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Ein Phantom geht um am Rhein. In Gestalt einer verführerischen Frau raubt es reiche Männer auf brutale Weise aus. Nach der Tat verschwindet es spurlos und macht einem anderen Platz, der ihre Beute im Rekordtempo wieder verprasst. Eine extravagante Geschichte voller Witz und deftiger Sprache.
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Seitenzahl: 325
Veröffentlichungsjahr: 2016
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Christopher Bilk
Schwesterchen Zorn
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Schwesterchen Zorn
Das Grau gebiert das Licht
Erste brachiale Vergnügungen
Der runde Vogelruf
Die Früchte vollkommen überflüssiger Gewalt
Raserei in blauem Lichte
Das schnelle, kurze Leben auf zwei Rädern
Ein Schöngeföhnter geht unter die Erde
Der Greifer verlässt sein Boot und kommt an Bord
Die im Lichte sieht man nicht
Eine peinliche Befragung am Tatort
Es umschleicht das Raubtier seine Beute
Madalena!!! Verursacht einen Abgrund an Disziplinlosigkeit
Ein neuer Morgen - Oder ist es ein Abend?
Neue Freuden lachen, neue Sorgen drücken
Böse Patsche und - klar – Bitris sitzt drin
Der Panther auf dem Sprung
Der Kongress tanzt
Anomalie hinter verschlossenen Türen
Ein Publikumsstern geht auf
Das Licht versinkt im Grau
Impressum neobooks
Christopher Bilk
Und Bruder, hast du sogar zwei Seelen im Leib,
dann hole dir auch die doppelte Portion Leben.
Lass die eine Seele der anderen zu fressen geben,
und leidet die eine,
dann schicke die andere zum Tanzen.
Two Soul Baker
Der Sommer ist da, jene Zeit der Wärme und des Lichtes, der Bitris als einziger Zeit des Jahres etwas Positives abgewinnen kann. Er steht aus seinem Sessel auf, den er seit den ersten unschönen Herbsttagen des Vorjahres nicht mehr verlassen hat. Nun ist es endlich wieder an der Zeit sich zurechtzumachen. Die Sonne, die den ganzen Tag über mit erster Frühjahrswucht in sein Zimmer geflutet ist, hat in ihm eine ungeheure Energie aufgebaut. Eine bis zum Platzen anschwellende, immense Elementarkraft, die er nun, da es langsam Abend wird, herauslassen muss. Herauslassen. Muss.
Im Bad stellt er sich unter die Dusche, funkensprühend vor elektrischer Ladung. Ein großer schlanker Mann mit pechschwarzen, kurzgeschnittenen Haaren und merkwürdig glühenden Augen, die zugleich Sanftmut und Wildheit ausdrücken, Lethargie und Leidenschaft. Es sind die Augen eines ruhenden Vulkans.
Das seidig warme Wasser rinnt an ihm herab, Schaumbad, Shampoo, Duschgel, Badezusatz, Seife, Duftwasser und ätherische Öle vermengen sich auf seiner dunklen, samtzarten Haut zu einer glattglänzenden, nasenberückenden Patina. Der Duft der fünfhundert Rosen von Asthrachel umwölkt sein Haupt. Das Odeur von Coco Chanel, Christian Dior, Jean-Batist Grenouille und Jupp dem Moschusochsen bestürmen elegisch seine Sinne. Vollbrüstig saugt er ihn ein, den eigenen Geruch von Sommer und Leben, von unendlicher Erquickung und erregender Sinnlichkeit. Sein Leib ist ein Kunstwerk, ein wogendes olfaktorisches Weizenfeld zwischen Wasserdampf und blümchengekachelten Wänden. Es ist der Body des ultimativen Verführers. Die Verkörperung des Sommers.
Nach dem Duschen frottiert er sich gründlich trocken, föhnt, frisiert und onduliert. Die Nägel werden geschnitten, gefeilt, gelackt. Der schmale Bart und minimal hervorstehende Haare werden geschoren, die Brauen gezupft, der Ohrring poliert. Mit aller Sorgfalt werden sämtliche Körperfalten zum Schutz vor störenden Schweißausbrüchen imprägniert, die Fußsohlen gesalbt, die schmalen Finger gefettet, die Zähne gewachst. Zu guter Letzt wird der Penis im Verlauf einer tibetanischen Anbetungsprozedur durch das rituelle Auftragen euphorisierender Substanzen und das Ausstoßen guttural-maskuliner Vergötterungsgesänge intensiv auf kommende Freuden vorbereitet.
Für heute, den Beginn der Saison, wählt er seidene Unterwäsche, ein leichtes Sakko und marineblaue Jasper-Long-Hosen. Die rote Lederkrawatte wird mit einem eleganten Silverstrike-Knoten um den Hals gelegt. Als Schuh des Tages wählt er aus seinem achthundert Paare umfassenden Frühsommer-Fußbekleidungspool seine extra-weichen, hellbeigen Travani-Slipper aus mandelholzdurchwirktem und mit Goldstreifen vernähtem Mufflonleder.
Bevor er aufbricht, blickt er sich noch einmal in der Wohnung um. Hinten im Raum, in der dunkelsten Ecke, sitzt in seinem soeben verlassenen Sessel eine müde, abgearbeitete Gestalt in Wollpullover und dreckigem Overall. Diese Gestalt hat er gerade abgestreift. Diese verhasste, anödende Figur, der im Winter seine Seele gehört, die pflichtbewusst, pünktlich und fleißig ist. Der Schlosser Bitris, grau wie der Herbst, frostig und leblos wie der Winter, ungeraten wie der erste nasskalte Tag eines erwachenden Frühlings. Der wird von nun an seinen Platz im Sessel einnehmen, einsam, ungewaschen und nach Arbeit stinkend. So lange, bis der Sommersonne die Luft ausgehen wird und Bitris voll von verbittertem Hass zu ihm zurückkehren wird, um mit ihm für ein langes, halbes Jahr den Sitzplatz und das Leben zu tauschen.
Er tritt aus dem Haus. Mietskaserne. Das Haus ist eine Mietskaserne! Bitris Zorn wohnt in einer elenden Mietskaserne. Sein Bruder wohnt zur Miete. Mit anderen Mietparteien zusammen. In einer Mietskaserne. Und er somit auch. Er auch! Zumindest im Winter wohnt er dort, wenn Kälte ihn an den grauen Sessel fesselt.
Vor ihm am Straßenrand steht Bitris‘ Auto. Klein, hässlich, Kw-arm. Fabrikblau. Fabrikblau! Kein bisschen Chrom dran, kein Leder im Innern, kein Metallic-Lack. Reifen, die so schmal sind wie Wurstbrote! Nur ein einziger Auspuff. Einer nur! Damit kann man nicht schneller fahren als Hundertzwanzig Kilometer pro Stunde. Das ist wie Parken! Der Wagen fährt eben nicht schneller auf seinen vier Wurstbroten. Aber warum zum Teufel sollte man überhaupt damit fahren wollen? Das ist doch kein Auto. Das ist eine Zumutung mit Motor.
Das ist ein Schlurf XL! X wie ‚nix‘. Und L wie ‚langsam‘. Und Schlurf? Schlurf wie Pestpockenmalaria.
Oh Herr im Himmel, ein Schlurf! Eine lahme Tasse, ein Kotzbeutel aus Blech. Bitris heult gequält auf, schlägt mit der Faust auf das Dach, ist angeekelt. Er ist so über die Maßen angeekelt, als wäre das Fahrzeug ein gluckernder Haufen von Elefantenkacke in öligem Schleim. Angeekelt! Er ist empört. Empört, einen solchen Versagerwagen vorzufinden. Empört, ERNEUT einen solchen Versagerwagen vorzufinden! Eine Karre, wie er sie leider, leider immer wieder im Sommer vorfindet. Wieder, wieder, wieder, widerlich! Jeden Sommer ist es dasselbe. Ein Schlurf XL. Ein Schlurf!!
Er spuckt auf die Scheiben. Dieselben Scheiben, durch die sein Bruder Bitris einen langen, dunklen Winter lang nach draußen geglotzt und die Sonne gesucht hat. Er flucht, brüllt wie ein verletztes Tier, wirft eine Mülltonne gegen die Fahrertür.
Eine Beule mehr in dem Karren. Wie jedes Jahr. Er kann die Beulen zählen. Jede einzelne verdammte Beule steht für die Tatsache, dass ein Sommer nicht ewig währt. Jede Beule ist der Beleg dafür, dass er jedes verdammte Jahr, wenn er in den Sommer hinauszieht, eine beschissene Looser-Karre vor der Tür zu sehen bekommt. Jedes Jahr!
Das erste Gefährt, das er vorgefunden hat, vor was-weiß-ich wie vielen Jahren war das, das war ein Pisspott GT 11 mit sechzig PS und einer Klopapierrolle auf der Ablage. Die Rolle war von einer gehäkelten Mütze abgedeckt. Gehäkelt. Noch heute dreht sich ihm der Magen um, wenn er an dieses Automobil denkt. Noch heute verfolgt ihn der grauenhafte Anblick in seinen Tagträumen. Noch heute martert ihn die Erinnerung an das erbarmungslos hässliche Gebilde aus Blech und Plastik, dass bei seinem Bruder vor seiner Haustür gestanden hat … auf seinen Namen zugelassen! Auf seinen Namen! Auf Bitris Zorn!
Denn einer merkwürdigen Laune seiner Mutter folgend, hat sein Drillingsbruder nicht nur denselben Familiennamen wie er bekommen. Nein, er hat auch denselben Vornamen! Der Typ oben in dem von Spinnenweben überzogenen Sessel hat denselben Vornamen wie er selber. Bitris. Zorn. Bitris Zorn. Zorn! Als wären sie beide nur eine einzige Person. Nur eine! Nicht zwei von Grund auf verschiedene Personen. Eine nur. Aber das ist falsch! Vollkommen falsch. Er ist nicht Bitris! Er ist Bitris! Das ist ein ganz anderer, ein komplett anderer Mensch. Komplett!
Da gibt es ihn, den coolen Bringer, den Klassetyp. Bitris eben. Und da gibts auch noch den anderen. Seinen Bruder. Auch Bitris. Aber Versager-Bitris. Schlurf XL-Bitris. Pisspott-Bitris.
Diese fatale Namensgleichheit ist der einzige verdammte Grund, warum der Schlurf auf ihn zugelassen ist. Aus diesem einen Grunde ist der Schlurf XL auf seinen Namen zugelassen. Auf seinen! Namen!
Er spürt einen hypovolämischen Schock in sich aufsteigen. Eine multiple Allergie gegen Schlurf-Mobile. Völlige Blutgerinnung in den Adern. Lähmungen. Kotzattacken. Er muss fort von hier. Fort.
Bitris geht zu Fuß. Natürlich zu Fuß. Was sonst bleibt ihm anderes übrig? Selbst mit nur einem Bein würde er nicht in den Schlurf steigen. Niemals. Allerdings würde er mit nur einem Bein auch nicht in den Sommer hinausziehen. Denn als Behinderter wäre er genauso erledigt wie als Fahrer eines Schlurf XL. Die Gesellschaft, in der er verkehrt, kennt kein Mitleid mit denen, die nicht das Privileg haben, privilegiert zu sein.
Er pfeift. Kein Regen, milde, warme Luft, ein Duft von Blüten und Leben schwängert die beginnende, aufblühende Nacht. Grillen begrüßen den Neuankömmling, Rosen wachsen aus Hecken, versprühen gold-rote Fontänen, der Asphalt unter seinen Sohlen klingt nach Musik. Über ihm die Bäume, schattenschwer, von Lichtstrahlen durchbrochen, schwirrend, rauschend, ein selbst im Dunkeln leuchtendes, alles bedeckendes Grün. Die Sterne knistern wie Pergament am Himmel. Es sind Sommersterne. Sie verkörpern einen warmen Lebenshauch aus dem Leib der Sonne. Vorbei die Zeit, da kalte Eiskugeln am Nachthimmel hingen. Vorbei die Zeit, da gefrorene Kristalle aus brettharter Winterschwärze herabstrahlten. Kristalle, die wie tödlicher Stahl auf dem Nacken lasteten. Auf Bitris Nacken.
Er geht zügig an allem vorüber, ohne sich umzusehen, ohne sich für irgendetwas oder irgendjemanden zu interessieren. Denn nichts lässt ihn schneller erbrechen, als der Anblick seiner Siedlung. Nichts ödet ihn so sehr an, wie seine Gegend, wo er seit Jahren wohnt. Nein, wo er haust! Wo er hausen muss, weil sein im Sessel sitzendes Alter Ego nichts Wesentliches zustande bringt. Weil er kein Geld verdient, sich mit ein paar Tausendern im Monat abspeisen lässt. Mit ein paar Tausendern! Im Monat! Dieses armselige Gehalt reicht nur zum Fernsehglotzen in einer Mietwohnung und zu einem Schlurf vor der Tür. Bitter ist das. So verdammt bitter, dass ihm die Magensäure hochkommt. Und was ist sein Bruder? Was ist sein Bruder Bitris? Er ist zufrieden! Er ist mit seinem Gehalt und seinem Leben zufrieden. Zufrieden! Ja wie armselig muss denn ein Mensch sein, wenn er mit sowas zufrieden ist? Das kann doch nur einer sein, der im Winter lebt. Im Winter!
Sein Bruder ist der Winter.
Deswegen muss er, Bitris Zorn, in diesem dreckigen Viertel vor sich hin vegetieren, in dem er allerdings eigentlich gar nicht wohnt, weil sein Bruder hier wohnt und er selber hingegen nur im Sommer da ist, aber natürlich sofort immer weggeht, sobald es Sommer wird. Denn niemals könnte er in dem Viertel überleben, in dem sein Bruder wohnt. Dieses Viertel ließe ihn binnen Tagen an der grauen Fäulnis dahinsiechen. In diesem Viertel stürbe er den schwarzen Tod, wenn er länger als ein paar Stunden bliebe. Es ist ein Karo-Einfach-Mittelklasse-Viertel. Bestehend aus altersschwachen Mietshäusern, gerade erst renoviert, aber schon wieder vom Einsturz bedroht. Eine Arbeitersiedlung aus grauem und rotem Stein, auf einer Industriemülldeponie errichtet. Einfamilienhäuschen aus dem Fertigbaukatalog! Keine einzige Villa steht hier! Keine einzige. Kein Pool, kein Park, kein Lamborghini. Nur ödes, zufriedenes Mittelmaß. Eine Zumutung. Eine Zumutung!
Aber selbst hier ist Leben. Selbst hier in der Ödnis der Kreiswohnbauwüste. Selbst hier, wo eine Bruchbude wie die andere aussieht. Wo ein Vorgarten dem anderen gleicht, wie ein Scheißhaufen dem nächsten. Jawohl, Vorgärten. Vorgärten! Mit frischer Petersilie und Gartenzwergen vollgestopfte Erdteile, wo fettleibige Muttchen Kartoffeln ziehen und weißhäutige Dummköpfe in Jogginghosen mit einem Wasserschlauch ihre Mittelklasseautos penetrieren. Aber selbst hier drängt der Sommer ungestüm den Mief von vollgepissten Unterhosen und schweißigen Wollsocken fort, selbst hier lacht das verblasste, in allen Winkeln und Ritzen versteckte Licht über die trostlose Eintönigkeit des Winters. Selbst hier quillt die Wärme aus schwarz starrenden Kellerlöchern und staubigen Fensterhöhlen, um den Sonnenwanderer zu umschmeicheln.
Die Straße biegt sich, gesäumt von Alleebäumen, in einer grazilen Kurve gen Himmel. Er folgt ihr leichten Schrittes, von Nachtlichtern übergossen, die alle Düsternis mit silbrigen Händen verdecken. Er kann die Helligkeit greifen, spürt sie auf den Lippen, der Zunge, in jeder Zelle seiner Haut. Das ist der Sommer. Er bläst ihm Sonnenwinde entgegen, lässt Lichtpartikel um ihn herum tanzen, wandelt die Nacht zu einer hell durchfluteten Arena des Lebens.
Das ist der Sommer, der aus Trägheit Tatendrang macht, der Leiber herumweht im glühend heißen Wirbel. Leiber, die suchen, die erleben wollen, die kurzzeitig aneinander hängen bleiben, sich aussaugen, berühren, sich gegeneinander befriedigen. Der lebendige Sommer, der die Hitze ausgehungerter Körper verschmelzt, sie miteinander rasen macht, Lust und Geilheit durch alle Poren strömen lässt.
Das ist der Sommer, auf den Bitris gewartet hat. Einen ganzen Winter lang. Gewartet. Gewartet.
Ein Wagen kommt die Straße heraufgefahren, kraftvoll dröhnend, mit blitzenden Lampen an den Seiten, die abwechselnd aufleuchtend wie ein Band von Diamantaugen an der eleganten Karosse entlang eilen. Der Motor droht brüllend den sommernachthungrigen Passanten, besser nicht vor seinen totbringenden Hörnern die Straße zu betreten. Er schiebt wie eine schwere Keule einen martialisch grinsenden Kühler vor sich her. Aus den diskothektauglichen Musikboxen brandet ein heftig krachendes Stakkato von Rhythmen über Bitris hinweg, das seine Glieder sofort in schwingende Bewegungen versetzt. Musik. Sommermusik. Tschack Bumm. Bumm Tschack. Irgendwas Englisches. Harter Sound. Dringt direkt durch die Schädeldecke in die Nervenbahnen. Lähmt. Pulsiert. Zerreißt die innere Stille, zerschmettert sie wie einen gläsernen Sarg, Tausende von Splittern. Millionen Splitter. Ein Glasregen sprengt durch sein Gehirn, eine alles zerschneidende, pulverisierte Wolke aus messerscharfen Tropfen. Und sie klingt. Summt, singt, hämmert bis ins Herz. Sie schwingt in allen Tonlagen gleichzeitig, donnert blitzeschleudernd durch die Nacht, klingt wie das Läuten von Leuthen. Sommermusik.
Bitris bleibt am Straßenrand stehen, denn er weiß, dass dieser Wagen seiner alten Bekannten Hydra Hapsionidis gehört, die immer, wenn der Sommer beginnt, diesen Weg heraufgefahren kommt. Laut, aggressiv, voller Lebenslust. Voller Hohn ihre Abgase hinter sich lassend. Schwarze, stinkende Wolken. Kilometer entfernt von jeglichem Umweltschutz. Kilometer! Die tankt in Nitroglyzerin aufgelöste, geteerte Kohle.
”Wo solls hingehen, Fremder?” ruft Hydra, die mit blaugefärbtem Haar und schwarzen Lippen hinter dem Steuer sitzt. Sie trägt ein aus Spinnenweben gefertigtes Kleid, das durchsichtiger ist, als wenn sie nichts anhätte, und an ihren Füßen ragen ein Meter fünfzig lange Absätze aus ihren Latexlacklederseidenstiefeln. Ihr Arm, mit dem sie ihm gewinkt hat, fällt kraftlos herunter, gezogen von dem immensen Gewicht der siebzehn Armbändern und der sechs Ringe, die sie an jedem Finger trägt. Saphire. Diamanten. Perlen. Smaragde. Rubine. Are. The. Girls. Best. Friends.
Bitris kennt Hydra seit sieben oder acht Sommern. Er trifft sie jedes Jahr über die sechs warmen Monate hinweg beinahe täglich. Sie haben denselben Geschmack, was Vergnügungen aller Art, Mitfeiernde und gastronomische Betriebe angeht. Er steigt seit sieben oder acht Sommern regelmäßig in ihr grellrot lackiertes Angeberauto, das jedes Jahr ein anderes ist, und ihn wahnsinnig aufregt, weil er seit vor dem Kriege schon ein altes Pennermodell vor der Tür stehen hat, und er kocht jedes Jahr vor Wut über Hydras Art, ihren verdammten Reichtum exakt so zur Schau zu stellen, wie er das eigentlich verdientermaßen mit seinem eigenen Reichtum hätte tun müssen. Müssen. Hätte müssen. Hätte eventuell können müssen. Wenn was wie anders wäre. Wenn könnte. Nicht kann. Könnte! Beschissener Reichtum der anderen.
”Wo soll es schon hingehen? Dahin, wo was los ist”, sagt Bitris lässig, schnäuzt in seinen letzten Zehn-Euro-Schein und wirft ihn in die Gosse. Eine lächerliche Geste. Pathetisch, lustlos, nichtssagend. Er hätte natürlich mindestens in einen Tausend-Euro-Schein schnäuzen müssen.
Wie schon in den letzten sieben, acht Sommern steigt er zu ihr ein. Zu Hydra. In das Angeberauto. Kochend vor Wut. Aber was muss, das muss. Wie sonst sollte er standesgemäß in den bewussten Lokalitäten vorfahren? Im Schlurf? Im Schlurf?? Nee, dann lieber Hydra, die ja auch recht ansprechend ist und stets geil und, wie gesagt, seinen Geschmack von Sonne teilt. Der Gurt legt sich automatisch um seinen Astralleib. Im Sitz versenkte Massagestäbe geben eine anregende Anusmassage. Duftdüsen überdecken den quarzenden Auspuffdunst. Wirklich ein schönes Auto.
Hydra fährt los. Neunhundert PS. Die Karre bleibt nur auf der Straße, weil hinten Bleigewichte im Kofferraum liegen. Sie fragt nicht mehr, wohin es gehen soll. War sowieso nur eine rhetorische Frage von ihr. Um diese Zeit, zu dieser Stunde, zieht es einen nur zu einem Ort. Zu Armand d’Ors Place des Belles, dem Absolutely-Must-Go-Essential-In-Laden, dem gigantisch eleganten, frech hochüberteuerten, krass angesagten Drink-In, wo sich ab Punkt neun Uhr so unfassbar originelle Leute einfinden, dass der Laden an keinem Tag nicht in der Zeitung steht.
Dort hat Bitris noch einen Schuldendeckel über zwölftausend Euro liegen. Vom letzten Sommer. Zwölftausend. Versoffen an einem Abend des Müßiggangs. An einem Abend des Abtörnens, des bangen Starrens auf den vom Himmel herabstürzenden Spätherbst. Auf der kalten Schwelle des Winters. An einem Abend voller Melancholie, Todesahnungen, Müdigkeit. An einem Abend, an dem man eben säuft.
Dieser Abend im letzten Jahr, der ist genau das Gegenteil von dem gewesen, was ihn heute erwartet. Denn heute beginnt der Sommer!
Das Armand d’Ors Place des Belles liegt am Rande der Stadt. Der Gebäudekomplex, in dem das Amüsierzentrum untergebracht ist, ist von Meisterhand in einen Hang gefügt, der sich wegen einer unmittelbar darunter befindlichen Magmakammer jedes Jahr um einen Meter hebt. Das Haupthaus ist geformt wie eine Kugel. Rundum an den Außenmauern strahlen im Abstand von einer Handbreit nebeneinander aufgereihte Zwanzigtausend-Watt-Scheinwerfer in alle Richtungen des Universums. Ihr Bedarf an Energie wird durch eine Erdwärmekraftkoppelungsanlage modernster Bauart gedeckt, die solange effektiv arbeitet, wie die Magmakammer noch nicht in die Luft geflogen ist. Aber auch für die Zeit danach ist gesorgt. Mit den gigantischen Summen, die über die Vorbestellungen und Tischreservierungen zu diesem Event - Entladung der Magmakammer mit der Sprengkraft von 30 Milliarden Tonnen TNT - aus aller Welt eingegangen sind, kann sich Armand d’Or eine neue Magmakammer auffüllen lassen.
Das Haupthaus des Place des Belles wurde im Zentrum einer Ansammlung kleinerer Anbauten errichtet, die wie die Planeten um die Sonne kreisen. Es sind genau zehn Anbauten, die nach den Planeten dieses Sonnensystems benannt sind. Einziges Manko ist, dass der Architekt in Ermangelung astronomischer Grundkenntnisse zehn Planeten-Bauwerke errichtet hat statt nur neun. Dafür war dann allerdings seine Rechnung astronomisch.
Die zehn Anbauten kreisen selbstverständlich tatsächlich um die Sonne. Um das Haupthaus nämlich, das ‚La Soleil‘ heißt. Armand d’Or ist ein großer Anhänger der französischen Kultur und Ludwigs des Vierzehnten. Und er ist ein Anhänger des Sommers und der Sonne. La Soleil gleißt strahlend hell in der Flanke des Sonnenbergs, der sich majestätisch über die Wohnsiedlung von Bitris‘ Bruder wölbt. Man kann als Gast des Place des Belles bei einem Drink und Melonenpüree von der gläsernen Terrasse aus mit grausem Entsetzen auf diese Siedlung hinabblicken.
Mitten durch die überdachte Outdoor-Lounge des Place des Belles führt die sechsspurige Flanierstraße, die man bei seiner Ankunft, je nach Repräsentationswert der Karosse, ein oder mehrere Male durchfahren kann, bevor man den Parkplatz ansteuert. Im Halbkreis um den Parkplatz herum, vor eisernen, stromführenden Gittern, harrt ein erwartungsvolles Publikum der eintreffenden, illustren Gäste, um immer wieder in beeindrucktes Gemurmel und verzückten Jubel auszubrechen.
Hydra durchfährt die Flanierstraße dreimal, bis sie sicher ist, dass auch der letzte Gast ihr edles Gefährt als Panchart de Luxe erkannt und bewundert hat. Sie lässt dabei ein Gelblicht auf dem Dach flackern, um ihre Ankunft kundzutun, grüßt überaus zurückhaltend einige hochgestellte Bekannte, die es sich bereits bequem gemacht haben. Derweil lässt Bitris locker den Arm aus dem Fenster hängen, tut, als gehörte das Auto ihm, obwohl er weiß, dass alle wissen, dass das Auto ihm nicht gehört. Aber er tut zumindest so, als wüsste er, wie es ist, wenn ihm dieses Auto gehören würde.
Hydra steuert den Parkplatz an, der einige Schritte von der Outdoor-Lounge entfernt ist, und lässt den Motor ersterben.
”Und was machen wir nachher?” fragt sie Bitris mit lüsternem Blick aus blaugestylten Augen. Es gehört selbstverständlich zum unverrückbaren Ritual des Sommers, dass man bereits kurz nach der Ankunft bei einem Event schon die nächste Party im Sinn haben muss. Und nebenbei ist es unabdingbar, dem jeweiligen Gegenüber die eigene Überlegenheit dadurch zu demonstrieren, dass man ihn ausschließlich als Sexualobjekt ansieht.
Ihre Hand lastet demgemäß schwer auf seinem Schoß und hinterlässt einen Eindruck vom Gewicht ihrer Armreifen. Sie fühlt anerkennend das sich regende Ergebnis seiner letztjährigen Penisverlängerung beim anerkanntesten Penisverlängerer der Stadt, Doktor Knut Sebastian Maria Lucien Á-La-Longue. Dessen sensible und dabei atemberaubend kostspielige Kunstfertigkeit macht aus so manchem Würmchen im Nu einen kapitalen Dinosaurier. Man trägt dieses Jahr lang.
”Achtundzwanzig Zentimeter”, sagt Bitris lässig und schnippt durch das Wagenfenster seine Zigarettenkippe vor die Füße des livrierten Kippensammlers.
”Ich bin beeindruckt”, rief Hydra. Wovon sie beeindruckt ist, sagt sie nicht, sondern steigt aus.
Die Welt ist wieder in Ordnung, denkt sich Bitris. Der Tanz beginnt von neuem. Noch schneller, noch heißer, noch irrwitziger als letztes Jahr. Noch schwüler und aufreizender soll er werden. Noch lebendiger und aufwühlender als jeder andere Tanz, den er bisher getanzt hat. Es lebe der Sommer. Es lebe Knut Sebastian Maria Lucien Á-La-Longue. Es lebe seine kleine Schwester, die unermüdliche Beschafferin von Barmitteln für seinen niemals versiegenden Geldverschwendungstrieb.
Angefüllt mit einem ungeheuren Amüsierdrang grinst er über das ganze Gesicht, lockert sich hoffnungsvoll das Gemächt und blickt erwartungsvoll den beiden goldbetressten Trägern entgegen, die zügig mit der Gästesänfte herbeigeeilt kommen.
Es ist voll im Place des Belles. Jeder ist da. Tout le monde. Jeder ist gekommen, der zu der erlesenen Elite des Sommers zählt. Jeder! Und Bitris ist dabei. Dabei! Es ist mal wieder eine absolut gigantische Party. Die erste dieses Sommers.
Bitris Schuldendeckel über mittlerweile fünfzehntausend Euro liegt hinter dem massiven Tresen für ‚Shorts-and-Expensives’, der aus geschützten Holzsorten erstellt und mit Wandgemälden geschmückt ist, die man aus der Decke der Sixtinischen Kapelle gefräst hat. Armand d’Or winkt ihm bisweilen mit dem Deckel zu, der aus gelb schimmerndem Blattgold besteht. Nicht, dass Armand d’Or wegen fünfzehntausend nervös werden würde, aber er weiß, dass Bitris ein notorischer Zechpreller ist. Armand grinst denn auch, denn Zeche prellen gilt als chic verrucht, sofern man freilich bei nächster Gelegenheit den Schaden doppelt wieder gutmacht.
Aber Bitris ist nicht nur ein Zechpreller, sondern auch ein charmanter Plauderer und gnadenlos gut im Bett. Er ist begehrt bei den Damen, denn er fackelt nicht lange.
Drei sind ihm bereits ins Auge gesprungen, drei außer Hydra, die immer ihr Recht einfordert, weil sie ihn jeden Tag irgendwohin fährt. Die eine kennt er bereits vom letzten Jahr. Madalena, sie ist jung und überaus feurig. Schön wie die personifizierte Sünde. Sie ist die personifizierte Sünde. Sie nippt scheinbar gelangweilt an einem Spezialdrink, den Armand d’Or nach einem extraterrestrischen Rezept zusammenmixt. Oh-mein-Gott-Madalena trägt den Rock so superkurz, dass der Schlüpfer aus Yvonne San Salles diesjähriger Frühjahrskollektion unten herausschaut, und dazu grüne Strümpfe, die oben bei den Oberschenkeln aufhören, gleich unter dem Rocksaum. Was für ein epischer Anblick. Er lässt einige der Herren in die Knie sinken und Schaum aus ihren Mündern treten. Einer von ihnen, ein fettleibiger Geschäftsmann aus dem hohen Norden, rutscht zu ihren hübschen Füßen herum und pflastert ihren Weg, wohin er sie auch führt, mit Hundert-Euro-Scheinen, wie mit einem roten Teppich. Dafür darf er ihr unter den Rock sehen, was aber okay ist, da die Gäste des Place des Belles nicht etwa Spanner sind, sondern exzentrisch sowie ein wenig kultiviert voyeuristisch.
Der taugt nicht als Zielperson für Bitris Schwester, denn er ist Madalena restlos verfallen. Bitris sucht für seine Schwester nur Leute heraus, denen sie ohne Risiko und in null Komma nichts das Geld abnehmen und dann abhauen kann. Das tut sie jeden Sommer für Bitris, denn der benötigt für die kurze Zeit der Wärme eine sechsstellige Summe. Pro Monat.
Doch zunächst fließt wie goldperlender Honig die rauchige Stimme von Madalena in seine Ohren.
”Hallo, Fremder. Hast du etwas Anfeuerndes zum Einwerfen dabei?” fragt sie mit dem unvergleichlichen Timbre, das ihrer Stimme den Klang einer Engelsarie verleiht. Sie ist perfekt. Einfach perfekt.
”Noch nicht. Im Moment habe ich nur etwas zum Einschieben dabei”, gibt Bitris freimütig zurück, mit einem beseelten Blick in ihre tiefen, blauen Augen. ”Und zwar achtundzwanzig endlose Zentimeter Doktor Knut Sebastian Maria Lucien Á-La-Longue-Qualität. Mit Stand-Ever-Automatik.”
”Geil, Süßer. Dann besorge doch noch was zum Einwerfen”, sie streichelt ihrem fettleibigen Verehrer das kahle Haupt wie einem Hund. Er hechelte auch so und, siehe da, wedelt sogar mit dem Schwänzchen.
Madalena ist süchtig nach allem, was sich in irgendeiner Weise auf das Gehirn auswirkt. Alkohol, Nikotin, Rauschgifte, Auf- und Abputschmittel, Medikamente, Musik, Eigenblut, Knödel, Hunger und Völlerei, Schlafen, Vögeln, Fliegenpilze, Pferdemilch und Ziegenwolle. Sie schluckt, injiziert, frisst oder führt ein. Oral, vaginal und rektal versorgt sie ihren Körper mit jedem vorhandenen Gift, sieht aus wie eine zwanzigjährige Jungfrau, obwohl knapp über dreißig und dreieinhalb mal geschieden, ist schön und faltenlos geliftet, klassisch gestylt, extrem aufgefrischt durch permanente Eigenzellenkuren, geschlämmte Schlackebäder und Ganzkörperabreibungen. Dabei ist sie auch noch geistreich und wortgewandt, hat studiert und promoviert, will alles, kann alles, ist alles. Ständig auf dem Funken, zu allem bereit, neugierig auf alles. Sie ist perfekt.
Aber ohne Pillen läuft bei ihr nichts.
”Fuck you later”, ruft Bitris ihr zu.
Pillen gibt es nirgends auf Pump. Er braucht Geld. Geld, Geld, Geld. Scheine, Euro, Knete, Zaster, Asche. Es muss knistern in der Tasche, er braucht Bündel von Banknoten, Unmengen an liquiden Mitteln, muss einfach Pappe auf der Hand haben. Ohne Geld läuft nichts! Nicht mal der Urin. Die Toilettennutzung bei Armand kostet hundert Euro! Pro Milliliter. Nein, ohne ein paar Scheine auf der Tasche, und es dürfen ruhig Tausenderscheine sein, ohne ein paar Scheine läuft gar nichts.
Und eines weiß Bitris natürlich sehr genau: Diese Scheine müssen in seine Taschen wandern, ohne dass er jemanden anschnorrt. Denn es ist natürlich ein vollkommen absurder Gedanke, sich von anderen Geld zu leihen. Einen der Gäste um Geld zu bitten, das wäre glatt wie eine Kugel in den Kopf. Jemanden anzupumpen, das ist eine Blasphemie ohnegleichen! Es ist eine der sieben Todsünden. Nein, es ist alle sieben Totsünden gleichzeitig. Schnorren? Leihen? Bitten? Das ist ein kapitaler Selbstmordversuch, der totsicher gelingt. Totsicher!
Das Wort ‘Pleite’ gibt es bei Armand d’Or nicht! Allein es zu erwähnen ist degoutant. Wer kein Geld hat, der bleibt am besten daheim oder unten in der Wohnsiedlung, in die man als soziales Engagement von oben ab und zu einen Vier-Euro-Schein hinabflattern lässt. Allein die Frage nach Geld lässt einen in der Hierarchie der Gesellschaft ins Bodenlose abstürzen. Ins Bodenlose! Geld ist kein Thema. Es ist Voraussetzung!
Wer solchen Stuss ablässt und die anderen damit anödet, der kann sich gleich einen soliden Strick um den Hals legen. Man ist erledigt, völlig ausgelutscht, unter der Grasnarbe. Man kann sich zu den Gaffern vor dem Zaun gesellen, kann sich vielleicht bei Armand d’Or als Sänftenträger bewerben oder als Kippensammler. Der Sommer wäre vorbei, der Frühling wäre vorbei, der Herbst wäre vorbei. Aus, Schluss. Wer erledigt ist, der ist erledigt.
Es gibt kein Comeback. Die Tür wird zugeschlagen. Für immer. Für immer!
Aber Bitris braucht niemanden anzupumpen. Er hat ein geschultes Auge für dicke Brieftaschen. Bitris kennt jeden einzelnen, der sich bei Armand vergnügt, aus Funk, Fernsehen, Zeitung, Plauderei. Bitris weiß, bei wem er etwas holen kann. Nein, nicht ‚Er‘. Er weiß, bei wem sie etwas holen kann. Seine Schwester. Seine tüchtige, kleine Drillingsschwester. Er weiß immer sofort, bei wem seine Schwester das dicke Geld abzocken kann. Denn seine Schwester sitzt nicht wie eine ausgeschiedene Fremdsubstanz erledigt in einem zerfledderten Fernsehsessel. Nein, seine Schwester schwebt wie er durch die Nacht. Sie ist da, wenn er sie braucht. Sie ist da für ihn. Sie ist ein Teil von ihm. Seine kleine Drillingsschwester ist wie der Teil von ihm, der er nicht ist. Sie ergänzen sich absolut. Sie sind zusammen nicht zu zweit, sondern eins. So steht er mit seiner Drillingsschwester. So und nicht anders. Und … ja … seine Schwester heißt auch Bitris.
Er blickt also im Raum umher. Gelangweilt. Überheblich. Taxierend. Forschend.
Er sieht ihn im selben Moment.
Klein, mickrig. Dicke Brille. Olof Dagobert-Ducktus. Gerade erst zu Geld gekommen. Vorletztes Jahr beim Börsenboom. Er hat sein Unternehmen hochgebracht. Gute Geschäfte und gefälschte Bilanzen. Sein Firmenkonglomerat ist an der Börse um fünftausend Prozent an Wert gewachsen, weil er Anlegern Wertpapiere für überteuerte Immobilien angedreht hat. Kurz vor dem Platzen der Blase hat er den ganzen Laden verkauft. Genial, durchtrieben. Ein Profibetrüger. Ein von allen bewunderter Drecksack, der dafür gesorgt hat, dass elf Stammgäste von Armand d’Or hier keinen Zutritt mehr haben. Weil sie bankrott sind. Bankrott! Einer hat sich dem Rauswurf aus dem Place des Belles nur dadurch entzogen, dass er sich von der Terrasse hinunter in die Wohnsiedlung gestürzt hat. Gut so. Was will ein Bankrotteur hier in den heiligen Hallen? Unverschämtheit von dem Typen, überhaupt herzukommen. Der hatte Pfändungsmarken am Arsch. Der war im Arsch. Voll im Arsch. Hat gemerkt, dass die anderen ihn wie einen Pestkranken angestarrt haben. War schließlich in der Zeitung zu lesen gewesen, dass er seinen Laden verloren hat. Und sein Vermögen. Seinen Sportwagen auch. Und seine Frau. Die ist zu ihrer Schwester gezogen. Für den Mann war alles aus. Alles. Also kopfüber runter in die Wohnsiedlung. Achtzig Meter runter. Sein letzter Abstieg. Man hat ihm ein Halleluja und einige Tausender hinterher geworfen. Für die Beerdigung. Armand d’Or hat sein wahres, großes Herz offenbart. Er hat eine Runde auf den Verstorbenen ausgegeben. Eine Runde! Alle sind sie zum letzten Gruß aufgestanden. Alle bis auf den, der nun nicht mehr unter ihnen weilte, weil er unter ihnen lag.
Es war so anrührend!
Und der Auslöser dieses Dramas sitzt dort hinten. Der ist reich, superreich. Dieser Mann ist milliardenschwer! Milliarden! Aber dabei ist er leider auch noch mies und mickerig. Klein. Schmale Schultern. Dünnes Haar. Aufgehübscht durch ein lächerliches, ein wirklich absolut lächerliches Toupet. Der hat sich ein Toupet auf den Kopf gestülpt. Ein Toupet! Nicht zu fassen. Hat der noch nie etwas von der ultramodernen Methode der Kunsthaarverpflanzung gehört? Das sind Haare, die nie wieder ausfallen. Haare, die absolut wetterfest und unvergänglich sind. Unvergänglich! Selbst wenn man nach hundert Jahren aus seinem Familiengrab geholt wird und der Lack schon so ziemlich ab ist, die Haare büscheln dann noch in voller Pracht.
Aber Olof hat ein Toupet auf. Bitris muss sich schütteln. Er mustert den Mann aus schmalen Ganovenaugen. Er bekommt den verheerenden Eindruck, als wäre der Typ auch noch zurückhaltend. Der ist zurückhaltend! Schüchtern! Lächerlich schüchtern! Der ist schüchtern und zurückhaltend. Der hat keine Ahnung, wie man Geld ausgibt, wie man feiert, wie man baggert, säuft, überschäumt. Der Mann ist ein schüchterner, zurückhaltender, hässlicher Langweiler. Der trinkt Möhrensaft!
Ein Fall für Bitris Schwester.
Bitris geht zur Toilette.
Bitris geht in die Herrentoilette. Die mit Marmorfliesen ausgelegte, großzügig bemessene Herrentoilette. Mit Waschbecken aus Dresdner Porzellan. Und Pissrinnen aus Meißner Porzellan. Und Klobrillen aus Teakholz. Und einem Toilettenmann im Smoking, der eine echte Havanna raucht, weil er mit angenehmen Tabakdüften das irritierende Lüftchen eines radikalen Brechdurchfalls übertönen will.
Er heißt Rupert Schottnik, der Toilettenmann, und er spielt in dieser Geschichte überhaupt keine Rolle. Nur, dass er nach einigen Minuten einen Kontrollgang durch sein sanitäres Reich macht und sich sehr darüber wundert, dass der gutaussehende, junge Mann, der eben hereingekommen ist, überhaupt nicht mehr da ist. Alle hochglänzenden Kabinen sind leer. Vollkommen leer! Kopfschüttelnd reinigt er mit einem Hochdruckstrahler einen Toilettenrand von einigen unschönen Spritzern und föhnt danach alles trocken. Merkwürdig aber auch, dass der junge Mann so einfach verschwunden ist.
Bitris sieht sich im Spiegel an. Sie blickt in ihr schmales, glattes Gesicht. Grüne Augen, scharf wie Smaragde. Sie hat kurzes, schwarzes Haar, wie ihr Bruder, aber es liegt matt glänzend an ihrem Kopf. Dünne Ringe hängen an ihren Ohrläppchen, der Mund ist voll und satt rot. Sie öffnet drei Knöpfe an ihrem Cocktailkleid, um ihre nette Oberweite ein wenig besser zur Geltung zu bringen. Kleine, mickrige Geldsäcke stehen immer auf twistende Brüste. Darum trägt Bitris nie einen BH. Sie lässt es lieber schaukeln, wenn sie eine Sache schaukeln will.
Sie tritt aus der Damentoilette. Geht achtlos vorbei an der mit Scheinen vollgestopften, offenen Sammelbüchse der Toilettenfrau, deren Saphirringe im sanften, indirekten Licht der Klobeleuchtung schimmern. Sie ignoriert den wütenden Hinweis der Frau auf die Toilettennutzungs-Gebührenverordnung. Paragraph fünfzehn. Auch wenn man nicht zur Tür hereingekommen ist, sondern sich einfach materialisiert hat, ist man zur Abgabe von hundert Euro pro Milliliter verpflichtet. Und die Nutzung des aus dem Buckingham-Palace stammenden Spiegels kostet zwei Hunderter. Das ist Gesetz bei Armand d’Or. Gesetz!
Bitris hört nicht einmal hin. Sie bezahlt niemals etwas. Bitris bezahlt nie! Niemals!
Der Raum umfängt sie, strahlt in sie hinein. Die Sonne. La Soleil. Das Licht fällt auf den Schatten. Bitris wirft forschend ihren Kopf herum. Sie sucht. Und hundert Männer lächeln sie an. Erwartungsvoll. Geblendet. Sauber geputzte Zähne. Verzückt. Aber sie sieht keinen von ihnen. Nicht einen einzigen. Die Männer stehen alle im Dunkeln. Sie stehen dort, wo Bitris nicht hinsieht. Dort, wo sie niemals hinsieht.
Nur einer ist im Lichte. Die Strahler weisen wie anklagende Finger auf seine schmalen Schultern unter der teuren, neuen Smokingjacke. Sieh her, Bitris, dort sitzt er! Du kannst ihn haben, Bitris. Mit Haut und Haaren.
Die Eleganzstrahler an den Decken leuchten durch sie hindurch. Lichterbündel, die auf kein Hindernis treffen und doch einen Schatten werfen. Dort an der Wand, hinter Bitris, da schleicht sich ein schwarzer Panther über die Edelholzpaneele, halbgeduckt mit aufgestellten Ohren. Ein Raubtier, das seine Beute wittert. Ein Raubtier vor dem Sprung. Aber schlagartig erlischt das merkwürdige Schattenspiel. Das bunte Licht fließt an ihrem Körper herunter, tropft auf den Boden, versinkt darin. Bitris setzt sich in Bewegung. Schnell, gewandt, geschmeidig. Direkt auf ihre Beute zu.
Die wartet schon auf sie. Olof, das Opfer.
”Äh, warum sitzt ein solcher Engel so allein an meiner Seite, ohne dass ich ihn bemerke?” fragt Olof, nachdem Bitris eine halbe Ewigkeit neben ihm herumgesessen hat. Mindestens sieben Minuten! Sieben verdammte lange Minuten hat der Kerl sie warten lassen, bevor er sie anspricht! Sieben! Das sind vierhundertzwanzig Sekunden. Vierhundertzwanzig! Für eine Sache, die im Bruchteil von einer Sekunde entschieden werden kann. Entschieden werden muss!
”Darf ich ihnen vielleicht einen Drink anbieten?” fügt er pflichtbewusst hinzu, denn Bitris Hände sind leer. Ihre Lippen aber, die vollen roten, saftig roten, prallen, halbgeöffneten prallen roten Lippen, die sind trocken. Trocken! Staubtrocken! Ja, beinahe schon spröde!
Freilich kennt Olof aus dem deutschen Milliardärsblatt die gesellschaftlichen Umgangsformen, denen man als maskulines Exemplar eines Gastes in Armand d’Ors Place des Belles unterworfen ist. Sitzt man unmittelbar neben einer reizenden Person weiblichen Geschlechts, - und diese junge Dame neben ihm, verdammt, die ist weiblichen Geschlechts! – und ist diese reizende Person weiblichen Geschlechts ohne Drink – oh ja, ihre Finger sind leer, diese Finger, die so herrliche Dinge anstellen können, sind leer! - und sitzt diese traumhafte Fee auch noch alleine da, - oh Gott, es ist niemand sonst in der Nähe. Niemand! - und sitzt man selbst auch alleine da, dann muss, … muss! … man diese Person ohne die geringste Verzögerung sofort und auf der Stelle in Windeseile im selben Augenblick ansprechen und sie zu einem Drink ihrer Wahl einladen.
Jedwedes abweichende Handeln gilt als mangelnde Achtung vor dem weiblichen Geschlecht und vor Armand d’Ors Hausordnung, denn die basiert auf der Originalausgabe von Knigges ‚Über den Umgang mit Menschen‘ aus dem Jahre 1801. Aber wenn man Pech hat, so richtig übel viel Pech hat, dann kann das abweichende Verhalten von übelmeinenden Zeitgenossen sogar als Geiz … Geiz! … ausgelegt werden! Als Geiz! Wer aber einer derartigen Eigenschaft überführt wird, wer sich anmaßt, bei Armand d’Or aus Sparsamkeit ein Getränk zu verschmähen, und das nur deshalb, weil es ein wenig teurer ist als ein Mittelklasseauto, wer solch ein unsägliches Verhalten an den Tag legt, der darf im harmlosesten Falle mit übler Nachrede und ätzender Ironie rechnen. Im schlimmsten Fall wird er, wie der unglückliche Hugo Baldaus vor einem Jahr, auf der Stelle geteert und gefedert, auf eine Leiter gebunden und hinab in die Wohnsiedlung geworfen, wo er hingehört.
Und dabei ist Hugo Baldaus auch noch total unschuldig an der Situation gewesen. Unschuldig! Baldaus war an jenem verhängnisvollen Tage gar nicht in der Lage, sofortige Flirtbereitschaft an den Tag zu legen. Er war schlicht unfähig, seine Tischnachbarin sekundenschnell einzuladen! Weil er nämlich ganz einfach extrem indisponiert war. Speiübel war ihm. Von einem Virus oder von einem Drink oder von was auch immer. Würgspuckröchelrotzübel! Und deshalb hat er eben mal nicht bemerkt, dass Lululita getränkelos aber durstig unmittelbar neben ihm gesessen hat an jenem Abend im Juni des letzten Jahres. Weil ihm so verdammt übel gewesen ist, war er eben einmal nicht aufmerksam genug. Das muss man doch verstehen! Da muss man doch mal Abstriche machen. Verständnis haben! Verständnis! Nö. Lululita hat kein Verständnis gehabt. Kein bisschen! Keinen Fatz Verständnis für ihn und sein grünes Kotzgesicht. Die hat sofort empört gekreischt. Empört! Gekreischt! Und sie hat ihn geohrfeigt. Geohrfeigt. Schallend! Und geschimpft und gezetert hat sie. Kein Verständnis. Dieser Mann weigert sich, mir einen Drink zu spendieren. Er ist geizig! Geizig! Unmöglich, dass dieser Mann länger Gast bei Armand d’Or ist! Unmöglich! Da half es ihm auch nicht, dass er Lululita gleich eine Milliarde Euro überwiesen hat. Er war enttarnt. Als Geizhals. Ab in den Teertopf. Zack, runter in die Siedlung. Tschüss Hugo.
Harte Regeln bei Armand. Verdammt harte Regeln!
Das Schicksal Hugos will niemand erleiden, auch Olof nicht. Nein, Olof schon gar nicht. Schließlich ist er noch neu in der Szene, muss sich erst den Ruf eines unersättlichen Tigers erkämpfen, muss mit Geld und anzüglichen Bonmots erst in der Hierarchie der reichlich Schönen seinen Platz erklimmen. Außerdem sitzt er, Olof der Große, der aufstrebende Matador des Sommers, der künftige Partylöwe, der kommende sagenhafte Aufreißer dieser Saison, der Hirsch in Lauerstellung, der sitzt wirklich und wahrhaftig seit geschlagenen neunzehn Minuten und elf Sekunden alleine da. Neunzehn Minuten! Und elf Sekunden!!
Die hübsche Brünette nämlich, mit der er hierhergekommen ist, und der er eine geschlagene Stunde lang den mathematischen Beweis dafür erläutert hat, dass eine eindeutige wechselseitige Beziehung zwischen beeindruckenden Bilanzen und der Schwanzgröße besteht, die hat einen derartigen Gähnkrampf bekommen, dass sie seither den Mund nicht mehr schließen kann. Der armen Ilva von Bügelberg hat es derart die Kiefer auseinandergerissen, dass sich irgendetwas ausgehakt hat. Da ist plötzlich mitten in der breitmäuligen Gähnattacke etwas mit hörbarem Knacken aus den Gelenkschalen gesprungen, direkt im Bereich der Anguli mandibulae. Die Brünette hat ihr Maul so dermaßen weit aufreißen müssen, dass ein Knochen total verkantet ist. Und als sichtbares Ergebnis dieses Ungeschicks steht nun seit geraumer Zeit ihr Mund weit auf. Sehr weit sogar! Extrem weit, im Grunde genommen. Und er geht nicht mehr zu. Eine Scheißsituation ist das. Eine Scheißsituation.
Zum Glück ist für derlei Unannehmlichkeiten bei Armand stets ein Spezialist zur Stelle. Denn bei Armand ist für sämtliche denkbaren Eventualitäten ein Spezialist anwesend. Für offenstehende Mäuler ist das Professor Doktor Dobermeyer-Kallberg. Jawohl, der Dobermeyer-Kallberg! Dobermeyer-Kallberg ist der absolut anerkannteste Physiotherapeut der Welt. Er ist eine Koryphäe auf dem weiten Feld der Verspannungen. Und er ist zurzeit total angesagt. Er löst jedwede Verspannung mit unnachahmlicher Grandezza.
Dieses alles hat aber überhaupt nichts mit der Geschichte zu tun. Deswegen noch mal:
”Äh, warum sitzt ein solcher Engel so allein an meiner Seite, ohne dass ich ihn bemerke?” fragt Olof. ”Darf ich ihnen vielleicht einen Drink anbieten?”.
”Was denkst du, warum ich hier sitze?” faucht Bitris. „Natürlich darfst du mir etwas zu trinken bestellen.“
