Schwarzer Schwur - Holger Spiecker - E-Book

Schwarzer Schwur E-Book

Holger Spiecker

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Beschreibung

Das Leben von Benjamin Linkendorff verläuft von Anfang an ungewöhnlich. Immer dann, wenn er in große Gefahr gerät und sogar sein Leben bedroht ist, bekommt er Unterstützung eines geheimnisvollen Schwarms von Rabenvögeln. Auch besondere Fähigkeiten, die Benjamin im Laufe seiner jungen Jahre zu nutzen lernt, scheinen mit dem Schwarm in Verbindung zu stehen. Vor seinem dreißigsten Geburtstag erfährt der junge Mann, was es mit den schwarzen Vögeln auf sich hat und welcher Berufung er folgen soll. Wird sich der "Schwarze Schwur" am Ende erfüllen? Krähen, Raben, Greifvögel, Dämonen, Götter, aber auch Helden und deren Gegner finden sich in der Geschichte um den "Schwarzen Schwur" wieder. Angelehnt an die germanische Mythologie und den ewigen Kampf zwischen Gut und Böse, ist eine mystische Fantasy-Geschichte entstanden, die keinen Leerlauf aufweist, sondern von der ersten bis zur letzten Zeile den Leser in ihren Bann zieht.

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Seitenzahl: 637

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Für Andrea & Fabian & Lisa

Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1 "Die Begegnung"

Kapitel 2 "10 Jahre später"

Kapitel 3 "Im Leben verbunden"

Kapitel 4 "Geschichten"

Kapitel 5 "Krieg"

Kapitel 6 "Schwarzer Schwur"

Epilog "70 Jahre später"

Epilog "Noch einmal zehn Tage später"

Kapitel 1 "Die Begegnung"

1

Der Blick auf die geschmackvoll angeordnete Gartenlandschaft zauberte Angelika Linkendorff ein Lächeln auf ihre Lippen, denn sie empfand bei dem Anblick der eigenen Grünflächen eine tiefe Zufriedenheit. Der Garten war ihr Reich und sie hatte sehr viel Mühe und Zeit investiert, um die Blumenbeete, Rhododendronbüsche oder Baumreihen so anzulegen, dass noch genügend Platz für den Teil ihres Lebens blieb, der mitten auf der großen Rasenfläche gerade versuchte, von seiner Wolldecke zu krabbeln.

Benjamin, der bald einjährige Sohn der Linkendorffs, spielte mit seinen Stofftieren gerne auf dem Rasen, was man vor allem daran merkte, dass er immer laut jauchzte, wenn Mama ihn nach draußen trug.

Hier, aus der geräumigen Küche mit direktem Zugang zum Garten, konnte sie ihn durch das Panoramafenster hervorragend beobachten und sofort reagieren, wenn mal wieder der kleine blaue Stoffelefant anders wollte wie es der grüne Plastikdinosaurier in Benjamins Hand vorgegeben hatte.

Aber vom tollen Wetter sowie der ruhigen Idylle ließ sich auch der Kleine anstecken und beendete seinen Bewegungsdrang kurz vor der Deckenkante, legte den Dino zur Seite und befasste sich stattdessen mit den Tieren vom Kinderbauernhof.

Das Lächeln auf Angelikas Gesicht blieb und ihre Gedanken schweiften einige Jahre zurück, als sie und ihr Mann Berthold sich kennen gelernt hatten. Er, der umtriebige Mädchen-für- alles-Mann in der Firma, in der sie beide arbeiteten und sie, die Sekretärin des Chefs, die vor allem beim männlichen Personal hoch im Kurs stand.

Alle wussten von ihr, dass sie noch Single war, aber man wusste auch, dass sie hohe Ansprüche an ihren jeweiligen Partner stellte, denen einige der damaligen Kollegen nicht gewachsen waren.

Bei Berthold war das anders, denn er ließ sich immer etwas Neues einfallen, um der begehrten Arbeitskollegin zu zeigen, dass er mehr als nur kollegiale Gefühle für sie hegte.

Schokoladenstücke, zum Herz geformt auf einem Teller an ihrem Schreibtisch oder ein in Geschenkpapier eingepacktes Frühstücksbrötchen mit Grüßen wie zum Beispiel "Ein kleines Brötchen reich verziert, am Morgen stets zum satt sein führt" waren keine Seltenheit.

Das, sowie seine beruflichen Ideen hatten sie beeindruckt und da der so einfallsreiche Kollege auch noch gut aussah stand einer Liaison nichts im Weg.

Und es war als hätten sich die Beiden gesucht und gefunden, denn sie ergänzten sich in fast allen

Lebenslagen perfekt.

Am Ende war es ein, zu diesem Zeitpunkt nicht ganz so ernst gemeinter Vorschlag von Angelika, ob er denn nicht in der Lage sei eine Lampe zu erfinden, die nicht schon nach drei Wochen kaputt gehen würde, der Berthold ins Grübeln brachte.

Gerade hatte eine der Glühbirnen in der damaligen Küche mit einem leisen "Peng" ihr Dasein ausgehaucht und natürlich gab es keine Ersatzbirne.

Doch was sie ihrem Gatten mehr flapsig als Frustbewältigung zurief, war für Berthold der Beginn eines tollen Einfalls und im Nachhinein betrachtet der Start zu einem bequemeren Leben.

Als diplomierter Materialwissenschaftler, der sich in seiner Freizeit immer wieder mit elektronischen Problemfällen auseinandergesetzt hatte, wusste Berthold, dass man mit Leuchtdioden eine Menge bewirken konnte.

Am Ende erfand er eine LED, die neben den günstigen Herstellungskosten eine Leuchtkraft von 1000 Lumen, was in etwa die Helligkeit einer 75 Watt-Birne entsprach.

Die Lizenz zur Herstellung der neuartigen LED wurde in alle Welt verkauft und mit den finanziellen Erträgen war klar, dass Familie Linkendorff nie mehr Geldsorgen haben würde.

Ein lautes "Mama…Wauwau…" riss Angelika aus ihrem kurzen, aber doch sehr positiven Tagtraum und sie sah zu Benjamin, der noch immer auf der Decke sitzend mit seinen kleinen Händchen in Richtung der jungen Birken zeigte.

Das glückliche Lächeln auf den Lippen der jungen Mutter gefror zu einer entsetzten Grimasse.

Am Rande des Gartens saß abwechselnd laut bellend, knurrend und Zähne fletschend ein sehr großer Hund!

2

Sie wusste sofort, dass er in Gefahr war…in großer Gefahr und sie wusste auch, dass sie gebraucht wurden.

Sie und ihr Volk, ihre Brüder und Schwestern, würden ihm helfen, so wie es ihre Art in all den Jahrtausenden schon immer getan hatte.

Bis zu diesem Zeitpunkt hatte es keine Gründe gegeben eingreifend zur Stelle zu sein, denn die, die ihm vom Herzen näher standen, hatten alles im Griff gehabt.

Eine Tatsache, die ihr Volk in all dieser Zeit nicht immer so erwarten konnte.

Doch dieses Mal war es ernst, die Beschützer waren nicht zur Stelle und er war auf ihre Hilfe angewiesen, auf die Hilfe von ihr, die sich geistig mit ihm so stark verbunden fühlte, dass sie merkte, wenn etwas nicht stimmte.

Und sie würde da sein…sie rief ihre Gefolgschaft zusammen.

3

Im ersten Augenblick wusste Angelika Linkendorff nicht, was sie machen sollte. Ihr grundlegender Gedanke war laut los zu schreien und gleichzeitig in die Richtung ihres Sohnes zu rennen. Doch sie wusste auch, dass sie damit den Jagdinstinkt des Tieres, welches aussah wie ein Kampfhund, wecken könnte.

Die Gefahr bestand darin, dass dieses Monstrum eher bei Benjamin sein würde und ihn eventuell schwer verletzen könnte. Und der Hund bewegte sich langsam auf die Stelle zu, wo ihr Sohn die Gefahr, die da knurrend und geifernd auf ihn zukam, nicht wahrhaben wollte.

Sein begeistertes "Mama…Wauwau" und das Zappeln seiner Arme machten das Tier noch wilder, was man an dem aufgeregten Bellen und dem danach folgenden lauten Knurren unschwer erkennen konnte.

Angelika tat das, was eine in Panik geratene Mutter immer täte, wenn ihr Kind in Gefahr geraten würde.

Mit lautem Rufen und wilden Drohgebärden versuchte sie den Hund auf sich aufmerksam zu machen, was ihr nach, für sie unendlich langer Zeit, auch gelang.

Das Tier hob den Kopf und schaute in ihre Richtung, das kleine Kind für einige Zeit nicht beachtend.

Plötzlich, ohne Vorwarnung, ohne dass Angelika auch nur ahnen konnte was da gerade passierte und ohne die geringste Chance auf die kommende Attacke zu reagieren, lief der nun nur noch aggressiv knurrende

Hund auf sie zu.

Mit einer geschmeidigen und kraftvollen Sprungbewegung warf sich das Tier gegen Angelika, die daraufhin ihr Gleichgewicht verlor, nach hinten fiel und mit dem Hinterkopf auf die unterste, hölzerne Treppenstufe knallte.

Der letzte Gedanke den sie noch fassen konnte war "Nein, nicht ohnmächtig werden", aber das Gefühl der Taubheit, das sich, von ihrem Kopf im gesamten Körper nach dem Sturz ausbreitete, konnte sie nicht bekämpfen.

Ein dunkler Vorhang legte sich über ihre Sinne und das Letzte, was sie wahrnahm war der Hund.

Wie er sich von ihrer Gestalt abwandte und seine Augen wieder auf das richtete, was ihn von Anfang an wesentlich mehr interessiert hatte.

4

Was kann ein einjähriges Kleinkind an Gefahren erkennen, kann es das überhaupt?

Benjamin konnte dies im ersten Augenblick nicht, denn er sah nur den großen Hund, den er, wie alle Kinder in seinem Alter nur als "Wauwau" bezeichnete.

Er kannte die kleine Promenadenmischung vom Nachbarn, der öfters zu Besuch kam und mit dem er dann auch immer spielen konnte.

Für ihn war dieses Tier dort nichts anderes als die größere Version dieses Nachbarhundes und das wiederum bedeutete, dass man mit ihm einen

Spielpartner gefunden hatte.

Als er jedoch sah, wie das Tier seine Mutter angriff und diese zu Fall brachte verstand auch Benjamin, dass dieses Monster nicht hier war, um mit ihm zu spielen.

Er begann zu weinen und rief nach seiner Mutter, die aber nicht reagierte, wobei das für den Kleinen erst Recht Grund genug war, nun sehr laut ihre Aufmerksamkeit zu fordern.

Der Hund jedoch war nach seinem Angriff gegen Angelika noch aggressiver geworden.

Doch anstatt sich über die wehrlose Frau her zu machen, war der Instinkt, das letzte sich bewegende Lebewesen in seiner Nähe auch noch kampfunfähig zu machen, wesentlich größer, als die leblose Gestalt vor ihm zu traktieren.

Das kreischende Weinen und Rufen des kleinen Benjamin wirkte auf den Hund wie ein nicht endend wollender Adrenalinschub und das Knurren und Bellen wurde immer lauter und wilder.

Er drehte sich in die Richtung des Jungen und wusste genau, dass dieses Wesen ihm nicht zu nehmen war.

Seine primitiven Gedanken hatten ihm klar aufgezeigt, dass es sich bei diesem kleinen Ding um eine sichere Beute handelte, die nicht im Entferntesten daran dachte, zu flüchten.

Ganz langsam bewegte er sich auf die Decke auf der Wiese und damit auf den einjährigen Benjamin zu.

5

Etwas war gelandet!

Benjamin wurde urplötzlich in seinem flehenden Weinen nach seiner Mutter unterbrochen, abgelenkt.

Nur einen halben Meter vor ihm war ein großer Vogel auf der Decke gelandet.

Normalerweise waren alle Vögel für ihn nur "Pieppiep", aber die waren klein und bunt.

Dieser war groß, schwarz und sah gar nicht nach den kleinen Tieren aus, die ihm immer wieder wegen ihres Gesangs und den Flugkünsten im Garten aufgefallen waren.

Der schwarze Vogel war eine Krähe und die schwarzen Augen des Tieres sahen Benjamin direkt an.

Doch im Gegensatz zu dem Hund fühlte sich der Kleine beim Anblick der Krähe sicher.

Sein kleiner Körper entspannte sich und Benjamin hörte augenblicklich auf zu weinen.

Er sah die Krähe an, er lächelte sie an und er merkte, dass hier ein Freund auf seiner Decke gelandet war.

Ein Freund, den er noch nie im Leben vorher gesehen hatte und doch war es ein Freund.

6

Sie hatte ihre Brüder und Schwestern gerufen und alle waren gekommen, so wie sie es ihr vor langer Zeit geschworen hatten. Wenn er in Gefahr wäre, würden sie ihr Leben geben, um ihm zu helfen, denn sie wussten um seine Bestimmung.

Es war ihnen immer wieder gelehrt worden und sie hatten es mit der Luft zum Atmen aufgesogen.

Jede Faser ihrer Körper war auf den Augenblick ausgerichtet, an dem er ihre Hilfe benötigte… und das war jetzt der Fall.

Das laute Krächzen war mit dem Wind weit fort getragen worden und alle hatte der Ruf ereilt.

Hunderte von Krähen warteten nun auf den Befehl, die Bedrohung für ihn, notfalls mit ihrem Leben, zu vernichten.

Sie, ihre Königin, würde genau wissen wann das war.

Sie musste jedoch erst einmal ihn beruhigen.

Er saß da, auf einer Decke und war noch so klein, so unbekümmert und sie hofften, dass diese

Unbekümmertheit sich später in Weisheit und Achtung vor anderem Leben entwickeln würde.

Nur der geistig Starke war für die Prophezeiung geeignet und manchmal entwickelten sich die Gegebenheiten anders, als wie es ihr Volk in all den Jahrtausenden erwartet hatte.

Das waren dann Zeiten geworden, in denen ihr Volk kurz vor dem Untergang stand, doch immer wieder hatte es eine Lösung gegeben. Mal gewollt, mal durch Zufall und ein ums andere Mal konnte die Katastrophe von den Rabenvögeln abgewandt werden.

Doch jedes Mal, wenn sich die Zeiten wiederholten, musste aufs Neue gebangt werden.

Hier und jetzt musste jedoch aus einem anderen Grund Gefahr abgewendet werden, denn der Auserwählte war in eine Situation geraten, aus der er nur mit ihrer Hilfe gerettet werden konnte.

Da kam der laute krächzende Befehl, die Würfel waren gefallen.

7

Die Situation hatte sich geändert, das merkte der Hund sofort. Nicht mit überragender Intelligenz, sondern mit seiner verschlagenen Erfahrung aus unzähligen Kämpfen auf Leben und Tod. Wobei der

Tod immer seinen Opfern vorgegeben war.

Er wusste nicht was gerade passiert war, er wusste nur, dass er sein großes Opfer kampfunfähig gemacht hatte.

Und jetzt, da es sich nicht mehr rührte, konnte der Hund sich dem Wesen zuwenden, dass mitten auf der Wiese auf einer großen Decke Laute von sich gab, die ihn noch wütender machten, als er es ohnehin schon war.

Mit denselben primitiven Instinkten die ihm anzeigten, dass hier nichts und niemand sich ihm in den Weg stellen würde wusste er, dass das kleine Wesen dort ein leichtes Opfer war, von dem er keine große

Gegenwehr befürchten musste.

Es war fast so wie dort, wo er bis zu seinem Entkommen gelebt hatte, nur dass er dort seine Opfer in einem Käfig so lange jagen konnte, bis diese sich entkräftet aufgaben.

Der Hund wusste nicht welche Tiere oder Lebewesen er bisher in seinem Tötungsdrang dahin gerafft hatte, er wusste auch nicht, wie viele es waren.

Er wusste nur, dass er töten musste, denn darauf war er von seinem Lehrer ausgebildet worden.

Sein Lehrer hatte keine Angst vor ihm gezeigt, hatte ihn sogar mit Dingen geschlagen, die große Schmerzen in ihm verursacht hatten.

Manchmal hatte er tagelang nichts zu fressen bekommen und war dann in einen Kampf mit anderen seiner Rasse geschickt worden, um sich an ihrem Fleisch zu laben, wenn sie besiegt waren.

Er war eine gefühllose Bestie geworden und er hatte keine Ahnung davon.

War auf seine Instinkte angewiesen und beherrschte diese nicht.

Töten, er musste töten und das kleine Wesen dort war sein nächstes Opfer, er würde es zerfleischen, zerfetzen.

Die Leichenteile in der Umgebung verteilen, vergraben oder einfach nur fressen.

Es würde seinen Blutrausch befriedigen ohne, dass er davon Kenntnis nahm.

Der Hund schlich auf das Kind zu und dann hatte sich die Situation geändert.

Ein Tier, ein Vogel war neben seinem Opfer urplötzlich gelandet und hatte zuerst das Kind und dann ihn unverblümt angeschaut.

Er kannte dieses Tier, denn er hatte auch davon unzählige in seinem Käfig gejagt, gestellt und in tausend Fetzen gerissen.

Es würde kein Problem sein, auch dieses Lebewesen zu vernichten.

Und trotzdem merkte er, dass von diesem Vogel eine Gefahr ausging. die er nicht einschätzen konnte.

Nicht er, der nur für Blut, Grausamkeit und Tod lebte.

Sein Opfer hatte aufgehört die lauten Geräusche von sich zu geben, es war ruhig und sogar entspannt.

Während er etwas irritiert die neue Situation zur Kenntnis nahm, gab der schwarze Vogel neben seinem Opfer einen lauten, ihm zwar vertrauten, aber in dieser Intensität noch nicht vernommenen Laut von sich.

Einen Laut den sogar er als eine Art Befehl empfand, obwohl er nicht verstand, was der Vogel wirklich mit diesem Ton bewerkstelligen wollte.

Doch dann hört er ein Vielfaches dieses Tones, eine immer lauter werdende Bedrohung aus dem Himmel in seinem Rücken und er drehte sich ruckartig herum, um zu schauen, was da auf ihn zukam.

Eine riesige schwarze Wolke, aus vielen hundert Leibern von Vögeln stürzte sich unversehens auf ihn und ein großer schwarzer Schnabel bohrte sich in sein rechtes Auge und riss es ihm mit einem Ruck aus dem Kopf.

8

Die Krähen und Raben stürzten sich auf den Hund der ihn bedrohte, ihre Königin hatte den Befehl gegeben und sie würden diesen Befehl bis zum Tod ausführen.

Entweder ihrem oder dem Tod der Bedrohung. Viele hundert Tiere, bewaffnet mit scharfen, spitzen und den Tod bringenden Schnäbeln, bekämpfte den Hund.

Der zeigte sich zuerst überrascht von dem plötzlichen

Angriff, um dann seiner Stärke wissend Gegenwehr zu leisten.

Doch schon die erste Welle brachte ihm schwere Verletzungen bei, die ihn schwächten, die sein Sterben einleiteten.

Man sah Krähen die ihre Schnäbel tief in den Körper des Hundes bohrten.

Seine Augen wurden mit grausamer Brutalität aus den Höhlen gerissen und sein Blut verteilte sich rasend schnell an der Stelle, wo er nun das Opfer anderer

Tiere wurde.

Doch bevor der Tod ihn von seinen unsäglichen Qualen erlöste, raffte er sich noch einmal auf und biss wild um sich.

Eine Krähe, die seinem Maul am nächsten saß, konnte diesem todbringenden Beißapparat nicht mehr ausweichen und mit dem letzten Quäntchen Kraft, dass der Hund noch besaß, schloss er sein Maul.

Mit einem hässlichen Knacken hauchte die Krähe ihr Leben aus. Danach floss der letzte Rest

Lebensenergie aus dem Hund und er starb auf eine grässliche Weise.

So, wie auch er vielen anderen Tieren den Tod gebracht hatte.

9

Am Ende blieb nur eine grausam entstellte Kreatur, welche nur mit Mühe als Hund zu erkennen war.

Die Rabenvögel zogen den Kadaver mit vereinten Kräften um das Gebäude herum, damit er den schrecklichen Anblick nicht ertragen musste, denn sie wussten nicht, wie lange er noch alleine sein würde, bevor seine menschlichen Beschützer sich ihm annehmen konnten.

Als sie diese letzte Aufgabe erfüllt hatten, setzten sie sich noch einmal ganz in die Nähe des Auserwählten, denn sie wollten ihn noch einmal betrachten.

Die Königin konnte ihre Brüder und Schwestern verstehen und gewährte ihnen den Wunsch nach einem Blick.

Für die meisten von ihnen war es das erste Mal, dass sie den Auserwählten sahen.

Ein leises Krächzen, dass man als Raunen unter Krähen und Raben verstehen konnte, machte sich breit.

Der Kleine saß still auf seiner Decke und sie sahen, dass er bei ihrem Anblick lächelte, wodurch sie wussten dass er verstand.

Er hatte sie als seine Freunde erkannt und zeigte keinerlei Angst vor ihnen, auch wenn sie in diesem Augenblick so viele waren.

Eine große Masse an schwarzen Vögeln, ein Volk von vielen hundert Rabenvögeln und sie waren sein Volk.

Auch wenn er das zu diesem Zeitpunkt noch nicht wusste. Sie schauten ihn an, sie waren glücklich, sie hatten das Richtige getan, sie hatten ihm beigestanden, sie würden es immer wieder tun, wenn er in Gefahr war.

Dann hörten sie ein leises Geräusch, jedoch laut genug um ihnen zu zeigen, dass sie nun fort fliegen konnten ohne Sorge, dass ihm etwas passieren würde.

Sie würden noch eine Weile in der Nähe bleiben, um sicher zu gehen, dass nicht noch von anderer Seite Gefahr drohte.

Die Königin musste keinen Befehl geben, alle Krähen und Raben wussten was, zu tun war.

Mit derselben Geschwindigkeit wie sie plötzlich da waren, verschwanden die Rabenvögel.

Am Ende blieb nur die Königin auf der Decke sitzen und schaute dem Kleinen noch einmal in die Augen.

In seine tiefbraunen, fast schwarzen Augen…

10

Zuerst war es nur ein kleiner, heller Punkt irgendwo ganz weit am tiefschwarzen Horizont ihrer Ohnmacht, der jedoch ganz langsam größer zu werden schien.

Angelika Linkendorff merkte, dass sie aus einem dunklen Loch wieder ins Leben stieg und stieß einen leisen Ton aus, der als Stöhnen zu deuten war.

Ihre Sinne waren noch nicht wieder hergestellt und sie wusste auch nicht, wo sie sich befand, was genau geschehen war oder wie sie ihre Situation einschätzen konnte.

In ihrem Unterbewusstsein nahm sie ein Rauschen war, das nicht von ihrer prekären körperlichen Konstitution geschaffen worden war, sondern von außen auf sie eindrang.

Das Rauschen nahm schnell ab und nach unzähligen, schwerfälligen Versuchen schaffte sie es, langsam ihre Augenlider zu öffnen.

Ihre Erinnerung war noch nicht wieder hergestellt und sie nahm noch keine Konturen wahr, konnte nur hell und dunkel unterscheiden, aber sie war definitiv nicht mehr ohnmächtig.

Ihr Kopf schmerzte und ihr Körper wollte ihr noch nicht gehorchen. Ihre Sehkraft nahm jedoch stetig zu und nach einigen Minuten der Orientierungslosigkeit merkte sie, dass sie mit dem Rücken an einer Treppe lag.

An der Treppe zu ihrer Küche und mit einem Mal war die Erinnerung wieder da.

Angelika wusste plötzlich wieder, dass da ein Hund in ihrem Garten war, ein sehr großer Kampfhund.

Dann fiel ihr ein, dass dieser Hund sie angegriffen hatte und danach war alles nur noch dunkel…BENJAMIN, was war mit Benjamin?

Viel zu schnell ließ sie den Oberkörper nach oben schnellen, wurde von einer Schwindelwelle ergriffen und musste sich sofort übergeben. Sie legte sich langsam wieder nach hinten, versuchte ihren Köper abermals in den Griff zu bekommen, ihre

Bewegungen zu koordinieren und setzte sich ganz langsam wieder auf.

Dieses Mal ging es besser, sie schaffte es mit dem Oberkörper in die Vertikale zu gelangen und konnte einen verschwommenen Blick auf den Rasen werfen.

Sie konnte nicht viel erkennen, aber sah, dass Benjamin immer noch auf der Decke saß und leise hörte sie ihn rufen "Mama, krahkrahkrah".

Wobei sie mit diesem Ruf nicht viel anfangen konnte, schon gar nicht in ihrer jetzigen Situation.

Was sie jedoch wusste war die Tatsache, dass ihrem Sonnenschein scheinbar nichts passiert zu sein schien.

So, wie er sich anhörte, gab es zwar Einiges aufregendes zu berichten, aber es gab keine Anzeichen dafür, dass ihm irgendetwas zugestoßen war.

Wo war jedoch der Hund, war er einfach wieder gegangen, nachdem er sie umgestoßen hatte?

Sie tastete mit der rechten Hand an ihre Hosentasche und fühlte dort das schnurlose Telefon. Während sie das tat, versuchte sie noch einmal einen etwas klareren Blick auf ihren Sohn zu erhaschen, was jedoch in ihrem Zustand kaum zu bewerkstelligen war.

Trotzdem konnte sie schemenhaft erkennen, dass irgendetwas fliegend den Ort verließ, an dem Benjamin in etwa saß.

Sie registrierte dies nur am Rand, konnte sich zum jetzigen Zeitpunkt keinen Reim darauf machen und konzentrierte sich stattdessen auf das, was sie gerade zu vollenden suchte.

Mit unendlicher Kraftanstrengung schaffte sie es das Telefon aus der Tasche zu ziehen und auf den Knopf zu drücken, der automatisch den Notruf in Gang setzte. Angelika Linkendorff hob langsam den Arm und drückte das Telefon so fest sie konnte an den schmerzenden Kopf.

"Notruf der Polizei, sie sprechen mit Herrn Schnieder, was kann ich für sie tun?"

Die Stimme am anderen Ende wirkte wie Musik auf sie. Nur mit Mühe konnte sie einige Worte sprechen.

"Linkendorff, Blasener Allee 22, bitte, Hilfe, Gefahr, mein Baby" Das alles bekam sie noch hin, bevor sie wieder von einer Welle der Ohnmacht überwältigt wurde.

11

Die Mutter des Auserwählten bewegte sich und das war das Zeichen für die Königin ihn alleine zu lassen, denn er war nun wieder sicher.

Sie setzte zum Abflug an, landete jedoch noch einmal einige Meter neben dem Haus, in unmittelbarer Nähe des Kadavers des Tieres, welches ihn in so große

Gefahr gebracht hatte.

Kaum etwas erinnerte noch an das Tier, das er einmal gewesen war und doch gab es noch einen Beweis für seine brutale Kraft, denn in seinem Maul, die Zähne tief in den toten Körper gebohrt, hing noch einer ihrer toten Brüder.

Ein Mitglied ihres Volkes hatte bei der Rettungsaktion den Tod gefunden, war für den Auserwählten den

Weg gegangen, der für alle hätte ausgewählt sein können.

Die leblosen Augen des schwarzen Vogels schauten niemanden mehr an und es war Schmerz, den sie bei diesem Anblick empfand. Schmerz, den sie immer spürte wenn ein Mitglied des Volkes von ihnen ging. Aber der Tod gehörte dazu wie das Leben, er war ein Teil desselbigen und gerade sie hatte die Aufgabe auch damit so umzugehen, dass jeder wusste, dass er, der Tod, dazu gehörte. Sie sammelte ihre Kräfte und starrte den Leichnam der Krähe an. Aus ihrem

Schnabel erklangen seltsame Töne, die ein menschliches Ohr nie vernehmen würde.

Die Töne schwollen an und mit einem Mal tauchte Rauch aus ihrem Schnabel auf, umnebelte die tote Krähe im Maul des Hundes so, dass man sie nicht mehr sehen konnte.

Einen Augenblick schien es so, als würde die Zeit still stehen. Dann verschwand der Rauch wieder und auch ihr toter Bruder war verschwunden.

Als sie zum Himmel aufstieg, lag da nur noch der große, blutige Haufen toten Fleisches, der einmal ein

Hund gewesen war.

12

Berthold Linkendorff grübelte über ein Problem, dass ihn nun schon etwas länger beschäftigte.

Natürlich hatte es mit Halbleiter-Schichten, LEDs und Power-Chips zu tun. Jedoch war es für jemanden wie ihn ein pures Vergnügen, sich mit den Dingen auseinanderzusetzen, von denen andere keinen blassen Schimmer hatten.

Seitdem er mit seiner Erfindung eine lichttechnische Revolution ins Rollen gebracht hatte, konnte er sich hier in der Firma, ohne großen Druck, mit der weiteren Verbesserung seiner Idee beschäftigen.

Die Firma war das große Elektrounternehmen "LightdeLUXe" und einer der Weltkonzerne, die sich mit dem Kauf mehrerer Lizenzen die Erlaubnis verschafft hatte, Bertholds Erfindung in die Massenproduktion gehen zu lassen.

Gleichzeitig hatten sie ihm die Möglichkeit geschaffen in einem eigenen Arbeitsraum weiterhin an seinen Ideen zu arbeiten, wobei dies natürlich auch aus Eigennutz geschehen war.

Sollte er einen noch besseren, sprich profitableren Einfall haben, so hätte die Firma "LightdeLUXe" als erste davon Kenntnis, was bestimmt nicht zu Ungunsten des Konzerns gewesen wäre.

Es war eine ganz einfache Sache für Berthold Linkendorff, er hatte sein Hobby zum Beruf gemacht und war nun vermögend genug, um nur dann zu arbeiten, wenn er es wollte.

Da er aber nicht der Typ war, der auf der faulen Haut liegen konnte war klar, dass Berthold immer weiter versuchte seine Erfindung zu perfektionieren.

Sein Glück wurde durch die Tatsache vervollständigt, dass zu Hause eine kleine Familie wartete, die er mehr als alles andere auf der Welt liebte und die seinen ganzen Lebensinhalt darstellte.

Seit der Geburt des kleinen Benjamin vor knapp elf Monaten, konnten er und seine Frau Angelika an nichts mehr anderes denken, als an diesen Wonneproppen, der ihr komplettes Leben ganz schön auf den Kopf stellte.

Wenn seine Ehefrau ihn dann wieder einmal aus der Küche warf, weil er vor lauter Eifer die Milch umgestoßen oder das Fläschchen an eine Stelle abgestellt hatte, wo es niemand wieder fand, konnte er sich hier hin zurückziehen und wusste, dass seine Angelika für ihn und seine Vaterprobleme Verständnis hatte.

Gerade als er darüber nachdachte, was er doch für eine tolle und intelligente Ehefrau abbekommen habe, klingelte das Telefon, er hob ab.

"Linkendorff"

Am anderen Ende der Leitung meldete sich eine raue Stimme. "Kommissar Recksing von der örtlichen Polizeidienststelle. Ich grüße sie, Herr Linkendorff. Ich rufe sie von ihrem Haus aus an und würde sie bitten auf schnellsten Weg hierhin zu kommen, es hat einen

Zwischenfall gegeben."

Berthold Linkendorff spürte wie ihm flau im Magen wurde.

"Was für einen Zwischenfall denn? Was ist passiert?

Ist etwas mit meiner Frau oder mit meinem Sohn?".

Kommissar Recksing versuchte im ruhigen Ton zu antworten. "Ihrem Sohn geht es gut und ihre Frau hat eine Gehirnerschütterung davon getragen. Was jedoch genau passiert ist, können wir ihnen auch noch nicht sagen. Deswegen wäre es wirklich von Vorteil, wenn sie nach Hause kommen könnten."

"Natürlich"

Berthold antwortete völlig aufgekratzt.

"Ich bin in knapp einer Viertelstunde bei ihnen."

Seine Tasche und die Jacke packen waren fast eine Bewegung. Nur Sekunden, nachdem er den Hörer wieder auf die Gabel geworfen hatte, stürmte Berthold Linkendorff die Treppe hinunter, stürzte aus der großen Ausgangstür und fuhr nur kurze Zeit später mit seinem nagelneuen "Chrysler Roadster" vom

Firmengelände.

Der Pförtner, der ihm noch einen schönen Tag hinterher gerufen hatte, wunderte sich über den hektischen Abgang von Herrn Linkendorff, den er sonst nur als absolut ruhigen Menschen kennen gelernt hatte.

Naja, dachte er sich, es wird schon seine Gründe haben, wenn ein Mensch, der ansonsten als äußerst aufgeräumt galt, so Hals über Kopf aus der Firma verschwand.

Normalerweise benötigte Berthold für den Weg von der Firma bis zu seinem Haus eine knappe halbe Stunde.

Er genoss die Fahrt durch den kleinen Vorort, in dem er und seine Frau sich ein Haus gebaut hatten, wie sie es sich Beide schon immer gewünscht hatten.

Doch dieses Mal schaffte er diese Strecke, unter vollkommener Ignoranz sämtlicher Verkehrsregeln, in knapp 15 Minuten.

Die letzte Kurve vor ihrem Anwesen, die Auffahrt zum Haus und das Registrieren, dass vor der Eingangstür ein Polizeiwagen, ein Notarztwagen sowie ein ziviles Fahrzeug, welches er nicht kannte, standen, gingen mit der Bewegung einher, mit der er die Autotür des "Chryslers" aufriss und sich laufend in das Innere des Gebäudes begab.

Er wurde schon am Eingang von einem circa 50jährigen, etwas rundlich wirkenden Mann empfangen.

"Ich gehe davon aus, dass sie Herr Linkendorff sind.

Mein Name ist Kommissar Recksing, wir haben vorhin miteinander gesprochen."

"Wie geht es meiner Frau? Wo ist mein Junge?"

Berthold redete hektisch auf den fremden Mann ein, der da vor ihm stand und dieser versuchte ihn zu beruhigen.

"Ihre Frau liegt in ihrem Bett und schläft. Der Notarzt ist bei ihr und versorgt sie mit dem Nötigsten. Ihr geht es den Umständen entsprechend gut, sie hat bei dem Zwischenfall, um den wir uns gleich kümmern, eine Gehirnerschütterung davon getragen. Der Doktor sagt, dass es keinen Grund zur Beunruhigung gibt, sie muss noch nicht einmal ins Krankenhaus."

Er musste jetzt wissen was passiert war und redete immer noch hektisch auf den Polizisten ein.

"Aber was war denn los, wie kommt meine Frau an eine Gehirnerschütterung? Ist sie überfallen worden?

Wo ist denn unser Sohn, geht es ihm gut?".

Der Kommissar nahm Berthold am Arm und zog ihn ins Wohnzimmer, wo Benjamin mit einer uniformierten Polizistin auf dem Teppich mit seinen über alles geliebten Stofftieren spielte. Als er den Kopf hob, um zu schauen, wer denn gerade den Raum betreten hatte, sah er seinen Vater und rief ein begeistertes "Papa, krahkrahkrah" entgegen.

Dann nahm er eines seiner Stofftiere und ließ den Arm über seinen Kopf kreisen und immer begleitet von den Worten "Krahkrahkrah".

Dann widmete er sich wieder der Polizistin, die ihm mit einem anderen Stofftier entgegen geflogen kam.

"Wie sie sehen, geht es ihrem Jungen sehr gut und er macht keinen Anschein, als wenn hier etwas passiert ist, dass ihn irgendwie beängstigt hätte. Aber es ist etwas passiert und ich möchte ihnen gerne etwas zeigen. Vielleicht können sie etwas Licht ins Dunkel bringen."

Berthold ließ sich dieses Mal etwas bereitwilliger von Kommissar Recksing durch die eigene Wohnung führen und landete mit ihm in der Küche. Von dort ging der Kommissar durch die Tür in den Garten.

Berthold Linkendorff folgte ihm und sah direkt die kleine Blutlache am Ende der Treppe, die noch relativ frisch aussah.

"Das ist das Blut ihrer Ehefrau. Sie muss nach der Attacke mit dem Kopf auf die Stufe gefallen und dann ohnmächtig geworden sein."

Nach einigen Schritten in den Garten sah Berthold dann eine wesentlich größere und voluminösere

Lache des roten Lebenssafts.

"Von wem ist die denn?"

Er fühlte sich beim Anblick des großen roten Fleckes nicht sonderlich wohl.

"Tja, wird von dem da sein."

Mit diesem Worten deutete Kommissar Recksing auf eine Stelle im Garten, die er nur einsehen konnte, wenn er einige Schritte ums Haus ging.

Direkt neben der Seitenwand seines Hauses und nicht von der Wiese aus zu sehen, lag ein großer Kadaver, ein riesiger Fleischberg eines Lebewesens, der wohl einstmals ein Hund oder ähnliches gewesen war.

Nichts an dieser übel aussehenden Masse erinnerte daran, dass dies einmal ein atmendes Geschöpf gewesen sein könnte.

13

Der erste Eindruck vom dieser monströsen und absolut ekelhaft aussehenden Fleischmasse ließ bei Berthold Linkendorff einen Würgereiz im Hals aufkommen, den er jedoch sehr schnell unter Kontrolle hatte.

Der Kadaver zeigte sehr viele offene Wunden, aus denen bis vor kurzem noch Blut gesickert war, das jedoch nun, da wohl einige Zeit vergangen war, getrocknet auf den letzten Resten Haut klebte.

Die Wunden sahen aus wie Krater, die durch viele Messer oder etwas Ähnlichem in den Fleischberg hineingerammt worden waren.

Das schlimmste jedoch war das, was wohl einmal das Gesicht beziehungsweise die Schnauze des Hundes oder was auch immer das für ein Lebewesen gewesen war, darstellte.

An den Stellen, an denen normalerweise die Augen zu finden waren, konnte man nur noch zwei übergroße, schwarze Löcher erkennen.

Die Augen selber waren auf brutalste Art und Weise entfernt worden.

Dieses Wesen musste vor seinem Tod unendliche Qualen erlitten haben und im ersten Augenblick empfand Berthold so etwas wie Mitleid.

"Was ist das für ein Tier gewesen? Und vor allem, wer hat es so zugerichtet?"

Berthold sah den Kommissar fragend an.

"Naja, wir konnten ihre Frau bisher noch nicht vernehmen und ihr Sohn ist noch zu klein, als dass er uns hilfreiche Hinweise geben kann. Nach unseren ersten Vermutungen, sowie der jetzigen Beweislage, wurde ihre Ehefrau von diesem Hund, denn das war es einmal, umgestoßen und muss sich dabei den Kopf an der Holztreppe gestoßen haben. Wir haben auf der Bluse ihrer Frau Pfotenabdrücke gefunden. Der Arzt hat später einige blaue Flecken sowie Hautabschürfungen im Brustbereich bei ihr festgestellt."

Berthold hatte natürlich die nächste Frage schon auf der Lippe: "Woher kommt der Hund denn? Er kann nicht aus der Nachbarschaft sein, denn solch einen großen Hund hat hier niemand."

"Wir gehen davon aus, dass es sich um einen

Kampfhund der Rasse American Pittbull Terrier handelte, der irgendwo ausgebrochen sein muss. Da es leider immer wieder Menschen gibt, die solche Hunde zu Killerbestien ausbilden, was eigentlich strengstens verboten ist, wird es so sein, dass der Besitzer nicht ausfindig gemacht werden kann. Wer oder was diesen Hund so zugerichtet hat ist für uns bisher ein Rätsel. Die Verletzungen weisen auf Schnabelhiebe von Vögeln hin, aber es gibt keine Vogelart, die bisher so brutal aufgetreten ist. Ferner sind wir natürlich keine Spezialisten für solche Fälle und müssen hoffen, dass unsere Fachmänner hier eine Antwort finden. Wobei ich mir nicht so sicher bin, ob in diesem Fall so intensiv weitergefahndet wird, denn kein Mensch wurde schwer verletzt und es ist im Endeffekt nur ein Hund, der dabei wirklich zu Schaden gekommen ist.".

"Könnte auch ein Mensch diesem Tier so zugesetzt haben?".

Der Kommissar schaute ihn an.

"Nein, eigentlich nicht, denn hier sind Verletzungen zu finden, die nicht durch ein Messer oder ähnliches zugefügt werden können. Wie gesagt, wir tippen auf Schnabelhiebe, aber stehen eigentlich vor einem Rätsel. Wir stellen uns auch die Frage, wieso der Hund ihre Frau angegriffen hat, hatte er es auch auf ihren Sohn abgesehen? Der saß, wie wir hier eintrafen, friedlich spielend auf einer großen Decke auf der Wiese und brabbelte immer nur Krahkrahkrah.

Er schien überhaupt nicht durcheinander oder durch irgendetwas aufgeschreckt, wieso hat der Hund ihn nicht attackiert?"

Auch Berthold schien keine Antwort auf diese offenen Fragen zu haben, worauf der Kommissar wieder das Wort ergriff.

"Wir hoffen, dass ihre Frau uns später noch Antworten auf einige Fragen geben kann. Sie wäre die Einzige, von der man sich eventuell noch Informationen erhoffen kann. Wenn sie uns nicht weiterhelfen kann, wird der Fall irgendwann zu den Akten gelegt. Für einen toten Hund wird keine langwierige Ermittlung eingeleitet."

In diesem Augenblick schaute die Polizistin, die bisher mit Benjamin gespielt hatte, um die Ecke "Herr Kommissar, der Notarzt fährt jetzt wieder. Er hat Frau Linkendorff versorgt, sie schläft jetzt und wird in den nächsten Stunden nicht ansprechbar sein."

Der Kommissar nickte seiner Assistentin zu.

"Gut, dann werden wir jetzt auch wieder fahren. Wenn ihre Ehefrau aufwacht wäre es toll, wenn sie uns kurz kontaktieren würden, hier ist meine Karte."

Mit diesen Worten überreichte er Berthold eine Visitenkarte mit den für ihn notwendigen Informationen. Wenig später, als alle fort gefahren und nur noch Berthold und seine Familie im Haus waren, betrachtete dieser seinen kleinen Sohn, der immer noch auf dem Teppich mit seinen Freunden aus Stoff spielte.

Er setzte sich neben dem Kleinen, schaute ihm in die Augen und fragte.

"Hm, mein kleiner Schatz, was ist denn da draußen passiert mit euch Beiden?".

Benjamin sah vollkommen gelöst aus und erwiderte den Blick seines Vaters, er hob wieder einen Stoffvogel und wiederholte lächelnd immer wieder dieselben Worte "Krahkrahkrahkrah"…

14

Angelika erwachte aus einem langen Schlaf und fühlte sich eigentlich sehr gut, bis auf den dumpfen Schmerz, der von ihrem Kopf ausging.

Sie tastete sich an die Stirn und bemerkte, dass sich ein Verband rund um ihren Kopf befand.

Langsam setzten auch die Erinnerungen ein und behutsam setzte sie sich auf.

Dass sie in ihrem eigenen Bett aufgewacht war, empfand sie im ersten Augenblick als beruhigend und sie konnte sich auch erinnern, dass es Benjamin gut gegangen war, bevor sie wieder das Bewusstsein verloren hatte.

Die elektrischen Jalousien waren zur Abdunkelung des Zimmers herunter gelassen, aber die Schlafzimmertür war geöffnet. Nachdem sie sich in eine aufrechte Position begeben hatte, rief sie so gut es ging den Namen ihres Mannes

"Berthold, bist du da?"

Die Antwort kam prompt.

"Ja Schatz, ich bin sofort bei Dir"

Sie hörte Schritte näher kommen und einige Sekunden später stand ihr Mann im Türrahmen.

Er setzte sich behutsam zu ihr ans Bett schaute sie fragend an.

"Wie geht es dir, wie fühlst du dich?"

"Ein bisschen schwindelig ist mir und auch der Kopf tut noch ein wenig weh, aber ansonsten geht es. Was mich irritiert ist die Tatsache, dass ich mich nicht mehr genau erinnern kann. Was ist da passiert, Berthold? Kannst du mich aufklären?"

"Eigentlich hatte ich gehofft, dass du mir einiges erzählen kannst. Ich kann dir nur das sagen, was ich nach meiner Ankunft hier am Haus und von der

Polizei erfahren habe."

Er berichtete seiner Frau von den Vorgängen, von denen er selber durch die Polizei erfahren hatte.

Nachdem er geendet hatte schaute ihn Angelika an. "Der Hund stand auf einmal im Garten und knurrte Benjamin an. Ich wollte ihn ablenken und er hat mich angesprungen, dabei muss ich das Gleichgewicht verloren haben und mit dem Kopf auf die Treppe gefallen sein. Danach weiß ich erst wieder etwas, als ich kurz das Bewusstsein erlangen konnte, um die Polizei zu rufen." Sie machte eine kurze Pause.

"Während dieser Phase habe ich auch unseren Sohn auf seiner Decke sitzen sehen, er schien keinerlei Angst gehabt zu haben und sagte immer etwas, das wie krahkrah oder so ähnlich klang."

Berthold wurde stutzig.

"Komisch", sagte er, "das sagt er die ganze Zeit, als wolle er uns etwas damit mitteilen. Wobei das nichts Negatives gewesen sein kann, denn er lächelt währenddessen er das sagt."

Angelika erinnerte sich.

"Als ich meine kurze Wachphase hatte, ist mir etwas aufgefallen. Es ist irgendwas weggeflogen von der Decke, auf der Benjamin saß. Es war schwarz, aber ich konnte es nicht erkennen, weil ich viel zu angeschlagen war."

Die Beiden sahen sich an, Berthold war der Erste, der etwas sagte.

"Da war etwas, das unseren Sohn beschützt hat in der Zeit, in der du ohnmächtig dort gelegen hast. Dieses Etwas muss so stark gewesen sein, dass es einen großen Kampfhund besiegen konnte und ihn nebenbei bis zur Unkenntlichkeit verstümmelte. Was kann das gewesen sein und wie konnte es wissen, dass unser Sohn Hilfe benötigte?"

Angelika und Berthold Linkendorff hatten keine Antwort darauf und sie wussten, dass sie vermutlich nie eine bekommen würden.

Wie konnten sie auch ahnen, dass die Antwort so gewaltig war, dass sie im Traum nicht daran gedacht hätten, welchen Grund es für eine andere Macht gab, gerade ihrem Sohn Schutz zu gewähren.

15

Die Rabenvögel hatten sich wieder zurückgezogen und gingen den Aufgaben nach, die ein solcher

Schwarm zu erledigen gedachte.

Sie suchten Futterplätze, um wirklich alle Mitglieder ihres Volkes sättigen zu können.

Die Königin saß still auf einem Baum und sah in den Abendhimmel hinauf, im Gedanken bei ihm, dem sie heute das erste Mal geholfen hatten.

Jedes Mitglied des Schwarmes hatte seine Aufgabe erfüllt und sie wusste genau, dass dies nicht das letzte Mal war, dass sie ihn unterstützt hatten.

Wenn die Zeit gekommen war und eine Bedrohung wie ein dunkler Schatten auf seinem Leben lag, würden sie wieder da sein.

Sie würden ihm zur Seite stehen und wenn es ihr Tod wäre.

Kapitel 2 "10 Jahre später"

1

"Achtung, Achtung", die krächzende Stimme aus dem Walkie- Talkie erbat Aufmerksamkeit und Angelika musste unwillkürlich grinsen, denn sie kannte das andere Ende der Leitung.

"Benji an Küchenchefin, Benji an Küchenchefin, bin in fünf Minuten mit den Hausaufgaben fertig. Kann dann Essen fassen, wenn es genehm ist?"

Benjamin hatte immer viel zu Weihnachten geschenkt bekommen. Freunde, Verwandte oder Geschäftspartner ihres Mannes Berthold brachten bei den vielen Besuchen, die um diese festliche Zeit anstanden, irgendwelche mehr oder weniger sinnvollen Dinge mit und im Zimmer ihres Sohnes stapelten sich Spielzeuge, die schon lange nicht mehr im Gebrauch waren.

Aber die Funkgeräte stellten hier eine absolute Ausnahme dar, denn sie wurden regelmäßig genutzt.

Manchmal freilich des Guten ein wenig zu viel, denn wenn man abends beim Fernseher saß und auf einmal das Walkie-Talkie ansprang und ein Sohn, der eigentlich seit einer halben Stunde schlafen sollte verkündete, dass er noch etwas zu trinken haben möchte, waren gute Nerven gefragt.

Aber hier und jetzt sowie zu den meisten Zeiten war es schon vollkommen in Ordnung, wenn Benjamin sein neuestes Spielzeug ausnutzte.

"Familienchefin an Revoluzzer, Familienchefin an Revoluzzer, das Essen ist in zehn Minuten fertig. Das bedeutet, nach den Hausaufgaben Hände waschen und hungrig antreten…Over und Ende!".

Sie wusste, dass er sich über die freche Anrede köstlich amüsieren würde, denn mit seinen knapp elf Jahren hatte er schon einen gehörigen Sinn für Humor und auch Ironie war für ihn kein fremdes Terrain mehr.

"Revolutionsführer an seine Mutter, Revolutionsführer an seine Mutter, Roger, werde frisch gestriegelt und gut duftend zum köstlichen Mahl eintreffen…Over und

Ende!"

Die Entwicklung ihres Sohnes war schon fast unheimlich gut verlaufen, denn neben seinem fast immer höflichen Auftreten, konnte man ohne Übertreibung davon reden, dass er auch über einen hohen Intelligenzquotienten verfügte, den er gerade in der Schule oft abrief.

Seine Leistungen waren in allen Fächern gut bis sehr gut und mit vielen seiner Klassenkameraden pflegte er einen äußerst freundschaftlichen Kontakt.

Alles in allem konnten Angelika und Berthold mehr als zufrieden sein mit ihrem Benjamin, der die Gedanken seiner Mutter mit seinem Erscheinen in der Küche unterbrach.

Die Größe würde wohl irgendwann an die seines Vaters heran reichen, denn für sein Alter war er schon erstaunlich groß und athletisch gebaut.

Die meisten Freunde der Linkendorffs sagten, dass er im Gesicht mehr auf seine Mutter kommen würde, aber irgendwie hatte Angelika nie eine richtig große Ähnlichkeit bei Benjamin mit Berthold oder ihr gesehen.

Nein, die Züge seines noch kindlichen Gesichts waren von ihr immer als geheimnisvoll gedeutet worden.

Sein kleiner Mund mit den schmalen Lippen, seine perfekt dazu passende Nase, die klein, aber spitz die restlichen Gesichtszüge wie vollkommen verfeinerte und die Augen!

Seine Augen waren es, die sein komplettes Gesicht so geheimnisvoll machten.

Tiefbraun, fast schwarz wirkten sie und manchmal erinnerten diese Augen Angelika an ein Tier, aber sie wusste nicht welchem Tier sie diese Augen zusprechen konnte.

Immer wenn Benjamin ihr direkt in die Augen sah, fühlte sie sich gut, aber immer auch mysteriös berührt.

Alles in allem konnte man Benjamin als einen überaus hübschen Jungen bezeichnen, der später bestimmt keine Schwierigkeiten haben würde, die Frauenwelt mit seinem Äußeren zu betören.

"Denk daran,", sagte sie zu ihm, als er hungrig in der Küche stand, "hier in diesem Raum gibt es keine Revolution oder ich würde sie schon im Keim ersticken!"

Drohend und mit in die Hüften gestemmten Armen stellte sie sich vor ihn.

"Hm", erwiderte Benji leise, "dann werde ich wohl den strategischen Rückzug antreten und warten, was es denn heute gibt."

Er hob die Arme und deutete damit an, dass er, was immer auch kommen mochte, an dieser Stelle aufgab, was jedoch mit einem Lächeln auf seinen Lippen relativiert wurde.

Während sich seine Mutter den letzten Zügen des Kochens zuwendete, fing Benjamin ein neues Thema an.

"Morgen ist wieder Fußball-AG in der Schule. Karsten holt mich mit dem Fahrrad ab, was wiederum bedeutet, dass ich mich mit den Hausaufgaben morgen beeilen muss."

Angelika antwortete ihm, ohne den Kopf von der Herdplatte zu wenden.

"Ich bin morgen nicht zu Hause wenn du aus der Schule kommst, da ich einen Arzttermin habe. Ich werde dir etwas Kleines in den Kühlschrank stellen und wir essen dann abends warm, wenn Papa auch da ist."

"Da ist noch etwas, was ich mit dir besprechen möchte"

Benjamin sprach leise und Angelika wusste, dass es sich um etwas Unangenehmes handeln musste.

"Ich habe wieder diesen Traum gehabt."

Angelika hob nun doch den Kopf und schaute ihren Sohn an. Er hatte in den letzten Wochen desöfteren davon gesprochen, dass er immer wieder denselben

Traum hätte.

Benjamin sprach ohne die Reaktion der Mutter abzuwarten weiter. "Dieses Mal bin ich wieder geflogen, wurde aber wieder, wie in all den Träumen zuvor, von einem großen Schwarm schwarzer Vögel begleitet. Eigentlich habe ich keine Angst in diesem Traum, sogar das Gegenteil ist der Fall, aber es ist immer wieder sehr unheimlich und ich wache mit so einem komischen Gefühl im ganzen Körper auf!"

"Der wievielte Traum in den letzten zwei Wochen war es?" Angelika schaute ihren Sohn fragend an.

"Der bestimmt sechste oder siebte und immer sind diese schwarzen Vögel dabei. Ich glaube es sind Raben oder Krähen, auf jeden Fall tief schwarz und sie tun mir nichts.

Nein, es kommt mir eher so vor, als wenn sie meine Freunde wären, aber weil es in meinen Träumen immer so dunkel ist, fürchte ich mich auch ein bisschen.

Am Ende wache ich immer wieder von den Tönen auf, die diese Vögel von sich geben. Es hört sich krahkrah an."

Das war neu und seine Mutter ertappte sich dabei, wie sich bei den letzten Silben der Erklärung ihres Sohnes ihr Magen zusammen zog.

Diese "krahkrah" hatte sie schon einmal aus dem Mund von Benji gehört, aber damals in einem anderen Zusammenhang und der Gedanke daran ließ ihr eine Gänsehaut über den Rücken laufen.

2

Die Tür zu dem kleinen, muffigen Raum wurde von außen aufgestoßen und Roland Gertner hob kurz den Kopf, um sich zu vergewissern, dass es wirklich nur sein Bruder Patrick war, der laut trampelnd in das

Zimmer trat.

Patrick war der Jüngere von den Beiden und hatte eher die Muskeln ihres Vaters abbekommen, während Roland sich glücklich schätzte, den Geist und die Intelligenz der Mutter geerbt zu haben.

Natürlich konnte er seinem Bruder das so nicht sagen, denn dieser neigte manchmal zu plötzlichen Wutausbrüchen und die konnten sich auch gegen ihn richten.

Deswegen hatte Roland sich angewöhnt diese Tatsache bei den wenigen Gesprächen, in denen es um ihre Familie ging, so zu verpacken, dass Patrick nicht verstand was er sagen wollte und meist verlegen wegschaute, damit der große Bruder das nicht merkte.

Für diesen wiederum waren dies grundsätzlich

Situationen, in denen er sich überlegen fühlte und innerlich ein lautes Lachen, aber auch ein mitleidiges Gefühl der Arroganz aufbaute.

Kurzum, Roland war der Führer des Brüderpaars und Patrick der ausführende Macher.

Zum Ausführen gab es genügend Möglichkeiten, denn sie hatten sich darauf spezialisiert, das Geld anderer Leute in die eigene Tasche fließen zu lassen und hielten sich damit mehr oder weniger erfolgreich über

Wasser.

Sie wussten jedoch auch, dass diese Methode der Existenzsicherung nicht immer gut gehen würde und so begannen die Gedanken, mit welchem großen Ding sie sich vielleicht zur Ruhe setzen konnten.

Doch was sie auch überlegt hatten, alles schien zu risikoreich oder nicht erträglich genug, um es zu wagen.

Doch seit einigen Wochen spukte in ihren Köpfen eine Idee herum, die überlegenswert schien und beide hatten einiges bewegt, die Informationen zu bekommen die man benötigte, um diese Idee auch wirklich in die Tat umzusetzen.

Roland hatte sich wieder dem Stadtplan zugewandt der vor ihm lag, als Patrick ohne Aufforderung zu sprechen begann.

"Du hattest Recht, diese Arbeitsgruppe Fußball in der Schule hat morgen wieder Training und der Junge wird daran teilnehmen." "Wie hast Du das herausbekommen?"

Sein größerer Bruder fand dieses Detail nun wesentlich interessanter als den Plan und schaute

Patrick direkt an.

"Habe bei der Schule angerufen und mich als Elternteil von einem anderen Schüler, dessen Namen ich in Erfahrung gebracht habe, ausgegeben. Meine Frage wann denn die Fußball-AG wieder trainieren würde, weil ich meinen Sohn gerne dort anmelden würde, wurde mir sehr breitwillig beantwortet."

Patrick grinste seinen Bruder schräg an.

"Und wie hast Du den Namen des Schülers heraus bekommen?", Roland traute der Sache noch nicht so, denn der kleinste Fehler könnte eine Spur in ihre Richtung bedeuten, wenn es später darauf ankam.

Die Methoden der Bullen waren in den letzten Jahren immer aufwändiger geworden und die Erfolge gaben den Ordnungshütern Recht.

Für sie als Kriminelle war mittlerweile jeder Fischzug ein großes Risiko geworden doch einmal beobachtet zu werden.

"Habe auf der Internetseite der Schule geschaut und mehrere Namen aufgeschrieben, diese dann mit den

Mitgliedern der Fußballtruppe, bei dem der Junge spielt verglichen. Die stehen alle dort aufgelistet, da die auch Spiele gegen andere Schulen durchführen und immer ganz stolz sind, dass sie von den vielen Siegen berichten können. Dass wir das einmal gebrauchen können für unser Vorhaben, konnten die ja nicht wissen."

Wieder ließ Patrick dieses gemeine Grinsen erscheinen, das wie kein anderes Merkmal seinen ganzen dunklen Charakter aufzeigte.

Roland konnte dieses Lächeln eigentlich nie leiden, aber jetzt war er beeindruckt von ihm, denn die Art wie er an die Information gekommen war passte nicht zu

Patrick.

Doch manchmal hatte auch sein kleiner Bruder lichte Momente und in diesem Fall war es ein sehr guter Einfall, der zu einem dieser Momente geführt hatte.

Das würde bedeuten, dass sie morgen ihren Plan in die Tat umsetzen wollten, denn wenn der Bengel der Linkendorffs auf dem Weg zu seinem Freund war, gab es eine Stelle wo man hervorragend zuschlagen konnte, ohne dass sie dabei beobachtet wurden und das würden sie eiskalt ausnutzen…

3

Sie beobachtete ihre Brüder und Schwestern. Ganz ruhig saßen sie da und nahmen das, was ihnen das große Feld an Futter gab. Es war dunkel und deswegen ging keine Gefahr von den Menschen aus, diese waren immer nur am Tag eine Bedrohung für den Schwarm.

Dann, wenn sie mit ihren lauten Waffen auf sie schossen und so manches Mitglied der großen Gemeinschaft hatte dabei in der Vergangenheit sein Leben lassen müssen.

Doch es zählte nicht der Einzelne, hier war nur die Gemeinschaft wichtig…und sie, die Königin.

Lange Zeit war sie nun schon ihre Führerin gewesen, fast genau einundachtzig Jahre und sie wusste, dass es noch einige Jahre werden würden, bis sie abtreten konnte.

Bis dahin musste sie mit dem Schwarm den Teil der Natur, zu dem auch die Menschen gehörten, der ihnen vor vielen tausenden von Jahren zur Verantwortung übergeben worden war, beschützen.

Viele Taten hatte der Schwarm seither geleistet und auch in ihre Führungsperiode waren einige Rettungsaktionen gefallen, die, von den Menschen unbemerkt und somit leider auch unbeachtet, der Natur eine große Hilfe gewesen waren.

Die wichtigste Tat jedoch betraf den Schwarm beziehungsweise einem Mitglied der großen Gruppe selber, auch wenn dieser von seiner Bestimmung noch nichts wusste.

Sie dachte an die Situation vor knapp zehn Jahren, als man ihn vor einer Bestie rettete, die sich als große Bedrohung heraus gestellt hatte.

Das Volk der Rabenvögel hatte seinerzeit für ihn, aber auch sich selber gekämpft und einen triumphalen Sieg davon getragen. Zwar mit Verlusten, aber doch sehr erfolgreich.

Seither hatte es keine Gründe mehr gegeben einzugreifen, denn die Erzeuger des Auserwählten waren sehr vorsichtig gewesen und hatten ihre Rolle als Beschützer hervorragend ausgeübt.

Natürlich ließen sie den Kontakt zu ihm nie abbrechen und regelmäßig vergewisserte man sich, ob wirklich alles in Ordnung war und das war es.

Sie nickte leicht bei diesem Gedanken, wusste aber auch, dass irgendwann der Zeitpunkt kommen würde, wo sie sich ihm gegenüber zu erkennen geben musste, um ihn seine große Aufgabe näher zu bringen und sie hoffte inständig, dass er seine Bestimmung akzeptieren würde und die Aufgabe, die ihm mit seiner Geburt auferlegt worden war, antreten würde.

Doch bis dahin war noch viel Zeit und die wurde dazu genutzt der Natur zu dienen, auch wenn im Augenblick alles ruhig war im Verantwortungsbereich des Krähenschwarms.

4

Er flog hoch über dem Boden und schaute hinunter.

Er sah Felder und Wiesen, er sah Häuser, Menschen und er sah wie sie sich hektisch bewegten.

Wie kleine Ameisen in einem ihrer Staaten, immer auf der Suche nach den Dingen, die ihnen wichtig erschienen.

Die Flügel musste er kaum nutzen, denn der Wind machte ein Gleiten möglich, welches so gleichmäßig war, dass er den Blick nach unten genießen konnte.

Und er fühlte, dass er nicht alleine flog.

Neben und hinter ihm bewegten sich viele schwarze Körper im selben gleitenden Takt und er merkte ein Zusammengehörigkeitsgefühl.

Diese Vögel waren mehr als nur Freunde, es waren Geschwister.

Sie flogen den Weg, den er vorgab und er fühlte sich stark, aber auch verantwortlich für diesen Schwarm.

Aber da waren noch andere Gefühle die er jedoch nicht deuten konnte.

Jetzt noch nicht, das merkte er, aber irgendwann.

Bis dahin würde er mit ihnen über das Land gleiten und weiterhin das Treiben unter ihm beobachten.

Er war eins mit ihnen und doch beunruhigte ihn dieses starke Gefühl, denn es passte nicht zu dem was er eigentlich war.

Ein Vogel war er nicht, nein, er war ein Junge, wo war er überhaupt, wieso war er nicht bei seinen Eltern…er wachte auf… schweißgebadet…erschreckt…mit diesem immer wieder aufkommenden Gefühl im ganzen Körper, wenn er aus dem Traum in die reale

Welt zurückkehrte.

Und doch war keine Furcht in ihm, obwohl es unheimlich gewesen war.

Aber was war unheimlich daran, was genau machte ihm ein bisschen Angst, wenn er in seinem Bett saß und durch das gegenüberliegende Fenster in die Nacht schaute?

Benjamin wusste es nicht, aber er wusste, dass dieser Traum ihn wohl noch länger verfolgen und er vielleicht irgendwann einmal begreifen würde, was er bedeutete.

Vielleicht bliebe dann sogar diese immer wieder aufkeimende Furcht beim Aufwachen weg. Denn der

Traum selber war nicht so schlimm, dass er sich unbedingt fürchten musste.

Vielleicht, ein Wort dass viel zu viel in seinem Kopf herumschwirrte, bevor er dann wieder in den Schlaf zurückfand. Ein Schlaf, der dann nicht mehr von seinem Traum unterbrochen wurde.

5

Noch einmal gingen sie den Plan von A-Z durch, ließen keine Kleinigkeit aus und versuchten jedes noch so minimale Risiko im Keim zu ersticken.

"Der Junge benutzt immer denselben Weg zu seinem Freund. Er fährt zu Hause mit dem Fahrrad los, biegt in die Weizenallee ein, fährt am Ende rechts in die Roggenstraße, um dann nach knapp dreihundert Metern die Abkürzung durch das Waldgebiet zu nehmen.

Wir warten an der Stelle wo die große Eiche steht, werfen uns gegen den Jungen, drücken ihm den mit Chloroform getränkten Lappen auf das Gesicht und tragen ihn dann zum Wagen.

Junge rein, Fahrrad rein, Spuren verwischen, ohne Hektik abfahren und hoffen, dass nicht genau dann einer die Zufahrt zu dem Waldparkplatz aufsucht, wenn wir zugange sind. Alles klar?"

Roland schaute seinen Bruder Patrick an und versuchte ein Anzeichen von Unsicherheit zu entdecken, aber Patrick schaute wie immer.

"Null Problemo", übertrieben lässig kam Patrick diese Antwort über die Lippen.

Roland wusste nicht, ob er erleichtert oder beängstigt über die Gelassenheit seines Bruders sein sollte, denn er war sich nicht sicher, ob dieser grobschlächtige Typ nicht irgendetwas vermasselte und sie dadurch in Teufels Küche geraten würden.

"Das größte Risiko ist der kurze Weg vom Waldweg zum Parkplatz. Wenn uns da jemand sieht haben wir ein Problem!" "Oder derjenige, der uns gesehen hat" Patrick erwiderte nun grimmig den Blick seines Bruders.

"Wenn jemand dort um diese Zeit herumturnt, muss er eben mit dran glauben, dass haben wir doch schon besprochen. Und denkst du ich merke nicht, dass du mir nicht zutraust dieses Ding mit durch zu ziehen?"

Roland fühlte sich ertappt, ließ sich aber nichts anmerken.

"Rede nicht so einen Quatsch! Ich will nur nicht, dass wir etwas übersehen oder falsch machen, denn dann würden wir den Rest unseres Lebens hinter Gittern verbringen und darauf habe ich nun wirklich absolut keinen Bock!"

Patrick drehte sich weg und überprüfte noch einmal alle Utensilien die sie für die Entführungsaktion im Wald benötigten.

"Masken sind da, Handschuhe, Chloroform, Lappen und zur Sicherheit unsere Pistolen. Dazu die Seile zum Fesseln, Handschellen, mehrere Säcke für den oder die Köpfe, alles da." Ja, sie waren bereit den Deal ihres Lebens durchzuführen und sollte sich ihnen jemand in den Weg stellen, würden sie auch dieses Problem lösen.

Sie hatten nur diese eine Chance und sie gedachten nicht, sich diese entgehen zu lassen.

Sie hatten alles genau durchdacht, der Junge würde heute Nachmittag in ihre Gewalt gebracht.

Dann würden sie die Eltern informieren und ihre Forderungen stellen.

Auch die Tatsache, dass die Polizei bestimmt eingeschaltet werden würde, hatten sie bedacht.

Der Übergabeort für das Geld war sorgsam ausgewählt worden und auch die Methode waren sie hundert Mal durch gegangen. Die Kammer, in der der Junge seine Gefangenschaft durchleben würde, war so manipuliert worden, dass er nichts hören, gleichwohl auch niemand ihn bemerken würde, wenn er versuchte auf sich aufmerksam zu machen.

Wenn sie einen kühlen Kopf behielten, dann wären sie in absehbarer Zeit Millionäre und hätten die Chance das kriminelle Leben zu beenden, auch wenn die Mittel dazu nicht gerade zimperlich waren.

Die Linkendorffs hatten Geld, die Familie war eine lokale Berühmtheit, alles wegen ein paar Lampen, die sparsamer und umweltfreundlicher waren als herkömmliche Birnen.

Sie waren so reich, dass ihnen die paar Millionen, um die sie Beide die Familie erleichtern wollten, nicht weiter ins Gewicht fallen würden.

Roland war so tief im Gedanken rund um die Aktion versunken, die sie gleich durchführen würden, als Patrick ihn anstieß.

"Hey, Bruderherz, was ist los, bekommst Du kalte Füße oder warum bekomme ich keine Antwort auf meine Frage?"

"Nein, nein, ich war nur gerade im Gedanken und bin noch einmal alles für mich persönlich durchgegangen.

Nicht alle gehen die Sache so cool an wie Du, mein allerliebster Verwandter."

Mit diesen Worten und einem lächelnden Gesicht schaute er seinen Bruder an, wohl wissend, dass genau diese Art von Kommunikation Patrick gefiel.

Den ironischen Unterton zwischen den Wörtern erkannter er natürlich nicht, dazu hätte er ein bisschen mehr Intelligenz an den Tag legen müssen, aber da machte sich Roland keine Sorgen.

"Was hast du mich denn gefragt?"

"Was machen wir eigentlich wenn die Eltern das Geld nicht zahlen?"

Rolands Gesicht wurde nun eiskalt, kein Lächeln war nun mehr in seiner Miene zu erkennen.

"Auch wenn ich das nicht glaube, denn der Sohn ist ihr ein und alles, gibt es nur eine Möglichkeit ein solches Problem zu lösen."

Nun schaute Patrick seinen Bruder kalt lächelnd an.

"Das ist meine Aufgabe"

Er kam ganz dicht an Rolands Gesicht.

"Ich wollte schon immer einmal ganz genau beobachten, wie ein Mensch vor meinen Augen langsam stirbt!"

6

Benjamin dachte nach und das tat er oft in den letzten Monaten, genauer, seit dieser Traum begonnen hatte, denn im Endeffekt war es immer nur EIN Traum gewesen.

Zwar gab es verschiedene Versionen, aber die Grundlage war immer die, dass er mit vielen schwarzen Vögeln hoch am Himmel flog und er sich eigentlich wohl fühlte.

Trotz allem war das Erwachen immer wieder eine äußerst unangenehme Sache, denn das Gefühl in seinem Körper war nicht toll.

Er glaubte vollkommen aufgedreht zu sein und an ein Einschlafen war einige Zeit nicht zu denken.

Seine eigenen Erkundigungen hatten die Erkenntnis erbracht, dass sein Körper bei seinen Träumen

Adrenalin ausschüttete. Dieses Hormon ließ ihn, nachdem es in großer Menge von seinem Körper ausgeschüttet worden war, aufwachen.

Was sich wiederum merkwürdig darstellte war die Tatsache, dass er, nachdem er wieder eingeschlafen war und dann zum eigentlichen Zeitpunkt des

Erwachens keinerlei Ermüdungserscheinungen spürte, obwohl er doch eigentlich hätte etwas ermattet sein müssen.

All das ließ seinen Traum in einem sonderbaren Licht erscheinen und er wusste mit diesen vielen Eindrücken und Gedanken überhaupt nichts anzufangen.

Seine Überlegungen gingen weit über das Thema hinaus und er versuchte Zusammenhänge zu finden, die mit seinem bisherigen Leben zusammen hingen.

Benjamin hatte gemerkt, dass seine Mitschüler und Freunde ihm manchmal nicht ganz folgen konnten, wenn er etwas erklärte. Benjamin hatte schon immer ein starkes Verlangen seiner Umwelt beziehungsweise seinem Umfeld die verschiedensten Dinge näher zu bringen.

Auch sein Hang zur Natur kam dabei gut zur Geltung und die Tierwelt hatte es ihm besonders angetan.

Doch manchmal wurde es zu kompliziert oder zu komplex, seine Zuhörer schauten immer wieder vollkommen erstaunt, ob der vielen Sachkenntnisse und -begriffe die er dabei benutzte.

Und in einigen Fällen war er selber überrascht darüber, was er da erzählte.

Er nutzte Wörter, die er selber noch nie vorher gehört hatte, aber wusste trotzdem, was sie bedeuteten.

Doch das war nicht alles was ihn von den anderen unterschied, denn auch seine sportlichen Fähigkeiten waren absolut enorm.

Höher springen, schneller laufen und weiter werfen als alle anderen Jungen in seinem Alter, gehörte für Benjamin zum Alltag.

Nicht nur einmal war der Direktor seiner Schule stolz auf ihn gewesen, wenn wieder einmal eine Auszeichnung bei den Schulwettspielen durch Benjamin gewonnen worden war.

Doch mit den Träumen, sowie dem außerordentlichen Wissen über die Natur, war nun auch diese Art der Fähigkeit für ihn überlegenswert geworden.

Gedankenverloren packte er seine Sporttasche für die Fußball-AG, die heute wieder anstand.

Auch da würde er heute wieder einer der Besten sein, wobei er dem Fußballsport sehr zugetan war und deswegen seine außerordentlichen Fähigkeiten ihm hier besonders viel Spaß machten.

Das Telefon schellte und er nahm das kleine schnurlose Gerät zur Hand, drückte den Knopf mit dem angedeuteten grünen Telefonhörer und meldete sich.

"Benjamin Linkendorff"

Am anderen Ende vernahm er eine ihm mehr als vertraute Stimme.

"Ey, Alter, hier KäiKäi, Konkret-Karsten, alles fit im Schritt?" Karsten Gröninger, sein Klassenkamerad und bester Freund meldet sich wie immer in seiner etwas übertriebenen coolen Art.

Diese war zwar sein Markenzeichen, musste aber grundsätzlich mit einem Augenzwinkern verstanden werden.