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In seiner Autobiografie lässt uns Wolfgang Gerhold an seinem facettenreichen Leben teilhaben: von seiner düsteren Kindheit bis hin zu seinem Kampf um die Ausreise aus der DDR. Anhand mitreißender und authentischer Beschreibungen sowie zahlreicher Fotografien und Grafiken dokumentiert der Autor schonungslos die brutale Vorgehensweise der STASI und des sozialistischen Regimes der DDR mit ausreisewilligen Bürgern. Die menschenfeindliche „Arbeitsstruktur“ der STASI wird erkennbar. Die detailgenauen Beschreibungen seiner Lebensumstände als Kind, die einfühlsamen Schilderungen als junger Erwachsener, als Soldat und später als Ingenieur fesseln den Leser und ziehen ihn in den Bann der Erzählung. Spannungssteigernd erfährt der Leser, wie die Ausreiseersuchenden von der allmächtigen Staatssicherheit in Angst und Schrecken versetzt und darin festgehalten wurden. Die authentischen Schilderungen der Verfolgung und Bedrohung des Autors durch die zuständigen Staatsbehörden, aber auch die Darstellung mutigen und angstfreien Handelns in Anbetracht der Unberechenbarkeit des Machtapparates treffen das Interesse des Lesers. Die in die Autobiografie einbezogenen Originale von Verhörprotokollen während sog. Befragungen und Vorbeugungsgesprächen aus der STASI-Akte des Autors lassen den Leser teilhaben am ungleichen Kampf der sich gegenüberstehenden Parteien und offenbaren die Methodik und die feine Struktur der Frage- und Bedrohungstechnik durch die STASI-Offiziere.
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Seitenzahl: 289
Veröffentlichungsjahr: 2014
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Dieses Buch widme ich all denen, die keine ANGST vor den Demütigungen und Verfolgungen durch die allmächtige STASI in der DDR hatten, sondern ihren Weg des Widerstandes gegenüber dem Machtapparat durch den ihnen gottgegebenen MUT gehen konnten.
Denen aber, die dabei Schaden erlitten haben oder Menschenleben zu beklagen haben, möchte ich ermutigend zurufen: nie wieder darf auf deutschem Boden ein solches Unrechtsregime Macht gewinnen vergebt aber Euren Schuldigern.
Wir alle, vor allem aber unsere Eltern, waren gewarnt durch die Verbrechen der GESTAPO des Naziregimes und haben doch noch einmal ein solches Monster wie die STASI zugelassen.
Jetzt muss Schluss sein damit und zwar für immer.
Dafür lohnt es sich zu kämpfen und ich ermutige jeden Einzelnen, allen gegebenen MUT zusammenzunehmen, um diesen an der richtigen Stelle für den Kampf zu nutzen, damit niemals vergessen wird, was nicht vergessen werden darf.
Der Autor
(März 2014)
Juli 1987:
Im Gegensatz zu früheren Tagen hatte der Kaffee heute nicht nur keine belebende Wirkung, sondern schmeckte auch noch scheußlich. Vor jedem von uns stand schon das zweite Kännchen (Portion, Haferl), aber es wurde nicht besser. Früher, wenn wir zum Kaffee trinken ausgingen, gab es meist einen freudigen Anlass oder aber auch nur so. Immer war die Stimmung gut und wir hatten Freude daran, uns zu haben. Aber es lag heute nicht am Kaffee, sondern an der gegebenen dumpfen und bedrückenden, ja leblosen Stimmung. Soeben war unser Alptraum in Erfüllung gegangen: geschieden „Im Namen des Volkes“.
Meine nunmehr von mir geschiedene Frau saß mir still und traurig aber kokett gegenüber. Was haben wir nur angerichtet, ging es mir durch den Kopf, aber ich meinte mit dem wir nicht wir, sondern ich allein hatte alles verdorben.
Die Trennung war zwangsläufig und ich hatte schon lange darauf gewartet, lagen doch die schlimmsten Tage, die den Beginn des Endes unserer Ehe einläuteten, schon einige Jahre zurück. Meiner Ex-Frau war die enorme Erleichterung sowohl anzusehen als auch anzumerken, sie verfiel aber nicht in eine Demonstration von Stärke oder Siegestaumel. Auch ihr fiel die Situation sichtlich schwer, denn dieses Ende hatten wir uns beide nicht träumen lassen, wenngleich die tiefen und häufigen Verletzungen, die ich Ihr zugefügt hatte, eigentlich keine andere Lösung als die Trennung zuließen.
Wie würde unser beider Leben weitergehen? Was würde aus unseren zwei jugendlichen Kindern werden, die 1974 als Zwillinge das Licht dieser so schönen aber auch so furchtbaren Welt erblickt hatten?
Ein Wunder damals vor etwa 13 Jahren. Eine Schwangerschaft mit der Feststellung, dass es sich um zwei Embryos handele und der weiteren Steigerung, dass es sich auch noch um je einen weiblichen und einen männlichen Fetus handele.
Ein Zwillingspärchen also, eigentlich der Wunschtraum so vieler Eltern, aber bei uns waren die Umstände damals nicht so optimal gewesen, so dass die Kinder eben keine „Wunschkinder“ geworden waren, mehr noch, verdiente auch unsere Ehe nicht das Prädikat „Wunschehe“ oder gar „Traumehe“. Sündiges Verhalten und das Missachten der uralten Regel „Kein Sex vor der Ehe!“ hatten zu dieser ungewollten Schwangerschaft geführt, obwohl wir beide für eine Ehe noch gar nicht reif und bereit waren, am wenigsten aber durch irgendjemanden auf eine solche vorbereitet worden waren. Ich befand mich damals im 3. Semester meines Studiums des Maschinenbaues und dann das. An Abtreibung war nicht zu denken, denn eine solche Möglichkeit gab es damals noch nicht und wir wollten solches auch auf gar keinen Fall. So wurden wir von meinen Schwiegereltern verheiratet und hofften auf einen positiven Verlauf der Ehe einhergehend mit dem gegebenen Handicap.
Wie so oft und für viele andere Ehepaare auch, zeigte sich das Leben nach einigen durchaus wunderbaren Jahren nun (1987) auch für uns von der grausamsten Seite. Eine Mixtur vieler unterschiedlicher Gefühle, vor allem aber ANGST, Scham, Schuld, Versagen, Niedergeschlagenheit und noch viele andere lag wie ein Schleier auf der Seele, dem Gemüt und dem Herzen und betäubte, ja lähmte Körper und Geist. Ich hatte gegenüber dem Gericht zwar alle Schuld am Scheitern unserer Ehe auf mich genommen, aber das war und bleibt nur ein kleiner Trost im Meer der Tränen und im Raum der so schmerzlichen Gefühle.
Alles war verloren, und zwar für alle vier und doch wussten wir zwei auch, dass es ein Morgen für uns alle geben würde.
Nach den letzten, sich scheinbar im Zeitlupentempo abspielenden Absprachen über Gütertrennung, Teilung des ehelichen Hausstandes, Kinderkontakte und Besuchsregelung, gingen wir, Tränenmeere in den Augen und tiefe Trauer in den Herzen, mit einer stillen und behutsamen Umarmung auseinander. Das war’s.
Wir hatten keinen „freundschaftlichen Umgang“, womöglich begleitet von regelmäßigen Treffen und das etwa auch noch zusammen mit den Kindern ausgemacht, aber ich wollte soviel wie möglich mir zur Verfügung stehende Freizeit mit den Kinder verbringen, denn diese lebten ab jetzt bei ihrer Mutter. Diese traf ich viele Jahre später nur noch ein einziges Mal.
Nach diesem Abschied spielte in meinen weiteren Überlegungen ein völlig neuer Aspekt eine stetig zunehmende Rolle: bleibe ich in diesem Land oder gehe ich weg aus diesem Land und wie gestalte ich dann meinen beruflichen Bereich und wie gestalte ich den privaten Bereich? Dabei stand der Erhalt meines Arbeitsplatzes im Mittelpunkt, denn ginge dieser durch unbedachtes Handeln verloren, war meine Zukunft nicht mehr durch mich selbst zu gestalten.
Diese bewusste Trennung hatte ich bisher so noch nicht vorgenommen, sondern die privaten Dinge waren zwar von den beruflichen Dingen getrennt, aber gingen gedanklich auch ineinander über. In alle vor mir liegenden Lebensaktivitäten musste ich ab jetzt bewusst einen Verhaltenskodex mit der Frage: „Welches Gefahrenpotential enthält jede einzelne meiner Lebensaktivitäten?“ einbinden. Sowohl in die beruflichen, als auch, und dies noch vielmehr, in die privaten Aktivitäten, denn jetzt galt es, vorsichtig, klug und umsichtig zu handeln.
Dies war bisher nicht so geschehen, denn die Lebensentscheidungen waren immer aus den aktuellen Bedürfnissen der Familie oder eines einzelnen Familienmitgliedes heraus getroffen worden. Also eher aus dem Bauch heraus, weniger aus Gründen einer „wissenschaftlich-analytischen Betrachtung“ mit einer „finalen Entscheidungsfindung“. Jetzt aber bedurfte es einer anderen Betrachtungs- und Verhaltensweise, denn nach der erfolgten Trennung war ich nicht mehr für eine Ehefrau und zwei Kinder verantwortlich, sondern nur noch für mich ganz allein.
Jeder meiner zukünftigen Schritte wollte also wohl überlegt sein und die Frage, die sich schon Lenin gestellt hatte, stellte sich nun auch mir: Was tun?
Schon während unserer Zeit, die wir geschäftlich als junge Familie gemeinsam im Ausland verbracht hatten (1981-1983 in der Syrischen Arabischen Republik und anschließend bis 1984 in Bagdad), waren Überlegungen, einen Seitenwechsel in die Bundesrepublik Deutschland vorzunehmen, von mir nicht immer unterdrückt worden. Im Gegenteil, ich hatte ganz konkrete Pläne, unsere Auslandsmission für einen Fluchtversuch zu nutzen und so dem ungeliebten, um nicht zu sagen verhassten System der eisernen Diktatur Ostberlins zu entkommen.
Die Umsetzung dieser Gedanken und Vorstellungen scheiterte damals an der unüberwindlichen Sehnsucht meiner Frau ihren Eltern und Großeltern gegenüber und allein konnte ich nicht gehen, denn ich liebte meine Frau und die Kinder sehr. Die mir innewohnende Verantwortung für meine Familie war einfach zu groß und den dafür notwendigen Egoismus sowie die nötige Charakterlosigkeit, die Familie im Stich zu lassen, trug ich nicht in mir.
Wenn doch wenigstens jetzt, im Herbst 1987, der kleine Hoffnungsschimmer einer Liberalisierung zu erkennen gewesen wäre. So viele Bürger hätten sich von diesem Hoffnungsschimmer tragen lassen, aber dieses ferne Leuchten der Sehnsucht nach Freiheit war nicht nur nicht in Sicht, sondern es herrschte absolute Finsternis über Ostberlin und über dem besetzten Land, obwohl es ausreichend Elektroenergie gab und genug Licht erstrahlte.
Schon die Illusion einer Verbesserung des täglichen Umgangs der Menschen in der geteilten Nation hätte allen Menschen in Ost und West im Miteinander gut getan, aber daran war nicht zu denken.
Die alten Männer in Ostberlin, deren Hirne von der Idee eines vom Proletariat und der Bauernschaft regierten Landes verbohrt waren, konnten keine offenen, freien Gedanken entwickeln, wie es in freiheitlichen Demokratien üblich ist.
Zu tief saß der Hass auf das gescheiterte Naziregime und den Kapitalismus im Allgemeinen in ihnen, der ja schon von Marx, Engels und Lenin als Ursache allen Übels definiert worden war. Nun, nachdem das Land solange zwangsweise nach dem Vorbild der Sowjetunion durch die „Ökonomie des Sozialismus“ nicht geführt und nicht geleitet, sondern verführt und verleitet worden war, konnte das Versagen dieses Systems nicht ohne den totalen Verlust der Glaubwürdigkeit seiner Repräsentanten einhergehen. Dieses konnten, vor allem aber wollten die das Land Regierenden nicht zugeben, denn ein solches Schuldeingeständnis hätte sofort das Scheitern des sozialistischen Systems ans Tageslicht gebracht.
Der ökonomische Zusammenbruch war nahe, wenn nicht sogar schon da und nur die Milliardenspritze, die F. J. Strauß eingefädelt hatte und die der Regierung der DDR im Jahre 1984 bereitgestellt worden war, hielt das marode System noch ein wenig am Leben.
Das Ableben von F. J. Strauß im Oktober 1988 hinterließ im Volk der DDR eine große Trauer und Hoffnungslosigkeit, denn er hatte am energischsten für die Wiedervereinigung gekämpft und den Status Quo zweier existierender Staaten niemals anerkannt, obwohl die „DDR“ 1973 von der durch die SPD geführte Bundesregierung durch die Ostverträge staatsrechtlich anerkannt worden war.
Vielerorts wurden heimlich Trauerfeiern veranstaltet und es wurde viel geweint.
So fragte ich mich nicht nur wie Lenin: Was tun?, sondern ich musste jetzt für mich eine Entscheidung treffen und zwar eine Lebensentscheidung.
Wehmütig erinnerte ich mich an das Angebot eines Topmanagers im Land eines unserer Auslandseinsätze (Syrien) zurück, der mir einen Posten auf der Ebene der Geschäftsleitung eines soliden Unternehmens des Maschinen- und Anlagenbaues angeboten hatte. Aus Rücksicht auf die Familie und die mir zu diesem Zeitpunkt noch nicht bekannte Entwicklung meines privaten Lebenssektors, hatte ich das Angebot abgelehnt. Ich hatte nicht einmal gewagt, diese Situation mit meiner Ehefrau zu besprechen, da mir Fälle bekannt waren, dass sogar innerhalb einer Familie ein Ehepartner zur STASI rekrutiert worden war, ohne dass der andere Ehepartner etwas davon gewusst hätte. Ich wollte sicher gehen und schwieg, wäre ich doch im Falle einer solchen inoffiziellen Mitarbeit meiner Frau bei der STASI als Vaterlandsverräter identifiziert worden.
Eine Tätigkeit an der Karl-Marx-Universität Leipzig, die meine Frau vor unserem Auslandseinsatz ausgeübt hatte, konnte möglicherweise die innoffizielle Mitarbeit bei der STASI voraussetzen - ich kannte die detaillierte Verfahrensweise solcher Mitarbeiter-Einstellungen an öffentlichen Institutionen wie Schulämtern, Universitäten, Schulen oder ähnlichen, eng mit der politischen Ausrichtung eines Landes verbundener Einrichtungen natürlich nicht.
Da ich dies damals nicht völlig ausschließen konnte, schwieg ich lieber und ließ das sehr lukrative Angebot unberücksichtigt.
Aber auch dieser wehmütige Rückblick nützte mir jetzt nichts und brachte mich in der gegebenen Situation nicht weiter.
Im Scheidungsurteil war vermerkt worden, dass das Urteil sofort rechtskräftig sein würde, da beide Ehepartner auf Rechtsmittel verzichtet hatten, d. h. es waren für mich keine Einspruchsfristen mehr zu berücksichtigen. Dennoch wartete ich einen Zeitraum von etwa 4 Wochen ab, ehe ich begann, meine in der Zwischenzeit getroffene Lebensentscheidung in die Tat umzusetzen.
Mein Lebensentscheidung hieß: Ausreise in die Bundesrepublik Deutschland!
Allzu oft waren nach meiner Kenntnis Familienmitglieder oder ganze Familien von Ausreisewilligen (das sind Leute, die die Ausreise gedanklich beschlossen, aber noch nicht offiziell durch einen schriftlichen Antrag bekundet hatten) oder von Ausreiseersuchenden (das sind Leute, die bereits einen Antrag auf Ausreise an die Behörden gestellt hatten) in Sippenhaft genommen worden. Sippenhaft ist nicht etwa die Inhaftierung einer Sippe, sondern eine Methode, die Familie eines „Vaterlands Verräters“ massiv zu diffamieren und zu terrorisieren mit dem Ziel der psychischen Zerstörung dieser Personen auf ihren Arbeitsstellen, im öffentlichen Leben, im Sportverein oder dem Wohnumfeld.
Dies wollte ich natürlich für meine Familie vermeiden.
Auch in Nazideutschland waren solche Methoden gern und häufig gegen Regimegegner eingesetzt worden.
Noch nie war ich in diesem Land gewesen, meinem Vaterland auf der anderen Seite. Wir nannten es nur „im Westen“, „der Westen“ oder „Westdeutschland“. Auch „drüben“ war sehr verbreitet und jeder wusste genau, was gemeint war.
Die im offiziellen Sprachgebrauch genutzte und wohl auch geforderte Bezeichnung „BRD“ oder auch „Bundesrepublik Deutschland“ wurde nur in Printmedien, öffentlichen Propagandaauftritten, offiziellen Ansprachen, natürlich in Parteiversammlungen oder etwa während schriftlicher und mündlicher Prüfungen benutzt.
Nun wollte ich auch „rüber“, in das Land, welches uns gründlich mies gemacht worden war, als wir noch Kinder und Jugendliche waren, obwohl es dort offensichtlich Dinge gab, von denen wir nur träumen konnten. Kaugummi und gut schmeckende Schokolade waren solche Kandidaten, aber auch schicke Schuhe, moderne Kleidung allgemein oder etwa Ski mit Stahlkante und Federbindung.
In diesem Land gab es offenbar alles, aber in unserer Republik wurde vom faulenden Kapitalismus, von unter Ausbeutung leidenden Bürgern und vom bevorstehenden Absterben dieses Systems gesprochen.
Leider hatten die Demagogen und Ideologen der DDR vergessen, dass aus gutgläubigen Kindern und Jugendlichen irgendwann Erwachsene werden, die dann selbständig denken können und manche von denen, welch Wunder, sogar durch den Staat und seine Organe (die Verfechter: z. B. die STASI, die Polizei und die Bereitschaftspolizei sowie die Parteimitglieder) nicht mehr eingeschüchtert werden konnten.
Das charakteristische an Ordnungen mit totalitären Machtverhältnissen ist, dass die ANGST das allumfassende Mittel der Machthabenden ist. Solange die Machthaber ANGST vor Repressalien, Inhaftierung, Karriereende oder dem Verlust von geliebten Menschen im Volk säen und schüren können, funktionieren solche Systeme gut. Wehe aber die Machthaber, wenn diese ANGST beim Volk, Teilen davon oder einzelnen Individuen nicht mehr vorhanden ist. Dann wirken die beabsichtigten Mechanismen nicht mehr und die mündigen Bürger lehnen sich auf. Das differenzierte Handeln des Einzelnen ist entscheidend davon bestimmt, die ANGST überwinden zu können. Die unterschiedliche Ausstattung mit etwas mehr oder etwas weniger MUT und der, jedem einzelnen Individuum gegebene Grad der Entschlossenheit, etwas auch wirklich zu tun, sind für die Überwindung der ANGST entscheidend.
Ich hatte offensichtlich ausreichend MUT.
Die gezielte politische Aufklärung der Menschen durch öffentliche Medien war ein ganz wesentliches Thema im Lande. Immer mehr Einfluss bekam das Medium Fernsehen, welches in den 60iger Jahren auch in der DDR eingeführt worden war. Zunächst schwarz/weiß, später auch in Farbe. Der Empfang des Westfernsehens hatte bei den Menschen oberste Priorität. Sogleich gab es Anfang der 60er Jahre in einigen Landesteilen von der Staatsmacht angeordnete Nacht- und Nebelaktionen, bei denen die nach Westen ausgerichtete Fernsehantennen von den Dächern der Häuser heruntergerissen wurden, um den Fernsehempfang aus dem Westen zu unterbinden. Leitern, um auf die Dächer zu kommen, gab es überall oder wurden von den STASI-Banausen gleich mitgebracht.
Dies geschah vor allem auf dem grenznahen Lande, wo der Empfang des Westfernsehens besonders gut war und die Bürger von den Partei- und STASI- Behörden offensichtlich als „dümmer“ und „mutloser“ eingestuft wurden als in den großen Städten - waren sie aber nicht.
Die Aussichtslosigkeit dieses Unterfangens mussten die DDR - Bonzen bald erkennen, denn ein Volk, dem suggeriert wird es sei frei, es aber nicht ist, lässt sich nicht unendlich bevormunden, verdummen und knechten und einen gewissen Grad an MUT hat jeder.
Je mehr MUT, um so eher ist die ANGST überwindbar!
Die DDR - Administration hatte sich zwar für ein in Frankreich entwickeltes Farbfernsehsystem entschieden - SECAM, um den Empfang des im Westen betriebenen Farbfernsehsystems - PAL zu unterlaufen, dabei aber nicht die durchaus vorhandene Intelligenz und Cleverness und den unglaublichen Hunger der Bürger nach Informationen bedacht oder beides völlig unterschätzt.
Es gab unzählige Bauanleitungen für Antennen und Decoder des PAL-Farbsystems des Westens.
In den Gebieten des Landes, in denen der Fernsehempfang westdeutscher Sender gegeben war, konnte man seinen Augen nicht trauen. Immerwährend sah man im Westfernsehen neue Autos, schmucke Häuser im Hintergrund, die auch noch super instand gehalten waren, saubere Straßen, aufgeräumte Abfallbehälter und so weiter und so fort. Zunächst nur schwarz/ weiß auf dem Bildschirm, schien es eine beeindruckende Ordnung und Sauberkeit sowie eine unsichtbare aber geordnete Struktur der Öffentlichkeit zu geben, die im Fernsehen natürlich nur zu erahnen war, nicht aber im wirklich sichtbaren Bereich lag. Dieser Eindruck war nach der Einführung des Farbfernsehens noch einmal dramatisch verstärkt worden.
Mit unglaublichem Aufwand versuchte so ziemlich jeder Haushalt, möglichst scharfe Bilder der Westsender auf den heimischen Bildschirm zu bekommen.
Zu interessant waren z. B. „Das aktuelle Sportstudio“; „Die Sportschau“, Filme wie „Stahlnetz“ und Berichte (vor allem politische Berichte wie „Welt-Spiegel“) aller Couleur und aller anderen Genres des verfaulenden Kapitalismus. Die großen Unterhaltungssendungen am Samstagabend verzückten so manches Herz der bereits gesetzteren Generation, aber auch uns Kinder. Beat–Club, DISCO, die ZDF-Hitparade oder ähnliche Musiksendungen waren für die Jugend einfach genial.
Es wurden sog. Antennengruppen auf die Dächer montiert, d. h. nicht nur eine Antenne wurde aufgebaut, sondern Doppelgruppen oder Vierfachgruppen, teilweise gigantische und abenteuerliche Bauwerke in unbegrenzte Höhen (der Himmel war die Grenze) wurden gebaut.
Die entweder in Westberlin oder auf der westlichen Seite entlang der innerdeutschen Grenze angeordneten Sendeanlagen waren allesamt mit sehr hohen Sendekapazitäten ausgestattet. Westberlin, Torfhaus, Hoher Meissner, Ochsenkopf, Hof und viele andere Namen von Standorten der Sender waren bekannt und die Antennen wurden zu diesen Standorten hin ausgerichtet. Die Signale der Sender waren jedoch im jeweiligen Empfangsgebiet bereits so schwach, dass selbst eine Sammlung und Verstärkung dieser oft nicht ausreichte, um wenigstens einen einigermaßen guten Fernsehempfang, geschweige denn einen Fernsehgenuss sicherzustellen. Die Regel war: je weiter östlich und südlich, umso geringer die Chance „Westfernsehen“ zu empfangen. Dresden und die Ober- und Niederlausitz waren solche Gegenden, wo aller mit den verfügbaren Materialien zu betreibender Aufwand nichts nützte.
Die Stadt Dresden selbst und die Gegend des Elbtales wurde daher auch „Das Tal der Ahnungslosen“ genannt. Im Norden Leipzigs konnten wir in relativ guter Bildqualität und ziemlich rauschfrei die Sendungen der ARD empfangen.
Einen Empfang des ZDF hatten wir in unserem Haus nicht, obwohl auch wir in eine Antennen Zweier-Gruppe investiert hatten. Die Lage des Hauses rechtfertigte aber einen höheren Aufwand nicht, hatten sich doch einige Nachbarn schon mit großem Aufwand an Geld und Material daran versucht.
Diese Erfahrung brauchte ich ja nicht auch noch zu machen und die gezielten Informationen der Sender der ARD reichten uns ja auch völlig aus.
Nur manchmal ging ich zu einem Freund, um im ZDF eine besondere Sendung zu sehen, oder besser gesagt zu erahnen. Unser Anspruch an die Empfangsqualität war gelinde gesagt sehr niedrig oder gar nicht vorhanden (wir nannten den schlechten Empfang „Schneegriesel“ und den ganz schlechten Empfang „Schneegestöber“). Wichtig war allein/ dass man Informationen und Neuigkeiten wahren Inhaltes erhält und nicht die Lügen im Fernsehen der DDR. Diese Lügen waren unerträglich und man konnte diesen geistigen Müll einfach nicht mehr hören: Planerfüllungsmeldungen/ Erfolge auf dem nationalen und internationalen Parkett, vorbildliche Naturschutz- und Umweltpolitik: diese Informationen interessierten sowieso keinen/ waren sie doch allesamt geschönt, wenn nicht gar gelogen, denn in den großen ostdeutschen Flüssen wie Elbe, Saale oder Mulde gab es nicht einen einzigen Fisch, geschweige denn in der Pleiße, Luppe, Elster oder Parthe (diese Flüsse fließen alle durch Leipzig). Oder, Havel und Spree z. B. waren vielleicht ein wenig besser dran.
Das Wasser der genannten Flüsse, die ihren Lauf durch Leipzig nehmen, hatte eine braune bis dunkelbraune Färbung und stank fürchterlich. Phenole und andere Chemikalien aus den umliegenden Industriebetrieben, vielleicht schon vom Quellgebiet her, hatten diese „braune Brühe“, denn Wasser möchte ich es gar nicht mehr nennen, derartig kontaminiert.
Diese „braune Brühe“ also gefror selbst bei langanhaltenden Frostperioden nicht. Ich erinnere mich sehr gut, dass ich zusammen mit einem Freund eine sehr schöne Ski- Langlauftour nach Schkeuditz machte. Über Nacht hatte es frisch geschneit und es lagen vielleicht 20 cm Neuschnee. Ziemlich ungewöhnlich für solch tiefe Lagen wie Leipzig (liegt nur ca. 120 m über NN). Die Sonne schien hell und klar, nachdem sich die stinkenden Rauchgase der Holz- und Kohleöfen der vielleicht 300.000 Haushalte in Leipzig endlich verzogen hatten. Am frühen Nachmittag konnten wir direkt vor meiner Haustür starten und bewegten uns immer entlang der Weißen Elster. Diesem Tag war eine ziemlich lange Frostperiode von mehreren Wochen mit anhaltenden - 10 °C vorausgegangen. An keiner Stelle war die Weiße Elster gefroren oder gar zugefroren.
Selbst die kleinen ringförmigen Eisansätze, die normalerweise an den Grashalmen in fließenden Gewässern zu erkennen sind und die mir so aktuell aus meiner Erinnerung an die quellklaren Flüsse des Harzes in den Sinn kamen, waren hier nicht auszumachen. Ich war ob dieser Erkenntnis ziemlich geschockt und sehr skeptisch, was die Zukunft unseres Landes angeht.
Denn eines hatte ich bereits früh begriffen: den Mangel an Lebensmitten, der immer wieder mal auftrat (mal gab’s keinen Zucker, mal gab’s keinen Pfeffer, mal war die Butter knapp und Südfrüchte gab’s nur zu Weihnachten.), hatten die Wirtschaftsleute ja einigermaßen in den Griff bekommen. Jetzt aber ging’s um das höchste Gut der Menschen und hier eines ganzen Volkes: das Trinkwasser.
Die Speicherseen im Harz und Thüringen und anderswo im Land waren sicher noch nicht gefährdet, aber auch dort würde diese stinkende Brühe bald auftauchen und einsickern. Wenn aber ein Volk kein Wasser hat oder es hat, dieses aber ungenießbar ist, verdurstet und stirbt das Volk. Das hatte ich begriffen. Während ich diese Ausführungen schreibe fällt mir noch eine Episode ein, die es mir wert ist, hier hinzugefügt zu werden.
Ich war zwischen 1980 und 1987 dienstlich für meine Firma im Ausland tätig. Natürlich nicht permanent, sondern in vereinbarten Abständen und mit ganz präzisen vertraglichen Regelungen. Als ich wieder einmal von einem Auslandseinsatz in die DDR zurückkehrte, wurde ich von meinem Chef um die Übernahme einer ungewöhnlichen Aufgabe gebeten. Die Gestaltung und die personelle Besetzung des betrieblichen Kinderferienlagers stand an und so wurden jedes Jahr „bewährte“ Mitarbeiterinnen, vorrangig aber solche, die selbst Eltern und abkömmlich waren, für diese 6 Wochen von ihren eigentlichen Arbeitsplätzen „freigestellt“ und zur Betreuung der Kinder in das Ferienlager „delegiert“. Nun sollte ich Helfer im Ferienlager sein und ich sagte gerne zu, denn sehr gern erinnerte ich mich an die Zeiten, in denen ich selbst als Kind in solche Ferienlager gefahren war. Reichliches und gutes Essen, Marmeladenbrötchen mit Butter nach der Mittagsruhe und ein immer reichlich gedeckter Abendbrottisch waren wunderbar. Nette Helferinnen und Helfer und vor allem keine ANGST vor dem Vater. Umgeben von neuen Freunden, denen man auch schon mal zeigen konnte, wo’s langgeht. Spiel und Spaß standen zwar an erster Stelle aber in Alter von 13 aufwärts konnte man auch schon mal einem anziehenden Mädchen Avancen machen. So lernte ich z. B. im Alter von ca. 13 ½ im Schwimmbad von Bad-Kösen vom 10-Meter Turm zu springen (Kopfsprung!!!) und das alles nur, um einem Mädchen aus Breitenstern zu imponieren. Es bedurfte einer immensen Überwindung und mein Kopf tat nach dem Sprung jämmerlich weh, aber wenn ein Siegerkranz in Aussicht steht, tut ein Ritter alles, um die Angebetet zu erobern. Beim Spiel „Mein rechter rechter Platz ist leer, ich wünsche mir die her“ konnte ich sie ein paar Mal an meine Seite haschen, aber auf meinen Antrag, ob sie meine Freundin sein wolle antwortete sie klar und bestimmt, dass sie mit jemandem der popelt nicht gehen möchte. Ich war geschockt, diese Tatsache aus einem wunderschönen Mädchenmund gnadenlos an den Kopf geknallt bekommen zu haben, aber wo sie Recht hatte, hatte sie Recht.
Aller Aufwand war umsonst gewesen, aber wenigstens konnte ich von diesem Moment an den Kopfsprung vom 10-m Brett und ich zog aus dieser Begebenheit eine für’s ganze Leben anhaltende Lehre.
Unser betriebseigenes Ferienlager befand sich am Ortsrand des kleinen Dorfes Lausa nahe Torgau in der Dahlener Heide. Der Ort lag unmittelbar am südöstlichen Ende eines Militärgeländes, auf dem sich ein Fliegerhorst befand, der entweder nur von der sowjetischen Armee oder gemeinsam mit den Luftstreitkräften der NVA genutzt wurde. Mein Betrieb hatte dort ein ziemlich großflächiges Gelände erworben (ich schätze mehr als 2 ha.). Auf diesem Gelände stand zunächst nur ein 2-stöckiges, festes und geräumiges Gebäude, in dem die Unterkünfte der Betreuer, Büros, Küche und Speisesaal untergebracht waren. Später wurden seitlich und in einem gewissen Abstand von diesem Gebäude ca. 12 oder 15 Bungalows aufgebaut.
In diesen schliefen die Kinder. Soweit ich mich erinnere, waren vielleicht 3-4 Doppelstockbetten in jedem der 2 Räume pro Bungalow aufgestellt. Einerseits herrschte eine gewisse Enge, was zur Rücksichtnahme erzog, andererseits hatten die Kinder aber auch ausreichend Platz und dazu das Gefühl, ein großes Abenteuer zu erleben, denn die ihnen bewusst oder unbewusst gelassene Freiheit wurde reichlich ausgenutzt. Diese zeigte sich z.B. im nicht enden wollenden Erzählen von Witzen (auch bis tief unter die Gürtellinie) und Geschichten von ihren Erlebnissen zu Hause oder in der Schule. Oft bis tief in die Nacht hinein und dann konnte nur noch das „Machtwort“ eines besonders autoritären Helfers oder der Lagerleiterin selbst die Mäuler zum Schweigen bringen (ich war auch öfter dran, für Ruhe zu sorgen).
Es war eine für mich ganz neue und wunderbare Erfahrung, denn meine eigenen Kinder waren auch mit mir dort. Zwar wurden sie tagsüber nicht von mir betreut, aber wir sahen uns an jedem Morgen und Abend.
Wie sie diese Zeit mit mir zusammen für sich selbst erlebt haben, ist mit im Detail gar nicht bekannt, aber manchmal sind die Eltern für die eigenen Kinder nur noch peinlich. Vielleicht war ich das ja, vielleicht auch nicht.
Sehr skeptisch schaute ich jeden Morgen nach dem Frühstück zum Himmel hinauf und freute mich einerseits, wenn es ein schöner sonniger Tag zu werden schien, denn dann hieß es meist, ab ins Freibad nach Schmannewitz. Andererseits bedauerte ich das schöne Wetter, denn das bedeutete bestes „Flugwetter“ und schon bald zogen die MIG 17 oder MIG 19 ihre Kreise. Zunächst nur ein paar Runden über dem Gelände zum Warmmachen und dann ging es los. Meist im Kampf verband von 2-3 Maschinen zogen sie in Kampfformation eine weit ausladende Schleife, um sich dann im Anflug unter höchster Beschleunigung und dem Aufheulen der Triebwerke steil nach unten auf das Zielgebiet zu stürzen und im richtigen und entscheidenden Moment ihre todbringende Last abzuwerfen. Wir konnten das Ausklinken und das Fallen der Bomben mit dem bloßen Auge erkennen. Dann stiegen die Kampfjets unter Vollschub und dem erneuten Aufheulen der Triebwerke wieder auf und schon kurz danach waren die schweren Detonationen zu hören. Sie zogen erneut eine große Schleife, um den nächsten Angriff zu starten. Dies ging fast immer so bei schönem Wetter und dauerte meist bis Mittag. Je nach Befehl und Wetter wurden diese Übungen auch noch am Nachmittag fortgesetzt. Es war ein ohrenbetäubender Lärm, der nicht nur die Kinder, sondern uns alle, die solches nicht gewöhnt waren, unglaublich irritierte und zu Aggressionen führte.
Wie hielten das nur die hier lebenden Bewohner aus?
Eines Tages, schon fast am Ende des 2-wöchigen Durchganges, war ein Ausflug in das nahe gelegene Torgau geplant. Dort konnten die Kinder kleine Souvenirs für zu Hause kaufen, aber auch mal wieder außerhalb des Ferienlagergeländes spazieren gehen, etwas für die „kleine Kultur“ tun und hatten mal ein paar Stunden Ruhe vom ständigen Bombardement. Dazu boten sich der Marktplatz, die Kirche aber auch die Elbe selbst und die geschiehtsträchtige Brücke über die Elbe an, auf der sich die amerikanischen und russischen Befehlshaber umarmt hatten (in WIKIPEDIA heißt es dazu: „Torgau erlangte Ende des Zweiten Weltkrieges internationale Berühmtheit, als sich am 25. April 1945 sowjetische und amerikanische Truppen an der Elbe bei der Stadt trafen und am 26. April 1945 dieses Ereignis für die Kameras auf der zerstörten Elbebrücke in Szene setzten“).
Ich ging mit meiner Gruppe (ich betreute in diesem Jahr die 10-12 jährigen Buben) auch zur Elbe. Wir sahen uns die Brücke an und ich machte einige mir bekannte Ausführungen dazu. Das Eibwasser war eine braune bis braungraue Brühe, wie ich sie ja schon von den Flüssen Leipzigs kannte. Der Geruch war nicht ganz so penetrant wie in diesen, aber Leben war auch hier in diesem Wasser, selbst für die allerbesten Überlebenskünstler nicht möglich. Wieder war ich geschockt über den Zustand unserer Flüsse und den allgemeinen Nachrichten, die überhaupt nicht dem entsprachen, was sich uns hier zeigte.
In dieser Gruppe, in der ich jeden Einzelnen der Jungen schon ziemlich gut „erkannt“ (um nicht zu sagen „durchschaut“) hatte, war auch ein unscheinbarer aber sehr wissbegieriger und einfach netter und sehr gut erzogener Junge.
Er war der Sohn des Parteisekretärs meines Betriebes. Einen Satz zu diesem Parteisekretär: da die Mitarbeiterzahl des Betriebes nicht ausreichend hoch war, um diesen Posten hauptamtlich auszuüben, arbeitete dieser Parteisekretär noch stundenweise in einer anderen Abteilung, die sich „Bilanzierung“ nannte. Was er wirklich machte war mir nicht bekannt, aber hin und wieder hatten wir miteinander zu tun, denn wir saßen beide in einer Kommission, die zu entscheiden hatte, wem die vorhandenen Ressourcen an industriellen Drucklufterzeugungsanlagen entsprechend vorliegender Prioritätskriterien zuzuschlagen waren.
Ich nannte diese Kommission die „Kommission der Mangelverwaltung“, mochte sie überhaupt nicht, konnte aber hier durch meine Mitarbeit meinen, wenn auch geringen Einfluss geltend machen, sodass eben nicht die Armee-, Staats-, oder STASI- Projekte vorrangig eine Kompressorenstation erhielten, sondern vielleicht ein Textilbetrieb oder ein Wäschereibetrieb oder ein anderer Industriebetrieb, der den Menschen durch seine Produkte oder Dienstleistungen wirklich dienlich war. Aber zurück zum Sohn des Parteisekretärs. Ein Auge hatte wohl einen leichten Schieleffekt und er trug deshalb eine Brille, bei der eines der beiden Gläser mit Pflaster zugeklebt war. Ich kannte diese Therapie, denn unsere Tochter hatte die gleiche Augenschiefstellung und mit dieser Therapie war die Schiefstellung in den ersten Kindesjahren vollkommen behoben worden.
Dieser Junge sprach mich erstaunlicherweise nicht mit „Herr Gerhold“ an, sondern er hing an das „Herr“ noch ein „n“ an, so dass er mich mit „Herrn Gerhold“ ansprach.
Ich fand diese Ansprache sehr lustig und hatte diese deshalb nicht korrigierend verbessert.
Mit der Gruppe (ca. 10 Jungen) am befestigten aber flachen Ufer der Elbe stehend, kam dieser Junge plötzlich zu mir und fragte mich ganz aufgeregt: Herrn Gerhold, warum sind hier in der Elbe eigentlich keine Fische drin? Seine leicht sächsische Aussprache und seine Körpersprache machten die Situation auf der einen Seite ein wenig lustig, aber auf der anderen Seite gab der Frageinhalt eigentlich keinen Grund für Lustigkeit.
Auch die locker umher stehenden Jungen hatten die Frage teilweise gehört und die sie gehört hatten, schauten mich mit großen Augen und großer Erwartungshaltung an. Wie würde die Antwort lauten und wie würde die Antwort begründet werden?
Ich hielt mich sehr lange mit der Antwort zurück, denn ich hatte mir eigentlich fest vorgenommen, während der Zeit des Kinderferienlagers den Kindern gegenüber keine politisch oder wirtschaftlich orientierten Negativaussagen zu machen.
Erstaunlicherweise waren wir als Betreuerteam von der Partei- oder Betriebsseite nicht in diese Richtung verpflichtet (vergattert) worden.
Ich wollte diese Frage nicht wahrheitsgemäß beantworten. So benutzte ich meine Fragen- Umgehungsmethodik, die sich auch schon früher bewährt hatte. Ich bat den Buben, diese Frage doch sofort nach seiner Ankunft zu Hause seinem Papa zu stellen. Ich denke, so fügte ich noch hinzu, gleich wenn dich Mama und Papa vom Bus abholen und du auf dem Nachhauseweg auf dem Rücksitz eures neuen „LADA“ (eleganter 4-Takt-PKW sowjetischer Bauart nach FIAT Lizenz) sitzt, solltest du fragen. Dann hört die Mama auch gleich deine Frage und die Antwort deines Papas. Ein wenig enttäuscht schauten mich die Jungen an und einer fragte: Wissen sie es nicht, warum da keine Fische drin sind?
Meine Antwort konnte nur ausweichender Natur sein, denn den Kindern erzählen zu müssen, dass die Umweltsünden der Menschen die Ursache dafür waren, konnte und wollte ich nicht. Sie würden diese Tatsachen noch früh genug und schmerzlich genug erfahren müssen. Aber nicht durch mich. Diese Aufklärung war zu diesem Zeitpunkt nicht meine Aufgabe. So empfahl ich, dass die Beantwortung der Frage doch auf schriftlichem Wege herbeigeführt werden könne, zumal ja alle Adressen ausgetauscht worden waren. Ein wahrhaft triftiger Grund, sich gegenseitig zu schreiben und sich zu diesem Thema auszutauschen.
Am Ende dieses Ferienlager-Durchganges (es gab drei 14-tägige Durchgänge während der 6-wöchigen Sommerferien) fuhren wir zurück nach Leipzig.
Der Sohn wurde tatsächlich von seinen Eltern abgeholt und noch bevor er in den neuen „LADA“ seiner Eltern einstieg, rief ich ihn zu mir, verabschiedete mich von ihm und erinnerte nochmal daran, die Frage, die er mir an der Elbe gestellt hatte, während der Heimfahrt nicht zu vergessen.
Den Inhalt der Frage selbst wiederholte ich nicht, denn ich war mir sicher, den würde er noch ganz genau kennen. Indes ist mir nicht bekannt, ob er die Frage tatsächlich im Auto gestellt hatte. Aber gestellt hat er sie seinem Vater und/oder seiner Mutter auf jeden Fall, denn wenige Tage nachdem ich wieder an meinen Arbeitsplatz zurückgekehrt war, traf ich den Parteisekretär zufällig im Betrieb. Sehr aggressiv und ziemlich barsch fuhr er mich unvermittelt mit der Frage an, was ich seinem Sohn für einen Blödsinn erzählt habe. Ich hätte die schöne Elbe negativ dargestellt, wo sie doch einer der schönsten Flüsse in der DDR sei. Ohnehin sei gar nicht bewiesen, dass es darin keine Fische gibt, denn dies könne man ja durch die „natürliche Trübung“ des Wassers gar nicht sicher erkennen. Und überhaupt wäre ich für die Betreuung von Kindern, die zu sozialistischen Persönlichkeiten heranwüchsen, nicht gut geeignet. Ich muss ihm wohl ein süffisantes, vielleicht aber auch triumphierendes Lächeln gezeigt haben, denn ich amüsierte mich sehr über seinen Rechtfertigungsversuch, den es gar nicht bedurfte. Der Bub hatte seine Aufgabe wunderbar erledigt und seine Eltern zumindest mal am Gewissen gepackt. Ob’s was nützte würde?
Die Schlote z.B. in den Kraftwerken Hagenwerder, Boxberg oder Jänschwalde spuckten Aber- und Abermillionen Tonnen saurer Rauchgase in den Himmel, die als „saurer Regen“ die Wälder zerstörten. Durch meine Tätigkeit als Montageingenieur in den Jahren 1976 bis 1980 hatte ich auch noch am Bau dieser „Dreckschleudern“ mitgewirkt und konnte es jetzt nicht mehr mit meinem Gewissen vereinbaren, dass die Führung unseres Landes jeglichen Respekt vor der Natur und der Schöpfung verloren hatte und die Umwelt so dramatisch massakriert wurde.
An verschiedenen Straßen, die sehr stark mit z. B. aus Kokereien austretenden Rauchgasen kontaminiert wurden, hatte man ein in der Straßenverkehrsordnung gar nicht existierendes Verkehrszeichen „Vorsicht Industrienebel“ aufgestellt.
So einfach ging das.
Kokereibetrieb:
VEB BRAUNKOHLEVEREDLUNG ESPENHAIN
Die Planerfüllungsstatistiken waren damals wie heute so „hin- oder her gerechnet“, wie es eben gerade gebraucht wurde und so die gesteckten Ziele offenbar erreicht wurden. Dorthin wollte ich also, nein nicht ins Tal der Ahnungslosen, sondern in dieses Land, welches vom Absterben bedroht war und welches ich noch nicht einmal vorher besuchen durfte, um mir ein eigenes Bild zu machen. Es war eine Entscheidung für immer und ewig und ohne wenn und aber. Einmal entschieden gab es kein zurück mehr. Was zählte, war einzig und allein das Ziel, den Zeitraum von der offiziellen Bekanntgabe des Ausreisebegehrens (Ausreiseantrag stellen) bis zum tatsächlichen Verlassen des Landes möglichst kurz zu gestalten. Darauf hatte aber der Ausreiseantragsteller selbst im Normalfall keinen oder nur sehr geringen Einfluss. Zum Zeitpunkt meiner Antragstellung im September 1987
war mir bekannt, dass andere Antragsteller etwa 3-5 Jahre auf die Ausreise gewartet hatten. Auch mehr war immer möglich. Je nach Wichtigkeit oder Stellung der antragstellenden Person oder Familie wurde nach mir nicht bekannten Kriterien eine Ausreise entweder genehmigt oder eben nicht.
Ein Recht auf Beschwerde oder auf Prüfung seiner Angelegenheit im Falle einer Ablehnung war nicht möglich.
Die Ausreise wurde zum Gnadenakt des Systems.
Nachdem nun die Lebensentscheidung getroffen war, sollte die nächste Hürde in Angriff genommen werden. Diese Hürde war meine Tätigkeit als bauleitender Montage- und Inbetriebnahmeingenieur. Würde ich meine Arbeit behalten oder verlieren? Als ich meinen ersten Arbeitsvertrag am 24.06.1974 mit einem vorgesehenen Arbeitsbeginn 01.03.1976 unterschrieb, war als Arbeitsort noch „Leipzig und Baustellen der DDR“ vereinbart worden.
