Seegfrörni - Rolf Käppeli - E-Book

Seegfrörni E-Book

Rolf Käppeli

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Beschreibung

Der Zweite Weltkrieg hat der Chemischen Fabrik am Zürichsee nicht nur wirtschaftlichen Erfolg gebracht. Die Rohstoffe wurden knapp, ein Betriebsausflug aufs Rütli erlitt im Juli 1944 Schiffbruch und die wieder aufblühende Konkurrenz im Ausland bedrohte das Schweizer Unternehmen existentiell. Am Zürichsee beklagen sich Weinbauern lautstark über vergiftete Reben, ein mysteriöser Familienmord rüttelt das Fabrikdorf Rustikon auf. Was haben die Vorgänge mit der Fabrik zu tun, was mit dem Kriegsende? Patron Karl Krütli gerät in Not.

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Seitenzahl: 146

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Rolf Käppeli

Seegfrörni

Roman

Zum Buch

Glatteis am See Emma und Godi Gamper stehen auf dem gefrorenen Zürichsee und schauen ans Ufer. Der schicksalhafte Betriebsausflug aufs Rütli liegt Jahre zurück, das Dorf hat sich verändert. Die Chemische Fabrik, wo sie arbeiten, hat den Zweiten Weltkrieg wirtschaftlich gut überstanden, doch der Untergrund ist glitschig geworden. Die Konkurrenz im Ausland bedrängt das Unternehmen. Die heile Welt an der Zürcher Goldküste gerät in Schieflage. Ein rätselhaftes Verbrechen versetzt die Menschen in Fabrik und Dorf in Aufruhr. Bauern in der Umgebung stellen ungewöhnliche Schäden an ihren Rebstöcken und Obstbäumen fest. Stammen sie von giftigen Industriedämpfen der Fabrik? Erika Krütli, die Gattin des Patrons, taucht überraschend bei einem Frauenabend auf und erfährt Schmerzhaftes aus dem Arbeiteralltag. Ihr Mann Karl wird von der Fabrikantenfamilie zunehmend isoliert, das Ende einer Ära zeichnet sich ab. In einem Coup entmachtet der Verwaltungsrat den letzten Krütli. Das Ehepaar zieht sich zurück, sucht Trost in der Natur – und Gründe für den abrupten Ausschluss aus dem Familienunternehmen.

Rolf Käppeli, geboren und aufgewachsen in Luzern, lebt mit seiner Lebenspartnerin in Uetikon im Kanton Zürich. Er studierte Germanistik, Pädagogik und Geschichte und arbeitete als Bildungsfachmann, Lehrer, Schulberater und Journalist. In den 1970er-Jahren war er Redaktor bei den Tageszeitungen „Luzerner Neuste Nachrichten“ und „Zürcher Tages-Anzeiger“. Ab 1995 veröffentlichte er literarische Reportagen, ein Sachbuch und mehrere Romane. Im Gmeiner-Verlag erschien 2021 „Vom Ende einer Rütlifahrt“, der erste Teil einer Trilogie, dem nun „Zürcher Seegfrörni“ folgt.

Mehr Informationen zum Autor unter: www.rolfkaeppeli.ch

Impressum

Der vorliegende Roman ist zwar von wahren Begebenheiten inspiriert, aber dennoch ein rein fiktionales Werk. Übereinstimmungen mit realen Tatsachen, Orten und Personen sind zufällig.

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Alle Rechte vorbehalten

Lektorat: Claudia Senghaas, Kirchardt

Herstellung/E-Book: Mirjam Hecht

Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart

unter Verwendung eines Fotos von: Ullstein Bild – RDB

Seegfrörni Zürich, 12.2.1963

ISBN 978-3-8392-7464-4

18. August 1945

Die Rechte umklammert den Holzstab, mit der andern glättet sie das Zeitungspapier, damit sie die Nachricht nochmals lesen kann.

Emma Gamper ist bleich.

Sie schaut auf, mit einem Gesichtsausdruck, den Rosmarie an der Freundin noch nie gesehen hat.

»Was ist mit dir?«

Rosmarie neigt sich vor.

»Ist dir schlecht?«

Emma nimmt einen Schluck Kaffee und reicht die Zeitung über den Tisch.

»Lies selber!«

Mit dem Zeigefinger tippt sie auf eine Textstelle in der Rubrik Unglücksfälle und Verbrechen mit der Überschrift Am See.

Familiendrama in Rustikon. 18. Aug. In der Nacht vom Freitag zum Samstag ereignete sich in Rustikon eine tragische Bluttat. Der dort wohnende Gärtner G. L. betäubte seine schlafende Frau und seine beiden schulpflichtigen Kinder mit Hammerschlägen und tötete sie durch Öffnen der Halsschlagadern. Schließlich nahm er sich selbst mit einem Schuss aus dem Ordonnanzgewehr das Leben. Die Motive der Tat sind nicht abgeklärt. Offenbar handelte der Täter in einem Zustand geistiger Umnachtung.

Rosmarie unterdrückt einen Schrei, sie ringt um Worte, schluckt leer.

»Das ist entsetzlich … mit Hammerschlägen … schulpflichtige Kinder …«

Sie legt die Zeitung beiseite, die Hand zittert.

Die beiden Frauen blicken einander fassungslos an.

»Der Gärtner G. L., wer ist das? Wo geschah das Verbrechen?« Rosmarie schüttelt den Kopf.

Emma schweigt.

Sie hat eine schlimme Ahnung.

Im Saal hört man das Geklirr vom Abräumen der Tische, von Schüsseln, Tellern, Besteck und Gläsern. Vertraute Geräusche am Ende der Mittagspause in der Kantine der Chemischen Fabrik Rustikon.

Der Raum ist mit Arbeitern und Angestellten besetzt. Viele haben gegessen, ein paar trinken noch Kaffee und nehmen sich Zeit für einen Mittagsjass. Die meisten sind zurückgekehrt an den Arbeitsplatz.

Niemand nimmt das Erschrecken der beiden Frauen wahr.

»Ich weiß nicht, von wem die Rede ist …«

Emmas Stimme hat etwas Abwesendes, sie stockt, merkt, dass sie nicht länger hier bleiben will. Der halböffentliche Raum erscheint ihr plötzlich bedrohlich.

Hat die Bluttat etwas mit der Fabrik zu tun?

Sie will nach Hause zu Gottlieb, der sich von der Frühschicht erholt. Mit ihm die ungeheuerliche Nachricht austauschen.

Klären, ob der Verdacht sich bewahrheitet.

»Ich muss zurück zur Arbeit, Rosmarie, es warten Briefe und Rechnungen, die verschickt werden müssen, das Büro der Buchhaltung ist nicht geschlossen.« Sie hält inne. »Wir reden morgen Abend darüber, wenn ihr zu uns in den Garten kommt.«

Rosmarie nickt, spricht leise.

»Ich muss noch aufräumen, dann ab ins Wochenende.«

Erika und Karl Krütli sitzen im Esszimmer am Mittagstisch in der Fabrikantenvilla Sunnmatt. Die Hausangestellte hat einen Hörnliauflauf mit Salat und Gemüse zubereitet.

Karl ist blass, er rührt das Besteck nicht an.

»Ich habe keinen Hunger.«

Erika schaut besorgt auf ihren Mann.

Seit Karl vom Polizeiposten zurückgekehrt ist, hat er kaum ein Wort mit ihr gesprochen. Er lag auf dem Sofa, stierte an die Decke. Ab und an kamen unverständliche Sätze über seine Lippen. Zusammenhanglos murmelte er etwas von Fluch, Unheil und Verantwortung.

Von Rösli Kunz, der Köchin und Hausangestellten, hat Erika vernommen, was frühmorgens, als sie noch schlief, sich unweit von ihrem Haus zugetragen hat: Die Familie des Gärtners sei tot in der Wohnung aufgefunden worden, der Mann, Georg Leutert, die Frau Doris, die beiden Kinder, Franz und Lisbeth. Viel mehr hat sie aus der verstörten Frau nicht herausgebracht, welche die Nachricht vom Hilfsgärtner vernommen hat, der beim schrecklichen Fund dabei gewesen ist. Im Anwesen, wo die Gärtnerfamilie wohnte, ein Steinwurf von Krütlis Villa entfernt.

»Nimm doch wenigstens etwas Salat und Blumenkohl, Karl. Etwas Leichtes musst du essen.«

Karl schaut aus dem Fenster zum See hinunter.

»Es war ein fürchterlicher Anblick, Erika. Ich will dir nicht alles erzählen.«

»Warum gingst du aus dem Haus?«

»Ich hatte einen Schuss gehört. Wenige Minuten später war Marti vor unserer Tür und holte mich. Es war kurz nach 6 Uhr. Wir gingen hinüber zum Wisli und fanden die Tür verschlossen. Am Boden vor dem Haus lagen Scherben eines zerstörten Ziegels, der vom Dach gefallen sein musste. Wir stiegen von hinten durch das Küchenfenster in die Wohnung. Drinnen hörten wir ein Kind schreien: ›Papa, Papa!‹«

»Das war Gilbert, nicht wahr? Der Ferienbub aus Frankreich.«

»Er hat als Einziger überlebt. Als wir ihn später auf Französisch fragten, was sich abgespielt habe, blieb er verstockt und sagte kein Wort.«

Erikas Stimme ist bedrückt. »Der Bub ist nie gesprächig gewesen, wohl wegen der fremden Sprache. Er stand sicher unter Schock.«

»Bald, nachdem der Polizist, den ich alarmiert hatte, der Bezirksanwalt und der Arzt auftauchten, hat jemand den Buben fortgeführt. Ich weiß nicht, wohin, vielleicht zur Familie Maurer, mit denen Leuterts Kontakt hatten. Auf dem Polizeiposten habe ich Gilbert nicht gesehen.«

»Was habt ihr im Haus angetroffen?«

»Der Gärtner lag tot in einer Blutlache im Schlafzimmer, neben ihm ein Langgewehr. In der Hand hielt er einen Bindfaden, der mit dem Abzug verbunden war. An der Decke entdeckten wir ein Schussloch.«

Karl macht eine Pause, während Erika ihn stumm beobachtet.

»Im gleichen Zimmer lag die Frau, sie war im Bett zugedeckt mit einem sauberen Leintuch, sodass wir ihre Leiche zuerst nicht bemerkten. Das gleiche Bild bot sich in den Zimmern der Kinder, der Bub und das Mädchen waren unter einem weißen Tuch, als schliefen sie.«

Erika kann die Tränen nicht mehr zurückhalten, sie weint heftig.

»Sie sind … sie waren … der Franz etwa 13 … Lisbeth noch nicht elf Jahre alt.«

Auch Karl, bemüht, aufrecht zu sitzen, presst ein kurzes Schluchzen hervor, die Augen sind rot unterlaufen; er stützt die Ellbogen ab und wühlt im Haar.

»In der Küche lagen am Boden, blutig verschmiert, doch wohlgeordnet, die Mordwerkzeuge: ein Schlosshammer und ein Küchenrüstmesser.«

Er stockt.

»Damit hat er den dreien in den Hals gestochen. Einen Schnitt in die eingedrückten Schläfen machte er vermutlich später, um zu schauen, ob die Opfer noch lebten.«

»Hör auf, Karl!«

Erikas Gesicht ist fahl. »Was, um Himmels willen, ist in diesen Menschen gefahren? Das ist ja grässlich.«

Sie geht um den Tisch, umarmt Karl, der aufgestanden ist, so fest sie kann.

»Unser Gärtner … er war so treu … arbeitsam. Was ist aus ihm geworden? Eine Bestie? Ein Mörder?«

Karl starrt zur Pendeluhr an der Wand.

»Ich verstehe es nicht«, flüstert er. »Er hat alle getötet, auch sich selber.«

Dienstag, 21. August 1945

Es ist nachmittags um 15.30 Uhr. Christa Nussbaumer und Olga Maurer stehen in der Garderobe des Kindergartens Riedmatt. Noch hängen ein paar vergessene Jacken und Mützen an Kleiderhaken, die Pantoffeln sind unter den Sitzbänken aneinandergereiht. Es riecht nach Znünibrot und Most.

Die Kinder sind weg, einige wurden von der Mutter oder einer Schwester abgeholt. Die meisten haben sich ohne Begleitung auf den Heimweg gemacht, zu zweit oder in Gruppen.

Christa hat Evis Mutter gefragt, ob sie Zeit für ein kurzes Gespräch habe. Frau Maurer war einverstanden; ihre Tochter könne gut allein mit dem Kind der Nachbarn nach Hause gehen, dort erwarte sie Heidi, die Schwester.

Sie treten in den Arbeitsraum. Farbiges Spiel- und Lernmaterial liegt, in Schachteln versorgt, auf Tischen und Simsen gestapelt. An den Wänden kleben bunte Kinderzeichnungen, Bilder von Häusern und Gärten im Dorf schmücken das Zimmer, lokale Künstler haben sie gemalt. Von einer Kommode herab äugen Hunde und Katzen, Löwen und Elefanten wachen über das wohnliche Kinderreich, flankiert von lustig gekleideten Puppen. Die niedrigen Holzstühle sind mit Farben und Formen markiert, sodass jedes weiß, wo es sitzt. Im hinteren Teil bilden ein paar Stühle einen Kreis.

»Wir haben heute nach der Erzählrunde mit den roten Stangen gearbeitet, mit Sandpapier und Holztafeln, wir spielten mit Zahlen und Wörtern zum Thema Trauben.«

Christa zeigt auf ein Wandbild mit Rebstöcken.

Frau Maurer nickt. »Evi kommt gerne in den Kindergarten, es ist ihr wohl. Schon Heidi gefiel, wie Sie unterrichten; sie bastelte gern mit Tannenzapfen und farbigem Klebepapier.«

»Evi ist sehr aufgeweckt, sie hilft, ohne zu murren, wenn’s ums Aufräumen oder Putzen geht. Das gilt nicht für alle.« Christa lächelt. »Schon Heidi gehörte zu den Hilfsbereiten und Lernwilligen, selbst wenn sie manchmal etwas übermütig war.«

»Ich erinnere mich: Einmal erzählte Heidi, dass eine Blumenvase zerbrochen sei, weil sie im Kindergarten herumgerannt war und mit andern Fangis spielte. Ihre Reaktion, Frau Nussbaumer, muss heftig gewesen sein. Auf jeden Fall war Heidi so beeindruckt, dass sie daheim eine Blumenvase zeichnete und sie am nächsten Tag als Entschuldigung in den Kindergarten brachte.«

»Die Zeichnung hat mich sehr gefreut, und die Sache war schnell vergessen. Wir nahmen den Vorfall zum Anlass, Tongefäße zu formen. So standen bald neue Vasen im Raum.«

Christa schmunzelt.

»Machen Sie es sich bequem.« Sie deutet auf einen Sessel beim Pult.

Die Nachricht vom Familiendrama im Hause Leutert hat sich übers Wochenende in Windeseile herumgesprochen, im Dorf und in der Fabrik.

»Ich will offen sein, Frau Maurer: Der Grund für das Gespräch ist nicht Ihr Kind. Vor vier Jahren, kurz nachdem ich in Rustikon die Kindergartenstelle der Fabrik angetreten habe, gehörte auch Lisbeth zur Kinderschar, die mich täglich in Trab hielt – Lisbeth Leutert.«

Eine unmerkliche Bewegung geht durch Olga Maurers kräftigen Körper, einen Moment schließt sie die Augen, dann schaut sie durchs Fenster ins Grüne. Sie späht hinaus, als erwarte sie eine Eingabe aus dem Jenseits. Die Augen glänzen wässrig.

Über dem Horizont glitzert die späte Nachmittagssonne am Himmel.

Fast im Flüsterton sagt Christa: »Sie haben die Familie gekannt … werden von der Bluttat gehört oder gelesen haben.« Sie hält inne. »Niemand versteht, was passiert ist … wie es dazu kommen konnte.«

Wenn irgendjemand etwas Ernsthaftes zum Unfassbaren sagen kann, sind es Evis Mutter und Vater, hat Christa vor dem Gespräch überlegt. Oskar Maurer arbeitet für ein Geschäft, das Gartenwerkzeuge verkauft, er kannte Georg Leutert beruflich. Die Familien besuchten einander, die Frauen sahen sich öfters.

Olga Maurer rinnen Tränen über die Wangen, die Augen suchen einen Fixpunkt. Man hat den Ferienbuben am Samstagmorgen zu ihr gebracht, mit der Bitte, ihn zu beruhigen und die Heimkehr nach Frankreich vorzubereiten. Sie mag Frau Nussbaumer gern und ist nicht abgeneigt zu berichten, wovon sie weiß und was sie denkt. Andererseits muss sie damit rechnen, dass das, was sie sagt, an andere Ohren dringen wird. Nicht zuletzt zu Erika Krütli, der Gattin des Fabrikherrn, die in der Aufsichtskommission die schützende Hand über den Kindergarten hält.

Olga schnäuzt die Nase.

»Man hatte Gilbert zu uns gebracht. Inzwischen ist der Franzosenbub abgereist, eine Frau vom Frauenverein hat ihn begleitet. Heute war die stille Bestattung der Familie.«

Sie wischt sich die Tränen von den Wangen.

»Ich war genauso schockiert wie alle andern, als ich es vernahm.«

Sie schüttelt den Kopf. »Was Georg zur fürchterlichen Tat getrieben hat, darüber kann ich nur Vermutungen anstellen.«

Christa hebt die Augenbrauen.

Seit sie von der Bluttat gehört habe, sagt Olga, könne sie an nichts anderes mehr denken. Sie und ihr Mann hätten stundenlang nach Gründen gesucht, um herauszufinden, was zur Tragödie geführt habe.

»Am vergangenen Mittwoch sah ich Doris das letzte Mal. Ich war bei ihr in ihrem Haus. Georg arbeitete währenddessen irgendwo in den Obstanlagen der Fabrik oder im Garten der Krütlis. Doris klagte, dass es ihrem Mann nicht gut gehe. Seit Wochen habe er Darmprobleme, die ihm zu schaffen machten. Der Arzt hätte zwar Medikamente verschrieben, sagte sie, doch ohne große Wirkung.«

Christa presst die Lippen aufeinander und schweigt. Olgas vorsichtiges Vertrauen will sie nicht gefährden.

Doris habe bei der Gelegenheit alle Fenster geschlossen, fügt Olga hinzu. »Sie sorgte sich mehr über Georgs seelischen Kummer als über die Darmprobleme. Ihr Mann war seit einiger Zeit sehr deprimiert und mit der Arbeit nicht zufrieden. Es waren alle gegen ihn, behauptete Doris. Nicht einmal der alte Krütli, welcher immer so freundlich gewesen sei, hätte ihm noch ein Wort gegönnt. Wenn Georg eine Hilfe bei der Arbeit verlangte, seien keine Leute für ihn frei gewesen.«

Olgas Stimme ist bestimmter geworden.

»In den vergangenen Wochen und Monaten hat Georg sich richtiggehend abgekapselt, das ist Oskar und mir auch aufgefallen. Den Kontakt zu anderen Arbeitern hat er abgebrochen. Umgekehrt mieden ihn die Arbeitskollegen, sie gingen ihm aus dem Weg. Warum genau, konnte oder wollte Doris mir nicht sagen.«

Olga atmet durch, sie sammelt Kraft, will das Gespräch beenden.

»In der Zeitung stand, dass Georg in einem Zustand geistiger Umnachtung gehandelt habe. Wie ist das zu verstehen?«, fragt Christa.

»Was heißt denn: geistige Umnachtung? Dass Georg nicht gewusst haben soll, was er tat?« Olga schüttelt unwirsch den Kopf. »Das glaube ich nicht. Krütli und ein Hilfsgärtner haben die Familie gefunden. Alles, was ich darüber vernahm, widerspricht der Aussage. Die Tat muss von Georg minutiös vorbereitet worden sein.«

»So habe ich die Tötung auch verstanden.«

»Georg hat sich uns gegenüber stets normal verhalten. Nichts anderes beobachtete ich in seinem Umgang mit Frau und Kindern. Er hat sie geliebt, davon bin ich überzeugt.«

Wenn sie ehrlich sein wolle, räumt Olga ein, sei ihr Bild von Georg Leutert lückenhaft.

»Georg war kein geselliger Mann, er war unzugänglich. Ein Sonderling. Viele sahen in ihm den stillen verschlossenen Chrampfer, gleichsam ein Arbeitstier, der sich im Umfeld nicht eben beliebt machte. Mit den Ansichten, die er vertrat, wirkte er auf mich manchmal verbissen. Immer wieder forderte er Gerechtigkeit für alle möglichen und unmöglichen Dinge.«

Olga macht eine Pause und legt die Stirn in Falten.

»Einmal muss er einen zermürbenden Streit gehabt haben, mit zwei Arbeitern aus dem landwirtschaftlichen Betrieb der Fabrik. Eine dubiose Geschichte wegen einer Vergiftung. Darüber weiß ich nicht viel mehr.«

Olga steht auf und verabschiedet sich. Das Gespräch habe sie aufgewühlt, sagt sie, länger möchte sie nicht über den Fall reden.

Christa bleibt allein zurück, niedergedrückt und ratlos.

Die Gedanken reisen zu Erika und ihrem Mann. Hat Erika die folgenschwere Absonderung des Gärtners nicht bemerkt?

Hatten die Krütlis einen Michael Kohlhaas im Dienst?

Das Ehepaar muss täglich mit Leutert zu tun gehabt haben.

Christa schaudert.

Freitag, 24. August 1945

Nachdenklich beobachtet Erika die braungraue Stockente, die sich zwischen Schilfbüscheln im Mühliweiher zu schaffen macht. Mit Emma Gamper sitzt sie auf der Bank neben dem Spielplatz, wo zwei kleine Kinder im Sandkasten Berge und Wassergräben anlegen, aufmerksam beobachtet von den Müttern.

Nach dem denkwürdigen Jass mit dem Gewerkschafterpaar Gamper, zu dem Erika ihren Mann genötigt hatte, sind die beiden Frauen Freundinnen geworden. Das war vor gut einem Jahr in der Kajüte des havarierten Raddampfers Schiller auf dem Vierwaldstättersee.1

Erika spricht leise.

»Leutert muss geisteskrank gewesen sein, behauptet der Hausarzt. Er habe an paranoidem Verfolgungswahn gelitten. Schwander hat Karl gegenüber sogar den Begriff der Schizophrenie erwähnt.«

Emma schaut verwundert. »Das hat er gesagt? Schwander vom Grüt? Ich kenne ihn, er hat mich bei der ersten Schwangerschaft begleitet.«

Erika nickt. »Natürlich im Vertrauen. Karl traf ihn am Tatort, Schwander ist auch Bezirksarzt. Da fällt schnell ein unbedachtes Wort.« Sie hält inne. »Er kennt die Krankheiten der Familie Leutert seit Jahren, von den Schwangerschaftsbeschwerden der Frau zu Beginn der 30er-Jahre über berufliche Unfälle bis zu einer kürzlich festgestellten Darmvergiftung. Leutert klagte uns gegenüber über Rheumaschmerzen, eine Gärtnerkrankheit.«

Emma schweigt.

Sie hat Georg Leutert kaum gekannt, sah ihn kletternd auf Bäumen beim Schneiden der Äste oder in Gemüsebeeten hackend, wenn sie vom Dorf hinunter zur Fabrik ging. Das Meiste, was sie über Leutert weiß, hat sie von Gottlieb, ihrem Mann, der Georg als misstrauischen Arbeitskollegen geschildert hat, politisch unzuverlässig. Als einen, dem das Kameradschaftsgefühl eher fremd gewesen sei und der oft überempfindlich reagiert habe. Leutert habe oft abseits der Fabrikhallen gearbeitet, allein oder mit Hilfsgärtnern.

»Ich habe keine wirklich schlechten Erinnerungen an ihn«, sagt Erika traurig.