Schwarze Schafe - Teresa Kirchengast - E-Book

Schwarze Schafe E-Book

Teresa Kirchengast

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Beschreibung

Die Journalistin Ella lebt zufrieden mit ihren Schafen Bertha und Suttner in einem Wohnwagen hinter dem ehemaligen Haus ihres Vaters. In die ein wenig trügerische Idylle platzt die resolute Elisabeth, die das Haus für sich beansprucht und kurzerhand in Beschlag nimmt. Kurz darauf zieht auch ihr Sohn Bob, der gerade aus dem Gefängnis entlassen wurde, ein. Als dann noch die wohlstandsverwahrloste 17-jährige Eleonore mit ihrem dauerschreienden Baby aufkreuzt, ist die ungewöhnliche neue Wohngemeinschaft komplett. Während sich alle langsam näherkommen und sich zwischen Ella und Bob eine leise Liebesgeschichte entspinnt, droht Ellas Vergangenheit alles zu zerstören ... Ein warmherziger und sonnenheller Roman über schwarze Schafe, die mit ihren inneren Dämonen zu kämpfen haben und ein Zuhause suchen.

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Seitenzahl: 311

Veröffentlichungsjahr: 2020

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TERESA KIRCHENGAST

SCHWARZE SCHAFE

ROMAN

Für meine ElternWeil sie mich immer mit weit offenen Armen erwartenBedingungslos

Inhalt

PROLOG

ELLA

JAKOB

ELEONORE

BOB

ELLA

JAKOB

ELLA

ELEONORE

BOB

ELLA

BOB

JAKOB

ELEONORE

ELLA

BOB

JAKOB

BOB

ELEONORE

ELLA

JAKOB

ELEONORE

JAKOB

ELLA

BOB

JAKOB

ELLA

ELEONORE

BOB

JAKOB

ELLA

ELEONORE

ELLA

JAKOB

BOB

ELLA

ELEONORE

BOB

ELEONORE

JAKOB

ELLA

ELEONORE

BOB

JAKOB

BOB

JAKOB

ELEONORE

ELLA

JAKOB

BOB

ELLA

ELEONORE

JAKOB

ELEONORE

JAKOB

BOB

ELLA

EPILOG

MEHR LITERATUR

PROLOG

Zu Hause zu sein bedeutet so viel mehr als das bloße Wiedererkennen von Orten und Menschen.

Es bedeutet, in jeder Ecke und jedem Winkel eine Erinnerung wiederzufinden, die man verloren geglaubt hat.

Es bedeutet, den Duft der Orte wahrzunehmen und sich sofort im Klaren darüber zu sein, wo man sich befindet.

Es bedeutet, mit geschlossenen Augen ganz genau zu wissen, wie weit man die Arme zu beiden Seiten ausbreiten muss, um mit den Fingerspitzen die kühle Wand des Flurs zu streifen.

Vor allem aber bedeutet es, sich geborgen und angenommen zu fühlen, zwischen Menschen, die man liebt.

Ein Zuhause lässt sich in vielen Dingen finden:

In einem vertrauten Lachen in der Ferne.

In der seit Jahren tropfenden Regenrinne.

In dem Flecken Gras, auf dem stets besonders viele Gänseblümchen blühen.

In der stillen Anwesenheit von Personen, die man nicht sehen muss, um sich in ihrer Nähe aufgehoben zu wissen.

Hoffnungsvoll und abenteuerlustig fortzugehen wäre ungleich schwerer, wüsste man, dass man dies alles irgendwann vermissen wird, wenn man verzweifelt versucht, eine solche Vertrautheit in einer fremden Umgebung wiederzufinden, ohne dieses Ziel auch nur annähernd zu erreichen.

ELLA

Bertha und Suttner, meine beiden schwarzen Schafe, grasen friedlich um den in tiefem Meerblau gestrichenen Wohnwagen herum. Ich kann sie durch die dünnen Wände schmatzen hören.

Es ist einer jener sonnigen Sommermorgen, die ich schon immer als tröstlich empfunden habe.

Verschlafen drehe ich mich auf dem Bett in meinem kuscheligen Wohnwagen noch einmal um und erfreue mich am Anblick der bunten Kochtöpfe, die über mir baumeln und in der lauen Brise, die durch das gekippte Fenster zieht, leise aneinanderschlagen. Ich genieße es, nicht aus dem Bett zu müssen, um vor Kälte zitternd vor dem Ofen zu hocken und mit selbst gehackten Holzscheiten ein Feuer zu entfachen. Nur um mich dann abermals ins Bett zu verkriechen, bis der Raum sich einigermaßen erwärmt hat. Über mir, auf dem Dach des Wohnwagens, der unter einem großen Nussbaum steht, quietscht meine Hollywoodschaukel im leichten Sommerwind. Niemand, der an dem gelben Haus, das links und rechts von Büschen und Bäumen gesäumt ist, vorbeigeht, ahnt, dass sich hinter dem hässlichen, etwas ramponierten Gebäude ein so idyllischer Garten verbirgt.

Während ich meinen Frühstücksmokka koche, denke ich darüber nach, was alles zu tun ist: Ich muss in der Redaktion ein paar Artikel besprechen, ein Interview führen, meinen Gehaltszettel abholen und auf die Bank. Und einkaufen. Seit Wochen nehme ich mir schon vor, die Gemüsebeete von Unkraut zu befreien, und langsam wird es Zeit, die Kartoffeln auszugraben. Zu meiner großen Freude geben sich immerhin die Margeriten, Sonnen- und Mohnblumen anspruchslos mit der Hitze zufrieden.

Meine Tagesplanung wird jäh von einem forschen Klopfen an der knallrot gestrichenen Tür unterbrochen. Ich erschrecke. In all den Monaten, die ich nun hier lebe, ist noch nie jemand gekommen.

Zögerlich gehe ich zur Tür. Nach dem zweiten, noch energischeren Klopfen öffne ich sie. Vor mir steht eine schlanke, ältere Frau in einem weißen Kleid, die Haare zu einem unordentlichen Knoten hochgesteckt. Sie wirft den Kopf in den Nacken, reißt den Mund weit auf und brüllt: »Sag hallo zu meinen Weisheitszähnen!«

Ohne eine Reaktion abzuwarten, quetscht sich die Dame an mir vorbei durch die Tür und geht schnaufend, aber erhobenen Hauptes zu meiner Sitzecke, wo sie sich auf die Bank fallen lässt. Im Geiste sehe ich kleine Wolken aus ihrer Nase und ihren Ohren aufsteigen, die sich in der warmen Sommerluft verlieren.

»Wasser!«, verlautbart sie im Befehlston. Die Selbstverständlichkeit, mit der sie mich duzt, lässt mich unwillkürlich schrumpfen. Ich bringe ihr ein Glas und ziehe im anderen Teil des Wohnwagens den Vorhang hinter mir zu. Mein lieber Schwan, das scheint eine Frau mit Temperament zu sein.

Schnell wechsle ich den Schlafanzug gegen ein Kleid und setze mich in stiller Erwartung der Dame gegenüber an den Tisch.

Das Glas Wasser hat sie bereits ausgetrunken. Vorwurfsvoll sieht sie mich an, doch bevor ich aufstehen kann, um ihr Glas zu füllen, legt sie schon wieder los: »Dürfte ich wohl deinen Namen erfahren?«

Verdutzt stelle ich mich vor, und sie lässt sich im Gegenzug dazu herab, mir mitzuteilen, dass ihr Name Elisabeth ist.

Dann wird ihr Blick klarer und drängender, als sie sagt: »Kommen wir zur Sache: Das ist mein Haus, mein Grund und ich werde beides nun für mich beanspruchen.«

Die Absurdität dieser Behauptung über den Ort, an dem ich aufgewachsen bin, aus dem Mund einer vollkommen Fremden fegt mein Gehirn für einen Moment von jeder möglichen Antwort leer. Sie scheint gar nicht zu bemerken, wie perplex ich bin, und fährt mich an: »Was machst du überhaupt hier?«

»Ich habe das Haus von meinem Vater geerbt, ich bin hier aufgewachsen«, lasse ich sie wissen.

»Wie kann man etwas vererben, das einem nicht gehört?«, fragt sie und mustert mich scharf.

Ich suche nach einer Antwort, doch sie fährt gleich fort: »Meine Eltern wurden aus diesem Haus vertrieben! Kein Mensch hat es verkauft, wir haben nichts dafür bekommen außer Tritte, Hunger und Armut! Erzähl mir also nichts von wegen, dein Vater hätte dieses Haus bezahlt!«

Erschüttert erwidere ich: »Das … tut mir leid. Davon wusste ich nichts. Aber ich glaube nicht, dass es dieses Hau…«

»Nein, natürlich wusstest du nichts. Keiner wusste was. Niemand wusste, was da passiert! Das war schließlich alles so überaus überraschend!«, unterbricht sie mich sarkastisch.

Mir bleibt die Spucke weg. Ich kann nichts sagen, sonst würde ich sicher losheulen, und ich mag es nicht, wenn ich weine. Irgendwann hat man genug geweint.

Also sehe ich mir Elisabeth genauer an: Sie ist wohl älter, als sie auf den ersten Blick dank ihres forschen Auftretens scheint. Ihr langes weißes Haar, die leuchtenden Augen und die bunten Ketten um Handgelenk und Hals täuschen über die Falten und Altersflecken auf den krummen Fingern hinweg.

»Was soll überhaupt der blöde Wohnwagen?«

Ich bin froh, dass sie das Thema wechselt und ich etwas Zeit gewinnen kann, um mich zu sammeln. »Das Haus ist zu groß für mich. Ich fühle mich dort nicht wohl. Ich mag den Wohnwagen«, erkläre ich ihr.

Entgeistert starrt sie mich an. »Häuser sind niemals zu groß, die Persönlichkeiten von Menschen sind manchmal nur zu klein für große Häuser«, teilt sie mir mit.

Dass ich, abgesehen von meiner Persönlichkeit, mehr als genug gute Gründe habe, nicht in diesem Haus zu leben, will ich ihr nicht sagen. Trotzdem muss ich irgendwo wohnen. Außerdem mag ich den Garten. Und ich mag den Wohnwagen. Er symbolisiert den weiten Weg, den ich zurückgelegt habe, um hierherzukommen, und den weiten Weg, der wohl noch vor mir liegt, bis ich irgendwo ankommen werde. Er ist der ideale Platz, um geduldig auf ein Zuhause zu warten. Außerdem ist es mir durch die geringe Wohnfläche theoretisch möglich, ihn vollständig auf allen Vieren krabbelnd nur mit einem Handbesen auszukehren.

Elisabeth stampft mit einem Bein auf und reißt mich aus meinen Gedanken. Sie schnalzt vorwurfsvoll mit der Zunge. »Nun gut, dann wird es dich kaum stören, wenn ich im Haus wohne. Du scheinst ganz manierlich zu sein. Ein bisschen schwer von Begriff, aber nicht unappetitlich. Bleib also im Garten, meinetwegen.«

Ihr eigener Großmut scheint ihr zu gefallen. Sie wartet meine Reaktion gar nicht erst ab, steht auf und verlässt den Wohnwagen, ohne mich eines weiteren Blickes zu würdigen. Ich sehe ihr hinterher, wie sie durch das von den Schafen unregelmäßig abgerupfte Gras zum Haus stapft.

Tatsächlich stört es mich nicht, dass sie das Haus für sich beansprucht. Charakter kann man nicht kaufen, Charakter muss man sich verdienen, eben deshalb finde ich Menschen wie Elisabeth, die mehr als genug davon besitzen, trotz allem irgendwie sympathisch.

Wie könnte ich außerdem eine alte Frau, deren Familie von hier vertrieben wurde, erneut vertreiben? Eine verlorene Seele mehr oder weniger auf diesem Grundstück macht keinen großen Unterschied. Die Art, wie sie mich »manierlich« genannt hat – so bin ich im Übrigen noch nie bezeichnet worden –, gibt mir das Gefühl, dass sie ein gutes Herz hat.

JAKOB

Wenn ich an Ella denke, dann denke ich daran, wie sie auf der Arbeitsfläche in unserer Küche saß, die spindeldürren Beine baumeln ließ und Schokolade aß. Ihren gewaltigen Schokoladenkonsum hat sie mit der Behauptung gerechtfertigt, immer nur »eine Rippe nach der anderen« zu genießen. Die Schokoladenrippen hat sie stets an der langen Seite der Tafel abgebrochen.

Ella ist meine beste Freundin gewesen – die Art von Freundin, deren Lachen in den Ohren widerhallt, lange nachdem es schon verklungen ist, und die es fertigbringt, dir voller Würde schokoladenbeschmiert die Meinung zu geigen, weil du dich danebenbenommen hast, und deren ständig bloße Fußsohlen die Farben des Bodens, von Grün über Grau bis Braun, in einer unerschöpflichen Möglichkeit von Farbkombinationen widerspiegeln.

Ich habe Ella geliebt, und ich habe ihren Vater geliebt, der mit seinen großen Händen allem kaputten Spielzeug wie durch ein Wunder wieder Leben einhauchte. Er war nicht nur stark und geschickt, er brachte mir, der ich in Mathematik immer hinterhergehinkt bin, anhand des Spruches »File file fo, file file file fo, wer nicht bis zwanzig zählen kann, zwanzig ist schon do« auch das Zählen bei, wobei er bei jeder Silbe einen Finger um den anderen aufstellte und so schließlich bei exakt zwanzig Silben ankam.

Noch heute meine ich manchmal, Ellas nackte Füße auf dem Gehweg vor dem Haus zu hören. Oder das zarte Tipptapp, das sie am Parkett unseres Flurs verursachten. Dann muss ich lächeln, und ich möchte die Arme ausbreiten, damit sie schon aus der Ferne erkennen kann, dass sie offen sind und ich auf sie warte.

Aber wenn ich mich umdrehe und hinter mir keinen Schopf roter Haare entdecke, sondern farblose Leere, wird mir immer wieder von Neuem bewusst, dass ich Ella schon vor langer Zeit verloren habe und besser nicht auf ein Lebenszeichen von ihr warten sollte.

ELEONORE

Das Baby schreit und schreit, es hört einfach nicht auf damit. Ich wünschte, es wäre nur eine einzige Minute still, meinetwegen nur zehn Sekunden, aber es soll bitte, bitte endlich aufhören zu schreien! Ich weiß nicht mehr, was ich machen soll.

Schon fast wie im Traum erinnere ich mich an den einzigen schönen, ruhigen Moment seit der Geburt. Kevin setzte unserem Kind eine Mütze auf, grün mit einem seltsam abstehenden Zipfel, und meinte belustigt: »D-d-damit s-sieht er aus wie ein-n-n T-teletupp-per.«

»Wie was?«, hakte ich nach.

»Ein T-t-t-teletupper.«

»Was ist das?«

»V-vier kleine M-m-männchen in den Kom-m-mplement-tärfarben mit Ferns-s-seher im B-bauch.«

»Du meinst Teletubbies.«

»Nein, T-teletupper.«

»Die heißen Teletubbies. Du weißt, was Komplementärfarben sind, aber nicht, wie die Teletubbies wirklich heißen?«

Ich lachte und gleichzeitig wollte ich weinen.

Doch das ist eine gefühlte Ewigkeit her, nun sitze ich alleine da. Tränen der Verzweiflung laufen über meine Wange, und irgendwann heule ich einfach mit dem Baby um die Wette. Scheiße. Ich bin mutterseelenallein. Keine meiner angeblichen Freundinnen hat sich in den letzten Wochen bei mir gemeldet. Ich habe nur zu schnell erkennen müssen, dass es sie nicht interessiert, wann ein Baby Hunger hat oder ich nur deshalb nicht mit ihnen die Nacht zum Tag mache, weil ich todmüde bin von seinem Geschrei. Meine Eltern sind nicht zu Hause, und würden sie sich doch irgendwo in dem riesigen Haus aufhalten, könnte ich mir keine Hilfe von ihnen erwarten.

Ich höre ihre strengen Stimmen förmlich im Ohr: »Mit siebzehn bekommt man kein Kind. Mit siebzehn bekommen höchstens ungebildete, arme Mädchen ein Kind, als Gratisgeschenk zur HIV-Infektion. Aber eine Tochter aus gutem Hause, so wie du, nicht. Niemand hat dir gesagt, dass das ein Zuckerschlecken wird. Du hättest auf uns hören sollen und es wegmachen lassen, als es noch möglich war, Eleonore.«

Welche Hilfe kann man sich von solchen Eltern erwarten? Von Eltern, denen perfekt manikürte Fingernägel und ein maßgeschneiderter Anzug für das noble Abendessen mit Geschäftskollegen wichtiger sind als die eigene Tochter?

Erwachsen werden allein, ohne die blöden Ratschläge, ist schon schwer genug. Du fällst hin, tust dir und anderen weh, obwohl das nicht deine Absicht ist, und immer und immer wieder musst du den Mut und die Kraft aufbringen, den nächsten Schritt trotzdem zu tun.

Und Kevin … ach, Kevin! Nicht nur, dass er nach Meinung meiner Eltern ein armer Schlucker ist, der gerade noch so alle Kriterien erfüllt, um einem Mädchen wie mir ein Kind samt gestohlener Zukunftsperspektive anzuhängen, er ist auch … er kann nicht … Was ich wirklich an ihm mag, ist, wenn er unser Kind »Mein lieber Freund und Zwetschkenröster« nennt. Aber sonst … er ist einfach nicht fähig … Kevin … Vollkommen gleichgültig, wie ich es drehe und wende – ich bin alleine.

»Bitte, hör auf zu schreien!«, heule ich das Baby an, und während ich an die Worte meiner Eltern denke, fällt mir die Lösung all meiner Probleme ein. So strahlend klar, wie sonst nur Sternschnuppen vom Himmel fallen.

BOB

Jürgen, ein junger Justizwachebeamter, holt mich zur vereinbarten Zeit aus meiner Zelle und begleitet mich zum Telefon. Er wählt die Nummer, die ich ihm genannt habe, und meldet sich ausgewählt höflich, wie es seine Art ist: »Guten Tag, hier spricht …«

Ich kann hören, wie er von Mama absichtlich barsch unterbrochen wird: »Halt die Klappe, du Scherzkeks, und gib mir meinen Sohn.«

Meine Mutter mag keine Leute in Uniform, und wenn sie Jürgen gesehen hätte, wie er mit aufgekrempelten Hemdsärmeln und voller Tatendrang darum bemüht ist, Durchsetzungsvermögen auszustrahlen, hätte sie ihm vermutlich noch ein paar zusätzliche Gemeinheiten an den Kopf geworfen. Jürgen verzieht das Gesicht und reicht mir den Hörer weiter.

»Hallo, Mama.«

»Du kannst herkommen.«

»Wohin?«

»Das habe ich dir tausendmal gesagt, hörst du mir nie zu?«

»Ich kann mich nicht …«

»Natürlich kannst du dich erinnern, du musst nur zur Abwechslung mal dein Gehirn einschalten.«

»Holst du mich …«

»So weit kommt’s noch! Nein, ich hole dich nicht ab! Gehen kannst du selber, das weiß ich, weil du es vor meinen Augen gelernt hast. Auch wenn du dabei überdurchschnittlich oft hingefallen bist.«

»… Okay.«

»Also ich bin dann da, wenn ich nicht gerade unterwegs bin. Aber ich habe ohnehin nichts zu tun, ich bin allein. Grüße an die restlichen Pappenheimer da drin!« Sie verabschiedet sich und legt auf.

Mein Blick streift Jürgens Augen und ich muss unwillkürlich daran denken, wie Mama damals den Vater meiner Angebeteten zur Schnecke gemacht hat, bis dieser sich mit eingezogenem Schwanz davonmachte. Und das nur, weil er Geld für die zu Bruch gegangene Fensterscheibe des Mädchens haben wollte, gegen die ich in einem von zu vielen Mostmischungen ausgelösten Anfall von Romantik und mit sechzehnjähriger Selbstüberschätzung einen zu großen und schweren Stein geworfen hatte. Den Schaden beglich ich anschließend selbst, als Dank durfte ich am nächsten Nachmittag in das Bett des Mädchens klettern und meine Finger sogar an den Saum ihrer Unterhose legen. Weiß, mit kleinen rosaroten Blumen darauf. Im Radio lief »Wish you were here« von Pink Floyd, und als ich sie so vor mir sah, das Gesicht von der untergehenden Sonne beleuchtet, eine Haarsträhne auf ihrer Wange, mein Finger an ihrem Hosenbund, da wusste ich, dass ich mich an diesen Moment erinnern würde, weichgezeichnet, in Zeitlupe, warm und hell, und dass ich beim Gedanken an dieses Souvenir aus längst vergangener Zeit immer dieses Lied im Hintergrund hören würde, selbst wenn unsere gemeinsame Geschichte irgendwann vorbei wäre. Der Soundtrack eines Augenblicks.

Seltsam, welch banale Details sich im Gehirn festsetzen, damit man Jahre später daran denken und noch einmal in Ansätzen das Glück eines Sechzehnjährigen nachempfinden kann, der auf dem Weg zu seinen Träumen den nächsten Schritt geschafft hat.

Ich gebe Jürgen den Hörer zurück und sage achselzuckend: »Tut mir leid.«

Er kann nun wirklich nichts dafür, dass meine Mama die Eigenart, Mitmenschen unwirsch zu behandeln, um sich selbst größer zu fühlen, perfektioniert hat und zu oft auf die Spitze treibt. Obendrein ist sie richtig gut darin, mir ein schlechtes Gewissen einzureden, indem sie mir mehr oder weniger subtil mitteilt, sie sei allein, arm und niemand würde sich um sie kümmern. Ich verfluche die Geschichte dafür, dass Mama in ihrem Verlauf permanent zu kurz gekommen ist und jetzt davon ausgeht, wir anderen können im Heute alles gutmachen. Aber ein Fass ohne Boden kann nun einmal nicht gefüllt werden.

ELLA

Meine beiden Rasenmäher nehmen sich gerade das morgendlich taunasse Gras vor. Ich liebe es, mit einer heißen Tasse Kaffee in den Händen auf den Stufen des Wohnwagens zu sitzen und Bertha und Suttner dabei zuzusehen, wie sie bedächtig und vollkommen ohne Eile einen Büschel Gras nach dem anderen ausrupfen und genüsslich kauen. Bertha fehlt ein Ohr. Sie ist beschädigt, irreparabel. Und trotzdem liebenswert.

Ich denke an die erste Schafherde, die ich je gesehen habe. Das war in Tirol, wo ich während der Skisaison in einer Berghütte als Servicekraft gearbeitet habe. Die Tage waren kurz, kalt und feucht, erfüllt von Menschen mit geröteten Wangen und Betrunkenen. Ich hatte dort einen Freund, der im benachbarten Tal in der Tischlerei seines Vaters schuftete und sich nur von Äpfeln zu ernähren schien. An einem meiner wenigen freien Tage, es war bereits im Frühjahr, als der Schnee langsam taute und die Saison sich dem Ende zuneigte, fuhr er mit mir zu einem abgelegenen Bergbauernhof mit Fremdenzimmern, karierten Vorhängen und freundlichen Wirtsleuten, die sich gern über das Wetter und ihre Käserei unterhielten. Am nächsten Tag ließ ich meinen Freund alleine heimfahren. Ich kehrte nicht mehr in die trostlose Berghütte zurück, sondern blieb bis in den Herbst bei der Familie, um ihre Schafe zu hüten und die Kühe auf die Weide zu treiben. Nach und nach lernte ich sogar das Käsen.

Dass mein Freund bitter enttäuscht über das Ende unserer kurzen Liaison war, hat mich verwundert. Er schien für mich eigentlich jenem Schlag von Menschen anzugehören, denen das Leben nicht viel Wahl lässt, was ihren Beruf und Wohnort betrifft, und die deshalb alles Unveränderliche mit stoischer Gelassenheit hinnehmen – ein Erbe, das sich von Generation zu Generation erhalten hat, ohne jemals infrage gestellt zu werden. Als ich ihm meine spontane Entscheidung mitteilte, saßen wir auf der Terrasse, dick eingepackt und mit einer Tasse Tee in den Händen, da sich der Winter noch nicht dazu durchgerungen hatte, endgültig zum Frühling zu werden. An der Nasenspitze meines Freundes hatte sich ein Tropfen Rotz gesammelt, der in der Sonne glitzerte wie eine Perle.

Die von Bertha und Suttner ausgestrahlte friedliche Stimmung und meine Gedanken an meine Tiroler Zeit werden jäh von Elisabeth unterbrochen. In den letzten beiden Tagen habe ich sie nur aus der Ferne zu Gesicht bekommen, sie ist damit beschäftigt gewesen, sich im Haus einzurichten, und es ist mir nicht im Traum eingefallen, sie dabei zu stören. Nun taucht sie auf der anderen Seite des Gartens in der Hintertür des Hauses auf und kreischt wild gestikulierend: »Herrschaftszeiten, was machen die schwarzen Teufel da?!«

Ich habe keine Lust, mich über das ganze Grundstück schreiend mit Elisabeth zu unterhalten. Zudem hoffe ich, endlich ein paar Informationen über sie zu erhalten, wenn ich sie zu einer Tasse Kaffee und einem Honigbrot einlade. Also deute ich ihr mit einer Handbewegung an, herzukommen.

»Bist du übergeschnappt? Den zwei Monstern nähere ich mich doch nicht freiwillig!«, schimpft sie weiter.

Was hat die Alte nur gegen flauschig-wollige Schafe? Seufzend stehe ich auf, wickle die Strickweste enger um mein leichtes Sommerkleid und schlüpfe in die gelben Gummistiefel. Nicht, ohne vorher eine weitere Tasse mit Kaffee zu füllen. Ich stapfe zu Elisabeth. Die ihr entgegengestreckte Tasse kommentiert sie mit den Worten: »Hör mir auf mit diesem Kindergetränk, um wach zu werden, war ich ganz andere Kaliber gewohnt«, nimmt sie aber an und trinkt einen Schluck.

»Was willst du mit den Viechern?«

»Bertha und Suttner. Sie mähen den Rasen.«

»Dem da fehlt ein Ohr.« Elisabeth schnaubt missbilligend. »Schon schade.«

»Schade ja, aber nicht schlimm. Wollen wir uns drinnen unterhalten?«, schlage ich vor, obwohl mir davor graut, an diesem Küchentisch zu sitzen und die eingeschnitzten feinen Kerben an der Kante zu sehen. Eine für jede Undankbarkeit. Jede zehnte eine schallende Ohrfeige. Mit der Möglichkeit auf mehr. Die Erinnerung an Schmerzen, die dir jemand zufügt. Und die Erinnerung an Eltern, die an Silvester in der Küche zum Takt des Donauwalzers, der aus dem Radio tönt, tanzend das neue Jahr begrüßen, so wie es Tausende von Menschen in Österreich machen. Die Erinnerung an mich selbst als kleines Mädchen daneben, das ihren Eltern mit schimmernden Augen auf der Küchenbank hockend zusieht und hofft, hofft, dass im neuen Jahr alles besser wird und es nicht so weh tun wird wie das vergangene.

Elisabeth sieht mich an. »Bertha und Suttner? Willst du mich verarschen?«, fragt sie mich, ohne eine Antwort abzuwarten. »Worüber willst du reden? Ich habe nicht viel Zeit, mein Sohn wird in den nächsten Tagen aus dem Gefängnis entlassen und ich habe allerhand zu erledigen, bevor er herkommt.«

»Herkommt?«, echoe ich schwachsinnig.

»Natürlich kommt er hierher! Wo sollte er sonst hin?«, braust sie auf.

»Ah … Ich habe da wohl nichts zu melden?«, wage ich einen Vorstoß.

»Nein. Schließlich gehört dir das Haus nicht. Schon vergessen?«

Mit einer derart impulsiven und von sich selbst überzeugten Frau einen Streit vom Zaun zu brechen, erscheint mir nicht besonders Erfolg versprechend. Das lohnt sich nicht. Außerdem will ich erfahren, woher sie kommt – vielleicht würde das ein paar Fragen beantworten. Ich weiß schließlich noch immer nicht, was tatsächlich hinter ihren Besitzansprüchen steckt. Nur weil ich ihren Einzug nicht weiter hinterfragt habe, bin ich nicht weniger neugierig.

»Darf ich fragen, ob ich irgendwie helfen kann? Sie brauchen doch bestimmt Ihre Sachen. Ich kann sie für Sie holen, von dort, wo Sie hergekommen sind.«

»Wirst du wohl aufhören, mich zu siezen!«

»Entschuldigung. Also es ist nur, wenn Sie … entschuldige, wenn du etwas brauchst, von dort, wo du herkommst, kann ich …«

»Hör auf zu sagen ›von dort, wo du herkommst‹, als hättest du mich aus dem Straßengraben aufgelesen. Ich muss telefonieren, also wenn ich bitten darf«, sagt sie und wedelt mit der Hand in Richtung Garten. Ich registriere das unmissverständliche Signal und wende mich zum Gehen, peinlich berührt von meinem plumpen Versuch, etwas über Elisabeth herauszufinden.

»Es tut mir leid«, hebe ich an, »Ich wollte nicht …«

»Schon gut, schon gut, kein Problem«, antwortet sie beinahe freundlich. »Aber jetzt schau, dass du weiterkommst!«

Die Sonne streckt bereits ihre warmen Finger aus, als ich langsam zum Wohnwagen zurückgehe. Gedankenverloren streiche ich Bertha über die weiche Wolle, was sie zu einem zufriedenen Blöken veranlasst.

Schwarze Teufel und Monster hat Elisabeth die beiden genannt. Es war gar nicht so einfach, gleich zwei Schafe dieser Farbe aufzutreiben.

Ich liebe meine schwarzen Schafe. Ich bin selber eines.

JAKOB

Ich hasse mein Leben. Nein, Moment – das stimmt so nicht ganz. Ich liebe meine Kinder. Wirklich, ich liebe diese beiden kleinen, pummeligen Wesen, und manchmal kann ich gar nicht glauben, so etwas zustande gebracht zu haben. Ich liebe es sogar, wenn mir Eva mit ihren unkontrollierten Patschhändchen im Freudentaumel über schlechte Grimassen eine über den Schädel haut, oder wenn Lukas eine so glorreiche Idee hat, wie die Wohnzimmerwand fröhlich mit Marmelade zu beschmieren. Kinder bewegen sich in dieser Welt, als wäre sie ihr Eigentum.

Ich mag es, morgens den flauschigen Bettvorleger unter meinen Füßen zu spüren. Ich mag es, wie meine Oma meinen Namen aussprach: mit einem langgezogenen »Jaaa« und einem hastig hinterhergeschobenen »kop!«. Ich mag unseren Garten, selbst wenn ich es im letzten Jahr nicht geschafft habe, mehr als eine armselige Zwetschke und fünf winzige Tomaten zu züchten.

Und meine Frau Irene. Ich liebe meine Frau. Natürlich liebe ich sie, ich muss sie lieben – sie ist großartig. Also wirklich. Richtig nett und sympathisch und fürsorglich und verständnisvoll und alles. Eine gute Mutter. Selbstverständlich ist sie eine gute Ehefrau. Ich liebe sie.

In Wahrheit hasse ich nur eines: meinen Job. Dieses elende Büro, diesen viel zu engen Anzug, die Zahlen, die immer mehr Aggressionen in mir auslösen. Ich hasse den Ausblick aus dem Fenster auf das ultramoderne Gebäude gegenüber. Es ist absurd schief konstruiert, und ich habe den Eindruck, bei der kleinsten Berührung würde es in sich zusammenfallen. Nicht nur einmal habe ich in einem schwachen Moment Zahnstocher, Büroklammern und einmal sogar eine Computermaus aus dem Fenster dagegengepfeffert. Manchmal stelle ich mir vor, wie ich den irrwitzig surrenden Geldautomaten aus der Eingangshalle gegen das Gebäude werfe. Wie er dagegenknallt, samt der Bankkunden, die sich in der lächerlichen Hoffnung, ihre Bankomatkarte sei doch noch nicht verloren, mit großen Augen daran festgeklammert haben. Der Bau würde in sich zusammenfallen und nichts weiter dahinter zum Vorschein kommen als ein weiterer hässlicher Betonbunker.

Ehrlich, ich hasse diese Arbeit von Tag zu Tag mehr. Ich muss die Reißleine ziehen, bevor aus mir ein anzugtragender, bankomatwerfender Vollidiot wird. Ich weiß schon eine Weile, dass ich was ändern muss, bisher hat mir nur der Mut gefehlt, aus dieser Karriere auszubrechen.

Entschlossen klicke ich auf das am Bildschirm rot leuchtende Feld »verbindliche Anmeldung« und lehne mich mit einem nervösen, aber nicht unangenehmen Kribbeln im Bauch zurück. Nächste Woche werde ich also mit dem Kurs zum Sozialberater beginnen. Nun muss ich nur noch Irene davon in Kenntnis setzen. Und meinem Chef mitteilen, dass es vorbei ist mit den Überstunden vor dem Laptop zu Hause, weil ich von nun an abends etwas Besseres zu tun habe. Was gleichzeitig leider auch bedeutet, dass Irene die Kinder ohne mich ins Bett bringen muss. Dreimal die Woche. Also zumindest das nächste halbe Jahr. Mein Gott, so schlimm kann das wohl nicht sein.

Voller Sehnsucht denke ich an meinen Zivildienst im Rehabilitationsheim für Abhängige zurück. Wilde Gefühle, von Verzweiflung bis jauchzender Freude; Adrenalinstöße bei unvermeidlichen Konfrontationen, berührende Lebensgeschichten, die einen verstehen lassen, woher der Wunsch nach Betäubung kommt.

Ja, es ist die richtige Entscheidung. Definitiv. So etwas erlebt man nicht in einer Bankfiliale.

ELLA

Ich habe mich tagsüber in den Wohnwagen zurückgezogen, um an einem Artikel zu schreiben, den ich bis morgen abliefern soll. Ich bin so froh, diese Arbeit zu haben. Sie lässt mir alle Freiheiten, die ich brauche, um nicht zu verdorren wie eine Pflanze ohne Wasser.

Bevor ich hierher zurückgekommen bin, war ich viele Jahre unterwegs. Dabei habe ich Österreich nie verlassen. Ich habe noch nie das Meer gesehen und ich bin noch nie in einem Flugzeug gesessen. In kleinen Dörfern habe ich bei der Ernte von Birnen, Äpfeln und Marillen ausgeholfen und mich dabei nicht nur einmal an den frischen Früchten überessen. Ich habe in Heurigen in Wien gekellnert, weshalb ich eine ganze Weile genug hatte vom Anblick von Schweinsbraten und Selchwürsten. Ich habe in Salzburg Mozartkugeln an japanische Touristen verkauft und mich dabei für einige Wochen in den Konditor verliebt, der aus jeder Pore herrlich nach Schokolade duftete. In Bregenz habe ich in der Morgendämmerung, wenn die Sonne langsam hinter den Bergen auftauchte, den Boden einer Apfelverarbeitungsfabrik gescheuert und die Alpen lieben gelernt.

Unmittelbar nach meinem Entschluss, mich auf Reisen zu begeben, bin ich geradezu apathisch in der Straßenbahn gesessen und eine ganze Weile ohne Ziel durch die Stadt gefahren, völlig überfordert von den Möglichkeiten und Bedrohungen, die sich mir nun auftaten. Als sie Dienstschluss hatte, hat mir die Straßenbahnfahrerin angeboten, mich mit ihrem Auto irgendwohin mitzunehmen. Während sie mich also zum Bahnhof fuhr, spielte ihre Kassette im Auto gerade »Gaudenzdorfer Gürtel 47« von Georg Danzer. Die Melodie und vor allem der Text sickerten tröpfchenweise in mich hinein und ich wollte weinen, weil ich dachte, er singt da über mich.

Das Lied nahm ich mit, in mir drin, als ich meine rastlose Reise begann. Niemals lange an einem Ort, ständig auf der Flucht vor mir selbst.

Aber egal, wie weit man weggeht – der Himmel sieht überall gleich aus; und Dreck ist Dreck, hier wie in Amerika. Es ist der gleiche graue Asphalt, auf dem du gehst, der gleiche Staub, den du atmest, und es sind die gleichen zwischenmenschlichen Probleme, mit denen man sich abmüht.

Es kann sein, dass es sich in einer anderen Umgebung zuerst anders anfühlt, aber irgendwann wird man von der Realität eingeholt und man muss erkennen, dass es überall gleich gut oder schlecht ist, der zu sein, der man ist. So etwas verändert sich nicht, nur weil die Landschaft schöner, üppiger, grüner, langweiliger oder karger ist oder weil man von bisher unbekannten Menschen umgeben ist, die nichts von einem wissen. Irgendwann werden auch neue Bekannte zu alten Vertrauten und es ist alles, wie es immer war – nur an einem anderen Ort, der nicht zu einem Zuhause geworden ist, und mit leisem Heimweh.

Als ich nach Jahren des ziellosen Reisens wieder zurückgekommen bin, habe ich mich bei unzähligen Zeitungen vorgestellt. Niemand wollte mich. Eine mit einem Lebenslauf, der aus mehr Lücken als aus arbeitsam verbrachten Jahren besteht. Und ich habe keinen Beruf gelernt. Das Einzige, was ich immer schon konnte, war schreiben.

Beim letzten Vorstellungsgespräch, das ich vereinbart hatte, setzte ich schließlich alles auf eine Karte. Ich suchte keine Ausflüchte und Beschönigungen, ich präsentierte Tatsachen und erklärte schließlich: »Frauen wie ich haben etwas zu erzählen. Das will vielleicht nicht jeder hören. Aber ich habe etwas zu sagen.«

Mein heutiger Chef Klaus musterte mich eingehend mit gerunzelter Stirn und nickte schlussendlich. »Ihre Textproben gefallen mir gut. Aber sollte ich Probleme mit Ihnen bekommen, fliegen Sie raus«, ließ er mich unmissverständlich wissen.

Ich machte keine Probleme, in all der Zeit nicht. Und ich weiß, selbst wenn es meinetwegen Schwierigkeiten gegeben hätte, hätte Klaus mich nicht rausgeworfen. Insgeheim behält er mich immer im Auge, und manchmal beschleicht mich das Gefühl, er sieht in mir eine kleine Schwester.

Ich sehe aus dem Wohnwagenfenster und beobachte, wie Elisabeth das Haus verlässt. Eine ganze Weile später kommt sie mit einem Mann, der zwei riesige Kisten trägt, wieder. In der Hand hält sie eine lange Extrawurststange, die sie drohend auf ihn richtet. Den herüberwehenden Wortfetzen kann ich entnehmen, dass sie ihm die Wurst als eine Art Trinkgeld schenken will und auf seine vehementen Ablehnungsversuche mit störrischer Grobheit reagiert. Man muss die österreichische Seele kennen, um zu verstehen, dass Unhöflichkeit nicht gleichzusetzen ist mit Bösartigkeit oder Antipathie.

Als ich die Rohfassung meines Artikels fertig habe, setze ich mich in die Hollywoodschaukel auf dem Wohnwagendach. Ich liebe die Freiheit dort oben und das Bild von Bertha und Suttner unter mir. Zwei schwarze Wolken, die über einem grünen Himmel schweben. Außerdem habe ich von dort oben einen besseren Blick auf das Haus, und ich bin neugierig, was da drinnen vor sich geht.

Ich lasse meinen Blick schweifen. Im Nachbargarten hinter der Thujenhecke ist der Rasen akkurat gestutzt, die Fassade strahlt in reinem Weiß und die mit luftigen Vorhängen behängten Fenster verbergen das Innenleben des Hauses. Auf der mir zugewandten Seite wuchert die Hecke ungezähmt in alle Richtungen, während sie auf der anderen Seite eine schnurgerade Linie bildet. Ich sehe selten jemanden in diesem riesigen Garten. Das Leben dort scheint wohlhabend, aber öde zu sein. Anders als früher – da war es ebenso wohlhabend, aber zugleich bunt und warm. Und ich bin ein Teil davon gewesen, an der Seite meines besten Freundes Jakob.

Elisabeth hat sich inzwischen wohl mit dem Mann geeinigt und eifrig in den Kisten zu kramen begonnen. Ich stelle fest, dass mir ihre »Hausbesetzung« sogar ganz gut gefällt. Ich will das Haus ohnehin nicht, und ein bisschen Leben da drinnen ist vielleicht gar nicht so schlecht. Der Gedanke, dass irgendwann ein Sohn aus dem Gefängnis auftauchen wird, beunruhigt mich schon eher. Mir steht nicht der Sinn danach, mit Schwierigkeiten konfrontiert zu werden. Es steht außer Frage, dass ich keine Alkoholiker und schon gar keine Drogendealer oder andere Kriminelle hier beherberge. Wie ich Elisabeth klarmachen soll, dass ich das nicht akzeptieren kann, ist mir schleierhaft.

Ratlos suche ich nach einer Lösung für dieses Problem, aber ohne Wegweiser dahin bin ich auf weiter Flur verloren, wie so oft im Leben. Ich habe nicht selten das Gefühl, dass die Welt dabei ist, auseinanderzubrechen und ich nicht weiß, wo ich mich zwischen all den Rissen positionieren kann, um ein sicheres, beständiges Leben zu führen, ohne Angst, in einen sich auftuenden Abgrund zu fallen.

Meine Gedanken werden von Elisabeth unterbrochen, die mir von einem Fenster aus zuruft, ich solle zu ihr kommen und ihr helfen, das Haus zu putzen. Verzweifelt suche ich nach einer Ausrede. Ich will unter keinen Umständen in alten Erinnerungen stöbern, die mich bestimmt sofort heimsuchen, wenn ich im Haus herumräume.

Elisabeths saures und zugleich schönes Gesicht lässt mir aber keine Wahl, und mit einem Mal überfällt mich mit voller Wucht der Drang, alles aus dem Haus zu schmeißen und so lange zu lüften, bis alle Schreie und Ängste der Vergangenheit endlich daraus entwichen sind.

ELEONORE

Meine Entscheidung ist gefallen. Plötzlich ist alles glasklar, ich weiß, was ich zu tun habe. Es ist nicht nur das Schreien des Babys, die Ausweglosigkeit meiner Beziehung oder die Abwesenheit meiner Eltern. Ich bin von einer unbeschreiblichen Panik ergriffen, einer tiefen Angst, die irgendwo in meiner Brust drückt und mich kaum atmen lässt. Was, wenn alles so weitergeht wie jetzt? Wenn ich immer ziellos und allein bin? Was, wenn ich niemals etwas entdecke, das mir genug bedeutet, um dafür zu leben? Wenn ich meinen Platz im Leben nicht finde?

Ich habe Angst vor dem Leben und vor der Welt und vor der Zukunft; weil das Leben womöglich nicht das bringt, was ich mir erhofft habe; weil die Welt vielleicht schlechter wird und mich immer mehr zur Außenseiterin macht; weil die Zukunft ungewiss und offen ist. Wie soll ich den Alltag mit einem Baby meistern? Ständig behauptet jeder, es werde alles gut, aber in meinem Kopf hämmert dann permanent die Gegenfrage: Wer garantiert mir das?

Ich rufe Kevin an und erkläre ihm in knappen Sätzen mein Vorhaben, ohne ihn dabei zu fragen, was er davon hält. Ich stelle ihn vor vollendete Tatsachen.

»D-d-d-das kanns-s-st du nicht m-machen!«, ruft Kevin ehrlich verzweifelt ins Handy, wobei er es kaum schafft, das schreiende Baby neben mir zu übertönen.

»Doch«, entgegne ich mit brüchiger Stimme. »Er wird ein besseres Leben haben als wir. Ruf mich nicht mehr an.«

Mir bricht das Herz, weil ich nicht verstehen kann, dass ich dieses kleine, plärrende Wesen so heftig liebe und dennoch keinen anderen Ausweg für uns finde.

BOB

Die Tür öffnet sich, ich gehe durch und sie schließt sich hinter mir. Ich kann kaum glauben, dass mich niemand im Laufschritt verfolgt, mir eine Pistole in den Rücken drückt und mich am Kragen zurückzerrt.

»Alles Gute«, sagt Hans und schüttelt mir beinahe freundschaftlich die Hand. »Vielleicht sieht man sich mal wieder.«

Die blaue Dienstuniform hat absurderweise die gleiche Farbe wie seine Augen. Seltsam, dass mir das vorher nie aufgefallen ist. Man würde meinen, in einem Gebäude, in dem es sonst nichts zu tun und zu sehen gibt, würde man derartige Kleinigkeiten bemerken.

Ich lächle ihn an. »Bist ein netter Kerl, aber ganz ehrlich: Ich hoffe, ich sehe dich in meinem ganzen Leben nie mehr wieder«, gebe ich zurück.

Hans lacht herzhaft, klopft mir auf die Schulter und geht wieder nach drinnen.

Drinnen. Und ich bin draußen. Draußen. Die Freiheit erscheint mir fast wie ein schlechter Scherz, und beinahe rechne ich damit, dass gleich jemand auftauchen, »Reingelegt, scheiß auf gute Führung« brüllen und mir in derselben Sekunde Handschellen anlegen wird. Zögerlich entferne ich mich Schritt für Schritt vom Gefängnis.

Im Bus kann ich nur mühevoll die Freudentränen zurückhalten, als ich meine erste Fahrkarte in Freiheit löse. Mich am Halteriemen festklammernd, bemerke ich, wie eine Frau die drei schwarzen Punkte an der Innenseite meines Handgelenks fixiert. Skeptisch zieht sie die Augenbrauen nach oben, beschämt senke ich meinen Arm, befeuchte die Stelle mit Spucke und reibe die Handgelenke aneinander. Es ist ein schlechter Zeitpunkt gewesen, den Haltegriff loszulassen, denn gleich darauf bremst der Bus und ich schlage mit voller Wucht am Boden auf, wobei ich mit dem Kopf gegen den Reifen eines Kinderwagens donnere, in dem das Baby augenblicklich zu heulen beginnt.

Ich muss lächeln – in Freiheit scheint sogar ein solches Gebrüll schön.

Die Frau von vorhin sieht mich kopfschüttelnd an, die andere Frau mit dem Kinderwagen rumpelt damit rücksichtslos an mir vorbei aus dem Bus. Ich habe es tatsächlich geschafft, nach nicht mal einer halben Stunde in Freiheit bereits zwei Menschen zu verärgern.

Die drei Punkte sind natürlich immer noch da. Niemand hat im Gefängnis bemerkt, dass es keine echte Tätowierung, sondern ein Eigenfabrikat ist, das ich mir mit einer Füllfeder direkt unter die Haut gestochen habe. Mit der Zeit wird es sich auswachsen. Hoffentlich.

Vielleicht kann ich es auch abschrubben, wenn ich bei Mama bin.

Nach dem Hochgefühl überfällt mich plötzlich Erschöpfung. Mama. Meine Zwillingsschwester Sophia ist unerreichbar, also muss ich zu Mama in dieses Haus, das angeblich uns gehört und dessen Existenz mir erst vor ein paar Monaten eröffnet worden ist.

Als ich dort nach einigem Umherirren ankomme, ist es bereits dunkel. Ich läute und Mama öffnet die Tür. Es riecht nach Scheuermittel, Raumspray und Wurstsalat.

»Bob!«, brummt sie. »So spät!«

Freundlicher fügt sie hinzu: »Steh hier nicht so blöd herum, komm rein!«, während sie mir die Wange tätschelt. Ihr Haar ist vollkommen weiß geworden, von silbernen Strähnen durchzogen, aber sie trägt es so lang wie seit jeher, und noch immer hat es sanfte Wellen von den nächtlichen Zöpfen.