Schwarze Nächte - Paul Fehlinger - E-Book

Schwarze Nächte E-Book

Paul Fehlinger

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Beschreibung

Ein 20-jähriger Student spaziert nachts an der Förde in Kiel-Wik. Er gedenkt damit seinen Eltern, die bei einem Autounfall gestorben sind. Als er sich in völliger Dunkelheit in einem kleinen Waldstück auf eine Bank setzt, stellt er fest, dass er sich dort nicht alleine befindet. So lernt der Protagonist ein Mädchen kennen, welches durch sexuellen Missbrauch traumatisiert wurde. In ihren Gesprächen, die ab dem ersten zufälligen Treffen immer nachts auf jener Bank stattfinden, erzählen sie sich gegenseitig ihre Lebensgeschichte. Erst durch die Schilderung der schrecklichen Vergewaltigung kann der Protagonist anfangen, den Verlust seiner Eltern emotional aufzuarbeiten, statt sich in Verdrängung und Gleichgültigkeit zu flüchten, während er das Mädchen dabei berät und unterstützt, den Täter anzuzeigen, um mit der belastenden Vergangenheit abzuschließen. Doch das verinnerlichte Trauma und die Schwere der seelischen Beschädigung ihrerseits droht zu verhindern, dass die beiden Leidenden doch noch eine Versöhnung mit der sinnentleerten, ungerechten Welt finden können…

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 141

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Paul Fehlinger

Schwarze Nächte

Aufzeichnungen eines Traumlosen

 

 

 

Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis

Titel

Triggerwarnung

Widmung

Die erste Nacht

Die zweite Nacht

Ihre Geschichte

Dritte Nacht

Vierte Nacht

Der Morgen

Entstehungsgeschichte

Biographie von Paul Fehlinger

Impressum neobooks

Triggerwarnung

In diesem Kurzroman werden Inhalte behandelt, die unter Umständen stark triggern können, also schwierige Gefühle, Erinnerungen oder Flashbacks auslösen können. Denn der folgende Text enthält Beispiele für solche Trigger und Themen – wie suizidale Tendenzen, Selbstverletzung, Depressionen, sexueller Missbrauch und Angstzustände. Bei psychisch vorbelasteten, bzw. traumatisierten Menschen können diese Themen negative, emotionale Reaktionen auslösen. Bitte sei beim Lesen besonders achtsam, wenn das bei Dir der Fall ist.

Wenn Du dich momentan in einer seelischen Krise befindest oder selbst unter suizidalen Tendenzen leidest, wende Dich bitte an die Telefonseelsorge, die in speziell solchen Fällen eine erste Hilfe sein kann: 

0800 1110111

Widmung

Dieses Buch ist allen Freunden und Familienmitgliedern gewidmet, welche mich bei der Veröffentlichung von „Schwarze Nächte“ unterstützt haben. Ein großes Dankeschön an dieser Stelle.

Die erste Nacht

Wenn ich auf der Parkbank den rot-glühenden Sonnenuntergang, den hängengebliebene Romantiker als „wunderschön“ betiteln, in seinen Konturen betrachte, bin ich mir unsicher, ob ich mich nach all der Zeit an die Einsamkeit gewöhnt habe. Nicht dass ich an der Einsamkeit leide, nein. Ich leide nicht sonderlich, nicht schmerzlich. Also ich leide vielleicht „etwas“. Dennoch sehen „Tragisch-Leidende“, wie ich mir sie vorstelle, wie sie in den allmöglichen Medien gezeigt werden, irgendwie anders aus. In Zeitschriften, im Fernsehen werden beim thematischen, ab und zu abzuarbeitenden Stichpunkt „Leid und Leiden“ schmerzverzehrte und, oder verheulte Gesichter gezeigt und immer mit den drei gleichen, alt bekannten Moll-Akkorden vom Klavier unterlegt: Alles sei ja so traurig. Seit zwanzig Jahren fehlt mir oft - wenn nicht immer - ein solches Gesicht mit jenem Schmerz und, oder Tränen. Nicht dass ich keinerlei Emotionen, keinerlei Gefühle hätte, nein. Nur fehlt mir meist der Bezugspunkt für irgendein Gefühl und ein Ansatz von tieferem Sinn, der doch irgendwo für irgendjemanden da sein müsste…

Das bedeutet in etwa:

Ich weiß, dass ich hasse.

Ich weiß, dass ich liebe.

Theoretisch. Theoretisch sollte ich das, jeder Mensch tut das.

Nur wen? Was? Seit zwanzig Jahren sind und waren das stets offen gebliebene Fragen für mich. Ich kann mein Herz nicht leichtfertig an irgendwas Banales hängen wie Fußball, Weltverbessern oder Vaginas. Auch die „großen Bücher“ der Weltliteratur sind mehr Zeitvertreib als Freude am Lesen, auch wenn ich dem für meine Verhältnisse gern nachgehe. Irgendetwas muss man ja tun, also lese ich halt, also lese ich halt gerne. Nicht dass ich mich groß langweile, nein. Vielleicht ein kleines Bisschen, allerhöchstens. Aber langweilt sich nicht ein jeder von uns, sobald Essen, Trinken und Unterkunft auf lange Sicht da zu sein scheinen? Wozu ein Drama erschaffen, das nicht existiert? Nicht dass es kein Drama mehr gebe, nein, das will ich damit nicht sagen, denn…

Vor exakt zwei Jahren sind meine Eltern gestorben. Exakt zwei Wochen nach meinem achtzehnten Geburtstag. Sie waren nachts spazieren gegangen und ein betrunkener Autofahrer ohne Licht erwischte sie beide wohl unfreiwillig mit siebzig auf einem dunklen Schleichweg in der Kurve. Sie seien sofort tot gewesen, sagte mir der Polizist, der am nächsten Morgen bei uns klingelte. Jener hatte erst seit Kurzem die Ausbildung abgeschlossen, wie er mir berichtete, und weinte irgendwie mehr als ich, denn er hatte sie beim nächtlichen Joggen gefunden. Nicht dass ich mich als unnahbar und kalt in diesen Aufzeichnungen stilisieren will und den Polizisten als lächerlich-sentimental, nein: Ich hätte gerne mehr geweint; ich hätte gerne mehr geweint als diese zwei Tropfen, die eher durch ein Tierchen, das mir ins Auge flog, als durch Trauer verschuldet waren, während ich mit dem Polizisten am Küchentisch, nun elternlos geworden, Tee trank. Ich hätte gerne mehr Trauer gehabt, besessen und diese Trauer ausgeweint, doch da war nicht viel mehr, außer das taub-dumpfe Bewusstwerden des Verlusts meiner Eltern, meiner letzten Bezugspersonen, die ich im Leben hatte, und der Polizist sah mich mit Blicken an, die mich als gefühllosen Autisten abstempelten. Er konnte ja nicht wissen, dass ich als leicht „abnormales“, sich selbst isolierendes Einzelkind schon jahrelang von dem verfolgt wurde, was nun unumkehrbar eingetroffen war… Ich hatte nie wirklich einen Boden unter den Füßen…

Fühlte, fühle ich deshalb „so wenig“? Für jeden anderen wäre das Ableben der Eltern ein wahres Drama. Für mich fühlte es sich an jenem Tag nicht an wie ein Drama, so hart es auch klingen mag. Aber ich meine es auch nicht so, wie es klingt. Denn da meine beiden Elternteile der allerletzte Bezugspunkt, die einzige Quelle für Liebe oder Hass oder sonstige Gefühle waren - denn ich fand nie Freunde - ist es irgendwie nur logisch, bzw. folgerichtig, dass ich ohne Bezugspunkt für Liebe oder Hass nichts mehr empfinde, nichts mehr empfinden kann. Kein Drama, in mir ist kein Drama: Nein, kein Drama, kein Sturm. Es ist einfach nur so dumpf, seit sie nicht mehr da sind, und das auf absolut unheimliche Weise. Doch es ist kein Drama, wie ich es immer gehört, mir vorgestellt hatte… Aber wenn es kein Drama ist, was ist es dann? Was ist dieses Dumpfe, das ich vor mich hertrage? Und wie werde ich es wieder los? Zeitnahe Antworten wären irgendwie hilfreich… Jedoch wüsste ich keinen Grund, optimistisch zu sein, aus der eigenen dumpfen Leere zu entfliehen… Ich seufze ratlos. Ich suche nach meinen Zigaretten und finde sie erst nach dem dritten Mal Taschendurchwühlen. Ich zünde mir eine an und atme extrem langanhaltend den Rauch in die Dunkelheit, wie es mein Vater immer tat, dessen Laster ich nun als kleine Erinnerung an ihn pflege. Von der Sonne ist nun nichts mehr zu sehen. Die tiefe Nacht beginnt endlich…

Seit ich denken kann, seit ich mich erinnere, also bereits als kleines Kind, hatte ich viel zu oft jenen nicht abzuschüttelnden Tagtraum, in dem ich detailliert und erschreckend realistisch und scharf gestellt aus der Perspektive einer aufnehmenden Kameralinse sah, wie meine Eltern bei einem Unfall grausam und ohne Hilfe verbluteten und starben. Besonders verdichteten sich diese Bilder, wenn sie sich mal verspäteten und nicht wie zeitlich vereinbart nach Hause kamen. Die dann aufkommenden Gedankenbilder von fehlerhaften Airbags, brennenden Motorhauben und blutigen Schädeldecken rasten wie folternde Assoziationsschübe durch mein Gehirn. Mausetot. Meine Eltern lagen am Ende jener Szenen mausetot da in der hässlich realistischen Vorstellung meines Tagtraum-Projektors. Und mit diesen Bildern vor Augen, deren traumatischer Schreck ich auch in den Gelenken zu spüren glaubte, erwartete ich dann jedes Mal, dass der verhängnisvolle Anruf, der mir den Boden unter den Füßen wegreißen würde, in wenigen Minuten kommen werden müsste, und als der Anruf bzw. Besuch dann wirklich kam, riss er mir den Boden eben nicht mehr weg, da ich ihn schon längst verloren hatte. Dieser kindliche Bilder-Wahn, der auch in meiner Jugend weiter andauerte und sich beliebte, sich stetig und stetig zu wiederholen, verflüchtigte sich vorläufig erst dann, wenn meine Eltern unbeschadet und wie so oft gutgelaunt wiederkamen. Sie wunderten sich dann immer, dass sie mich mit ihrer guten Laune nicht anstecken konnten und ich so betrübt aussah und abwesend war, aber darüber kein Wort verlor, was mich potenziell bedrückte… Eigentlich bedrückte mich auch nichts, nein, es war nur so, als würde in mir etwas temporär erstarren, als ich diese Bilder sah. Als sie starben und ich sie das letzte Mal bei der Autopsie sah, verschwanden darauf diese Wahnvorstellungen, es wurde, wiegesagt, dumpf und leer. Komischerweise kann ich mich nicht mehr an die Autopsie und ihre Leichen erinnern. Ich weiß nur, dass ich da war mit meinem Onkel, da man sie zweifelsfrei identifizieren musste…

Ich erhebe mich langsam von der Bank und trotte weiter die Förde der Kieler-Wik entlang. Der Wind ist noch stürmischer als sonst und weht mir schließlich die Kapuze vom Kopf, also lasse ich es mit der Kapuze sein. Allmählich sind die Schiffe der Marine zu erkennen. Auf dem einen Kriegsschiff oder jedenfalls Militärschiff, das vielleicht zum Minensuchen fungiert, klebt ein gelber Smiley, scheinbar gewollt, wenn er so groß und zentriert platziert worden ist. Ich kneife mir in den Oberschenkel. Der Smiley ist noch da, also höchstwahrscheinlich keine Halluzination. Ob der da wirklich hingehört?

Doch zurück zum Thema: Ja, war ich definitiv traurig, als die Nachricht des Todes kam, aber nicht so traurig, wie man es sich vorstellt, wenn die eigenen Eltern gestorben sind. Letztlich war ich auch nicht unglücklich, nachdem ein paar Wochen vergangen waren. Zumindest war ich ab diesem Zeitpunkt nicht unglücklicher als zuvor. Es fühlte sich auf bitter-ironische Art so an, als hätte sich nichts verändert, obwohl alles eingestürzt sein sollte. Ich wohnte jetzt zwar allein, doch alles um mich blieb allgemein gleich, auch wenn sich manches wandelte und änderte. Ja, alles blieb gleich, nichts stürzte ein, nichts brach zusammen, wie ich es vielleicht als Kind geglaubt hatte. Und weil nichts zusammenbrach, blieb nur noch das Nichts. Die Welt ändert sich nie. Sie ist ein sich immer gleich drehendes, gleichgültiges Etwas ohne inneren Kern. Und so pendelten meine Tage, meine Jahre dahin. Es veränderte sich nichts im Grundliegenden, obwohl meine Eltern die einzigen Menschen in meinem Leben gewesen waren… Denn wirkliche Freunde hatte ich nie besessen. Weder im Kindergarten, in der Grundschule, auf dem Gymnasium, noch unter Arbeitskollegen oder jetzt an der Universität… Nicht dass nie jemand mit mir Kontakt haben wollte, nein. Irgendwelche Bekanntschaften ergaben sich hier und da. Doch das waren primär rationale Zweckbeziehungen für Hausaufgaben, Arbeitspläne oder Hausarbeiten. Zwar teilte mir jemand hier und da auch etwas Intimes mit, da ich laut einigen Aussagen nach „ein geduldiger Zuhörer“ sei - was auch immer das sein soll. Wahrscheinlich halte ich Menschen nur gut aus und werde halt nie verbal oder physisch beleidigend, sondern meide im Zweifel dann die oder den. Doch ich selbst gab nichts von meinem Inneren preis, ich hatte nie ein großes Bedürfnis zu reden. Schließlich gibt es bei mir auch nichts Großes preiszugeben, das ich mir „von der Seele“ reden könnte, wie sich beispielweise die Leute ausdrückten, die mich einen „guten und geduldigen Zuhörer“ nannten. Und die wenigen Momente, in denen ich den Drang verspürte, mich irgendwie wegen irgendwas zu öffnen, verflogen so schnell, wie die selbige Idee „des Öffnens“ auch kam, da ich mich nie dazu „durchringen“ konnte. Wozu auch? Ich bereute es nie. Ich bereue es bis heute nicht, keine dummen Kontakte geknüpft zu haben, die an sich vollkommen überflüssig sind. Nicht dass ich keinerlei Kontakt möchte, nein. Bisher schien sich nur kein Kontakt hergestellt zu haben, den ich wirklich möchte, den ich wirklich schätzen könnte. Auch habe ich beispielweise noch niemanden erzählt, dass ich Waise bin. Ich will einfach keine Mitleids-Tiraden, Mitleids-Sprüche oder Mitleids-Weisheiten, die in ihrer Art und Weise so furchtbar vorhersehbar und abgenutzt sind. Denn eigentlich jeder, der an irgendwas ganz staatstragend „Anteil nimmt“ und sein beherztes Beileid ausspricht oder sogar ein paar schick in Szene gesetzte Tränen weint, bezieht sich damit meist oder zumindest sehr häufig in letzter Konsequenz auf sich selbst: Am Ende der Kausalketten und Beziehungsgeflechten weinen die Menschen jede Träne für sich selbst, als Selbstzweck, Emotionen als Selbstzweck… Vielleicht mag Mitleid einigen anderen Menschen helfen… Vielleicht glauben sie nur, bilden sich ein, dass es hilft… Doch vielleicht hilft es. Doch ich will es nicht, nein, ich will es am liebsten nie wieder entgegennehmen, für mich ist es unerträglich…

Ich kicke einen Stein in die Förde. Er fliegt recht weit und das Wasser platscht erstaunlich hoch für so ein kleines Steinchen… Ob ich mich an die Einsamkeit gewöhnt habe? Ich weiß es nicht, ich kann mich selbst nicht einschätzen, beurteilen… Einsam fühlt man sich doch nur, wenn man sich nicht die Zeit vertreiben kann, oder irre ich? Bei mir vergeht mit der Hausarbeit die Zeit. Als meine Eltern starben, war das kleine Reihenhaus im eher gut betuchteren Viertel gerade abbezahlt und ich erbte es. Seit dem putze, sauge, wische, fege, spüle, koche, wasche, reinige und bügle ich die meiste Zeit. Dazu kommen dann noch die Unilektüre und die „Weltliteratur-Klassiker-Freizeitlektüre“ und jeder Tag ist weitgehend gefüllt. Fehlt mir etwas? Manchmal glaube ich, dass mir etwas fehlt, momentan auch öfter mal… Nur was? Gehe ich vielleicht deshalb immer am Abend bis spät in die Nacht an der Förde entlang spazieren? Weil ich hoffe, hier irgendwo etwas zu finden? Gehe ich wirklich deshalb jeden Tag bis tief in die Nacht spazieren? Klar, ich gedenke damit meinen Eltern. Es ist das letzte, verbliebene Familienritual für mich geworden, welches mich nachts diese Schritte setzen lässt. Doch derart häufig denke ich gar nicht an sie beim Spazieren, zumindest glaube ich das, auch wenn ich mich genauso spazierend ihnen am nächsten fühle… Ich suche dabei aber nie die Gefahr, liebäugle nie mit dem Jenseits und trage nahezu immer eine Warnweste. Ich bin dementsprechend nicht lebensmüde oder gar suizidal und könnte es, glaube ich, auch nie sein, auch wenn ich den Grundgedanken „einer Flucht“ nachvollziehen kann, aber ich kann alles irgendwie nachvollziehen, also auch das Leben-Wollen, auch wenn das Leben und Am-Leben-Bleiben selten etwas mit dem Bedürfnis des Leben-Wollens zu tun haben: Man lebt halt…

Tatsächlich habe ich die Warnweste heute vergessen. Umso vorsichtiger schaue ich mich beim Überqueren der Straße um.

Als ich über den Zebrastreifen laufe, kommt mir eine Frau entgegen. Sie redet mit mir, wie es scheint. Ich überlege, was ich antworten soll. Nein, sie redet nur mit sich selbst. Wirklich? Nicht ganz, sie redet mit ihren Kopfhörern und ihrem „Liebling“. Kurz dachte ich, sie führe Selbstgespräche und sei verrückt.

Bin ich verrückt? Manchmal frage ich mich das wirklich… Einige Zwangsneurosen habe ich zweifellos, wie ich gestehen muss. Als ich noch ein Kind war, musste ich mich immer bezwingen, die Autotür nicht während der Fahrt zu öffnen. Etwas in mir drängte mich immer dazu, die Tür zu öffnen, sie aufzureißen. Es glich einem Kampf, diesen „Tatendrang“ zu unterdrückten. Erleichternd und in gewisser Weise beruhigend war es dann, endlich alleine Auto fahren zu dürfen.

Auch ihr Auto hatten meine Eltern mir hinterlassen: Einen schwarzen Volkswagen-Kombi. Damit fahre ich manchmal nur, um die Neurose zu stillen. Wenn keiner vor mir, hinter mir oder neben mir in Sichtweite ist, öffne ich bei dreißig oder maximal fünfzig KMH die Fahrertür, genieße den schneidigen Fahrtwind und schließe im nächsten Augenblick wieder die Tür. Das erleichtert mich jedes Mal aufs Neue und jenes befreiende Gefühlt hält für die nächsten Tage oder Wochen an. Ist das verrückt? Ja, ein wenig. Macht das mich zu einem Verrückten? Nein, ich glaube nicht… Verrückte wissen nicht, dass sie verrückt sind, um jene Binsenweisheit hier mal auszukramen…

Ich bin nicht verrückt, denke ich. Verrückte sind für mich die Passanten, deren Wege ich gerade kreuze. Sie sind alle mit ihrem Smartphone zusammengewachsen. Beispielweise bewegt sich trödelnd vor mir eine Frau mit gekrümmten Hals. Sie schaut konstant auf ihr Handy runter und kein einziges Mal zum Wasser der Förde oder zu den Lichtern der Schiffe oder gar zum Verkehrsgeschehen um sie herum. Ihr Rücken, ihr Nacken, ihr ganzer Körper hat sich schon zu einer Aufs-Handy-Schauen-Haltung zurechtgekrümmt. Vielleicht bin ich gar nicht so einsam, wie es mein Onkel beansprucht, stets über mich zu behaupten. Diese Menschen, deren halber Tag mehr oder minder aus Nachrichten-Schreiben und audiovisuellen Konsum besteht, sind doch viel mehr mit sich allein, obwohl sie sich das Gegenteil in ihrer sozialen Vernetztheit einbilden. Und diese Menschen werden, wie einer Exponentialkurve folgend, immer mehr, und füttern ihre Kinder mit Playstations, Samsung Galaxys, iPads und Gaming-Computern. Eine übermäßige Züchtigung im digitalen Gulag: Keine Zwangsarbeit, sondern zwanghafter Medienkonsum. Immer mehr „Handy-Mensch-Mutationen“ ohne eigene Substanz mit Gehirnen und Venen voller Netflix-Binge-Watching, misogynen Pornos, optimierten Instagram-Bildern, und verdummenden Ballermann-Playlisten auf Spotify, die weitgehend alle der Suggestion unterliegen, dass sie ja vermeintlich die Handys kontrollieren würden, da sie mit ihren Händen die Benutzeroberfläche bedienen, obwohl es sich genau andersherum verhält: Das Handy und seine Medieninhalte kontrollieren durch Dopamin und jene verinnerlichte Symbole Finger, Augen und Gehirn. Das Handy kontrolliert dich. Es kontrolliert dich subtil und gleichzeitig in einer unheimlichen Totalität, sodass du es nicht einmal für ein paar Stunden ausstellen kannst, ohne nervös zu werden. Es verschmilzt mit deinem Körper, deiner Körperhaltung, es ist immer in deiner Hosentasche griffbereit. Das Gleiche, nur noch viel süchtig-machender, mit deinem Geist, wobei das Wort „Geist“ bei den meisten mittlerweile sich erübrigt hat…