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Die mitreißende Geschichte der Familie Eckstein steht im Mittelpunkt dieses dramatischen Romans. Serena, eine Tierärztin, hat eine komplizierte Beziehung zu Justin von Granzow. Schließlich kommt es zu einem Heiratsantrag, der große Fragen aufwirft. Serenas Schwester Daniela ist faul und intrigant. Sie versucht, der tüchtigen Serena Justin auszuspannen. Dafür setzt sie alles aufs Spiel und schreckt auch vor einem dreisten Diebstahl nicht zurück. Die verzweifelten Eltern Alfred und Marie kämpfen einen aussichtslosen Kampf mit den so unterschiedlichen Charakteren und Ambitionen ihrer Töchter. Falsche Heiratsversprechen, gestohlene Geldsummen belasten die Familie. Alte, bewährte Traditionen drohen unterzugehen. Die Herausforderungen sozialer Spannungen und Differenzen treiben die Familie Eckstein fast in den Ruin. Auch auf Gut Buchenthal geht es hoch her. Karl Friedrich, Theodors Sohn, verliebt sich in Melanie, die Tochter des Gärtners. Die standesgemäßen Heiratspläne, die seine Großmutter für ihn verfolgt, lehnt er ab. Die Krise auf Gut Buchenthal spitzt sich zu.
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Seitenzahl: 263
Veröffentlichungsjahr: 2025
Erster Teil
Gräfin Helene hatte den Schock, den ihr Sohn ihr zugefügt hatte, immer noch nicht verarbeitet. Sie konnte es nicht, war es doch zu gewaltig, was gleich nach ihrer Reise auf sie eingestürmt war. Ihr Mann trug die ungeheure Tatsache allerdings mit Fassung. Aber so war er ja schon immer gewesen. Tradition und Ansehen kümmerten ihn nur wenig. Seine Welt war eigentlich immer in Ordnung – ihre nicht.
Inzwischen waren zwar beinahe zwei Wochen seit diesem entsetzlichen Tag vergangen, aber ihr Einziger war nicht zu ihr gekommen und hatte sich nicht entschuldigt. Dabei hatte sie doch damit gerechnet, dass er bei nüch-terner Betrachtung zugeben würde: »Du hast vollkommen recht, Mama. Marike Behrendt ist zwar meine Tochter, wird aber hier nicht mehr arbeiten, wohnen natürlich auch nicht. Und mit ihrer Mutter werde ich auch in Zukunft nichts zu schaffen haben. Die beiden passen nicht zu uns.«
Stattdessen hatte er überall offiziell erklärt, dass dieses uneheliche Ding seine leibliche Tochter wäre. Nur gut, dass er es bis jetzt vermieden hatte, ihr die gleichen Rechte wie seinen anderen Kindern einzuräumen. Das war ihr einziger Trost.
Dieser Trost schwand jedoch nur wenig später dahin. Ihr Sohn betrat nämlich in diesem Moment die Bibliothek, in der sie und ihr Ehemann gerade die Tageszeitungen lasen. Er setzte sich zu ihnen und erklärte ohne Umschweife: »Mama, Papa, ich gebe euch hiermit zur Kenntnis, dass ich Susanna in absehbarer Zeit heiraten werde. Unsere Tochter Marike wird auch weiterhin hier auf dem Gut arbeiten, so wie bisher. Sie wird ab sofort im Schloss zwei Zimmer bewohnen und gemeinsam mit uns ihre Mahlzeiten einnehmen. Mit den Jungen und Lotti sowie mit Tan-te Aurelie habe ich bereits gesprochen, mit den Angestellten ebenfalls. Außerdem werde ich Marike meinen Na-men geben. Und nun erwarte ich, dass sie auch von euch freundlich aufgenommen wird.«
Graf Albrecht hatte das Tageblatt gleich zusammengefaltet, zur Seite gelegt und machte sich nun auf eine längere Debatte gefasst, zu der er jedoch nur wenig beitragen wollte. Er nickte also nur und hatte eigentlich nichts dagegen, dass Theo seine Jugendliebe heiraten wollte. Außerdem ließ er sich sowieso nichts sagen.
Seine Frau hingegen war immer noch davon überzeugt, das letzte und entscheidende Wort in dieser Angelegen-heit zu haben.
»Wie können wir diese Frau freundlich empfangen?«, begann sie in jenem Tonfall, den sie immer für ihn hatte, wenn sie mit seiner Handlungsweise nicht einverstanden war. »Die war und ist doch nur deine Liebschaft, die wir nicht anerkennen können. Nicht wahr, Albrecht, das meinst du doch auch.«
»Na ja, Helene, so war das früher einmal«, gab er beschwichtigend zurück. »In der heutigen Zeit zählen auch noch andere Werte. Ich freue mich jedenfalls über die Marike. Sie ist ein liebes und sehr fleißiges Mädchen.«
»Das mag ja alles sein, aber ich weiß wirklich nicht, wie ich es ertragen soll, dass eine Frau aus der untersten Volksschicht hier die Gräfin werden soll.«
In Theo von Buchenthal brodelte der Zorn. Dennoch zwang er sich zur Besonnenheit und antwortete relativ ru-hig: »Susanna kommt nicht aus der Gosse, wie du mir andeuten willst. Sie ist klug, hat einen Beruf und hat unsere Tochter allein erzogen. Und sie wollte auch nie die Gräfin sein, nur – meine Frau. Glaubst du wirklich, Mama, dass sie Tag für Tag deine Nörgeleien und Sticheleien ertragen will? Ich werde, wenn du nicht einsichtig bist, zu Susanna in die Stadt ziehen. Dort werden wir uns ein Haus kaufen. Lotti wird dann bei uns wohnen.«
Nach dieser Ankündigung rief sein Vater entsetzt: »Aber Junge, das kannst du doch nicht machen! Wie sieht denn das aus?«
»Eine andere Lösung gibt es nicht«, kam es ungerührt zurück. »Vertragen wollt ihr euch mit Susanna ja nicht.«
Helene von Buchenthal begann darauf, hemmungslos zu schluchzen, hörte aber trotzdem, wie ihr Sohn frostig sagte: »Ich gebe euch jetzt eine Woche Bedenkzeit. Wenn ihr dann immer noch nicht bereit seid, Susanna und Ma-rike anzuerkennen, müssen wir uns räumlich trennen. Ihr zwingt mich ja förmlich dazu.«
Albrecht und Helene schwiegen daraufhin sehr bedeutsam, allerdings aus unterschiedlichen Gründen. Er wollte keinen Ärger mit seiner Frau und sie hoffte, den Sohn durch dieses Schweigen doch noch umstimmen zu können.
Theo warf ihnen einen enttäuschten Blick zu. Danach stand er auf und ließ die beiden allein.
Er hörte nicht mehr, wie sein Vater missbilligend hervorstieß: »Komm endlich von deinem hohen Ross herunter, Helene! Was hast du eigentlich gegen die Frau? Die tut dir doch nichts.«
»Natürlich tut sie mir etwas. Wenn sie hier einzieht, werde ich nichts mehr zu sagen haben.«
»Na und?«, konterte er nachdrücklich. »Wir ziehen uns beide aufs Altenteil zurück und machen es uns so schön wie möglich. Jetzt sind die Jungen dran. «
»So kannst auch nur du reden.« Die Gräfin erhob sich und verließ die Bibliothek sehr würdevoll. Was sie nun ma-chen sollte, wusste sie jedoch nicht. Sie wollte nur, dass alles so blieb, wie es jetzt war.
*
Ihr Sohn verbrachte auch diesen Abend bei Susanna und Marike und hatte ihnen eben von der Auseinanderset-zung mit seinen Eltern erzählt.
»Papa ist ja noch zugänglich, aber Mama ist mal wieder wie vernagelt«, schloss er seinen Bericht. »Es wird mir wahrscheinlich nichts anderes übrig bleiben, als mich hier anzusiedeln und jeden Tag zur Arbeit zu fahren. So weit ist es ja nun auch wieder nicht.«
»Und doch würde es eine gewaltige Umstellung sein«, erwiderte Susanna mahnend. »Du musst dann jeden Tag fahren und hast dich, was noch schlimmer ist, mit deinen Eltern überworfen. Das möchte ich nicht.«
»Ich auch nicht«, setzte Marike hinzu, noch ehe ihr Vater ein Wort sagen konnte. »Wir bleiben hier und du kannst uns besuchen, wann immer du willst.«
»Nein, so geht das nicht«, schimpfte der Graf. »Ich werde nicht mehr der dumme Junge meiner Eltern sein. Ich lasse mich nicht mehr manipulieren und werde mich durchsetzen, da können sie sagen und tun, was sie wollen.«
»Es wird für alle nicht angenehm sein«, gab Marike bedrückt zu. »Vielleicht sollten wir es zunächst einmal mit einem Kompromiss versuchen.«
»Und wie soll der aussehen?«, fragte ihre Eltern beinahe gleichzeitig.
»Nun, ich könnte, wenn es euch recht ist, auch weiterhin auf dem Gut arbeiten und wohnen. Es gefällt mir dort, mit meinen Geschwistern komme ich aus, mit dem Opa ebenfalls. Und die Oma könnte ich so nach und nach von uns beiden überzeugen. Mama bleibt vorerst hier und Papa besucht uns so oft es möglich ist.«
Theo nickte zustimmend, Susanna schüttelte jedoch den Kopf und entgegnete traurig: »Das mag ja für dich allein vielleicht funktionieren, du bist ja immerhin ein Grafenkind und die Enkelin. Mich wird man aber nicht anerken-nen, auch wenn manches nicht mehr so ist wie vor Jahrzehnten.«
»Es sind nicht alle so, wie Oma Helene.« Marike blickte ihre Mutter aufmunternd an. »Eine Freundin von mir hat vor einiger Zeit einen Grafen geheiratet. Sie und ihre Mutter hatten auch Bedenken. Inzwischen sind jedoch alle zufrieden und glücklich. Darf ich euch die Geschichte erzählen?«
»Aber ja doch«, antwortete ihr Vater lachend. »Etwas Schönes und Romantisches hört man ja immer gern. Wie heißt die Geschichte denn?«
Und Marike erwiderte: »Liebe ist kein Märchen«.
Als Sabine von Borg an diesem Sommermorgen erwachte, hatten ihre Eltern und ihr um acht Jahre älterer Bru-der schon längst gefrühstückt und gingen ihren gewohnten Tätigkeiten nach. Vater Gunther und Sohn Axel hatten mit der Getreideernte zu tun, während Mutter Hanna sich um die Büroarbeit kümmerte. Damit war sie wie im-mer vollauf beschäftigt und war froh, den Haushalt und alles, was dazu gehörte, der Wirtschafterin und ihrem Team überlassen zu können.
Regina Horatius machte diesen Job auch ausgezeichnet und verstand es, die ihr unterstellten Mitarbeiter freund-lich anzuleiten. Die zwanzigjährige Sabine kannte es nicht anders und war überdies davon überzeugt, sich später auch entsprechendes Personal halten zu können. Vorläufig wollte sie sich jedoch amüsieren und zwar dort, wo die Schönen und Reichen zu finden waren. Arbeiten, so wie Vater und Bruder es ihr schon mehrmals geraten hatten, konnte sie immer noch – vielleicht in zehn Jahren. Bis dahin würde sie sich schon lange mit Thoralf verheiratet sein und brauchte nicht mehr an das triste Landleben zu denken. Was sollte sie auch hier? Etwa Schweine füttern oder mit einem Traktor über den Acker fahren? Nein, bloß das nicht!
Thoralf und sie würden sich eine Villa am Meer kaufen, dort Gäste empfangen, Golf und Tennis spielen und viel Spaß haben.
Sie hatte den jungen Mann vor knapp zwei Wochen auf einer Party kennengelernt und war sofort von ihm faszi-niert gewesen. Er war der einzige Sohn des Grafen Sunfried, war immens reich und sah fantastisch aus. Und er hatte sich genauso in sie verliebt wie sie sich in ihn. Leider hatte sie ihn noch nicht wiedergesehen, sie hatten nur telefo-niert und sie hatte ihm versprochen, ihn so bald als möglich zu besuchen. Dann würden sie miteinander reisen und sich die Welt ansehen. So war es abgemacht.
Das war allerdings leichter gesagt als getan. Ihre Eltern hatten mitunter noch Ansichten von vorgestern und be-haupteten, dass sie mit ihren knapp zwanzig Jahren noch nicht allein reisen dürfte. Außerdem könne sie nicht mit Geld umgehen. Sie brauchte also wieder einmal einen Aufpasser. Im Winter war ihre Cousine Angelika mitge-kommen, die zwar mehr als langweilig war, sich aber doch diskret im Hintergrund hielt und vor allem nicht petzte. Und das Geld konnte sie auch gut einteilen.
Ja, Angelika musste auch dieses Mal als Anstandswauwau mitkommen.
Sabine griff zu ihrem Handy, das immer griffbereit auf ihrem Nachttisch lag, wählte die Nummer und vernahm nur wenig später die Stimme ihrer Cousine.
»Du musst mich begleiten«, sprudelte das Nesthäkchen der Familie von Borg gleich nach der Begrüßung hervor. »Du weißt doch, meine beiden Alten lassen mich nicht weg, wenn du nicht auf mich aufpasst. Aber du kannst mir glauben, es wird wundervoll. Thoralf hat gesagt, er will für längere Zeit verreisen und ich darf mitkommen und dann werden wir ...«
»Ich kann nicht mitkommen, ich bin schwanger.« Mit diesen Worten unterbrach Angelika von Bühren den Re-deschwall ihrer Cousine.
»Du bist – schwanger?« Mehr brachte Sabine vorerst nicht heraus, dann begriff sie jedoch und zischte empört: »Wie kannst du schwanger werden? Du weißt doch, dass ich dich brauche.«
»Liebes Sabinchen, ich habe auch noch ein eigenes Leben, einen Beruf und jetzt auch noch einen Mann. Und dem wird es gar nicht gefallen, wenn ich wochenlang die Gouvernante für dich spiele. Aber ich bin mir sicher, du wirst auch jemanden anderen finden. Vielleicht kommt ja deine Mutter mit.«
»Mama?? Du tickst ja wohl nicht mehr richtig? Ich werde doch nicht wie ein Kleinkind mit meiner Mutter auf Reisen gehen. Du kommst mit, kannst dich ja meinetwegen schonen noch und noch.«
»Nein!«
»Aber Geli, komm doch mit. Du machst das richtig gut.«
»Nein, suche dir eine andere Begleitperson.« Nach dieser unmissverständlichen Antwort unterbrach die werden-de Mutter das Gespräch und ließ damit die total verliebte Sabine mit ihren Problemen allein.
Zur gleichen Zeit saß das Objekt der Begierde, der 29-jährige Graf Sunfried, in seinem Wohnzimmer und über-legte, wie er aus dem Schlamassel, den er sich zum Teil selbst eingebrockt hatte, wieder herauskommen konnte. Hätte er doch bloß nicht mit dieser Kleinen geflirtet! Die war im Laufe der Party immer aufdringlicher geworden und war ihm kaum noch von der Seite gewichen. Und er hatte es unter der Einwirkung von Alkohol zeitweise ganz lustig gefunden. Seit dem Tag rief sie jeden Tag an. Mochte der Teufel wissen, woher sie seine Telefonnummer hat-te.
In diesem Augenblick klingelte es, er meldete sich und hörte gleich darauf: »Hier ist Sabine. Hast du ein bisschen Zeit für mich?«
»Eigentlich nicht«, schwindelte er geistesgegenwärtig. »Mein Onkel ist plötzlich erkrankt und hat mich gebeten, für ein paar Monate seine Arbeit zu übernehmen. Ich bin gerade dabei, meine Koffer zu packen.«
»Das ist aber doof. Wir wollten doch verreisen.«
»Daraus wird nichts. Der Onkel ist wichtiger.«
»Warum?«
»Du weißt doch, dass mein Vater relativ früh gestorben ist. Seitdem kümmert sich Onkel Udo um die Mama und um mich. Er behandelt mich wie einen Sohn. Und deshalb kann ich ihn jetzt nicht im Stich lassen. Das geht einfach nicht.«
»Was macht dein Onkel denn? Hat er kein Personal?«
»Er betreibt Land – und Forstwirtschaft und hat natürlich auch seine Leute, braucht mich aber ...«
Weiter kam er nicht, weil seine Partybekanntschaft lachend rief: »Dann kannst du doch verreisen, der Alte wird schon klarkommen. Und denke daran, du hast es mir versprochen, hast gesagt, dass du deinen Doktor gemacht hast und nun ganz Europa bereisen willst. Und ich soll mitkommen.«
Thoralf von Sunfried verfluchte inzwischen diesen Abend und seinen Hang zum Flirten. Ja, ja, die Kleine war schon ein hübsches Ding, aber sie wollte mehr als die anderen. Viel mehr, als er zu geben bereit war.
»Ja, das habe ich zwar gesagt«, erklärte er ihr jetzt. »Da habe ich aber noch nicht gewusst, dass mein Onkel krank werden würde und mich dringend braucht. Deshalb muss ich meine Reisen verschieben.«
»Musst du nicht – und – und ich habe mich doch schon so darauf gefreut.« Sabine begann laut zu schluchzen und unterbrach dann das Gespräch.
»Gott sei Dank.« Thoralf atmete tief auf und beschloss, wirklich zu seinem Onkel zu fahren. Den kannte Sabine von Borg nicht, und ihn selbst würde sie in der Mecklenburger Schweiz sicher nicht suchen. Er würde bei seinem Onkel arbeiten, er war ja immerhin sein Erbe und hatte ohnehin vorgehabt, dort sein Geld zu verdienen. Allerdings noch nicht jetzt, doch bei dieser verzwickten Sachlage ging es wohl nicht anders. Und Sabine würde sicher ver-nünftig sein oder ihn bald vergessen.
*
Sie war nicht vernünftig und sie vergaß ihn auch nicht. Jetzt erst recht nicht! Sie bildete sich ein, ihn heiß und in-nig zu lieben, träumte beinahe pausenlos von ihm und beschloss, ihn ausfindig zu machen.
Mit Hilfe von Freunden gelang ihr das recht bald. Der Onkel des Grafen Sunfried hieß Udo von Schwarzenau und konnte einen ausgedehnten Besitz in Mecklenburg vorweisen. Er betrieb auch eine ländliche Pension, wo man ge-wissermaßen Urlaub auf dem Bauernhof machen konnte.
Er war also in Mecklenburg?? Sabine hatte spöttisch gelächelt, als sie diese Tatsache erfuhr. In dieser Gegend war doch nichts los, da wurden doch abends noch die Bürgersteige hochgeklappt. Aber für sie konnte das nur gut sein. Mit drallen und dummen Bauernmädchen würde Thoralf sicher nichts im Sinn haben, sondern im Gegenteil froh sein, wenn sie – natürlich rein zufällig – bei ihm auftauchte und seine kleine Liebste wurde. Blieb nur noch die Frage nach der Begleitung. Ohne eine solche würden die Eltern sie nicht wegfahren lassen. Das war zwar mehr als rück-ständig, aber sie änderten ihre Meinung leider nicht. Ihr Vater war in dieser Hinsicht besonders streng.
Sabine nahm sich vor, wenigstens die Mutter zu überzeugen. Was war denn schon dabei, wenn sie den Sommer über die Mecklenburger Seenplatte bereiste?
Eigentlich nichts. Das fand Hanna von Borg auch, erklärte aber gleichzeitig, dass ihre Jüngste keinesfalls allein rei-sen dürfte.
»Vielleicht kommt Angelika wieder mit«, meinte sie abschließend und tröstend zugleich.
»Die kriegt ein Kind. Wisst ihr das gar nicht?«
»Ein Kind? Na ja, sie ist mit ihren 27 Jahren auch alt genug. Aber mitkommen kann sie in ihrem Zustand tatsäch-lich nicht. Das ist zu anstrengend. Dann muss Melanie dich eben begleiten. Die hat Semesterferien und somit viel Zeit.«
Sabine wäre auch mit ihrer zukünftigen Schwägerin einverstanden gewesen, stieß aber bei dieser und bei ihrem Bruder auf heftigen Widerstand.
»Ich habe keine Zeit für längere Ferien, ich muss mich auf das nächste Semester vorbereiten«, erklärte Melanie Sommer geradeheraus, als man an diesem Abend bei einem Glas Wein auf der Terrasse saß. »Und meine knappe Freizeit will ich mit Axel verbringen und nicht mit dir.«
»Ja, genau«, pflichtete ihr dieser bei, während er seine Schwester mit zornigen Blicken bedachte. Danach wandte er sich an seine Eltern und erklärte: »Sabine ist es wieder einmal langweilig und auf den Gedanken zu arbeiten, kommt sie gar nicht. Nur wir sollen für das verwöhnte Püppchen da sein.«
»Du bist nach dem Abitur auch gereist«, warf die Mutter besänftigend ein, worauf der junge Mann sie kühl be-richtigte: »Ja, einmal für vier Wochen und das war im Winter, wo nicht so viel zu tun ist. Meine Schwester hat je-doch im vorigen Jahr schon eine Rundreise durch Frankreich und Spanien gemacht und zwar acht Wochen lang. Und danach hat sie gar nichts mehr getan, ist nur zu Partys gegangen, hat Tennis gespielt und lange geschlafen, statt in der Küche und in der Gärtnerei zu helfen.«
»Na und? Du bist ja bloß neidisch!«, hielt seine kleine Schwester schrill dagegen. »Ich habe wenigstens Freunde, mit denen ich etwas unternehmen kann. Na ja, du bist eben bei unserem Viehzeug am besten aufgehoben.«
»Nun reicht es mir.« Axel von Borg nahm seine Verlobte bei der Hand und verließ mit ihr die Terrasse.
Sabine forderte daraufhin schluchzend: »Nun seht ihr, dass ich niemanden habe und allein fahren muss.«
»Das kommt gar nicht infrage.«
»Warum denn nicht, Papa?«
»Weil du das wirkliche Leben noch nicht kennst und nicht mit Geld umgehen kannst. Du kannst reisen, aber nur in vernünftiger Begleitung. Es ist natürlich bedauerlich, dass Angelika nicht mehr zur Verfügung steht.«
»Dann müssen wir jemand anderen finden.« Das kam von der Mutter, die es durchaus begrüßte, wenn die Jüngste nicht daheim weilte. Das ständige Gezänk mit ihrem Bruder ging Hanna von Borg auf die Nerven, ihrem Mann übrigens auch.
»Ihr müsst Angelika überzeugen«, rief Sabine in ihre Gedanken hinein. »Sie soll sich nicht so pingelig haben. Au-ßerdem will ich in Deutschland bleiben, Nord – und Ostseeküste, Mecklenburger Seenplatte und so weiter. Da wird ihr schon nichts passieren.«
*
»Nein, das nicht. Aber eine Schwangere muss öfter ihren Arzt aufsuchen. Und das geht nicht, wenn sie mit dir un-terwegs ist. Frag doch bei deinen Freunden nach.«
Gunther von Borg schüttelte den Kopf und erwiderte entschieden: »Die kannst du alle vergessen. Die sind doch genauso unerfahren wie unsere Tochter.«
»Sind sie nicht«, rief das Nesthäkchen weinerlich und empört. »Die dürfen auch wegfahren.«
»So? Da habe ich aber etwas ganz anderes gehört.«
»Was du schon wieder gehört hast, Papa. Ich fahre allein, bin ja schließlich erwachsen.«
»So benimmst du dich aber nicht, also wage nicht, allein abzudüsen. In diesem Fall lasse ich dein Konto sperren und du stehst ohne Geld da. Ist das klar?«
»Ja, Papa. Soll ich nun den ganzen Sommer hierbleiben? Das halte ich nicht aus.«
Wir auch nicht, dachten die Eltern und schauten sich ratlos an, bis Mutter Hanna einen guten Einfall hatte.
»Laura kann dich begleiten. Die hat jetzt Semesterferien und wird sich bestimmt ein bisschen Geld verdienen wollen.«
»Wer ist Laura?«
»Die Tochter von unserer Wirtschafterin.«
»Ich gehe doch nicht mit dem Personal auf Reisen«, rief Sabine entrüstet.
»Sie gehört nicht zu unseren Mitarbeitern«, stellte der Vater richtig. »Sie eine fleißige und strebsame junge Frau, die an der Humboldt-Universität studiert. Sie ist Mitte zwanzig und wird dir eine große Hilfe sein.«
»Und wie sieht die aus?«
»So recht weiß ich das auch nicht. Ich glaube, sie ähnelt ihrer Mutter.« Das kam vom Vater und ihre Mutter setz-te hinzu: »Ich habe sie erst einmal gesehen, weiß aber, dass sie rote Haare hat und jede Menge Sommersprossen.«
»Hm, hört sich gar nicht so schlecht an«, antwortete die Jüngste der Familie, während sie daran dachte, dass die Wirtschafterin eine schlichte und rundliche Frau war, die allein lebte. Vermutlich war an der kein Mann interes-siert. Und wenn die Tochter so ähnlich aussah, dann hatte sie tatsächlich nichts zu befürchten. Dann konnte sie mit der auch auf Reisen gehen. Die würde ihr den Grafen Sunfried ganz bestimmt nicht ausspannen können, eine rund-liche rothaarige Wachtel würde ihm garantiert nicht gefallen.
Und dann meinte sie noch gönnerhaft: »Ich bleibe ja dieses Mal in Deutschland. Da kann die Laura im Prinzip nichts falsch machen.«
Ihre Eltern atmeten daraufhin erleichtert auf und versprachen, die erforderlichen »Verhandlungen« mit der zu-künftigen Reisebegleitung zu führen.
*
»Hast du schon einen Ferienjob?«
Laura Horatius sah ihre Mutter erstaunt an und erwiderte: »Nein, noch nicht, leider.«
»Ich hätte vielleicht etwas für dich und zwar für mehrere Wochen.«
»Ja, was denn?«
»Frau von Borg hat mich gestern angesprochen. Sie suchen für ihre Tochter eine Reisebegleitung und haben da an dich gedacht. Sie würden auch gut zahlen.« Die Wirtschafterin nannte eine Summe, die Laura zunächst einmal sprachlos machte.
Dennoch war sie nicht begeistert, was ihre Mutter auch verstehen konnte. Mit Sabine von Borg hatte man es nicht leicht, so verwöhnt und kapriziös die war. Andererseits kostete ein Studium viel Geld. Und gerade jetzt, wo sie in einem guten Jahr ihren Abschluss machen würde, war eine finanzielle Beihilfe nicht zu verachten.
»Na gut, ich begleite Sabine von Borg«, stimmte sie schließlich zu. »Ich kann mir allerdings nicht vorstellen, dass die gerade mich um sich haben möchte. Gibt es denn niemand in der Familie? Ihre angehende Schwägerin zum Beispiel?«
Regina Horatius zuckte mit den Schultern und entgegnete: »Die näheren Umstände kenne ich nicht. Ich weiß nur, dass Axel und Sabine sich nicht besonders verstehen und man daher froh ist, wenn sie sich so wenig wie mög-lich sehen. Dann können sie sich nämlich nicht streiten. Und dem Axel wird es sicher nicht recht sein, wenn seine Braut wochenlang unterwegs ist.«
Laura nickte nur. Sie hätte diesen Auftrag am liebsten abgelehnt, doch das wäre unklug gewesen. Ihre Mutter verdiente nicht viel, einen Vater hatte sie nicht mehr und das BaFög reichte gerade so zum Leben.
Am nächsten Tag wurde sie zum Büro des Gutsherrn bestellt. Dieser empfing sie auf seine joviale Art, bot ihr Platz und Kaffee an und erklärte ihr dann, dass seine Tochter in diesem Sommer den Norden von Deutschland bereisen wolle. Ihre Aufgabe wäre es, für geeignete und nicht zu teure Unterkünfte und Ausflüge zu sorgen, sie vor Unannehmlichkeiten zu bewahren und darauf zu achten, dass sie nicht in schlechte Gesellschaft geriet.
»Ich glaube nicht, dass sich Ihre Tochter von mir etwas sagen lässt«, versetzte Laura in ruhigem Tonfall. »Ihre Tochter ist erwachsen und kann selbst entscheiden, wie sie ihre Ferien verbringen will.«
»Das ist im Prinzip richtig. Da Sabine jedoch noch nicht erkannt hat, wie schwer es ist Geld zu verdienen, son-dern es nur ausgeben kann, sehe ich mich gezwungen, diesem Verhalten einen Riegel vorzuschieben.«
»Und dieser Riegel soll ich sein«, ergänzte Laura.
»Ja, in gewisser Weise schon. Ich werde aber mit meiner Tochter sprechen und ihr entschieden klar machen, dass sie während ihrer Reise nicht wie im Schlaraffenland leben kann. Und dass Sie, meine liebe Laura, mir sofort mel-den werden, wenn es irgendwelchen Ärger gibt.«
»Das wird ihr vermutlich nicht gefallen, sie ist ja noch so jung und wird nicht verstehen, dass ...«
»Eben darum«, unterbrach er sie unwillig. »Sie ist nämlich noch nie allein unterwegs gewesen, ihre Cousine hat sie stets begleitet – und mir auch unvernünftige Wünsche gemeldet. Doch Frau von Bühren ist schwanger und fällt fürs Erste aus. Da haben wir an Sie gedacht.«
Laura überlegte einige Sekunden. Leicht würde diese Aufgabe nicht sein. Sie konnte nun ablehnen, würde aber mit Sicherheit hier auf dem Gut keinen Ferienjob bekommen. Außerdem würde sie das Geld wirklich gut gebrau-chen können.
»Gut, ich mache es, vorausgesetzt, Sie geben mir schriftlich die notwendigen Anweisungen. Ihre Tochter möchte sicherlich auch vorher noch mit mir sprechen, zwecks Abreise und Urlaubsziel.«
»Ja, bestimmt. Wie sind Sie zu erreichen?«
»Ich bin noch für ein paar Tage hier bei meiner Mutter«, antwortete Laura sachlich.
Gunther von Borg lächelte wohlwollend und bedankte sich für die Einsatzbereitschaft. Irgendwie war er froh, sei-ne temperamentvolle und aufsässige Jüngste ein paar Wochen nicht sehen zu müssen.
Dennoch blieb er tief in Gedanken in seinem Bürosessel sitzen, nachdem die Tochter der Wirtschafterin den Raum schon längst verlassen hatte. Und er gestand sich ein, dass seine Frau und er die Tochter falsch erzogen hat-ten. Aber ändern konnte man jetzt wohl nichts mehr. Man konnte nur noch hoffen, dass sie bald einen energischen und charakterfesten Ehemann bekam. Dann musste man sich keine Sorgen mehr um das verdrehte Ding machen.
Das »verdrehte Ding« war im Prinzip seiner Meinung und sah in dem Grafen von Sunfried bereits denjenigen, der sie heiß, innig und ewig liebte. Wen denn sonst? Sie war jung, schlank und schön und obendrein noch reich. Und als sie Laura Horatius kennenlernte, war sie auch zufrieden, denn die Tochter der Wirtschafterin war ihrer Meinung nach überhaupt nicht attraktiv. Deren Haare waren zwar dicht und wellig, aber eben doch sehr rot. Und Sommer-sprossen hatte sie auch, so wie es zu ihrem Typ passte. Dick war sie allerdings nicht, sondern sehr schlank, fast schon dünn. Thoralf von Sunfried würde ihr keinen zweiten Blick gönnen.
Und so gelang es dem Nesthäkchen der Familie von Borg herablassend zu ihr sagen: »Ich denke, wir sagen ›du‹ zu-einander. Du bist ja angeblich meine Cousine.«
Laura unterdrückte ein Lächeln und erwiderte ernsthaft: »Wie du möchtest, Sabine. Und jetzt wäre es mir lieb, wenn du mir genau sagen würdest, wie du dir unsere Rundreise vorgestellt hast.«
»Wir machen Ferien auf dem Bauernhof und fangen auf Gut Schwarzenau an.«
Dann kannst du doch auch hierbleiben, hätte Laura beinahe geantwortet. Sie verkniff sich diesen Satz jedoch, denn er wäre sehr unklug gewesen. Gelassen und scheinbar voller Verständnis ließ sie sich anschließend genau erklä-ren, was sie in den nächsten Wochen zu tun und zu lassen hätte.
*
Zwei Tage später ging dann die Reise los. Sabine von Borg besaß natürlich ein eigenes Auto. Es war groß genug, um ihr zahlreiches Gepäck aufzunehmen. Laura kam sich mit ihren beiden Koffern sehr bescheiden vor. Neben ihrer Schutzbefohlenen sitzend, las sie dieser gerade aus einer Broschüre vor: »In den Mischwäldern Mecklenburgs findet man viele Pilze. In diesem Gebiet wachsen auch die ältesten Bäume von Deutschland, die 1000-jährigen Eichen in Ivenack und die Jahrhunderte alten Buchen in Neuhof. Die Sumpfniederungen bieten einen idealen Le-bensraum für Vögel, Schmetterlinge und ...«
»Lass mich mit diesem dämlichen Naturgeschwafel in Ruhe!« Mit diesen ungehaltenen Worten unterbrach das an den Schönheiten der Gegend nicht interessierte Freifräulein den Vortrag ihrer Reisebegleiterin.
»Hast du nicht gesagt, wir wollten einige Wanderungen unternehmen? Da dachte ich ...«
Sie wurde erneut unterbrochen, denn Sabine erklärte mit einem spöttischen Kichern: »Das habe ich doch nur meinen Alten erzählt. Die wollen aus mir doch unbedingt eine brave Landliese machen, die recht bald einen biede-ren Stoppelhopser heiratet. Meinst du, ich will wirklich durch die Wildnis spazieren und mir irgendwelche Pflan-zen und Viecher ansehen? Ich bin auf der Suche nach meinem Freund.«
Laura schaute einige Sekunden verblüfft zu ihr hin und fragte dann: »Und du bist dir sicher, dass du den hier fin-den wirst?«
»Ich denke schon. Er hat gesagt, er muss einen kranken Onkel bei der Arbeit unterstützen. Der hat hier irgendwo ein Gut und heißt Udo von Schwarzenau.«
»Und wo hat der dieses Gut?«
»Das habe ich leider noch nicht genau herausbekommen können. Hier sieht eine Klitsche genauso aus wie die an-dere. Und dann ist hier auch noch so entsetzlich viel Wald. Ich komme mir schon wie Hänsel und Gretel vor.«
»Dann müssten wir jetzt bald das Pfefferkuchenhaus mit der Hexe finden«, gab Laura amüsiert zurück. »Viel-leicht bekommen wir dort etwas zum Essen und Trinken. Ich habe nämlich Hunger und Durst.«
»Ja, ich auch. Mir ist so, als wenn ich vorhin eine Gastwirtschaft gesehen habe.« Sabine wendete den Wagen, fuhr etwa fünf Kilometer, bog dann an der falschen Stelle ab – und geriet dann tatsächlich auf einen Waldweg. Lauras Hinweise, sofort wieder umzukehren, ließ sie unbeachtet und war der Meinung, irgendwann müsste man aus die-sem Wald auch wieder herauskommen. Natürlich lichtete sich das Dickicht irgendwann, sie landeten aber auf ei-nem Feldweg und mussten schließlich an einer großen Weidefläche anhalten. Dort kamen sie nicht mehr weiter.
»Nun musst du doch umkehren«, meinte Laura mit innerlicher Schadenfreude. »Vielleicht sollten wir uns auch lieber Hilfe holen.«
Sabine nagte an ihrer Unterlippe, während sie wie gebannt auf die Kühe starrte, die langsam näher und näher ka-men.
»Die werden uns noch das Auto beschädigen«, flüsterte sie entsetzt und wollte den Wagen erneut starten. In die-sem Moment erkannten sie, dass die schwarz-weiß gefleckten Tiere ein ganz anderes Ziel hatten. Ein Traktor nä-herte sich nämlich, der einen Tankwagen hinter sich herzog.
»Du kannst dich beruhigen, Sabine.« Laura legte für einen Augenblick ihre Hand auf die Schulter ihrer angebli-chen Cousine. »Die Kühe wissen anscheinend, dass sie jetzt frisches Wasser bekommen.«
»Ja, so sieht es aus.« Die Jüngere atmete erleichtert auf und fügte nach kurzem Überlegen dann noch hinzu: »Wir könnten den Traktorfahrer nach dem Weg fragen. Der kennt sich hier bestimmt aus.«
»Willst du oder soll ich?«
Sabine musterte den jungen Mann, der trotz kariertem Hemd und abgetragener Latzhose durchaus ansehnlich war, kurz, aber intensiv. Danach stieg sie aus, ging auf ihn zu und sagte lässig: »Wir wollen zu Herrn von Schwar-zenau. Kennen Sie den zufällig?«
»Ja, den kenne ich.« Der Kuhhirte beachtete sie kaum, er stieg vom Traktor und begann, die Tiere mit Wasser zu versorgen.
»Wenn Sie den Herrn kennen, dann können Sie uns ja auch den Weg zeigen«, forderte Sabine schnippisch, worauf er nur sagte: »Ja, mache ich, wenn ich hier mit meiner Arbeit fertig bin.«
»Und wann sind Sie fertig?« Er zuckte mit den Schultern und erwiderte schließlich mürrisch: »In einer halben Stunde vielleicht.«
»Und so lange sollen wir warten?«
»Da wird Ihnen wohl nichts anderes übrig bleiben, junge Frau, denn ohne Hilfe kommen Sie sonst wohin, bloß nicht zu meinem Chef. Ich bin übrigens Marko Brückner und einer von seinen Mitarbeitern. Sie können mir nach-her hinterherfahren.«
»Wir fahren sofort, wir haben es eilig«, bestimmte Sabine in jenem hochnäsigen Tonfall, den sie auch für die An-gestellten ihrer Eltern hatte. Auf Marko Brückner machte er jedoch keinen Eindruck. Er antwortete nicht, sondern beschäftigte sich weiterhin mit den Kühen und tat so, als wäre sie gar nicht vorhanden.
So etwas war der verwöhnten Baronesse noch nie passiert!
Mit dem Fuß aufstampfend verlangte sie laut und schrill: »Wenn ich sage, wir fahren sofort, dann meine ich das auch so. Das wird so ein Einfaltspinsel, wie Sie einer sind, doch wohl begreifen.«
»Ich begreife nur, dass hier ein verzogener Fratz herumsteht und meckert. Außerdem bin ich in erster Linie für die Kühe zuständig und nicht für junge Damen, die noch nicht einmal richtig Auto fahren können.«
»Ich kann Auto fahren, Sie Mistkerl!«
»Wenn das so ist, dann finden Sie den Weg auch allein.« Der junge Landwirt wandte sich ab und marschierte nun zwischen den Kühen hin und her, um sie genauer zu betrachten. Dabei grinste er amüsiert.
Laura war indessen klar geworden, dass der störrische Kerl, wie ihn Sabine laut bezeichnete, zu keiner Hilfeleis-tung bereit sein würde, wenn das Freifräulein auch weiterhin so ungnädig war. Daher stieg sie aus und hing langsam auf ihn zu. Bei ihm – und einer Kuh – angekommen, sagte sie ruhig: »Ich bin Laura Horatius und begleite Sabine von Borg. Wir möchten Herrn von Schwarzenau überraschen, haben uns aber verfahren, werden jetzt aber gern warten, bis Sie Ihre Arbeit beendet haben. Ist es noch weit?«
Er stutzte, lächelte ihr dann zu und entgegnete höflich: »Nur ein paar Kilometer. Ich habe auch nicht mehr lange zu tun.«
»Danke, Herr Brückner.« Laura lächelte zurück und zog anschließend die noch immer maulende Sabine mit sich.
»Ich werde jetzt fahren«, erklärte sie, nachdem sie beim Wagen angekommen waren. »Du bist momentan viel zu aufgebracht.«
»Das wirst du nicht, es ist mein Auto.«
»Das werde ich doch, anderenfalls rufe ich deinen Vater an. Soll der entscheiden, was jetzt zu tun ist.«
»Du bist eine alte Petze.«
»Du kannst mich jetzt nennen, wie du willst, du kannst auch Rumpelstilzchen zu mir sagen. Ich werde trotzdem fahren.« Laura schob das Freifräulein zur Seite, setzte sich ans Steuer und ertrug dann mit Gelassenheit den Unmut der verzogenen Göre.
