Schwert und Feuer - Robert Lyndon - E-Book

Schwert und Feuer E-Book

Robert Lyndon

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Beschreibung

Nach «Der Thron der Welt» der neue packende historische Abenteuerroman von Robert Lyndon! 1081 n. Chr.: Der fränkische Kommandeur Vallon rettet in der Schlacht bei Durazzo Kaiser Alexios I. vor dem sicheren Tod. Zum Lohn für seine Heldentat wird er zum General ernannt. Sein nächster Auftrag soll ihn und seine Gefolgsleute ins ferne China führen, um die Formel für das sagenhafte Donnerkraut zu stehlen - das Schießpulver, mit dem die Kundigen, so geht die Legende, Feuerschwerter herstellen können. Aber die Mission ist eher eine Bestrafung denn eine Belohnung: Auf dem Weg über das Schwarze Meer und den Kaukasus, über das Kaspische Meer und durch Tibet werden Vallon und seine Gefährten von Piraten verfolgt, von Banditen angegriffen, als Sklaven gefangen genommen. Und als sie endlich ihr Ziel erreichen, hat die Welt sich verändert, und nichts ist mehr so, wie es einmal war … «Mit dem ‹Thron der Welt› hat Lyndon ein bemerkenswertes Debüt vorgelegt. Er ist der geborene Erzähler, und hat gründlich recherchiert. Seine Sprache ist mal knapp, mal poetisch und voller Bilder.» (NDR Kultur)

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Seitenzahl: 942

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Robert Lyndon

Schwert und Feuer

Historischer Roman

 

 

Aus dem Englischen von Leonard Thamm

 

Über dieses Buch

Nach «Der Thron der Welt» der neue packende historische Abenteuerroman von Robert Lyndon!

 

1081 n. Chr.: Der fränkische Kommandeur Vallon rettet in der Schlacht bei Durazzo Kaiser Alexios I. vor dem sicheren Tod. Zum Lohn für seine Heldentat wird er zum General ernannt. Sein nächster Auftrag soll ihn und seine Gefolgsleute ins ferne China führen, um die Formel für das sagenhafte Donnerkraut zu stehlen – das Schießpulver, mit dem die Kundigen, so geht die Legende, Feuerschwerter herstellen können.

Aber die Mission ist eher eine Bestrafung denn eine Belohnung: Auf dem Weg über das Schwarze Meer und den Kaukasus, über das Kaspische Meer und durch Tibet werden Vallon und seine Gefährten von Piraten verfolgt, von Banditen angegriffen, als Sklaven gefangen genommen. Und als sie endlich ihr Ziel erreichen, hat die Welt sich verändert, und nichts ist mehr so, wie es einmal war …

 

Impressum

Die Originalausgabe erschien unter dem Titel «Imperial Fire» 2014 bei Sphere / Little, Brown Book Group, UK.

 

Redaktion Tanja Schwarz

 

Veröffentlicht im Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg, Dezember 2014

Copyright © 2014 by Rowohlt Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg

«Imperial Fire» Copyright © 2014 by Robert Lyndon

Auszüge aus «The Seafarer» und «The Wanderer» Copyright © 1982 by Kevin Crossley-Holland

Umschlaggestaltung Hafen Werbeagentur, Hamburg

Coverillustration Jens Weber; Shanhai Yudi Quantu world map (1607) in Sancai Tuhui / Asian Library in the University of British Columbia

Karte Copyright © John Gilkes

ISBN 978-3-644-21861-1

 

Schrift Droid Serif Copyright © 2007 by Google Corporation

Schrift Open Sans Copyright © by Steve Matteson, Ascender Corp

 

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www.rowohlt.de

Inhaltsübersicht

Widmung

Eine kurze Chronologie

Karte

Motto

Dyrrhachium, 1081

I

II

Konstantinopel

III

IV

V

VI

VII

VIII

IX

Das Schwarze Meer und der Kaukasus

X

XI

XII

XIII

XIV

XV

XVI

XVII

Das Kaspische Meer und Turkestan

XVIII

XIX

XX

XXI

XXII

XXIII

XXIV

XXV

XXVI

XXVII

XXVIII

Tibet

XXIX

XXX

XXXI

XXXII

XXXIII

XXXIV

China

XXXV

XXXVI

XXXVII

XXXVIII

XXXIX

XL

XLI

XLII

XLIII

XLIV

XLV

Danksagung

Für Sam und Caoileann, Andrew und Jane.

Und für James …

Eine kurze Chronologie

1044 In einem chinesischen Militärhandbuch wird «Schießpulver» erstmalig erwähnt.

1066, Oktober Herzog Wilhelm der Eroberer schlägt bei Hastings die englische Armee und wird im Dezember zum König von England gekrönt. Einige enteignete englische Krieger reisen nach Konstantinopel und treten der Warägergarde bei, der Leibgarde des byzantinischen Kaisers.

1071, August Eine Armee aus Seldschuken-Türken vernichtet die Streitkräfte des byzantinischen Kaisers in Manzikert, das heute zur östlichen Türkei gehört.

1076 China verbietet den Export von Schwefel und Salpeter, zwei der Inhaltsstoffe von Schießpulver.

1077 Suleiman ibn Kutalmiş gründet das unabhängige Sultanat von Rum im westlichen Anatolien.

1078 Als Dank für Suleimans Unterstützung gegen den byzantinischen Kaiser gestattet ein Rivale des Throns den Seldschuken, sich in Nicäa (dem heutigen Iznik) niederzulassen, weniger als hundert Meilen von Konstantinopel entfernt.

1081, April Alexios Komnenos besteigt den byzantinischen Thron. Im Mai fällt Robert Guiskard, der normannische Herzog von Apulien, an der Adriaküste in byzantinisches Territorium ein, nimmt Korfu und belagert die Hafenstadt Dyrrhachium im heutigen Albanien. Im Oktober schlägt Robert eine Armee, die von Kaiser Alexios bei Dyrrhachium angeführt wird.

Er, der gewöhnt das ruhige Leben,

der, stolz und Freund des Weines, nur wenig

Ungemach erleidet in der Stadt,

wird glauben kaum, wie ich, ermattet,

die Meereswege machen musst zu meinem Heim.

Der Schatten der Nacht wurd lang, von Norden kam der Schnee,

Frost fesselte die Erde, Hagel fiel herab

wie kaltes Korn. Und doch rührt sich mein Blut erneut,

dass ich erproben soll

die bergehohen Wasser, stürmisch-salz’ge Wellen.

Die Sehnsucht meines Herzens drängt mich fort,

die Reise anzugehen, das Land zu sehen,

wo fremde Menschen wohnen, drüben hinterm Meer.

 

Aus: The Seafarer, Exeter Book, England, 10. Jahrhundert

Dyrrhachium, 1081

I

Vallons Kompanie erreichte gegen Mittag die Via Egnatia und galoppierte auf der gepflasterten Straße in Richtung Westen weiter. Die Soldaten ritten mit wilder Entschlossenheit, die Blicke aus geröteten Augen starr geradeaus gerichtet, und drei Tage später – am sechzehnten Tag des Monats Oktober – brachten sie ihre erschöpften Pferde bei Sonnenuntergang auf einem bewaldeten Höhenrücken zum Stehen, von wo aus sie über die Adriaküste blicken konnten. Vallon beugte sich vor und blinzelte mit zusammengekniffenen Augen ins Abendlicht. Die Sonne war bereits halb ins Meer getaucht und hinterließ eine kupferglänzende Fahrrinne, die bis zum Hafen von Dyrrhachium reichte. Aus dieser Entfernung war die Stadt nichts weiter als ein winziger Fleck, viel zu weit weg, als dass Vallon die normannischen Stellungen oder die Schäden ausmachen konnte, die von ihren Belagerungsmaschinen angerichtet worden waren.

In der Nähe konnte Vallon das byzantinische Zeltlager erkennen, das sich in etwa vier Meilen Entfernung vom Meer in Form eines Rechtecks am gewundenen Fluss erstreckte. Eine Staubwolke von einer halben Meile Länge stieg vom Lager auf und zog fort.

Er sah zu Josselin, einem seiner Zenturionen. «Scheint so, als wären wir der Rest der kaiserlichen Truppe.»

Josselin nickte. «Nach der Größe dieser Erdwälle zu urteilen, schätze ich unsere Stärke auf über fünfzehntausend Mann.»

Vallon überblickte das Terrain und versuchte herauszufinden, wo die Schlacht ausgetragen würde. Vermutlich auf der Ebene nördlich der Stadt, entschied er.

Nur noch ein Streifen Sonne war über dem Horizont zu sehen, und das Meer war bereits in tiefes Lila und Indigoblau getaucht. Vallon sah zurück auf die Reihen der Kompanie. Die Männer seiner turkmenischen Truppen dösten in ihren Sätteln. Der Großteil der Soldaten war von ihren Pferden abgestiegen und erschöpft an den Stämmen der Korkeichen zusammengesunken, die Augen nur noch dunkle Höhlen in staubüberzogenen Gesichtern. In den letzten zwei Wochen waren sie vierhundert Meilen geritten, von Bulgariens Donaugrenze quer durch den Balkan, und nun sahen sie weniger aus wie Krieger, die noch in den Kampf ziehen sollten, als vielmehr wie Überlebende einer bereits geschlagenen Schlacht.

Vom Hügel unter ihnen war das Bimmeln von Schafsglocken und das süße Plätschern fließenden Gewässers zu hören. Einige der Soldaten trugen bereits Wasserschläuche und -fässer zu ihren Kameraden und den durstigen Pferden weiter hinten. Vallons drei Zenturionen blieben im Sattel und warteten auf seine Befehle. Er räusperte sich, um den Staub in seiner Kehle loszuwerden. «Wenn wir nach Einbruch der Dunkelheit das Lager erreichen, sind wir verloren. Es gibt nur endlose Fragen, und man wird uns von Pontius zu Pilatus schicken. Wenn wir Glück haben, finden wir noch vor dem Morgengrauen unser Quartier. Also rasten wir heute Nacht hier und reiten vor Sonnenaufgang weiter. Verteilt, was noch von unserem Proviant übrig ist.» Dann wandte er sich an Conrad, seinen zweiten Befehlshaber, einen Deutschen aus Schlesien: «Nimm dir zehn Männer, klopf ihnen den Staub ab und unterrichte dann das Hauptquartier von unserer Ankunft. Nehmt die Verwundeten in einem der Karren mit. Erbittet oder borgt euch alles an Essen, was ihr in die Finger bekommt. Finde heraus, was unten vor sich geht, und erstatte mir dann Bericht.»

«Zu Befehl, Graf.»

Vallons Rang war keineswegs so hoch, wie die Bezeichnung vermuten ließ. Als Komes eines Bandon befehligte er eine Kompanie leichter und mittelschwerer Kavallerie von zweihundertsechsundneunzig Mann, wie die Musterung heute Morgen ergeben hatte. Das waren zwanzig weniger als vor sieben Monaten, als er Konstantinopel in Richtung Bulgarien verlassen hatte. Fremdländer wurden sie genannt – Söldner, die aus dem gesamten Byzantinischen Reich auch von jenseits der Grenzen angeworben worden waren.

Die Schatten vereinten sich zwischen den Bäumen, dort, von wo aus Conrads Truppe losgezogen war. Die Räder des Karrens, der mit fünf bandagierten Verwundeten beladen war, wackelten und quietschten auf den abgenutzten Achsen.

Vallon führte sein Pferd hinüber zur Quelle, wobei er leicht humpelte – die Folge eines Bänderrisses, den er sich bei einem Schwertkampf vor neun Jahren zugezogen hatte. Im Alter von neununddreißig spürte er jetzt allmählich die Folgen der vielen kleinen Wunden und Schläge aus den mehr als zwanzig Jahren seiner Feldzüge.

Die Quelle plätscherte am Fuß einer uralten Steineiche, deren Stamm sich von der Wurzel aufwärts geteilt hatte und nun eine bemalte Statue der Jungfrau beherbergte, die das Jesuskind im Arm trug. Ikonen, Glocken und Windspiele baumelten von den Ästen. Ein alter Mann mit einem Gesicht wie ein leerer Lederbeutel saß mit fest verschränkten Armen neben der Quelle. Ein Junge stand neben ihm, eine Hand auf die Schulter des Alten gestützt.

Vallon nickte ihm zu und sagte: «Gott schütze dich, Vater.»

«Eure Männer stehlen mein Wasser.»

Vallon ließ sich neben sein Pferd auf die Knie fallen. «Mir scheint, dass seit unserer Ankunft kein Tropfen fehlt.»

Der alte Mann wiegte sich missmutig vor und zurück. Seine Augen waren trüb. «Die Quelle ist heilig. Ihr solltet dafür bezahlen.»

Vallon beugte sich über das Becken, schob die Haare zur Seite und schöpfte eine Handvoll Wasser in seinen trockenen Mund. Genüsslich schloss er die Augen, als das herrlich kühle Nass seine Kehle hinunterrann. «Wasser ist allen durstigen Menschen heilig. Aber wen soll man dafür entlohnen? Den, der das Wasser erschaffen hat, oder den Mann, der es bewacht? Ich schließe beide gern in meine Gebete ein.»

Der alte Mann murmelte vor sich hin.

Vallon wischte sich den Mund ab und deutete mit dem Kinn zur Ebene, wo die Feuer sich gegen die wachsende Dunkelheit abzeichneten. «Weißt du, was dort unten vor sich geht?»

Der alte Mann spuckte aus. «Mord, Schändung, Raub – all das Übel, das einer Armee folgt.»

Vallon lächelte. «Ich sage dir, wofür ich bezahlen werde.» Er fischte ein paar Münzen aus seinem Beutel und drückte sie dem Mann in die runzelige Hand. «Einige meiner Männer sind am Sumpffieber erkrankt, weil sie sich zu lange in der Donau-Ebene aufgehalten haben. Sie können keine schwere Nahrung vertragen. Wenn du einen Korb Eier erübrigen kannst, etwas Milch oder frisches Brot …»

Der Junge nahm die Münzen und betrachtete die kaiserlichen Porträts darauf. «Sie sind von den Guten, Großvater», sagte er.

Der alte Mann kniff die halbblinden Augen zusammen. «Ihr seid kein Grieche.»

«Ich bin Franke. Und wurde von den Stürmen des Lebens an diese Küste getrieben.»

Der Mann erhob sich mühsam. «Franken, Engländer, Russen, Turkmenen … Das Reich ist überschwemmt von fremden Kriegern.»

«Welche hier kämpfen, um eure Grenzen zu verteidigen, während eure Herren die neueste Mode im Hippodrom vorführen.»

Der Junge führte seinen Großvater den Hügel hinab. Vallon aß eine Handvoll Rosinen und Zwieback, dann zog er sich eine Decke um die Schultern und fiel zum Klang der Schafsglocken in den Schlaf.

Der Junge weckte ihn, sobald er zurückgekehrt war. «Hier sind Eier und Brot, Herr.»

Vallon rieb sich die Augen und rief hügelaufwärts. «Josselin, hier ist Essen für die Kranken.»

Als der Offizier gegangen war, humpelte Vallon vor und betrachtete die Feuer der kaiserlichen Armee, die sich wie ein Netz ausbreiteten, während die Flammen der Normannen wie ein brennendes Halsband um die belagerte Stadt lagen. Alles, was er von den normannischen Streitkräften wusste, war, dass sie von Robert Guiskard angeführt wurden, dem «Schlaukopf», Herzog von Apulien und Kalabrien. Er war ein genialer Feldherr, der bloß aus Abenteuerlust nach Italien gekommen war und innerhalb von fünfzehn Jahren ein Herzogtum erschaffen und sich den Papst zum erbitterten Feind gemacht hatte.

Fackelschein flackerte durch die Bäume und näherte sich über die Straße. Hufe klapperten. Im Licht der im Wind schwankenden Flamme erkannte Vallon einen Reiter, der ein Packpferd mit sich führte. Er war ein großer, massiger Mann. Flammenzungen erhellten einen geflochtenen, zinnoberroten Bart, zurückweichendes gelbliches Haar, einen roten Umhang, der von einer goldenen Spange zusammengehalten wurde.

Schatten sprangen dem Reiter in den Weg. «Halt! Wer da?»

«Beorn der Schamhafte, Primicerius der Warägergarde. Seid ihr die Männer von Graf Vallon? Gut, führt mich zu ihm.»

Vallon stand grinsend auf. «Ich bin hier bei der Quelle.»

Beorn glitt vom Pferd, stapfte durch die Bäume und zog Vallon fest in seine parfümierten Arme. Der Eindruck des massigen Mannes täuschte nicht. Er musste seitwärts durch Türen gehen, und sein Torso war beinahe so tief wie breit, doch was die Körperpflege anging, so verhielt er sich beinahe damenhaft.

«Was bläst du hier im Dunkeln Trübsal?», fragte er Vallon.

«Wir sind wochenlang geritten, und ich bin aus Erschöpfung eingeschlafen.»

«Da hast du beinahe ein Festessen verpasst. Ich habe deinen deutschen Zenturio getroffen, und er hat erzählt, dass ihr im letzten Monat nur von Würmern gelebt hättet. Ich habe euch Essen mitgebracht. Mit hohlem Bauch kann man nicht kämpfen.»

Vallon umfasste Beorns Hände. «Mein lieber Freund.»

Beorn war ebenso wie er selbst ein Vertriebener, ein englischer Graf, ein Veteran aus den Schlachten bei Stamford Bridge und Hastings, der seine Ländereien in Kent an die Normannen verloren hatte. Während ihres Feldzugs in Anatolien hatten Vallon und er Freundschaft geschlossen. Sie hatten sich gegenseitig das Leben gerettet. Ihr Freundschaftsband verstärkte sich noch, als Beorn herausfand, dass Vallon England bereist hatte, die Sprache beherrschte und mit einem englischen Freund im Norden Handel trieb.

Nun wandte sich der Waräger an die Wachen. «Löst die Gepäcktaschen und bringt sie her.»

Die Wachen gingen unter dem Gewicht der Last beinahe in die Knie. Beorn öffnete eine der Taschen und kramte darin herum. «Das ist die falsche. Gebt mir die andere.» Wieder fuhr er mit der Hand hinein und zog unter befriedigtem Grunzen ein gebratenes Hähnchen hervor. «Davon habe ich drei mitgebracht.»

«Ich kann mir nicht den Bauch vollschlagen, während meine Männer trockenen Zwieback nagen», wandte Vallon ein.

«Immer noch derselbe alte Vallon. Ich habe deinen Zenturio zum Lagermeister geschickt. Deine Männer werden bis Mitternacht so viel zu essen bekommen, wie sie nur wollen. Wir behalten einen Hahn für uns, und mit den anderen kannst du machen, was du willst.» Dann zog er eine Flasche hervor. «Doch das hier ist nur für uns beide. Bester Madeira aus Zypern. Sag deinen Männern, sie sollen ein Feuer anzünden. Du und ich haben eine Menge zu besprechen, und ich möchte dein Gesicht dabei sehen.»

Vallon lachte und rief nach seinen Zenturionen. Sie trugen das Essen davon, ein paar Soldaten schichteten Brennholz auf.

Als das Feuer zu prasseln begann, streckte Vallon die Hände aus. «Wir werden also kämpfen.»

Beorn riss eine Hähnchenkeule ab und reichte sie Vallon. «Ich bete zu Gott, dass es so kommt. Der Kaiser ist gestern angekommen. Noch zwei Tage, und ihr hättet alles verpasst.»

«Ist es noch derselbe Kaiser, den ich kenne?» Vallon sah, wie Beorn die Augenbrauen zusammenzog. «Alexios ist der vierte Kaiser, dem ich in neun Jahren gedient habe.»

Beorn riss mit den Zähnen ein Stück Fleisch ab. «Es ist derselbe, aber Alexios ist auch anders als die vorigen. Er ist ein Soldatenkaiser. Mit vierzehn hat er schon seine erste Schlacht gegen die Seldschuken geschlagen, und seitdem hat er nie verloren. Er ist ein ebenso kluger Feldherr wie Diplomat.»

Vallon deutete zu den Feuern, die auf der Ebene funkelten. «Ich weiß gar nicht, was eigentlich zu dieser Konfrontation geführt hat. Als Alexios gekrönt wurde, war ich längst nach Norden abgereist, und dann bekam ich vor vierzehn Tagen den Befehl, nach Dyrrhachium zu reiten. Neuigkeiten verbreiten sich nur langsam bis zur Donau.»

Beorn zog eine seiner buschigen Brauen hoch. «Hattet ihr harte Zeiten an der Front? Ich habe die Verwundeten in deinem Karren gesehen.»

«Die Petschenegen haben uns verfolgt, als wir schon auf dem Rückzug waren. Und wenn man eine Schwadron ausschickt, um die Grenze gegen berittene Nomaden zu verteidigen, kann man genauso gut einen Hund zum Flöhefangen schicken. Die meisten unserer Verluste sind aber durch Krankheit entstanden, nicht durch Kampf.»

Beorn nagte an einem Knochen. «Der Streit brodelt schon seit Jahren, seit Kaiser Michaels Sturz, nachdem er seinen Sohn mit Herzog Roberts Tochter verheiratet hat. Damit hatte Robert Guiskard die Entschuldigung, die er brauchte, um eine Invasion vorzubereiten. Er ist in diesem Mai aus Brindisi abgesegelt, nahm Korfu kampflos ein und marschierte nach Dyrrhachium. Seine Flotte folgte ihm, geriet aber in einen Sturm und büßte mehrere Schiffe ein.»

«Wie groß ist seine Armee?»

Beorn warf den Knochen ins Feuer. «Ehemals dreißigtausend Mann, meist irgendwie zusammengewürfelt, Alte und Junge, mit Kriegserfahrung oder ohne. Als Alexios von der Invasion hörte, schloss er eine Allianz mit dem Dogen von Venedig. Ein kluger Schachzug. Der Doge will auf keinen Fall, dass die Normannen die Adriaküste kontrollieren. Darum übernahm er persönlich das Kommando der venezianischen Flotte, fing die normannischen Schiffe ein, zerstörte ein paar und segelte in den Hafen von Dyrrhachium. Als die byzantinische Marine ankam, tat sie sich mit den Venezianern zusammen und trieb die restliche normannische Flotte in die Flucht.»

«Nicht gerade ein verheißungsvoller Auftakt für Roberts Feldzug.»

«Es kommt noch besser. Robert belagerte die Stadt, aber die wird von ihrem Strategen, General Paläologus, sehr gut verteidigt.»

«Ihm habe ich im Osten gedient. Einen mutigeren Kommandeur habe ich niemals kennengelernt.»

«Du hast recht. Nicht nur hält er gegen Roberts Katapulte und Belagerungstürme stand; er bekämpft den Feind, indem er seine Belagerungsmaschinen zerstört. Bei einem Angriff bekam er einen Pfeil in den Kopf und kämpfte trotzdem den ganzen Tag weiter, obwohl sich die Spitze in seinen Schädel gebohrt hatte.»

«Wenn Paläologus die Normannen von hinten angreift, wird unsere Aufgabe leichter werden, selbst wenn diese doppelt so viele sind.»

«Es sind weniger. Im Sommer kam die Pest über Roberts Armee und nahm fünftausend Mann in den Tod, darunter Hunderte seiner besten Ritter.»

Vallon lachte. «Gleich bekomme ich noch Mitleid mit dem armen Kerl. Wie stark ist die byzantinische Streitkraft?»

«Ungefähr siebzehntausend Mann. Fünftausend Mazedonier und Thraker, tausend Excubitores und Vestiaritae und tausend Waräger. Und dann noch die einheimischen Truppen und ein Regiment von serbischen Vasallen sowie zehntausend türkische Hilfstruppen, die hauptsächlich von deinem alten Freund, dem Seldschuken-Sultan von Rum, bemannt wurden.»

Vallon zog eine Grimasse. «Auf die würde ich nicht allzu viel vertrauen.»

«Mach dir keine Sorgen. Der Kampf wird von der schweren Kavallerie und von meinen Warägern entschieden. Sie haben schon lange darauf gewartet, unsere Niederlage bei Hastings zu rächen.»

«Kennst du den Schlachtplan?»

Beorn deutete auf die fernen Feuer. «Dyrrhachium steht auf einer Sandbank parallel zur Küste, ist aber durch einen Sumpf davon getrennt. Die Zitadelle steht am Ende der Sandbank und wird durch eine Brücke mit der Ebene verbunden. Nach dem, was ich gehört habe, will der Kaiser einen Teil seiner Truppe über den Sumpf schicken, um die Normannen von hinten anzugreifen. Der Rest der Armee wird das Land gegenüber der Brücke verteidigen.»

Vallon nahm einen Schluck Wein. «Ich habe gehört, Guiskards Sohn ist sein zweiter Befehlshaber.»

«Bohemund», bestätigte Beorn. «Ein großer, kampfeslustiger Bastard und ebenfalls ein erstklassiger Soldat. Und er ist nicht der einzige Verwandte, der an Guiskards Seite kämpfen wird. Seine Frau Sichelgaita reitet mit ihm in die Schlacht.»

Vallon verschluckte sich beinahe. «Du machst Witze.»

«Es ist so wahr, wie ich lebe. Sie ist größer als die meisten Männer und wilder als ein Löwe. Das Liebesspiel mit ihr ist sicher unvergesslich.»

Vallon dachte an seine eigene Frau Caitlin, die selbst über ein gefürchtetes Temperament verfügte.

«Hast du Nachricht von zu Hause?»

Beorn goss sich einen weiteren Becher Wein ein. «Vergib mir. Ich hätte dir gleich zu Beginn erzählen sollen. Im August habe ich in deinem Haus gespeist. Lady Caitlin wird jedes Mal schöner, wenn ich sie sehe, und deine Töchter werden keine Schwierigkeiten haben, gute Ehemänner zu finden. Aiken blüht in ihrer Gesellschaft auf, und seine Leistungen werden täglich besser.»

Vor drei Jahren hatte Beorn Vallon gebeten, seinen dreizehnjährigen Sohn als Knappen oder Schildträger in seinen Haushalt aufzunehmen. Aikens Mutter war gestorben, und Beorn wünschte, dass sein Sohn Griechisch lernte und die griechischen Gebräuche annahm. Die angelsächsischen Waräger hielten an ihrer Sprache fest, sprachen sogar den Kaiser auf Englisch an. Aber Vallon hatte nicht nur eingewilligt, weil Beorn ihn darum gebeten hatte. Caitlin hatte bemerkt, wie einsam der Junge war, und hatte Vallon dazu gedrängt, ihn unter seine Fittiche zu nehmen. Aiken würde der Sohn sein, den sie ihrem Mann nicht hatte schenken können.

Beinahe schüchtern zog Beorn einen Brief unter seinem Umhang hervor und reichte ihn Vallon über die Flammen hinweg.

Vallon las ihn und lächelte. «Der arme Aiken. Er muss mit meiner ältesten Tochter tanzen lernen.»

«Was ist schon dabei? Ein Krieger darf auch mal ein Tänzchen wagen.»

«Natürlich ist das in Ordnung. Im Leben geht es nicht nur darum, irgendwelchen Feinden den Kopf abzuschlagen. Außerdem kann er nicht nur tanzen. Er schreibt ein gutes Griechisch und sagt, dass seine Lehrer mit seinen Fortschritten in Mathematik und Logik zufrieden sind.»

Beorn machte mit seinem Finger eine stechende Bewegung. «Aber das Soldatenleben ist seine Bestimmung. Letzten Monat ist er sechzehn geworden. Wenn du auf deinen nächsten Feldzug reitest, wirst du Aiken mitnehmen.»

Vallon zögerte. «Nicht alle Jungen sind mit sechzehn in gleicher Weise gestählt.»

Beorn beugte sich vor. «Und manche werden es nie, bis sie die Hitze des Gefechts erleben. Versprich mir, dass du Aiken in deine nächste Schlacht mitnimmst. Ich weiß, dass du ihn keiner ernsten Gefahr aussetzen wirst, bevor er ihr standhalten kann.»

«Ich würde gern erst mit ihm reden.»

Beorn wischte Vallons Bedenken beiseite. «Für meinen Sohn gibt es nur einen Weg: den eines eingeschworenen Kriegers. Versprich es mir, Vallon. In zwei Tagen ziehen wir in die Schlacht. Vielleicht werde ich fallen. Ich werde mein Schicksal leichter tragen, wenn ich weiß, dass Aiken in meine Fußstapfen tritt.»

Vallon verzog das Gesicht. «In zwei Tagen bin ich es vielleicht, der tot daliegt, und dann wird meine Frau nach deinem Schutz verlangen.»

Beorns Gesicht legte sich in Falten. Er starrte in die Flammen. «Ich habe lange Zeit auf diesen Kampf gewartet. Ich schäme mich immer noch dafür, dass ich nicht mit meinem König in Hastings gefallen bin. Diesmal werden wir Herzog Robert niederzwingen oder bei dem Versuch sterben.»

Vallon legte Beorn die Hand auf die Schulter. «Das ist nicht die Haltung, mit der man eine Schlacht gewinnt.»

Beorn sah auf. Seine Augen leuchteten rot im Feuerschein. Er lachte. «Du warst schon immer der Fuchs, der sich schon auf den nächsten Kampf freut.» Er schob seine Hand vor. «Wenn ich sterbe, schwöre mir, dass du aus Aiken einen Krieger machst.»

Vallon reichte ihm die Hand. «Ich schwöre es.»

Beorn sprang auf und klopfte ihm auf den Rücken. «Ich habe dich schon zu lange vom Schlafen abgehalten. Du machst dir doch wegen der Schlacht keine Sorgen, oder?»

«Nicht besonders.»

Beorn stieß ein dröhnendes Lachen aus. «Gut. Das Schicksal verschont den furchtlosen Krieger.»

Vallon brachte ein schwaches Lächeln zustande. «Mein alter Freund Raul der Deutsche hat dasselbe gesagt.»

Beorn sah zu ihm herab, sein vierschrötiges Gesicht nahm einen besänftigten Ausdruck an. «Und er hatte recht.»

 

Bei Tagesanbruch führte Vallon seine Schwadron hinunter zum byzantinischen Lager. Banner und Standarten glänzten im Staub, der von Tausenden von Pferdehufen aufgewirbelt wurde. Hauptmann Conrad erwartete sie am äußeren Wall und führte sie durch das kontrollierte Chaos hindurch zum Hauptquartier des Megas domestikos, dem Feldmarschall des Kaisers. Ein griechischer General empfing Vallon mit schlecht verhohlenem Misstrauen.

«Ihr kommt spät. Euer Marschbefehl ist bereits Anfang September ergangen.»

«Er hat mich erst vor zwei Wochen erreicht, und die Petschenegen waren so betrübt, uns ziehen zu lassen, dass sie uns beinahe bis Nikopol nachgelaufen sind.»

Der General kniff angesichts Vallons subtiler Aufsässigkeit die Augen zusammen. «Ich vertraue darauf, dass Eure Schwadron kampfbereit ist.»

Vallon sah ein, dass es sinnlos war, diesem Mann zu erklären, wie erschöpft seine Männer und Pferde waren. «Ich werde meine Befehle gewissenhaft ausführen.»

Der General nickte langsam und wenig überzeugt.

Vallon räusperte sich. «Ich erbitte die Erlaubnis, die Position der Feinde auszuspähen. Meine Schwadron wird noch besser kämpfen, wenn wir zuvor das Land erkundet haben.»

Der General betrachtete Vallon mit finsterem Blick. Wie die meisten byzantinischen Kommandeure bedauerte er, dass die kaiserlichen Truppen hauptsächlich aus ausländischen Söldnern bestanden. «Nun gut. Aber seid vor der Dunkelheit wieder zurück. Nach Sonnenuntergang wird das Lager verriegelt. Niemand darf mehr hinaus oder herein.»

«Habt Ihr das gehört?», sagte Conrad, als sie sich zurückzogen. «Das muss bedeuten, dass der Kaiser morgen in die Schlacht ziehen will.»

Vallon nahm seine drei Zenturionen und einen Trupp berittener Bogenschützen auf seinen Erkundungsritt mit. Sie trabten über einen niedrigen Bergkamm in etwa einer Meile Entfernung von der Stadt. Von hier konnte er die Kerben in den Mauern der Zitadelle erkennen, die von den Schleudern der Normannen stammten. Er sah auch den sumpfigen Kanal, durch den der Kaiser einen Teil seiner Armee schicken wollte.

«Wenn Alexios dieser Schachzug eingefallen ist, dann können wir sicher sein, dass Guiskard die gleiche Idee hatte. Meine Herren, ich glaube, uns steht ein hitziger Kampf bevor.»

Lange Zeit blieb Vallon stehen und prägte sich die Besonderheiten des Terrains ein. Die Jahreszeit war trocken gewesen, und die Byzantiner hatten die Felder abgebrannt, um den Eindringlingen die Nahrungsmittelzufuhr abzuschneiden. Die verbrannte Ebene war ein ideales Terrain für die Kavallerie.

Er kehrte im goldenen Abendlicht zum Lager zurück und war gerade dabei, vom Pferd zu steigen, als Beorn zu ihm kam und ihn am Arm zog. «Komm. Der Kaiser hält gerade seinen letzten Kriegsrat.»

Sie eilten zu der Standarte mit dem doppelten Adlerkopf, die über dem kaiserlichen Hauptquartier wehte, einem großen, seidenen Pavillon, geschützt von drei Reihen Wachen. Eine weitere Wand aus Wachen hielt einige Offiziere davon ab, in den inneren Kordon einzudringen.

Einer der Wachen hob die Hand, um Vallon aufzuhalten.

«Der Graf kommt mit mir», sagte Beorn, und die Soldaten wichen vor seiner Körpermasse zur Seite.

Vallon folgte Beorn durch die Menge der Offiziere und ignorierte ihre finsteren Blicke, bis er einen freien Blick auf den Kaiser hatte. Alexios I. Komnenos saß auf einer Empore und diskutierte mit seinen obersten Kommandeuren. Auf den ersten Blick gab er keine besonders imposante Figur ab – sein bleiches Gesicht wurde beinahe vollständig von einem lockigen schwarzen Bart verdeckt, die Brust war eingefallen wie die einer Kropftaube –, und ohne sein Korselett aus vergoldetem Metall, das über der purpurfarbenen und goldenen Tunika lag, hätte niemand seinen hohen Rang und Titel erraten.

Vallon erkannte ein paar der Generäle. Der blonde Mann mit der krapproten Tunika und dem Umhang, der an einer Schulter von einer juwelenbesetzten Schnalle befestigt war, hieß Nabites, der «Leichenbeißer», der schwedische Kommandant der Waräger. Der beleibte Mann zu seiner Rechten war der Megas domestikos. Einer der Generäle, ein schlanker Mann mit hagerem, ernstem Gesicht, schien mit dem Kaiser zu streiten.

Vallon stieß Beorn in die Seite. «Das ist doch Paläologus, der Kommandant der Zitadelle.»

«Ja. Er hat sich aus Dyrrhachium hinausgeschlichen, als der Kaiser ankam, und wird heute Nacht dorthin zurückkehren, um seinen Angriff auf die Normannen zu koordinieren.» Beorn rieb sich die Hände. «Alles verläuft zu unseren Gunsten.»

Vallon sah, wie Paläologus zurücktrat und verzweifelt den Kopf schüttelte. «Er scheint deinen Optimismus aber nicht zu teilen.»

Alexios drehte sich um und ließ seinen Blick über die Menge schweifen. Beim Anblick seiner stechenden blauen Augen musste Vallon seinen ersten Eindruck von diesem Mann korrigieren: Der Kaiser hob eine Hand, und sofort trat Stille ein.

«Die Zeit des Redens ist vorüber, unsere Taktik ist abgestimmt. Ruht euch gut aus, denn morgen werden wir die Eindringlinge ins Meer treiben.» Er lächelte ein entwaffnendes Lächeln. «Es sei denn, jemand möchte noch etwas hinzufügen, was meinen Entschluss ins Wanken bringen könnte.»

Der Chor von Seufzern – vor Erleichterung oder aus Kampfeslust – klang ab, und die Stille wurde schwer.

Vallon hatte bis zu dem Moment nicht gewusst, dass er sprechen wollte, als die Worte schon aus seinem Mund flossen. «Ich sehe keinen dringenden Grund, einen Kampf zu riskieren.»

Beorn packte ihn am Arm. Köpfe wirbelten mit ungläubigem Gesichtsausdruck zu ihm herum. Ein General drängte sich wutschnaubend zu ihm durch. «Wer zum Teufel seid Ihr, dass Ihr Seine Kaiserliche Majestät befragt?»

«Das war keine Frage», sagte Vallon.

«Der Kaiser ist nicht an der Meinung irgendeines feigen Söldners interessiert.»

Alexios hob seinen juwelenbesetzten Stab. «Lass ihn reden», sagte er in gepflegtem Griechisch. Er beugte sich vor und hob die schwarzen Brauen höflich interessiert in die Höhe. «Wer bist du?»

«Graf Vallon, Kommandant der ausländischen Schwadrone.» Er sprach ein eher einfaches, umgangssprachliches Griechisch und hörte, wie Männer sich Ethnikistis, Fremder, und andere Beleidigungen zuraunten.

Alexios beugte sich weiter vor. «Erklär uns den Grund für dein Zögern.» Er wedelte mit seinem Stab, um das wütende Zischen um Vallon zum Schweigen zu bringen. «Nein, bitte. Ich möchte die Antwort des Franken hören.»

«Es ist nicht Feigheit, die mich zum Sprechen drängt», sagte Vallon. Er sah, dass ein Schreiber jedes seiner Worte festhielt. Er holte tief Luft. «Der Winter kommt. In einem Monat werden die Normannen nicht weiter vordringen können, selbst wenn sie die Stadt einnehmen. Noch aber können sie sich nach Italien zurückziehen. Sie haben bereits schwere Verluste erlitten – die Zerstörung ihrer Flotte, das Wüten der Pest. Der Großteil ihrer Armee besteht aus unwilligen Wehrpflichtigen. Lassen wir sie doch am langen Arm verhungern.»

Paläologus nickte, und Alexios sah sich in den zustimmenden Gesichtern anderer Kommandanten um, bevor er sich wieder an Vallon wandte. Er machte ganz den Eindruck eines Mannes, der sich einer Diskussion nicht verweigern wollte. «Einige meiner Generäle teilen deine Meinung», sagte er. Dann verhärtete sich sein Gesichtsausdruck, seine Stimme hob sich, und seine stechend blauen Augen zogen die Zuhörerschaft in Bann. «Ich werde euch sagen, was ich ihnen geantwortet habe.» Er wartete ab, bis die Stille vollkommen war, um sie erneut zu durchbrechen. «Es ist wahr, dass die Normannen Verluste erlitten haben. Wenn wir uns zurückziehen, ist es gut möglich, dass sie nach Italien zurückkehren, um dort zu überwintern. Aber im nächsten Frühling werden sie zurück sein, mit einer größeren Flotte und Armee und einem ganzen Jahr Zeit, um Land zu gewinnen. Was uns angeht, so haben wir bereits unsere Armeen von den Stellungen in Anatolien zurückgezogen und sie den Seldschuken übergeben. Nein, wir sind jetzt am stärksten. Jetzt ist die Zeit zum Angriff!»

Um Vallon herum reckten sich Hunderte von Fäusten in die Luft. Die Zustimmung für den Kaiser war so laut, dass selbst die Normannen in vier Kilometern Entfernung nicht mehr daran zweifeln konnten, dass der Befehl zur Schlacht erteilt worden war.

Beorn zog Vallon mit sich und fegte auf dem Weg einen Offizier beiseite, der sich an den Franken klammerte und ihm ins Gesicht spuckte. Als Beorn den Weg frei gemacht hatte, riss er Vallon herum. «Was zum Teufel hat dich geritten, dem Kaiser zu widersprechen? Du hast gerade deine Karriere beendet und mir die Chancen verdorben, jemals Kommandant der Warägergarde zu werden.»

«Ich habe nur die Wahrheit ausgesprochen, wie ich sie sehe. Wie auch Paläologus sie sieht, nach monatelanger Erfahrung.»

Beorn biss die Zähne zusammen. Sein Atem kam stoßweise. «Dummkopf. Die Wahrheit ist das, was der Kaiser will.»

Immer noch fassungslos verschwand er in der Menge und ließ Vallon allein. Ein byzantinischer Offizier rempelte ihn an, andere murmelten Bemerkungen über seinen feigen Charakter. Mit ernstem Gesicht, die Hand am Schwert, machte Vallon sich auf den Weg zu seiner Schwadron. Er ahnte nicht, dass das Schicksal seinen gleichgültigen Blick auf Beorn geworfen hatte und er niemals wieder mit ihm sprechen würde.

II

Die Nacht war mondlos am Vorabend der Schlacht. Nichts war zu sehen, außer das schwache Glühen der normannischen Feuer, die um die Stadt herum brannten. Vallon konnte nur am Klirren von Metall und am Knarren der Pferdesättel erkennen, dass er inmitten seiner Schwadron stand. Weiter vorn trommelten Hufe über den Boden und standen dann still. Er hörte, wie Losungsworte ausgetauscht wurden. Kurze Zeit später kam Conrad zu ihm.

«Ihr hattet recht, Graf. Die Normannen haben die Stadt verlassen und nähern sich der Ebene.»

«Bring die Nachricht dem Megas domestikos.»

Dichter Nebel lag über der Küste. Das Tageslicht drang nur langsam hindurch, ließ Formen aus dem Dunkel hervortreten und wieder verschwinden, bis endlich die Sonne über den Hügeln hinter ihnen aufging und die Schwaden lüftete. Jetzt zeigte sich, dass sich die normannische Armee auf einer Meile entlang der Ebene formiert hatte. Sie standen vollkommen still, ihre Banner hingen schlaff herunter, und ihre Waffen glänzten im schwachen Licht wie Blei. Hinter ihnen konnte Vallon die Flotte der venezianischen und byzantinischen Schiffe sehen, die außerhalb der Bucht südlich von Dyrrhachium den Seeweg blockierten.

Das schaurige Trampeln von Tausenden von Füßen und Hufen kündigte die Ankunft der byzantinischen Armee an. Nach in vielerlei Schlachten erprobter Tradition war sie in drei große Formationen aufgeteilt; der Kaiser ritt in der Mitte, zu seiner Rechten führte sein Schwager das Regiment an. Zu seiner Linken, nicht weit von Vallon, befand sich die Tagma, die vom Megas domestikos befehligt wurde. Seine Truppen trugen glänzende Brustpanzer, Beinschienen und Helme aus Eisen; Kettenpanzer schützten ihre Hälse. Die Flanken ihrer Pferde waren mit Rindslederhäuten bedeckt, die Köpfe mit eisernen Masken, sodass Mensch und Tier eher Maschinen glichen als Wesen aus Fleisch und Blut. Vallons eigene Männer trugen schlichte Kettenhemden oder Lederwämser, die vom langen Tragen rostfleckig aussahen.

Die kaiserliche Armee nahm in einer Linie mit Vallon Stellung, weniger als eine Meile vor der normannischen Front. Der Megas domestikos hatte Vallons Schwadron auf der linken Flanke und nahe der Küste positioniert. Vallons Einwände am gestrigen Abend hatten ihn als unzuverlässig gebrandmarkt, sodass man ihm keine zentralere Position zubilligte. Ihm war es gleichgültig. Seine Männer befanden sich am Rand des Geschehens. Ob die Schlacht nun zu ihren Gunsten verlief oder nicht, sie würden nicht viel davon mitbekommen. Wie Beorn gesagt hatte, würde der Kampf von der schweren Kavallerie und der Infanterie entschieden werden.

Eine Bewegung in den hinteren Reihen der Byzantiner kündigte die Ankunft der Warägergarde zu Pferde an. Die Klingen ihrer Doppeläxte glänzten in der Sonne. Sie stiegen ab und bildeten etwa hundert Meter vor der kaiserlichen Standarte ein Karree. Knappen führten ihre Pferde fort, und eine Schwadron leichter Kavallerie trabte in die Lücke zwischen den Warägern und dem kaiserlichen Zentrum. Es waren berittene Elite-Bogenschützen, die aus christianisierten Magyaren in Mazedonien rekrutiert worden waren.

Priester segneten die Regimente; der Geruch aus ihren Weihrauchgefäßen zog über die Ebene. Vallons Schwadron fiel in das Trisagion ein, die Kriegshymne. «Heiliger Gott, heiliger starker Gott, heiliger unsterblicher Gott, erbarme dich unser» – und seine muslimischen und heidnischen Krieger sangen ebenso leidenschaftlich wie ihre christlichen Kameraden.

Nun schien die tiefstehende Herbstsonne durch die normannischen Linien und beleuchtete die herrlichen Standarten der Byzantiner. Vallon warf einen Blick auf sein eigenes Banner, die fünf rechteckigen Wimpel, die in der Morgenbrise flatterten. Ein Kriegshorn ließ sein Blut erstarren. Trompeten erschallten, und Trommeln dröhnten, hallten in seiner Brust wider. Mit einem Schrei, der ihm die Haare zu Berge stehen ließ, stürmten die Waräger in den Kampf. Die normannische Antwort hallte schwach und unheimlich über das Schlachtfeld, und über Vallons Kopf hinweg flog ein Schwarm Schwalben gen Süden.

Die Waräger liefen in voller Geschwindigkeit und sangen ihr Schlachtlied; die riesigen Äxte hielten sie über die linke Schulter erhoben, die Schilde auf ihren Rücken. Vallon konnte seine Bewunderung nicht unterdrücken. Und auch seine Sorge. Wie sollte eine Infanterie, wie mutig und erfahren sie auch war, den berittenen Lanzenreitern widerstehen? Er setzte seinen Helm auf, hob die Hand und ließ sie wieder sinken.

«Vorwärts.»

Sie ritten im Schritt, hielten sich auf einer Höhe mit den Warägern. Als die Entfernung zwischen den beiden Armeen auf die Hälfte geschrumpft war, löste sich ein Teil der normannischen Kavallerie aus der Mitte und ritt frontal auf die Waräger zu. Die Waräger rückten dichter zusammen.

«Das ist eine Finte», sagte Vallon.

Beim Schall einer Trompete teilte sich der Vortrupp aus Warägern und öffnete den Bogenschützen hinter ihnen einen Korridor. Diese galoppierten hindurch und schossen an seinem Ende ihre Pfeile auf die Kavallerie ab, bevor sie ihre Pferde herumrissen und an den Flanken der Waräger wieder zurückritten.

Das Karree schloss sich wieder und setzte seinen Marsch fort. Die normannische Kavallerie griff erneut an, die Waräger und Bogenschützen konterten mit dem gleichen Schachzug wie zuvor. Die Normannen wagten einen dritten Vorstoß, und diesmal ritten die Bogenschützen um die Waräger herum und schossen ihre Pfeile aus einer Entfernung von nur noch fünfzig Metern ab. Vallon sah, wie die Reiter fielen und Pferde zu Boden gingen.

«Das hat ihnen einen Stich versetzt», meinte Conrad.

Direkt gegenüber von Vallons Position trieb Guiskards rechter Flügel die Pferde zum Trab und näherte sich über das Schlachtfeld.

«Jetzt geht es los», sagte Vallon. Mit zugeschnürter Kehle sah er zu, wie die Formation in schnellem Trab und dann im Galopp auf die linke Flanke der Waräger zuritt. Die Pfeile der Bogenschützen konnten sie nicht aufhalten. Vallon verzog das Gesicht, als die Pferde mitten in die Formation der Waräger hineinpreschten. Er hielt sich den Kopf, als die Formation auseinanderbrach, und stellte sich in die Steigbügel. Die Kavallerie verlangsamte und drehte sich auf der Stelle. Kriegstumult drang über die staubige Ebene – das Aufeinanderprallen von Eisen, das dumpfe Geräusch schwerer Äxte, die auf Fleisch und Knochen trafen, blutrünstiges Gebrüll, das Schreien verletzter Pferde und sterbender Männer.

Er setzte sich wieder in den Sattel. «Sie halten stand.»

«Rechts gibt es ebenfalls leichte Gefechte», sagte Conrad.

Vallon ließ seinen Blick über die byzantinische Front schweifen, kehrte dann aber schnell zum schaurigen Kampf in der Mitte zurück. Der Angriff auf die linke Flanke der Waräger war zum Stehen gekommen. Ihre schrecklichen Äxte hatten einen Wall aus toten Pferden hinterlassen, und die Kavallerie konnte keinen Durchgang finden. Noch während sie sich drehten und wendeten, feuerten die Bogenschützen aus nächster Nähe Pfeile auf sie ab.

Conrad fuhr herum. «Warum rückt Guiskard nicht mit seinem Zentrum vor?»

Vallon fuhr mit den Fingerknöcheln über seine Zähne. «Ich weiß es nicht. Das macht mir ebenfalls Sorgen.»

Die normannische Kavallerie, die das Karree der Waräger nicht durchbrechen konnte und gegen die Bogenschützen machtlos war, riss ihre Pferde herum und ritt davon; erst vereinzelt, dann wurden es mehr und mehr, bis der Staub ihrer Hufe die Formationen verdeckte.

Vallon stellte sich wieder in den Sattel. «Nein!»

Im staubigen Nebel nur schlecht zu sehen, nahmen die Waräger die Verfolgung ihrer Feinde auf, liefen wie Bluthunde hinter ihren verhassten Widersachern her. Vallon erkannte an dessen zinnoberrotem Bart Beorn, der die Verfolgung anführte. Vallon trieb sein Pferd an und galoppierte auf das Regiment des Megas domestikos zu, fuchtelte mit den Armen, um anzuzeigen, dass es keine Zeit zu verlieren gab. «Folgt ihnen!»

Ein paar Kavalleristen warfen ihm einen Blick zu, dann wandten sie den Blick wieder auf das Geschehen, als diene alles hier nur zu ihrer Unterhaltung.

Vallon preschte zurück zu seiner Formation. «Hinterher!», brüllte er. «Und greift erst auf meinen Befehl hin an.»

Seine Schwadron gab ihren Pferden die Sporen und galoppierte den fliehenden Normannen und den sie verfolgenden Warägern hinterher. Hier und dort hatten sich einzelne normannische Reiter wieder gegen ihre Feinde gewandt, wurden umringt und niedergeschlagen.

Conrad kam auf Vallons Höhe geritten. «Das ist keine Finte. Sondern eine Schlappe.»

Vallon galoppierte weiter. «Noch ja.»

Und eine Weile lang war es das. In der Panik der Schlacht floh der rechte Flügel der Normannen zurück zum Meer. Einige rissen sich die Rüstung herunter, sprangen hinein und versuchten ihre Schiffe zu erreichen. Der Rest ritt am Ufer hin und her und schien nicht zu wissen, wohin. Eine Abteilung der normannischen Kavallerie und ihre Bogenschützen schnitt zwischen sie und die Waräger, angeführt von einer Gestalt, deren blonde Haare unter dem Helm hervorquollen. Sie ritt vor und zurück, schlug auf die Feiglinge ein, trieb sie an, sich wieder gegen den Feind zu richten.

«Es ist wahr», sagte Vallon. «Das ist Sichelgaita, Guiskards Frau.»

Ihr Einschreiten brachte die Wende. Erst vereinzelt, dann in Gruppen von zehn, dann zwanzig Mann, formierte sich die Kavallerie erneut und kehrte um. Die Waräger waren über eine halbe Meile hinweg über die Ebene verstreut. Sie hatten einen erbitterten Kampf gefochten und waren ihrem alten Feind in schwerer Rüstung gefolgt, um ihn endlich zu schlagen. Sie waren versprengt, erschöpft und konnten der Gegenattacke der Normannen nichts entgegensetzen.

Vallon sah dem Gemetzel in ungläubiger Wut zu. Wieder und wieder hatte Beorn ihm erzählt, wie der fingierte Rückzug der Normannen in Hastings die englische Schildmauer zu Fall gebracht hatte. Und nun wiederholte es sich.

Conrad ritt an Vallons Seite. «Wir können das Blatt wenden», sagte er.

«Nein.»

Einigen der Waräger, darunter Nabites, dem Kommandeur, gelang die Flucht hinter die byzantinischen Reihen. Andere kämpften sich ihren Weg durch die Normannen und hielten auf eine winzige Kapelle in der Nähe des Meeres zu. Als sie das Gebäude erreichten, waren es bereits zweihundert – ein Viertel der Kampfstärke, mit der sie noch vor einer Stunde so tapfer vorangezogen waren.

Die Kapelle war zu klein, um sie alle aufzunehmen. Viele retteten sich auf das Dach, bis es zusammenbrach und etliche Männer unter sich begrub. Die Normannen waren bereits dabei, das Gebäude anzuzünden. Sie stapelten Reisig um die Mauern und schleuderten Brandsätze hinein. Flammen leckten empor, bald stiegen Rauchsäulen auf. Holz zerbarst, und Vallon hörte die Schreie der Männer, die bei lebendigem Leibe verbrannten.

Die Tür sprang auf, und ein Dutzend Waräger brach heraus, angeführt von Beorn. Sein Bart war bis auf die Stoppeln weggebrannt, seine Stirn war voller Brandblasen. Beorn schlug einen Normannen mit solcher Kraft, dass dieser wie ein Scharnier zusammenklappte, dann waren zehn Männer über ihm und droschen auf ihn ein, als wäre er eine Ratte, die man zur Erntezeit im Schuppen erwischte.

«Da kommt Paläologus», sagte Conrad.

Seine Garnison ritt von der Zitadelle herab, traf aber beinahe sofort auf heftige Gegenwehr, und der Versuch lief ins Leere.

«Zu wenige und zu spät», sagte Vallon.

Ein Chor von Kriegsschreien kündigte einen Angriff von Guiskards Regiment auf die ungeschützte Mitte des Kaisers an.

«Zurück!», brüllte Vallon.

Angeführt von Guiskard galoppierte die normannische Kavallerie in Richtung der kaiserlichen Standarte und fegte die Bogenschützen beiseite, die ihnen in den Weg treten wollten. Die Soldaten der kaiserlichen Armee waren unbeweglich in ihren Rüstungen und kamen zu schwerfällig voran, um dem Angriff zu begegnen. Die Gegner trafen mit lautem Krachen aufeinander.

Aufwirbelnder Staub verdeckte die Sicht auf den Kampf. Vallon trieb sein Pferd näher und versuchte, die beiden Seiten auszumachen.

«Die Normannen haben das Zentrum durchdrungen!», schrie er.

Sie hatten die byzantinische Formation aufgespalten und einen tiefen Keil hineingetrieben.

Vallon versicherte sich, dass seine Schwadron bei ihm war, und riss sein Pferd nach links. «Näher ran! Bleibt formiert!»

Er ritt auf die kaiserliche Standarte zu, den einzigen Fixpunkt auf dem Schlachtfeld. Doch dann erkannte er, dass der Fixpunkt sich bewegte. Er hatte sich umgedreht und kam zurück. Und drüben auf der rechten Flanke flüchtete eine weitere byzantinische Formation.

«Verrat!», schrie Conrad. «Die Serben desertieren!»

Und sie waren nicht die Einzigen. Hinter der schweren byzantinischen Kavallerie klemmten die Seldschuken – alle zehntausend Mann – den Schwanz ein und flohen, bevor sie auch nur einen einzigen Schlag ausgeführt hatten.

«Eine Katastrophe», stöhnte Vallon. «Ein vollkommenes Desaster.»

«Passt auf, hinter Euch!», schrie Conrad und riss sein Pferd herum.

Vallon wirbelte herum und sah eine Schwadron normannischer Reiter mit angelegten Lanzen und flatternden Kettenhemden aus dem Staub auf sie zukommen.

«Zum Angriff!», brüllte er. «Bogenschützen!»

Mit dem ersten Pfeilregen brachten sie mehr als zehn Feinde zu Fall, denn abgeschossen von ihren mächtigen Bogen durchdrangen die Pfeile selbst eiserne Kettenhemden.

Vallon zog seinen Streitkolben. «Speere!»

Eine Masse von Wurfgeschossen flog in einem Bogen auf die herangaloppierende Kavallerie. Einige trafen ihr Ziel. Und dann war der Feind da. Vallon sonderte einen blindlings auf ihn zureitenden Mann aus. Sein Angreifer sprang im Sattel auf und ab, doch seine Lanze war fest ausgerichtet. Vallon wartete bis zum letzten Moment, dann duckte er sich vor der Lanzenspitze weg, stellte sich mit seinem ganzen Gewicht in den rechten Steigbügel und ließ seinen Kolben mit solcher Gewalt auf den behelmten Kopf des Normannen niederfahren, dass dieser rückwärts über den Pferdeleib stürzte.

Blut und Hirnmasse klebten an Vallons Hand. Er blickte sich schnell nach rechts und links um und schätzte die Lage ab. Einige Normannen waren direkt durch seine Schwadron hindurchgeritten und verschwanden bereits im Staub. Andere hatten ihre Schwerter gezogen. Während der Großteil seiner Schwadron Mann gegen Mann kämpfte, umkreisten die Bogenschützen das Schlachtengewühl und schossen auf ihre Opfer, sobald sie sich darboten. Die auf sie einprasselnden Schwerthiebe und Pfeile waren zu viel für die Normannen, und sie brachen den Kampf ab. Einer von ihnen riss sein Pferd so heftig herum, dass es das Gleichgewicht verlor und stürzte. Es fiel auf seinen Reiter und brach ihm das Bein, sodass er aufschrie. Im Fallen löste sich sein Helm, und sein Nackenschutz rutschte herunter. Aus einem vor Entsetzen aufgerissenen Auge sah er, dass Vallon zum Todesstreich ausholte.

Vallon beugte sich herunter und zerschlug ihm den Schädel. «Gnade deiner Seele.»

So kurz das Gemetzel gewesen war, es hatte dazu geführt, dass er den Überblick verloren hatte. Der aufwirbelnde Staub machte es ihm unmöglich zu erkennen, was geschah. Das Einzige, was er mit Sicherheit wusste, war, dass die Byzantiner diesen Tag verloren hatten. Wenn der Kaiser gefallen war, war vielleicht sogar das Reich verloren.

Er rief seine Truppe zusammen. «Mir nach!»

Weniger als die Hälfte seiner Schwadron gehorchte. Der Rest war im Staub nicht zu erkennen oder vom Angriff auseinandergetrieben worden. Vallon erreichte die Haupttruppe der Normannen erst, als sie das kaiserliche Lager bereits überrannt hatten. Es war erst am vorigen Abend gewesen, als Alexios dort den Sieg versprochen hatte.

Vallons Schwadron ließ die Normannen hinter sich. Ein flüchtender byzantinischer Kavallerist kreuzte ihren Weg.

«Wo ist Alexios?», fragte Vallon. «Ist er am Leben?»

«Ich weiß es nicht.»

Vallon musste eine weitere Meile geritten sein, bis er die byzantinische Nachhut entdeckte, die verzweifelt versuchte, sich der Verfolgung durch die Normannen entgegenzustellen. Doch sie waren der Aufgabe nicht gewachsen. Ihre Aufgabe war es, die Feinde mit einer geschlossenen Formation anzugreifen und sie mit dem ganzen Gewicht ihrer Waffen und Rüstungen zu vernichten. Doch die so aufwendig hergestellten Brust- und Rückenpanzer, die Beinschienen, Arm- und Schulterbänder wogen doppelt so viel wie die normannischen Kettenhemden und machten sie zu unbeholfenen Zielscheiben.

Vallon ritt durch sie hindurch und konnte schließlich eine Gruppe von Nachzüglern aus der kaiserlichen Wache überholen. Er ritt auf Höhe eines Offiziers.

«Ist der Kaiser am Leben?»

Der Offizier deutete vorwärts, und Vallon galoppierte weiter, überholte Freund und Feind. Die Normannen waren so entschlossen, Alexios zu erreichen, dass sie kaum den Franken bemerkten, der an ihnen vorbeiritt. Doch einer von ihnen, der auf einem besonders schönen Pferd saß und die Schärpe eines Feldherrn trug, hörte, wie Vallon einen Befehl auf Französisch brüllte, und ritt auf ihn zu.

«Ihr seid Franke. Ihr werdet heute bereuen, dass Ihr auf dieser Seite kämpft.»

Vallon bohrte seinem Pferd die Sporen in die Seite. «Das ist bloß Kriegsglück.»

Der Ritter konnte seinem Tempo nicht folgen. «Wie heißt Ihr?»

«Vallon.»

«Nicht so schnell, Sir.»

Vallon blickte zurück und sah, dass der Mann seinen Helm lüftete. Darunter kam ein hübsches, gerötetes Gesicht zum Vorschein.

«Ich bin Bohemund. Wenn Ihr die Schlacht überlebt, dann bewerbt Euch bei mir um eine Stellung. Ihr findet mich im Palast von Konstantinopel.»

Vallon trieb sein Pferd an. Die Schar der Reiter vor ihm lichtete sich und gab das Herz der kaiserlichen Wachen frei, die sich um einen Reiter drängten, der in eine glänzende Rüstung und gesteppte Seide gekleidet war. Ungefähr fünfzig normannische Kavalleristen versuchten, die Reihen der Wachen zu durchdringen.

Vallon galoppierte hinter sie, schob sich das Schild auf den Rücken, befestigte seinen Streitkolben und zog seine beiden Schwerter – die schöne Klinge aus Toledo, die er einem maurischen Kommandanten in Spanien abgenommen hatte, und das säbelartige byzantinische Schwert, das er an seiner linken Hüfte trug. Die zielstrebigen Normannen erwarteten keinen Angriff von hinten und sahen ihn nicht kommen. Seit seiner Kindheit hatte Vallon den beidhändigen Schwertkampf trainiert. Er ritt zwischen zwei der verfolgenden Normannen, ließ die Zügel los und schlug erst den einen, dann den anderen im Abstand eines Herzschlages nieder.

Der heftige Angriff hatte ihn aus dem Gleichgewicht gebracht. Er musste den Säbel aufgeben, um sich wieder aufzurichten und nach den Zügeln zu greifen. Er war kein Jüngling mehr und würde einen solchen Schlag nicht noch einmal versuchen.

Ein normannischer Offizier gab mit heftigen Gesten ein Zeichen, und ein Dutzend gepanzerte Reiter stürmten auf Vallon zu. Er sah sich um, wie viele aus seiner Schwadron noch bei ihm waren. Nicht mehr als zwanzig.

«Haltet sie auf!», schrie Vallon. Sein Blick fiel auf Gorka, einen baskischen Anführer von fünf Soldaten. «Du. Bleib dicht bei mir.»

Jetzt war der Weg vor ihm beinahe frei, und Vallon konnte erkennen, dass die Normannen durch den Abwehrschild des Kaisers gedrungen waren. Drei von ihnen griffen zur gleichen Zeit den Kaiser von rechts an. Alexios, der auf dem schönsten Pferd saß, das für Gold zu kaufen war, konnte ihren Waffen nicht ausweichen. Ein Normanne bohrte seine Lanze in die mit Leder bedeckte Flanke des Pferdes. Die anderen beiden stießen dem Kaiser ihre Waffen von rechts in die Seite, sodass er nach links kippte. In diesem Winkel konnte er sich nicht lange halten.

Vallon war noch fünfzig Meter entfernt und konnte nicht eingreifen. Hilflos wartete er darauf, dass der Kaiser fiel. So würde das Reich also enden.

Doch Alexios fiel nicht. Sein rechter Fuß verhakte sich im Steigbügel, und irgendwie konnte er sich auf dem Pferd halten. Zwei weitere Normannen griffen von links an, um den tödlichen Schlag auszuführen. Sie zielten sorgfältig und stießen beide Lanzen in Alexios’ linke Brustseite.

Hätte Vallon es nicht selbst gesehen, hätte er es nicht geglaubt. Genau wie beim vorigen Angriff drangen auch diese Spitzen nicht durch den Panzer. Stattdessen beförderte die Kraft der Stöße den Kaiser wieder zurück in den Sattel, und er ritt weiter, trotz der drei Lanzenschäfte, die eingeklemmt zwischen seinem Schichtpanzer an ihm hingen.

Vallon sah den finalen Schlag gegen den Kaiser erst, als es schon zu spät war. Ein Normanne ritt zu ihm herüber, den Morgenstern in der hochgereckten Hand, wild entschlossen, den Ruhm einzuheimsen. Vallon trieb sein Pferd noch schneller an, um den Schlag irgendwie aufzuhalten. Er drehte sein blutiges Gesicht weg, als der Normanne mit dem Morgenstern ausholte, um den Kaiser zu vernichten.

Gorka schoss an Vallon vorbei, das Schwert hinter der Schulter. «Er gehört mir!», rief er, und mit einem mächtigen Schlag beförderte er den Kopf des Normannen über die Ebene.

Vallon hatte den Feind überholt, und der Fluss war weniger als eine Viertelmeile entfernt. Er ritt neben den Kaiser. Blut floss aus einer Wunde in Alexios’ Stirn.

«Reitet über den Fluss, da seid Ihr sicher.»

Alexios hob zustimmend die Hand, und Vallon hielt sein Pferd dicht neben seinem. Gemeinsam brachen sie durch das Wasser und kämpften sich durch die Strömung. Auf der anderen Seite versammelte sich eine byzantinische Streitmacht um den Kaiser, die groß genug war, um sich den Normannen entgegenzustellen. Männer, die vor kurzem nur an ihr eigenes Leben gedacht hatten, hoben Alexios aus dem Sattel und jubelten über sein Entkommen. Ärzte eilten zu ihm, um ihn zu versorgen. Auf seiner Stirn klaffte ein Loch. Vallon stieg ab und trat zurück, während die Ärzte ihre Arbeit taten.

Ein Offizier eilte vorbei und schlug ihm auf den Rücken. «Gott sei gepriesen, der Kaiser wird überleben.»

Vallon erkannte den Mann als den, der ihm am Abend zuvor ins Gesicht gespuckt hatte. Nach den abscheulichen Ereignissen des Tages setzte sein Verstand aus. Er stieß einen Arm vor, packte den Mann und riss ihn herum. «Das ist nicht dein Verdienst», sagte er. Und von Gefühlen überwältigt schlug er den Mann zu Boden und stellte sich mit gezücktem Schwert über ihn. «Im Lager kannst du leicht über Mut und Ehre prahlen. Aber im Angesicht von kampferprobten Kriegern, die sich einen Dreck um deine adlige Herkunft scheren, ist es wohl nicht so leicht, die Worte in die Tat umzusetzen.»

Der Offizier kam auf die Beine und zückte sein Schwert. Vallon beförderte es zur Seite und schlug mit seinem Schild gegen den Kopf des Offiziers, sodass er wieder zu Boden ging.

«Steh doch auf, wenn du dich traust.»

Hände packten Vallon und zogen ihn weg. Ein griechischer Soldat zog sein Schwert, bereit zuzuschlagen.

«Hört auf!», rief eine Stimme. «Lasst den Mann frei.»

Ein byzantinischer General ritt in Vallons Blickfeld und sah sich um. «Einer der angeworbenen Kommandanten hat dem Kaiser zur Flucht verholfen. Lasst ihn vortreten.»

Vallon grinste den Offizier an, den er niedergeschlagen hatte, und schob sein Schwert zurück in die Scheide. «Damit meint Ihr wohl mich.»

Als Vallon zum Kaiser trat, hob Alexios sein bleiches Gesicht und lachte. «Ich hätte es wissen müssen. Es scheint, du bist mir nur zu Hilfe gekommen, um mir zu sagen, dass deine Einschätzung richtig war.»

Vallon verbeugte sich. «Nicht ganz. Eure Taktik wäre aufgegangen, hätten die Waräger nicht so hohe Verluste erlitten. Ich danke Gott dafür, dass er Euch am Leben gelassen hat, und bitte darum, weiter für die Verteidigung des Reiches kämpfen zu dürfen.»

Alexios sah ihn aus seinen intensiven blauen Augen an, dann erlaubte er den Ärzten, ihn zurück auf die Kissen zu legen. Er ließ eine Hand in der Luft kreisen und schloss die Augen. «Vallon, der Franke. Merkt euch diesen Namen und streicht alles andere aus der Erinnerung.»

Konstantinopel

III

Vallon brachte seine Schwadron im Winterquartier von Hebdomon unter, sieben Meilen südlich von Konstantinopel, und machte sich allein auf den Heimritt. Er durchquerte die dreifache Verteidigungslinie der Stadt durch das Goldene Tor und ritt unter einem Triumphbogen hindurch, der von kaiserlichen Statuen, Reliefs und einem von vier riesigen Elefanten gezogenen Streitwagen nur so strotzte. Sein Weg führte ihn über die Mese, die breite, mit Marmor gepflasterte Prachtstraße, über die Kaiser auf ihre Feldzüge zogen oder über die sie von dort zurückkehrten. Es hatte geschneit, und Vallon hatte die Straße beinahe für sich allein. Unter dem dämmrigen Novemberhimmel wirkte die Stadt still und melancholisch. Er ritt über leere Plätze und fühlte sich neben den großen Statuen toter Herrscher winzig klein. Ihre siegessichere Haltung machte die Niederlage bei Dyrrhachium nur noch schlimmer. Am Konstantin-Forum wandte er sich nach links und ritt hinunter zum Hafen von Prosphorion an der südlichen Seite des Goldenen Horns. Hier nahm er eine Fähre zum nördlichen Ufer, stieg wieder auf sein Pferd und ritt hinauf in den Vorort Galata.

Seine ummauerte Villa stand beinahe ganz oben auf dem Hügel. Als er sah, dass die Tür zum Hof nicht verriegelt war, runzelte er die Stirn. Er stieg vom Pferd, schob sie auf und trat ein, erleichtert, wieder zu Hause zu sein. Ein paar Augenblicke lang stand er nur da und nahm die Atmosphäre in sich auf. Seit vier Jahren gehörte ihm nun diese Villa, und in der ganzen Zeit hatte er nicht mehr als elf Monate unter ihrem Dach verbracht.

Von einem Bereich hinter dem Stall hörte er das Klirren von Trainingsschwertern. Vallon führte sein Pferd hinüber und fand Aiken im Training mit dem Wikinger Wulfstan, seinem Wachmann. Vallon sah ihnen eine Weile zu. Er wollte den Moment aufschieben, in dem er Aiken die schlechten Neuigkeiten überbringen musste.

Wie immer staunte er darüber, wie wenig der Junge seinem Vater ähnelte. Aiken war schlank, von mittlerer Größe, hatte glatte, mattbraune Haare und graue Augen. Im Körper seines Vaters hätten bequem zwei von seiner Statur Platz gehabt. Selbst wenn man das Erbgut seiner Mutter mit einbezog, konnte man nicht glauben, dass Beorn wirklich sein Vater war. Doch der Waräger hatte nie über dieses Thema gesprochen und den Jungen wie sein eigen Fleisch und Blut behandelt.

Wulfstan senkte sein Schwert. «Nein! Du kommst immer näher. Du bist doch keine Schnecke, du hast kein Gehäuse. Damit zeigst du deinem Gegner nur, dass du Angst hast.»

«Ich habe ja auch Angst. Wer hätte denn keine?»

«Hör zu. Es gibt keinen Grund, Angst davor zu haben, in der Schlacht zu fallen. Wenn du einen tödlichen Schlag bekommst, dann denkst du wegen dem Schock und dem Schmerz gar nicht an den Tod. Und wenn du tot bist, denkst du schon mal an gar nichts mehr.»

«Das ist falsche Dialektik. Nach Plato –»

«Hör mal, Junge, ich bin vielleicht nicht so belesen wie du, aber eines weiß ich: Ein Mann, der sich vor dem Tod fürchtet, fürchtet sich auch vor dem Leben, und ein Mann, der sich vor dem Leben fürchtet, kann genauso gut tot sein.»

Vallon räusperte sich.

Wulfstan wirbelte herum, und sein mit Narben übersätes Gesicht leuchtete auf. Er befreite den Stumpf seiner linken Hand aus der Schlaufe, die am Rücken seines Schildes angebracht war. «Graf Vallon! Willkommen zu Hause, Sir!»

«Es ist schön, wieder hier zu sein», sagte Vallon, ohne die Augen von Aiken zu lassen.

Wulfstan kannte diesen Blick und wusste sofort, was er bedeutete. «Der Herr sei uns gnädig. Sagt mir nicht …»

Vallon reichte ihm die Zügel seines Pferdes. «Sie ist müde. Füttere und tränke sie und reib sie ab.»

«Ja, Sir», sagte Wulfstan niedergeschlagen.

Aiken lief mit jungenhaftem Grinsen herbei. Dann bemerkte er Vallons Gesichtsausdruck, und sein Lächeln schwankte.

Vallon sagte es geradeheraus. «Es tut mir leid, dass ich dir schlechte Nachrichten überbringen muss. Dein Vater ist bei Dyrrhachium gefallen. Er starb ehrenvoll, mit der Schlachthymne auf den Lippen, als er einen Angriff gegen die Normannen anführte. Er hat nicht gelitten.»

Aiken schluckte. Etwas in seinem Hals klickte.

Vallon nahm seine Hände. «Vor der Schlacht haben dein Vater und ich eine Weile über dich gesprochen. Er sagte mir, wie stolz er auf deine Leistungen war. Genauso wie ich. Wir werden eine Messe abhalten, um für den Aufstieg seiner Seele in den Himmel zu beten. Du wirst eine Zeitlang trauern und nachdenken wollen, aber danach möchte ich dich als meinen Sohn adoptieren. Ich weiß, dass du diesen Platz im Herzen meiner Lady Caitlin bereits besitzt.»

Eine Träne glitzerte in Aikens Wimpern. «Was für ein Verlust», keuchte er. Dann riss er sich los und stolperte davon.

Die Haustür öffnete sich, und Vallons Töchter liefen heraus, rutschten über die Schräge. «Vater! Vater!»

Er fing jede mit einem Arm auf und wirbelte sie herum. «Zoe! Helena! Wie seid ihr gewachsen! Und wie hübsch ihr geworden seid.»

Über ihren Köpfen sah er Caitlin auf die Veranda eilen, gefolgt von Peter, seinem Hausdiener. Ihre Lippen zitterten. Sein eigener Mund verzog sich ebenfalls, und sein Herz machte einen Satz. Mit dreiunddreißig war sie noch genauso schön wie am ersten Tag ihrer Begegnung. Vielleicht noch schöner, dank der Pflege der Dienerinnen und Näherinnen.

Sie hob den Saum ihres Rockes an und eilte zu ihm hinunter. «Du hättest Nachricht von deiner Rückkehr schicken sollen. Dann hätte ich ein Fest vorbereiten können.»

«Ich fürchte, wir haben nichts zu feiern.»

Erst jetzt bemerkte Caitlin, dass Aiken von Schluchzern geschüttelt in einer Ecke des Hofes an der Mauer lehnte. Ihre Augen weiteten sich vor Schreck. «Beorn ist tot?»

Vallon nickte. «Gemeinsam mit dem Großteil der Warägergarde.» Er streckte die Hand eines seiner besetzten Arme aus. «Gib ihm etwas Zeit.»

Doch sie schlug seine Hand fort, lief zu Aiken und zog seinen Kopf an ihre Brust.

«Was ist denn, Vater?»

Vallon blickte in die Gesichter seiner Töchter, die zu ihm aufschauten. Er versuchte zu lächeln. «Ich habe euch etwas mitgebracht.»

 

Vallons Heimkünfte waren selten so fröhlich, wie er es sich vorher ausmalte. Es gab immer eine Entfremdung, die es zu überbrücken galt, eine Spannung, die ein wenig Zeit brauchte, um sich zu lösen. Beorns Tod und seine Folgen führten zum angespanntesten Wiedersehen bisher. Beim Mittagessen versuchte Caitlin Interesse an Vallons Aktivitäten während seiner siebenmonatigen Abwesenheit zu zeigen. Er füllte die Stille mit Fragen über den Haushalt, die Mädchen, Caitlins Gesellschaftsleben. Aiken hatte sich in sein Zimmer zurückgezogen.

Als die Diener den Tisch abgetragen hatten, starrte Caitlin auf den leeren Tisch. «Was soll nur aus ihm werden?»

«Wie schon gesagt, wir werden den Jungen adoptieren.»

«Ich meine, was hält das Leben jetzt für ihn bereit?»

«Er wird unter meiner Anleitung zum Militär gehen.»