Schwarze Küken - Marvin Entholt - E-Book

Schwarze Küken E-Book

Marvin Entholt

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Beschreibung

Eine einsame Vogelschutzinsel wird zum Schauplatz eines Mordes, Vogelwart Brunke Behrens unschuldig zum Verdächtigen. Er beginnt eigene Ermittlungen, um Kommissar Martin Beckmann seine Unschuld zu beweisen. Der fahndet nach einem Vermissten, der in Wirklichkeit längst tot ist. Die ominöse OPA, die Ostfriesische Patrioten Armee, treibt in den Dörfern ihr Unwesen, ein halbseidener Windanlagenbetreiber verteilt Schmiergelder und glaubt, im Wattenmeer werden seine Windräder gebaut. Doch so einfach ist es nicht…

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Veröffentlichungsjahr: 2023

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Marvin Entholt

Schwarze Küken

Der zweite Fall für Hauptkommissar Martin Beckmann

Inhaltsverzeichnis

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Nachwort

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Impressum

Marvin Entholt ist in Bremen geboren und aufgewachsen. Er studierte Politik und Philosophie sowie anschließend an der Hochschule für Fernsehen und Film München HFF Drehbuch und Filmregie. Marvin Entholt arbeitet als Regisseur, Produzent, Drehbuch- und Dokumentarfilmautor, vor allem für arte, ARD und ZDF sowie als Autor von Sachbüchern und Kriminalromanen.

Dieses Buch ist ein Roman. Handlungen und Personen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind nicht gewollt und rein zufällig.

© 2023 Blackbird Books Alle Rechte vorbehalten Lektorat: Carlos Westerkamp Umschlagfoto: Marvin Entholt Umschlaggestaltung: Kirsten Breustedt ISBN 9783757971328

Gewidmet allen seltenen und seltsamen Vögeln

1

Ein gellender Schrei riss Brunke aus seinem Schlaf.

Abrupt saß er senkrecht im Bett. Es klang, als würde jemand genüsslich mit dem Messer im Leib eines Opfers herumfuhrwerken, das bei vollem Bewusstsein war.

Brunke tastete nach dem Lichtschalter, erwischte ihn, knipste das Licht an – und sofort wieder aus. Was für eine blöde Idee! Auf keinen Fall durfte er jetzt Aufmerksamkeit auf sich lenken.

Er schlug die abgewetzte Leinenbettwäsche zur Seite und setzte sich auf die Bettkante, das Holz knarzte unter der Bewegung.

Er stand auf, stieß mit dem Zeh gegen irgendetwas und fluchte. Der Raum war ihm noch nicht vertraut.

Schließlich war er bis zum Tisch vorgetapst, ertastete die Taschenlampe und arbeitete sich mit Schlafwandlergeste zur Tür vor, um sie zu öffnen und dabei ihr ihm schon bekanntes Quietschen so leise wie möglich zu halten.

Er trat hinaus und blickte in tiefes Schwarz. Noch nie hatte er solche Finsternis gesehen. Unschlüssig ließ er dennoch die Taschenlampe ausgeschaltet. Sie würde dem, wer auch immer sein Unwesen da draußen auf der Insel treiben mochte, nur den Weg zu seinem nächsten potenziellen Opfer weisen. Brunke spähte in alle Richtungen – und sah: nichts.

Er lauschte in die Nacht – und hörte: Rauschen des Meeres. Wind, der durch Gräser und das Geländer der Veranda strich. Möwen.

Er konstatierte, dass er in der Dunkelheit weder etwas in Erfahrung bringen noch ausrichten konnte. In einer unangenehmen Befindlichkeit ging er zurück in sein Vogelwärterhaus und drehte den etwa hundert Jahre alten geschmiedeten Schlüssel einmal herum.

Das ging ja gut los.

2

Mit der Teezeremonie hatte Brunke es nicht so. Er zerrte seinen Teebeutel ungeduldig durch die Tasse wie ein kleines Kind seinen Plastikdampfer an der Schnur durch eine Pfütze. Wenigstens löslichen Kaffee hätte er mitnehmen können! Er pustete in die braungrüne Flüssigkeit, nahm einen Schluck und verbrannte sich, genau wie er es erwartet hatte, die Zungenspitze. Er fluchte, setzte den Becher wieder auf den Tisch, schnappte sich seine Jacke und sperrte die nachts verschlossene Tür wieder auf.

Sie öffnete sich nach außen, doch es erforderte irritierend mehr Kraft als am Abend zuvor. Brunke spürte einen Widerstand, als stemmte sich jemand dagegen. Mit aller Kraft drückte Brunke die Tür auf, bis sie ihm plötzlich aus der Hand flog und er spürte, was ihm Widerstand geleistet hatte: Ein kräftiger Nordnordost Stärke sechs blies ihm ins Gesicht.

Der Himmel hatte einen helleren Grauton als das unruhige Meer, allerdings erreichten einige der niedrig und schnell dahinjagenden Wolken beinahe den düsteren Ton des Wassers. RAL 7015, schätzte Brunke unwillkürlich. Er würde wohl bis an sein Lebensende jedem Farbton seine Katalognummer zuordnen können. Die Wellen trugen kleine Schaumkronen. Möwen trieben im Wind, ließen sich von ihm in die Höhe tragen, drehten plötzlich ab und ließen sich fallen, um von der nächsten Böe aufgefangen zu werden und weiterzusegeln. Es sah nicht nach einem erbitterten Kampf gegen die Elemente aus, sondern nach großem Spaß, und Brunke überlegte, ob Möwen wohl Freude oder gar Lust empfinden konnten.

Er strich über die Pfade, von denen er wusste, dass er sie betreten durfte, die Kapuze über dem Kopf. Er hielt den Kragen mit einer Hand zu, und wenn es gegen den Wind ging, legte er das Kinn auf die Brust. Etwa eine halbe Stunde würde es dauern, die Insel zu durchqueren auf ihren sanft hügeligen, sandigen Wegen.

Brunke spähte zwischen Dünengras und Schilf, er schaute am Strand, der das Schutzgebiet rings umgab, aber er fand nichts, was auf ein nächtliches Kapitalverbrechen hindeutete. Er wusste nicht so recht, ob er erleichtert, beunruhigt oder enttäuscht von sich sein sollte. War es möglich, dass er sich hatte narren lassen und solch ein Angsthase war, dass er sich gleich nach seiner Ankunft von rätselhaften Naturgeräuschen in wildeste Phantasien hatte treiben lassen?

Halbwegs beruhigt machte Brunke sich daran, sich im Schilfgürtel einer Aufgabe zu widmen, auf die er sich schon seit Tagen, ach was, schon seit Wochen gefreut hatte. Er öffnete einen größeren Karton und überflog den Zettel, der ihm entgegenflatterte, bevor der Wind ihn ihm aus der Hand riss und über die Dünen in die See trieb. Er konnte noch lesen: »Ihr Vorhaben erfordert nicht nur Geduld, sondern vor allem gute Tarnung. Preiswert und supereinfach aufzubauen ist dieses Tarnze…« Dann hatte die Böe das Papier erwischt, und vermutlich würde bald ein Fisch die Bauanleitung verdauen.

»Supereinfach«! Also! War die blöde Anleitung eben weg, es waren sowieso nur tausend Bildchen, die einfachste Dinge unlösbar wirken ließen. Das kannte man ja vom Möbelbauen. Da vertraute Brunke lieber seiner Intuition, auch wenn meist irgendwelche Teile übrig blieben.

Das Ding wird selbsterklärend sein, ermunterte er sich, während er ein Säckchen mit kleinen Zeltstangen auf den Boden leerte, von denen sechsunddreißig Stück mitsamt achtzehn Verbindungselementen ins Schilf purzelten. Einige der kleinen Plastikteile verschwanden sofort zwischen dem Wurzelwerk.

Es entbrannte hinter den Dünen ein zäher Kampf zwischen Mensch und Technik, in dem Brunke keine gute Figur machte. Seine Intuition schien ihn im Stich zu lassen – oder es lag schlicht an den abhandengekommenen Plastikteilchen. Lange sah er wie der chancenlose Verlierer in diesem Ringen aus. Er fingerte zwischen den Wurzeln herum, fluchte, schwitzte und beförderte schließlich zwei alles entscheidende Teile zutage. Das Blatt wendete sich zu seinen Gunsten.

Endlich stand sein »Realbush All Purpose Green XD«, und er schaute lieber nicht auf die Uhr, um die benötigte Aufbauzeit zu kontrollieren. Auf dem Karton prangte provozierend in weißen Lettern auf rotem Grund »ready in 15 min«. Brunke hatte vermutlich zehnmal so lange gebraucht, aber das war jetzt auch schon egal. Es war vollbracht, er war erschöpft, hungrig und durstig – und stolz und voller Vorfreude. Morgen würde er mit frischer Energie ans Werk gehen. Gleich morgen früh. Sehr früh.

Es dunkelte, in dem reetgedeckten Bau auf seinen eichenen Stelzen brannte kein Licht, was nicht nur Brunkes durchaus vorhandenem Sinn für Romantik geschuldet war, sondern auch dem Gebot, Strom zu sparen. Eine Versorgung von Land her gab es nicht, ebenso wenig fließend Wasser. Zum Duschen musste Brunke Salzwasser nutzen, und das unter freiem Himmel. Der Strom, um Ladegeräte und Radio zu versorgen, stammte von einer kleinen Solaranlage hinter dem Haus.

Die einzige Behausung auf der Insel sah auf den ersten Blick äußerst idyllisch aus, aber auf die meisten wirkten die spartanischen Lebensbedingungen abschreckend und relativierten die Idylle schnell. Brunke hatte gerade diese Abwesenheit jeglichen Komforts gereizt – und damit auch die Aussicht, dass ihm vermutlich so schnell niemand seinen einsamen Platz würde streitig machen wollen. Und das sollte es für ihn sein: ein einsamer Platz, weitab von unechten Freunden mit falschen Idealen, fern von Bekannten, die man gar nicht kannte, von einer Welt, in der es um Projekte ging und um Businesspläne, Start-ups und Netzwerke, endlose total toll kreative Nächte, die man unter Designerlampen verbrachte wie Küken in der Legebatterie – nur dass hier Ideen ausgebrütet wurden, und zwar solche, die die Welt nicht brauchte.

Das hatte er sich anders vorgestellt, damals, als er sich für Grafik begeistert hatte, ermutigt von seinem Kunstlehrer in Leer. Er hatte es geschafft, Mappe, Prüfung, und ganz schön lange durchgehalten. Zu lange, aber als Aussteiger würde er sich jetzt nicht bezeichnen; schließlich war er nie richtig eingestiegen in diese seltsame Welt, die immer schneller um sich selber kreiste.

Brunkes Projekt war nur noch: die Natur. Er saß auf der Terrasse bei einem Landbier und schaute in die beginnende Nacht. Am Horizont wurde das tiefe Restblau des Himmels allmählich von oben wie durch ein großes Fass ausgekippter Tinte mit tiefem Schwarz überfärbt. Der Wind hatte abgenommen, es ging eine leichte Brise, und Brunke genoss die Kälte, die an ihm emporkroch. Lange zögerte er hinaus, seinen Troyer zu holen.

Er dachte an die Nacht zuvor und überlegte, dass es eine Silbermöwe gewesen sein könnte, die ihn in der Nacht genarrt hatte. »Ihre Rufe klingen bisweilen wie die von Menschen in größter Not oder wie die widerborstiger Kinder«, fand er in dem Bestimmungsbuch von Otto Leege aus dem Jahre 1932, das er neben einem zerfledderten Jerry Cotton – »Die ohne Skrupel sind …« – im Regal der Stube entdeckt hatte.

Man soll es ja auch nicht übertreiben mit dem Naturburschentum, dachte Brunke, ging in die Hütte und kehrte mit Pullover und Baumwollmütze zurück. Er setzte sich wieder, schaute in die Nacht und lauschte dem Windgeräusch.

Keine einzige Silbermöwe ließ sich hören, keine widerborstigen Kinder, kein Mensch in Not. Aber plötzlich vernahm Brunke ein seltsames mechanisches Geräusch. Ein zweifaches Schnarren, als würde jemand eine Spieluhr oder ein Blechspielzeug aufziehen: »krek krek«. Es kam von weit hinten aus dem Dünengürtel, doch während Brunke den sinnlosen Versuch unternahm, in der inzwischen vollständigen Dunkelheit etwas zu erkennen, erklang das Geräusch von der anderen Seite. Diesmal wirkte es näher, und Brunke überlegte, ob es ein Echo des ersten Lauts gewesen sein konnte, der sich irgendwo brach – da ertönte das »krek krek« wieder aus der ersten Richtung. Und dann, fast synchron, aus beiden.

Brunke verharrte und versuchte, in dem Ton etwas wiederzuerkennen, was ihm dessen Ursprung erklärte. Aber außer einem alten Blechelefanten, der auf einem Motorrad saß und der, sobald man ihn aufzog, zu fahren begann und dabei einen Propeller über sich drehte, kam ihm keine sinnvolle Assoziation. Und so wahnsinnig hilfreich war diese auch nicht.

Brunke war genervt, weil er die Ruhe, auf die er sich so sehr gefreut hatte, nicht ungetrübt genießen konnte. Stattdessen kämpfte er nun mit Ängsten vor fremden Lauten. Das enttäuschte ihn, und die knarzenden Geräusche und das Erlebnis von letzter Nacht gaben ihm die ungute Ahnung, dass das Idyll und die Ruhe, die er gesucht hatte, leicht zu erschüttern sein könnten. Aber andererseits: wodurch schon?! Ein paar Vogellaute?

»Verstädtertes Weichei!«, schmähte er sich, sprach sich zugleich Mut zu und spülte seine Bedenken mit dem letzten Schluck Bier hinunter. Er ging hinein, las noch ein wenig im Buch »Vögel vermessen« und ging dann zu Bett.

Er war so viel Natur einfach nicht mehr gewohnt, tröstete er sich und schaltete das Licht aus. Der Wecker würde früh läuten.

3

Ein Raubwürger! Brunke war außer sich. Er war so aufgeregt, dass er vergaß, den Auslöser zu drücken. In dem Moment, als er sich darauf besann, faltete der Vogel seine Flügel auf und erhob sich in die Lüfte. Auf dem Display von Brunkes Kamera hinterließ er eine unscharfe Schliere. Brunke fluchte leise vor sich hin. »Dösbaddel, blöder«, zieh er sich selbst, wer wusste schon, ob er einen Genossen dieser Art so schnell wieder vor die Linse bekommen würde.

Frustriert schwenkte er mit seinem Spektiv, an das er seine Kamera angeflanscht hatte, das Areal ab und hielt abrupt inne. Sollte das etwa … Brunke mochte es kaum glauben. Er spähte durch den Sucher und fokussierte das Objekt seiner Neugier. Mit seinem alten Feldstecher hätte er es nie so klar gesehen, aber es gab keinen Zweifel: Im Fadenkreuz des Fernrohrs bewegte sich eine Sensation!

Ohne sein Auge von der Muschel zu lassen, tastete Brunke nach dem Auslöser. Er erinnerte den Aufsatz »Vorkommen, Gefährdung und Schutz des Wachtelkönigs«, den er vor wenigen Wochen gelesen hatte. Dessen Bestand war in den letzten Jahrzehnten dramatisch zurückgegangen, er wurde zuletzt gar nicht mehr an der Nordseeküste gesichtet. Und jetzt dieses schöne Exemplar!

Brunke dachte an dessen lateinischen Namen Crex crex, und schlagartig wurde ihm klar, was das mechanisch wirkende Geräusch in der Nacht zuvor gewesen sein musste: der Ruf des Wachtelkönigs! Sein biologischer Name, der so wunderbar lautmalerisch seinen Ruf nachahmte, passte wie wohl kaum der eines anderen Tieres auf das, was in der Fachliteratur beschönigend als Gesang beschrieben wurde. Er rief – oder krächzte vielmehr – vornehmlich in der Nacht. Und Brunke hatte sogar zwei von ihnen gehört. Der erste Tag, und gleich solch eine Entdeckung! Er konnte es kaum fassen.

Der Rallenvogel bevorzugte grundsätzlich weiche Vegetation, drum fühlte er sich im harten Strandhafer der Insel nicht wohl. Aber jetzt hatte er offenbar das sanftere Gras entdeckt, das sich hinter dem angewachsenen Dünenkamm angesiedelt hatte.

Brunke unterbrach für den Bruchteil einer Sekunde seine Beobachtung, rieb sich kurz das angestrengte Auge, schaute wieder durchs Okular und sah – nichts mehr. Gar nichts.

Das durfte doch wohl nicht … So ein sündteures Gerät und dann … Genervt warf er einen Kontrollblick über sein »Optolyth TBG 100« hinweg und sah, dass zwischen Wachtelkönig und ihm zwei Gestalten durch sein Sichtfeld gelaufen waren und jetzt hinter einer Düne verschwanden.

Herrgott zum Teufel, was machten die hier?! Nicht nur um diese frühe Uhrzeit, sondern überhaupt?! Waren die denn von allen guten Geistern verlassen? Keine Menschenseele hatte auf dieser Insel etwas zu suchen außer ihm. Brunke kämpfte sich aufgebracht aus seinem Tarnzelt heraus.

Gerade tauchte er hinter der Plane auf – da fiel ein Schuss. Brunke jagten tausend Gedanken gleichzeitig durch den Kopf: der Wachtelkönig! Wer schießt? Warum? Auf den König? Welcher Irre kommt hierher zum Jagen? Wilderer? Wie sind die überhaupt hergekommen?

Voller Sorge um den seltenen Vogel hetzte Brunke im Laufschritt über geheiligten Grund, den er nie betreten hätte, müsste er nicht diese skrupellosen Eindringlinge verjagen. Der weiche Sand erschwerte das Vorankommen, und Vorsicht war geboten, um kein Nest zu beschädigen.

Brunke keuchte auf den Kamm der Düne. Auf der nächsten Sanderhebung lief jemand davon.

»Hey!«, brüllte Brunke außer Atem, verstummte aber sofort wieder eingedenk Absatz vier Punkt zwei der Aufenthaltsverordnung: »Das Abspielen von Musik aus Wiedergabegeräten, eigenes Musizieren sowie lautes Rufen haben zum Schutz der Brutkolonien zu unterbleiben.«

Der andere verharrte in der Ferne auf der hinteren Düne und drehte sich kurz um, als er Brunkes Ruf wahrnahm. Dann rannte er weiter, bis er hinter Sand, Mauerpfeffer und Dünenrosen verschwunden war.

Brunke sammelte sich für die weitere Verfolgung – da fiel sein Blick in die Senke zwischen den Dünen, und in ihm mischten sich Erleichterung und Schrecken: kein toter Vogel! Aber: Eine reglose menschliche Gestalt lag da, mit dem Gesicht im Sand.

Brunke ging langsam auf sie zu. Die rote Färbung des Sandes neben dem Kopf des Mannes machte ihm schnell klar, dass es einen Zusammenhang zwischen dem Schuss und dem Zustand dieser Gestalt geben musste. Brunke dämmerte, dass seine selbst gewählte Einsamkeit schneller dahin sein würde, als er sich in düstersten Phantasien hatte ausmalen können. Genau genommen war sie schon seit ein paar Minuten dahin.

Brunke ließ sich in den Sand neben den Toten fallen, schaute aufs Meer und dachte nach.

4

»Ebbo!«, rief Marte Hinrichs ungehalten aus der Küche.

»Hmmm?«, kam es aus der Gaststube zurück.

»Is der jetzt schon wech, oder kommt der noch frühstücken?« Marte erfühlte unzufrieden, dass das gekochte Ei schon abgekühlt war, und vollführte auf dem Wachstischtuch eine sinnlose Rochade von Fleischwurst und Käse.

»Weiß nich«, klang es von nebenan hinter den »Ostfriesischen Nachrichten« hervor.

Bald vierzig Jahre machte Marte das nun, aber seit einiger Zeit war sie sehr dafür, die Fremdenzimmer aufzugeben. Nur alle heiligen Zeiten kam mal jemand, meist nur für eine Nacht, und Marte hatte das ganze Theater mit Bettenbeziehen, Waschen, Bügeln und Frühstück, zu dem im Zweifelsfall keiner erschien.

Sie hatte das Frühstück schon in die Küche verlegt, was die seltenen Fahrradtouristen als Akt besonderer Gastfreundschaft fehlinterpretierten. Dabei ging es Marte nur darum, nach dem Frühstück nicht noch mal die Gaststube hinter ihren krümelnden Gästen aufwischen zu müssen. Ebbo meinte immer: »Lass uns das man weitermachen mit der Pension, büschen Geld kommt ja rinn«, aber er hatte gut reden, die Arbeit hatte schließlich sie. Er könnte ja auch mal irgendwas tun, erregte Marte sich gerade innerlich, als der Gatte mit einem fulminanten Vorschlag ihre Gedanken kreuzte.

»Klopf doch mal«, sagte Ebbo.

Dass jeder Feriengast angesichts ihres hin und her gebrüllten Dialogs längst senkrecht im Bett und kurz darauf in der Tür gestanden hätte, kam den Eheleuten nicht in den Sinn. Sich zuvor noch mit Duschen aufzuhalten, war für Übernachtungsgäste gar nicht möglich, es gab im Zimmer nur ein Waschbecken mit fließend kaltem Wasser. Dass das heutigen Ansprüchen nicht genügen sollte, konnten Marte und Ebbo nicht nachvollziehen.

Marte schritt zur Tür mit der aufgeklebten Nummer »1«, wischte sich die Hände an ihrem Küchenkittel ab und klopfte so heftig, dass jeder Tote sofort hochgeschnellt wäre.

»Herr Haaaarms«, gellte Marte gegen die Tür, gefolgt von einer erneuten Klopfsalve. Keine Reaktion.

»Der is schon wech«, rapportierte Marte in die Stube.

»Oder tot«, kam es trocken hinter dem Lokalteil hervor.

Marte öffnete die unverschlossene Tür, um zu prüfen, ob am seltsamen Einwurf ihres Gatten etwas dran war. Das Bettzeug war zurückgeschlagen, das Bett leer. Geschlafen hatte der Mann hier, war aber anscheinend schon früh aufgebrochen. Sein kleiner Koffer lag noch da: Herr Harms hatte Martes Porzellanfiguren und die Häkeldecke auf der Kommode beiseitegeschoben und sein Business-Gepäckstück darauf aufgeklappt. Darin lagen fein säuberlich zusammengelegt Businesshemden und Businesskrawatten und bildeten einen gewissen Kontrast zum Friesenbarock der Einrichtung.

Gut, dass ich im Voraus für zwei Nächte kassiert habe, dachte Marte sich, während sie das Bett machte. Wer weiß, ob ich den noch mal wiedersehe.

5

Brunke stand der Schweiß auf der Stirn. Niemals hätte er gedacht, dass es so anstrengend sein würde, aber jetzt war es geschafft. Als Kind hatte er mit seinem Vater einmal einen gestrandeten Seehund begraben, aber da hatte sein Vater das Buddeln allein übernommen, das musste ähnlich schwer gewesen sein. Er selbst hatte nur sprachlos und traurig in seinem gelben Ölzeug danebengestanden, ein winziger leuchtend gelber Fleck in einem großen Grau aus Himmel und See. Am Ende hatte er aus Treibholz und Gras ein Kreuz gebastelt, das der Vater auf das Seehundgrab steckte.

Brunke schnaufte aus. Er schaute sich zufrieden um und ließ sich im Sand an derselben Stelle nieder, an der er vor sieben Stunden noch ratlos neben der Leiche gesessen hatte. Ein Kreuz gab es heute nicht, aber die Bestattung war zumindest vollzogen. Ihm hatte gegraut bei dem Gedanken an Heerscharen von Polizisten, die durch die Dünen stapften, Gelege zertrampelten und mit ihrem Lärm Vögel verscheuchten, und das mitten in der Brutzeit. Jungvögel in den Nestern hätten unter einer mit Landesmitteln finanzierten Profilsohle ihr Ende gefunden oder wären jämmerlich verhungert, weil die Eltern in panischer Angst auf und davon geflogen wären. Eine ganze Brutsaison wäre zum Teufel gewesen, mit unabsehbaren Spätfolgen. Und das gerade jetzt, wo der Wachtelkönig aufgetaucht war. Und alles wegen eines Menschen, um den es nun wirklich nicht schade war. Das wusste Brunke immerhin.

Aber eine große Ratlosigkeit blieb ihm, die Sorge um seine gefiederten Schützlinge reichte nicht zur Verdrängung der Erinnerungen.

Der Mensch war zu Lebzeiten offensichtlich nicht nur bei Brunke unbeliebt gewesen, tot war er jetzt ohnehin, und seine Leiche hatte hier nichts verloren, das war klar. Also brauchte Brunke sich auch nicht aufwendig um die Entsorgung des Kadavers zu kümmern und einen Apparat in Bewegung zu setzen, der am Tod des Mannes auch nichts mehr ändern konnte. Folglich musste hier niemand aufkreuzen und für unnötige Unruhe sorgen, Brunke konnte ihn selbst entsorgen, oder, freundlicher gesagt, recht schlicht bestatten, und das hatte er jetzt gerade getan.

Aber eigentlich hatte der Tote selbst das nicht verdient. Brunke kannte ihn, und zwar besser, als ihm lieb war. Am liebsten wäre er ihm niemals begegnet, und nun kreuzte er schon zum dritten, wenn auch nun recht sicher letzten Mal seinen Weg. Er erwies sich selbst im toten Zustand noch als Quälgeist, der ihm das Leben schwer machen oder diesem sogar eine unerwartete Wende geben sollte.

Nein, das durfte auf keinen Fall noch einmal passieren. Darum hatte Brunke hastig und tief gegraben, als könnte der Leichnam sich womöglich als Untoter wieder aus der Düne erheben. Es war Brunke weniger um eine halbwegs würdige Bestattung als um seine eigene Ruhe gegangen, das musste er zugeben.

Nun lag der Mann jedenfalls vergraben im Dünensand, und Brunke begann, sich Gedanken zu machen, warum er wohl umgebracht worden war – auch wenn er keine Sekunde einen Zweifel hegte, dass der unliebsame Bekannte es verdient hatte. Aber warum war er ausgerechnet hier auf diesem einsamen Flecken Erde getötet worden, auf einer Insel, die kompliziert zu erreichen war und die für Brunke seine ganz persönliche Robinsoninsel werden sollte, sein Ruhepol, fernab von allem?

Sollte das alles ein äußerst unwahrscheinlicher Zufall sein – oder wollte man Brunke damit etwas sagen? Und falls ja, was sollte das bitte schön sein? Oder wollte man ihm gar etwas in die Schuhe schieben? Brunkes Gedanken reisten zurück in die ungeliebte Großstadt …

6

Es hatte ein halbwegs entspannter Abend werden sollen. Brunke war kein Freund von Geschäftsessen, er hatte immer Angst vor dem vollkommenen Versagen seiner mühsam antrainierten Kommunikationsfähigkeit, einem plötzlichen Ausbleiben jeglichen Gedankens, sodass er nicht mehr imstande wäre, auch nur einen einzigen Satz über die Lippen zu bringen – starr wie ein Frosch, dessen einzig hilfloser Reflex im Falle einer Bedrohung war, sich nicht zu rühren.

Einmal hatte er nachts auf der Straße angehalten. Im Scheinwerferlicht seines Autos sah er lauter kleine Erhebungen auf der Straße. Er war ausgestiegen und erkannte, dass es Frösche waren. Hunderte von Fröschen, die ganze Straße war voll von ihnen. Während Brunke vorsichtig näher kam und überlegte, wie er seinen Weg fortsetzen könnte, ohne sie zu überfahren, oder wie er sie alle von der Straße tragen sollte, ohne dass die ersten wieder auf den Asphalt hüpften, bevor er die letzten gerettet hatte – da realisierte er, dass die Frösche alle schon überfahren worden waren. Alle bis auf einen. In den unterschiedlichsten Posen klebten die Leiber seiner Artgenossen auf dem Pflaster, weil sie es vermutlich mit demselben Trick versucht hatten, den auch der letzte Überlebende als seine einzige List parat hatte – eine Taktik, die spätestens seit der Motorisierung der Menschheit ihre rettende Wirksamkeit verloren hatte: Starr saß der Frosch zwischen seinen geplätteten Kollegen und wartete, dass es einfach vorübergehen würde – was auch immer das war, was da so groß und bedrohlich daherkam.

Brunke empfand sofort Sympathie für den Ängstlichen, er kannte dieses Gefühl zu gut. Er hob ihn auf, die kleine Amphibie rührte sich nicht. Sie blinzelte nicht einmal ihr träges Froschaugenblinzeln. Es war ein echter Bilderbuchfrosch, braungrün mit dunkelbrauen Flecken. Brunke trug ihn vorsichtig einige Meter ins Gras abseits der Straße und setzte ihn behutsam ab. Der Frosch bemühte sich noch immer, wie ein lebloses Objekt zu wirken. Brunke überzeugte sich, dass das für die anderen Frösche tatsächlich galt, was er traurig konstatierte. Er stieg wieder ein und setzte voller Scham seine Fahrt über das Feld braungrüner Leichen fort.

Brunke zog das braune Leinensakko über – bloß keine Krawatte, da bekam er Erstickungsanfälle – und dachte an den bevorstehenden Abend und die drohende Konversation. Außer in seinen gedanklichen Abschweifungen beschränkte er sich gern aufs Wesentliche, weswegen jegliche Art von Small Talk eine harte und quälende Herausforderung für ihn war.

---ENDE DER LESEPROBE---