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Wir haben nicht nur die vielen Geschichten Simenons, da sind auch die vielen interessanten Storys um den Schriftsteller und sein Werk. Wussten Sie, dass es einen Schauspieler gab, der zweimal in einer Verfilmung des gleichen Stoffes auftrat? Kennen Sie die Hauptdarstellerin eines Maigret-Films, die in einem Zirkus von einem Tiger angegriffen wurde? War Ihnen bekannt, dass Simenon auf seiner Reise durch Amerika seine Uniform der britischen Armee und einen Sattel zum Reiten bei sich hatte? Vergnüglich und informativ werden Sie auf die Spur von Simenon und Maigret gesetzt. Möchten Sie selbst ermitteln? Das ist kein Problem! Vier Paris-Touren führen Sie auf die Fährte des Kommissars. Das und viel mehr finden Sie in dem neuen Buch des Simenon-Nerds Oliver Hahn. Dieser Band über Simenon ist nicht nur ein Reisebegleiter für jeden Paris-Reisenden, der Interesse an Maigret hat. Die vier Routen werden Interessierte in die verschiedensten Ecken von Paris verschlagen – dabei immer auf der Spuren des berühmten Kommissars und unterstützt durch hilfreiche Karten. Die Reise führt diesmal durch drei Maigret-Romane – »Maigret amüsiert sich«, »Maigret und die junge Tote« und »Maigret und der Mann auf der Bank« – und darüber hinaus zu dem spannenden Non-Maigret-Roman »Sonntag«. Es ist ein Lesebuch für Simenon-Interessierte, die nie einen Zugang zu den »Intimen Memoiren« fanden, Gefallen an Verfilmungen haben und die gern nach links und rechts schauen, da, wo die eher abseitigen Themen zu finden sind.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 398
Veröffentlichungsjahr: 2022
Über das Buch
Dieser Band über Simenon ist nicht nur ein Reisebegleiter für jeden Paris-Reisenden, der Interesse an Maigret hat. Die vier Routen werden Interessierte in die verschiedensten Ecken von Paris verschlagen – dabei immer auf der Spuren des berühmten Kommissars und unterstützt durch hilfreiche Karten. Die Reise führt diesmal durch drei Maigret- Romane – »Maigret amüsiert sich«, »Maigret und die junge Tote« und »Maigret und der Mann auf der Bank« – und darüber hinaus zu dem spannenden Non-Maigret-Roman »Sonntag«. Es ist ein Lesebuch für Simenon-Interessierte, die nie einen Zugang zu den »Intimen Memoiren« fanden, Gefallen an Verfilmungen haben und die gern nach links und rechts schauen, da, wo die eher abseitigen Themen zu finden sind.
Oliver Hahn
Schwatzen über Simenon
Ein Lesebuch
édition orfèvre
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über dnb.dnb.de abrufbar.
1. Auflage 2022
© 2022 Oliver Hahn
Erschienen bei édition orfèvre
Gesetzt aus Spitzkant Text
ISBN Softcover: 978-3-347-64235-5
ISBN Hardcover: 978-3-347-64236-2
ISBN E-Book: 978-3-347-64237-9
Druck und Distribution:
tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg, Germany
Inhalt
Vorwort
Sammelsurium
Nur ein Vertrag
Ein Dingsda
Kein »Colloraboteur«
Sympathie für den Anti-Helden
Irritation in New York
Wie im richtigen Leben
Ein Roman in Fortsetzungen
Maigret plaudert nicht
Ein Seher?
Eine traurige Nachricht
Vidocq
Macé und Goron
Zuhälter oder Banker
Urlaub in Paris(Maigret amüsiert sich)
Die verkorkste Urlaubsplanung
Keine gewöhnliche Affäre
Bottin Mondain
Majestätisch in Cannes
Ciel, mon mari!
Von Eulen und anderen Schienenbussen
Nagelmackers Vision
Der Kanal vor der Tür
Ein echter Maigret-Spaziergang
Der zweite Spaziergang
Der dritte Spaziergang
Die Frau auf der Bank(Maigret und die junge Tote)
Zwischenstation für Ermordete
Rue d’Aboukir
Miese Masche
Blumenkorso
Heute ganz anders
Gelbe Schuhe(Maigret und der Mann auf der Bank)
Aus der Zeit gefallen
Choucroute
Unschärfe
Nicht lecker!
Im Knast
Auf den Spuren von Louis Thouret
Die Agentur(Aus den Akten der Agence O)
Matrizen
Ein Nachmittag, tausende Briefe
Schnell auf Abwegen
Keine Idylle(Sonntag)
Die doppelte Marie
Madame Lavauds Gang
Route Napoléon
Sex vor dem Kennenlernen
Wenn Vögel auf den Leim gehen
Exaktheit
Viereckige Augen
Klassiker oder Grabbelkiste?
Ein Gesicht – die ganze Zeit
Um den Kopf eines Mannes
Maigret als Zuschauer
Tamara Garina
Jean-Paul Belmondo
Brigitte und die große Bühne
Der Mann vom Eiffelturm
Maigret und die Zwillinge
Die Calvados-Simplifizierung
Intim mit Simenon
Seite 289
Seite 302
Seite 315
Seite 327
Seite 340
Seite 352
Seite 363
Seite 375
Index
Nachweise & Danksagung
Vorwort
Nachdem im letzten Jahr mein Erstling »Plaudern über Simenon« erschienen war und das Buch kurzzeitig auf Platz 1 der Amazon-Bestseller-Liste für Simenon-Sekundärliteratur stand, ist mir der Erfolg ein wenig zu Kopf gestiegen. Solche Höhenflüge können gefährlich sein.
Meine Frau musste mich erden und das tat sie, indem sie mir eher profane Aufgaben im Haushalt zuwies, wie Katzenstreu besorgen, Geschirrspüler ausräumen und Müll rausbringen. Das zweite Buch verhinderte das nicht.
Wie beim letztjährigen Buch möchte ich mit einer Reihe von Anmerkungen starten, um Erwartungen zu dämpfen und einzufangen. Die FrageAntwort-Form im Vorwort hat sich bewährt, deshalb will ich das diesmal erneut so halten.
Wissenschaftlich oder nicht?
Nein, ganz und gar nicht. Es ist eine Wundertüte an Texten, die sich mit bestimmten Sachverhalten und Auffälligkeiten in Simenons Werk beschäftigen. Mein Ziel ist es, Sie zu unterhalten und zu informieren. Wer hochtrabende Texte über Simenon mit allerlei Deutungen ins Metaphysische hinein erwartet, sollte das Buch zurück legen. Diese Erwartungen werde und möchte ich nicht erfüllen.
Verehrung, kritische Distanz und Fiktion – kann das gut gehen?
Das kann ich nicht guten Gewissens versprechen und Sie werden sich immer wieder darüber den Kopf zerbrechen müssen. Ich hatte kurz überlegt, ob ich zu der Lektüre Rotwein empfehlen. Da Kopfzerbrechen Kopfschmerzen erzeugen kann, brauchen Sie eventuell Schmerztabletten – und von der gemeinsamen Einnahme dieser mit Alkohol wird abgeraten. Deshalb halte ich mich zurück.
Der Punkt »Verehrung« ist zumindest für mich kein Problem. Ich vermag den Autor Simenon, der uns viele schöne Werke hinterließ, von der Person Simenon zu trennen, der mich immer wieder ratlos macht.
Sollte der Genuss linear erfolgen?
Das ist nicht vorgesehen, da die Texte auch nicht linear geschrieben wurden. Also lässt sich leicht das Herauspicken, was einem gefällt.
Intim mit Simenon?
Das könnte das Motto des Buches sein. Aber in diesem speziellen Kapitel geht es um das Lesen der »Intimen Memoiren« von Simenon. Die Kapitelüberschriften beziehen sich auf die Seiten der Ausgabe, die ich für dieses Abenteuer lese. Es handelt sich um eine Fortsetzung aus dem vorherigen Buch und wird im nächsten Jahr weitergeführt werden.
Gibt es etwas zu den Karten zu sagen?
Aber ja! Sonst hätte ich mir keine fiktive Frage dazu ausgedacht. Das Kartenmaterial beruht auf OpenStreetMap. Corona-bedingt konnte ich die meisten Strecken diesmal nicht am Stück abgehen. Ich bin aber an allen Stellen gewesen.
Gut möglich, dass die Routen ambitioniert sind. Das ist generell schwer zu sagen, da jeder seine Geschwindigkeit hat. Die Karten sind nicht maßstabsgetreu abgebildet, stellen also nur Skizzen dar. Wichtig war mir, dass gut erkennbar ist, wie die Route verläuft.
Die Texte gibt es im Internet umsonst. Warum Geld dafür ausgeben?
Da fallen mir eine Reihe von Gründen ein: Nur mit diesem Buch bekommen Sie die Beiträge in wunderbarer Form auf Papier. Wenn Sie die Artikel aus dem Internet auf Ihrem Drucker ausdrucken, werden die Texte nie so schön sein wie hier.
Die Beiträge auf der Webseite werden auf Rechtschreibung geprüft und mehr oder weniger genau gegengelesen. Für das Buch gibt es einen Korrektur-Workflow und alle Artikel wurden von mindestens zwei Personen insgesamt viermal gelesen. Da bin ich guter Hoffnung, dass die Beiträge weitgehend fehlerfrei daherkommen.
Ich habe trotzdem Fehler entdeckt! Kann ich mein Geld zurückbekommen?
Tja. Würden Sie auch darauf bestehen, wenn ich Ihnen sage, dass vermutlich eine unserer drei Katzen daran schuld ist, weil sie sich auf die Tastatur legten oder einfach nur achtlos über die Eingabegeräte latschten?
Ein wenig mehr Ernsthaftigkeit über das Ganze gesehen wäre schön!
Nein, da kann ich Ihnen nicht helfen. Ich ertrage meine eigene Simenon- Nerdigkeit nur durch Humor und Ironie.
Wissen Sie, wem die vielen Fakten und teilweise merkwürdigen Geschichten gefallen hätten? Meinem Vater. Sein Anteil an dem, was Sie in Ihren Händen halten, lässt sich nicht überschätzen. Er, der nie Vater, nie Papa, sondern immer der Papi war, ist vor einem Monat verstorben und ich möchte dieses Buch ihm widmen.
Haben Sie Anregungen, scheuen Sie sich nicht, mich zu kontaktieren. Die Kontaktmöglichkeiten sind am Ende des Buches zusammengefasst.
Passez un bon moment!
Oliver Hahn Mühbrook, Mai 2022
Nur ein Vertrag
Während unsereiner darauf wartet, dass Gérard Depardieu den Mord an der jungen Toten auf der großen Leinwand aufklärt, haben die Rechte-Verwalter Simenons Erbe neue Interessenten für Maigret als Serien-Stoff gefunden. Nun wissen wir, wer die Rechte hat. Aber wer der Kommissar werden soll, noch nicht.
Allein die Tatsache, dass ein Name bisher nicht genannt wurde(1), zeigt, dass einige Zeit ins Land gehen wird, bevor irgendetwas auf den Bildschirmen und Monitoren zu sehen sein wird.
Ich erinnere mich, dass ich vor etwa zwei Jahren vermeldete, dass geplant sei, einen Maigret-Film mit Depardieu zu drehen – und nun(2) wird er bald auf den Kinoleinwänden erscheinen. Wann angefangen wurde, über die Rechte zu sprechen, und wann die Produktionsplanung begann – das ist in der Öffentlichkeit nicht bekannt.(3)
Der Umfang
An der neuen Vereinbarung finde ich den folgenden Punkt am interessantesten: Die neuen Partner – Red Arrow Studios International und Playground – sichern sich die Rechte an allen 75 Maigret-Romanen und zusätzlich an den Kurzgeschichten. Man soll nicht zu kleinlich sein und anfangen zu meckern, dass der 0. Fall nicht Teil des Deals ist – es ist genügend Stoff, um uns auf Jahre zu beschäftigen.
Würden die Produzenten sich auf ein klassisches Serien-Format einlassen, welches 24 Folgen für eine Staffel umfasst, immerhin vier Jahre. Aber Episoden in solcher Aufmachung wären erfahrungsgemäß nur 45 Minuten lang. Das erscheint unwahrscheinlich – sind die einzelnen Folgen länger, so wäre der Umfang der Staffeln wiederum kürzer.
An der Stelle wollen wir nicht hoffen, dass man das Produktionstempo der Atkinson-ITV-Produktion pflegt, dann wären die Herrschaften für die Verfilmung des gesamten Stoffes über fünfzig Jahre beschäftigt. Das würde zumindest mich frustrieren.
Denn …
Alles, was bisher bekannt ist, steht in der Pressemitteilung. Solche Verlautbarungen kennt man, und obwohl die Meldung ausführlich ist, ist ihr wenig Konkretes zu entnehmen.
Ein Produzent der neuen Maigret-Reihe ist Colin Callender (Sir Colin Callender, so viel Zeit muss sein), der Playground, gründete. Diese produzierten in der Vergangenheit prämierte Serien wie »Wolf Hall«, »Howards End«, »All Creatures Great and Small«(4) und er war vorher bei HBO.
In den 22 Jahren bei dem schon legendär zu nennenden Kanal wurden 132 Emmys gewonnen. Zahllose andere Preise einschließlich Oscars sollen an der Stelle nicht aufgezählt werden.
2009 verließ er die Fernsehfirma, ging nach New York und produzierte Theaterstücke, bevor er 2012 Playground gründete. Die Firma hat sowohl am Gründungsort New York wie auch in London ihre Mitarbeiter sitzen und ist im Fernseh- wie auch im Theater-Bereich tätig. So wurde ein Harry-Potter-Stück 2020 in Hamburg von ihm produziert.
Die Geschäftsführer David Stern und Scott Huff gehören zu den weiteren Produzenten vonseiten Playgrounds. Aufseiten von Red Arrow Studios International kümmern sich Tim Gerhartz und Rodrigo Herrera Ibarguengoytia um das Projekt. Red Arrow sind es auch, die sich um den globalen Vertrieb kümmern – denn darauf ist man aus.
Ein bisschen Angst
In der Pressemitteilung gibt es ein Zitat, dass Tim Gerhartz als Präsident von Red Arrow in den Mund gelegt wurde:
Wir freuen uns darauf, eine neue und unverwechselbare Adaption zu schaffen, die sowohl die bestehenden Fans von Maigret als auch neue ansprechen wird.
Das Wort »fresh«, welches verwendet worden ist, hat eine Reihe von Bedeutungen. Welche Gerhartz gemeint hat, weiß ich nicht. Im Sinne von »neu« ist es noch die harmloseste Variante. Ist »innovativ« gemeint, fängt die Angelegenheit an, beunruhigend zu werden. Im schlimmsten Fall hat man nachher so etwas wie den Sherlock-Holmes-Verschnitt »Elementary« an den Backen. In dieser Adaption erinnert nicht mehr viel an den Detektiv aus der Baker Street – außer sein Name und einige Marotten.
Also ich packe meine Befürchtungen erst einmal wieder in die Kiste. Schließlich sind da die Meriten des Produzenten Callender, die viel Hoffnung machen.
In den nächsten Jahren werden wir in homöopathischen Dosen über den Fortschritt informiert werden. Und irgendwann flimmert irgendwas über den Bildschirm.
Haben wir Geduld – erst einmal ist es nur ein Vertrag.
(1) Das ist bis zur Überarbeitung dieses Beitrages für das Buch nicht erfolgt.
(2) Im Februar 2022 war es in Frankreich soweit.
(3) Link zur Pressemitteilung: https://bit.ly/35JOHEq
(4) Es handelt sich dabei um eine neue Bearbeitung von »Der Doktor und das liebe Vieh«.
Ein Dingsda
Mit mir kann man in ein Museum über das Thema »grafisches Handwerk« gehen und ich kann eine ganze Menge erklären – ist halt mein Fach. Was aber in dem Päckchen zu »The Life in a Balance« enthalten war, darauf konnte ich mir keinen Reim machen. Zumindest nicht in der Form, in der es mir vorlag – so rein und unschuldig.
In der Beschreibung stand, dass es ein »Matter« wäre und davon Anzeigen hergestellt werden könnten. »Werden könnten«, wenn man es genau nimmt, aber nicht von diesem Exemplar. Ich war auf die Fotos gespannt. Aber worum es sich bei den obskuren »Mattern« handeln würde, interessierte mich noch viel mehr.
Als ich es auspackte, war ich enttäuscht. In der Hand hielt ich ein Stückchen Pappe, das einen rosafarbenen Ton hatte. Und davon sollte man drucken können?
Immerhin stimmte die Aussage, dass man die Bilder des Motivs erkennen könne, wenn man es erst einmal in der Hand hielte.
Es ist nicht schwer, in einer Firma, wie der meinen, jemanden zu finden, der beschlagener in Druck-Themen ist. So habe ich eine Erklärung bekommen, die mich klüger machte. Bei der Pappe handelt es sich um einen »Mater«. Diese zeichnen sich dadurch aus, dass man sie lesen kann.
Basis war eine Lithografie. Dieses Mater ist dadurch entstanden, dass man die Pappe mit hohem Druck gegen das Original presste. Aus dem Mater wurde in der Druckerei eine Druckform gegossen – Blei ist das Stichwort. Das daraus entstandene halbförmige Etwas (auch Stereo genannt) wurde zum Drucken verwendet.
So langweilig sieht das Matter in Wirklichkeit nicht aus, da kommt es in einem rosafarbenen Farbton daher.
Eine solche Druckform konnte nicht bis »in alle Ewigkeit« verwendet werden, sondern nutzte sich ab. Dann hat man aus der Mater neue Druckformen gegossen. Mein Kollege meinte, dass eine solche Pappform durchaus für mehrere Durchgänge einer Stereo-Herstellung herhielt. Irgendwann wäre die Vorlage jedoch unbrauchbar.
Die mir vorliegenden Mater waren dafür nicht verwendet worden und jungfräulich. Gern würde ich es anhand von einer Vorlage ausprobieren, nur um zu sehen, wie das geht und was für ein Motiv letztlich herausfällt.
Um das zu machen, bräuchte ich einen »Handwerker«. Der normale Copyshop um die Ecke kann bei einem solchen Begehren nicht weiterhelfen.
Kein »Colloraboteur«
Was für ein Schatzkästchen! Seit dem 28. Oktober 2021 ist ein neues Portal online, indem jeder in alten deutschen Zeitungen stöbern kann. Wenn ich etwas gut kann, dann ist es herumkramen. Es ist ganz klar, dass mein erster Suchbegriff »Georges Simenon« war. Ich war mir, da nur Zeitungen bis 1950 online gestellt wurden, nicht sicher, ob es Ergebnisse geben wird.
Gleich das erste Resultat auf der neuen Internetseite(1) ist interessant. Es handelt sich um einen Artikel, der in der deutsch-jüdischen Exil-Zeitung »Aufbau« vom 14. September 1946 erschien. In diesem geht es unter der Überschrift »George Simenon – kein ›colloraboteur‹« um einige Probleme des Schriftstellers.
Es wird erwähnt, dass Simenon für kurze Zeit in London weilte und dort den zuvor in der »Weltpresse« geäußerten Vorwürfen, er hätte mit den Nazis Geschäfte gemacht, entgegentrat. Er hätte sich freiwillig einem französischen Gericht gestellt und wäre,
wie nicht anders zu erwarten, freigesprochen worden.
Simenon führte als Beweis für seine Unschuld an, dass er niemals ein Ausreise-Visum bekommen hätte, wenn es Zweifel gegeben hätte. Weitere Argumente waren, dass weder Julien Duvivier für die erste Filmarbeit sich eine Simenon-Vorlage gesichert hätte (für »Panique«). Auch Victor Skutezky, der den ersten britischen Film nach einem SimenonRoman drehen sollte, wäre nicht »auf den Zug gesprungen«, wenn etwas an den Geschichten drangewesen wäre.
Eine solche Aussage sollte eingeordnet werden: Gemeint ist wahrscheinlich die erste Filmarbeit Duviviers nach dem Krieg. Denn der Regisseur war auch während des Krieges produktiv gewesen. Hinzu kommt, dass es nicht die erste Arbeit Duviviers an einem Simenon-Filmstoff war. Vielmehr handelte es sich um einen der vielen »alten Bekannten« Simenons, der sich einen Namen mit der frühen Maigret-Verfilmung »La Tête d’un homme«(2) gemacht hat.
Der Titel »Dieppe-Newhaven«, der in dem Artikel als Werk von Skutezky angeführt wird, ließ mich rätseln. Es stellte sich heraus, dass es um den 1946 realisierten Film »Temptation Harbour« ging, nach dem Roman »Der Mann aus London«, womit der Filmtitel einen Sinn ergibt.
Der Autor des Artikels meinte:
Diese Feststellung ist schon allein im Interesse der großen Simenon-Gemeinde unter den intellektuellen Lesern in der ganzen Welt notwendig.
Ich will nicht vorlaut sein, aber meine, das größte Interesse an der Rechtfertigung hatte Simenon selbst gehabt. Eine wegbrechende Leserschaft, da ihm eine Geschichte wie diese nachhing, wäre nicht zu seinem Vorteil gewesen – weder künstlerisch noch kommerziell.
Ein geschäftlicher Aspekt wurde in dem Beitrag angeführt: In dem Interview, das er gab, erzählte er, dass ihm zum Kriegsende hin ein Mann besuchte und alle Rechte abkaufen wollte. Simenon rief pro Buch 500.000 Francs auf, was den Interessenten nicht schockte. Schnell erkannte der Schriftsteller das Dilemma des Bietenden: Er hatte jede Menge Geld verdient, vermutlich auf dem Schwarzmarkt, und suchte nun einen Weg, sein Vermögen zu sichern. Das Geschäft, so Simenon, scheiterte.
(1) https://bit.ly/33HRkt3
(2) siehe »Um den Kopf eines Mannes« auf Seite 269.
Sympathie für den Anti-Helden
Der erste Satz eines Beitrags aus der »Aufbau«, der am 22. September 1950 erschien, wirkt geheimnisvoll. Könnte es sein, dass der Autor des Zeitungsartikels falsch lag?
Nach einigen Ausflügen in das hiesige Milieu […]
Damit wird offenbar auf New York angespielt, wo die Wochenzeitung »Aufbau« erschien.
[…] hat Georges Simenon, der seit längerer Zeit in Arizona lebt, wieder zu der heimischen Erde zurückgefunden, die ihm Kraft gibt.
Welche heimische Erde? Was ist Heimat für Simenon? Folgt man seinen »Intimen Memoiren«, so ist das Belgien gewesen. Die meisten seiner Romane spielen indes in Frankreich. So ergab es sich, dass – wie in den Memoiren geschildert – Franzosen ihn gern für sich vereinnahmten.(1) Der Autor des Artikels bezog sich eher auf das literarische Wirken, aber das macht den Satz noch »komischer«. Simenon schrieb in seiner USA- Zeit eine Reihe von Romanen, die in den Staaten angesiedelt waren und ließ es fast umgehend bleiben, nachdem er in Europa zurück war. Trotzdem entstanden zwischen 1945 und 1950 einige Romane, die in Europa spielten. »Zurückgefunden« ist deshalb das falsche Wort.
Es geht um »Der Schnee war schmutzig« (»La neige était sale«) und der Autor meinte, die im Mittelpunkt stehende Person wäre offenbar Deutscher. Der Eindruck ist plausibel, aber wie kam er auf die Idee, die Geschichte würde in Belgien spielen? Ich hatte darauf getippt, dass der Roman in Deutschland angesiedelt sei. Simenon hat darauf eine Antwort in seinen Memoiren gegeben, die eindeutig ist:
Christmas(2) begann mich auf meinen Abendspaziergängen zu begleiten, als ich im Anschluss den Roman »La neige était sale« (»Der Schnee war schmutzig«) schrieb, der in meiner Vorstellung nicht im Norden oder Osten Frankreichs spielt, wie es die Kritiker glaubten, sondern in einer kleinen Stadt in Österreich, die ich sehr gut kenne.
Welche Stadt gemeint war, die Simenon zum Zeitpunkt der Entstehung dieses Romans sehr gut kannte, ist eine interessante Frage, die von ihm nicht beantwortet wurde. In den Memoiren wird Österreich zweimal erwähnt, allerdings nicht im Hinblick auf einen Ort, an dem er gewesen wäre. Muss man länger in einem Provinzstädtchen gewesen sein, damit die Behauptung, man würde sie sehr gut kennen, glaubhaft wird?
Dass der Roman mehr als lesenswert ist, wird durch diesen Satz deutlich, der wahre Kunst ist:
Ein Mensch, den man nicht mit der Feuerzange angerührt hätte, verlässt den Schauplatz begleitet von der erstaunten Sympathie des Lesers.
… und wird bestärkt durch das Resümee des Autoren, der feststellt:
Simenon hat sich hier an einen großen Stoff gewagt. Er hat ihn mit ebenso großem Wagemut behandelt.
Dem ist nichts hinzuzufügen.
(1) Ich verweise auf die Fußnote auf Seite 203.
(2) Warum auch immer: Die Simenons hatten sich eine Katze zugelegt und ihr diesen Namen gegeben.
Irritation in New York
Unter den Kultur-Meldungen aus England, die in der deutschsprachigen New Yorker Wochenzeitung »Aufbau« erschienen, stand der Autoren-Name »Pem«. Eine Suche in der digitalen Ausgabe nach einer Erklärung für dieses Kürzel führte zu keinem Ergebnis. Das war schade, aber schließlich lüftete ich dieses kleine Geheimnis.
Jetzt ließe sich fragen, warum das interessant ist. Es waren doch nur Meldungen aus dem Kulturbereich dieser Insel, die vor der Küste Frankreichs liegt. Es sah danach aus, als hätte die Zeitung dort jemanden sitzen gehabt, der ein Faible für Simenon hatte. Die beiden Meldungen, die in den Beiträgen zuvor angesprochen wurden, waren auffallend wohlwollend. Ein Beitrag in der Ausgabe vom 13. Juli 1945 lautete:
Georges Simenon, von dessen Büchern in Frankreich ungefähr 21 Filme gemacht wurden, wird nunmehr seine erste englische Verfilmung erleben. Victor Skutezky hat den Stoff »Dieppe– Newhaven« erworben und wird im Rahmen der A.B.P. diesen ersten englischen Simenon produzieren.
Mir würde nicht einfallen, das Wort »ungefähr« mit der Zahl »21« im Zusammenhang mit Filmen zu verwenden. Die genannte Anzahl ist derart konkret, dass, wenn ich mir nicht sicher wäre, auf »geschätzt« oder noch unverfänglicher »über zwanzig« zurückgegriffen hätte. Aber das war es nicht, was die Redaktion zu einer Kommentierung der Meldung bewegte:
(Die Nachricht ist recht verwunderlich, da Simenon laut »N. Y. Times« kürzlich als »Collaborationist« verhaftet worden ist. – D. Red.)
Somit wird der Begriff »Weltpresse«, der in dem Kollaborations-Beitrag verwendet wurde und in dem Simenon beteuert, nicht mit den Nazis zusammenarbeitet zu haben, klarer.(1)
Wer war Pem?
Pem saß in England, vermutlich in London, und schrieb als Korrespondent Artikel für deutschsprachige Zeitungen. Darunter befand sich auch die deutsch-jüdische »Aufbau« aus New York. Der Name ist als Künstlername zu verstehen, denn eigentlich hieß der Mann Paul Marcus. Die Frage, wie denn das »e« noch dazwischen kam, wird durch das Cover eines seiner Bücher geklärt. Auf dem Buchtitel wurde als zweiter Vorname »Erich« angeführt.
Dieses Pseudonym wurde von dem Journalisten seit Mitte der Zwanzigerjahre verwendet, als er sich in Berlin lebend, Themen aus dem Kultur-Bereich zuwandte.
Geboren wurde Pem 1901 in Beeskow, einer kleinen Stadt südöstlich von Berlin. Seine Eltern waren jüdischer Abstammung, er trat jedoch Anfang der Zwanzigerjahre aus dem Judentum aus.
Er hatte eine Bankenlehre absolviert und auch mehrere Jahre als Bankangestellter gearbeitet. Das Wahre war das nicht, weshalb er sich dem Journalismus zuwandte.
Seine Themen waren Film, Theater und Literatur. In Berlin schlug damals das Herz der »Goldenen Zwanziger«, so war der junge Mann am richtigen Platz. Er berichtete über die kulturellen Ereignisse der Großstadt. Alles wurde lockerer, freier – man löste sich von althergebrachten Konventionen. Der Autor begleitete diese Veränderungen und das kulturelle Leben, bis die Nazis an die Macht kamen.
Seine Einschätzung, dass es nach dem Reichstagsbrand für ihn mit seiner jüdischen Abstammung nicht leicht werden würde, sollte sich als richtig erweise. Er ging über Prag nach Wien ins Exil. Pem schrieb sowohl für die österreichische Presse wie auch für deutsche Exil-Zeitungen und entwickelte den Newsletter »Pem's Privat-Berichte«, in dem es selbstverständlich um Kultur ging.
Im Jahr 1936 zog er weiter nach London. Seinen Lebensunterhalt verdiente er weiterhin mit den Berichten für die Exil-Presse und mit seinem Newsletter, den er in der Zeit in »Pem's Personal Bulletins« umbenannte. Neben seiner Arbeit als Journalist betätigte er sich auch als Schriftsteller, sein erstes Buch erschien 1939 unter dem Titel »Strangers Everywhere«.
Bekannter hierzulande wurde er mit den Erinnerungen »Heimweh nach dem Kurfürstendamm«, in dem er die Mittzwanziger-Jahre in Berlin beleuchtete.
Pem besuchte nach dem Krieg häufig West-Berlin und war auch in der alten Bundesrepublik unterwegs, aber sein Lebensmittelpunkt blieb London.
Dort starb der Autor 1972 im Alter von 71 Jahren.
(1) Siehe »Kein ›Colloraboteur‹« auf Seite 16.
Wie im richtigen Leben
Auf der Titelseite wurde berichtet, dass es starke Differenzen zwischen Hitler und seinem Reichsbankpräsidenten Schacht gegeben haben soll, da diese unterschiedlicher Meinung bezüglich der Inflation waren. Ein weiterer Aufmacher in der Ausgabe vom 24. März 1934 waren die Abrüstungsgespräche, die Paris mit London führte. Auf Seite 3 ist ein Artikel Simenon gewidmet.
Wer nun denkt: »Hui, da hat es der junge Simenon aber weit gebracht! Auf einer Seite 3 …«, sollte wissen, dass die Zeitung wochentags nur mit vier Seiten erschien.
Es handelte sich um eine in Paris erscheinende Tageszeitung, die von im Exil lebenden Deutschen gemacht wurde. Herausgeber war der aus Russland stammende Jude Wladimir Poliakov, der nach der Revolution geflohen war. Er gab in der französischen Hauptstadt auch die jiddische Zeitung »Paris Haynt« heraus.
Ende 1933 rief er die Exilzeitung »Pariser Tageblatt« ins Leben, die durchgängig in deutscher Sprache erschien.
Zeitung als Krimi
Die Geschichte der Zeitung liest sich wie ein Krimi und Sozialdrama. Die meisten Redakteure wurden schlecht bezahlt. Der Chef-Redakteur Georg Bernhard war der einzige Mitarbeiter, der gut von der Arbeit leben konnte. Redaktion und Verleger gerieten mit der Zeit über die publizistische Ausrichtung der Zeitung aneinander.
Poliakov, der vor den Kommunisten geflohen war, hatte Vorbehalte gegen die Richtung der Redaktion, sich dem kommunistisch geprägten Volksfront-Kurs anzuschließen. Er wollte den Antisemitismus in den Mittelpunkt gerückt sehen.
Der Höhepunkt der Krise wurde erreicht, als die Redaktion auf der ersten Seite der Zeitung dem Verleger Kollaboration mit den Nationalsozialisten vorwarf. Diese ungerechtfertigten Vorwürfe konnte Poliakov in seinem eigenen Blatt nicht entkräften, da die Herausgabe einer »Korrektur«-Ausgabe am nächsten Tag verhindert wurde.
Der Verleger stellte einen neuen Chefredakteur ein, Richard Lewinsohn. Dessen Motivation dürfte erheblich gelitten haben, nachdem er von den alten Mitarbeitern zusammengeschlagen wurde und reif fürs Krankenhaus war. Die Redaktionsräume wurden zerstört und – der größte Schatz einer Zeitung – die Abonnenten-Kartei gestohlen.
Der alte Chefredakteur gründete mit Gleichgesinnten eine neue Zeitung, die den Namen »Pariser Tageszeitung« erhielt.
Der Ruf von Wladimir Poliakov wurde letztlich gerettet. Der mittlerweile fast vergessene Iwan Heilbut(1) war aktiv daran beteiligt, die Affäre aufzuklären und Gerichte gaben Poliakov recht. Was diesem jedoch nichts nutzte, denn seine Zeitung war verschwunden.
Im »Pariser Tagblatt« schrieben Alfred Kerr, Heinrich Mann und der schon kürzlich erwähnte Pem. Aber nicht er war es, der den Artikel über Simenon verfasste, sondern Hans Jacob.
Blühende Erfindungsgabe
Neben einem Artikel über einen Franzosen, der seinen Concierge umgebracht hatte, da dieser nicht bereit war, seinen Nachbarn zur Räson zu bringen, der das Radio zu laut aufgedreht hatte, findet sich ein Ein-
spalter, in dem ein wenig über das Leben philosophiert wird. Im Mittelpunkt steht Simenon.
Bekannter als der junge Belgier war damals schon Edgar Wallace. Krimi-Autoren werden als Jockeys im Wettbewerb »Blühende Erfindungsgabe« bezeichnet, aber Simenon wäre ein vorzüglicher Vertreter dieses Genre.
Dieser junge Schriftsteller, der nicht nur zu erfinden, sondern auch ausgezeichnet zu schreiben versteht, hat die Detektivgeschichten aus der Sphäre der Schlafwagenzerstreuung in die Ebene des literarischen Genres erhoben.
Es wird in dem Beitrag ferner berichtet, dass Simenon von einer französischen Abendzeitung den Auftrag bekommen hatte, eine Reportage über die politischen Skandale zu schreiben, die das Land bewegten. Damit könnte die Stavisky-Affäre gemeint sein.
Er, der erfolgreich beweisen konnte, dass die Phantasien das Leben zu überbieten vermag, straft die Worte aller Lügen, die beim Lesen der stets neuen Sensationen unwillkürlich in den Ruf ausbrechen: »Wie im Roman!«
Simenon würde zwar das Schreiben von Romanen unterbrechen, aber der Autor des Artikels hofft, dass er in das Metier zurückkehrt.
(1) Deutscher Schriftsteller (1898–1974), in Hamburg geboren, schrieb für die Feuilletons der »Vossischen Zeitung«, des »Berliner Tageblatts« und des »Börsen-Couriers«. War später für eine Baseler Zeitung tätig. Wurde in Frankreich als feindlicher Ausländer interniert, es gelang ihm jedoch die Flucht in die USA. Kehrte nach dem Krieg nach Deutschland zurück, wobei er jedoch nicht mehr an einem Ort sesshaft wurde.
Ein Roman in Fortsetzungen
Bisher wurde auf maigret.de als erste deutsche Übersetzung von »Der Mann aus London« die Ausgabe aus der Schlesischen Verlagsanstalt aus dem Jahre 1935 genannt. Bemerkenswert früh für einen Non-Maigret.
Es gab jedoch eine Veröffentlichung, die einen Tick zeitiger startete: 1934 wurde die Geschichte im »Pariser Tageblatt« in einer Übersetzung von Hilde Barbasch veröffentlicht.
Schon im März 1934 wurde sich in dieser Zeitung mit dem Autor Simenon befasst. Ohne zu übertreiben, kann festgehalten werden, dass es sich um eine schöne Lobpreisung handelte. Es wäre Spekulation, ob man damals schon wusste, dass der Autor demnächst seinen im Vorjahresherbst geschriebenen Roman in dem Blatt veröffentlichen würde – vielleicht war es Zufall. Die Vorankündigung preist den Schriftsteller in den höchsten Tönen:
Seine literarischen Eigenschaften und seine unnachahmliche Fähigkeit, eine spannende Handlung fesselnd und in steter Steigerung zu Ende zu führen, räumen ihm auf dem Gebiet des Kriminalromans eine Sonderstellung ein.
Am 24. Mai 1934 war es so weit. Der erste Teil erschien auf der vierten Seite der Pariser Zeitung. Für die Übersetzung sorgte Hilde Barbasch, für die das die einzige Übertragung eines Simenon-Textes in das Deutsche blieb. Der letzte Teil des Fortsetzungsromans erschien einen Monat später am 25. Juni.
Der Roman beginnt in der Übersetzung wie folgt:
Im Augenblicke selbst hält man sie für gewöhnliche Stunden und erst nachher, wenn man sich bewusst wird, dass es außergewöhnliche waren, ist man leidenschaftlich bemüht, ihre verlorenen Fäden wiederherzustellen, ihre zerstreuten Minuten aneinander zu ketten.
Heutzutage würde die gestalterische Präsentation des Romans als Albtraum angesehen werden. Es wurden drei unterschiedliche Schriftfamilien verwendet – die alle aus der Mode gekommen sind.
Irgendwann war es jemanden in den Sinn gekommen, dass die Gestaltung des Titels, die für die ersten Folgen verwendet wurde, dröge war, und es wurde der Entschluss gefasst, dem Ganzen ein wenig mehr Eisenbahn-Flair zu geben.
Die Leser des »Pariser Tageblatt« wurden schon Tage vor dem Start über den kommenden Fortsetzungsroman Simenons informiert.
Mit der linken Aufmachung begann die Serie in der Zeitung. Später wurde die Titelgestaltung geändert und die Übersetzerin genannt.
Als Begleiter wählte man eine Schrift, die sich nicht entscheiden konnte, ob sie mit Großbuchstaben oder Kleinbuchstaben daherkommen sollte. Schmissiger wurde die Präsentation damit auf jeden Fall.
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Auf Twitter werden unter @maigret.de Informationen zu neuen Artikeln auf der Webseite, zu Fundstücken aus dem Netz und Fernseh- und Kino-Filmen veröffentlicht. Manchmal gibt es auch kleine Häppchen aus Simenon-Büchern mit einem – mehr oder weniger – passenden Kommentar. Bei Facebook gibt es nur Verweise auf neue Beiträge auf der Webseite.
Das Kontastprogramm findet bei Instagram unter maigret_de statt: Dort werden gelegentlich kleine Geschichten erzählt, in denen zwei der drei maigret.de-Katzen eine Haupt- und/oder Nebenrolle bei der Präsentation von Simenon-Titeln oder verwandten Themen spielen. Die Frequenz der Veröffentlichungen schwankt und hängt von der Tagesform der Darsteller ab.
Ein Seher?
Der Mord selbst blieb ungesühnt. Über Jahre wurde spekuliert, wer den bekannten Schauspieler und Regisseur William Desmond Taylor umgebracht haben könnte. Es gab einige Verdächtige, aber keinem konnte der Mord nachgewiesen werden. Ein Rätsel, mag mancher meinen. Ein Geheimnis war lange Zeit nicht nur der Tod des Mannes …
Taylor wurde 1872 als William Cunningham Deane-Tanner in Irland geboren, in einer kleinen Stadt. Die Familie verließ die grüne, aber arme Insel kurz nach der Geburt Taylors. Er wuchs in den Vereinigten Staaten auf. Geplant hatte der junge Mann eine Militärkarriere, ganz wie sein Vater. Da er den Aufnahmetest nicht bestand, musste er sich anderweitig orientieren und zog nach New York.
Liest man die Berichte über Taylor, bekommt man den Eindruck, dass die Heirat mit Ethel May Harrison einen sozialen Aufstieg für den Iren darstellte. Sie war das Kind eines wohlhabenden Börsenmaklers. Er arbeitete in einem Antiquitätenladen. Das junge Paar bekam eine Tochter. Das Bild einer perfekten Familie entsteht vor den Augen.
Taylor verschwand nach sieben Jahre Ehe. Er meldete sich telefonisch und verlangte (oder wünschte) 600 Dollar, die man ihm zukommen ließ. Dann hörte die Familie nichts mehr von ihm. Zum Zeitpunkt seines Verschwindens war er 36 Jahre alt. Man sollte meinen, dass Menschen in einem solchen Alter vernünftige Entscheidungen treffen.
Andererseits, wenn das so wäre, wo blieben spannende Geschichten wie diese?
Ihn zog es weg von der Ostküste und er wurde an den verschiedensten Orten bis hoch nach Alaska gesehen. Würde ich mein bisheriges Leben als Antiquitätenverkäufer aufgeben, so wäre eine Existenz als Bergarbeiter nicht die erste Wahl. Schon gar nicht, wenn ich einen begüterten Schwiegervater hätte. Aber der Ire entschied sich für diesen Weg und machte in diesem Abschnitt seines Lebens erste Erfahrungen als Laienschauspieler.
Seine Frau hatte 1912 die Faxen dicke und ließ sich von ihm scheiden. Er dagegen ergatterte in dem Jahr seine erste Filmrolle und schlug, mittlerweile 40 Jahre alt, eine gänzlich andere Laufbahn ein. Fünf Jahre schauspielerte er in Hollywood-Produktionen, führte Regie in einigen Streifen. Dann konzentrierte er sich vollständig auf die Arbeit hinter der Kamera.
Der Erfolg und Tod
In Hollywood war er unter einem anderen Namen bekannt. Er hatte ihn zu William Desmond Taylor geändert und galt als einer der profiliertesten Regisseure von Paramount. Zudem war er Präsident der »Directors Guild of America«.
Taylor war beliebt, was unter anderem darauf zurückzuführen war, dass er sehr umgänglich war und mit seinen Stars pfleglich umging. Trotzdem war er eines Tages, die Fünfzig hatte er nicht ganz erreicht, tot. Die Nachricht musste sich wie ein Lauffeuer in Hollywood verbreitet haben. Als die Polizei eintraf, waren schon diverse Herrschaften damit beschäftigt, seinen Nachlass zu sortieren. In diesem Fall hieß das, dass die Leute beispielsweise Papiere verbrannten.
Das nahm die Polizei entspannt hin. Die Situation änderte sich, als der Leichnam für den Abtransport aufgehoben wurde. Dabei wurde – rein zufällig – feststellt, dass Taylor nicht eines natürlichen Todes gestorben war, wie erst angenommen wurde. Das Einschussloch in seinem Rücken wies darauf hin, dass zumindest eine Person in Hollywood ihn nicht mehr lebend sehen mochte.
Viel Fantasie muss man nicht haben, um sich vorzustellen, dass eine solche Tatsache die Nachricht für die Medien gehörig aufwertete. Aus der traurigen Angelegenheit wurde eine Affäre.
Mabel
Was war vor seinem Tod passiert? Stinknormal war der Tag gewesen: Taylor war in Meetings. Hatte sich um den passenden Schnitt für seinen letzten Film gekümmert. War auf der Suche nach einem Geschenk für einen seiner Stars – Mabel Normand. Es sollte ein Buch werden. Am Abend besuchte sie ihn und nahm das Präsent entgegen.
Er verabschiedete die Freundin und fing an, sich um seine Steuern zu kümmern. Dabei kam er ums Leben. Nicht, dass auf seinem Totenschein gestanden hätte, dass ihn die Steuererklärung umgebracht hätte …
Die letzte Person, die ihn erklärtermaßen lebend gesehen hatte, war Mabel Normand.
Mabel war eine schillernde Persönlichkeit und gilt als der erste weibliche Filmstar. Zu jener Zeit war sie drogenabhängig und häufig krank. Taylor unterstützte sie bei ihrem Drogen-Entzug und war das, was man einen guten Freund nennt.
Sie war schon berühmt, da sprach noch niemand von späteren Filmpartnern wie Chaplin oder Arbuckle. Chaplin war und blieb sauber, aber Arbuckle! Der war Anfang der 1920er-Jahre in einen handfesten Skandal verwickelt und wurde der Vergewaltigung und des Mordes beschuldigt. Erst die dritte Jury kam zu einem eindeutigen Urteil: Freispruch. Aber der Ruf von Arbuckle war derart lädiert, dass er vor den Trümmern seiner Karriere stand.
Begleitet wurde dies von einer Medienkampagne, die sich auf Hollywood, das wilde Leben und die üble Moral eingeschossen hatte. Mabel Normand war eine Freundin und Filmpartnerin von Arbuckle und es blieb nicht aus, dass die Empörungswelle auch ihren Ruf lädierte.
Nun stelle man sich vor: Die letzte Person, die Taylor lebend gesehen hatte, war Mabel Normand gewesen. Die Spannung lässt sich nicht aushalten. Deshalb will ich es kurz machen und vermelden, dass ihre Karriere so gut wie vorbei war.
Das endgültige Ende ihrer Schauspiel-Laufbahn kam, nachdem ihr Chauffeur einen Liebhaber Mables anschoss. Die Öffentlichkeit hatte die Geduld mit dem Star verloren.
Nach diesen Affären führte sie eine unglückliche Ehe und ihre Krankheit machte Mabel weiter zu schaffen. Letztlich verschied sie im Alter von 37 Jahren an Tuberkulose.
Mary
Bei der Durchsuchung von Taylors Haus fand man Unterwäsche mit dem Monogramm »MMM«. Das passte nicht zu Mabel Normand. Dafür sehr gut zum Namen Mary Miles Minter.
Taylor hatte eine Arbeitsbeziehung, denn auch Minter war Schauspielerin, die Tochter einer Broadway-Schauspielerin. Aber blieb es dabei? Sie spielte in ihren Filmen das brave Mädchen. Auf diese Rolle war sie festgelegt. Das funktionierte auch noch erstaunlich gut, als sie schon zwanzig Jahre alt war.
Die Briefe, die man von ihr bei Taylor fand, warfen ein anderes Licht auf die junge Frau. Das passte nicht zu dem Bild, das die Öffentlichkeit von ihr hatte und welches ihr Management (also ihre Mutter) von Mary Miles Minter zu zeichnen pflegte. Ihr Image wurde durch die Vorfälle in Mitleidenschaft gezogen und ihre Karriere war irreparabel beschädigt. Wenig hilfreich war in der Situation, dass ihre Mutter – karriere- und geldgeil – ihre Tochter älter erscheinen ließ, als sie war, nur damit sie eine Arbeitserlaubnis bekam. Zu diesem Zweck versah sie Mary mit der Identität einer früh verstorbenen Nichte. Für die Medien war diese Entdeckung ein gefundenes Fressen.
Der letzte Film, den sie drehte, wurde 1923 aufgeführt. Ihr Vertrag wurde nicht verlängert. Sie starb 1984 im Alter von 82 Jahren – immer noch begütert. Das Geld, was sie während ihrer Karriere verdient hatte, war offenbar gut angelegt worden.
Mary Miles Minter, nicht direkt des Mordes verdächtig, sollte später erneut eine Rolle spielen.
Auch verdächtig
Die Polizei war der Meinung, dass Edward Sands gut den Mörder geben könnte. Er war ein ehemaliger Sekretär des Regisseurs und hatte ihn bestohlen: Das Scheckbuch hatte er mitgehen lassen, ein paar Wertsachen und ein Cabriolet der Oberklasse.
Das war Monate zuvor gewesen und warum hätte Sands zurückkommen sollen? Zwischen Diebstahl (es war noch nicht einmal Raub) und Mord liegen Welten. Man hielt ihn zeitweise für den Bruder von Sands. Aber auch das war eine »Ente«.
Sands, so besagt eine weitere Theorie, habe versucht, Taylor zu erpressen. Er hätte den richtigen Namen Taylors gekannt. Man fragt sich, was das dem Regisseur hätte anhaben können: Frau und Kind verlassen, das mag nicht fein gewesen sein. Seinen Ruf hätte er damit jedoch nicht ruiniert. Der Mann war in Hollywood, da war Übleres erforderlich, um von den Studios verstoßen zu werden.
Einige sind der Meinung, man hätte Sands später tot in Connecticut gefunden; andere vermuten, man hätte ihn nie gefunden. Einen Haftbefehl wegen Mordes hat die Polizei nie ausgestellt.
Der King und die Geliebte
Achtzig Kilometer südöstlich von Houston liegt Galveston. Dort wurde 1894 ein Kollege von William Desmond Taylor geboren: King Wallis Vidor. Besagter Vidor war am Tag des Verbrechens nicht in der Stadt, sondern hatte praktischerweise einen Dreh mit seiner Kollegin und Geliebten Colleen Moore.
Vielleicht war der Mord an Taylor ein bisschen zu viel des Guten gewesen, die Stimmung im Land war gekippt. Das Publikum war nicht mehr bereit, die moralischen Verfehlungen hinzunehmen, die in Hollywood gang und gäbe waren.
Moore und Vidor vermuteten, dass ihre Karrieren schnell zu Ende wären, wenn zu dem Zeitpunkt herausgekommen wäre, dass sie ein Paar gewesen waren. Zumindest Vidor war zu der Zeit verheiratet.
Also trennten sie sich und gingen ihrer eigenen Wege. Sie verließ nach ihrer Filmkarriere Kalifornien und zog an die Ostküste. Dort hatte sie eine ganze Reihe von Ehemännern, war reich und wurde durch Rat und Tat ihrer Gatten noch reicher. Von allen, die in dieser Geschichte aufgetaucht waren, musste man sich um Colleen Moore die wenigsten Sorgen machen. Das mit dem Tonfilm hatte nicht geklappt. Wie das Leben zeigte, war das kein Drama für die Frau, deren »echter« Name Kathleen Morrison war.
Vidor blieb das Hollywood-Glück hold. Er war ein anerkannter Regisseur, der sich erst Anfang der 60er-Jahre aus dem Filmgeschäft zurückzog und anschließend Filmkunst lehrte.
Um seine Bedeutung für den Film einzuordnen: Im Jahr 2020 wurde dem Künstler bei den 70. Internationalen Filmfestspielen Berlin eine Retrospektive gewidmet.
Im Alter von über siebzig Jahren fing er an, das Leben seines Kollegen Taylor zu recherchieren. Oder vielmehr dessen Tod. Warum wurde der Regisseur umgebracht?
Radek
Der junge Mann(1) war fasziniert von Verbrechen und er wollte sich mit Maigret darüber unterhalten. Ob der nun wollte oder nicht, spielte keine Rolle. Meine Spurensuche nach William Desmond Taylor begann mit dem Satz:
»Kennen Sie den Fall Taylor?«
Er hatte mit dieser Frage das Interesse Maigrets geweckt, was der Kommissar jedoch nicht zeigen wollte. Radek war das egal, aber er hatte auch mich neugierig gemacht. Ich bin immer noch gebannt von dieser Story.
Maigret war weniger fasziniert von dem, was Radek über den Fall Taylor erzählte. Die Schlüsse, die Radek aus der Geschichte zog, die fand er dagegen interessant:
»Also: 1922 wurde Desmond Taylor ermordet, einer der bekanntesten Hollywood-Regisseure. Ein gutes Dutzend Filmschauspieler stand unter Verdacht, darunter viele schöne Frauen. Aber sie mussten sie alle laufen lassen. Und wissen Sie, was ich heute, nach so vielen Jahren, gelesen habe?
Ich zitiere aus dem Gedächtnis, aber mein Gedächtnis ist ausgezeichnet:
›Seit Beginn der Ermittlungen wusste die Polizei, wer Taylor ermordet hat. Doch die Beweise, über die sie verfügt, sind so schwach und unzulänglich, dass der Schuldige, selbst wenn er sich freiwillig stellte, auch noch glaubhafte Beweise undZeugen für seine Tat beibringen müsste, um sein Geständnis zu untermauern.‹«
Radek behauptete mit dieser Einlassung, dass die amerikanische Polizei zwar eine Ahnung hatte, wer der Mörder an Taylor gewesen war, aber nicht in der Lage war, diese Täterschaft zu beweisen. Damit stellte der Tscheche eine Verbindung zu dem Fall Henderson/Heurtin her, in dem Maigret ermittelte und Radek ein Verdächtiger war. Mit der Bemerkung hatte er sich gewiss nicht entlastet.
Abgesehen davon, dass entweder Radek (oder Simenon) schamlos übertreibt, wenn von einem Dutzend Filmschauspielern als Verdächtigen geredet wird. Mit einem hatte er recht: Es kann sein, dass die Polizei wusste, wer der Täter war. Ob das damals schon bekannt war?
Das Puzzle
King Vidor wollte den Fall lösen. Er ließ sich Klatsch erzählen und fischte einen kleinen, aber nicht unwichtigen Hinweis aus diesen alten Erinnerungen: Es war geplant, dass Taylor am Tag nach seinem Tod vor Gericht über (oder für) einen seiner Hausangestellten aussagen sollte. Der hatte in einem Park nach Strichjungen geschaut und es stellte sich durch Vidors Ermittlungen heraus, dass der junge Mann nicht für sich auf der Suche nach Partnern war, sondern für seinen Dienstherren.
Das erklärte die hektischen Aufräum-Aktivitäten nach seinem Tod und man kann davon ausgehen, dass die Unterwäsche mit dem Monogramm »MMM« eine falsche Fährte darstellen sollte. Für die Studios, so fand der alte Mann heraus, hatten die gelegten Spuren einen hübschen Nebeneffekt: Es konnte bequem die Verträge mit den teuren Stars Mabel Normand und Mary Miles Minter kündigen, da die Reputation der Schauspielerinnen gelitten hatte. Die Argumentation der Rechtsanwälte der Studios: Der Firma und künftigen Produktionen wurde Schaden zugefügt.
Was Vidor ebenfalls herausfand: Die junge Mary hatte sich an dem Tatabend nach einem Krach mit ihrer Mutter zu dem Filmemacher geflüchtet. Diese war derart erbost, dass sie ihrem Kind folgte. Aus ihrer Perspektive sah es bei ihrem Eintreffen am Haus des Regisseurs danach aus, als wäre Taylor ein Verführer ihrer Tochter (und damit eine Gefahr für deren Ruf). Sie erschoss den Mann.
Wie es herauskam? Tochter und Mutter prozessierten sehr oft gegeneinander. »Sehr oft« soll eine dreistellige Anzahl von Prozessen beschreiben, was innerhalb einer Familie eine staatliche Zahl ist.(2)
Bei einem dieser Prozesse sagte der Finanzberater der Mutter aus, der unter dem Verdacht stand, Vermögen veruntreut zu haben. Der Experte offenbarte, dass das Geld nicht verschwendet worden wäre. Man hätte es vielmehr dafür verwendet, um Zeugen und Reporter, Detektive und Polizeichefs zum Schweigen zu bringen – weil diese die Mutter im Fall Taylor hätten belasten können. Es ist, wie man es aus dem Film »L.A. Confidential« kennt – in Los Angeles hatte die Korruption ein wohliges Zuhause gefunden.
Selbst als die Schwester von Mary Miles Minter, die die Mutter in eine Nervenheilanstalt hatte einweisen lassen, nach ihrer Entlassung Sachbeweise vorbrachte, hatte das für diese keine Konsequenzen. Der Polizeichef von Los Angeles, der sich hätte kümmern müssen, hielt es wie seine Vorgänger und nahm von der Verdächtigen Geld, was ihn »beruhigte«.
Insofern hatte Radek recht: Die Polizei konnte wissen, wer der Mörder war. Es mangelte nicht an Beweisen, es fehlte an der richtigen Motivation.
Quellen:
– eine Reihe von interessanten deutschen wie auch englischen und deutschen Wikipedia-Artikeln über die beteiligten Regisseure und Schauspieler,
– New York Times,
– sehr wertvoll und lesenswert: »Millions, Murder, Misery« von Urs Jenny (SPIEGEL) – hier werden noch andere Geschichten erzählt, die ich nicht validieren konnte.
(1) siehe »Maigret kämpft um den Kopf eines Mannes«
(2) Da hat sich mit den Jahren nicht viel dran geändert, man schaue nur auf den ALDI-Clan. Hier wie da ging und geht es um viel Geld.
Eine traurige Nachricht
Es tut mir fürchterlich leid. Ich habe eine sehr traurige Nachricht zu überbringen. Wir haben ihn alle geschätzt und er war ein loyaler, offenbar auch außerordentlich trinkfester Begleiter von Kommissar Maigret gewesen. Wenn der große Pariser Ermittler eine wichtige Aufgabe zu erledigen hatte, war der Mann seine erste Wahl: Lucas. Er starb im Einsatz.
Manchmal habe ich mir Gedanken darüber gemacht, ob der in verschieden Geschichten auftauchende Kommissar Lucas etwas mit dem Lucas, der treu an der Seite von Maigret stand, zu tun hatte.
Das hätte ich mir sparen können, denn die Frage wird klipp und klar(1) von Simenon beantwortet: Es gab für Maigrets Lucas keine Chance für einen beruflichen Aufstieg vom Inspektor zum Kommissar nach Maigrets Ausscheiden.
Früh in seinem Schaffen begrub Simenon diese Karrieremöglichkeit des Inspektors auf drastische Weise. Mitte der Dreißigerjahre schrieb Simenon eine ganze Reihe von Erzählungen, von denen einige im Maigret-Universum angesiedelt waren.
Es war die Zeit, in der er sich von Maigret lösen wollte und sich nur noch der »ernsten« Literatur widmen wollte. Simenon betätigte sich als Amateur-Baumeister, und er präparierte sich seelisch und moralisch auf seine Rolle als Vater. Die großen Maigrets hatte er ad acta gelegt. In so einer Situation kommt man schnell auf die Idee, einen verdienten Inspektor über die Klinge springen zu lassen.
Ganz so eng ist das nicht zu sehen. Im ersten offiziellen Maigret lässt Simenon Torrence sterben, der später wieder putzmunter durch die Gegend springt und eine zweite Karriere als Detektiv bei der »Agence O« startete.
Betrachtet man die frühen Maigrets, dann hat Lucas auch nicht den kultigen Charakter als treuer Begleiter Maigrets. Der entwickelt sich erst in den späteren Maigret-Romanen, als es den Monsieur de Commissaire nicht mehr so oft in die Provinz zog, wie in den ersten Geschichten – etwas realitätsfern – der Fall gewesen war.
Vielleicht ist der Kommissar, den Simenon immer wieder aus dem Hut zaubert und der den gleichen Namen trägt, doch unser getreuer Inspektor. Wir sollten uns die Hoffnung bewahren.
Details nicht bekannt
Leider – oder vielleicht auch Gott sei Dank – gibt es keine Details, wie es passierte. Maigret war schon im Ruhestand. Da erreichte ihn ein Brief, in dem eine junge Frau(2) dringend um Hilfe bat. Es ginge um Leben und Tod, schrieb sie dem Pensionär nach Meung-sur-Loire. Sie formulierte es in ihrem Brief so:
Sie müssen wissen, dass ich die Nichte eines Mannes bin, der lange Ihr Mitarbeiter bei der Kriminalpolizei war und kurz vor Ihrer Pensionierung an Ihrer Seite erschossen wurde.
Mir ist ein solcher Fall nicht bekannt(3). Allerdings merke ich, dass mir hin und wieder etwas entfällt. Dieser Fakt beispielsweise war mir nicht präsent. Bei einem Maigret-Quiz wäre ich fürchterlich hereingefallen, so eine derartige Frage gekommen wäre.
Aber Maigret dachte darüber nach und so wird ausgeführt:
Was den Mitarbeiter betrifft, der kurz vor meiner Pensionierung an meiner Seite getötet wurde, so kann das nur Wachtmeister Lucas sein, […]
Allerdings hatte der nie etwas von einer Nichte erzählt. Die junge Dame – Mademoiselle Berthe – hatte beim ersten Treffen eine plausible Erklärung, mit der sie dem Pensionär den Wind aus den Segeln nimmt: Sie wäre nicht die Nichte, sondern die Großnichte von Lucas.
Maigret nimmt den Fall an und kann der Familie helfen.
(1) So klar, wie Fiktion sein kann – alles ist relativ.
(2) siehe »Mademoiselle Berthe und ihr Geliebter«
(3) In »Maigret und die Schleuse Nr. 1« hatte Maigret noch ungefähr sechs Tage bis zu seiner Pensionierung, in »Étoile du Nord – Stern des Nordens« waren es gar zwei – und in beiden Geschichten war Lucas putzmunter in die Fälle seines Chefs involviert. Wann konnte er da an der Seite des Kommissars erschossen werden?
Vidocq
Die Figur des Vautrin, der in Balzacs »Menschlicher Komödie« auftritt, war dem damals sehr bekannten Eugène François Vidocq nachempfunden. Zeitgenossen des Schriftstellers wie Victor Hugo und Alexandre Dumas taten es Balzac gleich und bedienten sich. Als Vidocq seine ersten Memoiren veröffentlichen wollte, waren sie es, die ihn zur Ausführlichkeit drängten.
Das schmale Bändchen, welches Vidocq geplant hatte, schien ihnen nicht ausführlich genug. Nun schrieb er nicht selbst, sondern engagierte Ghostwriter – das Resultat waren vier Bände und diese wurden Bestseller.
Ich bin mir nicht sicher, ob es als Witz gemeint war, wenn Simenon Maigret in seinen Memoiren notieren ließ:
Der legendäre Vidocq hingegen, der Berühmteste von allen, hat uns leider keine Memoiren hinterlassen, die wir mit den Porträts vergleichen könnten, die Romanciers von ihm gezeichnet haben.
Schließlich war besagter Eugène François Vidocq nicht nur der Begründer der modernen Polizei. Mit seinen vierbändigen Erinnerungen läutete er die Tradition ein, nach der Polizisten Memoiren verfassten – und obwohl man ihn nicht als Wissenschaftler betrachtet, war er doch ein Lehrer, der sein Wissen in Form von Büchern weitergab.
Über seine biografischen Notizen hinaus gab es diverse Literatur über ihn.
Ein Extrakt von dem, was in den vier Bänden zu finden ist, wurde hierzulande erstmals von Ludwig Rubiner übersetzt und 1920 als »Landstreicherleben«
