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Mord mit Aussicht? Dieser ungemütlichen Frage muss sich Lena Becker als neue Bezirksschornsteinfegerin von Jork im Alten Land stellen. Ihr Vorgänger ist vom Dach gestürzt – doch schon bald kommen Lena Zweifel, ob es wirklich nur ein Unfall war. Zu allem Übel hat sich das alles ausgerechnet beim Haus der von Kiesows abgespielt, und Hajo von Kiesow fühlt sich als junger Bürgermeister der Stadt dazu berufen, Lena mit ihren Verdächtigungen in die Schranken zu weisen. Allerdings brodelt es in Jork schon lange: Zwischen Neubausiedlung, Energiewende und den glühenden Verfechtern alter Tradition hat Polizeiobermeister Timmermann bereits gut zu tun. Also muss Lena den Mordfall selbst aufklären – und hinter die Geheimnisse der von Kiesows kommen … Nach den Hamburg-Krimiserien um die Kult-Ermittlerduos »Engel und Sander« sowie »Sommer und Kampmann« nun der neue Reihenauftakt der Bestsellerautorin: Als Printausgabe und Hörbuch bei Saga Egmont erhältlich sowie als eBook bei dotbooks.
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Seitenzahl: 469
Veröffentlichungsjahr: 2026
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Mord mit Aussicht? Dieser ungemütlichen Frage muss sich Lena Becker als neue Bezirksschornsteinfegerin von Jork im Alten Land stellen. Ihr Vorgänger ist vom Dach gestürzt – doch schon bald kommen Lena Zweifel, ob es wirklich nur ein Unfall war. Zu allem Übel hat sich das alles ausgerechnet beim Haus der von Kiesows abgespielt, und Hajo von Kiesow fühlt sich als junger Bürgermeister der Stadt dazu berufen, Lena mit ihren Verdächtigungen in die Schranken zu weisen. Allerdings brodelt es in Jork schon lange: Zwischen Neubausiedlung, Energiewende und den glühenden Verfechtern alter Tradition hat Polizeiobermeister Timmermann bereits gut zu tun. Also muss Lena den Mordfall selbst aufklären – und hinter die Geheimnisse der von Kiesows kommen …
Originalausgabe Januar 2026
Copyright © der Originalausgabe 2025 dotbooks GmbH, München
Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.
Redaktion: Philipp Bobrowski
Titelbildgestaltung: © HildenDesign, www.hildendesign.de, unter Verwendung eines Motives von Shutterstock.com und Midjourney
eBook-Herstellung: dotbooks GmbH unter Verwendung von IGP (ae)
ISBN 978-3-69076-124-6
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Angela Lautenschläger
Kriminalroman – Ein Fall für Becker und von Kiesow 1
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»Tscha«, sagte Lena. »Dascha nu gediegen.«
»Was denn?«, quäkte es von unten zu ihr herauf.
Lena konnte es überhaupt nicht leiden, wenn ihr jemand bei der Arbeit auf die Finger guckte, aber dieser Kerl regte sie besonders auf. Wobei er ihr nicht wirklich auf die Finger sehen konnte, denn dazu hätte er sich neben ihr auf dem Dach befinden müssen. Tatsächlich stand der Schnösel in seinem königsblauen Slim-Fit-Anzug unten auf der mit Kies bestreuten Einfahrt und reckte den Hals aus dem Kragen seines Button-Down-Hemdes.
»Stimmt was nicht?«, rief Klaas Stamer zu ihr hoch, und in seiner Stimme klang ein Sie wollen hier jetzt hoffentlich nicht ebenfalls Probleme machen mit.
Probleme hatten sie hier schon mit ihrem Vorgänger gehabt. Bezirksschornsteinfegermeister Hans Moll war in Ausübung seiner Pflicht vom Dach des von-Kiesow-Hauses gefallen und sofort tot gewesen.
»Nee, nee, alles in Ordnung«, rief Lena zu dem Makler hinunter. Sie konnte ihm von hier oben aus ansehen, dass er ihr kein Wort glaubte. Ungeduldig trat er von einem Fuß auf den anderen. Der Wagenschlüssel kreiste am Ring des Schlüsselanhängers um seinen Zeigefinger.
Lena setzte sich auf den Dachfirst und ließ den Blick über die Landschaft schweifen. In Hamburg sah man von oben auf ein Meer aus Dächern. Hoch, niedrig, schwarz, rot, bemoost, defekt oder mit einer Solaranlage bedeckt. Hier war Landschaft, so weit das Auge reicht, und hin und wieder ein Dach oder eine Ansammlung von Dächern, aber hauptsächlich Wiesen und natürlich Obstbäume. Apfelplantagen, Pflaumenbäume und Johannisbeersträucher. Und die Luft. Herrlich frisch und sauber. Ruhig war es hier auch. Sie hätte es sich hier nicht ausgesucht, aber jetzt, wo die Stelle des Bezirksschornsteinfegermeisters im Alten Land neu besetzt werden musste und man an sie gedacht hatte, konnte sie sich eigentlich nicht beklagen.
»Brauchen Sie noch lange?«
»Nee«, brummte Lena. Tatsächlich hätte sie schon vor einer Viertelstunde ihren Kram zusammenpacken und vom Dach steigen können. Aber Hans Moll, ihr verunglückter Vorgänger, hatte nach allem, was man so hörte, noch mehr Zeit hier oben verbracht. Und wenn er nicht wie sie die Landschaft betrachtet hatte, dabei eingeschlafen und vom Dach gefallen war, stellte sich die Frage, was der Schonsteinfeger dann eigentlich die ganze Zeit hier oben gemacht hatte.
»Frau Becker, ich hätte dann gleich noch einen Termin.«
»Jaja.«
Denn einen seit offenkundig längerer Zeit stillgelegten Kamin musste niemand kehren und schon gar nicht länger als eine halbe Stunde.
»Frau Becker?«
»Ja doch.« Lena packte ihr Handwerkszeug zusammen und kletterte über die Dachleiter hinunter, wo sie auf die Leiter hinüberwechselte, die an die Dachkante angelehnt war.
»Also, das hat ja jetzt doch seine Zeit gedauert.« Klaas Stamer ließ den Autoschlüssel mehrfach um den Zeigefinger rotieren, der daraufhin mit viel Schwung von seinem Finger flippte und in der blauen Hortensie verschwand. »Scheiße.« Der Makler trat mit seinen spitz zulaufenden Lederschuhen in den regennassen Mutterboden des Blumenbeets und bückte sich zwischen Blumen und Unkraut.
»Wie lange steht das Haus denn schon leer?«, fragte Lena.
»Schon viel zu lange, und so eine Hütte wird nicht besser, wenn sie leer steht und nicht regelmäßig beheizt und belüftet wird. Wo ist jetzt dieser verdammte Kackschlüssel?«
Lena sah etwas unter einem Büschel Katzenminze blinken. Sie griff danach, aber es entpuppte sich nicht als der Autoschlüssel eines Porsche Carrera, sondern als Goldring.
»Jetzt ist dieses Scheißding verschwunden, und in fünf Minuten habe ich den nächsten Termin.«
»Ich kann Sie fahren.«
Stamer tauchte aus dem Beet auf, und sein Blick wanderte zu dem weißen Kastenwagen mit der Aufschrift Die Schornsteinfegerin – Unterwegs im Auftrag des Glücks hinüber. »Nee, lassen Sie mal.«
Lena zeigte ihm den Ring. »Ist das Ihrer?«
Stamer warf nur einen kurzen Blick darauf. »Nee, kenn ich nicht. Bei mir hat sich auch keiner gemeldet, der einen Ring vermisst.«
Lena steckte den Ring in die Tasche ihrer dunkelgrauen Cargohose. Vielleicht gab es in Jork ein Fundbüro. Oder eine Polizeidienststelle.
»Ahrgg!« Klaus Stamer richtete sich auf. »Das ist wirklich ein Scheißpech.« Er seufzte. »Na gut«, sagte er in einem Tonfall, als täte er Lena einen großen Gefallen. »Bringen Sie mich eben zum Rathaus.«
»Das war ja ein glücklicher Zufall, dass Sie mich mitnehmen konnten. Sie schicken mir dann Ihren Bericht«, forderte Klaas Stamer sie auf, als sie in ihrem Wagen saßen. »Oder nein, besser, Sie reichen ihn in meinem Büro rein. Ich will nicht noch mehr Zeit verlieren.« Seine Stimme kiekste leicht, als sie über eine Bodenwelle hüpften, die Lena ermahnte, das Tempolimit von 30 km/h einzuhalten.
»Sie können mich hier rauslassen«, sagte der Makler plötzlich.
Lena bremste, und Stamer stieß mit den Knien gegen das Armaturenbrett und mit dem Kopf gegen den Holm. Der Makler verzog keine Miene, als er, ohne sich zu bedanken, ausstieg. Er beugte sich zu dem Außenspiegel auf der Beifahrerseite hinunter, befeuchtete seine Fingerspitzen mit ein wenig Spucke, fuhr sich damit über die Schläfen und eilte dann zum Rathaus, das in einem großzügigen Fachwerkhaus untergebracht war.
Lena hatte Hunger, und ihr geschultes Auge entdeckte auf der gegenüberliegenden Seite des Verkehrskreisels ein Café. Und Café Apfelschnitte klang doch ganz gut. Der Kastenwagen überwand unter einigen Mühen den Kantstein. Lena parkte am Rand des breiten Gehwegs und stellte den Warnblinker an. Niemand wagte es, das Auto eines Schornsteinfegers abzuschleppen. Dafür war immer noch viel zu viel Magie im Spiel. Was, wenn man damit sieben Jahre Pech riskierte?
»Guten Tag«, begrüßte die Verkäuferin hinter dem lecker bestückten Verkaufstresen sie freundlich. »Wie schön, Sie in Jork willkommen heißen zu können.«
»Danke, Tach auch. Ich hätte gern …«
»Wissen Sie, wir sind heilfroh, dass sich so schnell eine Nachfolgerin für den Hans gefunden hat. Wir sahen schon dunkle Wolken am Himmel aufziehen. So ein Schornsteinfeger bringt ja bekanntlich Glück. Aber einfach vom Dach zu fallen und tot aufzuschlagen, das nenne ich doch eher Pech. Dabei ist der Hans fast vierzig Jahre unfallfrei auf jedes Dach im Kreis geklettert und wieder runter, und nun, so kurz vor der Rente, passiert dieses Unglück. Und ich hab zu meinem Ewald gesagt, Ewald, hab ich gesagt, wenn wir jetzt man nicht vierzig Jahre lang Pech in Jork haben werden.«
Während des Monologs der Verkäuferin hatte die Türglocke mehrmals die Ankunft eines neuen Kunden verkündet und sich eine veritable Schlange hinter Lena aufgereiht.
»Gussi!«, brüllte die Verkäuferin. »Kommst du mal?« Anschließend kam sie hinter dem Tresen hervor, packte Lena an den Schultern und deutete an, ihr dreimal über die linke Schulter zu spucken. Dann sah sie Lena an, als wären sie jetzt frisch verlobt. »Ich bin die Ingrid.«
»Ich hätte gern einen großen dunklen Kakao und ein halbes Brötchen mit Käse und einem Apfelschnitz«, sagte Lena, bevor die Situation eskalierte.
Die Verkäuferin nahm die Hände herunter und strich damit über ihren beigefarbenen Kittel mit den orangefarbenen Paspeln. »Kommt sofort. Nimm doch schon mal Platz.« Dann reckte sie die Fäuste. »Oh, ich freue mich ja so.«
Lena setzte sich an einen Fenstertisch und dachte weiter nach. Sie fand eigentlich nicht, dass die Menschen auf dem Land verhaltensauffälliger waren als in der Stadt. Anders vielleicht. Sie stützte das Kinn auf. Hans Moll. Sie kannte ihn von früher und von den Treffen der Bezirksschornsteinfeger. Dort hatten sie immer nett miteinander geplaudert. Wieso fiel so einer kurz vor der Rente vom Dach? Und warum war er überhaupt auf dem Dach gewesen? Solche Kaminüberprüfungen fanden einmal jährlich statt, aber der Kamin war deutlich länger nicht mehr in Betrieb gewesen. Das hätte Moll bereits bei der Feuerstättenschau im Haus feststellen können. Dafür musste man nicht erst umständlich aufs Dach klettern. Jedenfalls dann nicht, wenn die Ausbildung einige Jahre zurücklag.
Die Verkäuferin brachte ihr Kakao und Brötchen und strich ihr noch einmal über die Schulter. Lena trank einen Schluck und biss in das Brötchen. Auf der gegenüberliegenden Seite des Kreisverkehrs wurde die Tür des Rathauses geöffnet und Klaas Stamer kam mit forschem Schritt heraus. Er stoppte und sah sich nach rechts und links um. Lena fragte sich, wie lange er brauchen würde, sich daran zu erinnern, dass sein Porsche noch auf dem Grundstück derer von Kiesow stand, wo sein Autoschlüssel im Blumenbeet lag. Stamer schlug sich mit der flachen Hand gegen die Stirn und sah sich um. Dann entdeckte er ihren Wagen und eilte über die Fahrbahn. Lena biss gerade ein weiteres Mal von ihrem Brötchen ab, als er sie entdeckte. Er deutete auf seine teure Armbanduhr, dann auf ihr Auto und anschließend in Richtung Westen. Das Anwesen der von Kiesow lag von hier aus östlich.
Lena trank einen Schluck Kakao.
Klaas Stamer warf die Arme in die Luft und begann, vor dem Ladenfenster auf und ab zu laufen.
»Was hat Klaas denn nu wieder?«, fragte Ingrid.
»Vielleicht hat ihn was gestochen.« Lena beendete in Ruhe ihre Mahlzeit. »Tschüss und danke«, sagte sie und ging dann nach draußen.
»Du meine Güte, das hat ja ewig gedauert. Sie müssen ja massig Zeit haben. Können Sie mich bitte nach Hause fahren, ich muss meinen Zweitschlüssel holen.«
»Gern.«
»Und anschließend bringen Sie mich bitte zurück zum von-Kiesow-Anwesen. Da steht nämlich mein Wagen.«
»Gern.«
Stamer wohnte in einer für das Alte Land eher untypischen Villa vom Typ Toskana, deren Eingang zwei geschmacklose Säulen flankierten. Während er im Haus verschwand, hatte Lena Gelegenheit, den gepflasterten Vorgarten mit der Doppelgarage zu betrachten. Nach ein paar Minuten kam der Makler aus dem Haus, ließ die Tür hinter sich zufallen und hielt dann inne. Einen Augenblick betrachtete er die Haustür, dann stieg er in ihren Wagen.
»War was?«, fragte sie, als sie den ersten Gang einlegte.
»Hab den Hausschlüssel drinnen liegen lassen. Macht aber nichts, glücklicherweise hab ich einen Zweitschlüssel im Büro.« Er sah sie an. »Kann losgehen.«
Lena bog auf die Straße ab. »Sie sind doch Makler, Herr Stamer.«
»Richtig, und zwar, wie ich mit einigem Stolz verkünden darf, ein ziemlich guter.«
»Schön. Dann haben Sie doch sicher einen guten Überblick über den Immobilienmarkt in Jork.«
Stamer sah sie von der Seite an. »Ja?«
»Prima. Ich brauche nämlich eine Unterkunft.«
»Ah. Wo wohnen Sie denn im Augenblick?
»In der Pension Zum Alten Land. Die nehmen so viel für eine Übernachtung, dafür kann ich mir locker ein Haus kaufen.«
»Ja, das alte Land ist eine beliebte Urlaubsregion.« Stamer deutete auf die vorbeiziehende Landschaft. »Wir haben hier ein Weltklasseklima, die größte Obstplantage Europas und wunderschöne Fachwerkhäuser.«
Lena beugte sich vor und deutete auf ein Mehrfamilienhaus. »Und etwas hässliche Neubauten.«
»Sicher, aber das muss auch mal sein.«
»Aha.«
»Im Alten Land heißt es Urlaub machen, wo andere arbeiten«, erklärte Stamer. »Ich meine natürlich umgekehrt.«
»Wollen Sie mir gerade sagen, dass ich mir eine Immobilie in Jork nicht leisten kann?«
Er sah sie aus zusammengekniffenen Augen an. »Wollen Sie mieten oder kaufen?«
»Ich weiß nicht. Wissen Sie, es war nicht geplant, dass ich aus Hamburg wegziehe. Es kam etwas überraschend für mich, und ich konnte nicht so richtig Vorbereitungen treffen. Meine Sachen sind auch noch in Hamburg.«
»Tja, also, ich habe natürlich eine ganze Menge Angebote im Portfolio, Frau Becker. Ich würde sagen, wir machen Termine für die Besichtigung einiger Immobilien, die in Frage kommen.«
»Herr Stamer, ich bin berufstätig. Durch den Tod von Herrn Moll ist eine Menge liegen geblieben, das ich aufholen muss. Ich kann nicht den ganzen Tag durch Jork fahren.« Lena legte den Kopf schief. »Natürlich werde ich den ganzen Tag durch Jork fahren, aber nicht um Häuser zu besichtigen, sondern Kamine zu kehren. Also, auch nicht nur Kamine kehren, sondern Feuerungsanlagen kontrollieren, Brandschutzmaßnahmen überprüfen, Bera…« Lena musste scharf bremsen, weil eine Radfahrerin die Straße überquerte, ohne auf den Verkehr zu achten. »Ha!«
Stamer wurde im Sitz nach vorn geschleudert und stützte sich am Armaturenbrett ab. »Ach so, das hätte ich vielleicht sagen sollen. Hier fährt immer eine Irre durch die Gegend, vor der müssen Sie sich in Acht nehmen.«
Lena hatte den Motor abgewürgt und startete neu. »Und wer ist diese Irre?
»Ach, nicht weiter wichtig. Da sind wir ja schon.«
Lena bog auf das Grundstück von Kiesow ein und stellte den Wagen ab. Stamer stieg aus und ging direkt auf seinen Porsche zu. Eigentlich wollte Lena wenden, aber ihr Blick fiel auf das Beet neben dem Weg zur Haustür. Dort blinkte etwas zwischen den Blumen. Sie stieg aus und bog die Hortensien beiseite und sammelte einen Schlüsselanhänger aus Silber auf, an dem ein Autoschlüssel hing.
»Ah, Herr Stamer?« Sie richtete sich auf und wandte sich um.
Hinter ihr zischte ein Porsche vorbei, und sie hätte schwören können, dass der Seitenspiegel ihr Hinterteil gestreift hatte. Sie sah ihm nach.
»Ich habe Ihren Schlüssel gefunden«, sprach sie dem davonfahrenden Auto hinterher.
Das Rathausgebäude trug die Bezeichnung Gräfengericht. Lena ging über den Weg zwischen den von niedrigen Buchsbaumhecken umgebenen Beeten auf die grüne doppelflügelige Tür zu. Im Eingangsbereich standen zwei Männer im Gespräch. Ein hochgewachsener Dunkelhaariger im dunkelgrauen Anzug und ein älterer Mann mit beigefarbener Windjacke und brauner Cordhose. Lena hatte den Eindruck, dass sie dem Anzugträger einen Gefallen täte, wenn sie ihn vor dem Redeschwall des aufgebrachten Alten rettete.
Sie wandte sich an den jüngeren Mann. »Entschuldigung. Ich muss mich ummelden. Also genau genommen muss ich mich nicht ummelden, weil ich hier noch nicht wohne, aber ich muss irgendwie klarstellen, dass ich jetzt erst mal hier wohne. Wo mache ich das?«
Keiner der beiden Männer schien sich über Ihr Gestammel zu wundern. Der Ältere hatte offenbar sogar verstanden, was sie hatte sagen wollen.
»Ah«, sagte der Alte. »Da gehen Sie die Trep…«
»Warten Sie.« Der andere Mann fasste ihren Ellenbogen. »Ich bringe Sie hin.«
»Oh, das ist wirklich nicht nö…«
»Das ist doch kein Problem.« Er fasste ihren Arm fester und zog sie etwas unsanft mit sich. »Das mache ich gern.«
Er zerrte sie die Stufen hoch und ließ sie erst vor einer geschlossenen Tür im oberen Stockwerk wieder los.
»Da wären wir«, sagte er und klopfte. »Ines«, sagte er beim Eintreten. »Diese junge Dame will sich bei uns im schönen Jork anmelden.«
»Hi.« Ines war eine freundliche Mittvierzigerin. Sie schob ihren Drehstuhl zurück und gab Lena die Hand. »Herzlich willkommen. Setzen sie sich. Sie wollen sich also ummelden?«
Der Mann war ein wenig unschlüssig neben ihnen stehen geblieben. »Gut, ich denke, ihr kommt hier zu recht«, sagte er nach einer Weile.
»Ja, vielen Dank für Ihre Hilfe«, sagte Lena zu ihm. Und zu der freundlichen Beamtin: »Das weiß ich noch nicht genau. Auf alle Fälle muss ich bestimmt irgendwelche Formalitäten erledigen.«
Der Mann ging zur Tür.
»Ich bin nämlich die neue Bezirksschornsteinfegerin.« Lena hatte den Eindruck, dass der Mann kurz innehielt, dann verließ er den Raum, und hinter ihm fiel die Tür zu.
Er ging in sein Dienstzimmer, schloss die Tür hinter sich und faltete die Hände auf der ledernen Schreibtischunterlage, um sie dort eine Weile zu betrachten. Bezirksschornsteinfegerin. Sicher, er wusste, dass für den Moll eine Nachfolgerin eingesetzt worden war. Er konnte nur hoffen, dass sie ihre Nase nicht in Angelegenheiten steckte, die sie nichts angingen. Er griff zum Hörer und drückte eine der Kurzwahltasten.
Am anderen Ende der Leitung wurde abgehoben. »Polizei Altes Land, Dienststelle Jork, Polizeiobermeister Kevin Timmermann am Apparat, was kann ich für Sie tun?«
»Ich bin es, Kevin«, sagte Hajo.
»Weiß ich doch. Seh ich an der Nummer, Bürgermeister.«
»Und warum meldest du dich dann so?«
»Wie, so? Weil ich die Polizeidienststelle Jork bin. Deshalb.«
Hajo rieb sich die Nasenwurzel. »Gibt’s was Neues?«, fragte er betont geduldig.
»Nö. Nicht viel. Wegen des Blütenfestes habe ich Verstärkung aus Stade angefordert, aber die haben mich nach Buxtehude verwiesen, und dann hat einer wegen der Isabel angerufen, aber er hat gemeint, er hätte sie nur beinahe erwischt.«
»Gut. Und sonst?«
Eine Weile war es still in der Leitung.
»Du meinst wegen dieser Sache?«, fragte Kevin.
»Wegen dieser Sache.«
»Tja, eigentlich nicht. Weißt du, die Ermittlungen sind nicht ganz leicht, und genau genommen weiß man ja nicht, ob es nicht doch ein Unfall war.«
»Es muss doch irgendwie rauszufinden sein, ob es ein Unfall war oder nicht?«
»Ja, schon, aber was könnte es denn sonst sein? Ich mein, der Hans hätte sich doch nicht vom Dach … hätte der sich doch nicht.«
»Nein«, sagte Hajo. Das hätte der Hans nicht. Also musste es ein Unfall gewesen sein, denn etwas anderes kam doch nicht in Betracht, oder? »Alles klar, Kevin. Danke.«
Hajo legte den Hörer auf und ging zum Fenster. Bis vor Kurzem waren sie eine ruhige, übersichtliche Gemeinde gewesen. Aber seit Hans Moll vom Dach gefallen war, war irgendwie der Wurm drin.
Unten verließ die junge Frau das Rathaus. Er sah sie über den Weg gehen. Sie war nicht besonders groß, machte einen kräftigen Eindruck, und sie trug dieses schwarze Kehrzeugs und einen Zylinder. Der Teufel wusste, warum die Schornsteinfeger so etwas trugen. Ihre roten Haare hatte sie zu einem Pferdeschwanz gebunden.
Den Hartfelder sah er nicht, was bedeutete, dass der sich noch im Haus herumtrieb, um den Leuten auf die Nerven zu gehen. Über die Unterbrechung von Hartfelders üblichem Wortschwall war er ziemlich erfreut gewesen. Der Beiratsvorsitzende der Bürgerinitiative zur Verhinderung des Neubaugebiets in Jork wäre imstande, direkt an der Stelle weiterzusabbeln, an der er unterbrochen worden war. Besser, Hajo blieb vorerst in seinem Büro und verhielt sich ruhig.
Die junge Frau stieg in einen verkehrswidrig geparkten weißen Kastenwagen mit der Aufschrift Die Schornsteinfegerin – Unterwegs im Auftrag des Glücks. Seufzend wandte er sich ab. Glück konnte er allerdings gebrauchen.
Lena parkte ihren Dienstwagen auf dem freien Stellplatz vor dem Haus. Man musste ja nicht immer mit Warnblinker auf dem Gehweg oder sonst wo im Weg herumstehen. Sie nahm ihre Tasche vom Beifahrersitz und ging zu dem kleinen Reetdachhaus, wo sie den Klingelknopf neben dem Namensschild Moll drückte. Wenig später öffnete ihr eine grauhaarige Frau mit einer Brille mit Metallgestell.
»Ach, Frau Becker, wie nett. Kommen Sie rein.«
»Hallo, Frau Moll.« Lena putzte sich die Schuhe ab und betrat den gefliesten Eingangsflur.
»Mögen Sie einen Kaffee?«
»Gern.« Lena wandte sich nach rechts. »Ist es okay?«, fragte sie mit Blick auf die geschlossene Tür. Immerhin befand sie sich im Wohnhaus von Gerlinde Moll, deshalb fragte sie immer, bevor sie das Büro betrat.
»Natürlich. Ist ja jetzt sozusagen Ihr Arbeitszimmer.« Gerlinde Moll verschwand in der Küche, und Lena betrat Hans Molls Arbeitszimmer. Er war ein sehr ordentlicher Kollege gewesen und hatte beschriftete Ordner und kein Blatt Papier im Ablagekorb hinterlassen. Wenn es mich mal vom Dach reißt, dachte Lena, wird mein Nachfolger deutlich mehr zu tun haben. Sie stellte ihre Tasche ab und fuhr den PC hoch.
»Auch ein Stück Apfelkuchen?«, rief Gerlinde Moll.
»Gern.«
Die Witwe war eine wirklich nette Frau, die es Lena auch nicht verübelte, dass sie die Stelle ihres verunglückten Mannes einnahm. Im Gegenteil. Jedes Mal, wenn Lena ihre Büroarbeit erledigte, konnte die Versorgung mit der auf einem Kreuzfahrtschiff mit fünf Restaurants mithalten.
Lena sah den Stapel Briefe durch, der auf dem Schreibtisch lag.
»Ich hab Ihnen die Post schon hingelegt«, rief Frau Moll.
»Hab ich gesehen, danke.« Lena griff zum Brieföffner und machte sich an die Arbeit.
Gerlinde Moll kam mit einem klappernden Tablett herein und stellte einen Kuchenteller neben die Tastatur. »Ich hab ein bisschen Sahne draufgemacht.«
»Danke.« Lena nahm die Kuchengabel. Sie hatte heute noch nicht viel gegessen.
»Sie haben bestimmt noch nicht gegessen.«
Hans Moll hatte die Büroarbeit im häuslichen Arbeitszimmer erledigt, das Lena übergangsweise nutzte. Wie und wo sie ihr eigenes Büro später einrichten würde, musste sich noch zeigen. Gerlinde Moll hatte ihrem Mann bei der Büroarbeit geholfen, was ein Glücksfall für Lena war. Sie hatte das Angebot der Witwe des Schornsteinfegers, ihr unter die Arme zu greifen, gern angenommen.
Lena deutete auf den PC. »Wenn Sie Lust haben, könnten Sie den Terminplan für morgen zusammenstellen.« Sie hatte im Laufe der Zeit den Eindruck gewonnen, dass es Gerlinde Moll half, wenn sie weiterhin im Büro tätig sein konnte.
»Mach ich.« Die Witwe des Schornsteinfegers rückte die Brille gerade und machte sich eifrig an die Arbeit.
Und während Lena die Post bearbeitete, druckte Gerlinde Moll den Tagesplan für den nächsten Tag aus und prüfte die Zahlungseingänge.
»Na ja«, sagte sie schließlich. »Der Oswald Kogler hat noch nicht gezahlt, aber der ist auch immer etwas klamm. Haben Sie was dagegen, wenn wir noch ein paar Tage zuwarten?«
»Nein, ist schon in Ordnung«, sagte Lena abwesend. »Frau Moll, wissen Sie zufällig, warum Ihr Mann für das von-Kiesow-Haus noch keinen Energieausweis erstellt hat?« Und im selben Augenblick hätte sie sich auf die Zunge beißen können. Oder selbst in den Hintern treten. »Tut mir leid.«
»Ach, wieso denn? Ist doch nun mal Ihre Arbeit.« Gerlinde Moll sah sie fragend an. »Das ist wirklich merkwürdig. Der Klaas hat auch noch gar nicht danach gefragt, dabei braucht er den doch, wenn er das Haus anbieten will.«
»Ich werde Herrn Stamer morgen danach fragen. Ich muss ihm ohnehin den Prüfbericht vorbeibringen.« Lena aß den letzten Bissen vom Kuchen und trank ihren Kaffee aus. »Lecker, aber Sie sollten mich nicht immer so betüddeln, Frau Moll.«
»Tja«, sagte Frau Moll. »Aber wen soll ich denn sonst betüddeln?«
Nach dem Gespräch mit dem Bürgermeister hatte Kevin den Hörer aufgelegt, die Beine über die Ecke seines Schreibtisches gelegt (sodass die Füße über die Kante hingen, anderenfalls würde er Ärger mit seiner Mutter kriegen) und aus dem Fenster gesehen. Das war jetzt etwa eine knappe Stunde her und allmählich schliefen ihm die Beine ein. Von ihm selbst ganz zu schweigen. Du bist nicht doof, Kevin, pflegte seine Mutter zu sagen. Nur etwas langsamer. Sie hatte noch nie gesagt, langsamer als wer. Langsamer als eine Schnecke? Langsamer als ein Faultier? Langsamer als die Zeit, wenn man auf etwas wartete? Aber seine Mutter liebte ihn, anders als Sabine, die gesagt hatte, er sei dumm wie fünfzig Meter Feldweg, oder Isabel, die ihn kürzlich als dämlich bezeichnet und hinzugefügt hatte, dass sein Name Programm sei. »Da weiß man gleich, was drin ist.« Als er sich eine Sekunde gefragt hatte, was an dem Namen Timmermann falsch sei, wusste er, dass beide recht hatten. Seine Mutter und Isabel. Seufzend nahm er die Beine runter, schüttelte sie eine Weile aus, bis sie wieder einigermaßen durchblutet waren, und stakste zum Abstellraum hinüber. Er nahm den Schlüssel aus der Hosentasche und schloss auf. Er war vielleicht nicht der intelligenteste Mitbürger Jorks, aber er bemühte sich. Und hinter dieser Tür befand sich quasi sein ganzes Wissen.
»Und dein Vater?«
Das war genau genommen keine Frage. Es war mehr eine mit einem Fragezeichen versehene Bemerkung. Malte schnippte eine weitere Heidelbeere in seinen Joghurt. Vielleicht hatte seine Mutter nicht bedacht, dass sie nach der Trennung von seinem Vater auch nicht mehr die Frau des Bürgermeisters sein würde.
»Malte, bist du noch dran?«
»Bin ich, Mama. Was soll sein?«
»Wie geht es ihm? Was macht er?« Seine Mutter hatte diesen Tonfall drauf wie damals, wenn er seine Hausaufgaben nicht gemacht hatte.
»Frag ihn selbst. Du hast ja seine Nummer.« Er warf eine weitere Heidelbeere in den Joghurtbecher.
»Malte!«
»Ja, was denn? Er steht morgens auf und geht zur Arbeit. Wenn du Genaueres wissen willst, müsst ihr mal miteinander reden. Ist ganz leicht. Machen wir ja auch gerade. Und seine Nummer hast du ja.«
Seine Mutter seufzte. »Ich hatte gedacht, dass sich unser Verhältnis verbessert, wenn wir nicht mehr zusammenwohnen.« Sie seufzte wieder. »Da habe ich mich wohl geirrt.«
»Mama, ich muss zur Schule.«
»Natürlich. Keine Zeit. Genau wie dein Vater. Vermutlich versteht ihr euch deshalb auch so gut. Na dann, vielleicht ein andermal.«
Sie legte auf, und Malte steckte die nächste Heidelbeere direkt in den Mund. Wozu der unnötige Umweg über den Joghurt. Und wer sagte eigentlich, dass er sich gut mit seinem Vater verstand.
»Moin, Malte.« Sein Vater kam in die Küche. Er trug ein weißes Shirt, eine gestreifte Pyjamahose und fuhr sich mit den Fingern durch die Haare.
»Moin. Kaffee ist in der Maschine.«
»Danke.« Sein Vater schenkte sich eine Tasse ein und setzte sich zu ihm. »Soll ich dich zur Schule bringen?«
Diesmal seufzte Malte. »Nein, danke.«
»Ich weiß. Ist peinlich.«
»Ist nicht nötig. Ich habe ein megateures Gravel Bike.«
Sein Vater grinste. »Weiß ich. Hab ich dir gekauft. Ist mir auch recht. Kann ich noch ein bisschen hier rumhängen, bevor ich zur Arbeit gehe.«
»Und vielleicht staubsaugen. Staubsauger steht unter der Treppe.«
»Ich weiß. Ich muss noch einen Aushang für eine Putzfrau machen.« Sein Vater sah ihn nachdenklich an. »Aber ich finde trotzdem, dass wir hier ohne Frau ganz gut zurechtkommen, oder?«
Malte nickte. Eigentlich schon. Trotzdem war er als Einzelkind irgendwie der Dreh- und Angelpunkt dieser beiden Erwachsenen, die sich zwar getrennt hatten, aber trotzdem unbedingt von ihm wissen wollten, was der andere so machte. Wobei, was der andere so den ganzen Tag machte, interessierte die beiden wohl eher weniger. Vermutlich ging es beiden um die angeblich wichtigste Sache der Welt. Aber keiner von beiden traute sich konkret zu fragen, ob er bereits durch jemand anderen ersetzt worden war. Dabei war seine Mutter noch vollkommen fixiert auf seinen Vater, der seinerseits vergessen zu haben schien, dass es überhaupt Frauen gab. Außerdem würde sich in einem kleinen Ort wie Jork im Nullkommanichts herumsprechen, wenn der Bürgermeister eine Neue hatte.
Malte musterte seinen Vater, der sich über das unrasierte Kinn strich und in aller Ruhe Kaffee trank. So entspannt erlebte er seinen Vater erst, seitdem seine Mutter auszogen war. Sie hätte mit vor der Brust verschränkten Armen dagestanden und zum dritten Mal zu ihrem Mann gesagt: Musst du nicht los? Außer schlechte Stimmung zu verbreiten, hatte sie damit allerdings nichts bewirkt. Sein Vater verließ jeden Morgen exakt zur selben Zeit das Haus wie früher. Nur war er besserer Laune.
Eigentlich verstand Malte sich wirklich gut mit seinem Vater. Seinen Plan auszuziehen hatte er jedenfalls nach dem Auszug seiner Mutter vorerst aufgegeben.
Malte hatte seinen Joghurtbecher leer gelöffelt. Er stand auf, warf den Becher in den Verpackungsmüll, spülte den Löffel ab und ging in den Flur. »Bis später.«
»Bis später, Malte.«
Draußen holte er sein Fahrrad aus dem Schuppen, hängte sich die Schultasche quer über die Schulter und stieg auf. Er besuchte den gymnasialen Zweig im Schulzentrum Jork und hoffte, dass er im nächsten Jahr das Abi bestand. Und falls nicht, konnte er das immer noch auf eine posttraumatische Belastungsstörung nach der Trennung seiner Eltern schieben.
Als er vor der Schule ankam und sein Rad in den Fahrradständer schob, tauchte neben ihm Lars auf.
»Alles klar, Mann?«, fragte Malte und legte das dicke Kettenschloss um den Fahrradbügel, bevor er es durch die Speichen zog und um die Stange legte.
»Geht schon.«
»Und sonst?« Malte schob sich die Tasche auf den Rücken. »Was macht deine Verletzung?«
»Alles klar, sag ich doch.«
»Okay.« Malte war nicht blöd. Er merkte, wenn jemand nicht reden wollte.
Lars schloss sein klappriges Fahrrad gar nicht erst an und war deshalb vor ihm auf dem Weg zum Schulgebäude. Malte konnte sehen, dass er immer noch ein wenig humpelte.
Als Lena am nächsten Morgen ihr Zimmer in der Pension Zum Alten Land verlassen wollte, stellte sie fest, dass sie kein Bargeld mehr hatte. Da würde sie an einer Bank vorbeifahren müssen, bevor sie sich auf das Dach von Theresa Hassmann schwang. Sie nahm sich nur ein Brötchen vom Buffett im Frühstücksraum und checkte vor der Tür ihr Handy. Erstaunlicherweise zeigte die interaktive Karte von Jork alle möglichen Sehenswürdigkeiten an, zu denen aber keine einzige Bank gehörte.
»Tscha«, murmelte sie. »Dascha nu merkwürdig.«
Dann musste es erst mal ohne Geld gehen. Sie setzte sich in ihren Wagen und machte sich auf den Weg zu ihrer ersten Kundin an diesem Tag.
Theresa Hassmann bewohnte ein gut erhaltenes Fachwerkhaus am Rande Jorks. Offenbar war sie eine Naturfreundin, denn die üppig sprießenden Blumen, die sich über den Gartenweg neigten, ließen kaum Platz für Besucher. Sie selbst war vermutlich Ende fünfzig, trug eine lange Strickjacke in Pink, darunter einen gestrickten Pullover in Rot und eine gestrickte Hose in Grün.
»Moin«, grüßte Lena. Und mit Blick auf das Farbwunder fragte sie: »Sie stricken viel?«
Theresa Hassmann sah an sich hinunter. »Sieht man, oder? Kommen Sie rein. Ich hab uns frischen Ingwertee aufgebrüht.«
»Tscha, eigentlich …«
»Nix«, sagte Theresa. »Hans hat immer erst mal eine Tasse getrunken.« Sie schloss die Tür hinter Lena. »Allerdings hat er bei Ingwertee immer ein missmutiges Gesicht gemacht. Na ja, hab ich eben eine Ausnahme gemacht, und er hat Kaffee getrunken. Setzen Sie sich.«
Sie nahmen an einem runden Tisch Platz. Auf der mit einer gehäkelten Decke belegten Tischplatte stand eine Porzellankanne auf einem Stövchen, daneben zwei Teetassen und ein Teller mit Keksen, bei denen Lena einen hohen Anteil an Dinkelmehl vermutete. Auf einem der vier Stühle lag eine schwarze Katze und musterte Lena misstrauisch.
»Das ist Olga. Sie wirkt auf den ersten Blick etwas abweisend, ist aber ansonsten eine recht höfliche Katze.«
»Schön.« Lena sah zu, wie die Hausherrin Tee einschenkte und probierte einen Schluck. »Hu«, sagte sie. »Ganz schön stark.«
»Ja? Ach je. Ich war heute Morgen etwas abgelenkt und hab vergessen, ihn rechtzeitig rauszunehmen. Kann sein, dass der Ingwer jetzt irgendwelche Bitterstoffe freigesetzt hat.«
»Okay.« Lena nahm sich einen Keks und knabberte vorsichtig daran. Möglicherweise ließ sich der Tee damit neutralisieren. »Und worüber haben Sie zwei so gesprochen, Herr Moll und Sie?«
»Ach, Klatsch und Tratsch. Gibt es ja genug davon in Jork.«
»Tatsächlich?« Lena stellte fest, dass sie immer noch auf demselben Keks herumkaute. Er war ein bisschen trocken, aber von dem Tee sollte sie besser nicht mehr trinken, wenn sie heil vom Dach runterkommen wollte.
»Ja, wer mit wem und wer nicht mehr mit wem. Kann auch sein, dass ich dem Hans das alles erzählt habe, und er sich keinen Deut dafür interessiert hat.« Frau Hassmann rückte etwas näher. »Darüber können wir vielleicht ein anderes Mal plaudern. Ich erzähle Ihnen dann auch gern Einzelheiten, zum Beispiel über Kevin, also da gibt’s wirklich genug zu erzählen. Na ja, wer weiß, nächstes Mal ist bestimmt alles schon wieder überholt.«
»Kevin?«
»Unser Dorfpolizist.«
Lena nickte. Kevin interessierte sie auch nur am Rande.
»Nein, was ich eigentlich mit Ihnen besprechen möchte, betrifft mein Haus.« Theresa Hassmann rückte noch näher. »Meinen Sie, man kann da was machen?«
Lena schluckte hinunter. »Äh, wie meinen Sie?«
Ihr Gegenüber hob die Hände und machte vage Bewegungen. »Spüren Sie sie nicht?«
»Wen jetzt?«
»Die Energie«, raunte Frau Hassmann.
Lena blies die Backen auf. »So richtig nicht, ehrlich gesagt.«
»Sehen Sie, und das ist auch kein Wunder. Geht alles zum Schornstein raus, wie Sie vielleicht sagen würden.«
»Was geht zum Schornstein raus?«
»Na, die Energie. Es zieht und klappert an allen Ecken und Enden.« Theresa Hassmann sah Lena mit besorgter Miene an. »Und Sie müssen was dagegen machen.«
Nach fünfminütiger Wartezeit rechnete Lena eigentlich nicht mehr damit, dass ihr jemand öffnen würde. Aber durch das gekippte Küchenfenster drang nicht nur ein unangenehmer Geruch, sondern schließlich auch das Geräusch schlurfender Schritte. Nach einer Weile öffnete Ernst Hohlbach, jedenfalls nahm Lena an, dass es sich um den Hausherrn handelte. Es wäre ihr jedenfalls lieber, als wenn der Mann vor ihr ein Frauenmörder wäre. Er trug ein kariertes Hemd mit hochgekrempelten Ärmeln und eine fleckige Jeans. Und in der linken Hand ein Stück Holz, in der rechten eine Tube Kleber.
»Heizung ist im Keller.« Er drehte sich um und schlurfte den Flur hinunter.
»Ihnen auch einen guten Tag.« Lena betrat das Haus und schloss die Tür hinter sich. Keine gute Idee. Hier drinnen roch es furchtbar. Auf der Suche nach der Kellertür öffnete sie die Tür zum Gästeklo und zu einer Abseite, bis sie schließlich die richtige Tür erwischte. Mit dem Lichtschalter brachte sie nur eine schwache Glühbirne zum Brennen. Auf den Treppenstufen standen jede Menge Sachen an der Wand. Lena schaffte es, heil hinunterzukommen, allerdings musste sie unten angekommen den Weg zur Heizungsanlage mit der Taschenlampe ihres Handys suchen. Die Heizung war außer Betrieb, nur die rote Notleuchte brannte.
»Tscha, da bin ich wohl vergeblich gekommen.« Sie stieg die Treppe wieder hoch, knipste das Licht aus und machte sich auf die Suche nach Herrn Hohlbach. »Herr Hohlbach?«
Es kam keine Antwort, weshalb sie einen Blick in die Küche warf. Dort sah es so aus, wie es roch, und beim Hinausgehen stolperte sie über einen leeren Katzennapf.
»Herr Hohlbach.«
Sie fand ihn in einem Wohnzimmer auf einem durchgesessenen Sofa, vor sich auf dem Couchtisch ein Schiffsmodell in fortgeschrittenem Bauzustand. Gerade war Ernst Hohlbach dabei, den Mast festzukleben.
»Herr Hohlbach, Ihre Heizung funktioniert nicht.«
»Hab ich auch nich behauptet.«
»Ich kann deshalb auch keine Überprüfung vornehmen.«
»Hat auch niemand von Ihnen verlangt.«
»Doch, Herr Hohlbach, der Gesetzgeber verlangt das von uns beiden. Aber das Problem ist ganz einfach zu lösen. Rufen Sie den Wartungsdienst an, der wird die Anlage wieder zum Laufen bringen und dann komme ich wieder.«
»Hab keinen Wartungsdienst.«
Lena blies die Backen auf. So furchtbar gern wollte sie sich hier nicht mehr aufhalten, um eine sinnfreie Unterhaltung zu führen.
»Wo ist denn eigentlich Ihre Katze?«
»Minka ist tot.«
»Oh, das tut mir leid.«
»Muss nicht. Ist ja schon fast zwei Jahre her.«
Lena nickte. »Nee, klar. Gut. Ich werde Ihnen dann eine Liste mit Heizungsmonteuren bringen. Oder in den Briefkasten einwerfen. Wissen Sie, ich glaube, ich werfe die Liste in den Kasten. Sie müssen sie dann aber da rausnehmen und einen Monteur anrufen. Und dann melde ich mich wieder bei Ihnen, und wir holen die Prüfung nach.«
Hohlmann schnaubte.
»Okay, ich bin dann mal weg. Tschüss.«
Draußen atmete Lena tief durch. Es ging doch nichts über frische Luft im Alten Land. Sie sah auf die Uhr. Zeit für einen kleinen Snack.
»Ah, die Schornsteinfegerin, unterwegs im Auftrag des Glücks.« Ingrid strahlte sie über den Verkaufstresen hinweg an. »Was kann ich für dich tun?«
»Äh, ich warte einfach, bis du die Kunden vor mir bedient hast«, sagte Lena.
Das Lächeln erlosch, und Ingrid Wagner sah die zwei Frauen und den Mann vor ihrem Tresen, die schon vor Lena dagewesen waren, an wie schlimmes Ungeziefer. »Was darfs sein?«, fragte sie die erste Kundin.
Als Lena an der Reihe war, beugte sie sich vertraulich über den Tresen. »Es ist so, ich habe kein Geld dabei.«
»Aber das ist doch gar kein Problem!“, tönte Ingrid. »Schreiben wir einfach an.«
Zehn Minuten später saß Lena mit einem Käsebrötchen mit einer Extraportion Remoulade und einem Stück Apfelkuchen mit Sahne am Tisch. Sie mochte eigentlich Sahne gar nicht so gern, aber Ingrid meinte es eben gut mit ihr. Nach einigen weiteren Minuten gellte der Ruf »Gussi!« durch das Café. »Mach du mal hier weiter.« Ingrid kam hinter dem Tresen hervor und deutete auf den Stuhl an Lenas Tisch. »Darf ich?«
»Natürlich.«
Ingrid rückte den Stuhl zurecht und setzte sich. »Wie geht es dir? Geht es dir gut?«
»Ja, danke.«
»Und du kommst hier zurecht in Jork? Keine Probleme?«
»Keine nennenswerten jedenfalls. Ich komme gerade von Ernst Hohlmann. Was stimmt nicht mit ihm?«
Ingrid machte eine wegwerfende Handbewegung. »Frag lieber, was mit ihm stimmt. Kann man schneller beantworten. Er wohnt im Haus seiner Eltern. Und das tut er schon seit seiner Geburt, aber seit beide verstorben sind, eben allein.«
»Und seit die Katze tot ist, lebt er allein mit seinem Modellboot.«
»Die Gorch Fock, ja.« Ingrid seufzte. »Ist intellektuell ausbaufähig, aber kein unrechter Kerl.«
»Seine Heizung funktioniert nicht.« Lena biss von ihrem Brötchen ab.
»Das hat Hans auch gesagt. Und sie geht immer noch nicht?«
»Nein, aber es scheint ihn nicht zu kümmern. Ich habe ihm empfohlen, einen Heizungstechniker zu suchen, aber ich weiß nicht, ob er das überhaupt mitbekommen hat.«
»Das wird schon.« Ingrid rückte näher. »Was mich viel mehr interessiert: Wo wirst du denn wohnen?«
»Das weiß ich noch nicht. Ich habe Herrn Stamer gefragt, ob er mir etwas anbieten kann.« Lena sah auf die Uhr. »Ach, Mist. Ich wollte ihm noch den Bericht zu dem Haus von Richard von Kiesow vorbeibringen. Na ja, muss ich mich ein bisschen ranhalten mit dem Essen. Sonst verpasse ich noch meinen nächsten Termin.«
»Was will denn der Klaas mit einem Bericht? Ich mein, der Hans war doch auf dem Dach.« Ingrid legte den Kopf schief. »Andererseits hatte er natürlich nicht mehr viel Zeit, um seinen Bericht abzufassen. Oder genau genommen gar keine Zeit.«
Eine halbe Stunde später betrachtete Lena die Immobilienangebote im Schaufenster des Maklers Klaas Stamer.
»Eine halbe Million für diese olle Hütte?«, murmelte sie. »Ich glaube, es hackt.« Wie es aussah, kamen sie und Klaas Stamer nicht ins Geschäft. Oder jedenfalls würde sie allenfalls etwas mieten können. Sie schob die Glastür auf und wurde von einem jungen Mann empfangen.
»Guten Tag, was kann ich für Sie tun?« Die einstudierte Begrüßungsformel kam nicht so richtig flott über die Lippen, während der junge Mann sie intensiv musterte.
Bisschen langsam, dachte Lena. Aber immerhin scheint ihm aufzufallen, dass ich nicht wie ein herkömmlicher Kunde gekleidet bin. »Ich möchte gern zu Herrn Stamer.«
»Herr Stamer.«
»Ihr Chef.«
»Ja, richtig. Augenblick bitte.« Der junge Mann verschwand hinter einer Glastür, von der etwa zwei Drittel geätzt waren und damit den direkten Blick auf den Makler verhinderten. Der erschien kurz darauf in der Tür.
»Frau Becker.«
»Haben Sie kurz Zeit?«
»Natürlich. Kommen Sie rein. Rainer, mach doch unserer Glücksbringerin einen Kaffee.«
»Selbstverständlich.«
Stamer hatte sich ein cooles Büro in Weiß und Chrom eingerichtet. Lena konnte seinen körperlichen Schmerz spüren, als sie sich mit ihrer schwarzen Hose auf das weiße Leder setzte.
»Kaffee kommt gleich. Ich habe Ihnen hier schon einige Angebote herausgesucht.« Er nahm eine Mappe aus der Schublade und legte sie auf den Tisch. »Wobei es wirklich hilfreich wäre, wenn Sie mir sagen würden, ob Sie mieten oder kaufen wollen.«
»Mieten.« Lena betrachtete das Gleichgewichtsspiel mit den Chromkugeln. »Oder kaufen.«
Man musste Stamer lassen, dass er eine professionelle Miene beibehielt.
»Ich würde gern kaufen, aber wenn ich Ihre Angebote im Fenster ansehe, dann bleibt es wohl beim Mieten.«
»Wie gesagt, ich habe Ihnen etwas herausgesucht. Sie können sich das alles in Ruhe ansehen.«
Die Tür wurde geöffnet, und Rainer stellte zwei Tassen Kaffee auf den Schreibtisch.
»Danke, Rainer.« Stamer klappte die Mappe auf und stieß dabei gegen die Kaffeetasse. »Oh, Mist.«
»Ist nicht schlimm.« Lena reichte ihm ein Taschentuch über den Tisch. »Wenn man den Preis noch lesen kann.«
Stamer tupfte den Kaffee vom Papier. »Ich druck Ihnen das schnell noch mal aus.«
»Ist wirklich nicht nötig, Herr Stamer. Ich nehm es mit und sehe es mir an.«
»Gut, wie Sie meinen.« Er reichte ihr die Mappe über den Tisch.
»Ich habe Ihnen auch etwas mitgebracht.« Lena zog den Autoschlüssel aus der Tasche. »Ich habe hier Ihren Autoschlüssel.«
»Ach, das ist ja nett.« Er nahm den Schlüssel und steckte ihn in die Schublade.
»Und das hier.« Lena reichte ihm den Prüfbericht über von Kiesows Heizungsanlage. »Und dann habe ich noch eine Frage.«
»Äh, ja?« Stamer strich den Bericht auf der Schreibtischplatte glatt.
»Hat Herr Moll Ihnen schon einen Energieausweis für das Haus von Herrn von Kiesow erstellt? Den brauchen Sie doch dringend für den Verkauf.«
»Tja, nun, also, das ist kompliziert.«
»Aha.«
»Immerhin ist die Heizungsanlage in Ordnung.«
»Ja, ist sie. Und was folgt daraus?«
»Sehen Sie, Frau Becker, mit dem Rest sieht es nicht ganz so rosig aus.«
»Mit welchem Rest?«
»Mit dem Rest vom Haus.«
»Was genau meinen Sie?«
»Praktisch alles. Sehen Sie, es handelt sich um ein altes Fachwerkhaus.« Stamer hob den Kopf und sah sie mit einem gekonnten Maklerblick an. »Es ist ein wunderschönes Haus, Frau Becker. Damals hat man optimale Bauleistung erbracht, da gibt es nichts dran zu rütteln. Nur …«
»Nur?«
»Nur liegt der Zeitpunkt, an dem das Haus errichtet wurde, schon eine ganze Weile zurück, und da hat sich doch allerhand getan in dieser Zeit.«
Lena legte den Kopf schief.
»Um es kurz zu machen: Die Mühe mit dem Energieausweis können Sie sich sparen. Alle Werte im roten Bereich. Da muss ordentlich was dran gemacht werden.«
»Und trotzdem brauchen Sie einen Energieausweis.«
»Richtig.«
»Sie sagen den Interessenten, dass er noch nicht fertiggestellt ist, richtig?«
»Nun, so ein Energieausweis dauert seine Zeit, und dann ist auch noch der Schornsteinfeger tödlich verunglückt, und da dauert es eben länger.«
»Verstehe. Und wenn der Notartermin steht, dann ziehen Sie die böse Überraschung aus der Tasche. Richtig?«
»Frau Becker.«
»Ist mir auch egal. Ich bin nicht die Makleraufsicht. Sagen Sie einfach Bescheid, wenn Sie einen Energieausweis brauchen.«
»Mach ich. Sicher. Aber Sie haben vermutlich erst mal genug zu tun. Melden Sie sich einfach, wenn es passt.« Stamer stützte die Ellenbogen auf und legte die Fingerspitzen aneinander. »Sehen Sie, das Haus ist nicht ganz leicht zu verkaufen. Eine Immobilie, in der innerhalb kurzer Zeit zwei Menschen gestorben sind, liegt ein bisschen schwer im Regal. Ist wie mit schwarzen Katzen. Die Leute sind ja so furchtbar abergläubisch.«
»Wieso zwei Tote?«, fragte Lena.
»Na, der Eigentümer, Herr Dr. von Kiesow, und Ihr Vorgänger.«
»Ja gut, aber das kommt doch sicher häufiger vor, dass der Eigentümer verstirbt, oder?«
»Natürlich.« Stamer sah Lena mit undurchdringlicher Miene an. »Aber nicht jeder Eigentümer fällt die Kellertreppe runter und bricht sich den Hals.«
»Wie? Das war auch ein Unfall?«
Stamer hob die Schultern. »Nun ja, Herr von Kiesow war nicht mehr der Jüngste, und so eine Kellertreppe ist von Natur aus eine gefährliche Sache. All die vielen Stufen.«
Lena blies die Backen auf. »Na schön. Dann sehen Sie mal zu, dass Sie das von-Kiesow-Haus loswerden, und ich gucke, ob Sie mich richtig einschätzen.« Lena stand auf und nahm die Mappe an sich.
Stamer erhob sich ebenfalls und knöpfte sein Jackett zu. »Sicher, ich hoffe doch sehr, dass es mir gelungen ist, Ihren Bedarf richtig einzuschätzen. Übrigens, wo haben Sie denn den Autoschlüssel gefunden?«
Lena lächelte ihn an. »Dort, wo Sie ihn verloren haben.«
In der Pension Zum Alten Land gab es auch ein kleines Restaurant. Morgens wurde dort das Frühstücksbuffett aufgebaut, abends trafen sich einige Bewohner auf ein Glas Bier und eine Kleinigkeit zu essen. Lena setzte sich an einen Fenstertisch, auf dem eine karierte Decke ausgelegt war. Vor sich ein Glas Pils und einen Toast Altes Land. Normalerweise hätte sie ein solches Gericht, bestehend aus Frikadellen und Apfelscheiben, überbacken mit Käse, nicht angerührt, aber zum einen gab es heute nichts anderes auf der Karte, zum anderen wollte sie sich der regionalen Küche nicht verschließen. Sie schlug die Mappe auf, die der Makler ihr ausgehändigt hatte. Während sie eine Ecke vom Toast abschnitt, warf sie einen Blick auf das oberste Angebot. Eine Wohnung in einem Mehrfamilienhaus.
»Das kenne ich doch«, murmelte sie. »Das ist doch dieses hässliche Ding, das ich kürzlich gesehen habe«, murmelte sie. Sie steckte sich den Bissen in den Mund und blätterte weiter. Darunter lag das Exposé für ein gemauertes Giebelhaus mit fünf Zimmern. »Viel zu groß«, sagte sie und blätterte weiter. Es folgten ein scheußlicher Bungalow und eine Mietwohnung im Ortskern. Ganz unten in der Mappe lag das letzte Exposé, und dieses Gebäude kannte sie ebenfalls.
»Tscha«, murmelte sie. »Dascha nu gediegen.«
Es war die Frage, ob Stamer das Exposé des Hauses von Kiesow absichtlich oder versehentlich in die Mappe gelegt hatte. Im Haus selbst war sie noch nicht gewesen, nur auf dem Dach. Stamer hatte fotografisches Talent, das sie ihm gar nicht zugetraut hätte. Sonnenbeschienen sah das alte Fachwerkhaus wirklich schön aus, allerdings wusste sie, dass die Balken zwischen den Steinquadraten in Wahrheit nicht so blütenweiß waren, wie das Foto ihr weismachen wollte. Außerdem hatte sie auf dem Dach einige lockere Dachziegel gesehen, die Stamer im Text nicht erwähnte. Die umfangreiche Nutzung des Maklervokabulars ließ in ihren Augen eher vermuten, dass das Objekt schöngeredet werden musste.
Die Beleuchtung im Gastraum war nicht besonders gut. Über dem Tisch hing eine Deckenlampe mit einem mit beigefarbenem Stoff bezogenen Schirm und gab aus einer übrig gebliebenen Glühbirne gelbes Licht ab, das es gerade eben schaffte, das Papier zu beleuchten. In die Decke waren Strahler mit modernen LED-Leuchten eingelassen, die zwar mehr Licht abgaben, aber trotzdem den Gastraum in einem schummrigen Licht ließen.
Plötzlich legte sich ein Schatten über ihr Lesegut. Lena hob den Blick. Vor ihr stand ein riesiger Kerl. Zwei Meter groß, Vorfahren Wikinger, schätzte Lena.
»Moin.«
»Moin.«
»Birger.«
»Angenehm. Ich bin Lena Becker, die neue Bezirksschornsteinfegerin.«
Er grinste. »Ganze Sätze, wie?«
»Leichte Sprache, oder? Ich mache mir einfach viel aus Verben und ein bisschen Grammatik.«
Birger deutete auf den Stuhl auf seiner Seite des Tisches.
»Bitte, setzen Sie sich. Kann ich Ihnen etwas ausgeben?«
»Ich nehm auch so eines.« Er deutete auf ihr Bier.
Lena winkte dem Kellner. »Können wir noch zwei Pils haben? Danke.«
Birger deutete mit dem Kinn auf die Mappe mit den Immobilienangeboten.
»Kundin von Klaas? Darf ich?«
»Bitte.«
Er legte seine riesige Pranke auf die Papiere und zog sie zu sich rüber. Eine Weile betrachtete er das Exposé des von-Kiesow-Hauses, dann nickte er und schob ihr die Mappe wieder zurück. Dann deutete er auf ihren Teller.
»Sie müssen weiteressen, sonst wird es kalt.«
»Hey, Sie lernen schnell.« Lena aß noch ein Stück Toast.
»Wollen Sie das kaufen?«
»Ich habe Herrn Stamer gefragt, ob er mir etwas anbieten kann, und das Haus war bei den Angeboten dabei.«
»Na ja, Sie sehen nicht aus wie jemand, der Angst hat.«
Lena fragte sich, ob das ein Kompliment oder eine Beleidigung war, aber es war jedenfalls die Wahrheit. Angst kannte sie eigentlich nicht. »Wovor sollte ich Angst haben?«
»Na ja, erst fällt Richard die Treppe runter und dann Hans vom Dach. Vielleicht liegt ein Fluch auf dem Haus.«
»Ein Fluch?«
»Natürlich nicht. Ich wollte nur mal ausprobieren, ob ich mit meiner Einschätzung recht habe. Dass Sie nicht ängstlich sind.«
»Warum ist Richard von Kiesow die Treppe runtergefallen?«
»Die Kellertreppe. Ich nehme an, dass er bei der schlechten Beleuchtung die Stufen verfehlt hat. Er lag am Fuß der Kellertreppe auf dem kalten Boden. Als wir eintrafen, war es schon zu spät.«
»Wir?«
»Freiwillige Feuerwehr Jork. Sie sprechen mit Oberbrandmeister Birger Busch.«
»Ich bin überrascht. Sie können ja richtig mitteilsam sein.«
»Muss mich immer erst warmlaufen.« Er deutete auf das Exposé. »Und, kaufen Sie es?«
»Es hat einen interessanten Grundriss, ist aber nicht gerade in Topform.«
»Klaas hat Schwierigkeiten, es loszuwerden. Er schiebt es auf die beiden Todesfälle, die damit verbunden sind«, sagte Birger. »Aber vielleicht ist der Preis auch einfach zu hoch.«
Lena ließ den Blick über das Exposé schweifen. Diese Immobilie war hochinteressant, und über den Preis konnte man schließlich verhandeln.
Es war kurz vor acht Uhr morgens, als Lena an der Polizeidienststelle Jork vorbeikam. Um halb neun hatte sie ihren ersten Termin, es war also noch Zeit, hineinzugehen. Sie schob die grün gestrichene Tür des Fachwerkhauses auf. Nur das blaue Schild mit der leuchtenden weißen Schrift deutete darauf hin, dass es sich hier nicht um ein gemütliches Zuhause handelte. Auch drinnen unterschied sich die Polizeistation deutlich von der Behördenoptik der Hamburger Polizeikommissariate. Der Boden war mit schönen alten Fliesen ausgelegt, die Wände bis auf Schulterhöhe gefliest, darüber waren sie in einem dunklen Grünblau gestrichen. Auf dem hölzernen Tresen stand ein dampfender Kaffeebecher, von einem Polizeibeamten war jedoch nichts zu sehen.
»Hallo?«, rief sie.
Zu hören war nichts, aber vermutlich war, wer immer hier Dienst tat, gerade auf dem Klo. Also betrachtete sie den Straßenplan von Jork und die Poster von Szenen des Alten Landes. Die hatten hier wirklich viele Obstbäume.
Hinter sich hörte sie eine Tür gehen, dann erschien ein junger uniformierter Beamter, der ein wenig erschrocken wirkte. Immerhin musste er nicht den Reißverschluss seiner Hose hochziehen und den Gürtel schließen. »Oh, Morgen.«
»Guten Morgen, ich bin Lena Becker, die neue Bezirksschornsteinfegermeisterin.«
»Polizeiobermeister Timmermann. Kevin. Kevin Timmermann.« Der junge Mann ging hinter den Tresen und griff nach dem Kaffeebecher. »Wollen Sie auch einen?«
»Nein, vielen Dank.«
»Ach so.« Timmermann stellte den Becher wieder auf den Tresen. »Wie kann ich Ihnen helfen?«
»Sie können gern Ihren Kaffee trinken. Sonst wird er kalt. Der stand hier ja schon eine Weile.«
»Okay, danke.« Er nahm einige Schlucke Kaffee.
Lena warf einen Blick auf die Tür, durch die er hereingekommen war. Die Toilette befand sich nicht dahinter. Die Klotür hatte sie zwischenzeitlich auf der anderen Seite des Eingangsbereichs entdeckt.
»Ich wollte Ihnen etwas bringen.«
»Ah, was denn?«
Sie steckte die Hand in die Tasche ihrer Cargohose und legte den Ring auf den Tresen, den sie im Garten des Hauses von Kiesow gefunden hatte. »Ich habe diesen Ring gefunden.«
Timmermann betrachtete den Ring und nickte. »Einen Ring.«
»Einen Goldring. 333er. Keine Gravur. Nur dieser kleine Stein. Ich schätze aber, dass es kein echter Stein ist. Ich habe ein bisschen geforscht. Es könnte ein Selenit sein.«
»Aha.« Der Polizeibeamte stellte den Kaffeebecher ab und zog seine Hose hoch.
»Jetzt möchten Sie bestimmt wissen, wo ich den Ring gefunden habe, oder?«
»Genau. Das wollte ich gerade fragen.«
»Ich habe ihn im Garten von Richard von Kiesow gefunden.«
»Echt?« Kevin Timmermann griff nach dem Ring und betrachtete ihn.
»Ich denke, Fingerabdrücke können Sie ohnehin vergessen. Ich habe ihn ja auch schon angefasst.«
Er ließ den Ring auf den Tresen fallen, wo er eine Weile herumtrudelte und dann liegen blieb. »Scheiße.«
»Wie gesagt, der lag da vielleicht ja schon länger im Blumenbeet.«
Timmermann bückte sich und begann hektisch Schubladen aufzuziehen und wieder zuzuschieben.
»Ah, da.« Er tauchte wieder hinter dem Tresen auf. »Wusste ich. Gehört zu jeder guten Polizeiausstattung.« Mit spitzen Fingern nahm er den Ring wieder auf und ließ ihn in eine kleine Tüte fallen, die er mit einem Druckverschluss verschloss. »Und den haben Sie da im Blumenbeet gefunden?«
»Ja, neben den Hortensien.« Sie betrachtete seine Mimik. »Also vor dem Haus. Dort, wo einige Menschen vorbeikommen.«
Kevin Timmermann verzog den Mund.
»Ich habe gehört, dass Richard von Kiesow bei einem Unfall ums Leben gekommen ist.«
»Ja, das ist richtig.«
»Und dann ist Hans Moll wenig später vom Dach gestürzt. Mein Vorgänger.«
»Ja.«
Lena versuchte eine freundliche Miene aufzusetzen. Einen kurzen Moment hatte sie den Eindruck, dass er etwas sagen wollte, aber er schwieg. Trotzdem spürte sie, dass ihn etwas bewegte. Dummerweise kam ein Telefonanruf dazwischen.
»Sorry, ich muss da rangehen.«
»Natürlich. Sie sind schließlich die Polizei.«
Er nahm den Hörer ab. »Polizei Altes Land, Dienststelle Jork, Polizeiobermeister Timmermann am Apparat, was kann ich für Sie tun?«
Lena winkte ihm zu und ging zur Tür. Als sie sich umwandte, sah sie, dass er nachdenklich die Tüte mit dem Ring betrachtete, während er dem Anrufer zuhörte.
Hajo zog die Haustür hinter sich zu. Er war ein bisschen spät dran, weil er im Frühstücksfernsehen einen Beitrag über Beziehungsprobleme zu Ende hatte sehen wollen. Und als Bürgermeister war er in der komfortablen Situation, niemandem Rechenschaft schuldig zu sein. Es hatte ihn einfach interessiert zu erfahren, welche Probleme es zwischen Mann und Frau geben konnte. Dabei hatte er gar keine. Keine Beziehung. Seine Ehe mit Susanne war gescheitert, aber er war gerade mal vierzig. Nicht ausgeschlossen also, dass er noch mal auf eine Frau traf, die es ihm antat.
Die erste Erkenntnis, für die er allerdings den Fernsehpsychologen nicht gebraucht hatte, war, dass er nicht für das Alleinleben geschaffen war. Er hatte immer viel gearbeitet, und damit war Susanne nicht klargekommen. Wenn er dann mal zu Hause war, hatten sie sich gestritten. Völlig beknackt und nicht sehr erwachsen. Und jetzt lebte er allein und arbeitete immer noch viel, aber er verstand inzwischen, was Susanne meinte. Denn wenn er zu Hause war, war er allein. Er würde gern über seinen Tag sprechen und die Fragen, die sich aus seinem Amt ergaben. Es würde ihm helfen, die Meinung eines Außenstehenden zu hören. Immerhin hatte er einen Sohn. Malte war ein kluger Junge, und er unterhielt sich gern mit ihm. Aber er war eine andere Generation.
Hajo zog die Fahrertür seines Wagens auf, warf seine Aktentasche auf den Beifahrersitz und stieg ein. Als er den Wagen auf seinem reservierten Stellplatz vor dem Rathaus abstellte, klopfte jemand an die Scheibe der Beifahrertür. Seufzend ließ er die Scheibe runter. »Herr Hartfelder.«
»Herr Bürgermeister. Neun Uhr zehn. Wir waren um neun Uhr verabredet.«
»Und sehen Sie, schon bin ich da.« Er ließ die Scheibe wieder hochfahren, und Hartfelder zog seine Nase zurück.
Natürlich war es nicht nett, den alten Mann warten zu lassen, aber der Beiratsvorsitzende der Initiative Altes Land ging ihm wirklich auf die Nerven. Auch wenn er es nur gut meinte, aber sie lebten im einundzwanzigsten Jahrhundert und mussten nach vorn sehen. Sie konnten hier auf Dauer nicht von Äpfeln und Touristen leben. Er nahm die Tasche vom Beifahrersitz und stieg aus.
»Moin, Herr Hartfelder. Wir gehen rein.« Hajo legte dem alten Mann versöhnlich die Hand auf die Schulter. »Kommen Sie.«
Im Rathaus schob er Hartfelder in den Besprechungsraum, ging in sein Büro hinüber und kehrte mit zwei Bechern Kaffee zurück. Mit dem Fuß zog er die Tür hinter sich zu.
Hartfelder thronte am kurzen Ende des Konferenztisches wie der amerikanische Präsident.
»Bitte.« Hajo stellte ihm einen Becher Kaffee hin.
Eigentlich hatte er sich neben den Alten setzen wollen, aber der hatte jede Menge Papiere ausgebreitet. Darunter mehrere Pläne im Din-A3-Format.
»Herr Bürgermeister …«, hob Hartfelder an. »Herr Bürgermeister, im Namen der Initiative möchte ich noch einmal mit Ihnen sprechen.«
»Ich weiß. Deshalb sind wir zwei ja da.«
»Es geht um das Neubaugebiet Landflucht.«
»Ich weiß, Herr Hartfelder. Ein Gebiet, das wir dringend benötigen.«
»Ein Gebiet, das wertvolle Anbaufläche vernichtet.«
»Herr Hartfelder, wir müssen in der Sache mal weiterkommen. Es gibt bereits eine Menge Anfragen.«
»Natürlich gibt es die. Schließlich locken Sie die Leute mit einer beachtlichen Prämie.«
»Wir haben auf der letzten Sitzung darüber gesprochen. Der Altersdurchschnitt der Bevölkerung ist ein bisschen hoch. Wir müssen ihn drücken, und das geht nur mit Hilfe junger Leute. Wir haben Anfragen von zwanzig Familien, die in Landflucht bauen wollen.«
»Das sind vierhunderttausend Euro an Prämien.« Hartfelder tippte mit dem Kugelschreiber auf die Tischplatte.
»Jede Familie zahlt für ihr Baugrundstück mehr als hunderttausend Euro. Das sind mehr als zwei Millionen Euro.« Hajo faltete die Hände auf der Tischplatte. »Und ich bin heute Abend mit den Geschäftsführern der ansässigen Baufirmen verabredet, um über eine Informationsveranstaltung mit den Interessenten zu sprechen. Eine Art Baumesse. Damit unterstützen wir die hiesige Bauwirtschaft und spülen Gewerbesteuer in die Kasse. Das ist die Zukunft, Herr Hartfelder.«
