4,99 €
»Sehgeschichten« sind Erzählungen, entstanden auf den Wegen des Autors um seinen Heimatsee als gedankliches und damit thematisches Quellgebiet mit all seinen Sichten und Einsichten. Insofern kann es nicht verwundern, dass vielerlei Getier mitläuft und vorneweg die Hunde. Gespiegelt wie von der Wasseroberfläche ergeben sich tiefgründige Eindrücke, Erlebnisse und Reflexionen. Diese mit Sprache einzufangen und sprachlich diesen das abzugewinnen, was sie so besonders macht, als müsste man darauf zu sprechen kommen, weiß der Autor in seiner Art einfühlsam und immer mit ein bisschen humorigem Tiefsinn zu bewältigen. Er lässt den Leser teilhaben an seiner Gedanken- und Gefühlswelt, eingebunden und an dem orientiert, was das Leben als Natur und als Gesellschaft einem abverlangt. Und so, wie der Autor zum Beispiel seine Begegnung mit einem Eisvogel, im zweiten Jahr schon »seinem« Eisvogel schildert, wird diese Begegnung für den Leser erlebbar, mit all ihrer Freude. Diese über Jahre zustande gekommene Sammlung von Geschichten, in denen auch Hunde, Gänse, Hühner, Schweine und Enten einhergehen, niedergeschrieben und ersponnen, kommentiert, ergänzt und durch den geistigen Wolf gedreht, ist das vergnügliche Debüt von einem, der sich nicht nur Gedanken macht, sondern mit diesen spielt, die Sprache nutzt, um Welten zu erschaffen.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 395
Veröffentlichungsjahr: 2016
Jörgen Helbrink
Copyright: © 2016: Jörgen Helbrink
Lektorat: Erik Kinting / www.buchlektorat.netUmschlag & Satz: Erik Kinting
Verlag: tredition GmbH, Hamburg
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
Vorweg und unter uns, den Lesenden gesagt: Geschichten sind nicht wie das Leben! Sie sind nur das, was jemand davon erzählt. Insofern kann der viel erzählen und davon eine ganze Menge, aber die Leser werden sich womöglich die Freiheit nehmen, dem Ganzen mit ihrem Urteil eine Grenze zu setzen, indem sie vielleicht verlangen, in den Geschichten sollte ihr Leben mit wesentlichen Aspekten erkennbar bleiben. Und nicht nur das: So mancher möchte auch sich selbst mit seinem Denken und Fühlen wiederfinden, vielleicht sogar freudvoll mit Anstößen und neuen Einsichten bereichert.
Doch wenn einer kommt und anfängt schreibend zu erzählen, wie er ein Hundeauskenner wurde, dann muss er bei sich selbst erst fündig werden, was alles dazugehören und was von ihm dahin gehend nun verlangt werden könnte. Und nichts davon ist von alleine da – nur die Frau, und die ist als ungewählte Leserbeauftragte mit ihrem kritischen Eingreifen nach und nach unumgänglich geworden. In dieser Eigenschaft ist sie namentlich als Die Frau kenntlich und niemand sollte auf die Idee kommen, daraus eine mindere Achtung oder Wertschätzung abzuleiten. Es ist die Frau des Autors und unverhandelbar, aber ohne ein Fürwort als Besitzanzeige!
So kann sich jeder an drei Gedankenfingern ausrechnen, dass die hier zuvorderst vorliegende Geschichte als Erstling eines erzählenden Schreibers ein Anfängerwerk ist, das über die Jahre so manche Änderung hinzunehmen, Streichungen zu ertragen und Ergänzungen nebst Neuerungen zu verkraften hatte. Inwiefern dieses Anfängerwerk darunter gelitten hat, bleibt dahingestellt, auf jeden Fall halten wir dem Schreiberling zugute, lernwillig gewesen zu sein und mit der Erstgeschichte, mit dem Titel Wie ich ein Hundeauskenner wurde, den Anfang einer ganzen Reihe vonGeschichten möglich gemacht zu haben. Diese Geschichten heißen nach Jahren nun Sehgeschichten; nicht nur, weil ihr Quellgebiet ein See ist, sondern hauptsächlich wegen der sehenden Auges wahrgenommenen Verhältnisse rund um diesen hier beheimateten See und über seinen Tellerrand hinaus.
Die Hunde und ich, mittlerweile drei an der Zahl, weil unsere Tochter nicht umhin kam, uns zu unseren beiden auch noch ihren Hund vorübergehend oder doch eher ganz dazuzugeben. Natürlich hatte sie sich das mit dem Hund so nicht gedacht, aber das Leben hat ihr aufgetragen, zukünftig ohne den Vater ihres Sohnes zurechtzukommen und die dafür benötigte eigene Wohnung lässt sich in Hamburg nur ohne Hund finden, und selbst das gestaltet sich für eine junge Frau mit Kind in heutiger Zeit wie eine Odyssee, ein herabwürdigender Akt zwischen Pontius und Pilatus (und Herodes, dem eigentlichen Übel, nachzulesen schon in der Bibel, Lukas 23) hin und her geschickt zu werden, als höchste Weihe amtlicher Verwaltungskunst.
Lebte Jesus Christus heute und hätte diese Lauferei, würde er verwundert gucken, warum seine Scherereien von damals so nachhaltig, sogar als Redewendung, im Menschheitsgedächtnis verweilen.Von Pontius nach Pilatus laufen – lieber das, als amtliche Nichtzuständigkeit bis hin zum Unvermögen ertragen zu müssen.
»Hallo, auch wieder unterwegs?«, kommt es mir heute entgegen, wer weiß, zum wievielten Male in meinem derzeitigen Hundeausführleben schon. »Was machen die drei?« Gemeint sind die drei Hunde an meiner Seite.
Ich antworte freundlich nickend: »Geht wohl, und Ihrer?«
»Der stromert da irgendwo im Gebüsch«, sagt sie im Vorbeigehen.
»Aber das Wetter geht, oder?«
»Ja, soll aber noch anders werden!«
Fast erreicht dieser Satz dialektischer Wahrheitsfindung schon nicht mehr mein Ohr. Die morgendliche Hundeausführpflicht hat zwei Menschen wie Sternschnuppen im All aneinander vorbeihuschen lassen.
So ist das mit mir und den Hunden und dem See und dem Wind und dem Wetter und den anderen Hundeausführern. Aber das ist erst mit den Jahren so geworden, davor konnte man mir so nicht begegnen. Nun gehe ich täglich fürbass mit den Hunden um den See, komme nach draußen und bin in Gedanken.
Wenn es stimmt, dass die Zeit in der man lebt einem vorgibt, mit welchem Denken und Meinen, ja sogar mit welchem gefühlten Alltag man ausgestattet daherkommt, dann ist es meiner Zeit eingefallen, den Mann ein bisschen als einsamen Wolf, als verhinderten Helden, als raue Schale, als unergründlichen Tiefsinner auf der Bühne des Lebens erscheinen zu lassen. Nicht unter seinesgleichen ist das so, nicht unter Männern, aber offensichtlich sobald Weiblichkeit sich in einem Windhauch zu erschnuppern andeutete.
Ich weiß, die Frau wird jetzt pikiert gucken und fragen, was damit wohl gesagt werden solle und ob dass vielleicht auf biografische Geschichten hinauslaufe, deren Fehlentwicklungen, eine Entschuldigung suchend, im Unvermeidlichen gründen würden. Aber ich kann sie beruhigen. Ich will nur sagen, dass meine männliche Disposition – zu einer Zeit, als die Gespräche in der eigenen Familie sich mehr und mehr um die Anschaffung eines Hundes drehten – darauf ausgerichtet war, sich abweisend gebärden zu müssen. Niemals würde ich einwilligen in einen Hundekauf.
Und so ist es eine lange Geschichte zähen Ringens, aus einem Hundeverweigerer einen Mitläufer für Hundespaziergänge gemacht zu haben, so, als gehörte ich dazu, ja, man könnte sogar sagen, man hat – unmerklich für einen selbst, wie nebenher vom Wege aufgelesen – einen Hundeauskenner aus mir geformt.
Aber hätte es diese Wege nie gegeben, was dann? Wäre dann auch so viel Zeit gewesen, den Blick zu schärfen, abzuwägen, inwieweit nicht die durch die Natur bestimmten Lebensbedingungen verteidigt werden müssten, gegenüber den vom Menschen geschaffenen künstlichen? Und ist es mir nicht gerade erst dadurch ermöglicht worden, Wege und das dort gefundene Lesegut wie einen Vorrat zu sammeln und als Ergänzung oder sogar als deren Widerspruch in die gängige Vorstellungswelt der Lebensbewältigungen einzuspeisen?
Bevor man allerdings zu einer solchen Bewertung der vollständigen Geschichte kommen kann, ist doch eine ganze Weile und Wegstrecke mit Hindernissen und Widerständen zu bewältigen, die nach und nach erst beiseitegeräumt werden müssen, ehe sich ein Ja-Wort zur Anschaffung eines Hundes in einem wie mir herausbildet und dann irgendwann auch nach außen gelassen wird. Mir eine endgültige Zustimmung abzuringen, dafür haben die Frau und die Kinder sich eine Geschichte einfallen lassen, die, ähnlich einem dichterischen Werk, sich aus Realität und Fantasie zusammensetzt, angestoßen durch ein zufälliges Ereignis, aber geeignet, den Mann, das bin ich, an einer seiner weichen Stellen zu treffen und seine heroisch verteidigte ablehnende Haltung gegenüber einer Hundeanschaffung zu zermürben.
Damals ging es um die Geschichte einer Verbrecherjagd, eines kriminellen Stückes, wie Kinder sich vorstellen dass Verbrecher gejagt und schließlich hinter Schloss und Riegel gebracht werden, aber erst, wenn man als Kind – im Alter von drei, fünf und sieben Jahren – dabei alle Ängste der Gefahren durchgestanden hat, in denen die Wirklichkeit mit einem spielt, und man voller Bange ein gutes Ende ersehnt.
***
Schon seit einer Stunde am späten Sommernachmittag kreist ein Hubschrauber über den Kleingartenanlagen am See, unüberhörbar und sichtbar Polizei. Martinshorn und Blaulicht auf den Straßen. Die Kinder sind alleine zu Hause.
Ein Polizeiwagen prescht auf das Grundstück. Zwei Polizisten springen heraus, klingeln Sturm und verlangen Türöffnung von den Kindern. Die dürfen aber nicht – hat die Mutter gesagt. Nicht aufmachen, solange sie nicht wieder zurück sei, sie wolle nur schnell zur Apotheke. Die Mutter siegt über die Uniform.
Durch die geschlossene Tür rufen die Polizisten: »Habt ihr einen Mann hier vorbeilaufen sehen?«
Kinderkopfschütteln hinter der Türscheibe und mit Blaulicht wieder weg.
Als die Mutter nach Hause kommt, ist die Tür verbarrikadiert und die Kinder sitzen mit je einem Küchenmesser bewaffnet verängstigt weinend in der Küche, einem bösen Bösewicht zu trotzen. In diesem Augenblick wurde die Idee geboren, einen Hund anzuschaffen, den Kindern zur Sicherheit – und die Entscheidung stand wie ein Felsen im Raum.
***
Bei meinem Eintreffen am Abend wurde ich überfallen mit dieser Geschichte, in immer wieder neuem Gewande, die Furcht sich von den kleinen Seelen zu reden, und war froh einwilligen zu können, in die Besänftigung der Gemüter, durch väterliches Verständnis für einen Hundekauf.
Was allerdings Wirklichkeit und was Beiwerk war, werde ich wohl nicht mehr erfahren, zu sehr hat sich dieses Ereignis als Ausgangspunkt für einen Hund im Familiengedächtnis als einzige Wahrheit verewigt, und die Frau, diese Lehrerin, ist nicht bereit mehr als das Gesagte preiszugeben.
Ich weiß gar nicht, ob es der Frau bewusst ist, was sie mir mit der Zustimmung zu einem Hund im Hause abgerungen hat. Und ich hoffe auf die Kinder um nachträgliche Danksagung und Weihung irgendwann, falls sie die Größe meines Geschenkes bis zum heutigen Tag noch nicht in seiner ganzen Tragweite erkennen konnten. Denn sie sollen nicht denken, es wäre kein Opfer, es wären in mir keine sich auftürmenden Widerstände zu überwinden gewesen, aufgetürmt durch ewig dauernde Sekunden gefletschter Zähne vor mir oder grob riechender Scheiße am Schuh unter mir.
So bin ich bestückt mit Seiten in meinem Leben, die immer mal wieder mit Ereignissen, die mit Hunden zu tun haben, beschrieben sind. Auf den ersten Seiten stehen allerdings Ereignisse, die ihren Ablauf nahmen, ohne dass ich mir den Bezug dazu gewollt herbeigeführt hätte und die Schreiber auf diesen ersten Seiten sind mir nicht erinnerliche Überlieferer.
Also … eigentlich bin ich keiner, der von Haus aus mit Hunden in Verbindung zu bringen wäre. Auch wenn meine Mutter von einem kleinen, weiß-grau-braun gefleckten Hund namens Foxel erzählt – in mir ist haften geblieben: mit Haaren ähnlich einer Schuhbürste. Ich war klein, mit Lederhose und langen Locken und soll geweint haben, weil der Foxel beim Wildern erschossen worden sei.
Der Konjunktiv an dieser Erzählstelle musste herhalten, weil ein bisschen Zweifel an dieser Version, wie Foxel zu Tode gekommen sein soll, in meinem Gedächtnis eingespeichert ist. Aus demDickicht meiner frühkindlichen Erinnerungen winkt ganz entfernt eine andere Darstellung der Todmachung für diesen Hund. Und aus heutiger Sicht müsste es dann an dieser Stelle zusammenfassend heißen: Feudaler Atem hat Foxel zu Tode getroffen. Die Geschichte ist nämlich meiner Meinung nach die gewesen, dass von gräflicher Eminenz, auf dessen Gut in wirren Nachkriegszeiten meine Eltern untergekommen waren, eine Exekution des Hundes Foxel vorgenommen worden ist, weil der sich zu sehr für die Dackelhündin des Grafen interessierte. Für den Adel muss die Frage der Berechtigung einer standrechtlichen Erschießung für ein solches Vergehen zu der Zeit noch eindeutig gewesen sein. Aber möglicherweise hat sich das bis heute auch gar nicht geändert.
Davon ist mir aber kein Hundebild geblieben, was bis heute hätte heimliche Sehnsucht wuchern lassen nach einem Hundebesitz, behaupte ich gegen alle diejenigen, die mit psychologischer Raffinesse mir Unwissenheit über meine heimlichen Wünsche aus frühkindlichen Erlebnissen nachsagen wollen. Überhaupt! Wenn ich schon grabe in meinen Annalen – in der Versuchung Lust und Last, also für und wider einer Zuneigung zu solchem Getier in freudscher Manier zu hinterfragen –, tauchen Bilder auf, die alle auf nur einer Waagschale zu liegen kommen. – Der geneigte Leser weiß schon, was ich meine, wie Justitia da steht mit der Waage in der erhobenen Hand auf der einen und dem Schwert in der anderen, abzuwägen, was rechtens sei. Schön gedacht, wissen wir, aber zu wessen Nutzen? Natürlich, Recht und Gerechtigkeit, so sagt man heute; zwei Paar Schuhe.
Aber davon will ich nicht reden, will nur sagen: in der Frage der Zuneigung zu Hunden ist es mehr zu einer ungleichgewichtigen Anhäufung von Dagegen auf der einen Schale, statt Dafür auf der anderen gekommen.
Na ja, wird mancher sagen, könnte es nicht aber wirklich doch so sein, dass dieser Foxel vielleicht unbekannterweise, wie ein archäologischer Fund, als Ahnung einer innigen frühkindlichen Verbindung zu einem nicht menschlichen Wesen auf dem gegenüberliegenden Waagenteller liegt? Wenn, dann bleibt aber offen mit welchem Gewicht. Ihr, werte Leser, werdet es selbst bestimmen müssen, je nach Eurer eigenen Auffassung von um sich greifenden psychologischen Theorien.
Auf der diesseitigen Schale zu wägen liegt auf jeden Fall ein Jagdhund. Was mir noch heute die Spielwelt des ganzen Hofes des gräflichen Anwesens ist, musste dem Hund des Grafen der schmutzige Zwinger sein. Den ganzen Tag folgten einem die traurigen Augen nach. Aber jede Annäherung versetzte ihn in erschreckliches Gebell. Und ein Geruch ist mir in der Nase, der jeden Gedanken daran zu vertreiben wünscht.
Aber es gab auf dem Grafengut auch einen Dackel mit wehenden Ohren und dem Schwanz als Wimpel hintendran und Freudengebell bei jeder Begegnung! Nur gehörte dieser Hund auch dem Grafen. Im Gegensatz zu dem Zwingerwesen wohnte der Dackel allerdings direkt mit in der gräflichen Behausung. Vielleicht frönte er dort ein Leben als Schoßhündchen, der Gräfin zuliebe.
Trotzdem, zur Jagd musste der Dackel auch mit ran. Da waren Füchse und Kaninchen aus dem Bau zu treiben. Aber irgendwann gab es einen Dachs, einen gemeinen Hühnerräuber, wie es hieß, und ein Ereignis, ihn in seinem Bau auszugraben. Auch meine Kinderneugierde war zugegen. Herrchen Graf schickte den Dackel in den Dachsbau und der kam nicht wieder. Mir blieb ein Jaulen und Winseln … und eine Stille, in die hinein mit einem unflätigen gräflichen Gefluche dem Dachs der Garaus gemacht wurde.
Über diesen Bildern thronte ein anderes. Und ich sage deswegen thronte, weil dieses Bild sich früher immer dann meiner als Erinnerung bemächtigte und mich in Form von Angst beherrschte, sobald sich mir ein unvertrauter Vierbeiner näherte.
Hinterm Kuhstall links durch den Wald führte ein zerfahrener Sandweg zum nächsten Dorf. Dort, wo die düstere Tannenschonung endete, stand ein Haus unter Eichen und dort zerrte an einer Kette auf dem mit Feldsteinen ausgelegten Vorhof eine schwarze Bestie, der ganze Kopf nichts als Reißzähne. Ich musste zu diesem Haus, um die dort wohnende Frau für den nächsten Tag zur Feldarbeit zu bestellen. Sie war eine Heuerfrau, eine Gutstagelöhnerin. Ich war der Sohn des Gutsverwalters.
Der Hund ließ mich nicht weisungsgemäß meinen Auftrag ausführen, und ich fuhr heim, meinen Vater zu belügen. Als die Frau am Morgen zur Arbeit auf dem Feld nicht erschien, musste ich in die Pedale treten sie zu holen. Der Hund riss sich los und nur weil die Frau in der Nähe war und ihn kuschen ließ, blieb ich am Leben.
Wie sollte bei solchen Geschichten aus mir einer werden, der mit Hunden spielte, der womöglich Kenntnis davon erwerben wollte, was für eine Art jeweils gerade auf ihn zugewedelt oder dahergebellt käme?
Selbstverständlich wusste ich natürlich aus nebenher erworbenem Grobwissen, allgemeine Merkmale den verschiedenen Hunderassen zuzuordnen: krumme Beine, etwas größer als eine Ratte – Dackel; lockiges Haar und Tennisball am steil aufragenden Schwanzende – Frauchen mit Pudel; Männer klein, Hund groß und am Hinterteil behindert – Schäferhund.
Große und kleine Hunde, verschiedene Farben … ja, das kennt man, aber welche Rasse sich nun unter welchem Fell verbirgt, das wollte ich eigentlich nie wissen.
Bei Collies allerdings, würde ich sagen, ist das anders. Den Collie, wer kann das nicht sagen, kennt man aus vielen Fernsehstunden mit Lassie und hat diesen Hundetyp mit Leib und Seele in sich aufgenommen: schön, klug und unaufdringlich menschenfreundlich – wenn es darauf ankommt: todesmutig.
Also, was kann man erwarten? Denn als nun schließlich, wie erzählt, der Bann für einen Hund gebrochen war und bei Frau und Kindern sich die Frage einstellen konnte: Was für einen Hund wollen wir?– Was konnte dabei schon herauskommen?
Zwar habe ich noch das eine oder andere Mal versucht, mit Vernunft oder Schönrederei meine Zustimmung zu relativieren, aber damit hatte ich mich ganz gewaltig verrechnet. »Verräter!«, war noch die mildeste Form der charakterlichen Festschreibung meiner Person. Also musste ich mich überstimmen lassen. Ein Mensch, eine Stimme! Alles andere im Umgang mit demokratischen Spielregeln wurde von der Frau und den Kindern nicht akzeptiert, obwohl ich zu gerne dann doch in dieser Frage mit Stimmrechten ausgestattet gewesen wäre, wie sie zu verschiedenen Zeiten die Herrschenden den Untertanen als gerecht und unumstößlich, im Sinne von Gott gegeben vorgegaukelt haben.
Also bleibe ich bei der entscheidenden Abstimmung gegen einen Hund in der Minderheit und verliere den Wahlkampf, während die Kinder den Sieg mit ihrer Mutter in Form einer Polonaise feiern. Mit dieser Entscheidung für einen Hund fällt auch die Entscheidung für einen Collie, mir gegenüber als Kompromiss getarnt. Ich muss wohl irgendwann einmal signalisiert haben, dass, wenn überhaupt ein Hund infrage käme, es nur ein Collie sein könne.
Und so kommt ein Collie ins Haus, blindlings gekauft wie eine Katze im Sack. Der Hund ist schön, der Hund ist lieb, aber zu nichts zu gebrauchen, wofür man einen Hund möchte, weil er ständig kränkelt.
Also entscheidet der mir stimmmäßig überlegene Familienrat, noch einen richtigen Hund dazuzukaufen. Ein Rassehund von einem Collie mit Papieren müsse es sein. Wo sollte so ein Rassehund herkommen? Na selbstverständlich aus einer anerkannten Colliezucht – und wie man mir versichert, wolle man sich diesmal zuvor gründlichst erkundigen, was man bei einem Hundekauf alles berücksichtigen müsse.
Sollte jemand annehmen, dass ich als der in der Hundefrage Unterlegene nun mit all den Dingen, die auch zukünftig mit Hund zu tun hätten, nicht in Anspruch genommen werden würde, irrt dieser Jemand gewaltig.
Zuerst musste ich zu jeder Collie-Zucht, die sich in Zeitschriften oder Internet anpries, meine Meinung äußern: »Wie findest du die?« – »Sind die nicht süß?« – »Sehen die nicht toll aus?« – »Vergleich mal, sag: Welche sind besser?« Und egal was man antwortet, die Fragen hören nicht auf. Und dabei soll doch nur ein Hund gekauft werden!
Und dann wurde die Entscheidung auch noch davon abhängig gemacht, welches Blut in dem Hund pochte. Denn sehr bald wollte die Frau herausgefunden haben, amerikanisches Hundeblut sei herzhafter als englisches. Dafür musste ich sie extra zu Hundeausstellungen fahren, dahin, wo möglicherweise solches besichtigt werden konnte. Aber nur englisches Blut in diesen Hunden wurde ausgestellt.
Aber da konnte ich dann sehen, wie Hündchen fein gemacht wurden: gekämmt, geföhnt, gepudert. Niedliche Colliepüppchen, nicht größer als eine Gans, vielleicht auch so klug, aber mit Sicherheit nur halb so mutig. Zitternde Hunde wurden auf den Laufsteg gezerrt. Sie seien es nicht gewöhnt, auf so glatten Böden zu laufen. Die Armen! Wo sie im normalen Alltag doch sonst nur auf Teppichen zu laufen kämen.
Ich musste erfahren, wie diese Zuchten sich ständig selbst hofierten, ins Gespräch brachten, auf Werbeeffekte aus waren. Die Verbandsund Vereinsschriften waren voll mit Lobtexten und Bildern von sogenannten wesensfesten Hunden und wenn man das nachprüfte war genau das Gegenteil der Fall. Einmal in die Hände geklatscht, und der Hund zuckte erschrocken zusammen.
Wen wundert’s? Derartige sprachliche Beschönigungen haben heutigentags doch überall Einzug gehalten, auch wenn der Zustand von Gebrechlichkeit nicht zu übersehen ist. Haben nicht zur Ablenkung von sozialen Missständen Lügen dieser Art geradezu Konjunktur? Ganze Ämter werden umbenannt, um sich abzusetzen von dem Gedanken, staatliche Wohlfahrtspflege wäre eine Pflicht des Gemeinwesens. Aus Ämtern werden Service-Center, die Hilfebedürftigen als Kunden verhohnepipelt. Ist die Sicht anders, als es die Wirklichkeit hergibt, ist offensichtlich der Drang nach sprachlicher Verdrehung umgekehrt proportional der wahrheitlichen Bestimmung.
Jede Zucht hatte übrigens einen Namen, nein, nicht den des Züchters, sondern wie aus einer anderen Welt oder Zeit: Von den hohen Staufen, Aus dem Paradies, Von den kleinen Bengeln oder ähnlicher Schnickschnack. Als könnten diese Namen all das ersetzen, was diesen Hunden durch Zucht abhandengekommen ist.
Diese lackaffigen kleinen Kriecher sollen einmal Lassie gewesen sein? Ich glaubte es nicht, selbst eingedenk des Wissens um die sich selbst vergrößernden Bilder von lange zurückliegenden Erlebnissen nicht. Nicht wahr, man fahre einmal an die Stätten seiner Kindheit, dann weiß man, was ich meine. Nein, so klein war Lassie nie.
Aber die Blutbehauptung meiner Frau könnte vielleicht doch ein bisschen Wahrheit enthalten haben. Vielleicht waren mit dem Verschwinden der großen Schafherden Ende des 19. Jahrhunderts in England Collies als Hütehunde derart umgemodelt worden, dass sie für englische Ladys süße Hündchen, Handwärmer, eine Art Muff spielen konnten. Wie sonst hätte die Umwidmung vom Arbeitstier zu einem Modepüppchen vor sich gegangen sein können?
Also … dort, auf den beschriebenen Ausstellungen, war der Hund, auf den wir aus waren, auf jeden Fall nicht zu haben. Wo aber war der wohnhaft, den die Frau meinte finden zu wollen?
Ich merkte, wie meine Person mit wachsender Beschleunigung in die Klärung von Hundeauswahlprozessen hineingezogen wurde, als würde ich auf einen Strudel zutreiben, durch dessen Auge ich auf den Grund der Erkenntnis über die wesentlichen Merkmale gezogen werde. Dort aufgeschlagen wußte ich: Neben der englischen gibt es auch eine amerikanische Zuchtlinie, aber die ist nicht standard, nicht in den Zeitschriften, jedenfalls nicht in den hiesigen.
Wo aber waren hier Nachfahren von Hunden zu finden, deren Ahnen in Vorzeiten als Collie einmal ihre Pfoten auf den amerikanischen Kontinent gesetzt hatten? Mir scheint, die aus Schottland stammende Rasse war mit Quäkern dereinst von England aus auf der Flucht vor Arbeitslosigkeit, Armut und Hunger über den großen Teich nach Amerika gekommen, musste nun Indianer vertreiben und statt Schafherden Mustangs hüten. Das hatte sich genetisch festgesetzt, und es gab anscheinend keine Veranlassung, das bei den Darstellern von Lassie bis in die 60/70er-Jahre herauszüchten zu müssen.
Oder war Lassie gar kein solcher Hund, wie er mir als Bild vor Augen stand? Ich glaube, ich sprach schon davon, was meine Ahnung betraff, dass über die Jahre die Scharfeinstellung des Bildes bezüglich groß und klein einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung erlegen sein könnte. Und von Lassie-Darstellern aus Zeiten nach meiner eigenen Fernsehbekanntschaft mit der Lassie aus meinen Kindertagen hatte ich, gebe ich zu, genau genommen gar kein real beschreibbares Bild.
Also Vorsicht, so kann es gehen mit dem vorschnellen Urteil. Lassie war für mich Lassie, groß und stark, ein heldenhafter Hund. Aber ob bei den nachfolgenden Zuschauergenerationen die neueren Folgen der Fernsehserie dieses Bild auch noch ausgeprägt hatten, wußte ich gar nicht.
So musste ich meine Überlegungen auf nur den Teil von Lassie -Modellen beschränken, die mit mir selbst und Jeff und Oma um Hilfe gebellt hatten.
Dass Collies aus England stammen, scheint sicher. Mein Gedanke, dass sie mit Quäkern – englisch: quakers – nach Amerika gekommen wären, hat etwas Reizvolles und ist nicht ganz abwegig. Zitterer ist die wörtliche Übersetzung von quakers. Es ist ein Spottname für eine religiöse Gemeinschaft. Und genau so kamen mir die von den Colliehundevereinen vorgegeben Colliezuchtziele vor, aus denen daraus hervorgegangene Collies auf den Ausstellungen vorgeführt wurden, die nichts als englische Zitterer waren.
Um nun zu einem Collie als richtigem Hund zu kommen, mussten wir bis hinter Mönchengladbach und Aachen fahren, fast bis an die holländische Grenze.
So fuhren wir dem Ruf hinterher, der von irgendwo an das Ohr der Frau gedrungen war, mit der wahrhaftigen Versicherung, mit einem Welpen dieser Art könne man nichts falsch machen. Nach Mendel ist eben eins und eins zwei. Gute Anlagen und amerikanisches Hundeblut, das musste ein robuster Collie sein! Ein klangvoller Zwingername tat sein Übriges. Zwinger, musste ich lernen, war nur ein Synonym für Zucht. Wir fuhren zum Zwinger Vom Eichenhof. So kamen wir zu einem weiteren weiblichen Collie-Welpen, Tricolor in Schwarz und beste Papiere.
Kaum bei uns zu Hause, raste das kleine Hundeküken mit der lädierten älteren Hündin durch den Garten, tobte und spielte Ich darf alles und die Ältere vergaß für die Zeit des Aufwachsens des Welpen ihre Krankheiten und starb, als die Neue alleine bestimmen gelernt hatte.
Mit der Neuen erfuhren wir, was ein Collie sein kann: klug und in jeder Beziehung freundlich, gelehrig, sogar den Mut betreffend. Dieser Hund war in der Lage, sich lernend selbst über Ängste, zum Beispiel bezüglich der Silvesterknallerei, hinwegzusetzen.
Und mir wuchsen mit jedem Spaziergang Erfahrungen zu, aus denen ich mit der Zeit hundespezifische Einsichten abspeicherte.
Mittlerweile weiß ich einiges. Und ich kann darüber erzählen. Über die feine Nase, das Riechorgan als Zentrale der Orientierung und Wiedererkennung. Was das heißt, dass alles berochen wird, was riecht, selbst das, was mir äußerst unangenehm ist. Über Dominanz und Rudelführer, Abstammung und Erziehung. Ich bin richtig beschlagen geworden, denn die Frau kann, was diese Dinge betrifft, nichts für sich behalten und ich lerne davon, und damit sie sich nicht wiederholen muss, schnell.
Und so bin ich nun ein Hundeauskenner. Und wenn da ein kleiner Wuschel auf mich zukommt, kann ich sagen: »Sieh mal an, ein Lhasa Apso. Oder doch ein Shih Tzu?« Und wenn ein irischer Wolfshund kommt, kann ich den nicht übersehen, aber sagen: »Keine Angst, so groß der auch ist, der tut nichts.«
Doch, so ein Auskenner bin ich nun und drehe mit den mittlerweile drei Colliehündinnen meine allmorgendliche Runde. Und auf was und wen wir auch treffen, egal das wievielte Mal, es ist, als begegnete uns die ganze Geschichte stets aufs Neue und in einem Licht, das mit den Jahreszeiten den See und die Welt auf den Hundeausführgängen immer wieder neu entdecken lässt. Immer aber sind es die Hunde, die darauf verweisen, wie alles gekommen ist.
Manchmal lassen wir uns auf Sachen ein, von denen wir im Vorhinein nicht wissen, wie sie ausgehen, und von daher wollen wir im Grunde genommen auch gar nicht, dass solches einen ereilt. Trotzdem haben wir uns, die Frau und ich, überreden lassen, zwei halbgroße Gänseküken in unsere häusliche Obhut aufzunehmen.
Die Zustimmung dazu muss sich angeschlichen haben in einem Augenblick, als das Mitleid der ganzen Welt sich ausgerechnet in uns einzufinden beschlossen hatte, als wären wir mit dem Gewissen ausgestattet, das es braucht, dem Jammer tierischer Notlagen überall auf der Erde ein Ende zu bereiten. Was könnte sonst der Grund gewesen sein, dem Betteln und Flehen eines Sohnes nachzugeben, seine Verlegenheit Wohin mit zwei unausgereiften Gänsekindern? durch ein Ja abzukürzen. Er habe seine Freundin morgens um halb sechs mit dem Auto zu ihrer Arbeitsstelle bringen wollen, noch vor seinem Dienst. Dabei habe er auf der Landstraße eine Gans überfahren und die habe zwei Halbwüchsige hinterlassen.
Wir wissen: Seine Freundin ist ausgebildete Krankenschwester und arbeitet als Altenpflegerin in einem Altersheim. Immer Schicht, mal morgens früh bis nachmittags, mal mittags bis spät abends und manchmal auch noch zwischendurch und geteilten Dienst. Sie hat immer zu eilen, sie muss pünktlich sein, sie ist in ihrer Schicht bei
80 Betten die einzig Qualifizierte. Die anderen vier Pflegekräfte sind Aushilfen, ersetzen seit drei Monaten zwei gelernte Pfleger und kosten zusammen fast nur halb so viel. Und nun geht schon die Rede um, zwei Schichten zusammenzulegen, um wer weiß wen noch einzusparen. Beim Sohn ist es ähnlich. Der Sohn ist als Krankenpfleger in einem Wohnheim für seelisch Kranke beschäftigt.
Ja, so ist das heutigentags in diesen Einrichtungen. Vielleicht wird man sich später einmal wundern und sagen: Was, so einen Umgang mit den eigenen Eltern hat sich ein ganzes Volk anhexen lassen? Hat denn niemand auf das Geld aufgepasst, dass es nicht geräubert werde von Wegelagerern? Wann war das noch mal? In welchem Jahrhundert?
So mit sich und der Fahrerei beschäftigt, konnten die beiden die Gansmutter nicht verschonen, wenn sie sich nicht selbst der Gefahr aussetzen wollten im Graben zu landen; und dann hätte die Krankenschwester womöglich bei den alten Menschen nicht erscheinen können. Wer sollte um diese Zeit morgens um sechs in der Lage sein sie zu vertreten? Also ist der Sohn als Fahrer der flügelschlagenden Gänsemutter nicht ausgewichen und haarscharf vor den beiden Junggänsen zum Stehen gekommen.
Die Gans hatte also zwei Nachwuchskräfte dabei und die waren nun wie erstarrt, wohl weil solches Unheil in der arteigenen Erlernung von Bedrohungen für Leib und Leben bisher als Thema noch nicht durchgenommen worden war.
Und dann standen die beiden da, die Krankenschwester und unser Sohn, der Krankenpfleger, kurz hinter ihrem kleinstädtischen Wohnort morgens kurz nach halb sechs mitten in der Landschaft und sortierten den Schrecken und die aufkommenden Fragen.Was nun? Was ist mit der Gans? Die geht wohl nicht mehr? Notarzt, Rettungswagen? Scheint nicht angebracht, oder?
Am Straßenrand vom Hause gegenüber erschien eine junge Frau und jammerte wie allein gelassen: »Ach du Scheiße! Lotta, Lotta, du blöde Gans. Hab ich dir nicht gesagt, du sollst mit den beiden nicht über die Straße gehen? Lotta, du blöde Gans!«
Was jetzt? Die Sohnfreundin rang die Hände, er mit den Tränen. Was tun? Alles tat ihnen leid, aber sie mussten weiter, die Schicht konnte nicht warten – Gans oder Altenheim. Und was war mit dem Auto? Nichts zu sehen, also hoffentlich nur Stoßstange. Aber wie die Gans dalag … einfach Scheiße.
Die junge Frau war nun bei der Toten, besah sie eingehend, die beiden jungen Gänse auf dem Arm, und fragte dann doch ziemlich gefasst: »Alles in Ordnung bei Ihnen? Was machen wir nun? Sie haben es eilig, nicht wahr? Ist denn was kaputt? Gut, das alles in Ordnung ist. Lotta ist heute einfach los. Wie können wir das wieder gut machen? – Wissen Sie was, ich nehme Lotta für den Topf. Sonntag kommt Besuch. Und Sie kriegen die Kleinen. Ausgleichende Gerechtigkeit. Einverstanden?«
Noch bevor die zwei Unglücklichen überhaupt Gesagtes erreichen konnte, hantierte die junge Frau an der Kofferraumklappe und schon waren die beiden Küken ängstlich zischelnd verstaut. Froh, eine Regelung nicht selbst herbeiführen und lange verhandeln zu müssen, nahmen Sohn und Freundin alles hin, was weiterhalf, wenn es nur jetzt nicht noch mehr Zeit kostete.
»Ist in Ordnung, also gut, das machen wir dann so.« Die Krankenschwester versuchte auf diesem Wege weitere Einlassungen abzukürzen, während der Sohn noch unbedingt ein »Es tut mir sehr leid, aber ich konnte wirklich nichts dafür!« absetzen musste. »Aber jetzt müssen wir weiter, sind schon viel zu spät. Also tschüss.«
Als wäre auch die Gänsehalterin froh, möglicherweise, weil nun in der Folge ihr die Gänse keine Peinlichkeiten mehr abverlangten, winkte sie ihnen ein Tschüss hinterher.
Wieder im Auto allein auf der Straße, dachten Sohn und Krankenschwester noch ergänzend »Und lass sie dir schmecken, deine Lotta!« und waren sofort peinlich berührt über die Frechheit eines solchen Gedankens. Der konnte nur aus dem Versteck von Schrecken und Angst hervorgekrochen sein, mit Namen Erleichterung.
Sie konnten es nicht fassen. Was war eigentlich passiert? Das ging alles so schnell. Die Nachwuchsgänse, die junge Frau, die Gans Lotta … Und das Gewissen hatte sofort gezetert mit Wenn und Aber. Wieso aber hat die Gänsehalterin dort ihnen keine Vorhaltungen gemacht, sich quasi noch entschuldigt mit einem Geschenk? Vielleicht war es ja so, dass diese Frau sich von Schuld hatte freimachen müssen, weil sie die Gänse unbeaufsichtigt auf die Straße ließ, schlaftrunken, in dem Glauben, es könne um diese Zeit nichts passieren.
Ja überhaupt, jetzt wurde es ihnen erst klar: Eine Schuld lag ja überhaupt nicht bei ihnen. Die junge Frau konnte froh sein, dass niemand sonst zu Schaden kam. Oder war es umgekehrt, dass Sohn und Freundin sich das sagen mussten, glimpflich davongekommen zu sein? Ach, egal … warum sollten sie sich noch mit solchen Fragen quälen? Es war ja zum Glück – oder müsste es heißen: bei allem Pech? – nicht wirklich etwas passiert.
Und dann kam über den Sohn und seine Krankenschwester eine Wolke von Gedanken. Im Kofferraum sind zwei Gänse! Was soll damit jetzt werden?
»Unmöglich, es ist unmöglich, mein Freund, dass wir die behalten. Und wie soll das werden heute? Die können ja nicht den ganzen Tag im Kofferraum bleiben. Die scheißen wahrscheinlich sowieso schon alles voll. Deine Eltern, es bleiben nur deine Eltern. Du musst gleich vor deinem Dienst noch da vorbei. Sag, es wäre ein Notfall, sag es so, dass sie nicht anders können, schließlich sind die Gänseküken ja fast Findelkinder. Und wenn du sagst, dass auch irgendwie eine Mitschuld von dir und mir an deren Schicksal gegeben ist, dann können die nicht Nein sagen.«
Und als der Sohnemann das alles erzählt hatte, sagte er: »Puuh«, und schaute dabei ein wenig, uns zu beeindrucken, Mitleid heischend gehetzt.
»Ja, also, das war’s, und nun müssen wir die beiden Gänsekinder an euch abgeben, weil … wir können deren Eltern nicht sein, das geht bei uns wegen aller Verhältnisse nicht: Wohnen, Dienste, wegen allem nicht und schon gar nicht wegen der beiden Katzen.«
Und so, wie um uns die ganze Sache zu erleichtern, fügte er noch spaßend an: »Ihr seid doch schon als Eltern eingeübt. Das müsst ihr einsehen. Oder sollen die beiden in der Wildnis ausgesetzt werden? Dann können wir sie gleich einschläfern.«
Und das sagte er so, als wäre er dazu in der Lage. Und er sagte auch noch, er müsse jetzt ganz schnell los, wenn er noch zeitgerecht zu seiner Arbeitsstelle kommen wolle.
Und wir wussten, dass er wusste, wie wichtig uns das war, das mit seiner Arbeit und der Pünktlichkeit. Woher also Widerspruch nehmen? Dafür war gar keine Zeit.
Und nun sitzen wir da, auf dem Fußboden, morgens kurz nach sieben, sitzen jeder mit einem Gänseklein und sind verblüfft, schauen uns an und durch uns durch und scheinen angestrengt nachzudenken. Was nun?
Wundern wir uns? Wir haben uns natürlich nicht zu wundern, zu wem sollen die Kinder sonst mit solchen Sachen kommen, war doch ihr ganzes bisheriges Leben ein Versprechen von uns, zu Hause zu sein, wenn von uns ihnen etwas abgenommen werden müsste.
»Frau, das geht nicht! Das geht nicht!«, sage ich. »Gut, für den Moment, für heute können wir sie in den Kinderschuppen sperren, aber dann müssen sie wieder weg. Wie soll das sonst werden? Das können wir uns nicht aufhalsen lassen! Außerdem scheißen die alles zu. Und weißt du, was die fressen?«
»Ach, mein Lieber, wir werden schon eine Lösung finden, erst mal abwarten. Ich muss jetzt gleich in die Schule und du stellst ihnen Wasser hin und vielleicht erst einmal ein bisschen Brot und rupfst noch Gras dazu. Und heute Abend sehen wir weiter.«
Mit den Gänsen allein im Schuppen kommt aus allen Ecken eine Ahnung angeschlichen, deren gedankliche Folgen Unruhe in mir verbreiten. Die Frau wird die Gänse behalten wollen! Schon immer hat sie mit Weichmacheraugen sich solche herbeigesehnt. Wie oft konnte sie schwärmen: »Mann, was hätte ich gerne Gänse. Irgendwann, nicht wahr, da werden wir welche haben, nicht?« Und wenn ich nicht genau hinguckte, hob sie manchmal die Arme, spreizte die Finger ab und drehte die Hände im Handgelenk, als fühlte sie die Umgebungsluft ab auf Schwingungen, die sich einem durch Wellen mitteilen, die entstehen, wenn Gänse durch ihren Flug an der jeweiligen Stelle die Luft verdrängen und diese durch ihren Flügelschlag in Bewegung setzen. Sie benutzte ihre Arme und Hände dann wie Richtantennen und fühlte und schwebte und flog ein Weilchen mit.
Möglich, dass das Geheimnis solchen Tuns durch den jüngeren Sohn aus seinen frühen Kindertagen auf sie überging, als es dem noch gegeben war, solchen Dingen mit den kleinen Händen im Nachspüren Ausdruck zu verleihen, ähnlich den Bewegungen, wie sie nun schon mal zwischendrin die Lehrerin heimsuchen.
Ob er das heute noch weiß, dieser Sohn, dass er das Antennenmännchen war? Damals wusste er es, denn ein Bild von ihm dazu hängt bei mir an der Wand, ein frühes Porträt von sich selbst auf der Jagd nach einer Fiiege, wenn man ihn fragte. Dachten wir immer, er meinte eine Fliege, so bin ich mir heute sicher: das, was dort dargestellt fliegt, ist eine Verallgemeinerung fliegender Wesen an sich, eine ins Bild gesetzte Botschaft, wer weiß woher, mit den kleinen Antennen erspürt; etwas von dem, was uns heute nun erreicht hat.
Es ist, als hätte welche Macht dieser Welt auch immer mit der Lehrerin ein Einsehen und ihr diese Zufallsgänse in die Hände gespielt. Von der Wahrscheinlichkeit eines solchen Ereignisses her hätten genauso gut Gänse auf ihrem Zug nach Süden hier auf dem See niedergehen und bei uns mit ihrem Häuptling vor der Tür stehen und anfragen können, ob es möglich sei, die noch kaum Flugtauglichen uns zu überlassen, um ihnen den strapaziösen Flug und damit den sicheren Absturz zu ersparen. Wann kommt so etwas schon einmal vor?
Und darauf wird sie pochen. Ihre ganze Kindheitsbiografie ist voll mit Gänsen und Mitgefühlen aus Das hässliche junge Entlein und anderen Geschichten. Vielleicht träumt sie auch von einem Königssohn, der sie aus ihrer Verdammnis und Verkennung als Gänseliesel durch Beküssen erlöst und in ein Schulparadies entführt, in dem der König selbst dafür sorgt, dass Pädagogik und Unterricht nicht nur auch wieder so heißen, sondern auch mit all den Werten und Zielen angefüllt sind, die den Kindern gerecht werden und allen gleichermaßen Bildung anstatt Vermarktung angedeihen lassen.
»Ach, ihr kleinen Gänse, ob ihr das auf euch nehmen wollt?« Und ich merke, wie mein Widerstand sich wie gehärteter Stahl im Hochofenfeuer zu erweichen beginnt. Und ich weiß nicht mehr, zu welcher Ordnung ich mich rufen soll.
Genau in diesem Moment dieses Morgens kommt durch die Luft etwas auf mich bis hinein in den Schuppen. Meine Ohren sind gespitzt und erlauschen etwas, was mich mit einem Gefühl von unbestimmter Sehnsucht, vielleicht von Ferne und Freiheit volllaufen lässt. – Wieso ziehen ausgerechnet jetzt Wildgänse über dem Schuppen dahin? Ich stehe draußen im Garten und zähle fast 80 Tiere in ihrer Formation einer Eins. Und ihre Rufe dringen zurück in meine Kindheit, als wollten sie mich überreden, eine Einsicht zu haben mit den Findlingen, hier und jetzt. Was ist das für ein Vorgang? Soll ich hier mit allen Weichmacherregeln einer Beherbergungszustimmung zugetrieben werden? Unglaublich, wovon ich im Moment umzingelt werde! Das ist doch kein Zufall, das kann nur eine schicksalsgleiche Fügung sein. Und wieder einmal pulst im Kopf die Auseinandersetzung um die Wahrheit von Schicksal als begrifflichem Unvermögen, den weltlichen Zufall ins Bild zu heben.
Thematisch bin ich erinnert an die Geschichte mit dem Fernglas. Darin wird dargelegt, das Fernglas sei nie zur Hand, wenn man es braucht, und es sei nie etwas zu sehen, wenn man das Glas mit sich schleppe, in der Erwartung, es könne sich etwas außergewöhnlich zu Betrachtendes zeigen. Und auch jetzt wünschte ich mir das Glas herbei, den Wildgänsen hinterherzuschauen.
Aber gut, dass wir den Schuppen haben. Wie sonst hätte heute Morgen die Situation bewältigt werden sollen? Unser Kinderschuppen! Was da schon für Geschichten dranhängen! Wer weiß das schon noch, dass das früher, als wir hierher gezogen sind, nichts war, als ein zum Teil dachloses halb fertiges Gemäuerloch? Der Ausbau zu einer Kinderfreizeitstätte hat unseren Kindern einen eigenen Tummelplatz für ihre Launen und Lüste beschert, sich selbst ein bisschen abseits genormter Redlichkeit das zu suchen, was ihnen sich als wert und wichtig annehmbar zeigte.
Unsere halbwüchsigen Gänse, so scheint es, ficht das aber überhaupt nicht an. – Aber wovon spreche ich da? Nun sage ich schon unsere. So weit ist es schon. Ich muss aufpassen, nicht hinterrücks von Sentimentalitäten angesprungen zu werden. Habe ich nicht auf die Vernunft zu setzen? Möglicherweise diese gegen flammende Emotionen aus der Frauenweltsicht zu verteidigen? Ich habe einen Standpunkt zu beziehen, in dem in unserem häuslichen Alltag Gänse nicht vorkommen, auch nicht vorübergehend zur Probe und selbst dann nicht, wenn mir zugesagt werden würde, ich müsste mich mit gar nichts und in keiner Weise beteiligen. – Das kenne ich schon. Da wird mir versprochen, dass ich gar keine Aufgaben aufgehalst bekomme und hinterher bin ich es, der sich ständig wie freiwillig kümmern muss, bei dem sich dann mit der Zeit ein Mögen einstellt wovon sich Abdrücke einlagern wie Muscheln im Sedimentgestein.
Da brauche ich nur an die Geschichte mit den Hunden zu denken. Wie schnell wurde ich heimlichst, ohne jedwedes einverständige Zutun zum Hundeauskenner ausgebildet, um dann schließlich bei mir selbst mit der Meinung hausieren zu gehen, ich sei schon immer dafür gewesen, dass zu uns ins Haus Hunde gehörten. Ich weiß nicht, wer bei uns in der Familie sich diese Raffinesse, mir so etwas eingeben zu können, angeeignet hat und sich dessen dann schamlos bediente.
Mir scheint eine gewisse Ähnlichkeit, wie Medien heutigentags mit ihren Quotenkunden verfahren, unverkennbar. Hat womöglich die Frau sich ein bisschen das Prinzip da abgeluchst, wo es tagtäglich gang und gäbe ist den Menschen durch solches Kopfverdrehen wider die eigenen Interessen eine Vorstellung von einer eigenen Meinung vorzugaukeln, in deren Folge ein Handeln sich ausbreitet, in welchem man sich eines Tages selbst dabei ertappt, wie strebsam man sich müht, dem allgemeingefälligen Übereindenken zu genügen und keine Fehler zu begehen, und man weiß dabei gar nicht, wie einem geschieht? Muss ich den Verdacht haben, dass es sich nun schon auch in unsere Familie eingeschlichen hat, Meinungen zu erzeugen, von denen man bis dato überzeugt war, sie nicht kennen zu müssen? Ich auf jeden Fall werde keine Gänse in unserem Hause dulden und nicht in Bälde Gänsestammbäume und Fluglinien in meinem Kopf herumtragen, wie auf der anderen Seite Hunderassen und deren Geschichten.
So, sage ich mir, das wird reichen. Das war jetzt alles nötig zur Selbstfestigung, um zu wissen, mit welchem Standpunkt man in die Auseinandersetzung mit der lieben Frau gehen will und wie dieser zu verteidigen ist.
Während ich so mit einem selbstgefälligen Schreckgespenst, auch Popanz genannt, beschäftigt bin, habe ich nebenher im Schuppen vertrauensbildende Maßnahmen durchgeführt; habe den Gänslein aus alten Tüchern in dem großen Hundekorb, den die beiden Hunde ihrem Alter gemäß als nicht mehr angemessen mit Verachtung strafen ein Nest gebaut, ihnen Gras gerupft und Brot gekrümelt und einen Plastikkanister so zerschnitten, dass ein Trinkgefäß übrig blieb.
Das aber muss nun genügen. Ich muss los! Sollen die beiden Gänslein sehen, wie sie zurechtkommen. Mehr ist nicht drin, auch wenn sie nicht gerade den Eindruck hinterlassen Freude zu verspüren, darob hier zu sein, so wie sie sich in die hinterste Schuppenecke drücken. Was soll ich tun? Sie aufheitern, obschon sie doch gerade erst ihre Mutter verloren haben? Mit ihnen in den Garten gehen, damit sie möglicherweise gleich über den Zaun abhauen zum Nachbarn? Ob die denn schon fliegen können?
Schluss jetzt! Je mehr du dich damit befasst, umso mehr präjudizierst du ein Einverständnis, und das darf heute Abend, wenn Frau Lehrerin wieder auf dich trifft, nicht durchscheinen. Ach – was heißt durchscheinen, es darf gar nicht vorhanden sein!
Aber Fragen habe ich noch. Was sind das überhaupt für Gänse? Männlein, Weiblein? Wie weiß man das? Sind Hausgänse nicht völlig weiß? Und warum haben diese hier eher schmutzig-graue Flügel? Wird das noch, wenn die erst richtig gewaschen sind? Apropos Wasser – können die eigentlich von alleine schwimmen? Und wie ist das später mit dem Fliegen? Wer würde es sie lehren, wenn sie nur den Menschen hätten?
Da fällt mir ein, ich habe ja noch ein Geschenk von der lieben Tochter: eine Videokassette über Gänsefliegerei und wie die das beigebracht bekommen haben von Menschen, die wie Gänse tun, die ganze Zeit, mitteilte die Tochter in einer gekürzten Zusammenfassung seinerzeit. Nomaden der Lüfte heißt der Film und ist darauf aus, das Geheimnis der Zugvögel zu ergründen. Na ja, vielleicht ist es diesem Dokumentarfilm gegeben, mir das eine oder andere Fragezeichen geradezuziehen zu einem Ausrufezeichen, wer weiß? Und darüber hinaus speist dieser Film ja vielleicht so viel Überzeugung und Begeisterung in die Frau ein, von Wildgänsevogelzug und Gänsevergnügen in freier Natur, dass sie gar keinen Drang nach häuslicher Gänsehaltung mehr in sich behält. Und wenn es dann so weit ist, die Gänse in Freiheit zu entlassen, hoffe ich, ist niemand anwesend herumzustänkern wegen der Farbe und der Herkunft. Warum sollten auch Gänse mit ursprünglicher Anbindung an Haus und Hof und mehr Weißheit im Gefieder, für Freiheit und Vogelzug nicht genauso zugelassen sein wie andere? Einen TÜV wird es dafür nicht geben. Man muss sie halt nur lassen. Müsste eine Aufwachsung hier und dann Auswilderung von uns aus stattfinden, dann würde ich unserem See, dem wir schon jetzt immer Wildgänse herbeiwünschten, dafür eine hohe Bedeutung zumessen als Vermittler zwischen der Natur und uns.
Ach, was erzähle ich hier, mich selbst schon gedanklich mit etwas beschäftigend, was ich ja gerade dabei bin verhindern zu wollen. Ich meine nur: ein See müsste vorhanden sein für die Gänse und diejenigen, wer das auch immer sein mag, die ihnen die Wildheit als Aufgabe anheimstellen wollten, diejenigen sollten sich dessen zumindest bewusst sein.
Solches und ähnliches nichtsnutziges Gedankengeflacker verkürzt mir den Weg zur Arbeit. Was das Leben auch immer wieder für Überraschungen bereithält … So was! Und manchmal sind es Überraschungen, die sieht man lieber bei anderen ankommen und freut sich über deren Abrackern damit.
Ich könnte mir, nur mal als Beispiel, sehr gut vorstellen, wie die beiden Junggänse zu meiner Schwester ausgelagert werden. Ja überhaupt: das ist die Lösung – meine Schwester! Wohnt auf dem Land, hat da Hühner, einen Pfau, ein Pferd und einen Freund. Passt doch! Das werde ich der Frau als Erstes anbieten. Als Erstes, sodass anderes erst gar nicht ins Gerede kommen kann. Meine Schwester … die wohnt sooo abgelegen, dass alle bedenklichen Fragen unberücksichtigt bleiben können. Da fragt niemand nach Herkunft und Papieren und danach, ob so eine Gans möglicherweise Heimweh haben könnte. Die Gänse würden da einfach mitlaufen durch den Alltag und wären Weihnachten so gut im Futter, dass man Angst haben müsste, meine Schwester könnte anrufen um zu fragen, ob wir nicht eine Gans haben wollten, sie bräuchten nur eine, zwei wären ihnen zu viel, jetzt, wo die Kinder aus dem Hause seien. Würde uns auch nichts kosten, außer vielleicht anteilig das Futtergeld. »Ihr wisst hoffentlich, was Weihnachten das Kilo Gans kostet«, würde der Freund der Schwester noch dazwischen reinmerken. Die wohnt so abgelegen, meine Schwester, da spielt selbst die Vogelgrippe keine Rolle. Noch nie ist die bis dahin gekommen. Als meine Schwester das im Fernsehen gesehen hat, das mit der Vogelkrankheit, wie die Grippe als Pandemie die zivilisierte Welt auszurotten drohte, hat sie den Fernseher abgestellt und den Stecker aus der Dose gezogen, um sicher zu sein, dass die einzige Verbindung, auf der dieser Brutalix von Virus sie hätte erreichen können, nicht mehr möglich erschien.
Am Nachmittag bin ich wieder zu Hause. Durch das Fenster im Schuppen kann ich sehen, dass die Gänse tatsächlich in dem von den Hunden entliehenen und von mir als Nest ausgestalteten Korb kauern. Der Kopf scheint ihnen abhandengekommen zu sein und wer nicht wüsste, wo er geblieben ist, wäre erschrocken. Ich aber bin vorerfahren und weiß, dass sie beim Schlafen immer so mit dem Kopf unter dem Flügel verschwinden, als wären sie kopflos. Oder ist es Ängstlichkeit, die sie den Kopf unter den Flügel stecken lässt, so wie der Vogel Strauß den Kopf in den Sand, und sie schlafen gar nicht, vielleicht sogar aus Kummer?
Aber bevor mich nun Herzerweichungen beschleichen, mache ich mich auf die Frau zu suchen und finde sie schlafend, den Kopf unter einer Decke, der Welt entzogen auf dem Sofa, als wäre auch sie ein Gänslein, das Köpfchen unter einem Flügel. Und mir schwant ein Ungleichgewicht der Kräfte für den kommenden Disput, wenn sie ausgeschlafen von dem träumt, was meine gänslichen Überlegungen ihr vorenthalten wollen, die, wie ich befürchte, von meiner Seite ein Quäntchen zu müde daherkommen könnten.
»Hallo, Liebste«, versuche ich sie leise nicht zu erschrecken und meine berücksichtigen zu müssen, dass die atmosphärische Umgebungsluft um uns beide herum und um das, was kommt, nicht zu vernachlässigen ist. »Hallo, Frauchen, aufwachen! Die Gänse möchten mit dir sprechen.«
»Weißt du was«, sprudelt sie hellwach, »ich habe mich bei einer Kollegin erkundigt, die hat Gänse, deren Mann ist Bauer, und die züchten damit für Weihnachten und so, und die hat mir schon viel erzählt, in den Pausen, weißt du. Und weißt du was? Das ist alles ganz …«
»Liebes«, sage ich, »Herzallerliebste, zuerst Kaffee. Und dabei werden wir erst einmal den Sachstand analysieren und dann … dann sehen wir weiter, ja?«
