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Als Hausangestellte einer jüdischen Familie wird Sidonie nach Ravensbrück deportiert. In Martinique geboren, ist sie aufgrund ihrer Hautfarbe eine Ausgestoßene. Jeden Tag droht das Lager ihren Körper und ihren Geist zu zerstören. Einzig ein verborgenes Notizbuch bietet ihr Halt, lässt sie fliehen in Erinnerungen an Düfte, Farben und Licht, an wirbelndes Leben und den Klang kreolischer Worte. Schätzungsweise zweitausend schwarze Männer und Frauen kamen in den Konzentrationslagern ums Leben. Aus Gesprächen mit Überlebenden und historischen Dokumenten rekonstruiert Michèle Maillet einen Teil der deutschen Geschichte, der bis heute noch immer kaum thematisiert wurde.
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Seitenzahl: 266
Veröffentlichungsjahr: 2021
Sidonie Hellénon, geboren in Martinique, Hausangestellte bei einer jüdischen Familie in Bordeaux, wird 1943 verhaftet und nach Ravensbrück deportiert. Aus Gesprächen mit Überlebenden und historischen Recherchen rekonstruiert Michèle Maillet die Erlebnisse einer schwarzen Frau im Konzentrationslager.
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Michèle Maillet arbeitete in Frankreich als Fernsehansagerin und lebt heute als Schauspielerin, Journalistin und Schriftstellerin in Paris und Martinique. 1991 wurde die Autorin mit dem französischen Antirassismus-Preis ausgezeichnet.
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Michèle Maillet
Schwarzer Stern
Mit einem Nachwort zur Neuausgabe von Peter Martin
Aus dem Französischen von Bettina Schäfer
E-Book-Ausgabe
Unionsverlag
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Die Originalausgabe erschien 1990 bei Éditions Bourin, Paris.
Die deutsche Erstausgabe erschien 1994 im Orlanda Frauenverlag, BerlinOriginaltitel: L’Étoile Noire (1990)
© der deutschen Übersetzung by Orlanda Verlag GmbH, Berlin
© by Unionsverlag, Zürich 2024
Alle Rechte vorbehalten
Umschlag: Andrea Vumbaca (Alamy Stock Photo)
Umschlaggestaltung: Peter Löffelholz
ISBN 978-3-293-31116-9
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Cover
Über dieses Buch
Titelseite
Impressum
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Inhaltsverzeichnis
SCHWARZER STERN
Eine Küche, ein LastwagenEine ReithalleTransitEin GüterzugDer TodAgenorRachel am Ufer des FlussesSie wissen esEin FabrikschlotDie tote StadtDer RissBäume des Lebens, Bäume der TrauerDer nackte HundDas NotizbuchDie Teufelinnen»Halt dich aufrecht, gib nicht nach«Der MoorgesangSchwarze TotenwachenWiedersehenBambusDie UntermenschenDie Wurzeln sterben nichtDanksagungenAnmerkungenNachwort zur deutschsprachigen AusgabeNachwort zur NeuausgabeZur weiteren Beschäftigung mit dem ThemaMehr über dieses Buch
Über Michèle Maillet
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Tür auf! Schnell! … Los! Schnell! Frau Sidonie! Öffnen Sie!«
Zuerst ein dumpfes Klopfen, dann hartes Hämmern an der Tür, vermutlich Fausthiebe und Tritte oder Stöße mit dem Gewehrkolben gegen das Holz. Als die Schläge einen Moment aufhören, setzen Geschrei und Gebrüll wieder ein.
Nur ein paar Sekunden, dann fahre ich aus meinem Halbschlaf auf und bin schon auf den Beinen. Im Hinausgehen schließe ich die Schlafzimmertür hinter mir. Ich laufe in die Küche ans Fenster und werfe einen Blick hinaus. Und verstehe nicht ganz …
Sie wirken wie Schatten im Park, aber ich erkenne sie.
Mechanisch fahre ich mir mit beiden Händen über das Gesicht, wie immer, wenn jemand an die Tür klopft, und beeile mich zu öffnen. Sie stoßen mich nach drinnen und bauen sich mitten in der Küche vor mir auf. Vier Soldaten in schweren Stiefeln und Uniform und zwei Zivile in Regenmänteln.
Ich gehe auf sie zu, sie stellen sich mir entgegen, ich weiche zurück. Einer der beiden in Zivil schreit: »Los, los!« Darauf verstummt er. Aller Augen richten sich auf mich. Die Soldaten starren mich entgeistert an, dann brechen sie plötzlich in lautes Gelächter aus. Ich fange an zu zittern. Ich höre Worte, ohne sie zu verstehen: »Negerin! Eine Negerin! Frau Sidonie eine Negerin. Unglaublich!«
»Los, Jude!«
In diesem Augenblick begreife ich die aberwitzige Situation: Razzia! Das hier ist eine Razzia, und mich halten sie für eine Jüdin. Eine schwarze Jüdin. Und sie fragen sich, ob das sein kann. Jetzt mache ich zum ersten Mal den Mund auf, beinahe gelassen und selbstsicher: »Nicht Jude. Katholikin. Ich bin katholisch.«
Wie zum Beweis, aber ganz unwillkürlich kommt eine Handbewegung aus mir – das Kreuzzeichen –, und ich bete zur Jungfrau Maria. In meinem Schlafzimmer brennt immer noch die Kerze vor ihrem Bildnis.
»Jude, Negerin, tut nichts. Dieselbe Schweinerei!« Einer der Zivilen hat gesprochen. Ich erahne den Sinn der Worte, die ich undeutlich verstehen kann: Jüdin, Schwarze, Schwein. Dieselbe Schweinerei, dieselbe Sippschaft. Solches Gerede ist mir schon hier und da zu Ohren gekommen. Ich habe nie besondere Aufmerksamkeit darauf verschwendet. Aber ich merke, dass es mir nichts nützen wird, auf die Religion zu pochen. Das Schlagwort, das von Mund zu Mund geht, hinter vorgehaltener Hand, heißt nicht »Glaube«, sondern »Rasse«.
Einer in Zivil zeigt auf meine Schlafzimmertür. »Wer ist da drin?«
Mir fallen die Kerze und das Heiligenbild wieder ein. Ich antworte einfach: »Das ist mein Schlafzimmer.«
Gleich daneben, die andere Tür. Er geht hin. Seine Hand schließt sich um den weißen Porzellanknauf. Aus meinem tiefsten Innern löst sich ein wortloses Gebet, flehentlich und verzweifelt. Dass er nur den Griff nicht herumdreht, nicht diese Tür da öffnet! Er wendet sich zu mir um. Ich bin sicher, dass er meine Angst spürte, mich durchschaut hat. Er weiß, dass ich innerlich bete, diese Tür soll geschlossen bleiben.
Jetzt steht sie offen. Ein Rechteck aus fahlem Licht hebt sich vom Fußboden ab. Die Küchenlampe leuchtet nur bis zum Esstisch und lässt das übrige Zimmer im Halbdunkel.
Der Mann dringt in den Raum ein, tastet seitlich am Türrahmen entlang nach dem Lichtschalter. Aus und vorbei. Er hat ihn gefunden und drückt darauf. Etwas muss jetzt geschehen, ich muss retten, was noch zu retten ist. Ich halte nicht länger an mich, stürze auf ihn zu und fange an zu reden. Ich suche nach Worten. Dabei merke ich, wie ungeschickt ich bin und dass ich, anstatt ihn abzulenken, ins offene Messer laufe: »Die Kinder, die gehören nicht zu mir. Besuch. Ferien. Ich kenne sie nicht.«
Er geht zum Bett hinüber, ich folge ihm. Nur zwei dunkle Mulden in den Kissen sind zu sehen, alles Weitere ist unter den Decken geborgen. Das Bettzeug fliegt zurück, und zwei kleine braune Köpfe tauchen auf: Nicaise und Désiré, meine Zwillinge. Sie sind wach wie am helllichten Tag, ein wenig erstaunt und beinahe lustig. Als ich sehe, wie sie sich aufsetzen, wird mir die Offensichtlichkeit meiner Lüge bewusst: Wer wird denn glauben, dass sie nicht zu mir gehören? Wie sonst ist ihre Hautfarbe zu erklären?
Die beiden Gesichtchen vor mir rühren mich an, ich werde ganz zärtlich gestimmt. Der Mann neben dem Bett ist sicherlich in keiner vergleichbaren Stimmung: »Auch die Kinder! Auf, los!«
Die Uhr in der Küche schlägt vier. Bis jetzt hatte ich keine Vorstellung davon, wie spät oder früh es sein könnte. Ich muss gestern Abend angezogen auf meinem Bett eingeschlafen sein. Oft nutze ich die Ruhe am Abend, um zu nähen, und nicke dabei manchmal über meiner Arbeit ein.
Aber heute ist die Nacht für alle vorbei. Im ersten Stock höre ich Gebrüll. Wieder dieselben Worte: »Los! Schnell, schnell!« Das Getrampel schwerer Stiefel, und Waffen, die an Wände schlagen. Sie haben das ganze Schloss gestürmt. Monsieur Dubreuil und seine Frau werden sie mitnehmen … Es ist wohl, was ich dachte: eine Razzia. Und ich werde mit den anderen zusammengeworfen.
Wieso? Warum denn eine Razzia in diesem stillen Winkel bei Bordeaux?
Gestern beim Einkaufen hörte ich, dass ein deutscher Offizier zusammengeschlagen worden war. Ich hätte mir denken können, dass das Folgen haben würde, Repressalien, und dass »Exempel statuiert« würden, wie es hieß. Ich hätte meine Koffer packen und wegfahren sollen, meine Kinder wegbringen. Ich hätte … was? Was tun sollen? Wohin gehen?
All diese Geschichten schienen im Grunde so weit weg, das alles betraf uns nicht. Heute Nacht betrifft es uns. Bis zu dem Moment, als laut an die Eingangstür gehämmert wurde, passierten solche Sachen nur anderen. Plötzlich ist mein eigenes Leben bedroht und das meiner Kinder. Und das Leben der Dubreuils. Ich wusste, dass Madame Dubreuil Jüdin ist. Doch es ist mir abstrakt geblieben. Anderen vielleicht nicht. Vielleicht sind die Dubreuils denunziert worden? Sicher, sie gehört einer anderen »Rasse« an als ich, doch in meiner Umgebung treffe ich immer nur auf Menschen einer anderen »Rasse« als meiner, so gesehen …
Monsieur und Madame Dubreuil habe ich sehr gerne. Sie sind immer sehr nett zu mir gewesen. Dennoch habe ich mit alldem nichts zu tun. Und meine Kinder auch nicht. Sie können meine Kinder nicht mitnehmen.
Nicaise und Désiré sind aufgestanden und zittern vor Kälte und Müdigkeit, aber sie lächeln. Ich helfe ihnen beim Anziehen, und währenddessen sage ich immer wieder zu den Soldaten und Zivilen: »Ich bin keine Jüdin. Katholisch. Französin. Martinikanerin. Aus Martinique …«
Ihre einzige Antwort besteht in wiederholtem »Negerin« und Lachen. Sie geben mir Zeichen mit der Hand, ich soll mich beeilen und meine Sachen packen.
Meine Sachen packen. Wohin fahren wir überhaupt? Und für wie lange? Mein Blick heftet sich an die vertrauten Gegenstände in der Küche: an den Wasserhahn, den ich vor zwei Tagen alleine repariert habe, das ordentlich an die Wand geklappte Geschirrgestell, und vorne auf dem Tisch das Buch, über dem mein Sohn Désiré beinahe jeden Abend einschläft.
Dann ging alles sehr schnell. Keine Zeit zum Nachdenken. Eine Tasche, und Sachen für mich und die Kinder schnell hineingepackt. Noch ein kurzer Blick in mein Zimmer, das im Unterschied zur Küche ganz allein mir gehört: das Foto meiner Mutter vor unserem Haus, weit weg, auf der Insel, ein alter Stich mit naiver Handkolorierung, auf dem eine martinikanische Landschaft zu sehen ist, und auf dem Bett der schöne Madrasüberwurf und darauf meine Näharbeit – ein Kleid, das ich heimlich angefangen habe, für Nicaise’ sechsten Geburtstag im März. In der Ecke das Bildnis der Heiligen Jungfrau. Ich blase die Kerze aus. Was soll ich mitnehmen? Dinge, die uns am Leben erhalten? Dinge, die die Erinnerung wachhalten? Etwas zum Beten? Etwas zu essen?
»Schnell, schnell!«
Worte wie Knüppelhiebe. Alles geht so schnell, dass wir im Handumdrehen draußen vor den Lastwagen stehen. Im Park sind gleich mehrere vorgefahren. Es ist sehr kalt in dieser Dezembernacht.
Die Motoren laufen, und zwei Deutsche mit Maschinengewehren bewachen uns beim Einsteigen. Als sie mich und die Kinder herankommen sehen, fangen sie an zu lachen: »Eine Negerin! Schwarz wie die Nacht!« Und immer, wenn sie den Mund aufmachen, kommt eine kleine fahle Wolke heraus. Der Park wirkt in der Dunkelheit erschreckend viel kleiner als sonst. Ich helfe den Kindern hinauf auf den Lastwagen.
Für einen Moment halte ich inne, sehe die tragische Ironie, die Ungeheuerlichkeit dieser Geste: Ich helfe ihnen auch noch dabei, ins Ungewisse abzureisen, einem Schicksal entgegen, das ich noch mehr für sie als für mich fürchte. Aber schon höre ich wieder das »Schnell! Schnell!«, und mir bleibt keine Zeit mehr zum Nachdenken.
Ich versuche, die hellen Flecken, die Gesichter all derer, die schon unter der Lastwagenplane sitzen, zu erkennen. Weder Monsieur noch Madame Dubreuil sind auszumachen. Vielleicht mussten sie in ein anderes Fahrzeug steigen. Ihre Gegenwart hätte mich beruhigt. Ich hätte sie gebeten, den Deutschen zu sagen, dass ich katholisch bin, und sie hätten sich für mich eingesetzt. Sie haben mich immer respektiert, mich und alles, was mich mit meiner Insel verbindet. Madame Dubreuil sprach oft mit mir über die Antillen und bat mich manchmal, sie in die Geheimnisse der kreolischen Kochkunst einzuweihen, die ich von meiner Mutter gelernt habe.
Die Lastwagen setzen sich in Bewegung und rollen aus dem Park hinaus. Kieselsteine knirschen unter den Reifen. Dann fängt die glatte Straße an, ein paar Minuten später müssen wir schon im nächsten Vorort von Bordeaux sein. Wir halten an. Wieder das Gebrüll. Der Lastwagen wird aufgerissen, und weitere Personen steigen ein. Die Soldaten stoßen und drücken uns nach hinten wie Vieh.
Ich versuche, meine Kinder zu schützen, die zwischen den Erwachsenen kaum Luft bekommen. Sie haben seit dem Aufstehen noch kein Wort gesagt. Ich weiß, dass sie abwarten, bis wir allein sind, um ihre Fragen zu stellen. Immer heben sie, was sie zu sagen haben, für unsere vertrauten Momente auf. Meine armen Kleinen, wenn ich nur wüsste, wann wir wieder für uns sein werden. Aus ihren Blicken spricht mehr Neugier als Angst.
Ein erneuter Halt. Und wieder Abfahrt. An den Kurven, den Richtungswechseln, an den Zonen aus Licht und Schatten, die durch die Plane schimmern, versuche ich, unsere Route abzulesen. Das La-Bastide-Viertel, die Stadtkirche. Weiter unten stelle ich mir die Garonne vor, ein stiller Fluss im Winter, bis zu den Frühjahrsstürmen. Und die Häuser am Ufer, die sich im Wasser spiegeln – eine chinesische Tuschezeichnung. Ich versuche, mich zu orientieren. Mir scheint, wir befinden uns auf der Nationalstraße 10. Aber warum? Wohin fahren wir nur?
Meine Blicke und die einer Frau, die beim letzten Halt eingestiegen ist, begegnen sich. Ihre Augen stellen dieselbe wortlose Frage. Dennoch wendet sie sich ab. Ich kenne diese Frau, und sie kennt mich. Oft wechselten wir ein paar Worte, wenn wir in einem Laden zusammentrafen. Heute tut sie, als hätte sie mich noch nie gesehen. Ich frage mich, wen sie eigentlich nicht wiedererkennen will: Sidonie, die Frau mit der schwarzen Hautfarbe, oder Sidonie, die Haushälterin einer Jüdin?
Kein Mensch im ganzen Wagen sagt ein Wort, und doch bin ich sicher, dass wir uns gerade jetzt nötig brauchten. Seit ich hier drinnen bin, halte ich Ausschau nach einem bekannten Gesicht, nach einem wohlwollenden Blick, ein paar leisen Trostworten oder Erklärungen. Aber diese Frau, die mich kennt, bleibt stur wie alle, die von nichts wissen wollen. Empörung regt sich in mir. Gewiss ist das jetzt vielleicht nebensächlich, aber eine Frage drängt sich mir immer wieder auf: Warum ignoriert mich diese Frau? Weil ich nur eine Hausangestellte bin? Weil sie sich nicht mit einer »Negerin« kompromittieren will?
Im Augenblick bin ich eine Französin wie sie und von den Deutschen verhaftet wie sie. Ja, Französin, ganz und gar, Blutstropfen für Blutstropfen. Mein Vater war Franzose und Weltkriegsteilnehmer. Er starb an den Spätfolgen seiner Kriegsverletzungen; zu viel Blut war auf französischem Boden vergossen worden. Auch einer meiner Onkel kam um, weil er Franzose war. Beerdigt im Massengrab von Douaumont. Und bei mir zu Hause, im Frankreich auf der anderen Seite des Ozeans, da kannten wir die Geschichte der Schlacht von Verdun auswendig. Oder die Kämpfe um den Wald bei Caures, wo mein Onkel Thémistocle 1916 fiel … Und was macht mein Onkel Armand seit der Besetzung Frankreichs? In Sainte Lucie, im Süden der Insel, hat er sich an die Spitze der Widerstandsbewegung gesetzt. Vom 18. Juni 1940 an, als einige wenige TSF-Sender den Aufruf des General de Gaulle brachten, sind fast alle Männer mit den erstbesten Booten zu den englischen Inseln aufgebrochen. Viele von ihnen sind vermisst, von starken Strömungen oder vom Sturm hinausgetrieben worden, wie mein Bruder Remy …
Inzwischen schlafen die Kinder, eingezwängt zwischen Koffern und Knien von Erwachsenen. Sie werden hin und her geschüttelt, und dieser Anblick schneidet mir noch mehr ins Herz als die Erinnerungen an die Vergangenheit oder die Gleichgültigkeit dieser Frau, die mich einfach nicht mehr kennen will.
Vier Stunden, jetzt sind wir schon vier Stunden unterwegs. Der zu kurze Schlaf, die Eiseskälte und Bewegungslosigkeit, die Angst, das alles lässt uns blass aussehen hier in diesem Wagen, auch mich und meine Kinder. Man kann sehr wohl blass aussehen unter dunkler Haut, genauso wie frisch und wohl.
Der Lastwagen hält an. Ein Ziviler, der einigermaßen richtiges Französisch spricht, sagt uns, wir könnten jetzt unsere Notdurft verrichten gehen. Wir steigen aus. Désiré, mein kleiner Junge, wird gestoßen und rutscht aus. Ich stürze hinterher, um ihn aufzuheben, denn ich habe Angst vor der Menge, die sich zwängt und drängt und erbarmungslos über alle wegtrampelt, die hinfallen. Meine Hand ist blutbeschmiert, und ich wische Désiré mit der anderen das Gesicht ab. Seine Lippe ist verletzt, ein roter Fleck beschmutzt sein Hemd. Er sagt immer noch kein Wort, weint auch nicht, sondern zwinkert mir zu, um mich zu beruhigen. Nicaise beißt sich auf die Lippen und bekommt feuchte Augen. So sind meine beiden, immer leiden sie miteinander mit, so wie ich mit ihnen leide. Mein Blick fällt auf meine rote Hand, und ein Gedanke will mir nicht mehr aus dem Kopf: Schon jetzt fließt Blut. Blut. Krieg …
Es muss jetzt nach acht Uhr morgens sein. Ein grauer Tag, so fahl wie unsere Gesichter, bricht an. Die Erde ist weiß. Während der Fahrt im Lastwagen muss es geschneit haben.
Ich stelle mir diesen Tagesanfang vor, wie er gewesen wäre ohne diesen Albtraum: Ich ziehe die karierten Küchenvorhänge zurück, und ein unberührt weißer Park liegt vor meinen Augen. Die Äste biegen sich unter der Schneelast. Lächelnd gehe ich zur Kinderzimmertür und öffne sie. Ich hätte eine Überraschung für sie, sage ich und schiebe mit einem Ruck die Gardinen beiseite. Meine beiden hüpfen mit einem Satz aus dem Bett und sind auf den Beinen. Sie rennen zum Fenster und schreien vor Freude …
Hier beim Lastwagen habe ich gesehen, wie Nicaise ihren Bruder anstieß und ihn lächelnd auf den weißen Boden aufmerksam machte. Für sie ist der Schnee immer noch wie ein Zauber.
Ich weiß nicht, wo wir sind. Hinter uns haben noch etwa zehn weitere Lastwagen angehalten, und Leute steigen aus. Vor uns ein riesiges Gebäude, eine Art Halle mit großen Glasfenstern. Die Türen werden geöffnet. Überall um uns herum die Soldaten, die uns zum Eingang treiben. Die Kinder drängen sich an mich, und ich schmiege mich an sie. In der Vorhalle eine Wolke verschiedener Gerüche, menschliche und tierische: Urin, Sägespäne und Pferdemist. Wir befinden uns in einer Reithalle. Noch nie im Leben bin ich in einer Reithalle gewesen, aber ich weiß, dass es so etwas sein muss. Unter dem gelblichen Licht von Scheinwerfern ist eine Menschenmenge versammelt – einige sitzen, manche liegen, die meisten stehen, und viele sind eingenickt. Wie viele es wohl sein mögen? Wie viele wir wohl sein mögen, jetzt, da ich Teil dieses Trüppchens geworden bin? Mehrere Hundert, scheint mir. Wir sind alle wie erschöpfte Pferde, und unser Atemdunst mischt sich in die eisig feuchte und erstickende Luft im Raum.
Männer, Frauen und Kinder gibt es hier. Nicaise, Désiré und ich sind die einzigen Schwarzen in dieser Menge. Und wenn ich bisher nie besondere Aufmerksamkeit auf meine Hautfarbe verwendet habe, so denke ich seit heute Morgen an nichts anderes mehr.
Weshalb bin ich verhaftet worden? Viele hier tragen einen gelben Stern an ihrer Kleidung. Eigentlich müsste ich dann auch einen tragen, aber keinen gelben, sondern einen schwarzen Stern. Solch ein Zeichen gibt es nicht, aber ich spüre, dass ich derselben Kategorie Mensch zugeordnet worden bin wie die anderen hier. Von nun an gehöre ich zu der uneindeutigen Gruppe, zu der Hitler unterschiedslos die Juden, die Slawen, die »Zigeuner« und die Schwarzen zählt.
In den vergangenen vier Kriegsjahren ist mir einiges zu Ohren gekommen – ob das wohl alles wahr ist? Ich habe gehört, dass die Deutschen schwarze Menschen ablehnen und dass sie in ihrem Hass alle Völker in einen Topf werfen. Schwarze Musiker aus den USA hatten in Paris Probleme mit den Deutschen bekommen, die – wie auch gewisse Franzosen – keinen Unterschied zu machen scheinen zwischen afroamerikanischen Musikern, afrikanischen Soldaten der französischen Kolonialarmee und Martinikanern, die seit Jahrhunderten Franzosen sind wie ich und meine Kinder.
Beim Anblick der vielen Menschen hier, die sich in ein und derselben Notlage befinden, fange ich an, die Dinge mit Distanz zu betrachten wie eine Beobachterin. Das Wort »Schande« fällt mir wieder ein. Ein Begriff, den Hitlers Propaganda benutzte, »Die schwarze Schande am Rhein«. Diesen Ausdruck prägten die besiegten Deutschen nach dem Krieg von 1914/18, als ein Teil ihres Landes von französischen Soldaten besetzt worden war. Von französischen Soldaten schwarzer Hautfarbe. Warum hat Frankreich schwarze Soldaten zur Besetzung Deutschlands geschickt? Gibt es deutsche Schwarze? Ich habe noch nie davon gehört. Jedenfalls habe ich nur immer weiße deutsche Soldaten gesehen, seitdem Frankreich besetzt ist.
Ob es wohl schwarze Juden gibt? Eine Geschichte meiner Großmutter fällt mir wieder ein. Eine Liebesgeschichte, die von einem König der Juden, Salomon, und der Königin von Saba handelt. Aus ihrer Verbindung soll das Volk der Falaschas hervorgegangen sein. Stamme ich vielleicht von den Falaschas ab?
Also habe auch ich meinen Stern. Und das Gefühl, das er mir gibt, ist neu, aber nicht das der »Schande« oder der »schwarzen Schande«. Denn ich bin stolz auf die Sonne meines Landes, eine Sonne, wie sie die wenigsten hier kennen, und habe bisher nie weiter an meine Hautfarbe gedacht – sicherlich eine Frage des Zufalls, der Zeit, der Umstände und der Gewohnheit. Ein einziges Mal in meinem Leben war ich zutiefst unglücklich und verzweifelt wegen meiner Herkunft, und das war eine persönliche Geschichte. Doch ist es plötzlich meine Hautfarbe, aufgrund derer mir ein gemeinschaftliches Schicksal bevorsteht, obwohl ich hier die Einzige meiner Art bin.
Auch die Kinder, die sich fester aneinanderklammern und an mich drängen, spüren unser Anderssein, da bin ich sicher. Ihnen dürften die Blicke der anderen hier kaum entgangen sein, die sie flüchtig streifen oder eindringlich mustern, oder die halblauten Bemerkungen und angedeuteten Fragen.
Offensichtlich sind wir selbst für unsere Leidensgenossen Außenstehende oder Eindringlinge, eine Anomalie, ein Irrtum. Und was ist mit der christlichen Hilfe in der Not? Hilfe im Kummer, in der Verzweiflung? Selbst hier in dieser Pferdehalle, wo wir alle nicht etwa wie verdächtige, feindliche, jüdische und schwarze Männer und Frauen behandelt werden, sondern wie Tiere, selbst hier bauen sich Trennungen, Abgrenzungen und Misstrauen auf, stärker als sonst. Ich bin eine Antillerin, eine Martinikanerin, eine Frau aus den Kolonien, eine Negerin, eine Sklaventochter. Ich muss an meine Eltern denken, die mir fast über zwanzig Jahre beigebracht, gepredigt, eingetrichtert haben, die Sklaverei sei abgeschafft, vorbei und vergessen. Beinahe hätten sie so getan, als habe es sie nie gegeben …
Die Atmosphäre der Ablehnung, der Neugier und sogar der Aggressivität ist hier wie mit Händen zu greifen. Und das Außergewöhnliche ist, dass sie nicht etwa gegenüber den Deutschen zutage tritt, gegenüber den bewaffneten, erklärten Feinden. Sie bleibt unter uns: Jeder fixiert heimlich seinen unmittelbaren Nachbarn, jeder scheint zu glauben, er sei wegen seines Nachbarn hier, und jeder tut so, als kenne er seine Nachbarn nicht, als seien diese zwangsläufig kompromittierend. Jeder verleugnet jeden.
Doch es gibt auch Ausnahmen: Gerade sehe ich, wie ein alter Herr mit weißem Schnauzbart sich zu seiner Nachbarin neigt und ihr ein paar Worte zuflüstert. Ich habe ihn vorhin schon bemerkt, als er mit einer kleinen Bewegung versuchte, Désiré im Hinfallen zu halten, und weil er mich mit seinem Gesicht, seinem Bärtchen, seiner Goldrandbrille und dem Gehrock an eine Fotografie von Anatole France in einem meiner Bücher erinnerte.
Bestimmt hat er gespürt, dass ich ihn anstarre, denn er dreht sich zu mir um und legt die paar Meter, die uns trennen, zurück. Endlich die Wärme eines Blicks, eines Wortes der Mitempfindung, die ich so nötig brauche wie wir alle hier: »Sie auch? Warum das? Das muss ein Irrtum sein. Hat sich der Kleine sehr wehgetan?« Mit einer Kopfbewegung verneine ich. Und plötzlich stehen Tränen in meinen Augen. Die Not, die Anstrengung und die Niedergeschlagenheit.
Der alte Herr hat sich schon wieder entfernt. Was er mir gesagt hat, heißt doch auch, dass ich nicht so bin wie die anderen hier. Aber so wie er es gesagt hat, kann ich es gelten lassen. Ich habe ja nichts dagegen, schwarz zu sein. Ich will gar nichts anderes sein. Ich habe nur etwas dagegen, verachtet zu werden, und dagegen, dass meine Kinder verachtet werden, weil wir schwarz sind.
Mein aufsteigender Tränenstrom stockt plötzlich, als ein Schrei vom anderen Ende der Halle her ertönt. Eine Frau brüllt, von Panik ergriffen. Jemand ruft: »Einen Arzt, sie braucht einen Arzt!« Zwei Männer bewegen sich in ihre Richtung. Einer von ihnen ist der ältere Herr mit der Goldrandbrille.
Inzwischen habe ich mich hingesetzt. Doudou und Nicaise malen mit den bloßen Fingern Bilder in das Sägemehl am Boden. Schon will ich sie zurechtweisen wegen des Schmutzes – aber wozu? Wichtiger ist, dass sie vergessen können, was hier vorgeht, so lange wie irgend möglich.
Viele, die wie ich eben noch gesessen haben, stehen auf. Die großen Eingangstüren werden wieder aufgeschoben. Wie sollen wir das überstehen, wenn sie noch mehr Menschen hier hineindrängen?
Aber nein, ich höre Befehle auf Deutsch. Wir sollen aufstehen und uns in Schlangen anstellen. Gemurmel, Fragen und schließlich eine Antwort: Wir bekommen etwas zu essen. Riesige Kübel mit Suppe werden hereingebracht. Kartoffeln, etwas Speck und viel Wasser, so scheint es. Diese Neuigkeit geht vom Eingang her wie eine Welle durch die Menge. Als ich aufgestanden bin, greife ich unwillkürlich zu einem Taschentuch, um meinen Kindern die Hände abzuwischen.
Alle müssen einzeln an der improvisierten Kantine vortreten. Wir haben Anspruch auf zwei Essschüsseln: eine für die Nahrung, die andere für das Wasser und dann noch ein Stück Brot. Ein Soldat gibt Anweisungen auf Deutsch. Die Frau vor mir dreht sich um: »Sagen Sie Ihren Kindern, sie sollen nicht alles hier aufessen. Wir werden bis zur Ankunft nichts mehr bekommen.« »Ankunft«, dieses Wort hört sich seltsam, zweifelhaft und gleichzeitig beruhigend an.
Verdanken wir das dem beginnenden Tageslicht draußen? Oder der Annehmlichkeit des Essens? Dass die Zungen sich endlich lösen, Empfindungen ausgedrückt werden und Fragen gestellt, als ob eine Art soziales Leben wiedererwachte. Dennoch, die Suppe sieht ziemlich wässrig aus, die Kartoffeln sind fast zu Brei verkocht, und das Brot ist ganz grau, ohne Geschmack und hart. Wenn ich da an unsere köstlichen antillischen Zacharies denke …
Désiré und Nicaise sind immer noch ganz still. Und ich wage es nicht, unseren wortlosen Zusammenhalt, unsere Verbundenheit zu stören. Was könnte ich ihnen auch antworten, wenn sie anfingen, mir Fragen zu stellen?
Die Lautstärke in der riesigen Halle hat allmählich zugenommen – Stimmengewirr, das Geklapper der Essgeschirre, und zum ersten Mal werden auch Proteste laut. Eine Gruppe von Männern hat zwei oder drei deutsche Soldaten beiseitegedrängt. Sie schimpfen nicht, aber sie befragen sie. Fragen, die wir uns alle stellen. Ich höre sogar: »Wir verlangen eine Antwort …«
Abrupt tritt Stille ein. Ein Offizier ist hereingekommen. Er sieht elegant aus in seiner gut geschnittenen Uniform mit den frisch geputzten Stiefeln. Die Soldaten haben Haltung angenommen. Auch die Protestierenden stehen da ohne ein Wort, beinahe wie Befehlsempfänger. Alle Forderungen sind verflogen. Zum ersten Mal sehe ich einen SS-Offizier aus der Nähe. Damit beginnt für mich der Krieg, an diesem Morgen, den 13. Dezember 1943, um elf Uhr. Mir fällt die Küchenuhr zu Hause im Schloss ein. Heute Morgen hätte ich sie wieder aufziehen müssen. Sie ist sicher stehen geblieben.
»Ruhe!«, gibt der Offizier von sich.
Désiré und Nicaise pressen sich an mich. Doudou schiebt seine eiskalte Hand in meine, und ein Kälteschauer geht durch mich hindurch. Nicaise fängt an zu zittern und schmiegt sich an meinen Wollrock. Ich nehme meinen Schal ab und wickle meine Tochter darin ein. Sie weicht meinem Blick aus.
Wie kann ich meine Empfindungen in diesem Moment anders ausdrücken als in einem Bild. Dem Bild vom langen Arm des Schicksals, das seine Hand gegen uns erhoben hat. Und mein Blick fällt unwillkürlich auf die lederbehandschuhte Hand des Offiziers. Welches Schicksal?
Aber immer noch habe ich Hoffnung im Herzen, und der alte Arzt hat ihr Ausdruck verliehen: Meine Kinder und ich sind nicht jüdisch. Alles war nur ein Irrtum. Sie werden es überprüfen. Ich habe so oft gehört, dass die Deutschen peinlich genau sein sollen. Dann werden sie sehen, dass ich eine harmlose Martinikanerin von fünfundzwanzig Jahren bin, halb Studentin, halb Hausangestellte, die mit ihren Kindern in der Nähe von Bordeaux lebt.
Aber man kann doch auch nicht einfach alle Juden und diejenigen, die bei ihnen arbeiten, verhaften. Was will man denn mit all den Menschen machen? So große Gefängnisse gibt es ja gar nicht! Und außerdem sitzen dort schon die Diebe, Mörder und Verbrecher … Wozu sich eine Frau und zwei Kinder schnappen? Man muss uns freilassen … Wohin werden wir jetzt noch fahren? Was werden wir machen? Was wird aus den anderen, von denen wir getrennt wurden? Ich verschiebe diese Fragen auf später.
Der Offizier geht an mir vorbei, sieht mich scharf an und mustert dann meine Kinder. Ein schwaches Lächeln erscheint auf seinem Gesicht. Ich will zu einer Frage ansetzen, aber dieses seltsame Lächeln macht es mir unmöglich, auch nur einen Ton herauszubringen. Jetzt ist nicht der Moment dazu. Später, später … Die Soldaten fangen an, uns zu zählen, so gelassen, systematisch und scheinbar ohne sich zu irren, als sei es ihre tägliche Routinearbeit. Dann ertönen von Neuem kurze Befehle. Etwa fünfzig Bewaffnete kommen in die Halle, umstellen uns und treiben uns brutal zum Ausgang. »Raus! Schnell, schnell! In den Zug!«
Der Anblick draußen erschreckt mich richtig. Eine wuchtige Lokomotive mit unzähligen Reisewaggons steht etwa zwanzig oder dreißig Meter von der Reithalle entfernt unter Dampf. Auf Schienen, die ich bei der Ankunft nicht gesehen hatte. Es ist ein sonderbares Schauspiel, das sich da bietet: die flache verschneite und nebelverhangene Ackerlandschaft ringsum, dann wir, zu Hunderten aus Nasen und Mündern dunstend wie diese Lokomotive, die aus dem Nichts heraus so dasteht – ohne Bahnhof, ohne Bahnsteig, ohne Schalter.
Wir müssen einige Meter durch den Schnee am Zug entlanggehen, bis befohlen wird, einzusteigen. So geht es vor uns los. Meine Kinder machen kleine Fäuste, sie frieren an den Händen. Wir haben die Handschuhe vergessen. Hinter dem Nebeldunst muss die Sonne scheinen, denn er schimmert schwach goldgelblich. Désiré und Nicaise rutschen ein bisschen in dem festgetretenen Schnee. Zum Glück haben sie ihre Stiefel an. Wir alle bewegen uns mit gemessenen, möglichst genauen Schritten, doch mehr wegen unserer Unsicherheit als aufgrund des Schnees. Etwas Berührendes geht von diesen sich bewegenden Reihen aus, ein Gefühl von Gemeinschaft, das in einer reglosen, eingekreisten Menge nie aufkommen kann. Trotz der Koffer, Bündel, Taschen und all der Dinge, die ihren Schritt verlangsamen, sehen diese Frauen und Männer nicht wie Reisende aus.
