Schweinzeit - Andreas Puchebuhr - E-Book

Schweinzeit E-Book

Andreas Puchebuhr

0,0

Beschreibung

Tomas Ohse ist ein Vollhorst. Die Freundin im letzten Türkeiurlaub an einen Animateur verloren, fristet er ein freudloses Dasein als Versicherungsvertreter. Just an dem Abend, als er im Vollrausch beschließt, seinem Leben eine neue Richtung zu geben und Philosoph zu werden, klingelt ein sprechendes Schwein an seiner Tür. Als wäre das nicht ungewöhnlich genug, verfügt das Tier über die seltene Gabe, mit einem Furz durch die Zeit zu springen. Ein solcher Sprung soll Ohse an die Wurzel seines Elends zurückführen. Und nicht nur seines. Denn das Schwein hat einen Auftrag. Den Untergang der DDR verhindern. Kann das gutgehen? Erleben Sie Tomas Ohse, das Schwein, Egon Krenz, Johannes den Täufer, Doro Pesch, Nancy, einen entführten Muezzin, Hermann Göring, Oma Ursel und viele andere in der beschissensten Zeitreise aller Zeiten. Menschen, Tiere, Kriegsverbrecher- willkommen in der Schweinzeit.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 162

Veröffentlichungsjahr: 2014

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



1. Auflage 2014

©opyright 2014 by Autor

Cover: Simon Höfer

Lektorat: Miriam Spies

Satz: Fred Uhde (www.buch-satz-illustration.de)

ISBN: 978-3-95791-020-2

Alle Rechte vorbehalten. Ein Nachdruck oder eine andere Verwertung ist

nur mit schriftlicher Genehmigung des Verlags gestattet.

Hat Dir das Buch gefallen? Schreib uns Deine Meinung unter:

[email protected]

Mehr Infos jederzeit im Web unter www.unsichtbar-verlag.de

Unsichtbar Verlag | Wellenburger Str. 1 | 86420 Diedorf

Inhalt

Intro

Prolog

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

Kapitel 41

Kapitel 42

Kapitel 43

Kapitel 44

Kapitel 45

Kapitel 46

Kapitel 47

Kapitel 48

Kapitel 49

Kapitel 50

Kapitel 51

Kapitel 52

Kapitel 53

Kapitel 54

Kapitel 55

Kapitel 56

Kapitel 57

Kapitel 58

Kapitel 59

Kapitel 60

Kapitel 61

Kapitel 62

Kapitel 63

Kapitel 64

Kapitel 65

Kapitel 66

Kapitel 67

Kapitel 68

Kapitel 69

Kapitel 70

Kapitel 71

Kapitel 72

Kapitel 73

Kapitel 74

Kapitel 75

Kapitel 76

Epilog

Intro

Im Grunde genommen gibt es nur zwei Sorten von Büchern. Solche, nachderenLektüremansichschlechterfühltals vorher – und eben die, wo man sich nach dem Lesen besser fühlt. Andreas Puchebuhr verwöhnt die Welt mit der zweitgenannten Sorte. Das ist kein Spoiler. Und die Erwartungen treibe ich damit sicherlich auch nicht zu sehr in die Höhe. DennselbstalsvonPuchebuhrsWerkbisherunbeleckter Leser – und ich bin sicher, mit »Schweinzeit« wird eine neue Welle an Fans einher kommen – werden Sie schon in wenigen Minuten wissen, was ich meine. Jemand, der mit einer bloßen kleinen Liste an Vorlieben seines Protagonisten bereits mehr sagt, als man oft erst in vielen zähen Kapiteln erfährt, macht definitiv etwas richtig.

Meine Damen und Herren: Jagdzeit, Mahlzeit, Keimzeit, Laichzeit, Brunftzeit und Paarungszeit sind die eine Sache. Ab heute wird für Sie der Begriff »Schweinzeit« für den gesamten Rest ihres Lebens mit diesem Buch verbunden sein. Und was für ein Buch das ist.

Da. Es geht schon los.

Hocherfreut, Toby Fuhrmann.

Prolog

Tagebucheintrag Tomas Ohse vom 17.05.2014

Heute Morgen habe ich verschlafen.

Weil mein Körper schlauer ist als ich.

Ich habe ihn gezwungen, aufzustehen.

Aua.

Hab mir Duftzerstäuber »Frühlingswiese« ins Auge gesprüht. Aus Versehen auf dem Klo.

Wäre ich nur liegen geblieben.

Wer bin ich, dass ich es wage, meinen Körper derart herauszufordern?

Ich bin ein Vollhorst.

Mittags hat mir ein Mann etwas erzählt.

Achtundvierzig Minuten lang.

Ohne Betonung.

Ohne Absätze und Pausen:

EinImmobilienmaklersollseineWohnungverkaufenderweißaberdenWertdesElektrokaminsnichtzuschätzenderKaminhatvorzweiJahrenfünftausendEurogekosteterspendetwohligeWärmeflackertistungefährlichundkommtimdunkelbraunenkacheldesigndaherundaußerdemhabendieihnvollübernTischgezogenmitdemHausgeldweilderGärtnernieimLebensovielabgerechnethatdasWasserhatauchkeinenDruckundwarmwirdeserstnacheinerViertelstundeimKellerschimmeltesaufdemDachbodendarfmankeineWäschetrocknenvorzwölfJahrenistermalaufeinerBohrplattformvonderLeiteraufdenKopfgefallenseitdem …

DAS GEHT MIR DERMASSEN AM ARSCH VORBEI!

Warum habe ich nichts Ordentliches gelernt?

Alles ist meine Schuld.

1

Versicherungsbüro Tomas OhseÖffnungszeiten Mo.– Fr. von 09.00 – 13.00 Uhr, Mo.– Do. von 14.00 – 18.00 Uhr und nach Vereinbarung

Feierabend. Ich hätte schwören können, dass gestern der internationale Tag des Contenanceverlustes war. Bis zum ersten Anruf heute Morgen. Es geht noch viel, viel schlimmer. Ich MUSS mein Leben ändern. Dringend. Und komplett. Diesmal darf das auch nicht die klassisch halbgare EntschlussbrühevonwegenwenigerFett, frischeLuft, Kröten über die Straße helfen, eigentlich-ist-der-Job-ja-gar-nicht-mal-so-beschissen-ömmel-ömmel, Ökostrom und so weiter werden. Nein. Nein? Nein! Der Vollwaschgang. Die Ich-Werdung des Kompromiss-Ichs.

Allerdings gestalten sich die ersten Schritte schwieriger, als ich zunächst angenommen hatte. Das liegt wahrscheinlichdaran, dassichsehrzielorientiertunddaher in der Regel querlese. Zumindest Fachliteratur:

Robbins Power Prinzip.

Boxen und Managen.

Träume wagen (mit Ausrufezeichen).

Das Pinguin-Prinzip.

HaufesSelbstmanagementmitCD, dieichnochnicht mal ausgepackt habe.

In vier Stunden. Mit einer Kack- und zwei Kaffeepausen. Das muss reichen. Denn wenn ich mein Leben auf ein Rollmaßband projizieren soll – wie einer der Schlauschinken mir vorschlägt – und die bereits verlebten Jahre in Zentimetern abschneide, darüber hinaus aufgrund meiner Sauferei davon ausgehen kann, dass ich mit etwas Glück siebenundsechzig werde, dann bleiben nicht viele Zentimeter, um Ratgeber zu lesen.

Aber so viel habe selbst ich verstanden: Ich muss mein verknotetesDasein entwirren und in eine neue Richtung lenken. Dazu brauche ich Ziele. Ich habe aber keine. Also wäre es hilfreich, erstmal meine wahren Talente und Bestimmungen zu erkennen. Hier liegt der nächste leblose HaseimPfeffer. Oderkorrekterformuliert: in vier vollgekritzelten A5-Zetteln, die den Schreibtisch meines verficktenundseitvierunddreißigMinutengeschlossenenVer­sicherungsbürosbedecken. Diemühsamerarbeitete Vorlieben-/ Aversionsmatrix des Tomas Ohse:

A Meine Vorlieben

1. Heavy Metal

2. Verreisen

3. Bier trinken

4. Schlafen

5. Das Meer und/oder Schiffe. Vorzugsweise Segelschiffe.

6. Häkeln. Aber nur Schlangen. Für Topf­lappen rolle ich die Schlangen auf und nähe sie quer zusammen. Also kann ich eigentlich Topflappen häkeln.

7. Lesen

8. Essen. Am liebsten Kartoffelpuffer, Mettbrötchen, Sushi und Sachen mit Knoblauch. Eigentlich esse ich fast alles außer Pansen.

9. Eigentlich. Das Wort.

10. Theken. Aber nur aus Holz. Mit Fußrohr. Heißt das so? Ich meine ein Rohr, wo man seine Füße draufstellen kann, wenn man an der Theke sitzt, damit die Beine nicht vom Barhocker bammeln. Von der Theke aus sollte man Fußball gucken können.

11. Whisky. Ohne »e«.

12. Zinnsoldaten

13. Blonde Frauen. Oder Rothaarige ohne Sommer­sprossen. Und Brünette. Schwarzhaarige auch. Aber die dürfen keinen Damenbart haben oder dicke Haare auf den Unterarmen. Misstrauisch bin ich bei angewachsenen Ohrläppchen. Dagegen finde ich nach oben laufende Nasenspitzen scharf. Wie zum Beispiel bei Ireen Sheer. Und Schlupflider.

14. Überflüssige Fakten. Zum Beispiel den Unanwendbarkeitsparagraphen für die See- und Rückversicherung. Oder warum die Bäcker in Münster einen eigenen Feiertag haben.

15. Lustig sein.

16. Malen. Überwiegend Menschen mit Knollnasen, breitem Mund und gelben Gesichtern. Auf jedem Bild versteckt sich mindestens ein Kind mit Metal-Shirt.

B Meine Aversionen

1. Ich hasse es, wenn die Muster bei gemusterten Textilien an den Nähten versetzt sind.

2. Lärm. Außer bei Musik. Den Krach von Maschinen, die Bleche und so weiter stanzen und biegen, mag ich ganz besonders nicht. Am schlimmsten sind Schleif – und Flexgeräusche. Oder kaputte Auspuffe. Geigen! Und die Stimme von der Frau drei Häuser weiter. Die mit den sechs Kindern.

3. Ich mag keine bescheuerten Menschen. Eigentlich mag ich gar keine Menschen – außer Kinder. Aber auch da die bescheuerten überhaupt nicht. Bescheuerte Kinder sind fast noch schlimmer als bescheuerte Erwachsene, weil man letzteren wenigstens ein paar in die Fresse hauen kann. Obwohl …

4. Ich stehe ungern früh auf.

5. Clausthaler Alkoholfrei schmeckt mir nicht.

6. Sahnehaut auf Kakao. Kaffeemilch, die im Kaffee flockt. Auffällige Ansammlungen identischer Buchstaben in einer Buchstabennudelsuppe.

7. Männer dürfen nicht nach Tabac Original und Frauen nicht nach Tosca oder Kölnisch Wasser riechen. Jill Sander Sun duftet zwar ganz nett, disqualifiziert die Trägerin aber durch unverzeihliche Einfallslosigkeit. Solche Frauen tragen auch weiße Sportschlüpfer.

8. Schriftzüge aus Stiefmütterchen.

9. Geplanter Sex mit Klamotten über die Stuhllehne hängen. Und Frauen mit Wollstrümpfen.

10. Ich ertrage keine Reisegruppen und Menschen, die sich im Restaurant die Speisekarte laut vorlesen. Vor allem, wenn sie aus Berlin oder Wolfsburg kommen.

11. Ich hasse das Wort »korrekt«, aber es kotzt mich an, wenn Einkaufszettel nicht nach Warengruppen sortiert sind, beziehungsweise wenn der Einkaufsmarkt nicht der Logik meines Verständnisses von Warengruppen folgt.

12. Keyboards. Und Songs in Dur. Noch schlimmer: Songs in Dur mit Keyboard. Ich kann noch nicht mal ein Beispiel nennen, ohne auf den Zettel zu brechen.

13. Der VfL Wolfsburg ist ein Scheißverein.

Super. Und nun? Vielleicht sollte ich mich hauptberuflich mit einem guten Buch an die Bar eines Kreuzfahrtschiffes setzen, Topflappenhäkelnund lustig sein. Es muss das Schiff sein, das immer auf diese tollen Heavy Metal-Kreuzfahrten schippert. Dann würden auch die Zinnsoldaten Sinn machen. Hinter der Theke steht eine scharfe Blondine ohne Damenbart. Dafür mit dicken, fleischigen Ohrläppchen und einer nach oben spitz zulaufenden Nase und Schlupflidern. Sie sieht aus wie die junge Ireen Sheer und stinkt natürlich nicht nach Tosca, Kölnisch Wasser oder Jil Sander. Sie riecht nach Gabriela Sabatini und ich drehe durch. Ich trinke Bier und Whisky und bemale den BierdeckelmitKnollnasenmännchen. Aberwerbezahlt mich dafür? Es ist zum Verzweifeln.

Machen Sie sich klar, was Sie erreichen möchten und was Sie bisher daran gehindert hat, Ihr Ziel zu verwirklichen.philosophiert Tony Robbins.

»Weil es diesen beschissenen Job auf dem gesamten Planeten nicht gibt!«, möchte ich ihm entgegenschreien. Der Schlaumeier. Um etwas runterzukommen mache ich mir erst mal ein Bier auf. Vielleicht gehe ich falsch an die Sache ran. Ich streiche lustig sein aus meinen Vorlieben, weil ich gerade alles andere als lustig bin. Dafür ergänze ich meine Aversionen um Nancy und Mesut. Mesut, die »Hey-üsch-bün-da-Mesüt«-Animateur-Hackfresse vom Robinson Club Kemer, der mir vor einem Jahr, neun Monaten und sechs Tagen Nancy ausgespannt hat. Woher ich das so genau weiß? Weil es einen Tag vor dem Süper Kupa zwischen Galatasaray und Fenerbahce war.

Robinson Clubs – Zeit für Gefühle. Am Arsch! Vor lauter Aufregung schreibe ich Schißen in meine Vorlieben und mir tropft Rotz von der Nase auf Lesen. Elf Bier später habe ich den entscheidenden Einfall.

Ich werde Philosoph.

Darauf trinke ich noch zwei Astra Rotlicht und drei Gläschen Gorch Fock Aquavit von Aldi. Angeheitert schlurfe ich zur Anlage, fege mit dem linken Arm den Eingangsstempel vom Tisch, schmeiße Accept in den Player und saufe weiter.

2

He is a Midnight Mover! Coming with the Night, going … Es klingelt an der Tür. Wotzefack??? Um die Zeit?! Es ist 21:49 Uhr. Inzwischenlattenstrammschwanke ich nach vorn und brülle durch den Flur: »Hab schon zu!« Keine Reaktion. Ich schließe auf. Vor mir steht ein Schwein.

»Los, versteck mich!«

»Was?«

»Hörst du schwer, Mann? Du sollst mich verstecken!«

Sagt’s und schiebt sich an mir vorbei.

»Ey! Na hören Sie mal!«

Das Schwein ist total aus der Puste und entsprechend unwirsch.

»Schließ ab, Mann!«

Ich kneife mir heimlich in die linke Arschbacke.

»Aua!«

»Was?«

»Äh … nix.«

Ich schließe ab. Das Schwein blickt sich um.

»Wo ist das Klo?«

»Was?«

»Was? Was? Was?«, äfft mich das Tier provokant nach. »Bist du zurückgeblieben, Mann? Das Klo! Das ist doch ein Bürobetrieb mit Publikumsverkehr. Also musst du mindestens eine Unisextoilette vorhalten!«

Ich fasse es nicht. »Hinten links.«

Das Schwein flitzt in die von mir angezeigte Richtung. Ich rufe ihm nach: »Aber hinsetzen beim Pinkeln!«

Wieder keine Reaktion. Ich stehe wie blöd rum und finde keinen Ansatz zum Nachdenken. Mir fehlt der reale Einstieg in die Gesamtsituation. Vielleicht bin ich aber einfach nur zu besoffen. Da klingelt es schon wieder. Was ist denn heute hier los? Noch mal schlurfe ich nach vorn. Hinter mir höre ich, wie die Klotür aufgeht.

Das Schwein zischt: »Halt bloß die Fresse! Du hast mich noch nie gesehen!«

Ich bleibe stehen und zische zurück: »Warum sollte ich das tun?«

»Weil du es nicht bereuen wirst!«

»Ey …«

Vor der Tür stehen zwei Männer in Weiß, aber keine Ärzte.

»Ja bitte?«

Der Dickere von beiden ergreift das Wort: »’schuldigung. Wir kommen vom Schlachthof hier oben. Bebelstraße. An der Ecke.«

»Ja und? Ich hab schon zu, Mann.«

»Wir suchen ein Schwein. Von uns oben. Vom Schlachthof. Ecke Bebelstraße. Ist uns weggelaufen.«

»Das Schwein?«

»Ja. Von oben.«

»Das tut mir leid.«

UnserDialog kommt ins Stocken. Der Dicke hat Blutspritzer auf seiner weißen Gummischürze. Der Dünnere, der bis jetzt noch nichts gesagt hat, macht derweil einen langen Hals und guckt dem Dicken über die Schulter.

»Suchen Sie was?«

»Ähm … ja. Ein Schwein.«

»Von oben? Schlachthof Ecke Bebelstraße?«

»Ja genau!«

»Is’ hier nicht. Versucht Euer Glück mal unten. Bei Ford.«

»Alles klar. Schönen Abend noch.«

»Tschüss.«

3

»Kannst du mal ziehen?«, ruft das Schwein aus dem Klo. Der dicke und der dünne Schlachtersindunverrichteter Dinge abgezogen. Kaum, dass ich die Tür hinter ihnen abgeschlossen habe, dringen aus meinem Örtchen widerliche Geräusche, die sich schwer nach Sprühschiss anhören. Begleitet von angestrengtem Stöhnen.

»Hallo! Kannste BITTE mal ziehen kommen?«

»Wieso soll ich denn ziehen?«

»Erstens, weil die Kacke sonst nicht weggeht, zweitens weil du Fossil noch diesen total veralteten Oberspülkasten hast, dessen Klöppel ich drittens aufgrund der Ausgestaltung meiner vorderen Extremitäten nicht ziehen kann. Bau hier bloß einen neuen Spülkasten mit Drücker ein! Sonst sind wir keine Freunde mehr.«

»Wir SIND keine Freunde!«

»Okay.« Das Schwein kommt mit beleidigter Miene aus der Toilette, ich gehe rein und mich trifft der Schlag.

»Boah, du Sau!«

4

»Kannste mir mal ein Bier aufmachen? Das kann ich nämlich nicht …«

»…wegendeinerHufe. Ichweiß.«Ichmache dem Schwein, das mir nun am Schreibtisch gegenüber sitzt, ein Bier auf. »Kannst du’s mir noch in die Schnauze stecken?«

Pause.

»BITTE!«

Ich stecke dem Schwein eine Astrapulle in die Schnauze und beobachte fasziniert, wie es den Kopf in den Nacken legt und das Bier auf ex wegsäuft. Das versuche ich auch.

5

Das Schwein legt wieder vor. Ich ziehe nach.

6

Da das Schwein ohne mich aufgeschmissen ist, lege ich diesmal vor. Das Schwein bettelt so lange, bis es auch ein Astra kriegt. Dann wieder ich. Dann es. Ich. Ich. Es. Ich. Es. Es. Zwei Doppelkorn. Es. Ich. Es. Es. Und so weiter.

7

Filmriss.

8

Wie spät ist es? Sonne? Wo bin ich? Mein Schlafzimmer. Wie und warum ich hierher gekommen bin, entzieht sich meiner Kenntnis. Auf alle Fälle habe ich noch Schuhe an. LediglichbeimrechtensinddieSchnürsenkelgeöffnet. Mein Kopf tut weh und ich habe Durst. Da mein Kopf allerdings noch mehr wehtut, als ich Durst habe, bleibe ich liegen. Dennoch nehme ich umgehend und hoch motiviert meine neue Tätigkeit als Philosoph auf. Umständlich hantiere ich mein iPhone unterm Kopfkissen hervor. Ich weiß, dass ich vermutlich Kopfkrebs bekomme, weil ich immer auf meinem iPhone schlafe. Aber die Alternativen machen mir noch mehr Angst. Mit zittrigen Fingern betätige ich die App »Sprachmemos« undverewige meine erste philosophische Erkenntnis: »… ähm … in Ergänzung zu Stephen Hawking’s These … mmhhh … dass Bakterien die glücklicheren … äh Menschen … neee … also gar nicht glücklich sein müssen, weil … weil sie ja trotzdem da sind … immer da sind, egal … also die Wurzel der menschlichen Misere ist die Erkenntnis. Oder besser: die Vernunft.«

Langsam nehme ich Fahrt auf.

»Die Strafe für den Sündenfall ist sinnbildlich zu verstehen. Mit der Vertreibung aus dem Paradies meint der unbekannte Dichter EIGENTLICH den Verlust der totalen Unwissenheit. Siehe auch UNSCHULD. Oder Pogopartei: Sei schlau, bleib dumm. Vernunft und Erkenntnis sind der Tod des unbekümmerten Seins. Folglich gilt: Je bekloppter jemand ist, umso glücklicher empfindet er sein Dasein auf diesem Planeten.«

Mir fällt KevinBlankeein. Kevin ist der mit Abstand dümmste Mensch, den ich kenne. Kevin ist Stammgast in PetersHolstenstübchen. Kevin klagt nie. Der meckert höchstens, wenn ihm keiner einen ausgibt. Wenn Peter ihn anbrüllt, dass er sein dummes Maul halten soll, weil er sonst rausfliegt, weint Kevin leise vor sich hin. Ohne dass er weiß, warum. Deshalb ist Kevin auch glücklich, wenn er traurig ist. Die einzigen, die unglücklich sind, sind diejenigen, die neben Kevin sitzen müssen, weil kein anderer Platz frei ist. Weil sie wissen, dass Kevin sie mit total bescheuertem Scheißzeugs volllabert und die ganze Zeit anpumpt. Weil sie das WISSEN. Das stützt meine These. Ich setze noch einen drauf: »Die Steigerung des Unglücks durch Erkenntnisist die Selbsterkenntnis. Siehedazu auch meinen gestrigen Tagebucheintrag. Natürlich war ich KEIN Idiot oder an irgendwas schuld. Ich habe nur darüber NACHGEDACHT. Und deshalb bin ich doch schuld. Ein Schwanz ohne Ende … äh … aber Anfang, der das Ende sein KÖNNTE, wenn man von hinten gucken würde. Aber weil es kein Ende gibt, gibt es auch kein hinten … verdammt!«

Ich drücke auf Pause. Entweder habe ich mich total verrannt oder die soeben erlangte Erkenntnis ist dermaßen groß, dass ich beidseitig nach außen schielen müsste, um sie in ihrer ganzen Pracht zu sehen. Ich brauche erst mal Kaffee. Auf der Schwelle zur Küche bleibe ich wie angewurzelt stehen. Am Küchentisch sitzt ein Schwein. DAS Schwein. »Moin.«

9

»Was machen wir’n heute?« Das Schwein näselt leicht und sieht zum Schießen aus, weil es sich seinen gierigen Rüssel im Kaffee verbrüht hat. Ich habe mit etwas Puder und einem Mullverband erste Hilfe geleistet.

»Was WIR machen, weiß ich nicht. ICH muss erst mal ein Schild an meinem Büro anbringen.«

»Was soll’n da drauf stehen?«, fragt das Schwein neugierig.

»Weiß ich noch nicht genau.« Pause. Ich beiße in meinen dick mit Butter bespachtelten Toast.

»Und ungenau?«

»Mfffmpffff …« Am besten, ich kaue erstmal auf. So. »Also da soll in etwa drauf stehen, dass mein Büro nicht mehr aufmacht, weil ich jetzt Philosoph bin.«

Das Schwein starrt mich an. Und sagt nichts. Starrt weiter.

Ich: »Ja was?«

Es starrt und starrt. Da kann ich ja noch mal in mein Toastbrot beißen.

10

Seit über einer halben Stunde starrt das Schwein in die Richtung, wo ich bis vor fünfzehn Minuten gesessen habe. Während ich den Wäschekorb nach einem angemessenen T-Shirt für meinen ersten Arbeitstag als Philosoph durchwühle, mache ich mir Sorgen, ob das Tier vielleicht gestorben ist und ob ich, falls dem so sein sollte, den Veterinär holen müsste, der sicher blöde Fragen stellen würde. Andererseits kann ich das Vieh ja schlecht einfach so in der Biotonne entsorgen. Gerade habe ich mir ein ausgewaschenes Scorpions Lovedrive-Leibchen übergeworfen, als das Borstentier quicklebendig in meinem Schlafzimmer auftaucht.

»Du bist doch gar kein Philosoph!«

»Bin ich doch!«

»Dann sag mal was Philosophisches!«

»Ich bleibe, also kam ich.«

»Chapeau.« Das Schwein ist beeindruckt.

»Danke.«

»Bitte. By the way: Wovon lebt denn so ’n Philosoph?«

»Na von Philosophie!« Langsam geht mir das Schwein auf die Nerven mit seiner Fragerei. Ich fahre ins Büro.

11

Vor der Tür wartet bereits Herbert Lösegang. Lösegang gehört zu den nervigsten Kunden meiner Agentur. Moment! GEHÖRTE.

»Keiner da! Ich warte seit über einer Stunde! Was is’n hier los! Ham’ses nich mehr nötig oder was? Scheißladen so was! Ich will …«

»Guten Morgen und Gottes Segen, Herr Lösegang.« Sanft schiebe ich den Querulanten zur Seite und beginne unter seinen staunenden Blicken mein Firmenschild abzumontieren. »Hier. Halten Sie mal bitte.« Lösegang ist viel zu verdutzt, um zu protestieren. Dort, wo der alte Hinweis hing, klebe ich nun mit Gaffa Tape mein von einer Klarsichthülle geschütztes improvisiertes neues Firmenschild hin:

»Ich hab ’n Wasserschaden!«

»Dann müssen Sie sich an eine Versicherungsagentur wenden, Herr Lösegang. Das Schild können Sie behalten. Einen schönen Tag noch.«

»So was …«

12

Da ich nun ein freier Mann bin, beschließe ich, zu Hause auf Aufträge zu warten. Dort empfängt mich das Schwein mit vorwurfsvollem Blick. »Wie stellst’n dir das vor? Soll ich hier den ganzen Tag alleine hocken?«

»Mein liebes Schwein, wenn du dort wärst, wo du bestimmungsgemäß hingehörst, nämlich in eine Knackwurst oder ein Glas Kopfsülze, müsstest du noch viel länger warten. Und zwar in meinem Kühlschr… Aua!!!«

Das Schwein hat mir volles Brett mit dem Hinterhuf vors Schienbein getreten.

13

Ich habe den ganzen Tag noch nicht einen Cent verdient, aber bereits Bier und Erdnussflips im Wert von gut siebzehn Euro verbraucht. Den Anteil vom Schwein nicht eingerechnet. Wenn das so weitergeht, bin ich in drei Wochen pleite. Ich brauche externe Hilfe und greife zum Telefon. Rund drei Minuten später weiß ich, was ich morgen früh machen werde.

14