in der Hand behalten hatte, eilig leer löffelnd, dann ging sie, ohne sich weiter um den Schuster zu bekümmern, schleppenden Schrittes in die Stube.

Des Sterbenden Augen wandten sich ihr zu, aber sie wechselten kein Wort. Die Frau machte sich an ihrem Nähkasten zu schaffen und fuhr zusammen, als er plötzlich stammelnd, wie mit schwerer Zunge, sagte:

»Les’ mi ’n beeten ut’t Gesangbok vör –.«

Noch immer wortlos langte sie einen alten Band vom Sims über der Tür herunter, der neben der Bibel lag. Denn nicht diese, die höchst selten zur Hand genommen wird, sondern das alte Cramersche Gemeindegesangbuch ist der fast ausschließliche Herzenströster der Landleute.

Sie öffnete das Buch, setzte sich eine Hornbrille, die zwischen den Blättern lag, auf die Nase, rückte den Stuhl an den Tisch und begann langsam, eintönig, mit trockener zitteriger Stimme zu lesen:

»Seuf-zer für ei-nen Ster-ben-den.« (Sie las den Titel gewissenhaft mit.) »Hei-lig-ger barm-her-zi-ger Va-ter, sie-he in Gna-den an unsern Mit-er-lös-ten, der mit dem To-de rin-get. Er-bar-me dich seiner in sei-ner letz-ten Angst. Wir be-feh-len dir sei-ne See-le, er-bar-me dich ih-rer im Ge-rich-te, er-lö-se sie von allem Übel und nimm sie auf in, dei-ne Hän-de. Gött-licher Er-lö-ser Jesus Christus, auch für die-sen Ster-ben-den hast du dein Blut ver-gossen, ste-he ihm bei in sei-nen letz-ten Kämpfen. Du hast sei-ne un-sterb-liche Seele erlöset zum ewigen Leben. Lass sie er-schau-en deine Herr-lich-keit. Hei-li-ger Geist, sei ihm Licht, Trost und Kraft, wenn sein Au-ge bricht. Hilf und –«

Er rührte sich nicht. Plötzlich ließ sie das Buch in den Schoß sinken, nahm die Brille ab und sah zu ihm, der wie verwundert über die Unterbrechung ihr seine Augen zuwandte, hinüber, als wenn sie ihn noch notwendig etwas sagen müsse, bevor es zu spät sei.

»Awer, Hinnerk, wa schall dat eenmal warden, wa schall ick dor eenmal mit torechkam’n?« begann sie mit lamentierender Stimme. »Wokeen schall den Sarg maken?«

»Jochen Plogsteert,« erwiderte er mit matter Stimme, aber doch klang etwas wie Verwunderung hindurch, denn: wer sollte ihn wohl sonst machen? Mehr Tischler, als Jochen Plogsteert, wie man Jochim Stölten allgemein nannte, gab es ja nicht im Dorf.

»Un wokeen schüllt di rutdregen? Womit schall ick de Folgers up-wahren? Mit Grog oder Kaffee?«

»Och, dat is jo eenerlei. – Quäl’ mi doch ni darmit. – Lat mi – nu doch blot – ruhig starwen.«

»So? – « Und sie ward eifrig, wie immer während der langen Jahre, die sie mit- oder vielmehr nebeneinander verlebt hatten. »So? Ja, du kümmst dar wohl mank ut, för di is dat licht to. Du denkst man blot an di sülben, an din arme Fru denkst du ni, – un ick heff naher doch de ganze Last darvun. – Du kunnst mi nu doch woll een beten to Hölp kam’n. – Awer dat hest du jo ni een eenzigs Mal dahn. O Gott, o Gott, wa sitt ick hier to!« Und sie bricht in Schluchzen aus und deckt die blaue groblinnene Schürze über ihr Gesicht, während das Buch mit hässlichem Gepolter auf den Lehmboden fällt.

Er hat bei ihren ganz unerwarteten Vorwürfen versucht, sich aufzurichten, aber stöhnend fällt er zurück.

»Lat doch man – Dat kümmt – wull allens – t’rech – –« bringt er noch hervor. Das letzte Wort verlängert sich zu einem röchelnden Seufzen. Dann erzittert er und streckt sich lang aus, dass die alte morsche Bettstatt knackt.

Er ist hinüber.

*

NACH ROM –?

Ich hatte ihn lieb gewonnen, den kleinen zehnjährigen Hinrich – oder Hinne, wie er gewöhnlich genannt wurde.

Er war der König aller Gänse des kleinen weltverlorenen Dorfes auf dem mittelholsteinischen Geestrücken, in dem ich einmal einige Sommerwochen verbrachte – Fredenkamp heißt es und ein Feld des Friedens ist es in der Tat. Die Sage freilich verlegt ein Schlachtfeld hierher auf den weitgestreckten Heideplan; in der Nähe das Moor heißt noch heute »Fiensmoor«, Feindesmoor. In die Wasserlöcher dieses Torfmoors soll irgend ein König oder Herzog aus grauer Vorzeit seine Feinde hineingedrängt haben, »dat se all elendig versapen sunt«, wie es in einer alten Chronik heißt, und dann schloss er unter freiem Himmel bei dem Dörflein Frieden mit seinem Widersacher und nannte die Stätte Fredenkamp. – Und hierauf ritten beide auf ihren ungeschlachten Holstenhengsten nach entgegengesetzten Seiten davon, wie gesättigte Wölfe. »Gott mit Ju und kamt ni wedder!« mögen die armen Bauern gedacht haben, deren magere Felder von den Übermütigen zerstampft waren, diese Felder, deren harte sandige Schollen sie mit unbesieglicher Hartnäckigkeit um und um kehrten. Schwerlich ist hier der tiefe, unverbrüchliche, ach so wohltuende Friede seitdem jemals wieder gestört worden. Übrigens wird die Sage wohl im Recht sein. Denn im Moor erzählte mir ein Torfbäcker, der mit den nackten haarigen Füßen den Torfschlamm geschmeidig trat, den ein Genosse aus der Grube nebenan ihm herausschaufelte, dass dieser ihm vor einigen Jahren einen langen Knochen zugeworfen habe. Ihn aufsammelnd und betrachtend, hätt’ er entsetzt ausgerufen: »Gott bewahr’ uns, Klaas, du smittst mi jo Minschenknaken hin! « Es war ein menschliches Schienbein. »In’t Moor hölt sowat sik lang; dor is dat ümmer kold«. Hierauf hätten sie die Grube wieder zugeworfen. »Sowat will sin Roh hebben.« Später sei noch ein Professor aus Kiel gekommen und habe nachgraben wollen, doch habe man die Stelle nicht wieder finden können. »Un dat is ok man good; sowat schall man in Freden laten.«

Jetzt war nur Hinne hier König. Der wirkliche König war weit weg – Wilhelm – in Berlin im Preußenland. Übrigens hing im Dorfkrug, »Zum hungrigen Wulff« genannt, sein Bild.

Ein blaugrüner Haselstecken war Hinnes Zepter; ein hoher spitzer Hut, den er mit seinen gewandten braunen Fingern selbst aus den beim Austrieb der Gänse in den Moorwegen zusammengerafften Binsen flocht, seine Krone.

Auch einen Thron hatte er.

Oben auf der Höhe, wo die drei im heißen flimmernden Sonnenlicht gelbglitzernden sandigen Wege sich schnitten, war ein dreiarmiger verwitterter Wegweiser aufgerichtet, auf dem die regenverwaschenen Namen dreier weltverlorener Geestdörfer standen. Um seinen Fuß waren bis hoch hinauf Steine aufgeschichtet, welche die Bauern von ihren mageren Feldern aufgelesen und hier, wo sie ja niemandem im Wege waren und keinen Schaden anrichten konnten, hergeschüttet hatten. Auch scharfkantige Flintsteine waren darunter. Dieser kümmerliche Wegweiser war Hinnes Thron; die rundum liegenden Steine dienten ihm als Stufen, mit deren Hilfe er sich gewandt auf die drei Querbretter zu schwingen vermochte. Von hier aus konnte er fast den ganzen Bereich der Dorfgemarkung übersehen.

Er saß gern da oben, während seine schnatternden Untertanen – fürwahr, er hatte es fast ebenso schwer, wie der Selbstherrscher aller Reußen – sich rupfend an den niedrigen, mit Hasel- und Dorngebüsch bewachsenen Zäunen, die die Wege einfassten, zerstreuten.

Er war nicht gerade hübsch, der kleine Hinne; im Gegenteil, er sah fast aus, wie ein Räuberhauptmann in spe. Er trug eine Jacke und Beinkleider aus grobem blauen Linnen mit großen rissigen Hornknöpfen; die Hosen waren fast immer aufgekrellt und ließen bis zum Knie die braunen stämmigen Beine mit den nicht allzu reinlichen – mein Gott, er trabte ja den ganzen langen Sommertag damit im Staub der Heidewege umher! – Füßen frei; unter seiner Binsenkrone quoll sein gelbliches struppiges Haar hervor, das wohl nur alle Sonntage mit dem Kamm in Berührung kam und das im Nacken von der prallen Heidesonne ganz weiß gebleicht war; sein mageres Gesichtchen war braun verbrannt und mit großen blässlichen Sommersprossen dicht übersät; von den Backenknochen hoben sich weißlich schimmerne Härchen ab, in denen sich der feine, von seinen eigenen und den vielen Gänsefüßen aufgewirbelte Staub festsetzte. Aber er hatte so hübsche, ahnungsvolle Augen, die, wenn er oben auf seinem Throne saß, gar zu gern in die Ferne sahen – in die wunderreiche Ferne: verlangend, durstig, sehnsuchtsvoll…