Schwarze Petra - Isabel Rohner - E-Book

Schwarze Petra E-Book

Isabel Rohner

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Beschreibung

Krimiautorin Linn Kegel fiebert der Premiere ihres ersten Theaterstücks Schwarze Petra entgegen. Doch nichts läuft wie geplant: Der Intendant der Festung in Wien will Linns Stück unter vermeintlich männlichem Autorennamen auf die Bühne bringen. Und dann verschwindet auch noch die Hauptdarstellerin. Ist sie einem Verbrechen zum Opfer gefallen – oder steckt doch etwas anderes dahinter? Das Ensemble jedenfalls war mit der Besetzung der weißen Vero für die Rolle der Schwarzen Petra so gar nicht einverstanden. Linn Kegel nimmt die Ermittlung auf. Ein neuer »feministischer Kicherkrimi« voller skurriler Figuren und literarischer Anspielungen.

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Seitenzahl: 286

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Isabel Rohner

SCHWARZE PETRA

Kriminalroman

ULRIKE HELMER VERLAG

 

 

eISBN 978-3-89741-924-7

CRiMiNA ist ein Imprint des Ulrike Helmer Verlags, Roßdorf b. Darmstadt© 2022 eBook nach der Originalausgabe © 2022 Ulrike Helmer Verlag, Roßdorf b. DarmstadtAlle Rechte vorbehalten

Covergestaltung: Atelier KatarinaS / NLunter Verwendung einer Fotografie von© Pellegrina / photocase.de

www.ulrike-helmer-verlag.de

 

Starring

Linn Kegel

eigenbrötlerische Autorin, die sich bisher mit Krimis einen Namen gemacht hat und nun als Theaterautorin international durchstarten will. Die Uraufführung ihres Stücks Schwarze Petrasteht vor der Tür, in der Regie von

Bettina Heidenreich

bis vor kurzem Chefin einer Künstleragentur, jetzt aufsteigender Stern am Regiehimmel – nicht nur zur Freude von

Jonathan Thalheim-Sommer (eigentlich Sven Meier, aber damit wird man nicht Intendant)

ehrgeiziger Chef der Festung in Wien, der nach der Corona-­Pandemie um jeden Preis einen großen Erfolg und die mediale Aufmerksamkeit braucht. Genau wie

Trina Huhn

ebenso ehrgeizige Dramaturgin mit eigenen Plänen für die Festung. In diesen kommt wahrscheinlich eher nicht vor

Jean-Claude Porter

nicht minder ehrgeiziger Regisseur, der sich mit seiner Ins­zenie­rung von Leonce und Lena zu Unrecht auf die Studiobühne verbannt fühlt, und

Peppi Walzenhuber

altgediente Garderobiere, die immer ganz genau weiß, was und wer in der Festung umgeht, und ein besonderes Auge geworfen hat auf

Franz Bankl

der als Pförtner von einer beruflichen Veränderung träumt, vielleicht sogar an der Seite von

Roseanne Carlyle

die als erste Schwarze am Wiener Staatsballett den Weißen Schwan getanzt hat, allerdings nur inoffiziell – anders als

Vero Amstel

hellhäutige Schauspielerin, die in der Hauptrolle von Schwarze Petra brillieren will und dabei erneut den größeren Part hat als

Tarkan Keller

ehemals bekanntester Travestie-Künstler in Köln, der aber viel lieber der erste Man of Colour in der Rolle des Hamlet in Wien wäre. Hadert damit, an der Festung erneut nur eine Nebenrolle zu spielen, erfreut damit jedoch

Hoshi Takahashi

Schauspielschülerin und Telenovela-Fan aus Tokio, die in der Festung als Statistin jobbt, anders als

Matti Johannson

der beauftragt ist, die Rolle eines mysteriösen Autors zu spielen. Sehr zum Ärger von

Linn Kegel

die nie gedacht hätte, dass ihr Start als Theaterautorin so schwierig und ihr Stück so ein Drama sein würde.

Weiter spielen eine Rolle:

ein SuppenhuhnJo Hartmann, Linn Kegels VerlegerRoland Weißweiler, Redakteur von Literatur heuteeine Kassiererinein Taxifahrerweitere Journalistinnen und Journalisten (Print, TV, Online)zahlreiche junge Leute von der SchauspielschuleBühnenarbeiterinnen und Bühnenarbeiterein RegieassistentKonstanze aus der Maskeviele aufmerksame Kellner in Wiener Kaffeehäusernder Kanondie Liebe… und verdammt viel Alkohol

Auf die Ohren gibt’s:

Tarkan: ŞımarıkRudolf Sieczyński: Wien, Wien nur du alleinJohann Strauß: Wiener BlutFalco: Vienna CallingConchita Wurst: Rise like a PhoenixMariah Carey (aus Prinzip)

 

Prolog

DerMoment, indemerbegriff, dassesLiebewar, warganzanders, alserimmergedachthatte.

Hätteihnfrüherjemandgefragt, wieersichdiesenMomentvorstellte, erhätteetwasvoneinemeinsamenStrandbeiSonnenuntergangodermindestenseinemromantischenAbendessenbeiKerzenscheinundRotweinerzählt.

DabeiwarergarkeinRomantiker. TrotzdemwardasseineVorstellungvonLiebe. GeprägtvonhundertenvonFilmen, FotosundPlakaten. VonLiebesliedern, diejedenTagimRadioliefen. VonangeblichpersönlichenPoststiefausgeschnittenerFacebook-Schönheiten, aufdieernatürlichkeineinzigesMalgeantwortethatte. Erwarschließlichwedernaivnochdumm. ZudemhatteereinmaleineDokugesehen, inderaufgedecktwurde, dasssichhinterdiesenProfilenvermeintlicheinsamerFrauenherzenganzeDorf­gemeinschaftenjungerMännerausOstafrikaverbargen.

AuchdieFrage, oberdennnochniegeliebthabe, hätteerrund­umverneint. Natürlichhatteergeliebt! Mehrfachsogar. WarenseinebisherigenBeziehungennichtderBeweisdafür? MitseinerletztenFreundinhatteerfünfJahrezusammengelebt. FünfguteJahre, aberirgendwannhatteeshaltnichtmehrgepasst. KeinegroßeSache. InzwischenlebtesieinderToskana. ErschriebihrnochzuWeihnachtenundzuihremGeburtstag, auchwennsienieantwortete.

UnddannwardadieserMoment. Einfachso. Plötzlichwussteer, wasLiebebedeutete. Bämm!

Was er in diesem Moment fühlte, ging weit über alles Bekannte hinaus. Es war etwas völlig Neues. Dabei war die Situation denkbar unromantisch: Er stand nämlich gerade im Supermarkt vor der Tiefkühltheke, zwischen Pizza und gefrorenen Hähnchen.

DieErkenntnisdurchfuhrihnwieeinBlitz – nein, eherwieeineganzkurzeZündschnur, diedirektzurExplosionführt. PlötzlichwardadiesesLeuchteninihm. Diesestiefe, warmeLeuchten. DieWeltumihnherumwurdemiteinemSchlagbunter, alshättejemandeinegraueFolieabgezogen – sogarderSuper­markt, indemergeradeeinkaufte. Dawussteer: Erliebte. Erwarnichtver­liebt, erliebte.

Am liebsten hätte er sich die Oma mit Rollator, die gerade vor dem Regal mit den Konserven stand, gegriffen, hätte sie an sich gedrückt und wäre mit ihr durch die Gänge getanzt. Doch das traute er sich dann doch nicht. Stattdessen starrte er weiterhin die Tiefkühlprodukte an und versuchte zu verstehen, was in ihm vorging.

DiesesGefühl, daserdaspürte, warwederdasErgebniseinerbewusstenEntscheidung – jetztliebeich! –, nochwaresdieunumgänglicheFolgeeinerlängerenEntwicklung. Solangekannteersiejanochgarnicht. Wederwussteer, obsiePopcornliebersüßodersalzigaß, noch, obsieeineähnlicheVorstellungvonderZukunfthatten. DiesesGefühlhatteauchnichtsmitsexuellemVerlangenzutun. KeineFrage: Sexwarihmimmerschonwichtiggewesen. Aberdashierwar, alswüssteetwasinihmmehralser. ObdasdieseSeelewar, vonderinderLiteraturimmerzudieRedewar? Erliebte. Underkonntenichtsdagegentun.

InderTiefkühlabteilungöffneteermehrereSchiebetüren. DieherausströmendeKältekühlteseineheißenWangen. Ergriffhin­ein, wählteaus, legtewiederzurück, wählteerneut. Erkonntesichnichtkonzentrierenundwarsichsicher: Jeder, derihnhierstehensah, mussteihmansehen, wasgeradeinihmvorging.

Waswollteerüberhaupteinkaufen? WarEssendennüberhauptnochwichtig?

ErschobdenEinkaufswagenweiterinRichtungMilchprodukte. WardieSchriftaufdemSahnejoghurtschonimmersofröhlichgewesen? BlaubeereoderAnanasschienkeineFragemehrzusein: Ernahmsiebeide – undKirschenochdazu! AucheinePackungMilchstellteerbeschwingtinseinenWagen, einhalbesPfundButter, ToastundeinGlasOrangenmarmelade. Dabeifrühstückteereigentlichnursonntags. SeinHerzschlugbiszumHals, auchseineHändefühltensichnochwärmeranalssonst.

ImGangmitdenToilettenartikelnhielteresfastnichtmehraus. Waswürdewohlpassieren, wennerjetzteinfachseinGlückhinausjubelte? ErgriffsicheinePackungKlopapierundumschlangsiemitbeidenArmen. Siefühltesichganzweichan. ErdrücktediePackungsostarkansich, dasssichdiePapierrollenverformten. AneinerEckeplatztediePlastikhülleauf. ErpresstesienochfesteranseineBrust.

Erliebte! ErliebtezumerstenMal!

ErlegtedieversehrtePackungzurückaufdenStapelundnahmsicheineneue.

AnderKassepackteerseineEinkäufeaufdasBandundwundertesichüberdasgefroreneSuppenhuhn, dasplötzlichzwischendenEiernundderSchokoladelag. Seltsam, erkonntesichnichterinnern, esindenWagengelegtzuhaben. ErhatteinseinemLebennochnieeinSuppenhuhngekauft. Aberwarumeigentlichnicht? Wieessoverpacktvorihmlag, sahessehrschönaus. Schutzlos, nacktundeingeschweißt.

DieKassiererinmusterteihnundfragte, oballesinOrdnungsei.

Wussteer’sdoch: Mansahesihman!

»AllesinbesterOrdnung!«, antworteteerundräuspertesich. »Inallerbestersogar!«

»Dannistjagut«, antwortetesie.

ZuletztlegteerdieTafelSchokoladeaufsBand. »WusstenSie, dassSchokoladeGottesAntwortaufBrokkoliist?«

»Nein, dashabeichnochniegehört«, sagtesie. Hattesieihmgeradezugezwinkert? Erwarsichnichtsicher.

ErwünschteihreinenbesondersschönenTagundzwinkertezurück. Hatteersoetwasbislangjemalsgetan? Warumeigentlichnicht?

AlserwiederaufdemParkplatzwarunddenEinkaufswagenindiedafürvorgeseheneRückgabereihegeschobenhatte, konnteernichtmehranders: ErmachteeinenHüpfer – ja, erschlugdabeisogarseineFüßeaneinander. Erliebte! Nocheinmalhüpfteer. Undnocheinmal. Erkonntegarnichtaufhörenzuhüpfen. Erhüpfte, biserseinAutoerreichthatte. Dasseszuregnenangefangenhatte, warihmgarnichtaufgefallen. ErstalserimAutosaß, merkteer, dasserbisaufdieHautdurchnässtwar. Eswarihmegal.

 

Willkommen in Wien!

DasTaximüffeltenachSalami. LinnKegelhatteesschonbeimEinsteigengerochen. DochnachdemfrühmorgendlichenFlugvonKölnnachWienspieltedasauchkeineRollemehr. Siewollte, soschnellesging, insHotel. UmhalbvierUhrwarsieaufgestanden, umdenFliegerumkurznachsechszukriegen, dernatürlich – wiesollteesauchanderssein – erstmiteinerStundeVerspätunggestartetwar. WirklichvielgeschlafenhattesieindervergangenenNachtnicht. Wiedennauch? NormalerweisegingsieüberhaupterstgegenzweiUhrinsBett.

JetztsehntesiesichnacheinerausgiebigenDusche. UndnacheinemgroßenKaffee. DieBrüheimFlugzeugwarbestenfallseinnetterVersuchgewesen. SiewürdesicheinfachgleichineinesdieserKaffeehäusersetzen. MachtemandasnichtsoinWien? ErsteineRundeKaffeehauskultur, dannwürdeallesandereschonwerden. Terminlichsolltedashinhauen. VielleichtwürdedannauchihreNervositätnachlassen. DiekamnämlichnichtvomKaffee. Nein, derGrundihresAufenthaltsmachtesienervös: MorgenwürdeihrerstesTheaterstück, SchwarzePetra, inderWienerFestunguraufgeführtwerden – aminnovativstenTheatervonganzÖsterreich! InszeniertauchnochvonihrerFreundinBettinaHeidenreich, dieihrenJobalsChefineinerKölnerKünstleragenturandenNagelgehängthatteundseiteinigerZeiterfolgreichalsTheaterregisseurinunterwegswar.

Linnhatteesselbstkaumglaubenkönnen. DochnachdemihrletzterKrimiGretchensRacheimgesamtendeutschsprachigenRaumeinErfolggewordenwar, kamtatsächlicheineAnfragevonderDramaturginderFestung. DieTheaterszeneninGretchens­Rache – inderHandlungspielteeinDinnertheatereineentscheidendeRolle – hattensiesoüberzeugt, dasssiebereitwar, LinnmitderEntwicklungeinesBühnenstückszubeauftragen. – Bingo! ZumalLinnohnehinkeineLustmehraufMördergeschichtenhatte. WardieRealitätnichtgrausamgenug? Brauchteesüberall, injedemBuchundfastjedemFernsehfilm, auchnochmassenhaftTote? VorallemdieomnipräsentenFrauenleicheninKrimiskonnteLinninzwischenkaummehrertragen. Meistenslagensiejungundschön, nacktoderhalbnackt, irgendworum, begafftvonKommissarenundTV-Publikumgleichermaßen. AberauchbeiderauffallendenÜberzahlanMörderinneninKrimisüberkamLinndasdringendeBedürfnis, auszuschalten: Esschienfastso, alshättensichalleDrehbuchautorenverschworen, imNamenderInnovationalleGewaltstatistikenderPolizeizuigno­rierenundfastnurnochFrauenalsKriminellezuinszenieren.

Nein, mitGewaltverbrechenwarsiedurch. StattdessenhattesieLust, maletwasandereszuschreiben. SchlussmitMordundTotschlag – hermitPhilosophieundTheater!

Jo Hartmann war von diesen Plänen zunächst gar nicht begeistert gewesen. Sie hatte die Stimme ihres Verlegers noch im Ohr, wie er sie durchs Telefon anblaffte: »Was?! Ein Theaterstück wollen Sie schreiben? Und das jetzt, wo sich endlich mal eines Ihrer Bücher verkauft? Haben Sie noch alle Tassen im Schrank?«

DochbaldhatteauchersichandieIdeegewöhntundfeilteseitdemmitzunehmenderBegeisterungzusammenmitdemTheateranderVermarktungsstrategie. Umsobesser, hatteLinngedachtundsichrausgehalten. Siewarfroh, dasssiesichaufsSchreibenkonzentrierenkonnte.

»Sagmal, hörstdumirüberhauptzu?« BettinaHeidenreichsverrauchteStimmezerrteLinnausihrenGedanken. »Hallo? ErdeanFrauBestseller!«

»Sorry«, stammelteLinnundfuhrsichdurchdieungekämmtenkinnlangenrotenHaare. »Washastdugesagt?«

BettinaschütteltedenKopf. »Mensch, Chegel, dumachstmirSpaß. IcherzählmirhiereinenWolfundduträumstvordichhin. HatdirderSalamigeruchdasHirnvernebelt?«

Linnmochteessehr, dassBettinaalseinzigeausihremFreundeskreisversuchte, ihrenNachnamenschweizerdeutschauszusprechen. NachfünfzehnJahreninDeutschlandpassierteesihrinzwischenselbst, dasssieKegelstattChegelsagte.

»Sorry, wareinekurzeNacht.«

»Sorry auch von mir«, entschuldigte sich der Taxifahrer. »Ich hab noch überlegt, ob ich mir lieber ein Matjesbrötchen kaufen soll.«

»Schon klar«, antwortete Bettina beiden, um sich dann wieder Linn zuzuwenden. »Wir fahren jetzt jedenfalls direkt ins Theater. Dann kannst du dir alles anschauen, bevor um elf die Presse­konferenz und um zwölf die Generalprobe beginnt. Du kannst dir gar nicht vorstellen –«

»Aber, ichwollteerst –«, versuchteLinnzuprotestieren, dochihreverbalwiekörperlichpräsenteMitfahrerinließsieerstgarnichtzuWortkommen.

»– wiehektischesgeradeist. EsistechtreineNettigkeitvonmir, dassichdichvomFlughafenabgeholthabe. ScheißVerspätung! AberwennwirGlückhaben, sindwirkurznachhalbzehnamTheater. Dasgehtjanoch. Duwirststaunen, wenndudasBühnenbildsiehst … DiesesBühnenbildistderWahnsinn! Absolutirre! Ganzgroßartig! Ichbinsicher, dassdumirdasnichtzugetrauthättest. Ichhabemirgedacht: WennichhierinderFestungschonmeinRegiedebütgebe, macheichdasgleichrichtigundübernehmeauchnochdasBühnenbild. Nichtschlecht, oder? UnddasEnsemblemusstdukennenlernen. AllestolleLeute. Völligunterschiedlichundsuperdivers!«

Bettina machte eine kurzeAtempause. Linn nutzte ihre Chance: »Und wann kann ich mal ins Hotel und meinen Kram loswerden?«

»Achso, nein, darumkümmernwirunsspäter. DasHotel, dasdirdasBetriebsbürogebuchthat, warjaeinganzseltsamerLaden. Dashabeichabgesagt. DafindenwiretwasBesseres.«

»Wiebitte? Willstdumiretwasagen, dassdumeinZimmerstornierthast?«

IhrebarockeBegleiterinwinkteab. »KeinePanik, FrauBestseller! WienistechtvollmitnettenHotels. Duwirstmirnochdankbarsein. WievieleNächtewillstdubleiben? Drei? DafindetsichinWienimmerwas. EigentlichwollteichmichjaindenletztenTagenschondarumkümmern, aberEndprobensindeinfachimmerwahnsinnigintensiv.«

LinnkonntesicheinenlautenSeufzernichtverkneifen. SiehatteargeZweifeldaran, dassdieSuchenacheinemneuenZimmersoproblemloswerdenwürdewievonBettinagedacht.

»Jetztfreudichdoch: DubistinWienundwirfeiernmorgenPremieremitdeinemStück! Habichdireigentlicherzählt, dassTarkanmitspielt?«

»Tarkan? DumeinstabernichtdentürkischenSchnulzen­sängerausRheinland-PfalzmitseinemKuss-Lied? Kenntdenüber­hauptnochjemand?«

»Ichkenneden!«, mischtesichderTaxifahrereinundstimmtedenRefrainvonŞımarıkan, inklusiveSchmatzgeräuschen.

»Danke, aberichmeineTarkanKellerausKöln. Hastdudennieerlebt? WarmalderbegabtesteTravestiekünstlervonganzNordrhein-Westfalen. AberseiteinpaarJahrenwillerlieberShakespeareundSchillerspielen. IstmitseinemMigrationshinter­grundleidernichtganzeinfach. MeistenskriegternurEnsemblerollenangeboten, keinenHamlet, nirgends. Dabeiistgarnichtereingewandert, sondernseineMutter. UndauchdieistalsMarokkanerininFrankreichaufgewachsen. Verrückt, oder? EinbisschendunklereHautundschonbistduinderAusländerkiste. DabeihastdualseingewanderteSchweizerinmehrMigrationserfahrungalser. UndderIntendant …« Bettinaschienganzkurzüberetwasnachzudenken, nervösstrichsiesichdiewilden, braunenHexenhaareausdemGesicht, »ja, derIntendantisteinbisscheneigen. IsthalteinIntendant. Haha, sosindIntendantennuneinmal. Nichtwahr? HabenmanchmalkomischeIdeen.«

LinnzogdieAugenbrauenhoch. »KomischeIdeen?« SiekannteihreFreundinlanggenug, ummisstrauischzuwerden. Auchwennsieimmervielredete – dieserMonologwarselbstfürBettinaüberdurchschnittlich. WardasetwaeinAblenkungs­manöver? Dochwovonwolltesieablenken?

DieBarockewarfeinenunruhigenBlicknachdraußen. »Oh, schaumal: DasdaistdasSchlossBelvedere. DassolltestdudirindenkommendenTagenunbedingtanschauen, lohntsichsehr. AproposKnutsch-LiedvonTarkan, dahängtauchderKussvonKlimt. Weißtdu, diesesBild, dasesinflationärauchaufKaffeetassenundDuschvorhängengibt. Ichhaltedasjafürvölligüberschätzt. AberdieBildervonHeleneFunkesindgroßartig. Ichhabemirschonüberlegt, obichmirTräumealsDuschvorhangdruckenlasse. AusPrinzip! KennstdudasBild? GanzvieleFrauendösennacheinerdurchpolitisiertenunddurchzechtenNachtzusammenvorsichhin – großartig!«

»WasfürkomischeIdeenhatdennderIntendant?«, versuchteesLinnnochmals. Dochwiederdrangsienichtdurch. Bettinawaroffensichtlichfestentschlossen, aufStadtführerinzumachen.

»GleichkommenwiraufdenKärntnerRing. DavornesiehstduschondasOpernhaus. 1869eröffnet – undwann, schätztdu, hatdieersteFrauhiereineOperdirigierendürfen? 1993. NachläppischeneinhundertvierundzwanzigJahren! Unglaublich, oder? EigentlichmüsstemandenKärntnerRingjainSimoneYoung-Ringumbenennen. UndrechtskommtjetztdieHofburg, dasitztderBundespräsident. Wusstestdu, dassauchÖsterreichnochnieeineBundespräsidentinhatte?« BettinaholtekurzLuft, dannfuhrsiefort. »Wirsindheuteaberechtgutdurchgekommen. GehtmitdemTaxijaschonflotteralsmitderBahn. HeuteMorgenwar’simZugnachSchwechatproppenvoll. Aberirgendjemandmussjadafürsorgen, dassdualsLandeiinderMetro­polenichtverlorengehst. UndzweiTaxirechnungen, dashättemirdasBetriebsbüronichtrückerstattet.«

»ErwartebloßkeinMitleid, nurweildumichabgeholthast. SchließlichverdankstdumirdeinRegiedebütinderFestung.«

»Ja, dieFestung …«, BettinakratztesichamKopf. Auchdaswarseltsam. Bettinakratztesichnur, wennsienichtweiter­wusste. SomüdeLinnsichauchfühlte, ihrMisstrauenwarnunhellwachundpochtegegenihreSchläfen. »Also, weißtdu, diesinddaeinbisschen …«

»Was?«, fragteLinnungeduldigundzuppelteanihrerdunklenJeans. »WasistmitderFestung? JetztrückendlichrausmitderSprache! WirdmeinStückdochnichtdortaufgeführt? FindetdieAufführungimHofstatt, oderwasistpassiert?«

»Nein, nein«, erwiderteBettinakurzatmig. »MitdeinemStückistallesinbesterOrdnung. DerTextkommtaufderBühneungeheuerstarkrüber. Also, meinKonzepthatdemnochmalsrichtiggutgetan. Ichhabedirjanochgarnichtwirklichetwasdavonerzählt, alsomeineBesetzung …«

»Jetztlenknichtwiederab, Heidenreich. WasistmitderFestung?«

Für einen Moment starrte Bettina sie einfach nur an. Sie schien etwas sagen zu wollen. Sie öffnete den Mund und schloss ihn wie­der. Das Taxi verlangsamte seine Fahrt.

»Das«, setzteBettinalangsaman, »wirstdu« – wiedereinePause – »leidergleichselbstsehen.«

ImselbenMomenthieltderWagenunmittelbarvordemTheater.

»Herrschaften, dasindwir! MachtfünfunddreißigEuro.«

LinnhattedieTürbereitsaufgerissen, hattesichihreLeder­jackegeschnapptundwarausgestiegen. AusdemAugenwinkelsahsienoch, wieBettinademTaxifahrermiteinemfahrigen »Stimmtso« einenFünfzig-Euro-ScheinindieHanddrückteundversuchte, ihrschleunigstzufolgen, wasbeiBettinasKörperumfangjedochnichtganzsoeinfachwar.

»IchhassedieseengenTaxis!«

»KüssdieHand, gnä’ Frau!«, flötetederFahrermitSalamifahneundgespieltemWienerSchmäh. »DenKofferhebeichIhnensofortraus!«

LinnstandbewegungslosvordemTheaterundstarrteindieHöhe. IhreKinnladewarruntergeklappt.

ÜberdiegesamteBreitederFestungwareinBannergespannt, aufdemweißaufschwarzemGrundgeschriebenstand: »Welt­uraufführung!SchwarzePetravonLinuKegel.«

»HuereSiech«, fluchteLinnaufSchweizerdeutsch. »WaszumTeufelsolldas?«

»Äh, ja«, rangBettinanebenihrnachLuftundWorten. UnbeholfengriffsienachLinnsOberarm. »Dasmeinteichmit ›DerIntendanthatmanchmalkomischeIdeen.‹«

»LinuistkeinekomischeIdee! DasistnichtmeinName. Linn, ichheißeLinn. NichtLünn, nichtLynn, nichtLinu. IchheißeLinn.«

»Mirbrauchstdudasnichtzusagen.«

»Na, offensichtlichschon. Warumhastdudennnichtsdagegenunternommen?«

Bettinadrehtesichihrlangsamzuundflüsterteernst: »EsistnichtnuraufdemBannerso. Esistüberall.«

LinngriffnachihremHandy. »IchrufejetztHartmannan. UndichwillsofortdenIntendantensprechen. DerkannnichteinfachmeinenNamenändern!«

Bettinahieltsiezurück. »Dashabeichdochallesschonversucht. DerIntendantundseineRechtsabteilungbehaupten, dassessichnichtumeineNamensänderunghandelt, sondernnurumeinebesondereTypografie. DasUseieinumgekehrtesN. UndHartmannweißBescheid. Glaubmir: Ichhabeallesversucht.«

»Typografie?«, schnaubteLinn. »Dassichnichtlache! LinuklingtwieeinfinnischerMännername!«

»Einrumänischer.«

»Was?«

»EsisteinrumänischerMännername. Ichhabrecherchiert.«

LinnschnapptenachLuft. »DamitsuggeriertdasTheater, dassSchwarzePetravoneinemMannstammt!«

»Ichweiß«, sagteBettinakleinlaut. »Undwirkönnenunsbeidedenken, wasdahintersteckt.«

 

Planungsänderung

»FrauHeidenreich! FrauHeidenreich!«, riefeineaufgeregteStimmeundeineältereFraumitSchürzestürmteüberdiegroßeEingangstreppeaufBettinaundLinnzu. »Maestra! Siemüssenkommen. Sofort!«

»Aha«, sagte Linn anerkennend. »Du lässt dich schon Maes­tra nennen? Not bad …«

»Ach, dassagtnurdiePeppizumir. Ichstelleuchvor.«

»Maestra! JetztstehenSienichtsodeppertherum. KommenSie!«

BettinasahdieFrauverdutztan. »Wasistdenn? DieHauptprobebeginntdocherstumzwölf.« UndmiteinemBlickaufLinn: »DasistübrigensLinnKegel, dieAutorindesStücks. Linn, dasistPeppiWalzenhuber, diebesteGarderobierezwischenHamburgundFlorenz.«

»Tach«, sagteLinn. »IchhätteauchgernsoeinenRuf.«

DochdieSchürzenträgerindachtegarnichtdaran, sichmitBegrüßungsfloskelnaufzuhalten. »LassenSiedas! DasspieltjetztkeineRolle. Siemüssenkommen, allebeide! DerChefhatdiePressekonferenzvorverlegt. Siehatschonangefangen. ImFoyer!«

»Erhatwas?«, riefBettinawütend. »Dasdarfjawohlnichtwahrsein – diesesOber-Arschloch!«

»Jaja! AberjetztkommenSie!« DieGarderobierezogzweimaldemonstrativanBettinasÄrmelundstürmtedannkopfschüttelndüberdieTreppezurückinsTheater.

Bettinasetztean, ihrzufolgen.

»He! Undwasistdamit?«, riefLinnundwiesmitdemKopfaufihrUngetümvonKoffer.

BettinaverlangsamteihrenSchritt. »Mist. WarumnimmstdudennfürdreiTagedeinenhalbenKleiderschrankmit?«

»DasistnichtmeinKleiderschrank. DasindauchBücherdrin.«

»Hä?«

Linnfühltesichertappt. GesternnochhattesieesfüreinetolleIdeegehalten, einpaarBüchermitzunehmen, indiesiesichineinemKaffeehausgenüsslichwürdevertiefenkönnen. SiewolltefüreinneuesProjektrecherchieren. Dassahsienunanders.

»Naegal. LassdenKofferstehen. Wirgehenhinten ’rumundsagendemPförtnerBescheid. DasisteinnetterKerl. Derwirdsichkümmern.« BettinarannteumdieEckedesTheaters. »Losjetzt! Mirnach!«

»WieichdiesedauerndenÜberraschungenhasse«, murmelteLinn. Sietatwiegeheißen, ließdasGepäckstehenundtrabtehinterher. JustvordemBühneneinganghattesieBettinaeingeholt.

»HerrBankl – dasistLinnKegel. IhrKofferstehtnochaufdemVorplatz, holenSiedenbitterein? IchbringeIhnendafürmaleineStullemit, versprochen!«, riefBettinaatemlosundschonwarensieanderPförtnerlogeunddemdarinsitzendenrundlichenEndfünfzigermitHalbglatzevorbeigestürmtundbetratenimLaufschrittdienichtöffentlichenGängedesTheaters.

»Woführstduunshin?«

»EsgibteinedirekteVerbindungvonderKantinezumFoyer. Dannsindwirgenauda, wowirhinmüssen.«

»UndwasistdasfüreinePressekonferenz?« Linnhassteeszwar, sichzubeeilen, undwarallesanderealseineSportskanone, aberinKölnfuhrsieFahrrad – daszahltesichnunaus. SiewardeutlichwenigeraußerAtemalsihreBegleiterin.

»DiePressekonferenzzumBeginnderneuenSpielzeitwareigentlichdirektvorderGeneralprobegeplant. KeineAhnung, wassichderIntendantdabeigedachthat, sievorzuverlegen. Daswerdenwirgleichsehen. InjedemFallisteseineFrechheit, dassderHonkohnemichanfängt.«

Nichtdieerste, dieersichleistet, dachteLinn. DieserIntendantwarihrjetztschonunsympathisch.

DiebeidenhetzteneinenengenFlurentlang.

»DavorneistschondieKantine!«

WieaufStichwortöffnetesichdieKantinentürundeineauffallendblässlicheFrauimgeblümtenSommerkleidundmitlangenhellblondenHaarenkamihnenentgegen. SieschiensoinGedanken, dasssieesvielleichtdeshalbnichtschaffte, rechtzeitigPlatzzumachen. LinnundBettinastreiftensienacheinanderbeideanderSchulter.

»Ey, passtdochauf!«

»Sorry, Vero!«, schnaufteBettina.

»Sorry, Vero«, wiederholteLinn. »Auchwennichnichtweiß, werdubist.«

»Ach, werweißdasschon«, erwidertediesesphinxhaft. ImVorbeirennenfielLinnauf, dassauchdieWimpernundAugenbrauenderFrauhellblondwaren, fastfarblos. DadurchverliehensieihretwasSphärisches.

Egal. SiewarenvorbeiundranntendurchdieKantine, wolediglicheinerdervielenTischebesetztwar. EinMannmitBaseball-KäppisaßdortundstochertesichtlichgrimmigineinemRühreiherum.

»Tach, Jean-Claude, tschüss, Jean-Claude«, keuchteBettina.

»EbensoundgutenAppetit«, riefLinndemMannzu, derübelgelauntvonseinemEiaufsah.

»Regiekollege«, japsteBettina. »Ihrlernteuchschonnochkennen. Kommjetzt.«

LinnschautezudemMannunterdemKäppiundzogentschuldigenddieSchulternhoch.

BettinawarinzwischenanderVerbindungstürzumFoyerangekommen, risssieaufundschonstandendiezwei – miteinigemAbstandzumGeschehen, dochmitbesterSicht, weileinigeTreppenstufenerhöht – imFoyer.

TatsächlichwardiePressekonferenzschoninvollemGange: EtwafünfzehnLeutemitgezücktenStiftenoderiPadssaßenvoreinemkleinenPodest, aufdemeinMannundeineFrauPlatzgenommenhatten. Beideschwarzgekleidet, beidemitdickrandigenBrillen, beidegroßundblond.

»… unddeswegen«, sagtederMannaufdemPodiumgerade, »hatessichdieFestungzurAufgabegemacht, dieKulturszeneinWienundweitdarüberhinausvonGrundaufnichtnurneuzudenken – dastunwirjaschließlichalleseitJahren, nichtwahr? –, sondernnunauchendlichneuzumachen: mitneuenKünstlern, neuenStücken, neuenAutoren, einerneuenÄsthetik.«

»DasistderIntendant. JonathanThalheim-Sommer«, flüsterteBettinaLinnzu, diedenMannmitdemmarkantenKinnaufmerksammusterte. DaswaralsoderTyp, derausihreinenrumänischenAutormachenwollte! Na, derkonntewaserleben!

»UnddiedanebenistdieDramaturgin. TrinaHuhn.«

MitihrhatteLinneinpaarMaltelefoniert. SiehatteLinnmitdemStückbeauftragt. DerKontaktwarjedochnichtüberdasNötigehinausgegangen.

»DiesehenjaauswieZwillinge. DiehabenalsKinderbestimmtmalWerbungfürApfelsaftgemachtoderso. UnddieschwarzenKlamottenunddieBrillengabesirgendwoimZehnerpack.«

»SiesindauchprivateinPaar, aberpssstjetzt, ichwillzuhören!«

»CoronawarschließlichfürunsalleeineZäsur«, fuhrThalheim-Sommerfort. »Ja, werhättegedacht, dasseinVirusesschafft, fastdasgesamteKulturlebeninEuropaübersoeinelangeZeitlahmzulegen. ZweiSpielzeitenhabenwirverloren, jetztmussunserPublikumerstwiederlernen, insTheaterzukommenundKunstzugoutieren.«

»Hatdergeradetatsächlichgoutierengesagt?«, flüsterteLinn.

»MonsieurhatwohlinKlagenfurtnebenTheaterwissenschaftenauchnochRomanistikstudiert. SeitdemhatereinenSpleen.«

»Lassmichraten: TrinaHuhnbestimmtauch.«

»Ja, aberohneSpleen.«

»AlsTheatermacherbinichüberzeugt, dassdarinaucheineChanceliegt. WirkönnendemPublikumganzneuzeigen, wasTheaterist – unddabeikönnen, nein, müssenwirdasTheatervonGrundauferneuern. Re-nou-vel-er, wiederFranzosesagt. DastecktauchdieNovelledrin – wirbraucheneineneueArtderErzählung! IndenletztenJahrenistdiepolitischeDimensiondesTheatersaufdengroßendeutschsprachigenBühnenvielzusehrzurückgetretenhinterdasZelebrierentechnischerMöglichkeiten. DawurdenszenischeLesungenabgehaltenundgleichzeitigeinFilmgedreht. DigitalesundAnalogesverschwammen – dasPublikumwusstenichtmehr, obesnunimTheateroderdochimKinositzt. Wobei, verzeihenSiemirmeinenschwarzenHumor, dievierzigbisachtzigEuro, dieeineTheaterkartekostet, natürlicheinHinweisgewesenwären.«

TrinaHuhnlachteauf. »Ohja, daswäreeinHinweisgewesen!«

»Wasichabersagenmöchte: DieMehrheitunseresPublikumshatdiePandemiezuHausevordemLaptopverbracht – unserPublikumsindjanichtdieVerkäuferinnenimEinzelhandeloderdiePflegekräfteimKrankenhaus, diekonntenjakeinHomeofficemachen, haha!«

Sehrwitzig, dachteLinn. DerTypwurdeihrvonMinutezuMinuteunsympathischer.

»WährenddieserZeithatunserPublikumalsohauptsächlichdanslemondedigitalgelebt, darumbrauchtesjetztvorallemwiederMenschen, Körper, eineÄsthetik, dieesnurimTheatergibt. UndwirmüssendiesesPublikuminfiltrierenmitneuenGedankenundImpulsen. Undzwarmitsolchen, dieesnichtinjederzweitenTalkshowgibt.«

»Hört, hört!«, riefeinJournalist.

»Daistdurchausetwasdran«, fandeineKollegin.

Thalheim-SommererntetesogarvereinzeltenApplausausdenReihenderPresseleute. TrinaHuhnnicktebestätigend.

LinnverzogdenMund. WaswardasdennfüreinGeschwafel! DigitalundfilmischkonntenjawohlnurdieTheaterarbeiten, dieessichleistenkonnten. Alleanderen – unddaswarenmitAbstanddiemeisten – verfügten, selbstwennsieesgewollthätten, dochgarnichtüberdieKohlefürsolcheaufwändigenProduktionen. DieserIntendantschienihreinausgeprägterSchwätzerzusein.

»DieFestunghatdasZeitalterderPostdramatiküberwunden – diesePhase, inderdieanderenimmernochsind, weilsiedenken, dramatischesErzählenseinurnochmittechnischenMittelnmöglich. AbsofortstehenwirfüreinTheaterderrealenSinne!«

Linnseufztelaut. NochsoeineleereWorthülse. Wassolltedasdennheißen: realeSinne? GabesauchunrealeSinne?

GenervtließsiedenBlicküberdasFoyerschweifen. HoffentlichwardiesePressekonferenzbaldzuEnde. DannkönntesiesichdochnochirgendwoeineRundefrischmachen, bevordieGeneralprobebegann.

IhrBlickbliebaneinemTypenhängen, dereinpaarMeternebendemPodiumunmittelbarunterdemPiktogrammstand, dasdenWegzudenKloswies. WarumsaßdernichtbeidenanderenPresseleuten? IndenStuhlreihenwarennochPlätzefrei. ObersichvielleichtinMenschenmassenunwohlfühlte? DocheigentlichsahernichtwieeinJournalistaus. EherwieeinSchauspieler. BlauerAnzug, dasJackettdirektaufdernacktenBrust. DieAugendunkelumrahmt, diehohenWangenknochenbetont, dasschwarzeHaarstrengnachhintengegelt. Nein, daswarnieundnimmereinJournalist.

»Kennstdudenda?«

»Wen?«

»DenjungenTypen, derdortbeiderTreppezudenKlosanderWandsteht.«

BettinazucktemitdenSchultern. »KeineAhnung.«

»DergehörtnichtzumEnsemble? Sicher?«

»Nö. Niegesehen. Wäremiraufgefallen. LeckeresSchnittchen.«

Linnfanddasmehralsmerkwürdig. DerTypstandso, dassalleJournalistinnenundJournalistenihngutsehenkonnten. UndderhattemitderSpielzeitnichtszutun?

AufdemPodiumübernahmnunTrinaHuhn. »GenaumitdieserErneuerungunsererSehgewohnheitenwollenwirmorgenAbendbeginnen: SieallesindherzlicheingeladenzurUraufführungvonSchwarzePetra