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Traumhafte Strände, atemberaubende Landschaften, pittoreske Dörfer und ein reiches kulturelles Erbe: Die zwölf Grafschaften zwischen Cornwall und Kent gehören zu den beliebtesten Reisezielen in Großbritannien. Dieses Reisebuch führt zu den versteckten Perlen Südenglands abseits des touristischen Trubels. Vom verschlafenen Fischerdörfchen über märchenhafte Wälder, wilde Cottage-Gärten und einsame Buchten: Hier erfahren Sie, wo Sie den Süden Englands in seinem ursprünglichen Charme neu entdecken können. Südengland neu entdeckt: wunderschöne, unbekannte Reiseziele Wanderungen, Kultur und Städtetrips: für jeden etwas dabei! Mit zahlreichen Geheimtipps und nützlichen Adressen
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Seitenzahl: 233
Veröffentlichungsjahr: 2024
Verborgene Orte und wilde Natur – von Cornwall bis Kent
Jörg BerghoffRichard Gardnes
Versteckte Schätze
KENT, SUSSEX UND SURREY
1Birchington – Landsitz mit Museum
2Margate – Walpole Bay Hotel
3Isle of Sheppey – abseits der Routen
4Ramsgate – St Augustine’s Church
5North und South Downs – Hügelland und Küsten
6Sussex – Firle Estate
7Goring-by-Sea – Michelangelo in West Sussex
8Brighton – Spuk in Preston Manor
9Painshill – die Welt des Charles Hamilton
10Thames Ditton – Miniatureisenbahn-Erlebnis
11Hogsmill River – Quelle der Inspiration
12Farnham – im Reich der Fantasie
LONDON
13Camden – im Reich des Punkrock
14Camden – die wunderbare Welt der Teekultur
15Piccadilly – Honig frisch vom Kaufhaus
16Crouch End – Blues und mehr in der Theaterbar
17Mayfair – die dezente Welt der Auktionshäuser
18Southwark und Wandsworth – für Modefans
HAMPSHIRE, BERKSHIRE, WILTSHIRE, ISLE OF WIGHT
19Hambledon – die Heimat des Cricket
20Minstead – im Herzen des New Forest
21Hampshire – im alten Wald
22Whitchurch Silk Mill – edle Stoffe
23Windsor und Eton – Castle und College
24Pangbourne – versteckter Schatz an der Themse
25Woodley – Luftfahrtgeschichte aus Berkshire
26Crofton – Industriegeschichte in Wiltshire
27Old Sarum – weite Ebene und großer Zauber
28Castle Combe – Doktor Dolittle in den Cotswolds
29Avebury – ein ganzes Dorf im Steinkreis
30Warminster – Münsterstadt am River Were
31Caen Hill – auf der alten Wasserstraße
32Isle of Wight – Spaß an alten Bussen
33Arreton – in einer untergegangenen Welt
BRISTOL, BATH, SOMERSET, DORSET
34Clifton – Bungee-Jumping von der Brücke
35Bristol – ganz im Jetzt und Jenseits
36Bath – dem Sternenhimmel so nah
37Bath – Sydney Gardens
38Taunton – grünes Paradies in Hestercombe
39Porlock – verträumt an der Bucht
40Exmoor National Park – Wälder voller Legenden
41Shepton Mallet – Geschichte hinter Gittern
42Beaminster – verträumt in West Dorset
43Jurassic Coast – zurück in die Erdgeschichte
44Shaftesbury – Landleben in Vollendung
DEVON UND CORNWALL
45Dartmoor National Park – geheimnisvolle Wildnis
46Clovelly – Museumsdorf mit Denkmalschutz
47Lundy Island – das englische Galapagos
48Hartland – Devons abgelegene Halbinsel
49Looe – wo Cornwalls Sterne funkeln
50Isles of Scilly – vom Golfstrom verwöhnt
Register
Autor, Fotograf und Bildnachweis
Impressum
Archaisch: In der Cheddar-Schlucht in den Mendip Hills in Somerset fühlt man sich in die Urzeit zurückversetzt.
Auch am Hartland Quay, beim Charles Kingsley Festival in Clovelly, in London, in der St Pancras Old Church und in Avebury warten authentische Erlebnisse (unten v. l. n.r.).
VERSTECKTE SCHÄTZE
Südengland gehört zu den beliebtesten Ferienregionen Großbritanniens. Die weißen Klippen von Dover, die Steinkreise von Stonehenge oder Gärten wie Stourhead sind sehr bekannt, darum lassen wir die hier beiseite. Denn es lohnt sich, die verborgenen Perlen, die weniger populären Orte zu entdecken. Auch davon gibt es eine große Zahl.
Selbst an der Jurassic Coast finden sich noch menschenleere Buchten.
Mystische Landschaften, die eine besondere Magie verbreiten und sanft und wild zugleich erscheinen. Städte, die ihre maritime und kulturelle Geschichte pflegen. Malerische Dörfer fernab der hektischen Betriebsamkeit, in denen die Zeit scheinbar stehen geblieben ist: Die zwölf Grafschaften Südenglands, von den Gärten Kents bis zu den dramatischen Küsten am Land’s End, gehören zum Schönsten, was Großbritannien zu bieten hat. Dabei spielen nicht nur die großen und weltberühmten Sehenswürdigkeiten eine wichtige Rolle, sondern auch die vielen versteckten Schätze und Orte, die im Verborgenen blühen und dafür sorgen, dass man überall erstaunliche Entdeckungen machen kann. Diese kleinen und großen Perlen zu finden, Anregungen zu geben, wie man die ausgetretenen Pfade einmal verlassen und Überraschendes finden kann, ist das Anliegen dieses Bandes. Schließlich suchen wir doch heute vor allem das authentische Erlebnis auf unseren Reisen, nicht das Massenphänomen. Dabei stehen Orte im Mittelpunkt, die noch kaum einer kennt, aber auch bekanntere Gegenden werden genannt, die hier allerdings in neuem Licht erscheinen. Gemeinsam ist allen eine magische Ausstrahlung, der man sich nicht entziehen kann.
Auch in Tolpuddle verbirgt sich hinter reetgedeckten Häusern bewegende Geschichte.
Da ist beispielsweise ein kleiner Fluss irgendwo im Niemandsland von Surrey. Gemächlich fließt er in Richtung Themse, dicht bewachsene Ufer, Sträucher und Weiden strecken sich dem Wasser entgegen, als wollten sie etwas verbergen. Auf beiden Seiten des Hogsmill River liegt Wiesen- und Weideland, hier und da ein kleiner Wald. Die beiden Maler der präraffaelitischen Bruderschaft, John Everett Millais und William Holman Hunt, fanden am Hogsmill River Inspiration für ihre berühmten Gemälde Ophelia und The Hireling Shepherd. Millais legte seine Ophelia in den Fluss, Hunt malte sein Hirtenpaar und die Herde auf einer Wiese und am Ufer.
Oder wer hat schon einmal etwas von Tolpuddle gehört? Vielleicht kennen einige enthusiastische Gewerkschafter diesen Ort, denn hier, in dem kleinen Dorset-Dorf mit rund 400 Einwohnern in der Nähe von Dorchester, wurde im Jahr 1834 Geschichte geschrieben. Sechs Landarbeiter wurden als Mitglieder der »Friendly Society of Agricultural Labourers« der Verschwörung angeklagt, weil sie gegen die sinkenden Löhne aufbegehrten, die kein Überleben der Familien mehr ermöglichten. Als Verurteilte wurden sie nach Australien verschifft, doch aufgrund von Protesten im ganzen Land drei Jahre später wieder heimgeholt. Das Tolpuddle Martyrs Museum zeigt ihre bewegende Geschichte. Das Dorf gilt als Gründungsort der englischen Gewerkschaftsbewegung.
Seien es antike Mythen, Sagen oder Märchen der Brüder Grimm: Zwerge, Gnome und Kobolde sind daraus nicht wegzudenken. Ob man sie nun als Kulturgut oder Kitsch einstuft, bleibt jedem selbst überlassen, ein besonderes Phänomen sind sie allemal. Im Jahr 1997 wurde in der Grafschaft Devon in West Putford im Gnome Reserve & Wild Flower Garden ein Rekord für das Guinness Book of Records aufgestellt: 2010 Gnome und Kobolde an einem Ort. Der Wald der Zwerge, von Ann Atkin ins Leben gerufen, besitzt heute noch eine Faszination, der Jung und Alt erliegen.
Diese drei Beispiele machen zum Auftakt deutlich, worum es in diesem Band geht. Das Weitersagen ist natürlich erlaubt, aber den einen oder anderen Tipp dürfen Sie selbstverständlich auch für sich behalten.
Es gibt sie noch, die verwunschenen Orte wie West Putford, wo Zwerge und Kobolde durch die Wälder ziehen.
Im Osten Südenglands gibt es eine große Zahl an beeindruckenden Anwesen, deren Parks und Gärten besichtigt werden können. Arundel Castle (hier im Bild) ist eines der imposantesten Schlösser Großbritanniens.
BIRCHINGTON – LANDSITZ MIT MUSEUM
Kent ist für jeden, der häufiger Südengland bereist, sicher kein Neuland. Die historischen Städte, bedeutenden Gärten und Schlösser besucht so ziemlich jeder, der den Fuß auf die englische Insel setzt. Dennoch findet man noch versteckte Perlen wie etwa den Quex Park und das Powell-Cotton Museum im nördlichen Kent.
Weltmännisch: Das Anwesen Quex Park mit dem Powell-Cotton Museum verströmt das Flair der großen weiten Welt. Von Pflanzen und Bäumen bis zum Mobiliar ist die ganze Welt hier vertreten.
Die Grafschaft Kent ist nicht nur die Einstiegslandschaft für alle Südengland-Besucher, die mit der Fähre anreisen, sondern die Region überrascht die Reisenden auch immer wieder mit bedeutenden Jubiläen, denn Kent kann eine bewegte Geschichte und große Persönlichkeiten vorweisen. Wie soll man aber verborgene Schätze finden, wenn scheinbar alles bekannt ist? Man muss nur die Augen aufhalten, seiner Intuition vertrauen und die üblichen Touristenrouten verlassen. Dann landet man sehr schnell in kleinen, verträumten Dörfern mit historischen Gasthäusern oder entdeckt Kirchen und Kapellen, die ganz bescheiden neben den sogenannten touristischen Highlights liegen. Und selbst bei den in Kent häufig stattfindenden großen Jubiläumsfeierlichkeiten, die viele Menschen aus London und Südengland anziehen, bleiben diese Schätze eher verborgen, denn Understatement gehört zu ihrem Charme. Aber der interessierte Kulturreisende, der das »wahre Südengland« sucht, findet sie auf jeden Fall. Denn die Einheimischen freuen sich immer über jeden Besucher, der das Außergewöhnliche sucht, und versorgen ihn gerne mit ihren ganz persönlichen Geheimtipps.
An den Ursprung des Verfassungsrechts und der Adelsrechte gegenüber dem König zum Beispiel erinnerten im Jahre 2015 in der englischen Grafschaft Kent zahlreiche Veranstaltungen in Canterbury, Rochester, Dover und Faversham. Vor allem das historische Marktstädtchen Faversham – als Besitzer einer der letzten sechs Kopien der Magna Charta von 1215 – hatte sich dabei besonders herausgeputzt, was eigentlich gar nicht nötig war. Manche England-Besucher und viele Engländer selbst halten den historischen Stadtkern des Marktfleckens für den schönsten im ganzen Lande. Auch ein Abstecher nach Chatham lohnt sich, dort wurde ebenfalls im Jahr 2015 das 200-jährige Jubiläum der Schlacht von Waterloo gefeiert. Der Sieg machte aus dem Duke of Wellington einen Helden und für 23 Jahre den »Lord Warden of the Cinque Ports«, jener fünf Hafenstädte, die die englische Küste bewachten. Seine Schlachtkarte wird im Royal Engineers Museum in Chatham ausgestellt. Zeitgenössische Kunst gibt es dagegen in Margate in der Turner Contemporary Galerie zu begutachten, schon der moderne Museumsbau an der langen Seepromenade ist eine Augenweide. In dem traditionellen Seebad wurde im Jubiläumsjahr auch der Dreamland Heritage Park wiedereröffnet. Der einst legendäre englische Themenpark bietet authentisches Fahr- und Freizeitvergnügen mit viktorianischem Ambiente. Auch zahlreiche Konzerte finden hier regelmäßig statt.
Ob man nun in einer Reisegruppe oder als Individualtourist kommt, kaum einer begibt sich nach seiner Kent-Reise in Dover wieder auf die Fähre nach Calais oder Dünkirchen, ohne Dover Castle gesehen zu haben. Seine exponierte Lage, eine 900-jährige Geschichte und der Blick hinüber auf den europäischen Kontinent festigen die Überzeugung: Kent ist einmalig, aus jeder Perspektive. Und das trifft ganz besonders auch auf die versteckten Schätze zu. Denn obwohl jeder, der Südengland bereisen will, beinahe zwangsläufig durch die Grafschaft Kent reisen muss, wenn er aus Mitteleuropa kommt, gibt es noch genügend unentdeckte Plätze. In ganz Großbritannien scheint es eine unerschöpfliche Zahl an Herrenhäusern und Landsitzen mit großen Park- und Gartenanlagen zu geben, die über Jahrzehnte, manche gar über Jahrhunderte, im Verborgenen bleiben. Das ist in der Grafschaft Kent nicht anders. Oder wer kennt Quex? Was sich wie ein Unkraut anhört, ist, im Gegenteil, etwas ganz Besonderes: Der Quex Park bei Birchington-on-Sea in North Kent mit dem dazugehörigen Powell-Cotton Museum ist solch ein versteckter Glücksfall.
Allein das Lebenswerk des Major Percy H. G. Powell-Cotton (1866–1940) und seiner Familie gleicht einem Abenteuer. Der Weltreisende, passionierte Jäger, Kunstsammler und Philanthrop hat auf seinem Landsitz in Thanet, der nordöstlichen Halbinsel Kents, ein Museum geschaffen, wie es so kein zweites gibt. Die Sammlung, die von Stücken aus der afrikanischen Wildnis über orientalische Kunstschätze, Schmuck, Waffen und archäologische Exponate vergessener Kulturen bis zu asiatischen Masken, Möbeln und Porzellan reicht, beeindruckt durch ihre Vielfalt und Originalität. In neun Galerien werden Szenen aus der afrikanischen und asiatischen Natur mit ihrer Tierwelt so authentisch dargestellt, dass man manches Tierpräparat für lebendig hält. Die Leidenschaft für das Reisen, der respektvolle Umgang mit fremden Kulturen und das sorgsame Sammeln bedeutender Zeugnisse aus aller Welt machen das Lebenswerk von Major Percy H. G. Powell-Cotton zu einem akademischen Meisterstück, das seine Faszination bis heute bewahrt hat.
Und zum Glück haben zwei seiner Töchter diese Sammel- und Dokumentationsleidenschaft von ihrem Vater geerbt. Auch sie haben mit weiteren Objekten, Fotografien und Filmen zum unschätzbaren Wert der Sammlung beigetragen. Dabei kommt diese über einen Zeitraum von 200 Jahren zusammengetragene Kollektion keineswegs verkopft-akademisch daher, sondern strahlt eine große innere Gelassenheit im Wissen um ihren Wert aus, die es jedem Besucher, ob jung oder älter, ermöglicht, sein besonderes Erlebnis darin zu finden. Natürlich kann man auch durch die Park- und Gartenanlagen schlendern und einige Zimmer des Herrenhauses besichtigen. Sechs Räume des Landsitzes sind ganz im Regency-Stil gehalten und vermitteln einen Eindruck, wie Major Percy H. G. Powell-Cotton gelebt hat, wenn er einmal zu Hause war. Auch der Park mit seiner Artenvielfalt, die uralten Bäume und der Waldweg zu versteckten Plätzen zum Picknicken laden zur Entspannung ein. Ein Craft Village und der Quex Barn mit Köstlichkeiten aus Kent vervollständigen den Ausflug in eine Zeit, als Reisen noch kein Massenphänomen war und sich hauptsächlich der Entdeckung unbekannter Kulturen widmete.
Mit Kanonen auf Spatzen hat Major Percy nicht geschossen, auf Großwildjagd war er aber häufig. Da liebte es der Schriftsteller Charles Dickens schon gemütlicher in seinem Lieblingspub in Cobham.
RASTEN MIT DICKENS
Fährt man von London aus zu Major Powell-Cotton, sollte man Station machen im kleinen Ort Cobham. Auf dem Weg durch Medway lassen sich einige Dörfer und ihre Marschlandschaften erkunden, die Charles Dickens so geliebt hat. In Higham befindet sich Gad’s Hill, das 1780 erbaut wurde. Schon als kleiner Junge, auf seinen Spaziergängen mit seinem Vater, verliebte sich Charles in dieses Herrenhaus. Als er später als wohlhabender Schriftsteller zurückkehrte, kaufte er es im Jahr 1856. Hier lebte er bis zu seinem Tode 1870. Von Gad’s Hill aus führt eine leichte Wanderung nach Cobham, dort hat Dickens im Fachwerk-Pub The Leather Bottle aus seinen neuesten Werken vorgelesen und seinen Rum aus einem für ihn reservierten Becher getrunken. Unter den Erinnerungsstücken findet man auch seine Reisetasche.
WEITERE INFORMATIONEN
Powell-Cotton Museum, Quex House and Gardens, Quex Park, Birchington, Kent, CT7 0BH, Tel. 0044/1843/842168, Museum und Gärten: Feb.–Nov. 11–16 Uhr, Quex House: April–Okt. 13–16 Uhr, www.quexpark.co.uk
The Leather Bottle, 54–56 The Street, Cobham, Gravesend, DA12 3BZ, Tel. 0044/1474/81 43 27, Mo–Sa 12–23, So 12–20 Uhr, www.theleatherbottle.pub
MARGATE – WALPOLE BAY HOTEL
Margate an der Nordküste Kents gehört zu den Klassikern unter den englischen Seebädern. Mit seinem vielfältigen Kulturangebot bringt es frischen Wind in die Stadt, auch historische Theaterstücke werden zu neuem Leben erweckt. Eines aber bleibt wie immer: Im Walpole Bay Hotel fühlt man sich wie in einem Agatha-Christie-Filmset.
In den Badeorten Kents, die schon Maler wie William Turner und Schriftsteller wie Charles Dickens immer wieder inspiriert haben, gibt es zahlreiche Galerien des 21. Jahrhunderts. Ganz oben auf der Liste steht Margates Turner Contemporary, eine bedeutende Galerie für moderne Kunst, die in den vergangenen Jahren für Aufsehen gesorgt hat, treffen hier doch traditionelle Kunst und Avantgarde aufeinander. Der nordöstliche Zipfel Kents war schon immer sehr international, und auch heute liegt hier mehr denn je kreatives Flair in der Luft. Die wunderschönen Landschaften haben einst auch den Maler Joseph Mallord William Turner nach Margate gezogen, und in der nach ihm benannten Kunstgalerie Turner Contemporary werden herausragende historische und zeitgenössische Werke ausgestellt. Auch das Museumsgebäude selbst ist ein architektonisches Meisterwerk.
Ebenfalls Theaterliebhaber finden in Margate ein besonderes Schmuckstück: Das Royal Theatre Margate geht auf das Jahr 1787 zurück, bekam allerdings 1874 eine Runderneuerung von keinem Geringeren als Jethro T. Robinson, Schwiegervater des berühmten Theaterarchitekten Frank Matcham, der bis 1915 für mehr als 200 Theatergebäude im Lande verantwortlich war.
Das denkmalgeschützte Haus am Hawley Square war Teil der geplanten Expansion der Stadt und des Hafens in georgianischer Zeit und sollte der Unterhaltung der Oberschicht dienen. Bis Jethro T. Robinson ans Werk ging. Er gestaltete das Haus um in ein viktorianisches Theater, verkürzte die Bühne und fügte eine zweite Galerie-Ebene ein. Ein Jahr später wurde hier in Margate auch die erste Schauspielschule des Landes unter Leitung von Sarah Thorne eröffnet. Das zog neben anderen den jungen Edward Gordon Craig an, der später zum angesehenen Vater des modernen englischen Bühnen-Designs wurde und zur bedeutendsten Theaterpersönlichkeit, die Großbritannien seit William Shakespeare hervorgebracht hat. Heute weist das Royal Theatre eine große Bandbreite an Stücken auf, selbst Stand-up-Comedy, Pantomime und Pop-Konzerte kommen hier auf die Bühne und sorgen für volle Säle.
Wer das vielfältige Kulturangebot in Margate oder einfach die frische Meeresbrise genießen will, findet im Walpole Bay Hotel sein geeignetes Refugium. In Cliftonville, einem etwas östlich des Stadtzentrums von Margate gelegenen Küstenabschnitt mit imposanten Klippen und Stränden, liegt dieses Haus direkt an der Uferpromenade so unverrückbar, als sei es schon immer hier gewesen. Mit etwas Abstand zum Trubel der Stadt kann man hier in eine scheinbar längst vergangene Welt eintauchen und dabei modernen und vor allem zuvorkommenden Service genießen. Betritt man das Hotel, fühlt man sich um einhundert Jahre zurückversetzt, nicht nur durch das antike Mobiliar oder den Aufzug, der noch eine Gittertür zum Schieben besitzt. Es duftet nach Möbelpflege und frischen Äpfeln, die Zimmer sind alle individuell eingerichtet, und das Hotel geht über in ein offenes Museum mit Exponaten und Alltagsgegenständen vergangener Zeiten, die mehr als Nostalgie verbreiten. Das gesamte Haus ist eine charmante Einheit im Vintagestil, den auch einige Künstler und celebrities wie Tracey Emin und Paloma Faith zu schätzen wissen, denn feine Eleganz und verschwiegene Zurückhaltung gehören zur Philosophie des Hauses.
Prominenz: Im Walpole Bay Hotel hat man nicht nur einen wunderbaren Blick aufs Meer, man trifft auch hier und da Persönlichkeiten aus der Künstlerbranche, die den dezenten Charme des Hotels zu schätzen wissen.
ENGLISCHE BIERKULTUR
In der ältesten Brauerei Großbritanniens, Shepherd Neame, im Herzen von Faversham, gibt es sie noch: historische Lieferfahrzeuge und Pferdekutschen mit Wagen, auf denen die Bierfässer auf ihre Auslieferung warten. Von außen wirkt alles eher ein wenig unscheinbar, aber das sollte niemanden davon abhalten, sich der Heimat britischer Bierkultur zu nähern. Seit 1698 wird hier Bier gebraut, bis heute in Händen der Neame-Nachfahren, die eine Familientradition pflegen und schmackhafte Biere herstellen. Sie haben nicht nur inhaltlich Gehaltvolles zu bieten, sondern fallen auch durch ungewöhnliche Namen auf. So gibt es Biersorten wie »Spitfire« oder »Bishops Finger« zu probieren. Eine weitere Kreation ist das »Whitstable Bay«, ein ausschließlich aus organisch-biologischen Zutaten gebrautes goldfarbenes Ale.
WEITERE INFORMATIONEN
The Walpole Bay Hotel, Fifth Avenue, Cliftonville, Margate CT9 2JJ, Tel. 0044/1843/22 17 03, www.walpolebayhotel.co.uk
Shepherd Neame Limited, The Faversham Brewery, www.shepherdneame.co.uk
ISLE OF SHEPPEY – ABSEITS DER ROUTEN
Die Isle of Sheppey gehört bei den meisten Kent-Besuchern nicht unbedingt zu den Zielen, die oberste Priorität haben. Ein Irrtum, denn gerade hier an und vor der Nordküste Kents wird man überrascht von vielfältigen Möglichkeiten, aktive Erholung und unberührte Natur ohne Massentourismus zu erleben.
Bereits im 19. und frühen 20. Jahrhundert war Kent jene Region, in der Londoner aus allen Schichten bevorzugt ihren Urlaub verbrachten. Vor allem viele Arbeiterfamilien kamen mit dem Zug und auf Ausflugsschiffen, um in den Hopfenfeldern und an der Küste Ferien zu machen. Neben den Sandstränden waren auch die urwüchsigen Wälder des Weald beliebte Orte, zumal sie in unmittelbarer Nähe zur Großstadt lagen und gut zu erreichen waren. In den Küstenstädten Kents begann auch der Aufstieg Englands zur Seemacht. Im Mittelalter schlossen sich Dover, Hastings, Hythe, Romney und Sandwich zu den »Cinque Ports« zusammen, die für die Bewachung der Küste zuständig waren, und in Chatham wurden viele imposante Kriegsschiffe gebaut. Im Landesinneren bestimmen Obst- und Hopfenplantagen das Bild, daher trifft auch der Name »Garten Englands« für Kent den Kern.
Die Grafschaft wird von einer 560 Kilometer langen Küste umgeben, kein Wunder also, dass hier neben den Kathedralen, Schlössern, Museen und Galerien zahlreiche Aktivitäten im Freien sowie ausgedehnte Strandurlaube ganz oben auf der Liste stehen. Weite Sandstrände und versteckte, mit der Blue Flag ausgezeichnete Buchten bieten Abenteuer, Adrenalin und traditionellen Badespaß. Kent ermöglicht zahlreiche Wassersportaktivitäten, von Surfen über Kajakfahren bis zu Segeln und Bootsfahrten. Außer den reizvollen Küstenlandschaften gibt es viele Landschafts- und Naturparks sowie Naturschutzgebiete. Im Herzen der Grafschaft liegen die für die Gegend typischen Kreidehügel, grüne Felder und jahrhundertealte Wälder. Die Moorlandschaften setzen landschaftliche Akzente in der Grafschaft. Natürlich eignet sich diese Region sehr gut zum Wandern und Radfahren, mit einem Wegenetz von mehr als 6700 Kilometern.
Gespenstisch anmutende Sumpfgebiete, sanfte Hügelketten, seltene Orchideen und Naturschutzgebiete mit Vogelgezwitscher, knorrige englische Bäume in jahrhundertealten Wäldern, afrikanische Tiere in weiten Safariparks: In Kents abwechslungsreicher Natur kommt jeder auf seine Kosten. In Safariparks wie Howletts und Port Lympne kann man eine Reise nach Afrika unternehmen, ohne den Äquator überqueren zu müssen. Darüber hinaus weist Kent markante und ganz besondere Landschaftszüge auf: Weiße Klippen oder sanfte Hügel, in der unberührten Natur gibt es viele Naturschutzgebiete und Landschaftsparks wie die Kent Downs und den High Weald. Auch Flora und Fauna halten so einige Überraschungen bereit, wild wachsende Orchideen und frei grasende Hirsche sind besonders um Challock und im Knowle Park zu finden. Gelegentlich reibt man sich die Augen, schaut zweimal um sich und muss sich mit einem Blick auf die Karte oder das Navigationsgerät vergewissern, dass man sich tatsächlich in der englischen Grafschaft Kent aufhält.
Wer Vögel beobachten möchte, macht in den Schutzgebieten Dungeness, Cliffe Pools und Elmley Marshes reiche Entdeckungen. Im Bedgebury National Pinetum and Forest gibt es nicht nur eine Nadelbaumsammlung, sondern auch zahlreiche Wander-, Rad- und Reitwege sowie interessante Lehrpfade. Die Naturschönheiten und Kulturdenkmäler Kents, ob Städte, Küste, Hügel- oder Feuchtgebiete, genießt man am besten entschleunigt, zu Fuß oder mit dem Fahrrad, auf jeden Fall aber mit genügend Zeit, denn es lohnt sich, das alles intensiv zu erleben. Das geht besonders eindrucksvoll auf der Isle of Sheppey, die lange Zeit ein touristisches Schattendasein führte, völlig zu Unrecht übrigens.
Die Isle of Sheppey wird von den Einheimischen gerne als Kents Schatzinsel bezeichnet. Das mag bei dem ein oder anderen ungläubiges Kopfschütteln hervorrufen, denn welche Schätze soll es auf dem flachen Stück Marsch- und Moorland schon geben? Zugegeben, die Außenbezirke von Sheerness mit seinen Industrieanlagen wirken wenig einladend, doch wie so oft lohnt sich ein intensiver Blick, der mehr Sehenswertes offenbart als vermutet. Denn auch ausgedehnte Sandstrände, weite Moorlandschaften und artenreiche Vogelschutzgebiete erwarten hier die Besucher. Man kann einen entspannten Tag am Strand verbringen, im urigen Pub frischen Fisch essen, auf einem der zahlreichen Radwanderwege den Blick bis zum endlos erscheinenden Horizont schweifen lassen oder ganz einfach einmal die Seele baumeln lassen – das zählt zu den Vorzügen der Isle of Sheppey. Auch für jene, die einen Aktivurlaub bevorzugen, gibt es hier viele Möglichkeiten: In der Minster Windsurf Academy und dem Isle of Sheppey Sailing Club übt man sich im Wellenreiten, an Bord der Thames Sailing Barge »Greta« macht man eine Bootsrundfahrt, oder man geht im Barton’s Point Coastal Park Kitesurfen oder Kajakfahren. Und immer wieder fasziniert der weite Himmel über der flachen und stillen Moorlandschaft.
In der ruhigen, weiten Landschaft der Isle of Sheppey entdeckt man bei näherem Hinsehen erstaunt den Artenreichtum, den die Natur in der englischen Grafschaft Kent bereithält. Auch der Goldregenpfeifer ist hier heimisch.
Die kleine Harty Church aus dem 11. Jahrhundert strahlt eine besondere Erhabenheit aus.
Bei einer Radtour über die Insel finden sich schöne Rastplätze.
Die Gegend ist ein beliebtes Revier für Radfahrer und hat außerdem bereits vor vielen Jahren die ersten Flugpioniere angezogen. Ein 26 Kilometer langer Radweg führt an den Stätten vorbei, die mit der Fliegerei verbunden sind. Die Runde beginnt im Muswell Manor, einst Standort einer Flugzeugfabrik, weiter geht es nach Sheerness zur Gedenkstätte der Britischen Luftfahrt und nach Bluetown zum Wright-Flyer-Modell. Beendet wird die Tour in der Bar von Muswell Manor, hier gibt es Erfrischungen und interessante Objekte der Luftfahrt zu sehen. Auch mehrere Radwege durch artenreiche Vogelschutzgebiete sind vorhanden. Im Naturschutzgebiet Elmley Nature Reserve ist es so ruhig, dass sogar Goldregenpfeifer, Säbelschnäbler und Sumpfohreulen nisten und seltene Zugvögel Station machen. Versteckt in der Nähe von Harty, am Südzipfel der Insel, liegt das Ferry House Inn, es bietet einheimische Spezialitäten, weite Seeblicke und schicke Zimmer. Im belebten Sittingbourne wimmelt es dagegen nur so von Cafés und Restaurants, außerdem findet jeden Freitag ein Bauernmarkt statt. Auch im nahegelegenen Sheerness wird dienstags und samstags Markt gehalten. Hier verbrachte übrigens der deutsche Schriftsteller Uwe Johnson (1934–1984) die letzten zehn Jahre seines Lebens.
Mit ihren Mooren und Feuchtgebieten ist die Isle of Sheppey ein Paradies für zahlreiche Wasservogelarten, die hier in Ruhe brüten können.
UNENDLICHER STERNENHIMMEL
Es gibt in vielen Naturparks verschiedenartige Übernachtungsmöglichkeiten, vom Baumhaus bis zu Waldhütten, in denen man der Natur sehr nahe ist. Aber nur wenige Orte wirken das ganze Jahr hindurch so authentisch wie das Elmley Nature Reserve. Das liegt auch an Gareth und Georgina von der Kingshill Farm, die nicht nur äußerst gastfreundlich sind, sondern auch ihr beeindruckendes Wissen über Flora und Fauna des Naturparks völlig unprätentiös vermitteln. Hier wird Natur- und Vogelkunde ganz entspannt an die Gäste weitergegeben, sodass keiner das Gefühl hat, mit geballter Frontalpräsentation belehrt zu werden. Die Führungen sind kompetent, und das Schlafgemach in den hübschen Schäferwagen unter dem weiten Sternenhimmel so verlockend, dass man vor lauter Sterne- und Schäfchenzählen sanft einschlummert.
WEITERE INFORMATIONEN
The Ferry House Inn, Harty Ferry Road, Leysdown, Kent ME12 4BQ, Tel. 0044/1795/51 02 14, www.theferryhouseinn.co.uk
Elmley National Nature Reserve, Kingshill Farm, Elmley, Sheerness, Kent ME12 3RW, Tel. 0044/1795/66 48 96, www.elmleynaturereserve.co.uk
RAMSGATE – ST AUGUSTINE’S CHURCH
Ramsgate gehört zu den touristisch klangvollen Namen der Isle of Thanet, doch das viktorianisch anmutende Seebad hat nicht so bekannte Sehenswürdigkeiten vorzuweisen wie andere Orte. Das glauben jedenfalls viele, die den Fehler begehen, einfach daran vorbeizufahren. Ein Irrtum, wie sich herausstellen wird.
Überirdisches – die kleine St Augustine’s Church in Ramsgate ist ein besonderer Ort der Kontemplation und des Glaubens. Architekt Augustus Pugin hat sich mit ihr ein Denkmal gesetzt.
Kennen Sie das? Schon seit geraumer Zeit macht sich in der Magengegend ein forderndes Gefühl breit, das man zwar noch nicht als Hunger bezeichnen kann, dem aber doch sehr nahekommt. Dann heißt es, eine Entscheidung zu treffen. Fährt man weiter, um noch vor Einbruch der Dunkelheit sein angestrebtes Reiseziel zu erreichen oder legt man einen Zwischenstopp ein, der allerdings den Zeitplan durcheinanderbringen wird? Sollten Sie einmal an Ramsgate vorbeifahren und sich dieses Gefühl bemerkbar machen, geben Sie ihm nach, biegen ab und bleiben am besten über Nacht in der Stadt, die oft rechts liegen gelassen wird – weil man üblicherweise am zweiten Kreisverkehr auf die A 256 nach Margate links abbiegt. Bleiben Sie in diesem Fall einmal auf dem Royal Harbour Approach, stillen Sie die Sehnsucht nach Fish and Chips zum Beispiel in der Churchill Tavern mit schönem Blick auf den Hafen und harren der Dinge, die da kommen. Denn Ramsgate ist für so manche Überraschung gut. Hier gibt es noch viele historische Häuser mit den für die viktorianische Zeit typischen roten Ziegelsteinen und Erkern. Auch der Jachthafen ist einen Bummel wert, nicht zu vergessen die weitläufigen Sandstrände, die im Sommer die Badegäste anlocken.
In der Churchill Tavern wird man auf die Frage nach den Sehenswürdigkeiten in der Nähe wahrscheinlich das lebhafte Vergnügungszentrum Ramsgate Boulevard oder das Tunnelsystem aus dem Zweiten Weltkrieg, die Ramsgate Tunnels, empfehlen. Vielleicht noch das Maritime Museum am Jachthafen. Das sind allesamt mit Sicherheit interessante Besichtigungsorte, aber suchen wir nicht die versteckten Perlen der Stadt? Darauf gibt es eher ein Achselzucken oder den Verweis auf die Tourismus-Information an der Harbour Parade. Aber lassen Sie die üblichen Empfehlungen für Touristen außer Acht, gönnen Sie sich eine Extraportion Essig über die Chips und folgen Sie nach dem Bezahlen ganz einfach der St Augustine’s Road in westlicher Richtung. Ein Spaziergang, der keine zehn Minuten dauert, bringt Sie ans Ziel.
