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Sciamachy ist eine allegorische Erforschung unserer Beziehung zur Macht, wie Macht korrumpiert und welche Art von Person es braucht, um Macht nutzbringend zu handhaben. Der Leser wird immer wieder mit der dunklen Seite seiner eigenen Persönlichkeit konfrontiert, die im Unbewussten verborgen liegt. Traumzustände vermischen sich mit gewöhnlicher Realität, während die Welt, so wie sie uns bekannt ist, unaufhaltsam ihrer Auslöschung entgegengeht und eine neue Zivilisation die Oberfläche des Bewusstseins durchbricht. Sciamachy, mit den eigenen Schatten kämpfen, erzählt die Geschichte des Verlangens nach Macht. In den Händen von Charakterstarken ein großer Gewinn, wird sie in den Händen von Charakterschwachen zu einer toxischen Kraft. Die Bandbreite der Figuren in diesem Roman reicht von einer Seite des ethischen Spektrums zur anderen. Seine Helden und Schurken besitzen eine geradezu mythische Ausstrahlung. Begleitet werden sie von Elementargeistern und Phantomen, die den klassischen Kampf zwischen den Kräften des Guten und denen des Bösen austragen. Mehrere Leben sind miteinander verwoben und der Leser kann leicht die Orientierung in Raum und Zeit verlieren. Manchmal sind die Akteure männlich, manchmal weiblich, manchmal beides oder nichts von alldem. Agenten der Kräfte des Bösen arbeiten mit den engelhaften Kräften des Guten zusammen. Gott, der Große Geist des Universums, betrachtet die helle und die dunkle Seite der Menschheit mitfühlend und distanziert. Er ist jenseits von Gut und Böse und gehört keiner Religion an. Gott ist kein moralisches Wesen.
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Seitenzahl: 177
Veröffentlichungsjahr: 2020
Sciamachy ist eine allegorische Erforschung unserer Beziehung zur Macht, wie Macht korrumpiert und welche Art von Person es braucht, um Macht nutzbringend zu handhaben. Der Leser wird immer wieder mit der dunklen Seite seiner eigenen Persönlichkeit konfrontiert, die im Unbewussten verborgen liegt. Traumzustände vermischen sich mit gewöhnlicher Realität, während die Welt, so wie sie uns bekannt ist, unaufhaltsam ihrer Auslöschung entgegengeht und eine neue Zivilisation die Oberfläche des Bewusstseins durchbricht.
Denise Lawrence, Autorin, Dozentin und TV-Produzentin, lehrt seit 45 Jahren spirituelles Wissen und Raja Yoga Meditation. Sie lebt in Deutschland und den USA.
Ein guter Herrscher muss unabhängig sein und in hohem Maße über persönliche spirituelle Kraft verfügen. Sonst nimmt dieser Herrscher lediglich von anderen, nimmt vom Land und versteht es nicht, ein Verwalter zu sein. Denise Lawrence
Teil 1 Phéline und Anant
1. Der Große Geist, die Elemente und der unbewusste Geist der Mystiker
2. Phéline, der Havilschild-Mann
3. Die Kontaktaufnahme mit dem Jenseits und das Streben nach Macht
4. Die heilende Schwingung der Leviathane
5. Die Mystiker der Abtei von Williamsford
6. Die Waffen der Havilschilds
7. Die ariosophische Zeremonie
8. Der Geist des Eisberges
9. Vikingurs Labor
10. Der Nargonoscene-Sender
11. Macht, Status und Ambitionen
12. Das Instrument für die Transmutation
13. Der gereinigte Geist
14. Das weibliche Element
15. Der Sangoma
Teil 2 Das Wirbelnde Yantra und der Nargonoscene-Sender
16. Eine kraftvolle Seele in einer schwachen Position
17. Das vertraute Tier
18. Das Wirbelnde Yantra
19. Der Abt von Williamsford
20. Kind Anant
21. Die Vergewaltigung des Weiblichen
22. Das Krankenhaus
23. Lügen
24. Hightech-Folter
25. Sabotage
26. New York, New York
27. Das Extrem des Ungleichgewichts
28. Die Stärkung des Weiblichen
Teil 3 Das Opferfeuer
29. Die Abrechnung
30. Schicksal und Tod
31. Der Umgang mit toxischer Kraft
Der Große Geist, die Elemente und der unbewusste
Geist der Mystiker
Der Große Geist des Universums erwachte mit einem machtvollen Gedanken: »Der Zeitpunkt des Todes der Welt ist gekommen und es ist meine Aufgabe, dieses bedeutsame Geschehen zu leiten. Von jetzt an soll alle Arbeit durch die Kraft der Magie, durch Telepathie und das reine Herz eines Kindes vollendet werden.«
Die elementaren Energien formten sich zu geisterhaften Erscheinungen, zahlreich und kaum wahrnehmbar für alle, bis auf Anant, das Kind mit dem Licht.
»Ich sehe euch«, sagte es, »ich sehe euch deutlich und bin bei euch.«
Der Geist des Feuers antwortete dem Ruf: »Ich bin bereit.«
Der Geist des Wassers sagte: »Ich bin auch bereit.«
Der Geist des Windes hörte den Ruf: »Auch ich bin bereit.«
Der Geist der Erde fühlte ihren Schmerz und war zum Bersten bereit.
Der Geist des Äthers blieb abseits. »Ich bin nicht beteiligt.«
Phantome hörten den Ruf und wurden sich ihrer finsteren Rolle bewusst. »Wir sind bereit.«
Die Bewegungen des Windes und der Wasser begannen mit dem Mond und der Sonne einen neuen Tanz der Freiheit und Lebendigkeit. Die magnetischen Kräfte bogen sich und bewegten sich anders als sonst. Ihre Apfelform, die den Planeten umgab, begann in neuem Rhythmus zu pulsieren.
Die Erde schwankte ein wenig mehr als gewöhnlich. Der Geist der Gesalbten regte und bewegte sich, neue Bilder und Gefühle einfangend.
Das Kind mit dem Licht spürte, wie der Moment still und ruhig wurde. Blut floss seinen kleinen Körper hinab und vermischte sich mit dem Wasser und der Erde.
»Alles ist jetzt bereit, geliebter Einer«, flüsterte Kind Anant.
Von jenseits des Weltraumes tauchte ein Gedanke auf. Der Geist des Universums sprach: »Fang meine Energien ein, sie fließen jetzt, aber du musst sie einfangen!«
In seinem Traum kletterte Anant, das junge Kind mit dem Licht, vorsichtig in seinen auf ihn wartenden Sarg und schob ihn in die schimmernden Fluten. Der Sarg schwebte sanft in den plätschernden Wellen, füllte sich allmählich mit klarem Salzwasser und begann, in die Tiefe zu sinken. Das Kind verschwand und weißer Nebel legte sich über die Szene. Die Sonne ging unter, am nächtlichen Himmel funkelten Sterne und ungewöhnliche Zeichen.
Weit entfernt im Wald hatte es stark geregnet. Schlammlawinen wälzten sich donnernd die Abhänge hinunter, breiteten sich in alle Richtungen aus und begruben Bäume und Tiere schnell unter sich. Dunkle klebrige Erde hüllte die fliehenden Tiere ein, beendete ihre Lebenskraft augenblicklich und ließ ihre deformierten Körper wie steife, makabre Statuen, regungslos in ihrer Flucht zurück.
Die Geister lösten sich von ihren Formen und dort, wo einst die Bäume standen, begannen sie in langsamen Rhythmen zu tanzen. Unter den subtilen Formen tauchte ein ätherischer Hirsch mit riesigem Geweih und einer Krone um den Hals auf. Während der Schlamm seine neue Position einnahm, hüllte ein Chor lieblicher Klänge die Atmosphäre der Verwüstung in Stille. Der Himmel klarte auf und bedeckte die Erde mit seinem tiefblauen Baldachin, als wenn nichts gewesen wäre oder sich verändert hätte.
Phéline, der Havilschild-Mann
In seiner Einzelzelle, tief unter der aus dem 12. Jahrhundert stammenden Burg Eltz, verspürte Phéline, ein politischer Gefangener und Agent der Havilschild-Gruppe, erneut diese Stille. Dieses Mal hatte sich allerdings ihre Qualität verändert, so als ob sich gerade etwas Geheimes und Bedeutendes ereignet hätte. Die abgestandene Luft fühlte sich irgendwie erfrischt an. Im Halbdunkel seiner Gedanken spürte er etwas Warmes und Gutes. Seine Wunden schienen weniger zu eitern und der Schmerz ließ aus nicht nachvollziehbaren Gründen nach.
In Einzelhaft scheint die Zeit zeitlos zu sein. Die fünf Sinne haben weniger zu tun und die Innenwelt tritt in den Vordergrund. Gedanken, Emotionen, Sorge, Angst und Schmerz tauchen auf und der Gefangene gleitet in die Unterwelt seiner Gefühle.
Eines der Phantome kam, um den Gefangenen aufzusuchen. Michael war einer von denen, deren Reinkarnation durch ihr Karma ziemlich lange verhindert worden war. Durch die Betonwand gleitend, brachte er ein unheimliches Licht in das Halbdunkel der Zelle. Seine Aufgabe war es, den Mann, der vor ihm auf dem schmutzigen Boden der feuchten und übelriechenden Zelle lag, einzuschüchtern und zu demütigen. Doch Phéline hatte keine Angst, er erkannte den Eindringling von einem früheren Geheimauftrag des dunklen Militärs und seiner Verbündeten, den Havilschilds, wieder.
»Hallo Michael. Du bist es. Wie verlief der Einsatz? Nach deinem jetzigen Zustand zu urteilen, scheint er erfolgreich gewesen zu sein.«
Phéline war hellsichtig und konnte den subtilen Körper von Michael Tenebris, der auch ein Agent der Havilschild-Gruppe war, mühelos erkennen.
»Ja«, antwortete er, »meine Körperteile flogen in alle Richtungen, als der Sprengstoffgürtel explodierte. Die Mauer der moldawischen Botschaft wurde gesprengt, einige Sicherheitsleute und Unschuldige wurden getötet, unter ihnen ein kleiner Junge. Unsere Zielperson wurde nicht getötet, aber schwer verwundet. Ich habe meine Gruppe aus den Augen verloren, bin aber sicher, dass einige von ihnen den Anschlag nicht überlebt haben. Ich glaube, einer wurde gefangen genommen. Ich dachte, er könnte irgendwo in diesem Gefängnis sein. Es gibt hier so viele eingesperrte Männer und Frauen. Es ist schwer, ihn zu finden.«
»Ja, natürlich ist es schwer, jemanden, nachdem er gefoltert wurde, wiederzuerkennen, aber egal. Was hast du jetzt vor?«
»Ich weiß es nicht. Ich bin hier, um dir Angst einzujagen. Aber das funktioniert nicht. Deshalb weiß ich nicht, wie es weitergehen soll.«
»Keine Sorge, Michael, Du kannst gehen. Auf dich wartet eine andere Aufgabe. Elgard, der Meister der Phantome, wird sie dir mitteilen. Bleib einfach offen dafür. Behalte einen kühlen Kopf und du wirst die Anweisungen empfangen. Du kannst mich jetzt verlassen. Geh einfach.«
»Aber ich weiß nicht, wie ich in dieser Dimension arbeiten soll. Ich habe Angst. Ich kann mich nicht mehr mit anderen Menschen verbinden. Ich bin mit meinem Schmerz allein. Mein Körper ist in Stücke gerissen und schmerzt fürchterlich. Mein Geist ist aufgewühlt.«
»Mach weiter. Du wusstest, dass du einen hohen Preis dafür zahlen würdest. Jetzt geh einfach und folge Elgards Anweisungen und denen der Verantwortlichen der Havilschilds. Überlass mich meiner Einsamkeit, okay?«
Das Phantom hinterließ eine Spur des Leides in der trüben Atmosphäre, verblasste und verschwand. Phéline saß da und begab sich dann für viele Monate noch tiefer in sein Schweigen.
Elgard war der Herrscher der subtilen Kräfte, die in der Dimension der Toten lebten. Er konnte ihre ätherischen Körper für schändliche Zwecke benutzen.
Der Geist des Hirsches erschien vor Phéline. Er trug ein riesiges Geweih, das zu groß für seine kleine Gestalt zu sein schien. Edel stand er dort, in so viel Schönheit, umgeben von warmem und sanftem Licht. Um seinen Hals zeigte sich der dunkle Umriss einer Krone.
Phéline bewegte sich aus seinem zerrissenen und gebrochenen Körper. In seiner subtilen Form bestieg er den Hirsch und gemeinsam flogen sie in den nächtlichen Himmel, weder Wände noch Gitterstäbe konnten sie aufhalten. Im Gesicht und auf seinen Armen spürte er die kühle Nachtbrise und keinen Schmerz mehr. Er war eins mit dem fliegenden Hirsch. Sie flogen weiter, hoch über Land und Flüsse, Berge und Urwälder, so hoch, dass Phéline die Krümmung der Erde und das Leuchten der aufgehenden Sonne vor sich sehen konnte.
Die kaum wahrnehmbare Stimme des Großen Geistes flüsterte aus der Ferne: »Fang das Licht ein, Phéline. Du wurdest zu einer wichtigen Aufgabe berufen. Aber du brauchst gigantische Kraft, damit du die Energie einfangen kannst, die dir gesendet wird. Sei wachsam und bleib konzentriert. Andere Phantome sind hinter dir. Du brauchst Kraft, um vor ihnen zu bleiben.«
Plötzlich war Phéline wieder in seiner Zelle. Es war jetzt Morgen. Er konnte dies an dem leichten Unterschied in der Qualität der Dunkelheit der Atmosphäre erkennen.
»Wer bist du? Ich muss wissen, wer du bist.«
Phéline konnte diesen Geist, den Klang seiner ätherischen Stimme aus dem Jenseits hören und seine unkörperliche Präsenz fühlen. Diese Anwesenheit war gleichzeitig greifbar und unsichtbar.
»Wer bist du?«, bemühte er sich zu verstehen.
»Ich biete dir Macht an, willst du sie?«
»Aber wer bist du?«
Die Stimme des Großen Geistes ertönte wieder: »Ich biete dir Macht an, willst du sie?«
»Ich kann dich nicht sehen. Da ist niemand. Wie kann ich dir antworten, wenn ich nicht weiß, wer du bist?«
»Ich biete dir Macht an, willst du sie?« wiederholte die subtile Stimme erneut.
»Ich habe nichts zu verlieren. Ich akzeptiere. Ich werde sie annehmen«, entschied Phéline.
»Gut. Abgemacht.«
Die Antwort erschien als Gedanke in seinem Geist, dann verschwand die außergewöhnliche Existenz. Phéline wusste, dass er einen Vertrag geschlossen hatte. Aber das war alles. Was ist Macht? Welche Macht? Und was macht man mit ihr? Phéline bemühte sich, all dies zu verstehen.
Anant, das Kind mit dem Licht, schwebte in seinem subtilen Lichtkörper nach oben. Anant flog leise, aber mit großer Geschwindigkeit weit in den Nachthimmel hinein. Er streifte über die Städte und die umliegenden Wälder. Er sah die Tiere des afrikanischen Busches, wie sie sich bewegten, bevor das Morgenlicht über den Bergen auftauchte. Seine Geschwindigkeit war die seiner Gedanken und sie brachte ihn dorthin, wo sein Geist ihn hinführte. Sofort war er dort, wo die Gedanken entstanden.
Er sah die ätherischen Formen des Hirsches mit Phéline auf seinem Rücken.
»Hallo, mein lieblicher Bruder des Waldes. Wen trägst du auf deinem Rücken?«
»Ich trage deinen Helfer, mein Kind. Er wurde für dich auserwählt. Er ist so frei und unverwundbar. Er wird die Arbeit ungehindert erledigen. Du musst jetzt mit ihm in Kontakt bleiben und ihm seine Aufgabe erklären«, erschien die Antwort des Hirsches als Gedanke in Kind Anants Geist.
Anant trat näher und schaute unbemerkt tief in Phélines Augen, in denen er die Unschuld eines ungebrochenen Mannes erkannte.
»Ja«, dachte er. »Phéline und ich werden gut zusammenarbeiten. Es ist gut. Danke, mein Bruder des Waldes.«
In der Welt der Geister gibt es viele Ebenen, einige sichtbarer als andere, abhängig von ihrer Ebene.
Der Geist des Windes war in der Nähe und beobachtete dieses Gespräch. Sich zu Anant wendend, sagte er: »Ich werde auch mithelfen. Du kannst mich jederzeit rufen. Ich besitze ausgezeichnete Hurrikans, Tornados, leichte Brisen, ich bewege den Jetstream durch die Stratosphäre. Ich kann meine Schwestern, die Ozeane, aufpeitschen und wir werden den Siegestanz aufführen, um den erfolgreichen Ausgang deiner Aufgabe zu feiern.«
»Danke, Geist des Windes, du bist mein lieber Bruder im Kampf. Bleib meinen Gedanken nahe«, flüsterte Kind Anant.
Ein plötzlicher Lärm ertönte und ein metallener Napf mit fragwürdigem Essen wurde in Phélines Zelle geschoben. Das Schloss der Klappe schnappte zu und Stille trat ein. Entfernte Geräusche waren zu hören. Das Klappern anderer Schüsseln, Stöhnen und Wimmern schwebten durch die verbrauchte Luft und verklangen.
Phéline fühlte seinen Körper. Es würde keine Ärzte geben, keine Medikamente, keine Verbände. Er würde sich selbst heilen müssen. Er richtete seinen Geist auf dieses neue Vorhaben aus. In Stille öffnete sich sein Geist. Er erkannte, dass zur Heilung des Körpers besondere spirituelle Kraft benötigt wurde. Er musste den richtigen Ton finden, die Schwingung, die den zerbrochenen und zerrissenen Körper in seinen ursprünglichen Zustand der Ganzheit und Gesundheit zurückbringen würde. Im Geist reiste er weit und tief. In Stille kann man den Weg entdecken.
Er reiste tief in seinen Körper, um den Klang zu finden. Zuerst musste er die Natur der Wunden spüren, die ihm zugefügt worden waren und den Schmerz. Um den richtigen Klang zu bestimmen, musste er die uralte Herkunft des Schmerzes ausfindig machen, von dem auch seine Entführer und deren Herrscher vereinnahmt waren.
Während einer anderen Mission für die Havilschilds, in einer anderen Inkarnation, war er gefangengenommen und inhaftiert worden. Dieses Mal war es eine Art Wiederholung der alten Muster. Seine Rolle als Krieger, als Herausforderer unrechtmäßiger Tyrannei, wiederholte sich in der modernen Welt. Beruflich war Philip Green, Phélines Alter Ego, als investigativer Journalist für hoch angesehene Nachrichtenmedien tätig. Allerdings erschütterten seine Recherchen einige mächtige politische Akteure, die einen Weg gefunden hatten, ihn festzunehmen und in dieses geheime Gefängnis zu sperren. Er befand sich in einem alten Verlies der Burg in Mitteleuropa. Es gab geheime Tunnel für Zeitreisen, durch die Menschen in Lichtgeschwindigkeit zu jedem Ort des Planeten gebracht werden konnten, an dem es Zugänge gab. Burg Eltz war eines dieser Hauptportale.
Viele Stunden lang konzentrierte er sich auf die Gewalt, um ihren energetischen Ursprung zu finden. Der ursprüngliche Schmerz, der tief in die Vorgeschichte zurückreichte, durchbrach in diesem Moment seinen Körper. Er begab sich tief in das kollektive Gedächtnis, soweit zurück in die Vergangenheit, wie es möglich war, und dann noch ein Stück weiter.
Nachdem er viele Tage und Nächte tief in die letzten Winkel seiner Wunden eingedrungen war, traf er schließlich auf den Geist des Schmerzes.
Schmerz ist eine energetische Kraft, die eine Identität annimmt und einen eigenen Geist besitzt. Es gibt Geister, die in kritischen Momenten mit ausgewählten Menschen zusammenwirken. Sie sind Lehrer, die als körperlose Wesen aus eigenem Recht heraus handeln, aber weder Mensch noch Gott sind. Es sind Energien, die, obwohl sie keine Seele besitzen, Bewusstsein zu haben scheinen. Sie gehören zum großen und geheimen Drama und fungieren als Vertreter der Vorherbestimmung.
Der Geist des Schmerzes bohrte sich in ihn hinein und riss grausam an seinen eiternden Wunden. Er drang bis zu den tiefsten Wurzeln in Phélines Körper und Seele vor, bis zu den Grenzen seines Durchhaltevermögens. Die Schlacht tobte und Phéline widersetzte sich mit großer Kraft, bis er fast tot war. Dann verstand er.
»Ich muss mich ergeben. Ich muss mich ganz und gar dem Schmerz überlassen.«
Er gab seinen Widerstand auf, entspannte seine Sehnen und Muskeln und gab sich dem Schmerz vollkommen hin.
»Okay, nimm mich. Nimm mich ganz.«
Und er gab seinen Geist und seinen Körper, seine Gefühle, seine Schwächen und sein Ego auf. Der Geist des Schmerzes trug ihn über die Unerträglichkeit hinaus, zu den entlegensten Bereichen menschlichen Schmerzes. Sanft lockerte der Geist seinen Griff. Schwebend, vom Kampf befreit, hinterließ er die tiefgründigste und wertvollste Botschaft in Phélines erstauntem Geist.
»Oh, Geist des Schmerzes, ich habe das nicht gewusst. Ich habe nie verstanden, welch großartiger Freund und Lehrer du bist.«
Er versuchte, an der Botschaft festzuhalten, die er von ihm als Vermächtnis erhalten hatte, aber sie war nicht fassbar. Dennoch hatte er das Gefühl, etwas verstanden zu haben. Der Geist des Schmerzes hatte ihm etwas äußerst Wichtiges mitgeteilt und er war sehr dankbar dafür. Er empfand so viel Liebe für diesen Geist. Dies war seine erste Begegnung mit den Wundern, die ihm dieser große und wunderbare Geist hinterließ. Er fiel in einen tiefen Schlaf. Keine Träume, nur tiefer, süßer Schlaf, der ihn bestmöglich wiederherstellte.
Allmählich begann Phéline die absolute Abhängigkeit von Gut und Böse, Richtig und Falsch, Glück und Leid, Gesundheit und intensivem Schmerz zu verstehen. Es waren zwei Seiten derselben geheimnisvollen Medaille.
Die Kontaktaufnahme mit dem Jenseits und das Streben nach Macht
Die Zauberkönigin saß, von ihren Höflingen und Dienern umgeben, auf ihrem prunkvollen Thron in der intimen Atmosphäre ihres kleinen Palastes in der Nähe von Chiang Mai in Thailand. Sie war ein angesehenes Trance-Medium. Zu ihren Anhängern gehörten die Reichen und Berühmten sowie einige prominente Persönlichkeiten aus Politik und Gesellschaft, die ihre Botschaften aus dem Jenseits zu schätzen wussten. Durch ihre Fähigkeit, in ihrem Ätherleib zu reisen, konnte sie wichtige Erkenntnisse und Informationen sammeln und Geheimnisse in Erfahrung bringen, die die Spione nicht ausfindig machen konnten. Die Zauberkönigin war sehr übergewichtig und in Rüschen und Volants gekleidet, um ihre Formen zu verbergen. Ihr wunderschön geschminktes Gesicht und ihre elegant lackierten und gepflegten Fingernägel betonten ihre Persönlichkeit und lenkten von ihrem Körper ab.
Sie war sowohl mit Elgard als auch mit den Behörden der Havilschilds und dem Foreign Office in London verbündet. Sie liebte Intrigen und genoss das gefährliche Spiel, die verschiedenen Mächte gegeneinander auszuspielen.
Das ist das Spiel der Macht, eine süchtig machende Kraft, die einen nicht in Ruhe lässt, niemals.
Die Zauberkönigin saß regungslos da. Sie war in Trance gegangen und von einigen Novizen umgeben, die ihre geisterhafte Gestalt bewachten, bis sie mit ihren Botschaften zurückkehrte. Sie öffnete ihre Augen, fing an zu lächeln und schwerer zu atmen. Ihr gigantischer Körper begann sich nach der langen regungslosen Zeit der Trance leicht zu bewegen. Sie brachten ein Mikrofon, um die Nachricht aufzunehmen. Die anfangs sehr leise Stimme nahm allmählich an Lautstärke und Schnelligkeit zu.
»Ich reiste in die große Halle, in die ätherischen Regionen der geistigen Welt«, flüsterte sie. »Der Vater der Zauberer stand dort. Er rief mich und ich ging auf ihn zu. Er umarmte mich liebevoll und schaute mir tief in die Augen. Er sah in die Tiefen meiner Seele und gab mir so viel Liebe. Ich übergab ihm die Spenden und er lächelte. ›Bitte übermittle allen, die die Spenden gegeben haben, Liebe und Grüße. Sie wurden angenommen und Glück wird denen zuteil, die sie gespendet haben.‹«
Aus der ätherischen und nebligen Welt der höheren Geister sprach der Ehrwürdige Zauberer ruhig und sanft mit einer magischen Geiststimme, die aus seinen klaren, dunklen und leicht feurigen Augen kam. Der weiße Nebel dieser Welt wirbelte um ihn herum und die Zauberkönigin fühlte sich gesegnet. Der Ehrwürdige Zauberer war der älteste von allen, der Vater der ätherischen Geister und derjenige, den die Trancebotschafter aufsuchten, um Inspirationen, Informationen und Magie zu erhalten. Er war der Herrscher über Maya.
»Hast du irgendeine Frage oder einen Wunsch, mein Kind? Ich spüre etwas im Inneren deines Herzen. Sag mir, was möchtest du?«, flüsterte der Ehrwürdige Zauberervater.
Die Zauberkönigin lächelte und sagte: »Wahrlich, ich habe alles und du hast mir alles Wissen über die Welt und über sie hinaus erzählt. Ich bin vollkommen erfüllt und restlos zufrieden.«
»Und doch kann ich fühlen, dass es etwas gibt, also sag mir Kind, was kann ich heute für dich tun?«
»Geliebter Vater, du kannst wahrhaft in die Tiefe meines Wesens schauen. Du siehst, dass es etwas gibt und es ist tatsächlich so. Ich habe eine kleine Bitte.«
»Verrate sie mir, mein Kind. Ich werde dir deinen Wunsch erfüllen.«
»Mein lieber Vater, ich muss wissen, ob ich die Eine bin.«
»Welche, mein liebes Kind? Natürlich bist du die Eine. Ich liebe dich aus tiefstem Herzen. Was möchtest du wissen?«
»Geliebter Vater, bin ich die Gesalbte, die dazu bestimmt ist, den Thron der Weltherrschaft zu besteigen? Du hast mich so intensiv und lange vorbereitet. Ist es jetzt Zeit für mich aufzusteigen? Bin ich die Eine?«
»Mein Kind, die Zeit dafür ist noch nicht gekommen. Es gibt viele, die schon lange vorbereitet wurden. Wenn der Zeitpunkt gekommen ist, wird allen alles klar sein. Hab Geduld, Liebes. Du hast großes Glück. Sei dir dessen versichert.«
»Danke, mein Vater, aber kannst du mir sagen, wenn nicht ich diejenige bin, wer ist es dann? Ich kann an deinen Augen ablesen und an deinem Tonfall spüren, dass du mir nicht sagen möchtest, dass nicht ich diejenige bin. Ich fühle Enttäuschung und eine gewisse Wut in mir aufsteigen. Ich sollte die Eine sein, doch du sagst mir, dass ich nicht die Eine bin.«
»Mein Kind, der Gesalbte ist so unschuldig. Derjenige, der es ist, weiß nichts davon und nimmt noch nicht einmal an, eine Chance zu haben, es zu sein. Es ist noch nicht soweit. Dieser Eine wird es wissen, wenn die Zeit dafür gekommen ist. Jeder wird es wissen, wenn es soweit ist. Geh jetzt und überbring meine Liebe und meine Grüße den Versammelten und verteile die Spenden liebevoll unter ihnen. Wisse, dass du eine große Seele mit großem Glück bist und sei glücklich über dein erhabenes Schicksal. Du kannst jetzt gehen, Kind.«
