Schwestern der Venus - Raniero S. Aquila - E-Book

Schwestern der Venus E-Book

Raniero S. Aquila

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Beschreibung

Klara und Pieter lieben ihre Arbeit und ihre Familie, doch ab und zu zieht es sie in den Süden nach Italien. So wie auch in diesem Sommer. Sie genießen die Zweisamkeit und sie lieben die Sonne, das Meer und das "Dolce Vita". Doch in diesem Sommer verläuft alles anders als sonst. Eine Überraschung folgt auf die andere und mit einem Mal tauchen sie ein in die geheimnisvollen Geschehnisse in einem kleinen Inseldorf.

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Seitenzahl: 326

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Raniero S. Aquila

Schwestern der Venus

© 2018 Raniero S. Aquila

Verlag und Druck: tredition GmbH, Halenreie 40-44,

22359 Hamburg

ISBN Taschenbuch: 978-3-7469-8427-8

ISBN Hardcover: 978-3-7469-8428-5

ISBN e-Book: 978-3-7469-8429-2

Das Werk einschließlich seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung der Texte, Gemälde und Zeichnungen außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechts ist ohne Zustimmung des Autors und Künstlers unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen, fotomechanische Wiedergabe, die Einspeisung und Verarbeitung in elektronischen Systemen, die Verbreitung in Funk und Fernsehen, im Internet und die Verfilmung.

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet überhttp://dnb.d-nb.de abrufbar.

Mein Dank gilt Christine, Evelyn und Bernhard für ihre wichtigen Rückmeldungen. Besonders danke ich meiner Frau für ihre konstruktiven Anregungen, die ich in die Geschichte einarbeiten durfte. Bei Helga bedanke ich mich für das Korrekturlesen.

Raniero S. Aquila

Schwestern der Venus

Für

meine Kinder,

die mich angespornt und mir

Mut gemacht haben, zu schreiben.

Kapitel IDie Entdeckung

Heute wollten Pieter und Klara das Leihauto beim Hotel lassen.

Sie hatten sich vorgenommen, völlig unbeschwert die Umgebung zu erkunden. Nach dem Frühstück nahmen sie den einzigen Bus, der an diesem Sonntagvormittag Richtung Süden die Küste entlang fuhr.

In Tramonto, einer kleinen Feriensiedlung am Meer, stiegen sie aus.

Bestimmt konnte man von hier einen wunderschönen Sonnenuntergang sehen, dachte sich Pieter.

Zum Glück gab es eine kleine Bar an der winzigen Piazza, die direkt am Sandstrand lag. Der Kaffee drückte und wollte wieder hinaus.

Pieter holte den Führer aus dem Rucksack. Von der kleinen Kirche oberhalb der Piazza sollten zwei markierte Wanderwege starten.

Der eine verlief etwas oberhalb der Meereslinie zum nächsten größeren Küstenort San Rocco, der andere führte durch Gärten und Weinberge zum Gipfel des Monte Ve. Auf diesem Weg sollte man besonders schöne Weitblicke über das Meer genießen können.

Also entschieden sie sich für den Weg, der den Berg hinauf führte.

Vom Blasendruck erleichtert und mit Caffè und Cappuccino gestärkt, folgten sie der Markierung. Neben den Hauseingängen standen Blumentöpfe aus Ton, in denen Blumen, Petersilie und andere Kräuter gediehen.

Die Pflanzen waren erst gegossen worden, das Pflaster war noch nass und es roch frisch. Nach kurzer Zeit ließen sie die schattigen Gassen hinter sich. Die Sonne brannte schon heiß herunter. Der schmale Wanderpfad führte stetig bergauf. Pieters Blick glitt über den Boden. Hin und wieder raschelte es links und rechts im Gras.

Wenn er den Kopf hob, konnte er zwischen den Sträuchern und Bäumen verwilderte Terrassen erkennen und hin und wieder eine verfallene Steinhütte mit eingebrochenem Dach.

Pieter schwärmte gerade davon, wie man aus so einer Ruine ein schönes Weinberghäuschen machen könnte. Klara, die ihm auf den Fersen folgte, konnte solchen Ideen im Moment gar nichts Positives abgewinnen und drängte weiter.

Plötzlich standen sie vor einem großen Steinblock, der weit in den Pfad hineinragte und fast den Weg versperrte.

„Warum haben sie diesen komischen Felsbrocken nicht schon längst beseitigt, wenn das ein offizieller Wanderpfad sein soll!“

Klara klang etwas ärgerlich. Sie wollte auf dem schnellsten Weg zur nächsten Bar und wollte nicht auch noch Hindernisse überwinden müssen.

„Du, ich habe den Eindruck, dass das da kein gewöhnlicher Felsbrokken ist. Schau doch mal genauer hin.“

Pieter trat näher und fuhr mit den Fingern an den abgerundeten Kanten des Steins entlang. An vielen Stellen fanden sich Abschürfungen und Einkerbungen, die deutlich machten, dass der Zahn der Zeit wohl schon sehr lange an diesem Block genagt hatte.

„Der Stein sieht aus wie von Menschenhand behauen. Er hat die Form eines Quaders. Aber sieh mal,“

Pieter lenkte Klaras Aufmerksamkeit auf die Oberseite des Steins. „In der Oberfläche befindet sich eine runde Mulde. Seltsam! Was das zu bedeuten hat?“

Pieter konnte sich keinen Reim auf diesen Fund machen.

„Lass uns weitergehen!“ Klara drängte an dem Stein vorbei. In diesem Moment blieb sie mit dem Kleid an einer Brombeerranke hängen, die in den Weg hineinragte.

„Auch das noch! Dieser Stein fängt an, mich zu nerven!“

Klara versetzte dem Felsblock einen Tritt. „Kannst Du mich losmachen? Bitte!“

Pieter kniete sich nieder, um die Brombeerranke, die sich im Kleid verhakt hatte, zu entfernen. Dazu nahm er zwei Tempotaschentücher aus seiner Hosentasche. Mit ihrer Hilfe konnte er die Brombeerranke anfassen. Sein Kopf befand sich bei dieser Aktion direkt neben dem Stein und aus den Augenwinkeln nahm er an der Seitenwand des Steines etwas wahr.

Als er sich wieder erhoben hatte, gab ihm Klara einen Kuss auf den Mund.

„Danke, lieber Schatz, für die Befreiung!“

Pieter lächelte und freute sich, dass ihm die Befreiungsaktion gelungen war. Dann sah er sich die Seitenwand des Felsblocks an. Auch wenn die Form schon sehr verwittert war, konnte man ein verschlungenes Ornament erkennen.

„Jetzt bin ich aber doch neugierig, ob darüber etwas im Führer steht! Dieser Stein scheint außergewöhnlich zu sein“

Klara wollte schon etwas einwenden, aber ihr fiel ein, dass sie in Pieters Schuld stand und so ließ sie ihn gewähren.

Pieter holte den Führer aus dem Rucksack und blätterte darin.

„Moment, hier wird der Weg beschrieben. Das habe ich vorhin schon gelesen. Halt, da ist eine Notiz am Rand mit einer kleinen Zeichnung des Steins.“

Pieter blickte zu Klara und freute sich, dass er tatsächlich fündig geworden war.

„Die habe ich vorhin gar nicht beachtet. Da steht: Nach etwa einer halben Stunde Wanderung stößt man auf dem Pfad auf einen archaischen Stein mit verwitterten Ornamenten und einer schalenförmigen Mulde auf der Oberseite. Nach Meinung von Archäologen handelt es sich um einen vor- oder frühgeschichtlichen Opferstein, auf dem die antiken Seefahrer oder Pilger schon in grauer Vorzeit ein Opfer dargebracht haben auf dem Weg hinauf zu einem Heiligtum, das sich auf dem Venusberg befunden haben soll.

Hast Du das gehört?“

Pieter wandte sich wieder aufgeregt Klara zu. Dann ging sein Blick den Hang hinauf in Richtung Berg.

„Da soll sich ein Heiligtum auf dem Berg befunden haben! Ist das nicht aufregend?“ In Pieter regte sich seine archäologische Ader. „Also ich finde das wahnsinnig interessant!“

Klara konnte diese Begeisterung nicht teilen. Der Gedanke an das Opfer beschäftigte sie.

„Und was haben die damals hier geopfert?“ Sie schüttelte sich bei dem Gedanken.

„Nicht was Du denkst!“ beruhigte Pieter seine Frau.

„Dafür ist der Opferstein doch viel zu klein! Vielleicht haben sie mitgebrachte exotische Früchte geopfert oder Beutestücke. Das war wie so eine Art Eintrittsgeld, um die Götter für sich wohlgesonnen zu stimmen.“

Klara spitzte den Mund. So ganz war sie mit der Erklärung nicht zufrieden, aber sie wollte sich jetzt nicht länger mit dem Thema befassen. „Lieber Pieter, könnten wir jetzt weiter gehen?“ fragte sie ganz freundlich.

Pieter riss sich schweren Herzens von dem archäologischen Fundstück los und nahm wieder den Weg bergauf unter seine Füße. In Gedanken war er aber immer noch bei dem Opferstein und überlegte, welche Art Opfer die vor- und frühgeschichtlichen Seefahrer und Pilger wohl auf diesem Opferstein dargebracht hatten und wie das damals gewesen sein mochte.

Der Pfad folgte nun einer kürzlich ausgebesserten Trockenmauer. Jemand hatte den Weg freigeschnitten. Es roch nach getrockneten Gräsern und Kräutern, die am Boden lagen. Bunte Schmetterlinge schaukelten in der Morgensonne über den Weg.

Pieter blieb stehen und holte tief Luft. Der Aufstieg kostete ihm Kraft. Er wartete auf Klara. Dabei sog er den Duft der Macchia ein. In der Sonne verströmte der ganze Hang einen betörenden Duft. Während er in den hellblauen Morgenhimmel über dem Meer blickte, kam ihm für einen Moment sein Chef in den Sinn. Er wusste nicht, warum das gerade jetzt passierte. Er sah vor seinem inneren Auge das alte Gebäude, in dem sich sein Büro befand.

Unbewusst schüttelte er den Kopf, wie um die Gedanken abzuschütteln. Nein, er war im Urlaub und er war hier und er war frei.

„Warum schüttelst Du mit dem Kopf? Ist etwas?“ Klara hatte zu ihm aufgeschlossen.

„Nein, es ist nichts.“ Pieter wollte nicht darüber reden.

„Ist das nicht traumhaft, diese Ruhe, dieser Duft, diese Sonne? Und das alles darf ich mit Dir erleben!“

Klara schmiegte sich an Pieter. Mit der rechten Hand schrieb sie einen großen Bogen über das Firmament, drehte sich vom Hang weg und deutete aufs Meer hinaus, das unendlich groß und weit erschien. Ganz weit draußen verschmolz es im leichten Dunst mit dem Himmel.

Tief unten umspielte ein weißes Band aus Meeresschaum die Felsen, die wie unterschiedlich lange, spitze Finger ins Meer ragten.

Möwen ließen sich von der leichten Brise in die Höhe tragen und kurvten mit einer beneidenswerten Leichtigkeit kreuz und quer durch die Lüfte.

„Ich danke Dir, dass Du mich überredet hast, diesen Ausflug heute zu unternehmen. Es war genau das Richtige!“

Klara schloss die Augen, hielt ihr Gesicht in die Sonne und sog die warme, würzige Luft ein.

„Ich habe schrecklichen Durst. Leider habe ich nichts zum Trinken mitgenommen“, stöhnte sie. „Du auch nicht, oder?“ wandte sie sich an Pieter.

„Nein“, antwortete der, „aber nach der Wanderkarte müsste bald ein Dorf kommen.“

„Na hoffentlich gibt es da eine Bar. Lass uns weitergehen“, drängte Klara.

Nach einer Viertelstunde tauchte rechts ein großer Weinberg auf. Der Pfad schmiegte sich an die Umfassungsmauer und führte geradewegs nach oben. Eine violettrote Bougainvillea hatte die Mauer erobert und über und über mit ihrem dichten Blütenmeer umkleidet. Dicke, schwarze Käfer standen wie Kolibris schwebend in der Luft und suchten die Blüten nach Nektar ab.

Der Pfad wurde breiter. Eine Gartentür aus Holzlatten führte in den Weinberg.

„Warte bitte mal, das muss ich unbedingt fotografieren“, meinte Pieter. Das Gartentürchen lag in der prallen Sonne.

Zwischen den Latten spannten sich dicke Spinnweben kreuz und quer und durch sie hindurch leuchteten die Blätter der Rebstöcke strahlend hell, so als wären sie von der Sonne entflammt worden.

„So ein schöner Weinberg!“ Pieter hielt im Aufstieg inne und sein Blick schweifte über die Spaliere. Am liebsten wäre er durch die Gartentür hineingegangen und hätte sich alles genau angesehen.

Erst jetzt fiel ihm das Haus auf, das sich oberhalb des Weinbergs erhob.

Das war kein Bauernhaus. Zum Weinberg und zum Meer gewandt war ein Wintergarten angebaut und darauf befand sich eine Terrasse.

Klara folgte Pieters Blick. Sie erriet seine Gedanken. Von der Terrasse musste man einen grandiosen Blick über den Weinberg aufs Meer haben!

„Warte, ich muss noch ein Foto machen! Ein fantastisches Motiv: Das weiß getünchte Haus in der Mitte, darunter der von der Sonne schier entflammte Weinberg und darüber das makellose Blau des Himmels!“

Pieter war begeistert.

„Lass uns weitergehen, ich habe Durst. Hoffentlich gibt es in Deinem Dorf eine Bar oder einen Alimentari. Ich brauche Wasser!“, jammerte Klara.

Ein kurzer Anstieg auf dem nun breiteren, mit Bruchsteinen gepflasterten Pfad, der so aussah, als hätten ihn schon die Phönizier oder Griechen angelegt, und sie standen oben auf einer Dorfstraße.

Etwas zurückgesetzt stand das weiße Haus, das sie schon von unten gesehen hatten.

Es hob sich von den anderen Häusern im Dorf ab. Kein Bauernhaus hatte einen so reich mit Ornamenten verzierten eisernen Gartenzaun.

Über der doppelflügeligen Eingangstür des Hauses bemerkte Pieter im Vorbeigehen eine Nische und darin eine weibliche Figur.

Sein Blick streifte das Fenster rechts von der Tür.

Von innen war der Deckel eines Schuhkartons an die Scheibe gelehnt. Darauf stand, mit der Hand geschrieben und gerade noch leserlich, „vendesi“.

„Hast Du das auch gesehen?“, flüsterte Klara Pieter über die Schulter zu. „Das Haus ist zu verkaufen.“

Und nach einer kurzen Pause fügte sie hinzu: „Ob wir mal fragen?“

Sie machte mit dem Kopf eine deutende Bewegung in Richtung des Hauses. Links von der Eingangstür war im Vorgarten eine gebückte Gestalt in einem schwarzen Kleid zu sehen.

Sie traten etwas näher an den Gartenzaun heran.

„Erlauben Sie mir eine Frage, bitte?“ Pieter verwendete seine Formel, wenn er etwas auf Italienisch fragen wollte. Die Frau im schwarzen Kleid, die über einem Beet gebückt war, hob den Kopf und drehte ihn in ihre Richtung. „Ja?“

„Das Haus ist zu verkaufen?“ Klara kam ihrem Mann zuvor.

Die Frau trat von innen an den Gartenzaun. Sie hatte eine weiße Küchenschürze umgebunden, die mit kleinen, Blumen bestickt war. Die Falten in ihrem Gesicht verrieten, dass sie vielleicht achtzig oder mehr Jahre alt sein mochte.

Einige Strähnen des grauen Haares fielen ihr auf die Stirn und die Wangen.

In der linken Hand hielt sie einen Büschel Petersilie.

„Ja, Signora, das Haus ist zu verkaufen. Sind Sie interessiert?“

Die Blicke von Pieter und Klara trafen sich. Irgendwie waren sie von ihrer eigenen Spontaneität überrascht.

„Das Haus ist sehr schön, ein Traum, ja, ein Traum…, aber bestimmt nicht zu bezahlen“, meinte Pieter.

Seitdem er mit achtzehn Jahren das erste Mal in Italien war, zog es ihn immer wieder in den Süden. Er war Mitte der siebziger Jahre an der Strada del Sole bei Florenz am frühen Morgen nach einer Nacht im Bus auf einer Raststätte ausgestiegen und hatte die Luft voller Pinienduft eingeatmet. Seit damals war er infiziert und fühlte sich im Süden daheim.

„Auf wie viel kommt es?“

Die Signora antwortete nicht darauf, sondern hob die rechte Hand, so als wollte sie ihnen bedeuten, stehen zu bleiben.

„Warten Sie!“

Sie drehte sich um und verschwand in der Haustür.

Sollten sie warten? Sie sahen sich unschlüssig an.

Es war einer jener Momente, die es im Leben geben kann, in denen man an seinem Glück vorbei gehen oder ihm begegnen konnte. Auf der Straße hinter ihnen knatterte eine dreirädrige Ape vorbei. Man sah ihr an, dass sie schon viele Jahre auf dem Buckel hatte und einmal rot lackiert gewesen sein musste.

Das winzige Führerhäuschen war völlig ausgefüllt mit einem alten Bauern, der seinen Kopf eingezogen halten musste, so niedrig war die Führerkabine.

Er sah neugierig zu ihnen herüber, als er an ihnen vorbei tukkerte. Der Zweitakter stieß dabei in kurzen Abständen blaugraue Rauchwölkchen aus dem Auspuff hervor.

Macht der einen Gestank, dachte sich Pieter. Den Zweitaktergeruch hatte er noch nie besonders ausstehen können.

Während sie noch dem kleinen Gefährt nachsahen, war die Signora wieder aus der Haustür getreten.

In der linken Hand hielt sie Klara einen Zettel hin. Er sah aus wie die abgerissene Ecke einer Zeitung.

„Die Nummer von Dottore Malacarne, er kümmert sich um alles.“

Klara nahm zögernd den Zettel entgegen. Sie war immer noch von ihrer eigenen Courage überrascht.

Die Signora blickte beide freundlich an:

„Kann ich Ihnen etwas anbieten, Wasser oder Wein?“

Sie wartete die Antwort der beiden nicht ab, sondern ging zum Gartentor, öffnete es und winkte sie herein.

„Wir wollen nicht stören, Signora“, Klara beeilte sich, zu erklären, dass sie die Signora nicht von ihrer Arbeit abhalten wollten.

Die Signora hatte sich schon zur Haustür gewandt und mit der rechten Hand machte sie ein Zeichen, das wohl sagen sollte: Los, kommt schon!

Im Flur war es erstaunlich kühl. Der Fußboden war mit matten, hellgrauen und dunkelroten Platten gefliest, so wie man es oft in alten Häusern sah.

Auf der linken Seite stand eine Tür offen, aus der leise das Blubbern kochenden Wassers zu hören war.

Die Signora bedeutete ihnen mit der Hand, durch die offene Tür in die Küche hinein zu gehen. Auf dem Gasherd stand ein Topf, aus dem Wasserdampf stieg.

Mit einer raschen Handbewegung zog sie den Topf auf die Seite und bedeutete ihnen, sich an den Küchentisch zu setzen.

„Macht es Euch bequem, bitte!“

Als sie saßen, wiederholte sie ihr Angebot: „Wasser oder Wein?“

Pieter und Klara sahen sich an. Von dieser spontanen Gastfreundschaft waren sie etwas überrascht. Andererseits, Durst hatten sie schon.

„Vielen Dank, Signora, gerne Wasser und Wein.“

„Ich bin übrigens Gina.“ Ein breites Lächeln erschien auf dem Gesicht der Signora. Offensichtlich freute es sie, jemandem etwas Gutes tun zu können.

„Wir sind Klara und Pieter“, stellte Klara sie beide vor.

„Einen Moment“, sagte Gina und verschwand aus der Küche.

Die Blicke der beiden wanderten in der Zwischenzeit durch die Küche. Sie war nicht sehr groß, aber zweckmäßig eingerichtet. In der Mitte stand der Küchentisch, auf der einen Seite ein Gasherd, daneben ein eiserner Kochherd und rechts davon ein Spülbecken aus Stein. Aus der Wand ragte der Wasserhahn. Darüber war ein Regal angebracht, auf dem standen ein paar Töpfe und eine Macchinetta zum Espressokochen.

Über der Tür, durch die sie eingetreten waren, hing das Bild einer Madonna mit Kind. Ah, die fast überall gegenwärtige Ferruzzi-Madonna, ging es Pieter durch den Kopf.

Signora Gina kam wieder herein, in der einen Hand eine Plastikflasche mit Wasser, in der anderen Hand eine weiße Flasche mit goldgelbem Wein. Sie stellte beides auf den Tisch. Auf der Weinflasche befand sich kein Etikett.

Bestimmt ein eigener Wein, dachte sich Pieter und er war neugierig, wie er wohl schmeckte. Es interessierte ihn immer, neue Weine zu probieren.

Eine gute halbe Stunde später saßen Pieter und Klara an einem von drei Tischen vor der kleinen Bar an der Piazza des Dorfes.

Sie waren noch etwas benommen, einerseits von den zwei Gläsern Wein, die sie ziemlich schnell auf Durst getrunken hatten, andererseits von dem, was sich innerhalb der letzten Stunde ereignet hatte.

Die Gedanken schwirrten im Kopf herum. Den Besuch bei Signora Gina hatten sie nach den beiden Gläsern Wein bald beendet. Sie wollten die Signora nicht vom Kochen abhalten.

Nach den Zutaten im Spülbecken zu urteilen, war sie gerade dabei gewesen, eine Minestrone zu kochen.

Es war ja Mittagszeit. Sie hatten sich mit vielen „Mille grazie!“ verabschiedet und Signora Gina hatte zum Abschied gewunken.

„Wir sehen uns!“

Ja, sie würden sich wiedersehen, davon waren Pieter und Klara überzeugt.

Kapitel IISignora Gina

Gerade hatte sich ein exotisches Insekt, das Pieter von zuhause nicht kannte, auf dem Rand seines Glases mit Orangensaft niedergelassen.

Mit Argwohn beäugte er dessen Treiben. Schließlich wollte er nicht aus Versehen dieses Vieh oder eines aus der Verwandtschaft, die sich manchmal nach kurzer Zeit ebenfalls einstellte, verschlucken.

Er fasste den Entschluß, den kleinen Störenfried zu verscheuchen. Während er das mit Hilfe einer Serviette tat, setzte sich Klara an den Frühstückstisch, in der Hand zwei Gläser Sekt, die sie vorsichtig auf einen freien Platz zwischen Rührei, Kaffeetassen, Lachs und Handy stellte.

„Es ist herrlich hier, nicht?“ schwärmte sie und ihr Blick ging dabei über den nahen Strand zum Meer. Mit der linken Hand streichelte sie Pieters Oberschenkel und lächelte ihren Mann an. Vor dem Frühstück waren sie sehr zärtlich zueinander gewesen. Sie genossen es, im Urlaub richtig schön Zeit füreinander zu haben.

„Ich habe diese Nummer angerufen“, fuhr sie fort.

„Am anderen Ende war ein Herr, der sogar etwas Deutsch sprach.

Dieser Dottore Malacarne ist Notar. Er kennt Signora Gina und das Haus gut. Er hat gemeint, wir können jederzeit bei ihm vorbei kommen. Willst Du?“

„Eigentlich möchte ich heute noch mal rauf ins Dorf“, entgegnete Pieter.

„Du hast Feuer gefangen, nicht?“ Klara sah ihren Mann lächelnd an, während sie vom Sekt nippte.

„Weißt Du, dieses Mal ist es anders. Wir haben uns ja immer wieder mal was angeschaut. Aber es war nie das Richtige dabei und die Preise waren auch zu hoch. Hat er gesagt, was das Haus kosten soll?“

„Ja…m“, Klara schluckte einen Bissen Rührei hinunter.

„Er sagte was von 250.000 Euro, aber wir sollen ein offizielles Angebot machen.“

„Das ist nicht übertrieben.“ Pieter hatte mehr erwartet. „Und da geht noch was nach unten?“

„Probieren!“ sagte Klara.

„Reden wir doch mal mit dem Notar.“

„Ich würde gern noch mal zum Dorf hinauf gehen und mir alles anschauen.

Vielleicht lässt uns Signora Gina noch einmal ins Haus.“ Pieter nahm einen Schluck vom Sekt.

„Also gut“, stimmte Klara zu, „den Notar können wir auch heute Abend anrufen und nach einem Termin fragen.“

„Hast Du den Zettel mit den Abfahrtszeiten da, Schatz?“ Pieter fragte ganz vorsichtig an, denn Klara hatte diesen Zettel unbedingt bei sich aufbewahren wollen.

Klara fing an, in ihrer Tasche zu kramen. Pieter kannte die Prozedur. Klara nahm zerknitterte Papiere heraus und legte sie auf den Frühstückstisch. Ah, da kam ja auch Klaras Armbanduhr mit dem abgerissenen Band zum Vorschein, dachte sich Pieter.

„Da hab ich ihn!“ Triumphierend hielt Klara einen Zettel hoch. „Sieben Uhr fünfzehn, acht Uhr fünfzehn, neun Uhr fünfzehn! Wenn wir uns beeilen, können wir den um Viertel nach Neun noch erwischen!“

Etwas außer Atem kamen sie an der Fermata1auf der Piazza vor dem Municipio, dem Rathaus, an. Sie brauchten keine zwei Minuten warten, da kam der Bus auch schon angefahren und hielt mit quietschenden Bremsen. „Da sag mir mal noch einer was von der italienischen Unpünktlichkeit!“ schnaufte Pieter, tief Luft holend.

Sie stiegen ein und kauften die Tickets beim Fahrer. Als sie sich setzten, fuhr er schon los.

Glück gehabt, freute sich Pieter. Klara, die ihm gegenüber saß, öffnete ihren Rucksack und zog ihr Handy heraus.

„Ich habe vorhin beim Frühstück gesehen, dass uns unsere Kinder erreichen wollten. Ich ruf mal zurück.“

„Hallo Biene, bist du es? Wie geht es Euch denn?“

„Und Linard?“

„Danke, uns geht es auch sehr gut. Es ist wunderschön hier. Papa hat eine Entdeckung gemacht, aber davon berichten wir Euch später.“

„Erzähl!“

Klaras Gesicht bekam einen leicht sorgenvollen Ausdruck, dann meinte sie:

„Das geht schon in Ordnung, wenn Ihr hinterher wieder ordentlich aufräumt. Wir vertrauen Euch.“

Pieter sah seine Frau fragend an. Klara machte eine beschwichtigende Handbewegung.

„Ist es warm bei Euch? Denkt bitte auch daran, die Blumen vor dem Haus und die Töpfe im Garten zu gießen!“

„Dank Euch, Ihr Lieben! Und passt schön auf Euch auf, ja!

Ich werde es Papa ausrichten. Tschüssi! Ja, tschüss, bis bald!“

Klara berührte den roten Punkt, um das Gespräch zu beenden.

„Was war denn?“ wollte Pieter wissen.

„Sie wollen am Wochenende eine spontane Party feiern. Bei schönem Wetter im Garten und wenn es nicht so schön ist, im Haus. Ich hab gesagt, es geht in Ordnung, oder?“

Pieter war es auch recht. Es war gut, dass sie beide nicht anwesend waren.

Pieter musste grinsen. Als er jung war, ging es ja auch nicht anders zu.

In der Zwischenzeit waren sie mit dem Bus an ihr Ziel gekommen.

Sie verabschiedeten sich mit einem freundlichen „Ciao, grazie!“ vom Busfahrer und stiegen aus.

Den Wanderpfad hinauf kannten sie ja schon. Jetzt hatten sie etwas mehr Muße, Einzelheiten am Wegrand zu beachten.

An vielen Ecken blühte der Oleander in allen Farbschattierungen zwischen Rot und Weiß.

Während sich der Weg durch die verwilderten Terrassen schlängelte, machte Pieter Klara auf Pflanzen und Sträucher aufmerksam.

„Sieh mal, dort drüben, das Bäumchen mit den kräftig grünen Blättern und den schönen roten Blüten, das ist ein Granatapfelbaum, der Baum der Versuchung im Paradies.“

„Die gibt es hier?“ fragte Klara ungläubig und ging gar nicht auf Pieters Anspielung ein.

„Toll!“

Auf der Höhe des ummauerten Weinbergs unterhalb des weißen Hauses kam ihnen ein alter Bauer mit einer ausgewaschenen hellblauen Arbeitsschürze entgegen.

Pieter kannte diese Schürzen von seinem Schwiegervater. Noch im hohen Alter lief der damit herum, wenn er auf dem Hof oder im Obstgarten zu tun hatte. Auch von seinem Großonkel, den er als Bub manchmal auf den Acker begleitete, war sie ihm noch gut in Erinnerung.

Sie war anscheinend ein in ganz Europa verbreitetes Kulturgut, dachte er bei sich.

„Buon giorno“, grüßten sie freundlich.

„Salve!“ erwiderte der ältere Mann den Gruß und über sein sonnengegerbtes, faltiges Gesicht breitete sich ein Lächeln. Er blieb bei ihnen stehen.

„Una bella giornata, oggi!“ Der ältere Mann machte eine Handbewegung, in der er die ganze Welt mit einschloss.

„Ja, heute ist wirklich ein schöner Tag“, erwiderte Klara und Pieter ergänzte: „`E un bell posto qui. “

Es war ein schöner Platz hier, alles sprühte vor Leben und wurde übergossen vom goldenen Sonnenlicht!

Dem Redeschwall auf Italienisch konnten sie nicht ganz folgen. Der ältere Mann sprach sehr schnell. Aus den Gesten schlossen sie aber, dass er über den Weinberg sprach.

„Senta, scusi!“, versuchte Pieter freundlich lächelnd zu unterbrechen. Entschuldigen Sie bitte!

„Wir haben leider nicht alles verstanden. Bearbeiten Sie den Weinberg?“

„Ja, ja.“

Aber anscheinend hatte es der ältere Herr gerade eilig. Denn er lüpfte seinen alten Strohhut und verabschiedete sich mit einem freundlichen „Una buona giornata2!“.

Sie waren oben an der Straße angekommen. Die Gartentür zum weissen Haus stand offen. Also gingen sie zur Haustüre und klopften, aber es öffnete niemand.

Sie sahen sich um, auf der Straße näherte sich knatternd ein Dreirad. Es war dasselbe, das sie schon gestern gesehen hatten.

Aus dem Fenster des Führerhauses schaute ein Kopf mit Mütze heraus.

„Suchen Sie die Signora Gina?“

Sie nickten.

„Sie ist bei ihrer Nachbarin.“

Ein herausgestreckter Daumen deutete in Richtung eines rosa gestrichenen Hauses in der Nachbarschaft.

Pieter und Klara bedankten sich und das Gefährt tuckerte davon. Auf der Ladefläche sah Pieter wieder ein paar Kisten voller Zitronen. Jedes Mal freute er sich innerlich beim Anblick dieser grellgelben Südfrüchte.

Gerade wollten sie losgehen, da öffnete sich eine Tür des rosafarbenen Hauses. Sie erkannten Signora Gina, die ihnen zuwinkte und mit kleinen Schritten die Straße überquerte.

„Buon giorno, meine Lieben!“ rief sie schon von weitem, noch bevor Pieter und Klara sie begrüßen konnten.

„Ich habe es gewusst, Ihr kommt zurück! So eine große Freude! Kommt herein, hier außen ist es heiß.“

„Wir wollten Sie nicht stören, Sie waren doch gerade bei der Nachbarin, nicht wahr?“ versuchte Klara sich zu entschuldigen.

„Ja, ja“, Signora Gina machte eine Handbewegung, die vermutlich bedeuten sollte: Nicht so wichtig!

„Mit meiner Nachbarin treffe ich mich jeden Tag. Es gibt immer etwas Neues im Dorf!“

Und nach einer kurzen Pause fuhr sie fort:

„Aber es ist schön, dass Ihr wieder gekommen seid.“

Damit schob sie Pieter und Klara durch das Gartentürchen und gab Pieter ein Zeichen, die Haustüre zu öffnen.

Innen war es viel kühler als draußen. Klara gefielen die alten Fliesen im Hausplatz.

Am liebsten hätte sie die Schuhe ausgezogen und wäre barfuß auf ihnen gelaufen. Wäre das eine schöne Abkühlung!

„Macht es Euch in der Küche bequem, die kennt Ihr ja schon!“

Signora Gina ging aber nicht mit hinein, sondern verschwand.

Pieter und Klara setzten sich. „Was meinst Du, ob ich meine Schuhe ausziehen darf?“

Klara kniff die Augen zusammen und setzte ein verschmitztes Lächeln auf.

Pieter zog die Schultern hoch. „Keine Ahnung, ob das unhöflich ist.“

Zaghaft schlüpfte sie aus den Wanderstiefeln.

Signora Gina kam herein und lächelte, als sie Klaras Füße sah. In der einen Hand hielt sie eine Flasche mit goldfarbenem Wein, in der anderen ein altes Fotoalbum.

Während sie den Wasserhahn aufdrehte und erst etwas Leitungswasser ablaufen ließ, bevor sie eine Karaffe darunter hielt, wandte sie sich mit einem freundlichen Lächeln Pieter und Klara zu. „Meine Lieben, was kann ich für Euch tun?“

Anschließend füllte sie zwei Gläser mit Wasser und zwei mit Wein aus der Flasche ohne Etikett.

Der ist wahrscheinlich von Hand aus einem Ballon abgefüllt, dachte Pieter bei sich. Aber wenn er so gut ist wie gestern, habe ich nichts dagegen einzuwenden.

Klara, die noch die zwei Gläser vom Vortag in Erinnerung hatte und wie sie daraufhin etwas müde geworden war, überlegte, ob sie abwehren sollte. Dann aber entschloss sie sich, das Angebot aus Höflichkeit anzunehmen.

„Wir“, Klara setzte an, um auf die Frage zu antworten, „wir wollten fragen, ob wir das Haus sehen dürften. Gestern war dazu ja keine Zeit.“

„Aber selbstverständlich“, Signora Gina erhob sich, obwohl sie sich gerade erst gesetzt hatte. „Vorher trinkt aber bitte etwas. Es ist heute wieder so heiß.“

Pieter und Klara hatten richtig Durst. Das Leitungswasser war erfrischend und der fruchtige Wein hinterher ließ den Gaumen vor Freude hüpfen.

„So, dann kommt mal, ich zeige Euch das Haus. Ihr werdet staunen.“

Damit schob Signora Gina beide freundlich vor sich her zur Küchentür hinaus.

Nach dem Rundgang fanden sie sich wieder in der Küche ein.

Pieter und Klara waren beeindruckt. Vor allem von der großen Terrasse im ersten Stock waren beide hin und weg. Von ihr genoss man einen völlig freien Blick über den darunter liegenden Weinberg und die anderen Gärten bis zur Küste hinunter und weit über das Meer.

„Signora Gina“, begann Pieter, „dieser Weinberg unterhalb des Hauses, gehört er zum Haus und wird er bearbeitet?“

„Ja, mein Bruder hat ihn bearbeitet und vorher unser Papa. Es war sein Hobby. Jetzt kümmert sich ein alter Freund, Rumbaldo, aus dem oberen Dorf um ihn, seit mein Bruder tot ist. Aber er ist auch schon alt und kann nicht mehr alles schaffen.“

Signora Gina seufzte.

„Ich glaube, wir haben ihn vorhin kennen gelernt“, flocht Klara ein.

„Hat er einen alten Strohhut auf und eine blaue Schürze an?“

„Ja, ja, das ist Rumbaldo“, bestätigte Signora Gina.

„Seinen Hut setzt er praktisch nie ab. Er ist sehr fleißig und hat bisher immer einen guten Wein gemacht.“

Pieter konnte das nur bestätigen. „Der Wein ist hervorragend. Er schmeckt ein bisschen wie ein Muskatwein, aber trocken ausgebaut. Sind im Wein Muskattrauben?“

Signora Gina nickte. „Unser Vater liebte diesen Muskatgeschmack, aber er sollte nicht zu aufdringlich sein. Deshalb hatte er einen gemischten Satz angebaut, wie er immer sagte, mit anderen weißen Rebsorten zusammen.

Manchmal, wenn ihm sein Wein besonders gut schmeckte und er sehr gesprächig war, erzählte er uns Kindern am Tisch, wie er die alten Sorten ausgesucht hat.

Die eine Sorte nannte er Falanghina. Die soll von den Römern stammen und auch Grecanico besorgte er sich. Die haben die alten Griechen hergebracht. Ich sage Euch, auch zum Essen sind sie köstlich, zukkersüß!“

Signora Gina verdrehte vor Begeisterung die Augen und ein breites Lächeln überzog ihr Gesicht, so als würde sie gerade die zuckersüßen Beeren am Gaumen spüren.

„Phantastisch!“ rief Pieter aus und blickte freudestrahlend zu seiner Frau hinüber.

„Als Kind“, Signora Gina legte ihre Hand auf die von Pieter, „war es für mich und meine Freundinnen ein Spaß, im Weinberg nach einer besonderen Form der Trauben zu suchen. Die Malvasìa-Traube bekommt nämlich zwei oder drei Flügel an der Seite. Das sieht dann ein bisschen aus wie eine Puppe mit langen Armen oder ein Engelchen mit Flügeln.“

Signora Gina stand erstaunlich beweglich vom Stuhl auf und breitete die Arme aus, um es zu demonstrieren.

Pieter sah Signora Gina amüsiert zu. Schon wieder etwas dazu gelernt, dachte er bei sich.

„Die Betonung liegt bei Malvasìa auf dem i, nicht? Und wo baut er den Wein aus?“ wollte Pieter noch wissen.

„Nun, bei sich daheim, in seiner cantina. Einen guten Teil behält er für sich. Ich brauche nicht viel.“

Signora Gina lachte.

„Er ist stark und macht schnell beschwipst!“

„Das kann ich bestätigen.“ Klara nickte. Ihr Blick streifte das alte Fotoalbum, das auf dem Küchentisch lag.

Aus Höflichkeit wollten sie nicht einfach gehen. Signora Gina hatte das Album gebracht und wollte ihnen bestimmt noch etwas zeigen. Klara deutete auf das Album. „Bestimmt sind in dem Album viele schöne Erinnerungen.“

Signora Gina nickte und nahm das Album zur Hand.

Pieter und Klara rutschten mit ihren Stühlen so um den Tisch, dass sie zusammen mit Signora Gina in das Buch hinein schauen konnten.

„Hier, das sind Mama und Papa bei ihrer Hochzeit.“

Auf der linken Seite klebte ein Foto mit dem Brautpaar.

Auf der rechten Seite war eine Aufnahme mit der ganzen Hochzeitsgesellschaft zu sehen.

Vermutlich war das ganze Dorf bei der Hochzeit eingeladen gewesen. Kinder, Junge und Alte standen zusammen gedrängt auf den Stufen vor der Kirche. Am rechten Rand war ein Esel mit geflochtenen Tragkörben zu sehen, so wie sie früher zum Transport auf den schmalen Saumpfaden eingesetzt wurden.

Signora Gina legte das Buch kurz ab und holte aus dem Küchenbüfett ihre Brille.

„So, jetzt kann ich besser sehen.“

Sie blätterte weiter.

„Hier sind wir Kinder vor dem alten Bienenhaus unten im Weinberg. Unser Papa hat uns dort fotografiert. Er war oft bei den Bienen. Dann hat mein Bruder Ricco die Bienen übernommen.“

Sie strich mit dem Handrücken über ihre glänzende Wange.

„Ach ja, das waren noch Zeiten, da waren wir alle noch beisammen…“

Die Stimme von Signora Gina klang wehmütig und gebrochen. „Leider sind unsere Eltern viel zu früh gestorben. Sie sind bei einem Fährunglück ums Leben gekommen. Das war kurz vor Ende des Krieges.“

Rasch legte sie das Album hin und holte ein Stofftaschentuch unter ihrer Schürze hervor.

Pieter und Klara waren still geworden und wussten nicht, was sie sagen sollten.

Klara legte ihre Hand vorsichtig auf Signora Ginas Schultern.

„Das tut uns sehr leid. Wir können uns die Bilder ein andermal ansehen. Wir kommen gerne noch einmal her, wenn wir dürfen.“

„Ach ja, das wäre schön.“

Signora Gina wischte sich die Tränen aus den Augen.

„Dann zeige ich Euch Fotos von meinem Bruder. Er war ein bemerkenswerter Mann.“

Pieter und Klara sahen sich fragend an. Dann wandte sich Klara an Signora Gina.

„Signora Gina, was meinen Sie mit bemerkenswert?“

Die Augen der Angesprochenen waren auf den Tisch gerichtet, so als wollte sie überlegen. Ein Lächeln erschien auf ihrem Gesicht und verriet, dass sie gerade an etwas Schönes dachte.

„Mein Bruder war nicht wie die anderen Männer im Dorf. Er wollte stets aufrecht und frei sein in dem, was er dachte, sagte und tat. Er war ein Lebenskünstler. Ja das war er.“

Signora Gina machte eine Pause und sah Klara und Pieter an, wie um zu erforschen, wie die beiden reagierten auf das, was sie sagte. Als diese nichts sagten, fuhr sie fort.

„Aber nicht so einer, der nur an sich dachte.

Er war ein Freund der Menschen, half, wo er mit seinen bescheidenen Mitteln helfen konnte und er liebte die Natur. Ihr hättet mal sehen sollen, wie er mit seinen Bienen sprach, so liebevoll, als wären es seine Kinder.“

Pieter erinnerte sich, dass er beim Rundgang durchs Haus an einer Zimmertür eine seltsame, große Pfeife mit einem Tabakbeutel hatte hängen sehen. Er hatte sich noch gewundert, wozu diese große Pfeife wohl gebraucht worden war. Na klar, dämmerte es ihm jetzt, die hatte Ricco als Imker benutzt.

Irgendwie waren Klara und Pieter im Moment so überwältigt von den vielen interessanten Informationen, dass ihnen die Worte fehlten.

Dann ergriff Klara das Wort.

„Signora Gina, das war für uns alles sehr interessant.“

Signora Gina lächelte. „Ihr könnt jederzeit wiederkommen.“

„Vielen Dank für das Angebot.“

Klara und Pieter verabschiedeten sich und bedankten sich bei Signora Gina für ihre Gastfreundschaft.

Klara bemerkte, dass sie noch barfuß dastand. Sie setzte sich, um die Stiefel wieder anzuziehen. Dann verließen sie das Haus. Signora Gina winkte ihnen nach.

1 Haltestelle

2 Einen schönen Tag!

Kapitel IIISpontane Entscheidung

Als sie eintraten, erhob sich ein älterer Herr in grauem Anzug mit gestreifter Krawatte hinter seinem Schreibtisch, ging um ihn herum auf sie zu und schüttelte herzlich ihre Hände.

Dabei blickte er sie über seine goldglänzende Brille hinweg an.

„Buon giorno, Signori! Machen Sie es sich bequem!“

Mit einer Geste bot er ihnen an, sich auf die beiden altehrwürdigen Stühle zu setzen, die vor dem Schreibtisch postiert waren.

Sie strahlten wie das ganze Büro, das in dunklem Nussbaumholz gehalten war, eine gediegene Würde aus, ohne protzig zu erscheinen.

Die Stühle wirkten schwer, das lederne Polster der Sitzfläche war seitlich mit bronzenen Nieten befestigt. Wie viele Generationen von Mandanten mochten hier schon Verträge besprochen und besiegelt haben?

„Grazie, Signor Malacarne“, antwortete Pieter.

„Sie haben sich da was Großes vorgenommen, Signori Spöri“, hob dieser an.

„Das Haus ist in einem schlechten Zustand. Seit Jahrzehnten ist kaum mehr etwas daran gemacht worden. Es ist also viel zu restaurieren. Daher rührt auch der vergleichsweise günstige Preis.

Wie sie bestimmt schon wissen, gehört zum Haus auch der Weinberg unterhalb des Hauses. Er ist in einem miserablen Zustand und muss vollständig neu kultiviert werden.“

„Ja, ich weiß, Signor Malacarne, es ist schon lange mein Traum, so einen Weinberg im Süden zu bearbeiten. Es wird für mich eine große Freude sein.“

Der Notar blickte Pieter über seine Brille hinweg wohlwollend an.

„Das freut mich, wenn sie so begeistert sind und das genau ihren Wünschen entspricht.“

Der Notar machte mit seinen aufgestützten Oberarmen eine Bewegung nach außen, sodass die goldenen Manschettenknöpfe kurz unter den Ärmeln des Anzugs hervorblitzten.

„Ach, und da ist ja noch was zu erwähnen.“

Der Notar kramte in den Blättern, die vor ihm auf dem Schreibtisch lagen.

Klara und Pieter wechselten kurz einen Blick. Ein bisschen waren sie erschrocken, wie sie so da saßen auf den schweren Stühlen vor dem großen Schreibtisch.

Kam da vielleicht irgendein Haken zum Vorschein, der die ganze Sache, die sich so toll anfühlte, zum Wackeln oder gar zum Scheitern brachte?

„Ja, hier habe ich den Lageplan. Zum Haus gehört noch ein terreno3 oberhalb des Dorfes, ein uliveto mit fünfzig ulivi saeculari, alten Olivenbäumen.

Das ist eine Menge Arbeit, vor allem, weil die Bäume seit Jahren nicht mehr geschnitten worden sind.“

Vermutlich erwartete der Notar erschrockene Gesichter bei seinem Gegenüber.

Pieter stieß innerlich einen Freudenjuchzer aus und Klara dachte an das eigene Olivenöl, mit dem sie in Zukunft kochen konnte.

„Sie können natürlich versuchen, den Olivenhain zu verkaufen, aber leicht wird das nicht sein. Denn es gibt nicht mehr viele, die die Arbeit machen. Es sind noch die paar Alten, die die Arbeit gewohnt sind, aber die Jungen…“

Er breitete die Arme aus und machte eine Handbewegung, als wollte er irgendwelche überirdischen Mächte um Hilfe bitten.

„Die Jungen, die gehen lieber in die Stadt auf Arbeit.“

Der Notar erklärte nun das weitere Vorgehen.

Signora Gina würde mit ihrer Freundin in einer Wohnung in der Stadt wohnen. Ihr Patenkind und deren Familie würden sich bei Bedarf um sie kümmern.

Das Geld aus dem Verkauf des Hauses würde vom Notar verwaltet werden. Monatlich erhielt Signora Gina von ihm einen Betrag. Damit konnte sie ihren Lebensunterhalt bestreiten.

So war für Gina für den Rest ihres Lebens bestens gesorgt und nach ihrem Ableben würde der übrig gebliebene Betrag zwischen ihrem Patenkind und ihren übrigen Nichten und Neffen aufgeteilt werden. So hatte es Gina mit dem Notar besprochen.

Als Klara und Pieter beim Notar fertig waren und den Palazzo, in dem sich sein Büro befand, verließen, spürte Pieter eine wohlige Wärme in der Brust aufsteigen.

Er hakte sich bei Klara unter, während die heisse Sonne die Straße mit ihrem gleißenden Licht überflutete.

„Lass uns in eine Bar gehen und etwas trinken“, schlug Klara vor.

„Wasser, ich brauche jetzt erst einen Schluck Wasser.“

Pieter ließ sich auf einen Stuhl im Schatten vor einer Bar sinken.

Klara fuhr mit der Hand über sein Haar. „Hole ich Dir. Ich brauche allerdings jetzt einen Caffè corretto, nein besser einen cappuccino corretto!“

Pieter hörte aus der Entfernung, wie seine Frau drinnen verhandelte.

Es dauerte aber nur wenige Minuten, bis sie mit einer großen Kaffeetasse und einem Glas Wasser wieder heraus kam.

„Hier, dein Wasser.“ Sie stellte ihm das Wasser mit Zitrone hin.

Pieter griff sofort danach und trank es in einem Zug aus. „Ah, war das gut, danke!“

Klara stellte ihre Tasse vorsichtig ab, da sie bis zum Rand voll war. „Ich habe der Barista drinnen gesagt, dass ich einen Cappuccino corretto mit Baileys möchte. Sie hat mich zuerst nicht verstanden und mir drei verschiedene Grappas gezeigt.

Die wollte ich nicht. Dann habe ich mir alle ihre Schnäpse zeigen lassen, bis sie endlich die richtige Flasche vom Regal holte.“

Klara schnaufte durch.

„Voila! Da ist er! Wie ich mich auf den jetzt freue und schau mal, wie voll sie die Tasse gemacht hat! Und weißt Du, was ich dafür bezahlt habe? Eins achtzig! Das ist ja geschenkt.“

Klara freute sich wie eine Schneekönigin über ihren Kaffee und den Deal, den sie gemacht hatte.

Vorsichtig hob sie die Tasse zum Mund und schlürfte daran.