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Lore ist zehn Jahre alt und wächst behütet am Land auf. Ihr Vater ist Bürgermeister, ihre Mutter Sekretärin im Pfarramt, die beiden älteren Brüder interessieren sich hauptsächlich für sich selbst. Lores engste Bezugspersonen sind die Großeltern. Und dann gibt es noch Tante Ursula. Die lebt in der Stadt, kommt nur zu Besuch aufs Land und sorgt mit ihren Ansichten regelmäßig für hitzige Diskussionen im Familienkreis. Außerdem erwartet sie ein Kind – dabei hat sie keinen Mann. Lore findet Ursula faszinierend und besucht sie regelmäßig in der Stadt, wo sie eine ganz neue Welt kennenlernt. Die erwachsene Lore von heute steht mit beiden Beinen im Leben, als sie unerwartet mit iher Vergangenheit konfrontiert wird … Eva Lugbauer erzählt abwechselnd aus der Perspektive der aufmerksamen und heranwachsenden sowie der erwachsenen und emanzipierten Lore und zeigt, an welchen vermeintlichen Kleinigkeiten und Beiläufigkeiten sich die patriarchale Ordnung der Welt und überkommene Geschlechterrollen festmachen lassen und dass es trotz allem immer einen gangbaren Weg gibt.
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Seitenzahl: 240
Veröffentlichungsjahr: 2025
Copyright © 2025 Picus Verlag Ges.m.b.H., Wien
Friedrich-Schmidt-Platz 4, 1080 Wien · [email protected]
Alle Rechte vorbehalten
Grafische Gestaltung: Buntspecht, Wien
Umschlagabbildung: © Sybille Sterk / Arcangel Images
ISBN 978-3-7117-2157-0
eISBN 978-3-7117-5527-8
Informationen über das aktuelle Programm des Picus Verlags und Veranstaltungen unterwww.picus.at
Eva Lugbauer
Roman
Picus Verlag Wien
Sterben
Nicht zehn
Zehn
Zehneinviertel
Zehneinhalb
Elf
Bald zwölf
Leben
Der Großvater schleift etwas hinter sich her, über den Wiesenweg, über die Erde. Du könntest sagen: durch die Welt. Ein Trumm aus Holz ist es, so groß wie der Großvater selbst, vielleicht sogar ein wenig größer. Du könntest sagen: ein Koloss. Lore sieht den Großvater und das Trumm aus der Entfernung, er steigt langsam den Hügel hinauf, sie läuft eilig den Wiesenweg hinunter, bleibt stehen. Was machst du da?, sagt Lore. Ich habe ein Kreuz gebaut, sagt der Großvater und lässt das Trumm, den Koloss, das Kreuz in die Wiese fallen. Mit einem dumpfen Klunck prallt es auf, dann ist es ruhig, nur die Bienen summen über den Blütenköpfen ringsum und das leise Fauchen eines Flugzeugs, das eben den Himmel über Lore und dem Großvater überquert, liegt in der Luft. Flugzeuge mag der Großvater nicht, weiß Lore, die lassen in seinem Kopf Erinnerungen an den Krieg aufflammen, besser gesagt an die Bomben. Diesen Lärm, dieses Dröhnen in den Ohren, ich höre es noch heute, habe nie wieder so einen Lärm gehört, sagt der Großvater. Auch keine Bienen mag er. Erschlägt die Biene, sobald sie in das Haus eindringt. Wäre sie keine Biene geworden, sagt er. Wirft sie in den Müll. Er rettet keine Bienen, das kannst du nicht behaupten, nein, der Großvater ist keiner, der eine verirrte Biene unter einem Glas einfängt, behutsam, um sie dann in die Freiheit zu entlassen. Und keine Blumen, bitte. Blumen mag der Großvater nicht. Blumen sind Zeug, sind Kompost. Sterben sowieso, sagt er. Blumen sind Brimborium. Brimborium, dieses Wort sagt der Großvater oft.
Jetzt steht er also hier, vor dem Kreuz, das auf der Erde liegt, schaut es an, stemmt eine Hand in die Hüfte, atmet tief. Warum hast du ein Kreuz gebaut?, sagt Lore. Eine Schweißperle löst sich von Großvaters Stirn, verfängt sich in der Augenbraue, tropft über die Wange hinweg direkt auf das Holz. Er schaut Lore an, schaut die Hügel in der Ferne an, schaut den Hügel in der Nähe an, schaut seine eigene Schulter an. Dann wieder das Kreuz auf der Erde. Er sagt weiterhin nichts und Lore hört eine Weile zu bei Großvaters Nichtssagen. Es ist ihr vertraut, sie versucht es zu entschlüsseln, zu verstehen, still, bis der Punkt erreicht ist und sie doch wieder spricht. Warum?, sagt sie. Der Großvater holt ein schmutzig weißes Stofftuch aus der Hosentasche, wischt sich damit über die Stirn und deutet mit dem Tuch in der Hand in Richtung der Spitze des Hügels. Dorthin, sagt der Großvater, dorthin muss ich. Warum?, sagt Lore. Es ist schwer, sagt der Großvater und schüttelt den Kopf. Soll ich dir helfen?, sagt Lore. Der Großvater gibt einen Laut von sich. Ist es ein Oh? Ist es ein Ah? Ist es ein Uh? Dazu macht er eine wegwerfende Geste mit der Hand, wirft diesen undefinierbaren Laut in die Luft und er segelt langsam, langsam zu Boden. Lore spürt dem segelnden Laut nach, bis er auf dem Boden landet, und da entdeckt sie das tote Tier zu ihren Füßen. Eine Biene. Neben Lores Schuhen, direkt über der großen Zehe liegt sie und fliegt nicht, krabbelt nicht, bewegt sich nicht. Lore stupst sie mit dem Fuß einmal an. Schau, sagt Lore, eine Biene. Der Großvater nickt. Die ist tot, sagt Lore. Der Großvater nickt weiter. So stehen sie eine Weile, schauen auf das Kreuz oder die tote Biene oder zu den Hügeln. Ein Schmetterling flattert an Lores Ohr vorbei, die Grashalme wogen im Wind. Es ist warm, nicht heiß. Anfang Mai.
Heute auf den Tag genau vor –, sagt der Großvater und denkt kurz nach. Vor neunundvierzig Jahren, weißt du, was da gewesen ist? Lore schüttelt den Kopf. Vor neunundvierzig Jahren, da – Der Großvater schaut zum Schotterweg hinunter. Samuel, ruft der Großvater und winkt Richtung Schotterstraße. Lore sieht ihren Bruder unten auf der Schotterstraße gehen. Samuel, komm, hilf mir!, ruft der Großvater. Und Samuel kommt. Der Großvater deutet in Richtung der Hügelspitze. Dorthin, sagt er. Dorthin zum Baumhaus müssen wir. Wir sagt er, wo er vorher noch ich gesagt hat. Der Großvater hievt das eine Ende des Kreuzes auf die Schulter, Samuel das andere. So gehen die beiden, die jetzt das Wir bilden, tragen das Kreuz von Lore weg über die Wiese hinauf, oben legen sie es neben dem Baumhaus ab, hantieren herum. Nageln sie? Schmirgeln sie? Leimen sie? Lore sieht den Halmen zu, die neben ihr im Wind wogen, lauscht dem Summen ringsherum, bückt sich und nimmt die tote Biene, behutsam, mit den Fingerspitzen an den Flügeln, setzt sie auf ihrer Handfläche ab. Betrachtet sie. Die schwarzen Streifen, die gelben Streifen, die zerbrechlichen Flügel. Wo ist der Stachel? Lore sucht. Und sie wartet. Worauf? Dass der Großvater nach ihr ruft, wie er nach Samuel gerufen hat? Komm, hilf mir, Lore. Schlag einen Nagel ein. Schmirgle die Späne ab. Bring mir den Leim. Bauen wir das Kreuz. Wir. Und ich erzähle dir, was vor neunundvierzig Jahren gewesen ist. Aber niemand ruft. Lore ist, als hätte sich eine Glaswand quer über die Wiese geschoben. Zwischen ihr und dem Großvater, ihr und dem Bruder, ihr und den Männern ist diese unsichtbare Wand und Lore kommt nicht durch, kann nur zusehen aus der Ferne, kann nur stehen und betrachten, kann nur warten.
In diesem Augenblick, ein Stich. Durch Lores Hand fährt er, heftig, als läge ein Stück von ihr im Sterben, breitet sich der Schmerz im Körper aus und Lore schüttelt das tote Tier, das noch immer in ihrer Handfläche liegt, zu Boden. Doch es ist zu spät. Du könntest sagen: Der Stachel steckt.
Lore ist bald zehn und wenn du bald zehn bist, dann weißt du eine Menge. Du weißt, der Osterhase ist eine Erfindung, zum Beispiel. Der Weihnachtsmann ist eine Erfindung. Das Christkind ist eine Erfindung. Zwerge sind eine Erfindung, höchstwahrscheinlich. Meerjungfrauen könnte es geben, eventuell, sagt Lore, denn nur fünf Prozent der Meere sind erforscht.
Was gibt es dort draußen in der Welt und was gibt es nur in den Köpfen der Menschen? Gespenster? Teufel? Zungenküsse? Das ist eine der Fragen, die am schnellsten in Lores Kopf wächst: Machen Menschen tatsächlich Zungenküsse? Oder gibt es Zungenküsse nur im Film? Lore will Andi küssen, vielleicht sogar mit Zunge. Aber in der Welt dort draußen – nennen wir sie die echte Welt – hat Lore noch niemals einen Zungenkuss gesehen. Auch nicht in den Nachrichten. Und die, sagt der Vater, handeln von der echten Welt. In den Nachrichten sieht Lore Panzer und Granaten, Gesichter voll Dreck und Tränen unter Helmen. Krieg, so viel steht fest, gibt es. Wen könntest du fragen, ob es Zungenküsse gibt?
Lore fragt nicht, sie horcht, was die Menschen sagen, und die Menschen sagen viel. Vom Fernsehen bekommt man viereckige Augen, sagt jemand. Wenn du ein Haar schluckst, kannst du sterben, sagt jemand. Mädchen stinken wie ein Fisch, sagt jemand. Buben können besser rechnen, sagt jemand. Mädchen können besser stricken. Im Gymnasium gibt es einen schwulen Lehrer. Beim Gasthof Hirsch steht ein Mann, der Schokolade verschenkt. In der Unterführung steht ein Mann, der einen steifen Schwanz herzeigt. Im Wald geht ein Mörder herum. Im Wald geht ein Perverser herum. Im Wald geht ein Nackter herum. Die Lehrerin hat Spinnweben in der Fut. Was ist eine Fut? Was heißt pervers? Was ist ein steifer Schwanz? Wen könntest du all das fragen?
Lore will also Andi küssen. Das Problem ist, sie hat eine Warze. Die sitzt eine Zungenspitze weit weg vom Mundwinkel, direkt über der Oberlippe. Mit der Zunge kann Lore sie spüren. Sie ist nur ganz klein, dennoch, mit so einer kleinen Warze direkt über der Oberlippe hast du es nicht leicht. Es wird dich kein Mensch jemals küssen, denkst du, geschweige denn mit Zunge küssen. Lore weiß gar nicht, wann ihre Warze gewachsen ist und ob sie langsam gewachsen ist oder schnell. Ihr kommt vor, sie ist schnell gewachsen, über Nacht, eines Morgens ist sie da gewesen. Die Großmutter hat auch eine Warze, und zwar auf dem kleinen Finger. Die Großmutter sagt: Eines Morgens ist sie da gewesen.
Die Großeltern wohnen im Nachbarhaus, eine Gartentür verbindet den Garten des Elternhauses mit dem Garten des Großelternhauses. Das Großelternhaus hat eine Küche, eine Stube, eine Speisekammer, ein Kabinett, ein Schlafzimmer, eine Waschküche, ein Badezimmer und ein Klo. Das ist das Erdgeschoss. Hinten hat es einen Stall, dort gibt es eine Kuh und zwei Schweine. Im Garten gibt es eine Hühnerhütte, dort legen die Hühner jeden Tag Eier. Die Hühnerhütte ist Großmuttergebiet. Neben dem Stall hat das Großelternhaus eine Werkstatt, die ist Großvatergebiet. Der Großvater ist einmal Tischler gewesen, bevor er Pensionist geworden ist. Und was bist du einmal gewesen?, fragt Lore die Großmutter. Die Großmutter sagt: Ich bin nichts gewesen. Das heißt in diesem Fall Hausfrau. Und Mutter. Drei Kinder hat die Großmutter bekommen, zuerst Tante Ursula, da ist die Großmutter erst neunzehn Jahre alt gewesen. Das Bild mit dem Schwangerenbauch der Großmutter kennt Lore, das Hochzeitsbild. Es ist gerahmt und steht auf Großmutters Nachttisch. Der Bauch ist fast nicht zu erkennen, aber wenn du genau schaust, ist er eindeutig da. Ein schwarzes Kleid trägt die Großmutter auf dem Hochzeitsfoto. Warum schwarz?, fragt Lore. Warum nicht weiß? Weil es so war, sagt die Großmutter, weil wir nicht viel gehabt haben und froh sein müssen haben über das, was da gewesen ist. Ein schönes Kleid sei es gewesen, ein guter Stoff, sie spüre heute noch die feine Struktur des Gewebes auf den Fingerspitzen und den weichen Kragen am Hals. Tante Ursula also, die Erste. Dann ist lange kein Kind gekommen. Warum, Oma? Weil es so war. Dann Tante Maria, die Zweite. Ein Jahr später der Dritte und Letzte, der Vater: Engel. Er heißt nicht Engel, natürlich, er heißt Engelbert, aber kein Mensch sagt zum Vater Engelbert. Genauso wenig wie ein Mensch zum Großvater Engelbert sagt, zum Großvater sagen alle Bert.
Lore streift herum im Großelternhaus, es hat auch einen ersten Stock, dort sind Zimmer, aber darin wohnt niemand. Ursprünglich, sagt der Vater, habe der Großvater damals begonnen, den ersten Stock auszubauen, und der Großvater habe gewollt, dass die Jungen in den ersten Stock einziehen. Sicher nicht, sagt der Vater. Ich will nicht mit meinem Vater unter einem Dach wohnen, ich will Privatsphäre, ich will einen eigenen Eingang. Ein eigener Eingang ist wichtig, zum Beispiel, damit die Großmutter nicht unangekündigt im Vorzimmer des Elternhauses stehen kann, wenn man selbst in diesem Augenblick nackt durchs Vorzimmer geht, oder gehen würde. Das sagt die Mutter. Lore hat die Mutter noch nie nackt im Vorzimmer gesehen, aber – Wie auch immer. Ein eigener Eingang ist wichtig, daher haben die Mutter und der Vater das Elternhaus gebaut, neben dem Großelternhaus, mit einem Gartenzaun zwischen den zwei Häusern. In den ersten Stock im Großelternhaus, sagt der Vater, können ja Ursula oder Maria einziehen. Aber Tante Ursula wohnt in der Stadt und Tante Maria wohnt mit Onkel Wick und den Buben in der Siedlung hinter dem Wald. Der erste Stock steht also seit Jahren leer. Und das ist ein wunder Punkt. Den ersten Stock erwähnt man lieber nicht.
Schön ist der Garten. Das Großelternhaus ist umgeben von einem Garten, dort gibt es Apfelbäume, Birnbäume, einen Zwetschkenbaum und eine Menge Ribiselsträucher. Der Großelterngarten ist rechteckig und hat einen Zaun an drei Seiten, an der vierten Seite beginnt der Wald. Dorthin will Lore, und zwar alleine, aber sie darf nicht. Du bist noch zu klein, um alleine in den Wald zu gehen, sagt die Mutter. So ist es, wenn du noch nicht zehn bist. Du bist zu klein für dieses, du bist zu klein für jenes. Die Mutter sagt: Wenn du zehn bist. Und selbst dann setzt sie ein vielleicht hinten dran. Vielleicht ist ein Wort, das Lore nicht mag. Wenn es die Mutter ausspuckt, dann geht es über die Ohren direkt in Lores Bauch und dort drückt es, manchmal heftig. Wenn es zu heftig wird, dann musst du gehen, zum Beispiel ins Großelternhaus – wohin sonst? Am besten, du übernachtest gleich dort.
Wenn Lore im Großelternhaus übernachtet, dann liegt sie im Großelternbett, zwischen dem Großvater und der Großmutter, mit dem Rücken auf dem Spalt zwischen den zwei Matratzen. Der Großvater steht früh auf, er muss die Kuh und die zwei Schweine füttern, unter anderem. Die Großmutter und Lore bleiben noch liegen. Ein paar Minuten nur, sagt die Großmutter. Die paar Minuten dauern eine halbe Stunde, meistens. Das darfst du dem Großvater nicht sagen. Du stehst auf, und wenn der Großvater in die Küche kommt, tust du, als wärst du schon längstens aus dem Bett. Gleich nach dem Aufstehen geht die Großmutter ins Bad, dort steckt sie ihre langen Haare zu einem Knödel auf. Das macht sie jeden Morgen. Die Großmutter hat viele Haare, sie aufzustecken macht nicht wenig Arbeit. Wieso steckst du immer deine Haare auf?, fragt Lore. Weil es schön aussieht, sagt die Großmutter. Und Schönsein, das will jede Frau. Und die Männer, Oma? Ach, sagt die Großmutter, die Männer.
***
Du wirst sieben, acht, neun, älter und so ist die Welt: Schönsein ist Frauensache. Die Frauen sagen es, die Männer sagen es, alle haben es schon immer gesagt, sagen sie, und so wird es also sein, denkst du. Es ist die Wahrheit: Frauen wollen schön sein. Aber was, wenn sie gesagt hätten, lackierte Nägel sind Männersache? Röcke sind Männersache? Lange Haare sind Männersache? Wenn sie gesagt hätten: Schönsein, das will jeder Mann. Du stößt an eine Grenze, unsichtbar, an eine Wand aus Glas, du suchst nach einem Ausgang, findest ringsum nur noch mehr Glas, du schaust nach oben und dort siehst du einen Stachel. Heraus tropfen Worte, die schon immer gesagt wurden. Sie tropfen weiter und weiter in dein Glas.
***
Die Großmutter steckt also die Haare auf, tagsüber. Nachts aber, wenn Lore im Großelternhaus übernachtet, da sieht sie das lange, mit weißen Strähnen durchzogene Haar der Großmutter offen. Warum trägst du es nicht auch tagsüber offen, Oma? Das, sagt die Großmutter, sei dem Großvater nicht recht. Eigentlich sagt sie, das sei dem Vater nicht recht. So nennt die Großmutter ihren Mann: Vater. Nachts trägt die Großmutter ein langes weißes Nachthemd. Das ist weniger schön, findet Lore. Doch tagsüber, da trägt die Großmutter Röcke in allen Farben, aus schön fallenden Stoffen. Die Großmutter mag Röcke in kräftigen Farben. Immer bedecken die Röcke Großmutters Knie, alles andere wäre dem Großvater nicht recht. Hosen trägt die Großmutter nie. Das wäre dem Großvater ebenfalls nicht recht.
Dem Großvater ist vieles nicht recht. Es ist ihm zum Beispiel nicht recht, wenn die Jungen auf Urlaub fahren. Die Jungen, das sind in diesem Fall: Der Vater, Engel Moser, Bürgermeister, fünfunddreißig, Schnauzbart und oft im Büro oder unterwegs. Die Mutter, Gerlinde Moser, ehemals Freudenreich, findet ihren alten Familiennamen schöner. Moser, wie langweilig, sagt sie. Sie ist Pfarrsekretärin, trägt derzeit Dauerwelle, liebt frische Luft. Die Brüder Samuel und Markus, Zwillinge, vierzehn. In einem schwierigen Alter, sagt der Vater. Vierte Klasse Hauptschule, derzeit nachmittags oft im Wald unterwegs. Gut, sagt die Mutter, dann sind sie an der frischen Luft. Manchmal sind sie auch vormittags im Wald unterwegs, dann fälschen sie Entschuldigungen im Mitteilungsheft und behaupten gegenüber dem Klassenvorstand, sie wären krank. Ihr Spiel durchschaut niemand, vor allem die Eltern und der Klassenvorstand durchschauen es nicht, zumindest noch nicht. Und also Lore, wie gesagt, bald zehn, vierte Klasse Volksschule. Eine kleine Biene, so nennt sie der Vater. Kleine Bienen nennt er die Brüder nie. So viel zu den Jungen. Zurück zur Großvaterwelt, dort gibt es zwei Kategorien, das Überlebensnotwendige und den Rest, der Rest heißt Brimborium. Urlaub zählt zum Brimborium. Und Brimborium, sagt der Großvater, brauche er nicht. Was er nicht braucht, braucht auch niemand sonst, wenn es nach ihm geht. Nach ihm geht nicht alles, das ist ihm ebenfalls nicht recht.
Der Großvater sagt: Was dich nicht umbringt – Er sagt: Hart wie Kruppstahl – Er sagt: Zäh wie Leder – Der Großvater spricht oft in Gedankenstrichen, manchmal in Gedankenstrichen plus Rufzeichen. Wenn ihr den Krieg erlebt hättet, dann –! Wenn ihr in die Stadt fahrt, dann –! Wenn ihr unbedingt auf Urlaub fahren müsst, dann –! Der Großvater ist der Meinung, die Welt außerhalb seiner Welt sei sehr gefährlich, insbesondere in der Stadt und im Ausland. Die Angst, sagt der Vater, habe der Großvater aus der Zeitung. Die Zeitung wird jeden Morgen geliefert und die einzelnen Ausgaben liegen gestapelt auf dem Stubentisch im Großelternhaus, sortiert nach Datum. Es ist dem Großvater nicht recht, wenn eine Ausgabe fehlt oder man den Stapel umsortiert. Außerdem ist dem Großvater nicht recht, wenn die Großmutter Nudeln kocht, zum Beispiel. Recht sind ihm Erdäpfel. Die Großmutter kocht also nie Nudeln, immer Erdäpfel. Bis zu dem Tag, an dem Lore sagt, dass sie Nudeln lieber mag. Dann kocht die Großmutter Nudeln und Erdäpfel. Bis zu dem Tag, an dem die Brüder sagen, dass sie Reis lieber mögen. Dann kocht die Großmutter Nudeln, Erdäpfel und Reis. Die Großmutter kocht jeden Tag und von Montag bis Freitag sogar für alle, das heißt: für die Jungen und den Großvater. Die Mutter hat keine Zeit zum Kochen, sie arbeitet von Montag bis Freitag vormittags im Pfarrhof. Das ist dem Großvater im Übrigen nicht recht, aber gegen seine Schwiegertochter kann er nichts sagen. Das heißt: Er könnte etwas sagen, aber es würde nichts bringen. Außerdem ist Mutters Chef der Pfarrer und da drückt der Großvater ausnahmsweise ein Auge zu. Während die Großmutter kocht, ist der Großvater meistens in der Werkstatt, oft baut er eine Bank. Immer wieder kommen Leute aus dem Ort und bestellen eine Bank beim Großvater. Der Bert, sagen sie, ist der beste Bankbauer weit und breit. Besonders die filigranen Schnitzereien, die Verzierungen, die der Großvater den Bänken hinzufügt, loben sie. Lore steht manchmal neben dem Großvater in der Werkstatt, schaut auf seine großen Hände, die das Schnitzwerkzeug führen, mit dem er ganz feine Späne aus dem Holz herausschabt. Mit seinen rauen Fingerspitzen fährt der Großvater dann ganz sachte über die Kerben, fast so, als würde er das Holz streicheln. Und Lore schaut zu. Darf ich helfen?, fragt sie. Und der Großvater schaut sie mit großen Augen an. Willst du nicht der Oma helfen?, sagt er. Die Oma hat sicher etwas für dich zu tun.
Dem Großvater ist also vieles nicht recht. Wenn das Mittagessen nach zwölf Uhr auf den Tisch kommt, wenn die Großmutter beim Einkaufen zu lange tratscht, wenn die Großmutter nicht aufisst, wenn es am Freitag Fleisch gibt, wenn es am Sonntag kein Fleisch gibt, wenn die Zeitung einen Lieferausfall hat, wenn man ein Glas Saft verschüttet, wenn ein Glas zerbricht oder man generell einen Fehler macht. Die Welt des Großvaters hat ihre Ordnung und es ist ihm nicht recht, wenn man seine Ordnung stört.
Zur Ordnung gehört, dass der Großvater beim Essen an der Stirnseite des Stubentischs sitzt. Das ist der Großvaterplatz und gleich daneben ist der Herrgottswinkel, und zwar aus Holz. Der Großvater hat alles selbst gemacht. Hier hängt ein kleines Holzkreuz mit einem kleinen Holzjesus, der Großvater hat ihn eigenhändig angenagelt. Der Holzjesus trägt einen Holzschurz, vom Großvater selbst geschnitzt. Alles ist zwar aus Holz, aber wie jeder weiß: Es hat tatsächlich stattgefunden. Jesus ist tatsächlich ans Kreuz genagelt worden. Aus Fleisch und Blut. Und es ist ein Glück für uns, dass Jesus aus Fleisch und Blut ans Kreuz genagelt worden ist, denn damit hat er uns gerettet. Das sagt die Religionslehrerin. Seit Jesus ans Kreuz genagelt worden ist, sagt sie, seien alle Menschen gerettet, kämen alle, wenn sie dann gestorben wären, ins Paradies. Und die Menschen, die gestorben sind, bevor Jesus ans Kreuz genagelt worden ist? Wohin sind die gekommen, Frau Lehrer? Das verstehst du später, Lore. Wie auch immer. Wir sind in der Stube. Im Herrgottswinkel oben hängt der Holzjesus und direkt darunter steht die Jungfrau Maria, ebenfalls aus Holz, in einem blauen Holzmantel, um den ein Rosenkranz aus Holz gewickelt ist. Die Jungfrau Maria, vom Großvater eigenhändig bemalt, dreht die Augen nach oben, schaut Richtung Jesus, der, wie Lore ebenfalls von der Religionslehrerin weiß, Jungfrau Marias Sohn ist. Was ist eigentlich eine Jungfrau, Oma? Das verstehst du später, Lore. Die Jungfrau Maria also steht in der Ecke, und neben der Maria steht immer eine Vase mit einer frischen Blume. Darauf gibt die Großmutter acht. Die Jungfrau Maria soll uns gut gesinnt sein, sagt die Großmutter, denn sie war eine Ordentliche und Gute. Hin und wieder sagt die Großmutter zur Jungfrau Maria auch: Himmelmutter. Es gibt unter Umständen mehrere Worte für eine Sache. Zum lieben Gott zum Beispiel sagt die Großmutter auch: Herrgott. Oder: Himmelvater. Wenn der liebe Gott der Himmelvater ist und die Jungfrau Maria die Himmelmutter, dann müsste die Jungfrau Maria mit dem lieben Gott verheiratet sein. Und was ist dann mit dem Josef? Mit wem ist er im Himmel verheiratet, wenn Maria mit Gott verheiratet ist?
Du könntest fragen, aber du fragst nicht, denn du ahnst schon, was sie sagen würden. Das verstehst du später, Lore. Das erkläre ich dir ein anderes Mal, Lore. Du musst erst älter werden, Lore. Bis dahin fragst du dich selbst. Jungfrau? Heißt das: Nicht Löwe oder Waage oder Fisch? Und warum gibt es keinen Jungmann? Und wie würde eigentlich der Messias heißen, wenn er eine Frau wäre? Messiasine? Fest steht, die Jungfrau Maria ist besonders für die Frauen da. Das sagt die Großmutter. Wenn eine Frau bete, dann müsse sie nicht sofort zum Chef, sprich Herrgott rennen. Außer es sei wirklich wichtig. Wenn es nur mittelwichtig sei, könne sie es fürs Erste bei der Frau, der Himmelmutter versuchen. Die würde dann mit dem Mann, dem Himmelvater reden. Der Herrgott habe schließlich genug zu tun und wohl meistens Wichtiges. Die Warze, denkt Lore, wäre also möglicherweise eine Angelegenheit für die Himmelmutter.
***
Du wirst sieben, acht, neun und betest. Es hilft oder hilft nicht, oder du glaubst, dass es hilft. Und wenn es nicht hilft, glaubst du, dass es noch helfen wird. Du wirst siebzehn und dir ist längst klar, ein jungfräuliches Kind gibt es nicht. Aber Gott? Gibt es einen Gott? Sie sagen, man wisse es nicht, aber – Hilft es nicht, so schadet es nicht. Und sie singen weiter: Gegrüßet seist du Maria, du jungfräuliche Zier. Du wirst älter und älter, und sie beten weiter und weiter eine Jungfrau an. Und eine Mutter. Eine jungfräuliche Mutter. Einen Gott, den Herrn. Sagen weiter und weiter: Hilft es nicht, so schadet es nicht.
***
Wir könnten den Herrgottswinkel umtaufen, Oma. Die Jungfrau Maria soll uns doch gut gesinnt sein, dann hilft sie uns, die Warzen wegzubeten, wir sollten der Himmelmutter eine Freude machen, Oma, nennen wir ihn Himmelmutterswinkel. Das sagt Lore. Keine gute Idee, sagt die Großmutter. Wieso, Oma? Das sieht der Herrgott gar nicht gern. Wieso, Oma? Er hat immer Herrgottswinkel geheißen. Wieso, Oma? Das verstehst du später, Lore.
Der Herrgottswinkel hat also immer Herrgottswinkel geheißen und er wird immer Herrgottswinkel heißen. Und neben dem Herrgottswinkel, an der Stirnseite des Tisches in der Großelternstube, liegt jener Platz, der für den Großvater und niemanden als den Großvater und den Großvater alleine reserviert ist. Jener Platz, an dem um spätestens fünf vor zwölf Großvaters Gedeck zu liegen hat. Hier sollen liegen: Großvaters Löffel, Großvaters Gabel, Großvaters Messer. Es sollte nicht passieren, den falschen Löffel, die falsche Gabel, das falsche Messer zu erwischen. Der Großmutter passiert das tatsächlich nie. Lore aber, wenn sie den Tisch deckt, steht vor einer Herausforderung. Ihrer Meinung nach sehen alle Löffel, Gabeln und Messer in der Bestecklade gleich aus. Man erkenne das richtige Besteck, sagt die Großmutter, an der Beschaffenheit der Griffe. Die Beschaffenheit der Griffe, findet Lore, ist bei allen Löffeln, Gabeln und Messern gleich. Und so passiert es. Lore greift zum falschen Löffel. Sie legt ihn auf Großvaters Platz und die Großmutter hat zu lange getratscht beim Einkaufen, es ist zwei Minuten vor zwölf Uhr und die Suppe ist noch nicht abgeschmeckt, die Kartoffeln, die Nudeln und der Reis sind noch nicht gar. Die Großmutter kontrolliert das Gedeck heute nicht, wie sie es sonst zu tun pflegt. Sie muss heute im Saftfleisch umrühren, damit es sich nicht anlegt. Ein angelegtes Saftfleisch wäre dem Großvater nicht recht. Sie muss einen Krug Ribiselsaft auf den Tisch stellen. Würde kein Krug Ribiselsaft auf dem Tisch stehen, wäre das dem Großvater nicht recht. Sie muss genügend Salz in die Leberknödelsuppe geben. Eine zu wenig gesalzene Leberknödelsuppe – Nun ja, hinter jedem fehlenden Salzkorn lauert Großvaters Unmut. Die Großmutter rührt und würzt und schneidet und schmeckt ab, leckt sich über die Lippen, sagt: Hmmm. Auf dem Herd dampft es aus den Töpfen, es brodelt und zischt. Es riecht nach gerösteten Zwiebeln und gebratenem Fleisch. Im Ofen knackt das Holz.
Um zwölf Uhr kommt der Großvater, geht durch die Küche hindurch, an den dampfenden Töpfen vorbei genauso wie er an der Großmutter vorbeigeht, in die Stube hinein, setzt sich an die Stirnseite. Hier entdeckt er ihn: den falschen Löffel auf seinem Platz. Der Großvater sagt: Das ist nicht – Er sagt: Das ist – Dann sagt er nichts mehr, schiebt den Löffel von sich. Ich war es, will Lore sagen, aber in diesem Augenblick steht schon die Großmutter hinter ihr, legt eine Hand auf ihre Schulter, sagt: Das war ich, Vater. Der Großvater sagt weiter nichts. Er schaut in die Stube, an der Großmutter und Lore vorbei, und schickt einen Gedankenstrich in die Luft. Überall in der Stube, im Haus, im Garten hängen die Gedankenstriche des Großvaters.
Der Großvater spricht nicht viel, meistens. Aber manchmal, da erzählt er Geschichten und Lore hängt an seinen Lippen. Es sind Geschichten aus der echten Welt, sagt der Großvater. Und er erzählt sie am liebsten, wenn niemand da ist außer Lore. Wenn Sonntagfrüh ist, zum Beispiel, dann ist eine gute Großvatergeschichtenzeit.
Es ist dämmrig draußen, Lore liegt in ihrem Bett im Elternhaus, niemand rührt sich noch hier, alle sind Langschläfer. Da geht Lore im Pyjama aus ihrem Zimmer in den Vorraum, tapst barfuß die Stiege hinunter, überspringt die eine Stufe, die bei jedem Drauftreten ein lautes Knarren von sich gibt, schleicht zur Garderobe, zieht sich Wollsocken und Gummistiefel an, eine Jacke über. Den Reißverschluss zieht sie nicht zu, denn sie weiß, sie wird gleich wieder drinnen, in der warmen Stube sein. Behutsam dreht sie den Schlüssel in der Haustür um, drückt die Klinke sachte und verlässt so leise wie möglich das Elternhaus. Sie geht durch den Garten, schleift mit den Sohlen durch die feuchte Wiese, auf das Gartentor zu. Ein Hahn kräht. Die Hennen gackern. Das Dämmern wird weniger, aber ganz hell ist es noch nicht. In der Großelternküche sieht Lore Licht. Durch die Hintertür geht sie ins Großelternhaus, durch die Werkstatt, vorbei an der Stalltür. Sie hört die Schweine grunzen und wühlen, zufrieden, kommt ihr vor. Bestimmt hat ihnen der Großvater schon das Futter gerichtet. Lore riecht den Mist und rümpft die Nase, hält sich für ein paar Sekunden die Nase zu. Sie geht schnell weiter jetzt und drückt die Tür auf, die in den Vorraum führt, dann die Küchentür. Hier sitzt der Großvater, am Küchentisch, und liest in der Zeitung, trinkt Schwarztee mit Schnaps und drei Stück Würfelzucker, wie jeden Morgen. Er schaut von der Zeitung auf, über seinen Brillenrand hinweg, sieht Lore und kurz friert seine Miene ein. Dann legt sich Wärme über sein Gesicht, als wäre die Sonne aufgegangen, und er streckt Lore einen Gedankenstrich entgegen. Vom Küchentisch aus zieht sich der Gedankenstrich bis zur Küchentür, wo Lore noch immer steht, von einem Bein auf das andere tritt. Da ist dieses Gefühl: Wir stammen vom selben Stück Holz. Lore, sagt der Großvater. Nur ihren Namen, sonst nichts. Dann lächelt er. Und Lore geht näher an den Küchentisch, sie steigt auf die Küchenbank, greift mit einer Hand nach Großvaters Schulter, drückt sich zwischen Großvaterrücken und Banklehne durch, setzt sich in die Ecke. Magst du einen Tee?, sagt der Großvater. Lore nickt. Der Großvater steht auf, geht an
