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Tabitha Lasley

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Beschreibung

»Ich wollte sehen, wie Männer sind, ohne Frauen in der Nähe.«

Tabitha Lasley ist Mitte 30, Journalistin, und hat sich für ein paar Monate in einem zwielichtigen Viertel in Aberdeen, Schottland, verschanzt, um ein Buch über Bohrinseln und die Männer, die auf ihnen arbeiten, zu schreiben – und sie kommt ihrem Thema gefährlich nahe. Sie taucht tief ein in die Welt der Schlägereien, Konkurrenz, harten Arbeit. Sie nimmt Drogen, tanzt exzessiv die Nächte durch und bemerkt: Je länger sie bleibt, desto destabilisierender wirkt ihre bloße Anwesenheit auf diese Welt - und auf sie selbst. Und dann gibt es da noch Caden: einen verheirateten Bohrarbeiter. Allein und zunehmend prekär lebend taucht Tabitha Laysley in die dunkle Tiefe einer rücksichtslosen, explosiven Beziehung, die sie beide bloßlegt.

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Seitenzahl: 383

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Zum Buch

»Ich wollte sehen, wie Männer sind, wenn sie keine Frauen um sich haben.«

Tabitha Lasley ist Mitte 30, Journalistin, und hat sich für ein paar Monate in einem zwielichtigen Viertel in Aberdeen, Schottland, verschanzt, um ein Buch über Bohrinseln und die Männer, die auf ihnen arbeiten, zu schreiben – und sie kommt ihrem Thema gefährlich nahe. Sie taucht tief ein in die Welt der Schlägereien, Konkurrenz, harten Arbeit. Sie nimmt Drogen, tanzt exzessiv die Nächte durch und bemerkt: Je länger sie bleibt, desto destabilisierender wirkt ihre bloße Anwesenheit auf diese Welt – und auf sie selbst. Und dann gibt es da noch Caden: einen verheirateten Bohrarbeiter. Allein und zunehmend prekär lebend taucht Tabitha Lasley in die dunkle Tiefe einer rücksichtslosen, explosiven Beziehung, die sie beide bloßlegt.

»Atemberaubend, scharfsinnig, schonungslos.« The Sunday Times, Books of the Year

Zur Autorin

Tabitha Lasley ist Journalistin. Sie hat in London, Johannesburg und Aberdeen gelebt. »Seegang« ist ihr erstes Buch. Es war für den Gordon Burn Prize 2021 nominiert und stand auf der Longlist des Rathbones Folio Prize 2022.

Tabitha Lasley

Seegang

Aus dem Englischenvon Tanja Handels

Luchterhand

Die englische Originalausgabe erschien 2021 unter dem Titel »Seastate« bei Forth Estate, ein Imprint von HarperCollins Publishers, LondonDer Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.Sollte diese Publikation Links auf Webseiten Dritter enthalten, so übernehmen wir für deren Inhalte keine Haftung, da wir uns diese nicht zu eigen machen, sondern lediglich auf deren Stand zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung verweisen.

Copyright © 2021 Tabitha Lasley. All rights reserved.

Copyright © der deutschen Ausgabe 2022

Luchterhand Literaturverlag, München, in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, Neumarkter Str. 28, 81673 München

Umschlaggestaltung: buxdesign | Ruth Botzenhardt

unter Verwendung eines Motivs von © DEEPOL

by plainpicture/Paul Edmondson

Satz: Uhl + Massopust, Aalen

Alle Rechte vorbehalten.

ISBN 978-3-641-26439-0V001

www.luchterhand-literaturverlag.de

www.facebook.com/luchterhandverlag

www.twitter.com/luchterhandlit

Für Mum, in Liebe und Dankbarkeit

Alle Journalisten, sofern sie nicht zu blöd oder zu sehr von sich überzeugt sind, um es zu merken, wissen, dass ihr Tun im Grunde moralisch unhaltbar ist.

Janet Malcolm, The Journalist and the Murderer

Seufzt nicht so, Mädchen, seufzt nicht schwer, Treulos warn Männer immer, Ein Bein an Land, eins auf dem Meer, beständig sind sie nimmer.

William Shakespeare, Viel Lärm um nichts

Das vorliegende Buch basiert auf einer Reihe von Interviews, die über ein halbes Jahr hinweg geführt wurden. Alle Namen, Einsatzorte und weiteren unverkennbaren Eigenschaften wurden geändert, um die Privatsphäre der Gesprächspartner zu wahren. Manche der Interviews setzen sich aus mehreren Einzelgesprächen zusammen, die zugunsten der erzählerischen Klarheit und aus Gründen der zusätzlichen Anonymisierung Einzelner verdichtet wurden. Jegliche Ähnlichkeit mit lebenden oder toten Personen ist rein zufällig und nicht beabsichtigt.

INHALTSVERZEICHNIS

1 – T BLOCK

2 – FOUM ASSAKA

3 – TIFFANY

4 – T-211

5 – TERN

6 – BRENT FIELD

7 – PIPER BRAVO

8 – NINIAN CENTRAL

9 – CLYDE

DANK

Wir hatten mal eine Frau bei uns auf der Plattform. Die war erst neunzehn. An einem Abend hat sie im Aufenthaltsraum Billard gespielt. In Hotpants. Das sprach sich schnell rum, und im Aufenthaltsraum wurde es voll. Und voller. Und voller. Irgendwann hatte man das Gefühl, sämtliche Kerle von der ganzen Plattform sind da drin, hocken rum und sehen ihr beim Billardspielen zu. Sie wurde nicht abgemahnt, sie hatte ja nichts falsch gemacht, aber ihr Vorgesetzter hat Ärger gekriegt. Es hieß: »Das hätten Sie ihr sagen müssen, Sie hätten ihr erklären müssen, dass sie so was hier nicht machen kann. Es war Ihr Job, ihr das zu sagen, und den haben Sie nicht gemacht.« Die Frau ist danach nie wieder aufgetaucht. Es war ihr erster Offshore-Einsatz. Und ihr letzter.

1______T BLOCK

»Und wo ist zu Hause?«

Während ich ihn das fragte, schaute ich auf seinen Mund. Einen Akzent wie seinen hatte ich noch nie gehört. Ein bisschen erinnerte er mich an meinen eigenen (das kehlige »k«, typisch für Liverpool, eine ähnliche Dehnung der Vokale), aber seiner wies dazu noch die für den Nordosten typischen Melismen auf, die ein Wort wie »module« zu »mod-ju-al« machten und das Wort »sure« wie »Schauer« klingen ließen.

Seine Lippen waren schmal, schafften es aber, voll zu wirken. Sie sahen weich aus und formbar. Zwei tiefe Kerben rahmten seinen Mund wie zwei Klammern, sie zogen sich auf beiden Seiten von der Nase bis zum Kinn, und wenn er lächelte, waren sie weg. Ich musste mir verkneifen, den Finger in eine davon zu legen und nach oben zu drücken, um sie verschwinden zu sehen. Als er die Lippen öffnete und zu einer Antwort ansetzte, sah ich den schmalen Spalt zwischen seinen Schneidezähnen.

»In Stockton«, sagte er.

*

An der Straße, wo meine Mutter wohnt, gibt es eine unfallträchtige Stelle, an der manchmal Menschen zu Tode kommen. Sie heißt allgemein nur »die Kurve«. Es ist eine relativ ländliche Gegend. Moderne Wohnblocks mit Grünflächen dazwischen. Fast schon wie auf dem Dorf. Ausweichbuchten, Feldwege, versteckte Einfahrten. Die Straßen sind breit, mit einem sanften Neigungswinkel, der regelrecht zum Rasen auffordert. Eines Abends kamen wir auf dem Heimweg vom Kinetic durch die Kurve und bauten einen Unfall. Es war November, und es regnete. Mein Freund hatte damals einen klapprigen alten Kombi mit abgefahrenem Profil, und weil er die Kurve zu schnell nahm, verloren die Reifen den Kontakt mit der Fahrbahn. Der Wagen schlitterte über den Asphalt wie eine Kufe übers Eis, kugelte durch ein Metalltor, einen Zaun, eine von Stacheldraht gesäumte Hecke. Ich sah, wie die Hecke auf uns zuraste, von den Scheinwerfern grell erleuchtet, und war mir sicher, diesmal würde ich sterben.

Wir hatten davor schon zwei Unfälle gehabt, und in diesen wirbelnden, dehnbaren Sekunden war mir sehr klar, dass die Wahrscheinlichkeit gegen mich sprach. Später erzählten mir die Jungs, die auf der Rückbank saßen, sie hätten mich tatsächlich für tot gehalten. Sie hatten gesehen, wie ich mit dem Kopf, auf dem ein blauer Fischerhut von FILA saß, drei Mal gegen das Autodach knallte und wie mir dann das Kinn auf die Brust sank, wie mein Hals unheilvoll schlackerte. Aber als der Wagen schließlich im Graben landete und mein Freund seine Fahrgäste anblaffte, sie sollten gefälligst machen, dass sie rauskämen, unter der Kühlerhaube qualme bereits der Motor, richtete ich mich wieder auf und schloss den Mund. Zwischen den Backenzähnen spürte ich etwas wie Grieß. Ganz fein zermahlenes Glas. Ich versuchte, die Tür aufzukriegen, aber beim Überschlagen hatte sich der Stacheldraht um den Wagen gewickelt wie Schnur um eine Spindel. Während ich an der Tür rüttelte, machte sich Panik in mir breit, und dann sah ich auch noch, dass ich allein war.

Als ich es schließlich geschafft hatte, mich durch die Fahrertür nach draußen zu zwängen, war mein Freund schon fast wieder oben an der Kurve. Der Wagen sah nicht mehr aus wie ein Wagen, sondern wie ein Kürbis. Das Dach eingedrückt, das Chassis ringsum nach oben gewölbt. Weder in den Seitenfenstern noch vorn war Glas zurückgeblieben. Das Stahlgehäuse war unter dem Aufprall einfach zusammengesackt. Zu geschockt zum Losheulen starrte ich es an. Wie konnte es sein, dass wir alle fünf unbeschadet davongekommen waren? Göttliches Einwirken. Anders war das nicht zu erklären.

Aber wir waren nicht unbeschadet. Die Essenz des Unfalls blieb an mir kleben. Noch lange danach sah ich jedes Mal, wenn ich die Augen schloss, alles wieder vor mir: die ruckelnden Scheinwerfer, die Hecke als hellen Fleck, der viel zu schnell näher kam. Das alles lauerte dicht unter der Oberfläche, und manchmal, wenn ich selbst fuhr, sah ich es vor mir aufsteigen. Der Wagen entglitt meiner Kontrolle. Das nutzlose Kreischen der Bremsen. Wegspritzender Schotter, Gras, Vögel, Himmel, Erde. Schwärze. Ein Knirschen, mit dem alles ein Ende fand. Knochen auf Beton, Blut, das langsam eine Lache bildete.

Unfälle passieren, wenn mehrere auslösende Faktoren zusammenkommen. Wenn mehrere Koordinaten sich unglücklich kreuzen. Schlechtes Wetter. Kurvenreiche Straße. Junger Fahrer. Altes Auto. Auch die Musik machte es nicht besser: so laut und drängend, dass er das Gaspedal richtig durchtrat. Es war eine alte House-Nummer (schon damals alt, und das ist zwanzig Jahre her), aber die Zeilen klangen wie ein Kinderreim oder ein Nachtgebet.

When I go to bed at night, I think of you with all my might.

I love you. Fool.

Remember? Relate.

In mancher Hinsicht war er der Freund, von dem ich am meisten gelernt habe. Er war zwei Jahre älter als ich, zu einer Zeit, als das noch etwas ausmachte. Er brachte mir vieles bei. Sein Evangelium kündete von einer freien und entsagungsvollen Welt, von der ich kaum etwas wusste, und doch prägten seine Lektionen sich mir für immer ein. Manche gab ich an andere weiter. Er brachte mir bei, Turnschuhe so zu schnüren, dass man die Bändel nicht sah. Outdoor-Jacken in der Taille enger zu ziehen, damit sie mädchenhafter wirkten. Er brachte mir bei – bis heute habe ich keine Ahnung, woher er das wusste –, beim Orgasmus die Fußsohlen aneinanderzulegen, um den Genuss zu steigern. Er lehrte mich alles über Hardcore-Techno, bevor Happy Hardcore daraus wurde, über den Breakbeat, der früher dazugehörte, und das dräuende Gefühl von Verhängnis.

Er versuchte auch, mit überschaubarem Erfolg, mir beizubringen, wie man sich prügelt, jemandem eine verpasst. Er erklärte mir, jeder Junge müsse sich damit abfinden, mindestens einmal im Leben zusammengeschlagen zu werden. Viele solcher Schläge hatte er selbst verabreicht, aber einmal hatte er auch welche eingesteckt, als ein Trupp wildfremder Jungs ihn packte und auf den Schultern durch den Bahnhof trug wie eine siegreiche Fußballmannschaft ihren Kapitän rund um das Spielfeld. Drinnen angekommen, warfen sie ihn auf den Bahnsteig, stampften ihm auf den Brustkorb und traten ihm gegen den Kopf. Es war ein Überfall ohne jeden Anlass, ein Stammeszorn, der sich urplötzlich entlud, und er akzeptierte ihn ohne Scham, suchte weder nach Gründen noch nach Vergeltung. Er kannte die Gründe ja. Das Universum hatte ihm die Rechnung präsentiert. Seine Steuer aufs Mannsein war fällig.

I love you. Fool.

Er wuchs zu einem der seltenen Männer heran, die an körperlichen Auseinandersetzungen richtig Spaß haben. Für ihn war jede Aussicht auf eine Schlägerei so, als hätte er einen Zehner auf der Straße gefunden. Keine Sensation, aber doch ein kleiner Glücksfall, der sich auf den weiteren Verlauf des Tages auswirkte und ihm einen Aufwärtsdrall verlieh.

Einmal, morgens, etwa einen Monat nach dem Unfall, schickte ich ihn Rizla-Blättchen und Um-Bongo-Saft besorgen. Zwanzig Minuten später war er wieder da, rot im Gesicht und aufgekratzt, als käme er gerade vom Laufen zurück. Sein weißer Ellesse-Trainingsanzug war blutgetränkt. »Was hast du denn gemacht?«, rief ich, als hätte ich noch groß fragen müssen. Es sei nicht sein Blut, erklärte er, es stamme von jemand anderem. Er hatte grundsätzlich mehrere unterschiedliche Fehden laufen, und eben hatte er einen Typen entdeckt, mit dem er im Clinch lag und der neben dem Weihnachtsstand des Rotary-Clubs herumlungerte. Mein Freund hatte sich eine Flasche aus dem Mülleimer gegriffen, sich angeschlichen und dem Typen die Flasche über den Kopf gezogen. »Der Hammer«, erzählte er. »Alle haben’s gesehen. Und der Weihnachtsmann hatte den besten Platz!« Er landete schließlich in Altcourse, im Knast, wo er aufblühte wie ein in heimischen Boden zurückverpflanzter Lorbeerbusch.

Remember? Relate.

Und meine Haftstrafe? Die war länger. Ich erinnerte mich tatsächlich, jeden Tag. Ich war davon überzeugt, dass mein stummes Gebet (ein wortloses Flehen um Gnade, geäußert in den tiefsten Schichten meines Hirns) uns gerettet hatte. Lange Zeit weigerte ich mich, selbst fahren zu lernen. Ich stieg schrecklich ungern zu anderen ins Auto, sogar zu meiner Mutter, die überall mit gemächlichen 45 Stundenkilometern hinzuckelte. In der Nacht damals erfuhr ich, dass Angst das wirkmächtigste Elixier überhaupt ist. Was für synthetische Stoffe einem auch durch die Adern fließen, was für Chemikalien das limbische System unter Kontrolle haben, von der Angst werden sie neutralisiert. Ich war high, als ich damals in den Wagen stieg, und stocknüchtern, als ich herauskletterte. Und den Moment des fließenden Übergangs, das beängstigende Tempo, mit dem die Umstände sich ändern können, habe ich nie vergessen. Im einen Augenblick hat man noch vier Räder fest auf dem Asphalt. Im nächsten schlägt man Räder durch die Luft.

*

In meinem Kopf hieß dieser Ort mit seinen unfallträchtigen Stellen und nicht einsehbaren Kurven, den schmalen Straßen und desaströsen Karambolagen immer noch Zuhause, obwohl ich schon seit Jahren nicht mehr dort lebte. Beim Einschlafen sah ich ihn vor dem inneren Auge, die Fußwege und Felder, die Straßenzüge aus buttergelben Klinkerhäuschen, die Vorstadtgässchen voller Birkenfeigen und feuchtem Holz. Die Bilder kamen ungebeten, wie früher das Testbild im Fernsehen. Ich ließ mich von ihnen trösten, von ihrem Stillstand, ihrem ausdruckslosen, unveränderlichen Wesen. Mein aktuelles Zuhause hatte ich kürzlich verloren. Oder nein. Nicht verloren. Das klingt zu ungewollt, als hätte die Bank es zurückgefordert, weil ich mit den Hypothekenzahlungen im Rückstand war. Ich hatte mein Zuhause kürzlich verlassen und mich seines gesamten Inhalts entledigt.

Ein paar Wochen nach Weihnachten war jemand in die Wohnung eingebrochen, in der ich mit meinem Freund lebte, und hatte mein Notebook gestohlen. Er (dass es ein Mann war, leite ich aus dem Fußabdruck ab, den er auf dem Paneel der Tür hinterlassen hatte; er trug Air Max Ones, so wie ich) hatte auch mein altes Notebook mitgenommen, das ich als externe Festplatte nutzte. Sonst hatte ich nirgends etwas gespeichert, und so war damit auch meine komplette Arbeit verschwunden, einschließlich des Buches, an dem ich mit Unterbrechungen seit vier Jahren schrieb.

Beim Aufschließen war mir nicht aufgefallen, dass in der Kassettentür ein Paneel fehlte. Adam war entschieden gegen jede Art Verschwendung. Es passte also überhaupt nicht zu ihm, dass überall Licht brannte, dafür passte es umso mehr, dass die Wohnung aussah, als hätte – es lässt sich nicht anders formulieren – ein Einbruch stattgefunden. Die Schubladen meines Schreibtischs waren allesamt ausgekippt, der Inhalt lag auf dem Boden verstreut. Mein erster Gedanke war, er müsse wohl spät dran gewesen sein und irgendwas im Schreibtisch gesucht haben. Dann kam der zweite Gedanke, noch kaum entwickelt und bevor mir dämmerte, was wirklich passiert sein musste: dass er herumgestöbert hatte, auf der Suche nach Beweisen für eine Affäre. Er neigte zu sporadischen, aber immer sehr spezifischen Anfällen von Eifersucht und kontrollierte häufig mein Handy. Ich hatte kein Tagebuch, aber mehrere Notizbücher, und obwohl die stillschweigende Vereinbarung lautete, dass er nicht darin lesen sollte, tat er es natürlich trotzdem.

Ich ging weiter ins Schlafzimmer, und da sah ich dann, was los war. Die Matratze war vom Bett gezerrt, das Bettzeug zerwühlt, meine Unterwäsche lag als wirres Knäuel obenauf. Eine Handtasche mit einem aufgestickten Dackel, die meine Schwester mir geschenkt hatte, war ausgeleert, umgestülpt und dann beiseitegeworfen worden. Meine Schwester hatte mich schon ein paarmal gefragt, ob mir die Handtasche auch gefiel, weil sie mich nie damit sah. Ich ging zum Kleiderschrank, um nachzuschauen, ob meine teuersten Schuhe und mein einziger guter Mantel noch da waren. Air-Max-Träger hin oder her, der Dieb hatte offenbar keinen Blick für hochwertige Kleidung. Vielleicht wusste er auch einfach nichts damit anzufangen.

Ich sah mich um und dachte mir, wie kümmerlich, wie traurig unsere im Zimmer verstreuten Habseligkeiten aussahen. Das war die Summe unseres gemeinsamen Lebens, und jetzt lag sie auf dem Boden durcheinander. Die Wohnung war eins dieser opportunistischen Londoner Konstrukte, wie es sie jenseits der Hauptstadt gar nicht geben würde. Ein ehemaliges Pförtnerhäuschen, das hinten an einem Mietshaus klebte und unter seiner hochmodernen Ausstattung immer noch recht einfach wirkte. Ich ging nach draußen, nahm mir aus irgendeinem Grund noch die Zeit, die Tür abzuschließen, obwohl sie teilweise in der Küche lag, und rief Adam an.

»Geh wieder rein«, fauchte er, als er endlich ranging. »Geh wieder rein und hol mein Gras.«

»Ich will da nicht wieder rein«, sagte ich. Ich stand in der Einfahrt unseres Mietshauses und zitterte heftig. Die Gegenstände in der Wohnung, die Wohnung selbst, erschienen mir wie besudelt, was ich in dem Moment der Gestalt zuschrieb, die sich auf weichen Sohlen unbeobachtet durch die Zimmer bewegt hatte. Adam antwortete langsam, als hätte er es mit einer Person zu tun, die nur schlecht Englisch sprach.

»Gleich kommt die Polizei, und ich will nicht, dass die mein Gras finden. Kannst du also bitte wieder reingehen und es rausholen?«

»Die kommen, weil jemand eingebrochen ist«, sagte ich. »Wenn sie es finden, glauben sie sowieso, es ist seins.«

Nach zwei Tagen stellte die Polizei die Ermittlungen ein. Wir waren schließlich im Südosten von London, da hatten sie Wichtigeres zu tun, als einen gestohlenen Rechner zu suchen. Ich hoffte immer noch, dass irgendwann ein USB-Stick unter der Tür durchgeschoben würde, aber so was machten natürlich nur moralisch aufrechte Einbrecher, in Ländern wie beispielsweise Schweden. Ich sah meine Mails durch und kratzte zwölf Seiten meines Buches zusammen. Sonst war alles weg.

Eine Woche lang blieb ich noch in der Wohnung, verkroch mich im Bad und heulte. Abends ging Adam raus und patrouillierte, bewaffnet mit seinem Golfeisen, über das Gelände. Hin und wieder kam er ins Bad, um sich die Hände zu waschen oder die Zähne zu putzen, dann stieg er über mich hinweg, mit leicht verwirrter Miene, als könnte er diese Person, die da auf dem Boden seines Badezimmers heulte, nicht auf Anhieb einordnen und müsste sich erst darüber klar werden, warum sie dort war.

Ende Januar nahm ich mir eine Auszeit von der Arbeit. Ich wollte nach Norden: nach Hause, zum Geburtstag meiner Mutter, und anschließend für eine Woche nach Aberdeen. Ich wollte mit meinem Buch von vorn anfangen. Aber diesmal würde ich es richtig machen. Meine Redakteurin schaute skeptisch, als ich ihr von meinen Plänen berichtete.

»In Aberdeen ist es kalt«, sagte sie.

»Aber es ist auch nah an den Plattformen.«

»Warum willst du denn unbedingt über Ölplattformen schreiben?«

»Ich möchte wissen, wie Männer sind, wenn sie keine Frauen um sich haben.«

»Aber dich haben sie doch um sich.«

Zu Hause hatte ich ein paar Freunde, die auf Ölplattformen arbeiteten. Wenn wir abends zusammen weggingen, führten sie sich auf wie die großen Stars, warfen nur so mit Geld um sich und machten eifrig die Runde, damit auch wirklich alle etwas von ihnen hatten. Es war immer ein Ereignis, wenn sie auftauchten, weil es etwa so selten vorkam wie ein Blutmond oder eine partielle Sonnenfinsternis. Meistens waren sie unterwegs, bei der Arbeit oder in luxuriösen Winterurlauben.

Die Ölindustrie gehört zu den letzten Wirtschaftszweigen in diesem Land, die einfachen Arbeitern Karrieremöglichkeiten bieten, abgesehen vom Sport ist sie eine der wenigen Branchen, die Männern aus der Working-Class offenstehen und trotzdem gut zahlen. Die Ölarbeiter, die ich kannte, waren stets bemüht, dieses Ungleichgewicht aus der Welt zu schaffen, indem sie ihren Lohn, sobald er ihnen ausgezahlt wurde, umgehend verpulverten. Sie kauften sich dicke Autos auf Kredit, teure Kleidung, gute Schuhe, starkes Koks. Sie rannten ins Fitnessstudio, stemmten Gewichte und ließen sich ein Tattoo nach dem anderen stechen (diese kulturelle Praxis schien in irgendeinem Zusammenhang mit dem Beruf zu stehen, so wie sich die Bergarbeiter im Süden von Wales früher immer zum gemeinsamen Singen in der Kirche versammelten). Sie heirateten später als die meisten anderen Männer in der Provinz, und selbst ihre Ehen wirkten noch provisorisch, als könnten sie jeden Moment wieder gelöst werden. Sie waren irgendwie spannend. Genau die Sorte Mensch, die man auf einer Party sehen möchte, solange diese Party nicht im eigenen Haus stattfindet.

»Der Einbruch war ein Zeichen«, sagte ich. »Das Buch hat einfach nicht funktioniert. Da hilft nur eins: Rip it up and start again.«

Dabei dachte ich weniger an Adam als vielmehr an seinen besten Freund, der in dem Sommer, als wir uns kennenlernten, gerade eine kurzlebige New-Wave-Obsession gepflegt und diesen Song rauf und runter gehört hatte.

»Womöglich war er auch kein Zeichen«, sagte meine Redakteurin. »Es ist Januar, eure Wohnung ist nicht gerade schwer zugänglich, und dann hat Adam auch noch überall das Licht ausgemacht, bevor er gegangen ist.«

»Für mich ist er trotzdem eins.«

Sie legte ihre Hand auf meine.

»Ich habe mir oft gedacht, wie schwer das für dich sein muss. Zuzusehen, wie deine kleine Schwester heiratet, während deine eigene Beziehung so eine On-off-Geschichte ist …«

»Heiraten ist mir nicht wichtig.«

»Sie hat ein Haus gekauft, und du musst ständig umziehen.«

»Sie wohnt auch nicht in London.«

»Und jetzt ist sie schwanger …«

»Könnten wir vielleicht nicht mehr darüber reden, wie toll es für meine Schwester läuft?«

Ich empfand meine Redakteurin als mütterlich, obwohl sie bestimmt nicht viel älter war als ich. Vielleicht ja, weil sie rein äußerlich der gleiche Typ Frau wie meine Mutter war: eine helläugige, zierliche Brünette, der leicht einmal die Tränen kamen. Ein bisschen war sie wie die Chefredakteurinnen aus den romantischen Komödien – die, von denen immer alle sagen, sie seien so unglaubwürdig –, denn sie nahm regen Anteil an meinem Privatleben und machte sich nichts daraus, wenn ich meine Artikel zu spät abgab. Jetzt sah sie aus, als würde sie gleich losheulen, wahrscheinlich, weil es mir genauso ging. Eigentlich fand ich es schrecklich, bei der Arbeit zu heulen, auch wenn das auf zufällige Beobachter sicher anders wirkte. Sie drückte mir die Hand.

»Irgendwann triffst du einen Mann, der so hinreißend zu dir ist, dass du es gar nicht fassen kannst. So ist es mir gegangen, als ich meinen Mann kennenlernte. Und ich weiß einfach, dass es dir auch so gehen wird.«

*

Um einen Menschen zu verlassen, den man einmal geliebt hat, sind zwei Offenbarungen nötig. Der Moment, in dem einem klar wird, dass man die betreffende Person nicht mehr liebt. Und der Moment, in dem einem klar wird, dass man auch nicht mehr so tun kann, als ob. Der Abstand zwischen beiden variiert je nach der eigenen Begabung zum Betrügen, der eigenen Lügentoleranz. Am Tag, bevor ich nach Aberdeen aufbrechen wollte, rief Adam mich bei meiner Mutter an. Er hatte einen Scheck von der Steuerbehörde erhalten und war jetzt viertausend Pfund reicher. Ich überlegte, ob es sich lohnte zu fragen, was er mit dem Geld vorhatte, denn ich kannte die Antwort ja schon.

Unglückliche Paare wissen immer im Voraus, wie bestimmte Gespräche ablaufen werden. Er würde mir mitteilen, dass er vorhatte, das Geld – alles, bis auf den letzten Penny – für sich selbst auszugeben. Ich würde ihm in Erinnerung rufen, dass ich vor nicht einmal zwei Wochen meinen wertvollsten Besitz verloren hatte. Ich würde hinzusetzen, dass der Verlust jedes einzelnen Wortes, das man je geschrieben hat, für eine Autorin in etwa einer frühen Fehlgeburt gleichkommt. Er würde blaffen: »Ist mir schon klar. Ich schreibe schließlich auch.« Ich würde entgegnen: »Falls man das so nennen kann.« (Es ärgerte mich nämlich, dass er sich immer als Autor bezeichnete, obwohl er eigentlich Öffentlichkeitsarbeit machte und das Krisenmanagement für einen Energiekonzern verantwortete.) Und er würde etwas kontern wie: »Weißt du eigentlich, wie scheißlangweilig du bist?«, denn in der Sinfonie unserer Zwistigkeiten war die Kluft zwischen seinen moralischen Zugeständnissen und meiner eigenen kompromisslosen Kunst ein Thema, auf das ich immer wieder gern zurückkam.

Es stimmte sicherlich, dass ich mehr Streits vom Zaun brach als Adam, aber er war besser darin, sie zu beenden. Manchmal legte er mir einfach den Finger auf die Lippen, um mir zu zeigen, dass es Zeit war, nichts mehr zu sagen. Wenn ich dann noch Widerworte geben wollte, sagte er mit leisem Singsang in der Stimme: »Sch-sch. Sch-sch. Schnauze halten.«

»Was hast du mit dem Geld vor?«, fragte ich.

»Ich werde mir ein neues iPad kaufen und meine Kreditkartenschulden abzahlen. Und der Rest wird gespart.«

Ich setzte mich anders hin. Ich hockte auf dem Boden, und die Rippen des Heizkörpers brannten sich allmählich durch mein T-Shirt. Wir waren seit fünf Jahren zusammen. In dieser Zeit hatte ich ihn zwei Mal verlassen. Es war eine Beziehung wie aus dem Märchen: Ich hatte zwei Mal scheitern müssen, bevor ich es schaffen konnte. Ich musste lernen, mich mit beschränkteren Verhältnissen zu begnügen.

»Ruf mich nicht mehr an«, sagte ich. »Lösch meine Nummer aus deinen Kontakten. Ich mache es mit deiner genauso.«

»Was?«

Ich hörte Gas zischen, dann ein Klicken. Er ging gar nicht darauf ein. Verdenken konnte ich es ihm nicht. Es war nicht das erste, nicht einmal das zehnte Mal, dass ich so etwas sagte.

»Lösch meine Nummer aus deinen Kontakten. Ich will nie wieder was von dir hören.«

»Ist das jetzt wegen dem Geld?«

Er klang verletzt, fassungslos. Schon wieder verlangte seine Freundin etwas von ihm. Schon wieder streckte sie die Hand aus. Sie war wie ein viktorianisches Straßenkind, ein bedürftiges Anhängsel. Unersättlich.

»Auch, ja. Es ist wegen dem Geld, aber nicht nur. Wir sind doch kreuzunglücklich, Adam. Oder etwa nicht? Bitte gib’s endlich zu.«

Noch während ich das sagte, rief ich mich zur Ordnung. Genau dieser Drang nach Einigkeit fesselte mich immer noch an seine Wohnung. Ich wollte unbedingt recht behalten und das auch beweisen, aber er würde es niemals zugeben. Selbst wenn der Preis, den er dafür zahlte, ein frostiges Scheinleben mit einer Frau war, die er verachtete.

»Ich hätte dir schon noch was abgegeben. Wenn du ein bisschen Geduld gehabt hättest.«

Über Monate hatte ich neben ihm wachgelegen, während meine Nerven gellten und ich hektische, klammheimliche Manöver durchspielte. Jetzt war ich ganz ruhig. Die Erkenntnis, dass alle Möglichkeiten ausgeschöpft sind, bringt ihren ganz eigenen Frieden mit sich. Ich würde ihn verlassen, beschloss ich. Ich würde ihn ebenso verlassen wie das Geld seiner Eltern und die stoßfeste Gefangenschaft im bescheidenen Wohlstand. Und ich würde es sofort tun. Was für Entbehrungen mich danach auch erwarten mochten, das zumindest hätte ich hinter mir. Ich würde mir seine Lügen nicht mehr anhören müssen. Ich würde mir nicht mehr ansehen müssen, wie er, die Augen weit aufgerissen wie ein Manga-Mädchen, Stein und Bein schwor, er habe nicht gesagt, was er gerade gesagt, nicht getan, was er gerade getan hatte, das sei alles nur eine Ausgeburt meiner fiebrigen Frauenfantasie.

»Nein, Adam. Hättest du nicht. Und das ist ja auch in Ordnung. Es ist dein Geld, du kannst damit machen, was du willst. Aber ich will nicht, dass du mich noch mal anrufst. Also lösch meine Nummer.«

Eine Zeit lang blieb ich noch auf dem Boden sitzen und schaute in den Garten hinaus, zu den ihrer Blätter entkleideten Bäumen. Dann ging ich nach oben und fing an zu packen.

*

»Was hast du da?«

»Nichts.«

Ich scrollte durch eine Liste auf meinem Telefon. Die hatte ich auf der Fahrt nach Aberdeen zusammengestellt: Adams schlimmste Schandtaten. Ich hatte mir gedacht, es könnte vielleicht Spaß machen, sie aufzustellen, weil das zwei meiner Lieblingsbeschäftigungen in sich vereinte – Listen machen und über Adams zahllose Fehler sinnieren –, aber jetzt erwies sie sich als freudlose Lektüre. Schon bei der Hälfte ging mir die Puste aus:

Grillfest mit der Familie (seine MUTTER!!!)

Hat mich auf den Scafell Pike gescheucht – im Nebel !!!

Der Streit um die Hypothek

Die Dating-Website

Carlas Hochzeit!!!

Sorayas Junggesellinnenabschied!!!

»Willst du noch was trinken?«

»Die Runde geht auf mich. Was möchtest du?«

»Kommt nicht in Frage.«

»Warum nicht?«

»Du bist ne Frau. Du kannst uns keine Runde ausgeben.«

Er reckte den Hals, damit sein Freund ihn sah, der gerade aufgestanden war, um zur Theke zu gehen.

»Sie nimmt einen Peroni.«

Pie-rou-nie. Um den Tisch saßen sechs Männer. Sie hatten alle den gleichen singenden Tonfall. Süßer, musikalischer als die Akzente aus meiner Gegend.

»Dann machen wir das also?«

»Sieht so aus.«

»Ich muss dich aufnehmen, mit Steno sieht es bei mir nämlich eher düster aus. Und ich muss dich darüber informieren, dass ich dich aufnehme. Sonst ist es rechtswidrig. Oder wie war das? Vielleicht gilt es auch nur nicht als Beweis vor Gericht, wenn du nicht wusstest, dass du aufgenommen wirst. Egal.«

»Und was soll ich erzählen?«

»Was du willst.«

Ich legte mein Telefon auf den Tisch. Er musterte es misstrauisch, wie eine Bombe, die gleich hochgehen wird.

»Also, fluchen und so trau ich mich ja jetzt nicht mehr.«

»Alles gut. Du kannst ruhig fluchen. Hört ja nur mein Telefon.«

Während er redete, betrachtete ich ihn. Seine Nase war mit ein paar hellen Sommersprossen gesprenkelt. Für Sommersprossen hatte ich eine Schwäche. Ich malte mir immer selbst welche auf, mit dem Augenbrauenstift: zwei hingetüpfelte Flügelchen oberhalb der Wangenknochen, die am Abend meist zu braunen Schlieren verlaufen waren, sodass ich aussah, als verdiente ich mein Geld mit Schornsteinfegen. Er beklagte sich über einen Mann, mit dem er auf der Brae Bravo gearbeitet hatte. Dass er sich für irgendein Thema, jedes beliebige, hätte entscheiden können und dann von einem Kollegen erzählte, den er nicht leiden konnte, machte ihn mir noch sympathischer. Das hätte ich auch getan.

»Der steht oben auf Modul Vierzehn oder Fünfzehn, schnappt sich die Klemmen und lässt sie von ganz oben runterfallen, pfeffert sie einfach runter! Ein Albtraum war der. Der schlimmste Franzose auf der ganzen Welt! Ich konnte ihn nicht leiden und er mich auch nicht. Er meinte immer, ich wäre großspurig. Keine Ahnung, warum. Eine Woche lang war er für uns zuständig. Einmal hat’s gepisst wie aus Eimern, und er kommt zu mir und diesem anderen Typen: ›Ihr zwei seid draußen.‹ Ich so: ›Ich geh da nicht raus, da isses mir viel zu nass.‹ Sollte natürlich ein Witz ein. Und da geht der hin und ruft in der Zentrale an und …«

So ging es immer weiter, er zählte sämtliche Schandtaten dieses Franzosen auf, die von einem Schild mit der Aufschrift »Finger weg!« am Temperaturregler in seinem Zimmer bis hin zur Sperrung des Mannlochs eines Krans ohne explizite Erlaubnis reichten. Die Tragweite dieser Vorfälle konnte ich größtenteils nicht beurteilen, aber ich hörte ihn gern sprechen, mir gefielen die winzigen Anklänge an zu Hause. Jedes Mal, wenn ich ihn ansah, lächelte er. Es dauerte immer einen Moment, bis er meinen Blick erwiderte. Und dann lächelte er, eilfertig und ein bisschen schuldbewusst, als wäre ich seine Vorgesetzte und er hätte den Job, mich anzulächeln.

Ich hatte ihn am Flughafen entdeckt. Er stand im Ankunftsbereich, gebeugt vom Gewicht seines Seesacks. Er war klein, kaum größer als ich, sein Körper kompakt und wohlproportioniert, wie bei einem Jockey. Er hatte auch das Gesicht eines Jockeys. Beweglich und äußerst blass.

»Ich bin auf der Suche nach Männern wie dir«, sagte ich. »Ich schreibe ein Buch über Offshore-Arbeiter.«

»Willst uns wohl in die Pfanne hauen, was?«

»Wie heißt du?«, fragte ich.

Er sah aus, als wollte er es mir nicht verraten. Dann sagte er: »Caden.«

»Na dann, Caden, gibst du mir deine Telefonnummer?«

»Das würd ich mich nie trauen«, sagte er. »Ich bin verheiratet.«

Er überredete seinen Freund Tyler, mich anzurufen. Tyler sagte, ich solle zu ihnen ins Hotel kommen, wo sie mit ein paar Männern was trinken würden. Offshore-Arbeiter kommen mit der Regelmäßigkeit der Gezeiten durch Aberdeen. Mitunter stranden sie auch. Im Sommer senkt sich oft Nebel über die östliche Küste und hängt dort eine Woche lang wie graue Gaze. Im Herbst nimmt das Wetter eine brutale Wendung. Super-Pumas fallen gern mal vom Himmel, und wenn das Meer so wild ist, dass keine Rettungsschiffe fahren können, fliegen auch die Hubschrauber nicht. Die Stadt ist reich und langweilig. Ihre Winter sind so kalt, dass es eine Strafe ist. Außer trinken kann man kaum etwas machen, und genau das tun die gestrandeten Offshore-Arbeiter. Sie trinken, als wäre das ihr Beruf: fangen an, sobald ihr Flug gecancelt wurde, und sind für die nächsten acht Stunden mit vollem Einsatz dabei. Teilweise treibt sie die Langeweile (das Fehlen von Tagesaktivitäten für ganze Trupps erwachsener Männer), teilweise das Wissen, dass sie, wenn sie erst mal offshore sind, keinen Alkohol mehr zu sehen kriegen.

Die Männer blickten auf, als ich in die Hotelbar kam, leise, erwartungsvolle Gesichter. Caden hockte in einer Ecke und sah sich auf seinem Telefon die Starterliste für ein Pferderennen an.

»Hilf mir aussuchen«, sagte er, ohne groß den Kopf zu heben. Ich wettete nicht oft genug, um mich von etwas anderem als Namen leiten zu lassen. »Der da«, sagte ich und zeigte auf Anonymous John. »Nimm den.«

Sie waren unterwegs auf die T Block, wollten – oder konnten – mir aber keine weiteren Details dazu nennen. Durchaus denkbar, dass sie gar nicht wussten, wo sie sich im Verhältnis zu anderen Ölplattformen befinden würden. Karten helfen da kaum weiter, denn ähnlich wie Pay-per-View-Sender bekennen die Betreiberfirmen sich immer nur zu ihren eigenen Aktivposten. Alle redeten über den Preis von Brent Crude, wie stark er abgestürzt war. Öl ist ein schwankungsanfälliger Rohstoff, sein Preis eng verknüpft mit geopolitischen Aspekten und Wirtschaftswachstum sowie mit Angebot (das starr bleibt) und Nachfrage (die meistens zyklisch erfolgt). Seit in den Siebzigerjahren das erste Rohöl aus der Nordsee an Land gebracht wurde, steckt der Preis in einem Boom-Bust-Kreislauf fest, wobei der aktuelle Abschwung ernster zu sein schien als der davor. Auf den Punkt gebracht: Der Markt war gesättigt. Die Maschinen, die uns zu Willen sein sollten, waren außer Rand und Band geraten, so wie der verzauberte Besen des alten Hexenmeisters. Sie spien massenhaft billige Ware aus – Iran Heavy, Arab Light, Dubai Crude, Qatar Marine –, noch während der Preis rapide fiel.

Auf der Fahrt zum Hotel hatte sich mein Taxifahrer ausführlich über die Verschwendungssucht von Aberdeen ausgelassen, das leichtsinnigerweise auf eine einzige Einnahmequelle baute. Die Leute setzten alles auf diese eine Karte und lebten über ihre Verhältnisse. Ständig sehe man sie in ihren geleasten Range Rovern rumkurven, zu ihren protzigen Häusern an der Morningfield Road. Als ob sie sich das leisten könnten! Es sei doch ein Mythos, dass Ölarbeiter so gut bezahlt würden, ein Überbleibsel der Propaganda aus den Achtzigern, das hauptsächlich von den Arbeitern selbst in Umlauf gebracht werde, aber nur, wenn es ihnen gerade in den Kram passe. Früher sei da wirklich gutes Geld zu machen gewesen, aber inzwischen sei die Branche völlig vernachlässigt. Aus den Augen, aus dem Sinn. Klar hätten sie schon Rezessionen durchgemacht – 1999 seien sie bei neun Dollar das Barrel gewesen –, aber diesmal sei es anders. Diesmal müsse sich die Branche auf die Zukunft vorbereiten. Sein Vortrag hatte viel von einer Predigt; er klang hochzufrieden. Früher habe auch er mal offshore gearbeitet, aber er sei ausgestiegen, als es noch gut lief. In Aberdeen hatte jeder Taxifahrer früher offshore gearbeitet.

Ich schob mein Telefon zu dem Mann hin, der mir gegenübersaß.

Er machte sich über diverse Missstände Luft: was die Postflüge zurück nach Teesside kosteten, wie die Ölfirmen von ihren Leiharbeitern erwarteten, dass sie alles stehen und liegen ließen und mit wenigen Stunden Vorlauf fünfhundert Kilometer zurücklegten, was für eine Klassenhierarchie offshore herrschte. Er war der Älteste am Tisch und mit einigem Abstand auch der Bestaussehendste. Er hatte schwarze Augen und hohe, leicht schräge Wangenknochen. Wahrscheinlich war er mixed-race, aber der Gedanke kam mir erst nach einiger Zeit. Was in London offensichtlich ist und nicht weiter auffällt, wird an einem Ort wie Aberdeen vage und diffus.

»Inzwischen sind schon über tausend Männer arbeitslos. Die bewerben sich auf eine Stelle und kriegen ihren Lebenslauf gleich wieder zurückgeschickt oder bekommen zu hören: ›Sorry, aber den Job wollen noch sechshundert andere.‹«

»Wann wird der Preis denn wieder steigen?«

»Sie vermuten, dass es ab nächsten Monat besser wird. Ende März ist dann alles wieder normal.«

Tylers Stimme löste sich aus dem allgemeinen Gewirr. Er beklagte sich über Frauen. Ein Mann von der Tern war im Fernsehen bei Take Me Out gewesen. Er war noch nicht mal auf der Bühne, da hatten schon sämtliche Kandidatinnen ihre Lampen ausgeknipst. Ich dachte, wie schön es doch war, von Männern umgeben zu sein, die Take Me Out guckten. Adam hatte es nicht gemocht, wenn ich ITV schaute. Er sprach immer nur von »diesem Nord-Sender«.

Der Nachmittag neigte sich, der Himmel wurde allmählich dunkel. Wir tauschten Geschichten aus. Ich gab einen kurzen Abriss meines letzten Monats, die Männer bemitleideten mich kopfschüttelnd.

»Wovon hat dein Buch denn gehandelt?«, fragte der rechts von mir. Er hatte ein längliches, schwermütiges Gesicht, darüber einen Keil grauer Haare.

»Eigentlich genau davon«, sagte ich mit einem Blick zu Tyler. »Was es mit Beziehungen macht, wenn der eine ständig weg ist. Wie die Frauen zu Hause damit fertigwerden.«

»Leicht ist es nicht«, sagte er. »Für die erste Woche zu Hause darf man sich eigentlich gar nichts vornehmen. Weil man doch immer alles verpasst. Einmal ist einer nicht von der Central weggekommen, der hat seine eigene Hochzeit verpasst.«

»Hört sich an wie eine schlechte Pointe.«

»Ich glaub nicht, dass seine Kleine das so witzig fand.«

Der Grauhaarige wollte im kommenden Sommer heiraten. Er zeigte mir ein Foto: eine zierliche blonde Frau, jünger als er, die ein Baby auf den Knien schaukelte. Unter allgemeinen Glückwünschen machte das Foto die Runde. Neben mir brummte Caden etwas.

»Was hast du gesagt?«

»Hochzeiten. Ein Albtraum.«

»Ich finde Hochzeiten super.«

Eine dieser Lügen, die eigentlich schon unerklärlich sind, während man sie ausspricht. Ich fand Hochzeiten überhaupt nicht super. Die Einladung zu einer solchen frühsommerlichen Festivität in irgendeinem abgelegenen Kaff auf dem Land konnte mich in eine Stimmungslage versetzen, wie man sie sonst eher mit der Entdeckung verbindet, gar nicht auf der Gästeliste zu stehen.

»Heiraten ist sinnlos. Reine Geldverschwendung.«

Ich war erstaunt, dass ihn der Gedanke, Geld zu verschwenden, offenbar schmerzte. Seine Brieftasche war prall mit Scheinen gefüllt, und jedes Mal, wenn er aufstand, um neue Getränke zu holen, fielen knittrige Zwanziger heraus und trudelten zu Boden.

»Nicht aus Sicht der Frau. Da ist es wirtschaftlich sehr sinnvoll. Wenn man sich von seinem Freund trennt, hat man keinen Anspruch auf dessen Vermögen, nicht mal, wenn Kinder da sind. Die meisten Leute glauben das zwar, aber es stimmt nicht.«

»Ich sag dir mal was, okay? Kein Mann will jemals heiraten. Sie machen das alle nur für ihre Freundin.«

Ich zupfte an meiner Halskette. Das tat ich immer, wenn ich nervös war, ich schob das Kreuz daran hin und her, testete ihre Spannkraft. Es war eine zarte Kette, ich wusste genau, wenn ich weiter daran zog, würde sie irgendwann reißen, und trotzdem konnte ich es nicht lassen.

»Wolltest du deine Frau auch nicht heiraten?«, fragte ich.

Um uns herum schwoll der Lärm an und wieder ab. Sein Blick wanderte zur Theke und wieder zurück. Dann leuchtete sein Telefon auf, und er griff danach.

»Dritter geworden. Und ich hatte auf Platz gesetzt. Wir haben zwanzig Pfund gewonnen.«

Es fing an zu schneien. Mein Telefon lag vergessen auf dem Tisch und zeichnete das Hin und Her der Gespräche auf. Es würde Stunden dauern, das alles zu transkribieren. Sechs verschiedene Stimmen, der Akzent zum Verwechseln ähnlich, und alle redeten durcheinander.

»Seine Kleine hat ihn gestern Abend in einem Stripclub aufgespürt.«

Cadens Lippen waren nah an meiner Ohrmuschel. Beide betrachteten wir Tyler. Er hatte ein attraktives, dunkelrot angelaufenes Gesicht. Mehr Zähne als jeder normale Mensch. Er wirkte wie ein Mann, der Erfolg bei Frauen hat und trotzdem noch dafür bezahlt. Gerade erzählte er von seiner letzten Heimreise. Sie hatten ihn erst so spät in Edinburgh abgesetzt, dass er kein Hotelzimmer mehr bekam, da hatte er irgendein Abkommen mit einem Obdachlosen getroffen. Inhaltlich war die Geschichte eher langweilig, aber er erzählte sie temporeich und packend. Einige stellten sogar ihr Glas ab, um ihm zuzuhören.

»In Stripclubs sollte man gar nicht gehen«, sagte ich. »Das ist erniedrigend. Solange es Stripclubs gibt, gibt es auch Männer, die glauben, dass man Frauenkörper kaufen kann.«

»Ich hab noch nie für einen Lapdance bezahlt«, sagte Caden. »Ich weiß auch gar nicht, was das soll. Wenn ich da hingehe, dann nur, um was zu trinken. Für alles andere hab ich noch nie bezahlt.«

»Nein.« Mein Blick ruhte auf seinem Gesicht. »Das wirst du auch kaum nötig haben.«

Er schaute auf die Tischplatte. Seine Wangen verfärbten sich. Die Sommersprossen, so rot unterlegt, leuchteten.

»Tylers Kleine hat ihm diese Find-My-iPhone-App installiert. Kaum war er drin, schon kam die Nachricht von ihr: ›Ich weiß, wo du bist.‹«

»Im Ernst?«

»Echt wahr.«

»Das ist doch … Irrsinn.«

»So ist das halt zu Hause.«

»Und wo ist zu Hause?«

Während ich ihn das fragte, schaute ich auf seinen Mund. Vor dem Hintergrund seiner Blässe waren die Lippen rosig. Seine Augen blau und sehr klar, als wäre ihm nie auch nur ein sündiger Gedanke gekommen.

»In Stockton«, sagte er.

Er erzählte ein bisschen von seiner Heimatstadt. Einem Ort, wo Ehemänner mit dem Lasso gefangen und eingepfercht werden mussten wie die Pferde in der Camargue und sich auch nach der Hochzeit noch gegen ihr Zaumzeug sträubten. Wo alle Männer offshore arbeiteten und turnusmäßige Gewalttaten und eheliche Keifereien die Nächte belebten. Kleinstädte waren umso fortschrittlicher, je näher sie sich an der zivilisierenden Atmosphäre einer Großstadt befanden, aber Stockton-on-Tees lag weit weg von allem: ein ödes, unbeaufsichtigtes Hinterland.

»Ich habe so eine Theorie über die Frauen bei euch in der Gegend«, sagte ich. »Die sind einfach ruppig. Ich weiß noch, wie ich mal eine Freundin in Nottingham besucht habe. Da gab es Frauen, die haben sich auf offener Straße mit ihrem Kerl geprügelt. Und gewonnen.«

Meine Theorie stützte sich auf nicht viel mehr als ein paar anekdotische Beweise, trotzdem nickte er, als wäre das eine anerkannte Tatsache.

»Meine Cousine ist ziemlich tough. Die geht auch raus und prügelt sich. Wenn’s sein muss. Sie ist die einzige Frau, vor der ich körperlich Angst habe. Als ich fünfzehn war, hat sie mich mal gegen eine Tür geknallt. Die Narbe habe ich immer noch.«

»Wo?«

»Na, hier.«

Eine schartige Kerbe, direkt am Haaransatz. Ich fasste hin, zeichnete sie mit den Fingern nach. Er fuhr zusammen, wie von einem leichten Stromschlag. An der Stirn ragten seine Haare als freischwebendes Büschel in die Höhe. Ich strich darüber, drückte sie ihm an die Schläfe. Er hatte einen Wirbel in den Haaren, einen Anflug von Widerspenstigkeit in der Struktur. Selbst als sie längst wieder flach anlagen, strich ich sie noch glatt, wie gebannt von der Bewegung, von der Nähe seiner Haut. Er saß einfach da und ließ mich machen. An seiner Schläfe zuckte ein Puls. Er beschleunigte sich, als ich hinfasste.

»Deine Haare sind ganz strubbelig«, sagte ich schließlich. »Du solltest dir mal einen Kamm leisten.«

*

»Du bist ne Hure.«

»Was hast du gesagt?«

»Du bist eine Hure. Leicht zu haben.«

Ich musterte den Mann, der das gesagt hatte. Er war groß, hatte einen schweren Quadratschädel. Aus seinem Hemdkragen rankten sich die Tattoos.

»Beides geht nicht«, sagte ich. »Eine Hure ist definitionsgemäß nicht leicht zu haben. Man muss sie bezahlen. Also bin ich jetzt eine Hure, oder bin ich leicht zu haben? Was soll’s sein?«

Der große Mann schwankte, seine Miene wirkte gequält. Es stresste ihn sichtlich, dass er sich entscheiden musste.

»Du bist leicht zu haben«, sagte er schließlich.

»Und du bist unverschämt.«

Caden legte mir die Hand auf den Arm. Wie warm seine Berührung war. Sein inneres Thermostat war etwas höher eingestellt als meines.

»Komm wieder runter«, sagte er leise.

Er streichelte meine Hand, wie man eine große Dogge streicheln würde, die Anstalten macht, einen Gast zu zerfleischen. Und es hatte tatsächlich etwas Hündisches, wie ich unter seiner Berührung erzitterte. So wurde ich immer, wenn ich trank: hin- und hergerissen zwischen dem Drang zu kämpfen und dem Drang zu kopulieren, während mein Über-Ich zwischen den widerstreitenden Impulsen zu vermitteln suchte.

Ich richtete meine Aufmerksamkeit wieder auf den Mann. »Was erlaubst du dir? Entschuldige dich gefälligst.«

Der Mann drehte mir das Profil zu. Er blickte stur geradeaus, ein aus dem Fels gehauenes Gesicht. Ernst, versunken, kein bisschen beeindruckt davon, welche Richtung das Gespräch genommen hatte. Und warum auch? Er war es ja, der es in dieses steinige Gewässer gelotst hatte.

»Wenn du willst, spendiere ich dir einen Drink. Entschuldigen werd ich mich nicht.«

»Meine Drinks kann ich selbst bezahlen. Außerdem will ich keinen Drink. Ich will eine Entschuldigung.«

»Die kriegst du nicht«, sagte er würdevoll. »Du bist leicht zu haben. Da hast du’s. Ich hab’s gesagt. Weil ich das nämlich sehe.«

Caden hatte die Finger in meinem Ärmel. Er strich über die Innenseite meines Handgelenks. Eine seltsam intime Geste, obwohl er die Haut kaum berührte.

»Du musst es jetzt gut sein lassen«, sagte er. »Aber das kriegst du nicht hin, oder? Das merk ich dir an.«

»Stimmt. Das kriege ich nicht hin.«

Der Mann war betrunken. Womöglich hasste er einfach alle Frauen. Trotzdem fühlte ich mich von seiner Bemerkung getroffen. Mit der lichten Gelassenheit eines Sehers blickte er in die Ferne. Seine Attacke hatte einen Unterton von »Nichts für ungut«. Vielleicht sah er es ja wirklich. Vielleicht wusste er etwas über mich, das ich selbst nicht wusste. Ich wand meine Hand aus Cadens Griff, stieß dabei sein Glas um und sprang auf, sodass der Hocker hinter mir schwankte, kippte und schließlich umfiel. Ich machte einen Schritt zurück und begutachtete das bisschen Chaos, das ich angerichtet hatte. Caden tupfte die größer werdende Lache mit dem Ärmel auf.

»Wenn du wirklich über Offshore-Arbeit schreiben willst, darfst du nicht so empfindlich sein«, sagte er. »Da draußen herrschen andere Regeln. So reden die Jungs eben.«

Da ging ich, stapfte die Wendeltreppe hoch und hinaus in die Nacht. Er stand auf und folgte mir; ich hatte genau gewusst, dass er das tun würde.

Draußen blieben wir stehen und klapperten einträchtig mit den Zähnen. Der Boden war vereist. Ich fühlte mich derangiert, in mehreren Schichten Wolle und einem dicken Anorak (den ich am Morgen erst gekauft hatte, nachdem ich aus dem Hotel getreten war und feststellen musste, dass der Mantel, der mich bestens durch den Londoner Winter gebracht hatte, keinesfalls reichen würde). Er trug eine kurze, wasserabweisende Jacke, in der er aussah wie ein legerer Fußballprofi, die ihn aber nicht groß vor der Kälte schützte. In seinen Haaren hingen Schneeflocken.

»Wo willst du jetzt hin?«, fragte er.

»Weiß ich nicht.« Ich trat von einem Fuß auf den anderen. Die Bar lag im Souterrain, durch das Fenster konnte man wahrscheinlich noch einen Teil unserer Beine sehen.

»Es ist noch früh.«

»Mir kommt’s spät vor. Vielleicht gehe ich einfach ins Hotel und lege mich schlafen.«

Es hätte alles zwischen fünf und neun Uhr sein können. Ich fühlte mich desorientiert durch die rasch einsetzende Dunkelheit, den frühen Alkohol.

»Dieser Typ. Ich weiß, das macht es auch nicht besser, aber er kommt aus der schlimmsten Ecke von Stockton. Ich weiß nicht, ob er …«