Schwarze Schwestern - Ntozake Shange - E-Book

Schwarze Schwestern E-Book

Ntozake Shange

0,0
9,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Drei «Schwarze Schwestern» aus Charleston/South Carolina führen uns vor, auf welch unterschiedliche Weisen sich eine Frau schöpferisch mit dem Leben verbünden kann. – Eine Geschichte, randvoll mit Poesie und seltsamen Begebenheiten, kuriosen Kochrezepten und schönster weiblicher Logik.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB

Seitenzahl: 319

Veröffentlichungsjahr: 2018

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



rowohlt repertoire macht Bücher wieder zugänglich, die bislang vergriffen waren.

 

Freuen Sie sich auf besondere Entdeckungen und das Wiedersehen mit Lieblingsbüchern. Rechtschreibung und Redaktionsstand dieses E-Books entsprechen einer früher lieferbaren Ausgabe.

 

Alle rowohlt repertoire Titel finden Sie auf www.rowohlt.de/repertoire

Ntozake Shange

Schwarze Schwestern

Aus dem Englischen von Uta Goridis

Ihr Verlagsname

Über dieses Buch

Drei «Schwarze Schwestern» aus Charleston /South Carolina führen uns vor, auf welch unterschiedliche Weisen sich eine Frau schöpferisch mit dem Leben verbünden kann. – Eine Geschichte, randvoll mit Poesie und seltsamen Begebenheiten, kuriosen Kochrezepten und schönster weiblicher Logik.

Über Ntozake Shange

Ntozake Shange, ein Name aus der Zulu-Sprache, bedeutet: die mit ihren eigenen Dingen kommt und sich wie eine Löwin bewegt. Als Paulette Williams 1948 in Trenton /New Jersey geboren, hat die Autorin englische Literatur studiert. Bekannt wurde sie mit mehreren Gedichtbänden und dem Broadway-Stück «For colored girls …».

Inhaltsübersicht

All den Frauen ...Wo eine Frau ...Indigo erzählte ihrer ...«Mama, dieses Gumbo ...Indigo, mein Spatz!Ein Haus, aus ...Hallo Sassafrass …Die Nächte in ...Cypress lächelte immer. ...Sassafrass und Cypress, ...Die Frauen und ...Meine allerliebste Sassafrass!Tanzen ist die ...Meine liebe Kleine,Alkohol ließ Cypress ...Cypress, meines Liebes!Cypress haßte es, ...Cypress!Leroy war nun ...Meine allerliebste C.!«Hier ist die ...Sassafrass hatte sich ...Liebe Sassafrass!Als Tante Haydée ...Hilda Effania wußte ...

All den Frauen gewidmet, die den Kampf nicht scheuen

Wo eine Frau ist, ist Magie. Fällt ein Mond aus ihrem Mund, so ist es eine Frau, die ihre magischen Kräfte kennt, Kräfte, die sie mit den andern teilen kann oder auch nicht. Eine Frau, aus deren Mund der Mond fällt, zwischen deren Schenkeln Rosen blühen und die eine Tiara aus Florida-Moos trägt – eine solche Frau lebt im Einklang mit den Geistern.

 

Indigo sprach nur selten. In ihrem Mund war ein Mond. Und der Mond in ihrem Mund bewirkte Indigos Gelächter. Immer wenn ihre Mutter versuchte, das Moos auf ihrem Kopf oder die Rosen auf ihren Schenkeln zu trimmen, lachte Indigo.

«Mama, du kannst machen was du willst, sie wachsen immer wieder nach. Es ist mein Blut. Das Blut der Erde, in dem längst verstorbene Geechees und das Meer stecken.»

 

Wie sie so dasaß, zwischen all ihren Puppen, konnte man Indigo für ziemlich verrückt halten. Als kleines Kind hatte sie rote Bohnen, Reis, Sägespäne oder Palmblätter in Socken gestopft; zusammengeschnürte Bänder markierten die Hälse und verhalfen ihnen zu Köpfen und Oberkörpern. Dann kamen die Augen dran, aus sorgfältig ausgewählten Knöpfen oder Fäden, die Haare aus Garn, das ihre Schwestern und ihre Mutter speziell zu diesem Zweck gefärbt hatten, Kleider aus den feinsten Seidenstoffen, Schuhe aus Leinwand, Unterröcke aus Baumwolle, Fäustlinge oder Fingerhandschuhe aus Satin, liebevoll von Kinderhand bestickt. Diese Geschöpfe waren immer noch ihre Gefährtinnen, Gefährtinnen, die wie niemand sonst mit den Veränderungen in ihrem Leben, mit ihren Stimmungen und Träumen Schritt hielten. Indigo hörte sie in ihrem Schlaf sprechen. Manchmal, wenn jemand anderes mit ihr sprach, entschuldigte sich Indigo – ihre Puppen verlangten nach ihr. Es gab soviel zu tun. Die Schwarzen brauchten so viele Dinge. Deshalb verzichtete Indigo auch darauf, ihrer Mutter von all diesen Gesprächen mit ihren Freundinnen zu berichten. Mit Jesus hatten sie nichts zu tun. Überhaupt nichts. Selbst ihre Mutter wußte das, und sie schüttelte den Kopf, so wie Leute das tun, wenn sie etwas Unangenehmes erfahren, und murmelte: «Irgend etwas ist in die Kleine gefahren, ich schwör’s. Zuviel Süden steckt in ihr.»

 

Der Süden in ihr, das Land und die Salzwinde ließen sie durch die Straßen von Charleston driften, als wäre sie ein wandelnder junger Baum, und ihre Bewegungen waren die einer verwöhnten jungen Farbigen mit dem allgegenwärtigen Horizont als Liebhaber. Indigo stellte sich vor, kräftige, gekrümmte Äste würden aus ihren Zöpfen wachsen und tiefgrüne Blätter würden ihre Ohren umrauschen, und in den Nestern, die sie sich heimlich gebaut hatten, geschützten Verstecken in ihrer Haarkrone, würden Tauben und Papageien schnäbeln. Sie war auch überzeugt, daß die Pflastersteine der Straßen in Wirklichkeit polierte, von Piniennadeln und Baumwollblüten übersäte Austernschalen waren, wenn sie ihre Südstaatentracht trug. Sie modellierte sich und ihre Welt aus dem, was sie umgab. Sie schaute sich auf der Werft um: Gab es nur Weiße, so machte sie aus ihnen Schwarze, und kauften die Weißen den ganzen Kohl und die Okras auf, so ließ sie sie einfach verschwinden und legte das Gemüse auf die Lastwagen, die die Schwarzen belieferten. Da es in der Welt, in die Indigo hineingeboren worden war, nicht all das gab, was sie brauchte, erfand sie sich den Rest dazu. Das, was ihrer Meinung nach den Schwarzen fehlte.

 

Zugang zum Mond.

 

Heilende Kräfte.

 

Täglicher Kontakt

mit den Geistern.

MONDREISEN

Wegbeschreibung von Indigo

 

Man suche sich einen ovalen, sehr glatten Stein. Wäscht ihn in Rosenwasser, zweimal. Läßt ihn an einem einsamen Ort in der Nachtluft trocknen. Wenn er trocken ist, hält man ihn mit der rechten Hand und streichelt seine Oberfläche mit der Linken. Mit dem Stein in der linken Hand wiederholen. Ohne dabei innezuhalten, umfaßt man nun die linke Hand, in der der Stein liegt, kräftig mit der rechten. Man setzt sich unter einen Baum, von dem aus man auf den Geburtsort seiner Mutter blickt. Man preßt die Hände zwischen dem Busen zusammen und atmet fünfmal schnell und dreimal langsam ein und aus. Man schließt die Augen. Und schon ist man auf dem Weg.

ANDERE ARTEN UND WEISEN, ZUM MOND ZU REISEN

(Winterreisen/ungünstige Wetterbedingungen)

 

In einem gründlich gereinigten Badezimmer zündet man bei offenem Fenster Magnolien-Weihrauchstäbchen an, oder falls nicht vorhanden, Zimtstäbchen. In ein Taschentuch, das einem andern weiblichen Familienmitglied gehört (je älter, desto besser), legt man Kamille, ein unbeschädigtes Osterluzerneblatt und Farnkraut. Man schnürt es mit einem Band aus dem eigenen Haar fest zu und küßt den Beutel dreimal. Man läßt ihn langsam in eine Wanne mit warmem Wasser gleiten, in das man völlig eintauchen kann. Man stellt an beiden Enden der Wanne zwei weiße, brennende Kerzen auf, läßt eine geöffnete Blüte auf dem Wasser schwimmen, steigt in die Wanne und kitzelt dabei das Wasser mit den Blütenblättern, bis sich seine Oberfläche kräuselt. Man streckt sich in der Wanne aus, die Blume über dem Herzen. Man schließt die Augen. Und schon ist man auf dem Weg.

 

Nicht alle Schwarzen wollten auf den Mond. Aber einige. Tante Haydee war schon häufig dort gewesen. Sie erzählte Indigo von den rauschenden Festen, die genau dort stattfanden, wo die Weißen ihre Flaggen gehißt hatten und auf und ab gehopst waren. Sie hatten nie gelernt, richtig zu tanzen. Die ganze Zeit hatten sie Schwarze um sich herum gehabt und immer noch waren sie nicht imstande, den Takt zu halten. Und nun spazierten sie auch noch auf dem Mond herum, als hätte sich dort noch nie etwas abgespielt. Als würden die Frauen nicht jeden Monat die Mondhügel hochsteigen. Als könnten die Meere von Menstruationsblut von einer Mondrakete zurückgehalten werden. Als würden die Schwarzen mit dem Mond verschwinden.

 

«Wir bleiben, wo wir sind, einverstanden?» Indigo setzte ein paar ihrer Puppen auf die Innenseite ihres Schenkels. Ihre besonderen Lieblinge saßen auf ihrem Schoß. Indigo hatte sich all die Freunde, die sie haben wollte, angefertigt. Afrikanische Puppen, die mit dem Wurzelholz von Baumwollsträuchern gefüllt waren, damit sie keine Sklaven mehr zur Welt brachten. Jamaikanische Puppen mit roten Turbanen und Körpern, die aus Beinwell-Blättern bestanden, da sie auf karibischen und amerikanischen Plantagen arbeiteten und bestimmt Gliederschmerzen hatten. Sie waren über einen Meter groß, hatten riesige, goldene Ohrringe aus getrockneten Sonnenblumen und Brüste aus roher Baumwolle. Sie rochen nach Fenchel, Pfirsichblättern, wildem Ingwer und wilden Jamswurzeln. Indigo schmiegte sich immer noch in ihre Arme, wenn sie sich hilflos einsam fühlte und Angst hatte, daß keiner von den Schwarzen um sie herum jemals so mit ihr reden würde wie ihre Puppen und Tante Haydee.

Alle meinten, sie wäre zu schwierig, man könnte einfach nicht vernünftig mit ihr reden. Das stimmte aber nicht. Es war vielmehr so, daß Indigo beinahe handgreiflich werden mußte, damit ihr Cypress und Sassafrass zuhörten. Sie hielten sich für so erwachsen und hatten alles den Weißen nachgemacht. Sie wollten auch überhaupt nichts hören von den Dingen, die Tante Haydee wußte. Indigo sah zu, wie sich ihre Mutter über die riesigen Fässer mit der Farbe beugte, wie sie das frischgesponnene Garn aus den Bottichen nahm, auf die Leine hängte und wieder abnahm. Wie Sassafrass das Schiffchen durch das Webfach schob. Wie Cypress die Stoffbahnen abnahm und zur Treppe brachte, wo sie die Aufnäharbeiten in Angriff nahm, für die ihre Familie berühmt war. Das ganze Hin und Her ließ keiner Zeit, sich mit der kleinen Indigo über die Bedürftigen und die Schwarzen zu unterhalten. Wenn der Rhythmus unterbrochen wurde, starrte Sassafrass einfach nur auf ihren Webstuhl. Cypress betrachtete ihre Arbeit und wußte nicht mehr, wo sie anfangen sollte und wie groß die Stiche zu sein hatten. Mama verbrühte sich mit kochendem Wasser von irgendeiner seltsamen Farbe. Alle waren wütend und konnten nicht mehr arbeiten, Indigo wurde also wieder zu ihren Puppen zurückgeschickt. Sämtliche Puppen im Haus gingen in ihren Besitz über. Und die Welten, die Sassafrass sich beim Weben erschloß und die Cypress mit ihrem Körper beschwor, waren verloren für Indigo, der es schließlich gelang, ganz allein mit ihren Gefährtinnen aus Stoff dreiseitige Gespräche zu führen.

Ein kleines Mädchen, das mit ihren Puppen spielt, wird genausowenig beachtet wie die kleinen Jungen, die Fußball spielen und Davy-Crokett-Schirmmützen tragen. Indigo stahl sich deshalb auch sehr bald fort von dem Platz, den man ihr zugewiesen hatte (der Gang entlang der hinteren Veranda), und stattete ihrer Nachbarschaft Besuche ab, begleitet von ihren Freundinnen. Die alten Damen waren entzückt, wenn Indigo mit ihrem Gefolge vorbeikam. Sie steckten ihr selbstgebackene Ingwerlebkuchen zu. Sie versorgten sie mit Tee und Schokolade sowie mit Bibelsprüchen und Geschichten aus ihrem Leben. Indigo besaß nur farbige Puppen und besuchte auch nur farbige alte Damen. Miz Fitzhugh, die Cypress und Sassafrass hofierte, als wären sie richtige Weiße, konnte sie nicht ausstehen. Nein, ihre Freundin war Mrs. Yancey mit der tiefen Wisperstimme und den siebzehnhundert Millionen geflochtenen Zöpfchen. Schwester Marie Louise, die einen Garten mit Rosensträuchern und Kräutern besaß, war ebenfalls ihre beste Freundin; die schwarze Methodistenkirche nahm sie mit in Kauf.

 

Die Straßen von Charleston sind so verschlungen wie die Finger der alten Damen, wenn sie beim Häkeln Erinnerungen an ihre Jungmädchenzeit entwirren. Auffällig ist auch, wie die Frauen von Charleston mit kleinen Dingen umzugehen wissen. Ihre Sorgfalt. Die Macht des Rituals in ihren alltäglichen Verrichtungen. Die banalsten Dinge werden dadurch irgendwie außergewöhnlich. Schwieriges erscheint einfach. Indigo hörte ihren Geschichten zu, den kurzen wie den langen, und dachte dabei, daß sie sich eine Puppe machen würde, der sie all diese Geschichten unterschieben konnte. Als ihr Vater starb, beschloß Indigo, daß nur das geistige Prinzip zählte. Menschen kommen und gehen. Und Tante Haydee hatte gesagt, daß Geister nicht einfach gehen könnten, sonst würde die Erde auseinanderfallen.

Der Süden in ihr.

Wie es hieß, verstand es Mrs. Yancey besonders gut mit den Weißen. Sie konnten ihr einfach nichts abschlagen. Und die Leute meinten, daß sie ihnen wohl Honig ums Maul schmierte oder zumindest sehr viel lächelte. Das wäre die einzige Erklärung für all die wunderhübschen Dinge in ihrem Haus. Mrs. Yancey hätte sich dieses silberne Teeservice oder diese Spitze nie kaufen können. Man stelle sich nur vor, eine Schwarze, die ihren Nachmittagstee und Plätzchen einnahm und dabei dieses ganze Silber auffuhr. Indigo nahm immer ihre Puppenfreundin Miranda zu Mrs. Yancey mit. Miranda hatte einfach bessere Manieren als die meisten ihrer Puppen. Miranda war auch immer tipp-topp mit ihrem rotkarierten Latz und ihren kleinen schwarzen Sandalen. Indigo überließ Miranda ihren Sonnenschirm, damit sie nicht so unter der Hitze zu leiden hätte. Welche wohlerzogene junge Dame würde schon ermattet und verschwitzt ankommen wollen? Nur ein paar von Indigos Bauernpuppen hatten sich einfach unbedeckt auf den Weg gemacht.

Indigo steuerte auf Mrs. Yanceys vordere Terrasse zu, zog ihre Unterhose hoch und brachte das Haar in Ordnung, das sich aus ihren Zöpfen gelöst hatte. Sie hatte sich zwar die Hände gewaschen, es aber doch für übertrieben gehalten, sich wegen eines kleinen Besuchs und einer kurzen Unterhaltung auch noch die Zöpfe neu zu flechten. Außerdem war Miranda richtig herausgeputzt. Indigo hatte ihre Haube mit Löwenzahnblüten dekoriert und ihre Achselhöhlen und Kniekehlen mit dem Parfum ihrer Mama besprüht. Als sie soweit war, drückte Indigo auf die Klingel und wartete. Und Mrs. Yancey kam auch prompt zur Tür. Sie trug Hausschuhe mit völlig abgelaufenen Absätzen, die sich anhörten wie Bill Bojangles, wenn er in Schläppchen steppte. Sie öffnete die strahlend weiße Tür, befreite sich von ihrer Schürze und bückte sich, um Indigo auf die Wange zu küssen.

«Du glänzt heute ja richtig, Indigo, und Miranda geht wohl auf einen Empfang, so fein hat sie sich gemacht, was?»

«Nein, M’am. Wir dachten nur, wir könnten Ihnen etwas Gesellschaft leisten. Ich habe mit Miranda gesprochen und sie meinte, Sie würden gerade ganz intensiv an uns denken.»

«Nun kommt mal rein und macht es euch im Wohnzimmer bequem. Miranda muß den siebten Sinn haben. Sie weiß immer ganz genau, wann ich meine kleinen Mädchen sehen will.»

Mrs. Yanceys Haus roch nach Kohl und Maisbrot, selbst wenn sie Austern mit roter Sauce zubereitete. Indigo stieß Miranda an.

«Riechst du das? Mrs. Yanceys Haus riecht gut, nicht wahr?» Und in ihrem Haus fühlte man sich auch gut. Es gab so viele weiche Plätzchen, wo man sich hinsetzen und schnuppern konnte. Mrs. Yanceys Hobby waren Kissen, rechteckige, dreieckige Kissen, Formen, die keinen Namen hatten, aber herrlich dufteten, weiche Kissen zum Knautschen, mit Satin und Seide bezogene Kissen, die mit glänzendem Scharlachrot und Gold bestickt waren und kunstvolle Spitze, Kordeln und Troddeln aufwiesen. Mrs. Yancey erklärte Miranda, daß sie all diese Kissen machen würde, weil sie ihr ganzes Leben zwischen einem Fels und einem harten Stein verbracht hätte. Obwohl sie eigentlich inzwischen genug hätte, könne sie einfach nicht anders, als sich immer wieder neue Polster zu nähen. Miranda stellte Mrs. Yancey die Fragen, die Indigo für zu direkt hielt. Einmal, als Miranda und Indigo etwas Ananas-verkehrt-Torte zu ihrem Tee verzehrten und Mrs. Yancey sich darüber ausließ, wie die Weißen die Schwarzen ruinierten, sie dem Alkohol und dem Laster in die Arme trieben, und wie sie anständige junge Mädchen zur Sünde verführten, sie von Allendale bis Hilton Head auf allen Hintertreppen rauf und runterjagten, platzte Miranda heraus:

«Wieso kriegen Sie dann soviel von den Weißen geschenkt? Wenn sie hartherzig und verdorben sind, warum lächeln Sie ihnen dann immer zu?»

Indigo war die Sache peinlich und sie gab Miranda eine kräftige Ohrfeige.

«Das ist ihr nur so rausgerutscht, M’am.»

«Nein. Nein, Indigo. Sie meinte es so, und es ist nicht richtig, jemanden zu schlagen, der sich nicht wehren kann. Du läßt sie jetzt hübsch in Ruhe und hörst mir gut zu.»

Indigo kuschelte sich in die kleine Couch und war beinahe nicht mehr zu sehen zwischen all den Kissen. Miranda beruhigte sich auch wieder und streckte sich neben ihr aus, die Ohren gespitzt.

«Die Leute hier haben nicht gerade die beste Meinung von den schwarzen Frauen. Sie können sich nicht vorstellen, wie ich zu meinen Sachen gekommen bin, und ziehen mich deshalb durch den Dreck, dieses gemeine Pack.»

«Oh, nein, M’am, niemand hat das behauptet!» Indigo schoß aus den Kissen hervor und kletterte mit Miranda im Schlepptau auf Mrs. Yanceys Schoß.

«Ich meine das auch nicht, mein Herz. Diese verdammten Tratschmäuler. Ich wollte nur sagen, daß sie einfach verrückt sind, wenn sie behaupten, ich würde mich bei diesen Leuten einschmeicheln. Ich tue nur meine Arbeit … schaue nach dem Rechten, putze, wachse die Böden, wische Staub, bügle, kehre aus. Und wenn ich etwas sehe, das ich gerne hätte, sage ich zu der gnädigen Frau: ‹Das ist wirklich hübsch.› Und dann starre ich sie an, den Blick etwas gesenkt, so von unten herauf. Ich schaue auf das, was ich haben will, und dann gleich wieder der Gnädigen in die Augen. Ich sage meiner Seele, sie soll in diese Sache schlüpfen, und schon weiß die Gnädige nicht mehr, wozu sie das eigentlich braucht. Sie dreht sich um und fragt mich, ob ich es nicht gebrauchen könnte, und ich kann es natürlich bestens gebrauchen. Und ich brauche auch meine Seele wieder, wenn ich hierher in mein Haus zurückkommen will.»

Indigo und Miranda dachten noch tagelang nach über das, was Mrs. Yancey gesagt hatte; aber noch viel mehr Gedanken machten sie sich über Mrs. Yancey und Mr. Henderson, der auch als Onkel John, der Schrotthändler, bekannt war. Er sah meistens ziemlich heruntergekommen aus. Indigo stellte sich vor, daß Onkel John früher, als sie noch nicht geboren war, als gutaussehender Mann gegolten hatte. Mrs. Yancey räumte das auch ein. Sie erschauerte jedoch jedesmal, wenn Onkel John mit dem Pferd und dem Wagen voller Dinge, die niemand haben wollte, vorbeikam, als wäre sie von der geballten Scheußlichkeit dieser Dinge völlig überrumpelt. Sie verzog den Mund, stemmte die Arme in die Hüften und flüsterte entweder diese geflüsterten Flüche, von denen Indigo schon Miranda erzählt hatte, oder sie stieß die Tür mit dem Fliegendraht auf und schrie:

«John Henderson, ich will dieses Gerümpel nicht sehen. Hau sofort ab mit diesem Mist, den du herumkarrst, hast du mich verstanden?»

Dann schlug sie die Tür wieder zu, wischte sich die Hände an ihrer Schürze ab und strich über ihre Zöpfe, als wolle sie sich vergewissern, daß bei ihr alles so ordentlich war, wie es bei Onkel John unordentlich war. Aber eines Tages, nachdem sie sich die Lunge aus dem Leib geschrieen hatte, um Onkel John dorthin zu schicken, wo er sein armes Haupt zur Ruhe legte, kam er die Treppe heraufgekrochen.

Miranda und Indigo schauten verstohlen vom Fenster aus zu, sorgfältig darauf bedacht, sich nicht hinter den Vorhängen blicken zu lassen. Onkel John war schlank und kupferfarben. Indigo erklärte Miranda, das sei sein indianisches Blut. Seine Augen hatten einen verschlagenen Ausdruck – wie die Augen der Jungen, die Cypress nach der Schule verfolgten; Augen, die zu kichern schienen, und der Mund eines stolzen Mannes. Mrs. Yancey kam Indigo eher wie Schwester Mary Louise vor. Sie zierte sich und machte alle möglichen Verrenkungen, kämmte ihr Haar einmal so und dann wieder so – und das alles nur weil Onkel John an der Haustür stand. Es war absurd. Einfach absurd.

Onkel John mußte dreimal auf die Klingel drücken. Schließlich öffnete Mrs. Yancey langsam die Holztür, die Tür aus Fliegendraht blieb geschlossen.

«Nun, John Henderson, was hast du hier auf meiner Veranda verloren, so wie du ausiehst?»

Womit sie recht hatte. Onkel John war etwas ungekämmt: weiße Kringel fielen ihm über die Ohren, bis unters Kinn; die Revers seiner Jacke waren ziemlich fadenscheinig und seine Schuhe völlig verdreckt. Mrs. Yancey hoffte zumindest, daß es nur Dreck war. Onkel John ließ sich jedoch von Mrs. Yancey nicht einschüchtern. Er schaute sie nur mit seinen kichernden Augen an und sagte:

«Ich kam in letzter Zeit öfters hier vorbei, M’am. Ich bin kein junger Mann mehr, und ich dachte daran, daß Sie genau wie ich hübsche Dinge sammeln und daß Sie nicht so aussehen, als wollten Sie immer allein bleiben. Ich hab einen Besuch bei Ihnen geplant, irgendwann mal in nächster Zeit, wenn Sie nichts dagegen haben?»

«John Henderson, Sie haben nicht einmal einen festen Wohnsitz. Sie baden nicht und rasieren sich nicht. Und Sie denken, ich fühle mich durch Sie, einen Mir-ist-alles-scheißegal-Typen, auch noch beehrt. Sie haben doch nicht einmal einen festen Wohnsitz.»

«Ich komme um die Abendessenszeit vorbei, einverstanden?»

Mehr sagte er nicht, aber er grinste sogar noch, als er sein Pferd Yoki tätschelte. Er muß ihm hübsche Dinge zugeflüstert haben, denn Yoki wieherte und schien zu erröten, und weg waren sie.

Miranda hatte sich kaum zu Mrs. Yancey und Onkel John geäußert, aber Indigo war überzeugt, daß er Mrs. Yancey sehr viel mehr bedeutete, als sie zugab; ihr Benehmen, nachdem er weg war, ließ das eindeutig erkennen. Und deshalb schlich sich Indigo auch sofort nach dem Abendessen – Eisbein mit Reis und Okras – aus dem Haus ihrer Mutter; sie wollte sehen, ob Onkel John tatsächlich zurückkommen würde, so wie er es angekündigt hatte. Sie nahm außer Miranda auch noch Marie-Hélène mit, da Marie-Hélène so zerbrechlich war, daß sie kaum jemals an die frische Luft kam.

Indigo war froh, daß ihre beiden Puppenfreundinnen dabei waren. Sie hätte ihren Augen allein nicht getraut. Onkel John war pünktlich zur Stelle. Er ging den Weg zu Mrs. Yancey hoch, den Weg, den er nehmen mußte; aber dieses Mal trug er einen Frack und einen Zylinder. Die Gamaschen über seinen Schuhen glänzten in dem lavendelfarbenen Himmel. Ein ebenholzschwarzer Spazierstock mit goldenem Griff ermöglichte es ihm, sich und seine Geschwindigkeit aufrecht zu erhalten. Und dann – als Mrs. Yancey an die Tür kam, waren die Zöpfe auf ihrem Kopf verschwunden. Ihr Haar war einfach überall, wie auf diesen Bildern über den Bars – Seejungfrauen, die mit ihrem Haar ihre Blöße bedeckten, Haar, das sie wie Algen umfloß. Sie trug auch nicht ihre Hausschuhe, sondern Schuhe mit hohen Absätzen und ein hellblaues Kleid, in dem sie wie ein Reiskorn in seiner Schale steckte. Mrs. Yancey nahm Onkel Johns Arm und sie schwebten praktisch über die Veranda zur Straße hinunter.

Indigo hörte Mrs. Yancey immer wieder sagen: «Onkel John, Sie haben nicht einmal einen festen Wohnsitz.» Jeder wußte, daß Onkel John in seinem Wagen lebte, aber keiner hatte je gesehen, was Indigo sah. Onkel John ging zu seinem Wagen, holte einen hübschen Sessel heraus, stellte ihn am Straßenrand auf und forderte Mrs. Yancey auf, sich zu setzen. Und gleich darauf sah Indigo, wie er mitten auf der Straße einen Perserteppich ausbreitete, einen Tisch festlich deckte, einen Weinkübel hervorzauberte und anfing, auf dem Herd hinter seinem Wagen das Essen zuzubereiten. Yoki war ebenfalls ganz festlich; in ihrer Mähne steckten Blumen und an ihren Hufen waren violette Federn angebracht. Onkel John stellte Kerzen auf den Tisch und befestigte ein kleines Blumenbouquet an Mrs. Yanceys Kleid. Sie blickte ständig um sich, als fühlte sie sich nicht besonders sicher in Onkel Johns Wohnzimmer mitten auf der Straße, und tatsächlich kamen auch ganz plötzlich die Geechee Capitans, eine berüchtigte Motorradbande mit Pretty Man als Anführer, die Straße entlanggebraust. Mrs. Yancey sprang beinahe auf ihr Dach. Onkel John ließ sich jedoch nicht beeindrucken von diesen jungen Rowdies auf ihren angeberischen, röhrenden Maschinen. Er schaute hoch, hob die Hand und winkte, und die Geechee Capitans, die noch nie jemandem in Charleston, South Carolina, einen Gefallen getan hatten, bildeten auf beiden Seiten von Onkel Johns Wohnzimmer-auf-der-Straße eine Sperre.

Marie-Hélène flüsterte Indigo zu, sie wäre einer Ohnmacht nahe. Miranda war sprachlos. Indigo versuchte etwas Wohlwollen aufzubringen für die Geechee Capitans mit ihren Lederjacken und den aufgenähten gekreuzten Klingen, den flachen Lederhüten und den schwarzen Stiefeln, beschützten sie doch ihre Freundin, Mrs. Yancey, die mit Onkel John, dem Schrotthändler, mitten auf der Straße zu Abend aß. Indigo stand, solange sie es für richtig hielt, hinter den Büschen, die zu dem Haus der Johnsons gehörten, und schaute zu. Als Onkel John einen Victrola-Plattenspieler aufstellte und eine Fletcher Henderson 78 spielte und Mrs. Yancey zum Tanzen aufforderte, wußte Indigo jedoch, daß es an der Zeit war, nach Hause zu gehen. Zuviel Magie hing in der Luft. Indigo spürte den Mond in ihrem Mund. Er sang. Der Süden in ihr.

FÜR FREIER, DIE DEN SEGEN DES MONDS WÜNSCHEN

Man füllt ein in der Sonne funkelndes Glas mit klarem Quellwasser. Fügt etwas frische Minze und einen Mundvoll Honig hinzu. Fährt mit dem Mittelfinger sanft die Kurve seiner Lippen nach, so wie die Geliebte es tun würde. Küßt die Konturen des Fingers, holt so tief Luft, daß die Lenden es spüren, und hält den Atem an, während man sich das Gesicht der Geliebten vorstellt. Man atmet aus, die Geliebte immer noch vor Augen. Mit dem geküßten Finger fährt man zwölfmal den Rand des Glases nach, wobei man jedesmal den Namen der Geliebten ausspricht. Und jedesmal stellt man sich dabei die freudestrahlende Geliebte vor. Man schließt die Augen. Läßt sich völlig von der Geliebten durchdringen. Und trinkt all die Freude, die einem zuteil wird.

WENN DER GELIEBTE AUGEN FÜR EINE ANDERE HAT

Man schläft auf der linken Seite mit sechs weißen Rosen neben sich auf dem Kissen. Man stopft eine Handvoll Turnera-Blätter in das Kissen und wiederholt das Ganze an drei aufeinanderfolgenden Tagen. Am vierten Tag bereitet man sich aus einer Handvoll Turnera-Blätter etwas Tee zu. Man trinkt zwei Tassen, die eine bei Sonnenaufgang, die andere bei Sonnenuntergang. Die restlichen Turnera-Blätter sollten mit Kubebenpfefferkörnern gemischt und in roten oder blauen Baumwollstoff eingeschlagen werden. (Rot, wenn man große Leidenschaft für den Geliebten empfindet. Blau, wenn man nur seine Treue wünscht). Trägt man in der Gegenwart des Geliebten den mit Turnera-Blättern und Kubebenpfefferkörnern gefüllten Beutel bei sich, so wird sich alles wunschgemäß erfüllen.

OHNE BESONDERE WÜNSCHE ZU HABENEIN DANK FÜR DIE GABEN DES MONDES

(Vollmond erforderlich)

 

Man nehme ein ganz normales, mit Zimt und Vanille parfumiertes Bad. Wasche sich die Haare mit Himbeer-Tee. Spüle gründlich nach und vergewissere sich, daß man auch alle Stellen des Körpers berührt, die der Geliebte berühren würde. Man gehe völlig nackt nach draußen, ohne Schmuck, ohne Kleidungsstücke. Man strecke sich auf dem Boden aus, öffne sich dem Himmel und denke an den Geliebten. Rieche ihn. Man teile mit dem Mond alle Wonnen, die der Geliebte einem schenkt. Man gebe sich ganz hin. Alle Zeichen des Dankes werden honoriert (kann auch in Gesellschaft des Geliebten durchgeführt werden, wenn er über einem steht, die Beine geöffnet, oder in einem Abstand von fünfzehn Zentimeter neben einem liegt). Bevor man aufsteht, muß man alles, was man über den Geliebten weiß, dem Mond anvertraut haben, da der Geliebte einem sonst nichts mehr geben kann. (Nur für Fortgeschrittene. Im Zweifelsfall warten.)

***

«… Und eure Söhne werden Hirten in der Wildnis sein. Zahlen 14:33. Ich glaube, für heute abend reicht das zum Meditieren, Indigo.»

«Aber das hat doch überhaupt nichts mit mir zu tun, Schwester Mary Louise.» Indigo rutschte auf ihrem Sitz hin und her; sie half Schwester Mary Louise Blumen für das Treffen auszusortieren, das die Little Shepard Church of Judea für die Jugend organisiert hatte.

«Keine Gotteslästerungen, Indigo. Der Herr mag kein sinnloses Geplapper.»

«Ich plappere nicht, Schwester, wirklich nicht. Ich bin eben ein Mädchen, das ist es, und ich möchte wissen, was ich tun soll.»

Indigo schob die Rosen von der einen auf die andere Seite, wich dabei geschickt den Dornen aus und handhabte die Knospen behend und sorgfältig. Diese da ist in Ordnung. Diese nicht. Für zerdrückte Blüten gab es keinen Platz auf dem Altar des Herrn. Schwester Mary Louise war immer entzückt, wenn Indigo vorbeikam. Die andern beiden, die eine, die sich nach Norden abgesetzt hatte und die andere, die immer mit dem Hintern wackelte, hatten nie gelernt, wie man mit Blumen umgeht oder dem Herrn gehorcht. Schwester Mary Louise, die keine Kinder um sich herum hatte, lud Indigo, nicht aber Indigos Puppenfreundinnen ein, unter ihren Blumen zu weilen und den Herrn zu loben, dessen Güte so unendlich war, daß man ihm nie genug danken konnte, und sie lud sie ein, mit ihr zusammen Brot zu backen.

«Du kannst die Brotlaibe aus dem Ofen holen und dich wie ein anständiges, christliches junges Mädchen benehmen, das wär doch was.»

Indigo blickte auf die Rosen und dann auf ihre Freundin, Mary Louise Murray, die offensichtlich schon zu lange unter Rosen geweilt hatte. Ihr Gesicht glühte wie die Blütenblätter und die Adern schimmerten wie die Opale, die sie in den Ohren trug. Ein dicker Zopf, in der Mitte ihres Kopfs angeklatscht, wand sich rund um ihren Kopf; Schlangen im Garten. Blaßgrüne Augen, die auseinanderstoben, wenn der Heilige Geist von ihr Besitz ergriff, wenn Tau auf ihren Sträuchern lag und die Sonne gerade aufging. Indigos Seele sträubte sich gegen Schwester Marys christliche Gesinnung. Sie war aber keineswegs von Natur aus verdorben, sondern hatte nur zuviel mit dem heidnischen Volk da draußen auf den Inseln zu tun gehabt.

«Brotbacken, ist das alles, was die christlichen jungen Mädchen tun?»

Indigo spähte in den Ofen. Die Hitze, die ihr entgegenschlug, war so stark, daß sie die Stirn runzelte.

«Ist noch nicht soweit», sagte sie und ließ die Ofentür sorgfältig wieder zuschnappen. Schwester Louise war pikiert.

«Nein, Indigo, wir backen nicht nur Brot. Die Schönheit dieser Welt liegt uns am Herzen. Blumen und Kinder.»

Schwester Mary Murray war bekannt dafür, daß der Geist auch außerhalb der Kirche über sie kam, und daran änderte auch ihre ganze Frömmigkeit nichts. Manchmal, wenn sie auf den Fischmarkt ging oder ihre Brote austrug, hatte sie zu singen angefangen: «I Ain’t Got Weary Yet» oder «Didn’t My Lord Deliver Daniel», und war verzückt auf der Straße stehengeblieben. Für eine Dekanin kein sehr vorbildliches Verhalten. Bei vielen Predigten wurde sie aufgefordert, darüber zu berichten, wie sie am hellichten Tag vom Teufel heimgesucht worden war, der die Weisen des Heiligen Geistes angenommen hatte und die Sünderin in ihr in Versuchung führte. Manche glaubten, ihre Kinderlosigkeit wäre die Ursache für Schwester Marys Anwandlungen. Sie traten nur ein, wenn sich ein breitschultriger, ungeschlachter Bursche vom Land in einem Abstand von drei bis vier Metern von ihr aufhielt. Andere meinten, Schwester Mary Louise würde ab und zu einen trinken und sich dann so wunderbar fühlen, daß sie es nicht mehr aushalten konnte. Indigo wußte, daß Schwester Mary Louise in der Tat eine gute Christin war. Die Schwester erlaubte keine Puppen, die redeten, in ihrem Haus.

«Mir kommen diese Dinger nicht ins Haus. Was glaubst du, würde der Herr von mir denken, wenn ich meinen Tisch für diese Dinger decken würde?» Das waren ihre Worte gewesen.

Indigo war verärgert. Das Brot war immer noch nicht fertig. Kleine Mädchen würden Brot backen und sich um die Schönheit dieser Welt kümmern, sagte die Schwester. Indigo hatte das Gefühl, der Magen würde ihr gleich aus dem Mund springen, alle Blumen über den Haufen rennen, die Brote zertrampeln und ein Höllenspektakel veranstalten in Schwester Marys großer weißer Küche, in der Jesus von jeder Wand blickte. Das Abendmahl. Die Verkündigung. Der Berg Golgatha, auf dem er auf seine «Herde» wartete. Indigo war so wütend, daß ihr ganz schwindlig wurde und ganz heiß.

«Schwester Mary Louise, ich habe mit Miranda gesprochen und sie wollte nichts backen.»

«Ich sagte dir schon, du bist zu groß, um noch mit Puppen zu reden. Du lieber Himmel, Indigo, schau dich an!»

Indigo versuchte sich auf Schwester Marys Gesicht zu konzentrieren. Sie sah jedoch nur ein Flimmern. Dann versuchte sie, sich selbst zu betrachten, blinzelte aber nur und rieb sich die Augen, um irgendwelche Konturen erkennen zu können. Sie sah, wie sich zu ihren Füßen eine scharlachrote Pfütze ausbreitete. Schwester Mary hüpfte auf und ab.

«Indigo, der Herr hat eine Frau aus dir gemacht. Erhebe deine Augen zum Himmel, um Seinen Segen zu empfangen. Nach oben, sage ich dir. Schau auf Jesus, der dich heute segnete.» Indigo ließ sich wie Schwester Mary auf ihre Knie nieder. Sie lauschte und bewegte sich in ihrem immer größer werdenden scharlachroten See zu der Stimme dieser grünäugigen Frau, die ihre Gesänge zum Himmel sandte: «Trouble In Mind», «Done Made My Vow» und «Rise and Shine», damit Indigo auch wüßte, «unter wem Maria Magdalena weilte».

«Rede, mein Kind, erhebe deine Stimme, damit der Herr dich als die Frau erkennt, die du bist.»

Schwester Mary Louise erhob sich, ihr magerer Körper war mit Indigos Blut bedeckt. Sie zog Indigo behutsam aus und legte ihre Kleider in einen Eimer mit kaltem Wasser. Sie füllte für Indigo einen Zuber mit warmem Wasser, in dem die Blütenblätter von Rosen schwammen: weiße, rote und gelbe für die neue Frau. Sie flocht eine Blumengirlande für Indigo und forderte sie auf, in den Garten hinter dem Haus zu gehen.

«Dort solltest du die ersten Stunden verbringen, umgeben von den Wundern der Schöpfung. Wir mußten den Garten Eden verlassen, weil Eva verflucht worden war. Aber wie ich dir schon sagte, Frauen sind für die Kinder und das Schöne da. Du kannst jetzt beides haben. Empfange Seinen Segen und laß dein Blut zwischen den Rosen fließen. Geh in die Hocke wie bei einer Geburt. Und lächle so wie du lächelst, wenn der Herr dir eine der Freuden eines Frauenlebens zuteil werden läßt. Geh nun und tu, was ich dir sage. Und hab keine Angst, nur weil du nackt bist.»

Schwester Mary schloß daraufhin die hintere Tür. Indigo saß blutend zwischen den Rosen, die voller Duft und Anmut waren.

AUSSERGEWÖHNLICHE AUGENBLICKE WÄHREND DER MENSTRUATION

(Indigo zu ihren Puppen, während sie für jede einzelne von ihnen eine Binde aus Samt verfertigte.)

 

A. Menstruationsfluß:

 

Lächle, wenn du entdeckst, daß du blutest; ein offenes, ehrliches Lächeln, denn du wirst dich ganz besonders im Einklang mit deinen magischen Kräften befinden. Es sind ganz persönliche, ganz spezielle Augenblicke. Zum Träumen und zum Nachdenken. Wechsle das Bettzeug, nimm deine Lieblingsbettücher. Schlaf mit einem Lorbeerblatt unter dem Kopf. Bade in weißem Ysop, weißen Seerosen. Hör auf die Stimmen deiner Erscheinungen; sie sind in nächster Nähe. Vergiß alle Störenfriede und drückenden Sorgen, laß deinen Körper ausscheiden, was er nicht braucht. Erinnere dich daran, daß du ein Fluß bist, ein Fluß mit Uferbänken aus rotem Honig, an denen der Mond entlangwandert.

 

B. Bei Störungen während der Regel:

 

Sei nicht böse auf deinen Körper, wenn das Blut nicht richtig fließt. Iß Erdbeeren und bereite aus den Blättern Erdbeertee zu, um die Regel in Gang zu bringen. Um das Blut stärker fließen zu lassen, trink Sommerwurz. Zur Stärkung, bevor die Regel einsetzt, trink Natterwurz- oder Baldriantee. Gegen Krämpfe kaue wilden Ingwer.

***

«Indigo, ich möchte nichts mehr davon hören, ist das klar? Ich hole nicht mein bestes Service heraus und decke den Tisch für fünfzehn Puppen, die ihre Regel kriegten.» – «Aber Mama, ich habe doch schon allen versprochen, daß wir heute feiern würden – weil wir nun bald erwachsen und richtige Frauen sind. Schwester Mary Louise sagte das auch. Sie sagte, wir sollten ein Fest veranstalten, unsere Lieblingskleider anziehen und unsere Lieblingsspeisen essen.»

«Schwester Mary Louise sollte sich mal besser verheiraten, bevor sie völlig den Verstand verliert. Ich möchte nicht, daß du bei dieser einfältigen Frau ein und ausgehst. Und gib mir meinen guten Samt zurück, den du deinen Puppen zwischen die Beine gestopft hast. Renn zur Apotheke und hol dir Kotex. Und komm anschließend hierher zurück und pack diese Dinger weg. Auf den Dachboden mit ihnen. Und dann zu mir, und ich werd dir schon sagen, über was du dir Gedanken machen sollst, jetzt, wo du eine richtige Frau bist.»

«Mama, das geht nicht. Ich kann sie nicht wegpacken. Ich habe dann niemand mehr, mit dem ich reden kann. Niemanden.»

«Indigo, du bist zu groß für diesen Quatsch. Mach, was ich dir sage, los.»

«Mama, und wenn ich Miranda nicht mehr auf die Straße mitnehme und meine andern Freundinnen oben lasse, kann ich sie dann behalten? Bitte, Mama, ich weiß, daß es nur Puppen sind. Wirklich. Sassafrass und Cypress haben auch noch die ganzen Sachen, die sie als Kinder gemacht haben.»

«Das stimmt nicht. Wer hat ihre ganzen Puppen? Ich verstehe das nicht – ein so großes Mädchen wie du, das zur Schule schon einen Büstenhalter und Strümpfe trägt und nichts anderes im Kopf hat als diese Komödie. Aber wenn du mir versprichst, daß du sie in deinem Zimmer läßt und von mir nicht verlangst, daß ich für sie singe, sie füttere und mit ihnen spreche, brauchst du sie nicht wegzupacken. Jetzt aber zur Apotheke.»

Indigo ließ ihr Schulbuch auf dem Küchentisch liegen, lief zu ihrer Mutter, die an der Spüle Kohlblätter zerkleinerte und umarmte sie stürmisch. Die Schürze ihrer Mutter roch immer noch nach Zimt und Knoblauch, sie konnte sie waschen, so oft sie wollte. Es roch wie damals, als ihre Mutter diesen Druck in ihren Brüsten verspürte – als würde die Milch wieder in ihren Brustwarzen explodieren, Feuchtigkeit und Süße verbreiten; aber dieses Mal besänftigten sie Indigos Tränen.

«Indigo, du bist meine Jüngste, aber du machst es mir nicht immer leicht, und das weißt du auch.»

«Mama, heute kann ich dir’s leicht machen, ich weiß nämlich schon, was du mir erzählen willst, wenn ich zurückkomme.»

«Du weißt das, wirklich?»

«Ja, du willst mir sagen, daß jetzt, wo ich eine Frau bin, auch Männer hier auftauchen – sie folgen der Spur von Sternen, die ich hinterlasse, wenn es dunkel wird.»

«Was?»

«Die Sterne, die zwischen meinen Beinen hervorkommen und die nur Männer sehen können, die stark und reinen Herzens sind.»

«Indigo, hör gut zu. Das hier ist Charleston, Südcarolina. Und die kleinen schwarzen Mädchen hinterlassen keine Spur von Sternen. Die Jungens, die dir nachstellen, taugen rein gar nichts. Und die Weißen, die sich hier herumtreiben, haben den Teufel im Leib – alles, was sie mit einer schwarzen Frau im Sinn haben, ist gefährlich. Du mußt endlich aufhören mit dieser Komödie. Bitte, tu’s für deine Mutter.»

«Jedesmal wenn ich dir etwas erzähle, kommst du mir mit den Weißen. Die Weißen sagen, da kann man nicht hingehen – die Weißen sagen, das kann man nicht tun. Ich hab sie nicht erfunden, was haben sie mit mir zu tun? Ich bin nicht weiß. Meine Puppen sind nicht weiß. Und ich lasse die Weißen in Frieden.»

«Das stimmt, aber sie lassen uns nicht in Frieden, kapierst du das nicht?»

«Wenn sie dich nicht in Frieden lassen, mach was dagegen.»

«Soll das eine Frechheit sein?»

«Nein, M’am. Ich versteh nur nicht, warum hier plötzlich ein oller Weißer auftauchen soll, der es auf uns abgesehen hat. Das ist alles.»

Indigo ging zu ihrer Mutter, und ihre Ernsthaftigkeit schien die Fülle und die Gerüche der Küche aufzusaugen.

«Ich hab dich so lieb, Mama, und du bist eine erwachsene, farbige Frau. Könnte hier wirklich irgendein Weißer auftauchen und dir weh tun – wann es ihm gerade paßt? Oh, ich könnte sie umbringen; wenn sie dir weh täten, Mama, würde ich es tun. Ich würde jeden umbringen, der dir weh tut.»

Sie preßte ihr Kind so fest an sich, wie sie nur konnte, so eng wie sie konnte, und flüsterte so sanft und liebevoll wie sie konnte:

«Nun, wir werden beide gut aufpassen und auch aufeinander aufpassen, okay?»