Baden gehen mit Simenon - Oliver Hahn - E-Book

Baden gehen mit Simenon E-Book

Oliver Hahn

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Beschreibung

Willkommen zurück in der faszinierenden Welt des berühmten Schriftstellers Georges Simenon! Mit »Baden mit Simenon« präsentieren wir stolz den dritten Band der Plaudern-Reihe. Tauchen Sie ein in die fesselnde Welt der Simenonschen Werke, begleitet von Beiträgen, die sowohl Neuigkeiten als auch ausführliche Analysen bieten. Entdecken Sie die Hintergründe von Simenons Romanen und Erzählungen, die sich vor dem Hintergrund der Geschichte Frankreichs entfalten. Ein ­besonderer Blick wird diesmal auf die literarische Hinterlassenschaft von Simenon geworfen, die den Menschen, ihren Geschichten und der Landschaft gewidmet wurde. Erleben Sie atemberaubende Kulissen, gemütliche Orte und geheimnisvolle ­Charaktere, die in Simenons Geschichten zum Leben erwachen. Darüber hinaus finden Sie in diesem Buch Infor­mationen über neue Verfilmungen und Hörspiele, die die ­Meisterwerke Simenons in renovierten oder ­neuem Look präsentieren. Natürlich fehlt auch nicht die Fortsetzung der Reihe »Intim mit Simenon«, die Sie auf eine aufregende Reise durch die autobio­grafischen Erinnerungen des Autors mitnimmt. Dieser Band ist ein Muss für alle Liebhaber von Simenons Werken, die tiefer in die Welt des renommierten Schriftstellers eintauchen möchten. Lassen Sie sich von dieser einzigartigen Mischung aus literarischer Analyse, historischen Bezügen und persönlichen Ein­blicken in Simenons Leben begeistern.

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Seitenzahl: 420

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Über das Buch

Willkommen zurück in der faszinierenden Welt des berühmten Schriftstellers Georges Simenon! Mit »Baden mit Simenon« präsentieren wir stolz den dritten Band der Plaudern-Reihe.

Tauchen Sie ein in die fesselnde Welt der Simenonschen Werke, begleitet von Beiträgen, die sowohl Neuigkeiten als auch ausführliche Analysen bieten. Entdecken Sie die Hintergründe von Simenons Romanen und Erzählungen, die sich vor dem Hintergrund der Geschichte Frankreichs entfalten. Ein besonderer Blick wird diesmal auf die literarische Hinterlassenschaft von Simenon geworfen, die den Menschen, ihren Geschichten und der Landschaft gewidmet wurde. Erleben Sie atemberaubende Kulissen, gemütliche Orte und geheimnisvolle Charaktere, die in Simenons Geschichten zum Leben erwachen.

Darüber hinaus finden Sie in diesem Buch Informationen über neue Verfilmungen und Hörspiele, die die Meisterwerke Simenons in renovierten oder neuem Look präsentieren. Natürlich fehlt auch nicht die Fortsetzung der Reihe »Intim mit Simenon«, die Sie auf eine aufregende Reise durch die autobiografischen Erinnerungen des Autors mitnimmt.

Dieser Band ist ein Muss für alle Liebhaber von Simenons Werken, die tiefer in die Welt des renommierten Schriftstellers eintauchen möchten. Lassen Sie sich von dieser einzigartigen Mischung aus literarischer Analyse, historischen Bezügen und persönlichen Einblicken in Simenons Leben begeistern.

Oliver Hahn

Baden gehen mit Simenon

Ein Plaudern-Lesebuch

édition orfèvre

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über dnb.dnb.de abrufbar.

1. Auflage 2023

© 2023 Oliver Hahn

Erschienen bei édition orfèvre

Gesetzt aus Spitzkant Text

ISBN Softcover: 978-3-347-95494-6

ISBN Hardcover: 978-3-347-95493-9

ISBN E-Book: 978-3-347-95495-3

Druck und Distribution im Auftrag des Autors:

tredition GmbH, An der Strusbek 10, 22926 Ahrensburg, Germany

Inhalt

Cover

Über das Buch

Titelblatt

Urheberrechte

Vorwort

Sammel surium

Zwischen Lektorat und Übersetzung

Police Roman Nr. 128

Wanderlust

Mare Nostrum

Keine gute Gesellschaft

Wer A3 sagt …

Licht und Schatten

Simenon ist überall

Datumsunfall

Maigret plaudert nicht

Buchklub-Zeiten

Canal de L’Ourcq

Cover-Coups und ein Ekel

Mehr Donauland

Givet

Une enquêtede L’inspecteur Maigret

Vor verschlossener Tür

Wenn der tote Freund ruft …

Le maître D’hôtel

Die Glänzende und das Postgeheimnis

Kugeln

Die verlorene Einheit

Tripes à la mode de Caen

Œufs à la mode de Caen

Wo das hinführt

Häuser der Toleranz

Ein Mord und Rotkehlchen

Der Drink des Zahnarztes

Das Mädel im roten Kleid

15 Kilometer

Passendes Schuhwerk

Ein Heiler wie im Buche

Die Gaben der Weißnäherin

Arztleiden

Geschichten von der Insel

Die Wandlung

See(k)röten

Hauptsache: Weit weg!

Noch mehr Märtyrer

Der Mann am Strand

Java

Schlecht beraten

Auf Porquerolles

Bei Jaja

Place Macé

Er trat auf den Bahnsteig …

Hotel Provençal

Pfeifen-Tausch und Tabak

Viereckige Augen

Vorboten

Fragt Maigret nach der DNA?

In Sorge

Nur eine Nebenrolle

Die Liebhaber: innen

Das Missverständnis einer Ehe

An die Hörer vor den Empfängern

Die Herberge der Ertrunkenen

Hotel Nordstern

Man tötet nicht die kleinen Leute

Maigrets Weihnachtsfest

Einbruch auf dem Boulevard Beaumarchais

Maigrets Memoiren

Frau Maigret als Detektiv

In der Kürze …

Intim mit Simenon

Seite 387

Seite 399

Seite 410

Seite 422

Index

Nachweise & Danksagung

Plaudern über Simenon

Cover

Titelblatt

Urheberrechte

Zwischen Lektorat und Übersetzung

Seite 422

Index

Plaudern über Simenon

Cover

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Vorwort

Meine rationale Gehirnhälfte hat mir seit jeher zu verstehen gegeben, dass wir alle nicht ewig leben und auch liebe Menschen von uns gehen. Andererseits war es für mich unvorstellbar, dass unsere Eltern uns verlassen. Schließlich waren sie immer da.

Nun hatte ich im Vorwort des letztjährigen Buches erwähnt, dass unser Vater starb. Keine vier Monate später folgte ihm unsere Mutter. Sie hatte anscheinend die Lust am Leben verloren, nachdem unserer Papa, mit dem sie über fünfzig Jahre verheiratet war, nicht mehr da war. Aus egoistischer Sicht muss ich sagen, dass ich dafür noch nicht bereit war. Es fühlte und fühlt sich nicht fair an.

»Blöder Privatkram« mag jetzt der eine oder andere denken, wenn er die Zeilen liest. Aber eines ist ganz klar: Ohne unsere Mutter würde es die Webseite nicht geben und damit auch nicht die daraus entstandenen Bücher: Dafür sprechen schon biologische Gründe. Es gibt jedoch sekundäre Aspekte, die ebenfalls eine Rolle spielen. Meine Mutter mochte die Maigret-Verfilmungen mit Jean Richard und ich schaute sie mir gemeinsam mit ihr an. Wie viele es gewesen sind? Keine Ahnung, aber in einer Zeit, in der ich nicht das Fernsehprogramm bestimmen durfte, setzte sie diese Prägung.

Als ich später anfing, die Maigrets zu lesen, war sie mit dabei. Hatte ich einen Maigret ausgelesen, brachte ich ihn meiner Mutter mit. So wie ich hatte sie jeden einzelnen Maigret-Roman mindestens einmal gelesen. Hin und wieder brachte ich ihr einen Non-Maigret mit, aber immer nur die weniger düsteren: »Brief an meine Mutter«, »Der kleine Heilige« zuletzt noch »Die Komplizen«.

Den Drang, Sachen zu sammeln und in eine Ordnung zu bringen, den habe ich definitiv von ihr: Sie sammelte Rezepte, Autogramme und Ansichtskarten.

Mit dem ersten Band wollte ich die Arbeit von vier Jahren zusammenfassen und in ein Buch packen. Es war überraschend, dass in dem darauffolgenden Jahr locker dreihundert Seiten zusammenkamen. Ich war erstaunt.

Dieses Jahr war so viel Material zusammen gekommen, dass ich nicht nur ein Thema für den Folgeband habe, sondern dieser zu einem erklecklichen Teil gefüllt ist. Also ist die gute – oder wahlweise schreckliche – Botschaft: Es wird weitergehen …

Kommen wir zur schönen alten Tradition – die ausgedachten Fragen und die mehr oder weniger ernsten Antworten darauf:

Muss man das Buch von vorn nach hinten lesen?

Das überlasse ich ganz Ihnen. Da die Texte nicht in einer bestimmten Reihenfolge geschrieben wurden und im Buch »neu komponiert« wurden, gibt es keine Notwendigkeit, strikt linear Kapitel für Kapitel zu lesen.

Ich war noch nie auf dieser komischen Porquerolles-Insel. Ganz schön kompliziert, mit den ganzen geografischen Hinweisen zurechtzukommen!

Ja, das verstehe ich gut. Deshalb habe ich auf Seite 143 eine historische Karte eingefügt. Ich hoffe, diese hilft Ihnen bei der Orientierung.

Intim mit Simenon?

Das könnte das Motto des Buches sein. Aber in diesem speziellen Kapitel geht es um das Lesen der »Intimen Memoiren« von Simenon. Die Kapitelüberschriften beziehen sich auf die Seiten der Ausgabe, die ich für dieses Abenteuer lese. Es handelt sich um eine Fortsetzung aus den vorherigen Büchern und wird im nächsten Jahr fortgeführt werden.

Die Texte gibt es im Internet umsonst. Warum Geld dafür ausgeben?

Da fallen mir eine Reihe von Gründen ein: Nur mit diesem Buch bekommen Sie die Beiträge in wunderbarer Form auf Papier. Auch wenn Sie die Artikel aus dem Internet auf Ihrem Drucker ausdrucken, werden die Texte nie so schön sein wie hier.

Die Beiträge auf der Webseite werden auf Rechtschreibung geprüft und mehr oder weniger genau gegengelesen – da bin ich schon besser geworden! Für das Buch gibt es einen Korrektur-Workflow und alle Artikel wurden von mindestens zwei Personen insgesamt viermal gelesen. Da bin ich guter Hoffnung, dass die Beiträge weitgehend fehlerfrei daherkommen.

Ich habe trotzdem Fehler entdeckt! Kann ich mein Geld zurückbekommen?

Tja. Würden Sie auch darauf bestehen, wenn ich Ihnen sage, dass vermutlich eine unserer vier Katzen daran schuld ist, weil sie sich auf die Tastatur legten oder achtlos über die Eingabegeräte latschten? Oder mich einfach abgelenkt haben …

Ein wenig mehr Ernsthaftigkeit über das Ganze gesehen wäre schön!

Wie schon in den Jahren zuvor: Nein, da kann ich Ihnen nicht helfen. Ich ertrage meine eigene Simenon-Nerdigkeit nur durch Humor und Ironie.

Bei einzelnen Beiträgen wird zwar ausdrücklich erwähnt, dass Spoiler-Gefahr besteht. Prinzipiell gilt das für die meisten Artikel.

Haben Sie Anregungen, scheuen Sie sich nicht, mich zu kontaktieren. Die Kontakt-Möglichkeiten sind am Ende des Buches zusammengefasst.

Passez un bon moment!

Oliver Hahn Mühbrook, Juni 2023

Sammel

surium

Zwischen Lektorat und Übersetzung

Die Übersetzenden sind in den letzten Jahren sichtbarer geworden. Das liegt weniger daran, dass die Verlage das unbedingt wollten – es war ein zäher Kampf der von den Übersetzer: innen noch nicht beendet ist. Dafür, dass ihre Arbeit für die Nicht-Fremdsprachen-Kundigen elementar ist, werden sie äußerst selten auf das Podest gehoben.

Viel häufiger kommt es vor, dass sich über nicht gelungene Übersetzungen echauffiert wird. Ist doch unfair. Also habe ich mich kundig gemacht und an Neugierde mangelt es mir nicht.

Wer als Leserin oder Leser zu einem Titel der Kampa-Simenon-Ausgaben greift, hat kaum eine Chance, an der Arbeit der Lektorin und Übersetzerin Mirjam Madlung vorbeizukommen. Aktuell sind es zwanzig Übertragungen, die Frau Madlung betreut hat. Dabei handelte es sich um Überarbeitungen bestehender Übersetzungen.

Die »nichtlügende Liste auf der Webseite« zeigt, dass Sie mehr Maigrets als romans durs von Simenon übersetzt haben. Das liegt sicher in erster Linie an dem Editionsplan von Kampa und Hoffmann und Campe – aber entspricht das auch Ihrer Vorliebe: lieber Maigrets?

Stimmt, die Maigrets haben überwogen. Aber nicht aufgrund meiner Vorliebe. Ich hätte gern mehr von den romans durs in der Mache gehabt, aber – wie Sie richtig vermuten – darauf hatte ich keinen Einfluss, das waren Verlagsentscheidungen.

Ich muss hier grundsätzlich etwas anmerken: Ich bin von Kampa nicht als Übersetzerin beschäftigt worden – es ging um „grundlegende Überarbeitungen“ bestehender Übersetzungen – also eine Art Zwischending zwischen Lektorat und Übersetzung.

Lassen sich die Maigrets in Ihren Augen leichter übersetzen? Oder ist es komplizierter, da bestimmte Formalien, eine bestimmte Sprache eingehalten werden muss?

Formalien gab es eigentlich gar nicht so viele – und die Sprache richtet sich natürlich nach dem Original und nach dem heutigen Sprachgefühl. Die Maigrets sind eher wiederkehrend und wiedererkennbar in Stil und Ton (eben das Prinzip der Serie) – die romans durs vielfältiger, freier und dadurch für mich „interessanter“ in der Arbeit.

Gab es bestimmte Formalien bei der Übersetzung der Maigrets. Begrifflichkeiten, die vorgegeben wurden, eine Art Style Guide?

Ja, aber eher im Kleinen. Dass wir die französische Anrede benutzen. Schiffsnamen, Restaurants usw. nicht kursiv. Solche Dinge. Möglichst auf die unendlich vielen »…« verzichten, so sie nicht (z.B. in Telefongesprächen) wichtig sind und etwas aussagen.

Bevor Sie mit der eigentlichen Übersetzungsarbeit begannen: Wie haben Sie sich auf die Übersetzung der Romane vorbereitet? Wie gesagt: Es war eine (grundlegende, also radikale) Überarbeitung, keine Neuübersetzung. Vorbereitet habe ich mich mittels Hineinlesens in die diversen Fassungen (KiWi, Diogenes, Original) und dann mich hineingestürzt.

Bei der Überarbeitung einer bestehenden Übersetzung stellt sich die Frage, welche Stellen überarbeitet werden müssen und welche übernommen werden können? Anhand welcher Kriterien haben Sie das entschieden?

Ich habe mich auf mich selbst und mein Sprach- bzw. Zeitgefühl verlassen. Die Texte sollten entstaubt werden, leicht modernisiert, aber natürlich sollten sie nicht klingen wie heute geschrieben, sie mussten schon in ihrer Zeit bleiben. Es ging um ein möglichst unauffälliges Entbinden von (aus heutiger Sicht: zu) starker Zeitgebundenheit.

Ich hatte in Vorbereitung auf das Interview alte Ausgaben von Kiepenheuer & Witsch angeschaut und sie mit Ihren Übertragungen verglichen. Dabei beschlich mich das Gefühl, dass kein Stein auf dem anderen geblieben ist. Ist das immer so oder hatte ich mir nur unglückliche Beispiele herausgepickt?

Interessante Frage. Spricht man von einem »beschleichenden« Gefühl, handelt es meistens um etwas Unangenehmes, oder? Und »Kein Stein auf dem anderen« klingt nach Zerstörung bzw. großer Un- oder Neuordnung. Was meinen Sie mit »unglückliche Beispiele«?

Aber es ist richtig: Manche der Übersetzungen habe ich so stark bearbeitet, dass nicht viele der alten Steine übriggeblieben sind, Rudimentäres.

Nun, »Überarbeitung« klingt nach Ausbesserung, nach ein paar Korrekturen. Das was hier jedoch als Überarbeitung daherkam, war aber viel umfassender. Das ist also gar nicht negativ gemeint, sondern positiv und überrascht. Wenn das so ist, wie gefühlt: Wo liegt der Vorteil einer Überarbeitung?

Übersetzungen altern, Originale nicht unbedingt. Einen Text alle fünfzig, sechzig Jahre neu zu sehen (lesen), kann ihn näherbringen.

Was macht den Unterschied zwischen einer Überarbeitung und einer Neuübersetzung aus – gerade in diesem Fall? Ist es leichter, aufwändiger?

Aus meiner Sicht: Beim Überarbeiten gibt es Steine, über die ich gehen, an denen ich mich orientieren und von denen ich mich abstoßen kann. Bei einer Neuübersetzung lege ich die Steine selbst. Es kann beides sein – leichter, aber auch aufwendiger.

Wie kann man sich das vorstellen?

Ich habe einfach jeden Satz abgeklopft. Mir das Original angesehen und mich gefragt: Würde ich das auch so formulieren, wie es hier in der KiWi-Fassung steht? Klingt das (für mein Gehör und mit meinen Mitteln) so gut und richtig oder nicht?

Hatten Sie mal das Gefühl: Abreißen, neuübersetzen?

Ja, hatte ich. Manchmal fühlte ich mich eingeklemmt von der Vorgabe.

Viele der alten Übersetzungen von KiWi haben bei den Simenon-Freunden nicht den besten Ruf. Das mag daran liegen, dass diese heute altbacken wirken. Als es hieß, dass die Basis der Kampa-Maigret-Edition die KiWi-Übersetzungen wären, war das wie ein kleiner Schock. Bei der Überarbeitung, hatten Sie da manchmal das Gefühl: »Ach Gott, was haben die denn damals übersetzt und vor allem wie?«

Interessant, dass die KiWi-Simenons keinen so guten Ruf haben unter den Liebhabern. Aber verständlich durchaus. Sie sind eben aus einer anderen Zeit. Andere Sprachgewohnheiten, andere Sichtweisen und Vorstellungen vom Übersetzen.

Die Übersetzung von so bejahrten Texten, wie denen von Simenon, existieren doch sicher eine Reihe von Herausforderungen. Zum Beispiel sind da Verhaltensweisen beschrieben, die heute nicht mehr üblich sind, die Geschlechterrollen waren anders verteilt und in den Geschichten existieren Dinge, die es nicht mehr gibt. Wie gehen Sie als Übersetzerin damit um und wie sehr spielt der Zeitgeist in die Arbeit?

Ja, manches stößt natürlich übel auf – zum Beispiel der Blick auf (und der Umgang mit) Frauen (etwa die ewig dienende Madame Maigret). Es wird wahnsinnig viel geraucht, wahnsinnig viel getrunken. Aber das ist ja gerade das Interessante, es ging nicht darum, etwas zu verändern und inhaltlich den heutigen Vorstellungen anzupassen.

Haben Sie angefangen zu recherchieren, wenn Sie über historische Ereignisse oder Personen in den Geschichten stolpern, die nicht Teil des Allgemeinwissens sind?

Ja klar. Die Einteilung der Départements in Frankreich hat sich zum Beispiel im Lauf der Jahre geändert. Und Berufsbezeichnungen, die es heute nicht mehr gibt … und so weiter.

Wie sieht das mit örtlichen Gegebenheiten aus? Gehen Sie dem bei Übersetzungen nach und suchen Orte auf der Landkarte?

Ja. Oder in Stadtplänen. Ich bin auf ein Buch gestoßen: Michel Carly: »Maigret. Traversées de Paris. Les 120 lieux parisiens du commissaire« (2001).

Das war sowohl hilfreich als auch interessant und amüsant.

Haben Sie sich die Gegebenheiten vor Ort – sprich Paris – mal angeschaut? Oder wäre das für Sie Schnickschnack – nur der Text zählt?

Nein, Schnickschnack wäre das nicht – hat sich aber nicht ergeben in der Zeit (Corona).

Nun haben Sie nur einen Bruchteil der Maigrets übersetzen »dürfen« – werden Sie die anderen Romane nun in den Übertragungen der Kollegen lesen? Oder lesen Sie die Geschichten sowieso nur im Original?

Nein, ich lese Geschichten nicht nur im Original. Wenn mir von Kolleg: innen bearbeitete/übersetzte Maigrets unterkommen, schau ich bestimmt rein aus Neugier und Interesse. Aber nicht systematisch. Ist nicht zuletzt eine Zeitfrage.

Haben Sie sich während er Übersetzung der Maigrets mit anderen Maigret-Übersetzern ausgetauscht?

Nein, da gab es keinen Kontakt.

Hatten Sie schon vor diesen Übersetzungsaufträgen Simenon gelesen und sich gewünscht, ihn zu übersetzen?

Ehrlich gesagt nicht. Ich hatte ab und zu mal einen gelesen, aber ewig her. Simenon und besonders Maigret ist mir erst während der Arbeit ans Herz gewachsen.

Erhalten Sie Feedback zu Ihrer Arbeit von Lesern oder haben Sie Kontakt zu den Lesern Ihrer Übersetzungen?

Nee.

Police Roman Nr. 128

Dieser kleine Beitrag hatte keine Dringlichkeit, veröffentlicht zu werden – zumindest thematisch nicht. Das Objekt, über das berichtet werden soll, ist in einem fragilen Zustand, und wenn es sich auf meinem Schreibtisch befindet, ist es in Gefahr, zum Spielball von verspielten oder verärgerten Katzen zu werden. Zumal es so aussieht, als hätte es in der Vergangenheit schon tierischen Kontakt gehabt.

Im Frühjahr 1938 setzte sich Simenon an seinen Schreibtisch und dachte sich Geschichten um einen cleveren Detektiv namens Émile aus, der einen Assistent namens Torrence hatte. Es ist der gleiche Torrence, wie wir ihn aus verschiedenen Maigret-Geschichten kennen, nur hatte er sich in diesen Storys von der Polizei verabschiedet und spielte nun das Aushängeschild der Agence O.

Bevor diese 1943 in einem Sammelband herauskamen, wurden sie einzeln in Groschenheften veröffentlicht. Bei den Geschichten handelt es sich um eine Sammlung von fünfzehn Storys, von denen bisher auf Deutsch sechs Geschichten erschienen sind, mindestens ein weiterer Band soll in Zukunft erscheinen – wobei ein Datum für die Veröffentlichung noch nicht genannt werden kann.

Das Heft, das mir in die Hände gefallen ist, beinhaltet »Die Verhaftung des Musikers«(1). Das Blättchen hat sechzehn Seiten (gefaltet, nicht geheftet).

Die Geschichte von Simenon dominiert das Heft. Es sind zwei weitere

Auf dem auf der vorherigen Seite abgebildeteten Cover wurde die Geschichte groß angekündigt – zu Recht, da sie das Heft dominierte. Oben der grafische Titel auf der Seite 2 des Heftes.

Erzählungen in dem Geschichtenheft zu finden und es schaut ganz aus, als ob es feste Rubriken in der Publikation gab. Aus einem Heft Schlüsse zu ziehen, wäre gewagt – also betrachten wir es als Annahme.

Die Story wurde von René Péron illustriert, welcher in der Grafik-Welt dieser Zeit kein Unbekannter war.

Der 1904 in Paris geborene Péron hatte sich ein Namen als Gestalter von Plakaten und als Illustrator gemacht. Zwischen 1930 und 1960 soll Péron mehr als 2.000 Filmplakate gestaltet haben, darunter so bekannte Filme wie »King Kong«, »French Cancan« und »Spartacus«.

In späteren Jahren verschrieb er sich erst der Cover-Gestaltung von Büchern, insbesondere Kriminal-Romanen (das Faible hatte er offenbar auch in den 40er-Jahren), bevor er sich in seinem letzten Lebensjahrzehnt der Illustration von Kinder- und Schulbüchern zuwandte.

Im April 1972 verstarb der Illustrator im Alter von 68 Jahren.

(1) Original: »Larrestation du musicien«

Wanderlust

Das mit dem Internet ist unbestritten eine feine Sache. Als ich gestern Morgen aufstand, war ich noch ahnungslos. In meinem Posteingang lag eine Mail, die mich in Kenntnis setzte, dass es »Wanderlust« gibt. Keine 36 Stunden später weiß ich, dass ich für zweiundeinviertel Seiten 4,36 Euro ausgegeben habe. Eine ganze Reihe von Anschaffungen waren lukrativer

Dieses Internet-Erlebnis war nicht prickelnd – muss ich zugeben. Aber auch nicht jeder Wein, den man öffnet, erfreut einen. Aber fangen wir ein Stück weiter vorn an … In der Mail wurde angefragt, ob ich den Sammelband »Wanderlust« (herausgegeben von Aleksia Sidney) zur Kenntnis genommen hätte, der beim Kampa-Verlag erschienen sei. In der Vorschau war angekündigt worden, dass sich in diesem ein Text von Simenon befinden würde. Befremdet nahm der Tippgeber zur Kenntnis, dass der Text von Simenon in seiner Ausgabe nicht vorhanden war.

Ich kann nicht sagen, was passierte. Manchmal geschehen so Sachen. Das ist hier keine wissenschaftliche Publikation, da darf man auch mal Mutmaßungen anstellen und wild rumspekulieren. Mein Tipp: Bisher wurde der Ursprungstext nur einmal übersetzt und die Rechte für diese deutsche Übersetzung liegen bei Diogenes. Und nicht bei Kampa. Damit hatte sich die Veröffentlichung erledigt.

Bei Recherchen ist eine meiner Anlaufstellen der Katalog der Deutschen Nationalbibliothek. Für viele Bücher liegt mittlerweile ein Inhaltsverzeichnis vor, sodass man nachschauen kann, was der Band beinhaltet. Der Kampa-Band ist dort verzeichnet, liegt aber nicht vor. Deshalb existiert bisher kein Abzug des Inhaltsverzeichnisses.

Beim Stöbern fiel mir jedoch auf, dass es einen Band gibt, der den gleichen Namen trägt und der vor etwa zehn Jahren von Daniel Kampa herausgegeben wurde – bei Diogenes. Auch für den gab es keine Inhaltsübersicht … leider. Der »Klappentext« klingt bei beiden Bänden sehr ähnlich. Weshalb ich mir diesen Band gleich besorgte. Vielleicht war da eine Entdeckung, eine kleine Sensation zu erwarten!

Die zuvor erwähnten sechsunddreißig Stunden später hielt ich den Band in meinen Händen und sah, dass das Wanderbuch einen Text namens »Umherspazieren« beinhaltet. Schon nach den ersten Zeilen war mir klar, dass es sich um ein Ausschnitt aus dem Tagebuch-Band »Als ich alt war« handelte. Diese waren in den 60er-Jahren von Simenon geschrieben worden und geben einen kritischen Einblick in die damaligen Eheprobleme des Schriftstellers. Der Band liest sich meines Erachtens wesentlich leichter als die späteren »Intimen Memoiren«.

Der kurze Ausschnitt befasst sich damit, dass Simenon beim Reden gern umherging(1) und sich ein Besucher, um die Gewohnheit nicht wissend, sich ihm bei diesem Gehen durchs Zimmer anschloss. Des Weiteren thematisierte er, dass seine Kinder ungern mit ihm spazieren gingen.

Für mich war es ein Déjà-vu. Ich hatte mich seit dem Vortag gefragt, welche Erzählung es in den Sammelband geschafft haben könnte. Partout wollte mir keine Geschichte einfallen, die ich damit in Verbindung bringen würde. Wie hatte ich vergessen können, dass es eine »alte« Diogenes-Marotte war, Texte von Simenon auszubeuten – insbesondere das Tagebuch »Als ich alt war« – und in dieser Form in diesen Buch-Potpourris zu verwenden?(2)

Was lehrt uns das? Sammelbände sollten nicht gekauft werden, um eine bestimmte Autorin oder einen bestimmten Autor zu lesen – das Thema sollte die Motivation sein. Außer natürlich, es besteht die Absicht, im Anschluss einen Artikel im grandiosen Internet zu verfassen.

Diesmal habe ich fast alle Fragen klären können, bis auf die eine: Wer ist denn Aleksia Sidney?

(1) »Wandern« wäre eine andere, mögliche Formulierung.

(2) Mir ist unlängst der Diogenes-Band »No Future?« in die Hände gefallen, in denen auch ein Text von Simenon enthalten ist. Der Beitrag bestand aus sage und schreibe einem Absatz.

Mare Nostrum

Simenon hatte ein Faible für das Meer, Boote und Schiffe sowie für Reportagen. Alles zusammen kommt in diesem Bericht, die er 1934 in der Zeitschrift »Marianne« veröffentlichte. In der geht es um seine Reise auf dem Segelschiff »Arnaldo«, welches er gechartert hatte. In Kreuzfahrt-Reise-Zeiten klingt das nicht aufregend, aber zu der damaligen Zeit war das für einen Nicht-Seemann ein aufregender Trip.

Fangen wir mit der schlechten Nachricht an: Bisher wurde nur ein Auszug dieser Reportage in deutscher Sprache veröffentlicht. Dieser erschien 2019 in der Zeitschrift »Du« und es gibt zwar Anzeichen, dass es mehr zu lesen geben könnte – vielleicht auch mehr zu sehen, denn der Artikel ist reichlich und passend bebildert. Konkretes lässt sich hierzu bisher nicht sagen. Die Druckausgabe der italienischen

Fassung brachte es auf 180 Seiten und ich vermute mal, dass dies nicht in Großschrift gedruckt war. Aber ein Reportage-Bild-Band wäre eine feine Sache.

Insofern beziehen sich die Ausführungen hier nur auf den kleinen Auszug, den es in der Zeitschrift zu lesen gab.

Der Schluss, dass es sich bei Mare nostrum um das Mittelmeer handeln würde, fällt einem leicht – so man den Inhalt kennt. Da man sich mit voreiligen Schlüssen zurückhalten sollte und, auch ich, manches Mal daneben lag, fragte ich aber die allwissende Müllhalde – das Internet.

Die bestätigte, dass es sich um das Mittelmeer handeln würde und überraschte mich mit der Information, dass die Römer(1) dieses Meer so bezeichneten, sich dann auf einen Eroberungsfeldzug um dieses herum machten und es Mare internum nannten – was ich mal nicht wörtlich, sondern der Bedeutung nach mit »das eigene Meer« übersetzen würde. Nun sind Reiche, auch wenn manch Mächtiger glaubt, es wäre anders, nicht für die Ewigkeit ausgelegt und so gerieten beide Begriffe in Vergessenheit.

Bis Mare nostrum im späten 19. Jahrhundert von Freunden einer ausgeprägten italienischen Kolonialpolitik wiederentdeckt wurde und als Schlagwort verwendet wurde. Die Vorstellung ähnelte denen der alten Römer und entsprach einer »Heim ins Reich«-Doktrin.

Dieser Gedanke setzte sich auch irgendwann bei Herrn Mussolini fest, der diesen Ausdruck seit 1939 für die Propaganda nutzte, auch um seinen Führungs- und Herrschaftsanspruch in der Mittelmeer-Region zu betonen.

In jüngerer Geschichte wurde die Benennung, und deshalb kommt er einem vertraut vor, für eine von Italien initiierte Marine-Operation zur Rettung von Flüchtlingen aus Seenot genutzt. Diese endete 2014.

Von der Verwendung durch die Römer wird Simenon gewusst haben. Ob ihm die Obsessionen der italienischen Nationalisten geläufig waren, darüber kann man nur Vermutungen anstellten – was nach 1934 kam, war nur den großen Sehern bekannt, deren Prophezeiungen allzuoft mehrdeutig waren und sind.

Wie man ein Schiff schützt

Simenon hatte sich in Genua, und das ist der Einstieg in diesen Auszug, ein Schild auf Italienisch malen lassen, auf dem der Zutritt zum Schiff untersagt war. Sie hatten feststellen müssen, dass ansonsten kurz nach dem Anlegen eine Menschentraube mit unterschiedlichsten Leuten an Deck war, die alle da nicht hingehörten. Sie schauten nicht nur, sie fassten auch alles an – das Schild, was unmittelbar nach dem Anlegen aufgestellt wurde, hielt die Leute fern.

Das funktionierte sehr gut, bis man nach Il Cavo kam.

Die schon erwähnte allwissende Müllhalde wurde von mir auch mit dem Begriff Il Cavo konfrontiert, aber außer ein paar italienischen Restaurants gab es keine brauchbaren Ergebnisse. Nimmt man das Il weg, bekommt man den Hinweis auf ein Dorf, welches am Meer liegt und auf Elba. Das scheint mir eine plausible Erklärung zu sein, eine bessere habe ich nicht.

Vierhundert Einwohner sollte der Ort haben und hier änderte sich etwas. Das Schild half überhaupt nicht. Das Deck war innerhalb kürzester Zeit bevölkert und Simenon konnte beobachten, wie ein kleiner Junge anfing, Kartoffeln zu schälen, ein anderer war mit dem Schrubben des Decks beschäftigt und ein Mann hatte sich daran gemacht, die Fischernetze zu flicken.

Bei einem solchen Zuwachs des Personals wird man leicht unruhig, und so erkundigte sich Simenon, was es mit den Leuten auf sich hat. Die Antwort, die er bekam, war: Cugino – was man mit Cousins übersetzen kann. Die Mannschaft des Schiffes stammte aus dem Ort und »Cousin« mag ein exakter Begriff sein, aber hier, hatte Simenon den Eindruck, wurde er sehr weit gefasst

Beim Abendbrot saßen alle Cousins zusammen und aßen miteinander. An der Stelle betont Simenon bewundernd und verwundert: Sie aßen vom Essen der Mannschaft, nicht von seinem.

Familie

Simenon erzählt in diesem Auszug von den zehn Tagen, die er in dem Ort verbrachte und kommt dann vom Speziellen zum Allgemeinen. Nachdem er sich gefragt hat, wovon diese Menschen eigentlich leben, die den ganzen Tag das Schiff auf Vordermann brachten und die sich dafür nicht entlohnen ließen; plaudert er über die Beobachtungen, die er anderswo gemacht hat – man könne dieses Phänomen Cugino auch in Paris oder in New York oder in Boston beobachten. So ein Cousin oder eine Cousine kam für eine gewisse Zeit zu Besuch, beteilige sich am Familienleben und verschwand irgendwann.

Anfangs mochte ihn die Tatsache, dass sein Boot plötzlich überbevölkert war, gestört haben. Es kommen eine Menge Cousins zusammen, wenn man sechs Seeleute als Mannschaft angeheuert hat. Nachdem er realisiert hatte, wie es funktioniert, verstand und mochte er es.

Der veröffentlichte Auszug ist sympathisch und positiv. Habe ihn gern gelesen und war traurig, dass nach wenigen Seiten schon Schluss war. Hoffentlich nur vorerst.

(1) Also die, die wir aus »Asterix und die Römer« kennen, diese Römer!

Keine gute Gesellschaft

Vor wenigen Tagen las ich »Maigret beim Minister« und mir fiel auf dass dies ein Roman ist, in dem die Besatzungszeit deutlich thematisiert wird. In der »Schnee war schmutzig« gab es Anspielungen, aber das Drumherum wäre austauschbar gewesen. Mir ist nicht gegenwärtig, dass der Komplex anderweitig derart deutlich angesprochen wird.

Die Besatzung war in seiner Autobiografie »Intime Memoiren« Thema gewesen. Wie Simenons Stand wirklich war, ist anhand seiner eigenen Erinnerungen schwer zu ergründen. Im Zweifel, so der Eindruck, war der Schriftsteller Anhänger des Widerstands und Opfer der Besatzung gewesen. So einfach war es nicht gewesen.

Gallimard

Viele Menschen zeigten ein ambivalentes Verhalten in dieser Zeit. Beispielsweise sein Verleger Gaston Gallimard. Der hatte in jungen Jahren die »La Nouvelle Revue française« mitbegründet, bevor er seinen eigenen Verlag aufbaute. Wenn es eine Institution in der französischen Literaturszene gab, dann war es Gallimard.

Mit Beginn der Besatzung gab Gallimard freiwillig die Führung an der Publikation an Pierre Drieu la Rochelle ab, einen bekannten Schriftsteller mit einem Hang zum Nationalsozialismus. Das Journal war zeitweilig von den Deutschen geschlossen worden, aber Drieu la Rochelle war ihnen als Herausgeber genehm. Zumal er dafür sorgte, dass keine jüdischen Schriftsteller in der Zeitschrift publizierten.

Gallimard reinigte unterdessen sein Verlagsprogramm, sodass auch dieses den Besatzern genehm war. Nur so war es ihm möglich, von den raren Papierkontingenten zu partizipieren.

Er schmiss Jacques Schiffrin, Gründer und Herausgeber der »Bibliothek der Plejade«, heraus – Grundlage hierfür waren die erlassenen antijüdischen Gesetze. Gaston Gallimard – so wurde es kolportiert, wollte den Verlag Calmann-Lévy übernehmen, als dieser arisiert wurde. In seiner Bewerbung soll er sein Unternehmen als »arisches Haus mit arischem Kapital« angepriesen haben. Andererseits war Gallimard früh Gastgeber von Versammlungen besatzungskritischer, antifaschistischer Schriftstellergruppen und damit nah an der Widerstandsbewegung. Ebenfalls ließ er es nicht zu, dass nach dem Rücktritt Pierre Drieu la Rochelles der Schriftsteller und Zensor Ramon Fernandez dessen Posten einnahm.(1) Während der Kriegszeit stand der Verleger auf den Listen der Widerständler als Kollaborateur. Gründe gab es genug und das hätte nach Kriegsende übel enden können. Gallimard hatte sich mit seiner Ambivalenz, seinem Lavieren zwischen Besatzern und Widerstand sowie dem Zuspruch vieler befreundeter Kollegen nach dem Ende der Besatzung vor Racheaktionen retten können.

Simenon geriet nach dem Krieg ebenfalls ins Visier derjenigen, die Kollaborateure jagden. In seinen Erinnerungen erwähnt er seine Widerstandsaktionen. Keine Erwähnung fand er für seine geschäftlichen Verbindungen beispielsweise zu Filmfirmen, die unter deutscher Kontrolle standen oder zu Publikationen, die dem Vichy-Regime nahe standen.

Die Bewegung

In verlegerischer Hinsicht war es nicht die Zusammenarbeit mit Gallimard, die ihm bei den Widerständlern Minuspunkte einbrachte. Schließlich war der Vertrag schon lang vor der Besatzungszeit geschlossen worden und Gaston Gallimard war »der Verleger« Simenons. Das war sowohl von Verleger- wie auch von Autor-Seite gut zu begründen.

Werbeplakakt für die nationale Revolution und die vermeintlichen Werte Frankreichs

Was jedoch mochte Simenon jedoch bewogen haben, eine Erzählung in der Zeitschrift »Révolution Nationale« zu veröffentlichen? Also außer Geld?

Die Deutschen begannen ihren Westfeldzug am 10. Mai 1940. Die Franzosen waren schlecht vorbereitet und der Regierungschef Paul Reynaud holte sich Philippe Pétain, ein nationaler Held in Frankreich, als Verteidigungsminister in sein Kabinett. Auch dieser war der Meinung, dass die Deutschen nicht weit kommen würden. Allerdings musste die französische Regierung der Realität alsbald ins Auge blicken.

Als Forderungen aufkamen zu kapitulieren, sperrte sich der Premierminister. Der 84-jährige Pétain war gegenüber einer Kapitulation aufgeschlossener.

Im Kabinett gab es in der Folge eine Mehrheit fürs Aufgeben und in der

Situation trat Reynaud zurück. Pétain übernahm die Führung. Er handelte mit den Deutschen einen Waffenstillstand aus.

In der Konsequenz entstand eine nördliche Zone, die von den Deutschen beherrscht wurde und die sich, obwohl sie den Norden im Namen trug, vom Norden bis an die Grenze nach Spanien zog; und es existierte eine unbesetzte Zone – die südliche – die grob gesehen das Dreieck Lyon, Marseille und Toulouse umfasste – jeweils auch bis zur spanischen Grenze. Ein Teil der sogenannten unbesetzten Zone wurde später von Italien besetzt.

Vichy war Hauptsitz der Regierung. Ob die Heilwasser etwas damit zu tun hatten, vermag ich seriös nicht zu beantworten, geschadet haben sie dem neuen starken Greis nicht.

Pétain war für die Deutschen der Richtige an der Spitze: Er gab sich kurz nach der Übernahme der Macht Rechte, die nicht einmal ein Louis XIV. gehabt hatte. Er agierte wie ein absolutistischer König. Schon im Oktober des gleichen Jahres wurden die ersten Gesetze verabschiedet, die von einem deutschen Wald- und Wiesen-Nazi hätten stammen können – für die Juden gab es nichts mehr zu lachen.(2)

So einfach vor sich hinregieren, das wollte der Marschall nicht: Einen programmatischen Unterbau sollte sein Regime schon haben. Unschwer zu erkennen, dass der Mann keinen besonderen Wert auf den Parlamentarismus legte, Gewaltenteilung war ihm auch ein Gräuel und mit Fremden hatte er es auch nicht so.

Zuvor war das – zumindest, was die offizielle Politik anging, – anders gewesen. Was mochte Pétain? Er liebte Frankreich und die Franzosen. Nicht alle, aber allgemein gesprochen, ist die Aussage haltbar. Er hielt die traditionellen Werte hoch – also in der heutigen Zeit bekäme Pétain beim Nachrichtenschauen einen Herzinfarkt nach dem anderen. Soll etwas geändert werden und es wird ein griffiger Begriff benötigt, warum nicht »Revolution« verwenden.

Und so wurde die Ideologie Révolution Nationale genannt. Irgendwie lustig, denn das Konservative – was Pétain eindeutig vertrat – tut sich normalerweise sehr schwer mit Revolutionen. Aber es ist ja auch nur ein Name!

Den Titel der Ideologie trug eine Zeitschrift, die von der Mouvement social révolutionnaire gegründet wurde. Das »Social« war Augenwischerei, ähnlich wie »Sozialismus« in »Nationalsozialismus« – das passt(e) ebenfalls nicht recht zueinander.

Schaut man sich die Begründer dieser Bewegung an, die just 1940 entstand, kommt einem auch nicht unmittelbar das Wort »Sozialismus« in den Sinn: Da wären Eugene Schueller (damaliger Eigentümer der Kosmetikfirma L'Oréal), Georges Laederich (ein Textilunternehmer aus den Vogesen) und zuvorderst Eugène Deloncle – der zuvor aktives Mitglied diverser rechter Untergrund-Bewegungen terroristischer Natur gewesen war.

Otto Abetz, deutscher Botschafter in Paris, war sehr zufrieden mit dem Programm der Bewegung.

In diesem wurde ausdrücklich festgehalten, dass man mit dem nationalsozialistischem Deutschland zusammenarbeiten wolle und man nichts übrig habe für Liberalismus, Judentum, Bolschewismus und Freimaurerei.

Unwissenheit?

In dieser Zeitschrift veröffentlichte Simenon seine Maigret-Erzählung »Menaces de mort«(3) als Erstveröffentlichung. Sie erschien in sechs Ausgaben zwischen dem 8. März und 12. April 1942. Seine Vereinbarung mit der Reaktion wird kurzfristig zustande gekommen sein. Schließlich entstand die Erzählung im Winter 1941/42.

Mir erscheint es unwahrscheinlich, dass Simenon nicht wusste, mit wem er sich eingelassen hatte.

(1) Letzterer ist ebenfalls ein Beispiel für diesen Zwiespalt, denn einerseits lässt er sich mit den Besatzern ein, ist ein Werkzeug dieser und schreibt eine Hommage über Hitler; andererseits hält er weiterhin Kontakt zu Freunden im Widerstand.

(2) Das erinnert an die Episode, als Simenon gezwungen war, seine arische Abstammung nachzuweisen, was ein schwieriges Unterfangen in Kriegszeiten gewesen war.

(3) dt: »Morddrohungen«

Wer A3 sagt …

Schon vor dem Tippen der ersten Zeichen habe ich das Gefühl, dass dies ein launiger Text werden könnte. Solche entstehen immer dann, wenn ich mich freue, etwas entdeckt zu haben, oder wenn ich ein Buch erstanden habe, was mir fehlte. Die Freude ist diesmal dreifach: Zweimal geht es um Auslöser Nummer eins, einmal um Auslöser Nummer zwei.

Auf einer Internet-Seite, die ziemlich bekannt ist und Pseudo-Auktionen durchführt, sah ich, dass »Brief an meine Mutter« angeboten wurde. Das Angebot offerierte das Buch als Hardcover aus dem Diogenes-Verlag und meine kleine, schnuckelige Webseite zierte das Cover besagter Ausgabe aus dem Jahr 1978 noch nicht. Also habe ich zugeschlagen, denn es sah so aus, als würde es mein Taschengeld-Budget nicht nennenswert belasten und es bliebe mir genügend Essensgeld.(1)

Vorsichtig packte ich das Schätzchen aus und freute mich über ein makelloses Exemplar.(2)

Ich öffnete das Buch und mir fielen zwei Dinge auf, die ich mehr als bemerkenswert fand: Offenbar hatte jemand seinen Besitz mit einer Unterschrift verziert und notiert, wann er es erworben hatte. Der frühere Besitzer hatte seinen Wohnsitz in Magdeburg, DDR. Dass es höchstwahrscheinlich kein Geschenk war, entnahm ich dem Kassenbon, der ebenfalls in dem Buch zu finden war. 19,80 M hatte es gekostet. Ich bin mir sicher, dass M auf jedem DDR-Kassenzettel stand, während auf den westdeutschen Bons DM vermerkt war.

In der DDR konnten Diogenes-Bücher gekauft werden – in der Regel handelte es sich um Klassiker, für die ich kein besonderes Interesse hegte. In der Bibliothek, die ich damals regelmäßig heimsuchte, waren Diogenes-Ausgaben zeitgenössischer Literatur zu finden, beispielsweise John Irving. Neu war für mich, dass auch Import-Simenons verkauft wurden. Das Buch sieht so aus, als wäre es wie ein kleiner Schatz behandelt worden. Der oben genannte Preis für das Buch war für DDR-Verhältnisse übrigens exorbitant. Normalerweise waren sie günstiger. Nun ist der autobiografische Text von Simenon nicht besonders umfangreich und um ein Band von 12 cm x 19 cm mit 146 Seiten zu füllen, bedarf es ein wenig mehr als nur einer großen Schriftgröße. Diogenes wählte eine wahrhaft kreative Variante: Hinter (oder je nach Betrachtungsweise: vor) jeden Absatz wurde eine Leerzeile eingefügt.

Nehmen wir mal an, dass der ehemalige Besitzer Klaus fünfzehn Jahre später eine Buchhandlung betreten hat, er hätte die Chance, diesen Titel nochmals zu erwerben: diesmal im Format 8 cm x 12 cm.

Der Fund

Als ich diese wahrhaft großzügige typografische Lösung sah, kam mir in Erinnerung, dass ich eine Ausgabe des Buches haben müsste, die winzig klein war. Definitiv kleiner als die Standard-Diogenes-Taschenbücher. Ich stöberte in meinen Regalen und meinte, einen Band suchen zu müssen, dass die Größe von vier Daumennägeln hat. Diese Mini-Bücher waren eine zeitlang en vogue gewesen – sie waren so klein, dass man sie im Zweifel herunterschlucken konnte. Ehrlich gesagt, kann ich nicht einmal sagen, ob solche Ausstattungen heute noch veröffentlicht werden.

Meine Erinnerung hatte mich getäuscht. Das Buch war klein, aber doch nicht so klein. Ich fand es in der hintersten Ecke meines Simenon-Sekundärliteratur-Regels.

Der Seiten-Umfang ähnelte – trotz der kleineren Maße – der gebundenen Ausgabe. An der Typografie hatte die Gestalter neben dem Satzspiegel nur einen wesentlichen Aspekt geändert: die Schriftgröße. Die Absätze wurden in dieser Variante, und das ist wirklich ein wenig skurril, ebenfalls durch eine Leerzeile getrennt.

Die beiden angesprochenen Ausgaben, damit ein Größenvergleich möglich ist.

Der Effekt, den das haben kann, ist erstaunlich: Jeder Absatz wirkt wie ein wichtiger Gedanke, fast so, als würde man einen Band mit Aphorismen lesen. Ich will den Text nicht gering schätzen, ich halte ihn einen der besten autobiografischen Texte Simenons – über weite Strecken hatte der Brief jedoch erzählenden Charakter. Damit kann nicht jeder Absatz ein Höhepunkt sein. Amüsant, dass der Eindruck durch eine solche typografische Gestaltung erreicht werden kann.

?, ?, A3

Aber wie sieht es in den neuen Ausgaben aus. Kampa hatte unter dem Label Gatsby eine Hardcover-Ausgabe herausgebracht und Atlantik brachte eine günstigere Taschenbuch-Ausgabe auf den Markt. In beiden Ausgaben wurde auf die Leerzeilen zwischen Absätzen verzichtet.

Bei der Betrachtung der Atlantik-Ausgabe sprang mir die Nummerierung »A3« ins Auge, was auf Reihe autobiografischer Schriften um Simenon schließen lässt. In meiner Liste fand ich keine Anhaltspunkte, dass schon andere autobiografische Texte von Simenon bei Atlantik erschienen sind und müsste raten, mit welchem Inhalt die Bände eins und zwei daherkommen. Auch kann ich nicht sagen, wie umfangreich die Reihe einmal sein wird. Dass die »Intimen Memoiren« in der Reihe erscheinen werden, scheint wahrscheinlich – nachdem die HardcoverAusgabe von Hoffmann und Campe schon zum Anfang der Neuedition herausgegeben wurde.

Klar ist aber auch, dass die Hamburger abhängig vom Input von Kampa sein sollen und nach meiner Beobachtung wird die Herausgabe von autobiografischen Texten von Zürich derzeit nicht priorisiert betrieben.

(1) Beziehungsweise das Eis-Geld.

(2) Manchmal bekomme ich Eroberungen zugesandt, bei denen ich mich frage, wie viel Fantasie und Kraft der Anbieter aufbieten musste, um zu der Qualitätsbeschreibung zu kommen. Aber in diesem Fall: alles bella.

Licht und Schatten

Die Gastgeber und viele der Gäste der letzten Station unseres diesjährigen Frankreich-Urlaubs waren Belgier Als wir ihnen offenbarten, dass wir Frankreich verlassen und unser finaler Halt Lüttich wäre, schauten sie uns entgeistert an und meinten: »Warum denn Liège?«. »Simenon«, sagten wir »Na dann …« Enthusiasmus für einen Landsmann geht anders.

Die Stadt macht es einem nicht einfach. Es war unser dritter Aufenthalt und, um es mit den Worten unseres diesjährigen Gastgebers auszudrücken, wir wurden mit typisch belgischem Wetter begrüßt. Dieses bestand aus Dauerregen und hob unsere Stimmung nur bedingt.

In erste Linie war der Aufenthalt ein Zwischenstopp, da wir nicht in einem Rutsch von Frankreich zurückfahren wollten. Gewiss hätte sich anderswo auch ein Halt einbauen lassen, aber ich wollte sehen, was sich verändert hatte. Der letzte Besuch lag mindestens fünfzehn Jahre zurück. Wenn nicht sogar länger. Dass sich eine Stadt in einem solchen Zeitraum verändert hat, war anzunehmen.

Das Vergleichen fiel mir schwer. Ich musste feststellen, dass kaum noch Erinnerungen an die Stadt vorhanden waren. Ja, der Fluss und die Kaskade von hässlichen Neubauten an seinem Ufer. Das hatte sich nicht geändert. Eine Symphonie in Grau. Wenn da nicht ein modernes Hochhaus die Skyline zieren würde und das ist nicht ironisch gemeint. Ein Lichtblick für Lüttich, wie wohl auch die Bauarbeiten an einer Straßenbahnlinie und die allgemein rege Bautätigkeit in der Stadt. Der Bahnhof soll ebenfalls aufgehübscht und modernisiert worden sein, wir haben ihn diesmal nicht besucht.

Genau genommen eine Schande

Im letzten Jahr gab es eine Verlautbarung(1), dass die Arbeit des Fonds Simenon an der Universität Lüttich aufgewertet und ausgewertet werden sollte. Deshalb hatte ich im Vorweg angefragt, ob es möglich wäre, die Institution Fonds Simenon zu besichtigen bzw. zu besuchen. Nach den Informationen, die ich hatte, sollte der Fonds an bestimmten Tagen zugänglich sein.

Die Antwort, die kam, war ernüchternd: Nein, das wäre nicht möglich. Die Öffentlichkeit wäre nicht mehr zugelassen und ganz nach dem Willen von Georges Simenon würde man sich auf die wissenschaftliche Arbeit konzentrieren.

Herzlichen Glückwunsch!, wenn die wissenschaftliche Arbeit darin besteht, sich in ein Schneckenhaus zurückzuziehen und nicht mehr mit dem interessierten Publikum zu kommunizieren. Da sehe ich auch für die anderen Vorhaben, die damals genannt worden waren, schwarz.

Georges Simenon ist nun 33 Jahre tot. Bei dem riesigen Nachlass, bei dem gewaltigen Leben des Mannes mit seinen vielen Stationen wäre es ein leichtes gewesen, ein Museum auf die Beine zu stellen. Schließlich existiert eine Basis für ein solches Haus dank diverser Ausstellungen (teilweise zu Simenons Lebzeiten), ganz zu schweigen von der Exposition zu seinem 100. Geburtstag. Lüttich würde sich dafür geradezu anbieten, aber es gibt andere Orte, die sich genauso gut eignen würden – auch in Frankreich oder in der Schweiz. Wenn es nur an Räumlichkeiten mangelt, ich würde in Mühbrook meine Garagen leer- und umräumen: Dann könnten wir das Museum auch hier auf die Beine stellen!

An der Stelle will ich nicht verhehlen, dass ich diesen Mangel für eine Schande halte.

Auf Simenons Spuren

Es war wohl in dem Jahr von Simenons 100. Geburtstag, wo wir eine Tour durch Lüttich auf seinen Spuren in größerer Runde machten. Das war wirklich sehr schön. Mit heutzutage riesig wirkenden Geräten mar schierten wir durch die Stadt, hauptsächlich Outremeuse, und an den Halten bekamen wir Informationen zu den biografischen Bezügen.

Wer interessiert ist, kann das heute auch machen.

Allerdings, soweit ich das mitbekommen habe, ohne vom Tourismus-Verband gestellte Gerätschaften. Keiner würde heute noch so etwas mit sich rumschleppen wollen und ich vermute, das Tourismusbüro möchte das auch nicht verwalten. Auf der Webseite findet man die Tour ebenfalls.(2) Dazu gibt es Erklärungen und sogar MP3s, in denen einem die Bezüge erklärt werden. Allerdings sind alle Informationen auf Französisch – sowohl die vorgelesenen wie auch die zu lesenden. Sollte man sich darüber mokieren? Denke schon, denn zum einen weiß ich, dass das vor zwanzig Jahren besser war, und zum anderen wird konsequent auf das Französische gesetzt. Auch Flamen und englischsprachige Interessierte werden nicht in ihrer Sprache bedient.

Ich halte das für ein Ärgernis, denn die Webseite für die Tour ist gut umgesetzt.

Immerhin kann man sich im Office du tourisme(3) der Stadt Lüttich, mitten in der Stadt in der Nähe des Marktplatzes gelegen, eine kleine Broschüre besorgen und mithilfe dieser den Simenon-Weg abspazieren. Das Heftchen ist in deutscher Sprache zu haben.

Für den Rundgang benötigt man etwa zwei Stunden, wenn man sich nicht durch Brasserien und Cafés ablenken lässt.

Licht!

Unser Gastgeber gab uns einen Tipp: Wir müssten unbedingt die Brasserie Au Point De Vue, gleich gegenüber der Oper, besuchen. Dort gäbe es die besten Buletten.

Für mich als Ostdeutscher, der im Norden gezwungen ist, Frikadelle zu sagen, damit er verstanden wird, war das ein Wohlklang. Da wir dem Tipp folgten, können wir bestätigen: Die Buletten dort sind nicht nur preisgekrönt, die sind auch noch saulecker!

Das Rezept haben wir uns besorgt und können diese jetzt hier so zubereiten, wie man es in Lüttich macht. Was wir nicht mitnehmen können, sind die deliziösen Croissants, die uns in unserem B&B serviert wurden. Zwar wurde uns erzählt, bei welchem Bäcker wir sie kaufen könnten – mit der Warnung, dass dort immer eine Schlange stände – aber wie sollte uns das fern von Lüttich helfen?

Simenons Mutter Henriette hatte damals ebenfalls Zimmer vermietet, aber Croissants gab es für die Mieter gewiss nicht. Wir waren von unseren Gastgebern sehr angetan gewesen, zumal die Unterkunft originell und geschmackvoll eingerichtet war.

Das in Kombination mit den Buletten, Croissants, den vielen Kneipen und dem Simenon-Spaziergang haben den Zwischenhalt lohnenswert gemacht.

Auch wenn das Wetter ein wenig besser hätte sein können …

(1) siehe https://bit.ly/3V4yYIr

(2) https://bit.ly/3ydMFv8

(3) https://bit.ly/3SEaYKS

Simenon ist überall

Irgendwann hatte auch meine Frau erkannt, dass die Planung des Frankreich-Urlaubs kein Zufall gewesen sein kann und es mir gelungen war, Orte mit Bezügen zum Werk oder zum Leben von Simenon zu integrieren. Das spiegelte sich auch in den letzten Beiträgen wieder. Der Besuch in Doulevant-le-Chateaux sollte jedoch nur der Erholung dienen. Aber wie der Titel schon sagt…

Das kleine Örtchen in der südlichen Champagne hatte ich nur deshalb gewählt, weil das Hotel, in das ich eigentlich wollte, ausgebucht war und wir eine Station auf unserer Rückreise benötigten. Ich will nicht groß thematisieren, wie abenteuerlich unsere Ankunft uns vorkam: Wir fanden unsere Unterkunft nicht und waren der Meinung, dass wir einem raffinierten wie auch kostspieligen Betrug aufgesessen waren. Dieses Problem löste sich – Gott sei Dank – in Wohlgefallen auf.

Indirekter Nichtbezug

Ich wurde hellhörig, als unser Gastgeber bei seiner Restaurantempfehlung erwähnte, dass die Gaststätte in dem Ort liegen würde, in dem Charles de Gaulle gestorben war und sich dort auch sein Grab befindet. Colombey-les-Deux-Églises befand sich nur fünfzehn Minuten von unserem Gasthaus entfernt und es ratterte.

Manche sagen, dass Simenon sich von der Figur de Gaulles hatte inspirieren lassen, als er »Der Präsident« schreib.

Die Unterschiede sind jedoch gerade unter Berücksichtigung der Funktion und des Alters, groß. Die Augustin genannte Hauptfigur in dem Roman hatte nicht die Funktion eines Staatspräsidenten inne, und zum Zeitpunkt der Entstehung der Geschichte war de Gaulle nicht so abgekoppelt von der Politik, wie es Augustin war.

Letztlich waren wir zwar in dem Ort und auch in der Nähe des Monumentes, aber richtig Zeit nahmen wir uns nicht – was sich als Glücksfall herausstellen sollte.

Das kleine Städtchen

Colombey war ein Kaff, was ein wenig Wichtigkeit durch die Anziehungskraft seines berühmten Bewohners erzielt. Die zweite Empfehlung unseres Herbergsvaters betraf den Besuch des Lac d’Orient, einem künstlich angelegten See an dessem Ufer sich ein nettes Restaurant befand. In diesem solle man unbedingt das Carpaccio probieren.