Seelen-Abwasser - Peter Hofinger - E-Book

Seelen-Abwasser E-Book

Peter Hofinger

0,0
16,99 €

oder
-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

In diesem Buch blickt der Autor augenzwinkernd zurück auf viele Jahre der Selbstfindung, wobei er prägnante Erlebnisse von der Kindheit bis zum Erwachsenwerden in originellen Episoden wieder aufleben lässt. Kurzweilige Geschichten aus den Bereichen Familie, Freundschaft, Schule, Arbeit und Erziehung offenbaren herausfordernde Situationen, in denen Emotionen nicht gezeigt werden dürfen, zurückgehalten werden oder plötzlich doch noch zum Vorschein kommen. Seelen-Abwasser ist das Ergebnis intensiver Biografie-Arbeit und zugleich leichte, angenehme Lektüre.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2023

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Im Gedenken an meine Vorfahren

für meine Nachfahren

Inhaltsverzeichnis

EINLEITUNG

00. FRUSTRAN

DAHEIM

01. GITTERSTÄBE

02. CHEFIN

03. KAUFMANN

04. CHRISTBÄUMCHEN

05. ROSE

06. TRADITIONEN

07. RADRENNEN

08. ABKASSIEREN

09. FRANKFURTER

10. TANTE ANNY

11. TANTE ANNA

12. WOHNUNG

13. FRANZ

14. HANNES

15. HERMANN

16. TIBOR

17. HO-SHEN-FU

18. ERZKATHOLISCH

19. FREITAG

20. ESSEN

21. BÜRO

22. REGISTRIERKASSE

23. ZORRO

24. PENDELUHR

25. OPA

26. RÄUCHERN

27. WEIHNACHT

28. UNFALL

29. FLÖTE UND BLASROHR

30. LEINE

31. GEDICHT

32. MUND AUF

33. SONNE

34. FRITZ

35. SCHI FAHREN

36. PEDOSKOP

37. SCHWEINE

38. SCHLANGE

39. TURM

40. TESTBILD

41. ENTSCHEIDUNG

IM HEIM

42. IN EWIGKEIT AMEN

43. FLECKEN

44. MESSE

45. WÜRFELZUCKER UND EIS

46. HAUSSCHUHE

47. AUFSICHT

48. KARTOFFEL

49. BESCHÄDIGUNGEN

50. MÜLLER

51. SCHRIFTSTELLER

52. MUSIKUNTERRICHT

53. HANSJÖRG

54. MOPED

55. UNTERSUCHUNG

56. RIO

57. VERDACHT

UMBRUCH

58. KONKURS

59. WULF

60. HEIMARBEIT

61. EINKAUFSZETTEL

62. SCHULWECHSEL

63. KLAUS

64. SONNENGRUß

65. TURNSCHUHE

66. SPRECHSTUNDE

67. LATEIN

68. PAKET

69. KERZE

70. ÜBERZEUGUNGEN

71. EXPERIMENT

72. SCHWIMMUNTERRICHT

73. ZELT

74. BLEICHGESICHT

75. FERIALARBEIT

76. HÖREN UND SEHEN

77. TONBAND

78. KÄLTE

79. AUFBRUCH

80. LIVE

81. SCHRIFTSETZER

82. SCHALLPLATTENVERKÄUFER

83. LEDER

84. BERUFSBERATUNG

ABSCHLUSS

85. TEEWASSER

86. FERTIG

87. VERBOGEN

88. WIE VIEL?

89. SPITZNAMEN

90. BASAR

91. ENTE

92. OSTEN

93. IM BUS

94. FRAUEN

95. AFFE

96. MATURA

97. JUGEND

98. VERKEHR

99. TANKSTELLE

100. PLAKATE

101. BILDER

ZWISCHENBERICHT

102. DER NEUE

HALBWAISE

103. STIMMUNG

104. AKTEN

105. DAS GESPRÄCH

106. BLUES

107. SCHLÄGER

108. PSYCHIATRIE

109. AUFMERKSAMKEIT

110. HANDLESER

111. BLUTVERGIFTUNG

112. PUTZMANN

113. GELÜBDE

114. ZAHLEN

115. LEER

116. MUTATION

117. ÜBERSIEDLUNGEN

ERFAHRUNGEN

118. DAMENBESUCH

119. RAUCH

120. OFEN

121. RENNRAD

122. MINIATUREN

123. SCHERE

124. WAFFE

125. JEANS

126. STÖCKELSCHUHE

127. GRENZEN

128. ALTBAU

129. KLEIDERSTÄNDER

130. SCHÜTTELN

131. FRÜHSTÜCK

132. INSEL

133. PFLASTERSTEINE

134. BEEINDRUCKEND

135. ENTBEHRLICH

136. JAZZLOKAL

137. FLASCHE

138. AUFNAHMEN

139. MARS

WANDEL

140. FANNY

141. KNOTEN

142. AUSFAHRT

143. SAUNA

144. LÄCHELN

145. BETTLER

146. WOHNGEMEINSCHAFT

147. SELBSTERFAHRUNG

148. ACHTSAMKEIT

149. VERÄNDERUNG

ENDBERICHT

150. HEILUNG

151. SEELENWASSER

ANHANG

152. BEFREIUNG

153. SCHLAUCH

154. VERLETZUNGEN

155. WEG

DANKSAGUNG

Einleitung

Frustran

Nichts geht mehr.

Die Schmerzen beim Versuch zu urinieren sind so groß und das Ergebnis dabei trotzdem gleich Null, dass ich meinen Hausarzt aufsuchen muss. Ich vermute einen Harnwegsinfekt, doch die Untersuchung zeigt, dass Blut- und Harnwerte in Ordnung sind. Also ab zum Facharzt.

Der Urologe macht eine Ultraschall-Untersuchung und staunt über meine volle Blase.

Da ist ja mehr als ein Liter drin, eher zwei, schätzt er, während er mir einen Katheter verpasst.

Das ist ein Dauerkatheter, den musst du jetzt drei Wochen drin lassen. Nein, warte, ich bin eine Woche auf Urlaub, der nächste Termin ist dann also in fünf Wochen. Übrigens, normaler Weise hat man einen halben Liter Harn in der Blase, aber in deiner waren beinahe drei Liter!

Zeit, den Katheter wieder zu entfernen. Endlich! Aber wieder ist es mir danach nicht möglich, problemlos Wasser zu lassen. Der erneute Ultraschall bestätigt auch diesmal, dass keine vergrößerte Prostata vorhanden und auch der PSA-Wert einwandfrei ist. Die Ursache für den Harnverhalt bleibt somit im Dunkeln.

Kann man halt nix machen, meint der Urologe und verpasst mir wieder einen Dauerkatheter.

Du hast drei Möglichkeiten: Entweder trägst du ab sofort immer einen Dauerkatheter oder du musst täglich sechsmal Kathetern bis zum Lebensende. Oder aber du machst eine OP zum Ausschaben der Prostata, vielleicht hilft`s ja was. Also ich an deiner Stelle würde die OP machen lassen, ich könnte jetzt gleich ein Schreiben aufsetzen für die Klinik, dann bekommst du schnell einen Operationstermin. Und überhaupt, so fasst er die Lage zusammen, in deinem Alter, also über 60, kann es schon mal vorkommen, dass der Blasenmuskel einfach kaputt ist.

Es geht mir zwar alles viel zu schnell, trotzdem bin ich bereit, mich operieren zu lassen, bis kurz darauf die Vernunft wieder Oberwasser bekommt. Ist ein Eingriff nach dem Motto äußerst unwahrscheinlich, dass es etwas nützt und hoffentlich schadet`s nicht allzu viel wirklich die allerbeste Idee?

Ich muss laut lachen, als ich später im Befundbericht lese, der Arzt hätte ein ausführliches Gespräch mit mir geführt. Während der paar Minuten?

Nach Ablegung der anfänglichen Schockstarre versuche ich, eine Zweitmeinung einzuholen und bitte die Ordinationshilfe des Urologen, den Befund weiterzuleiten, worauf sie beleidigt reagiert und aus dem freundschaftlichen Du ein kaltes Sie wird.

Drei Wochen lang vertiefe ich mich in das Thema Katheterisierung und verschaffe mir einen Überblick über Beinbeutel, Nachtbeutel, Ablassventile, Harnmengen, Harnwegserkrankungen und verschiedene Arten von Katheter.

Beim Termin bei einem anderen, bereits älteren und erfahrenen Urologen führt dessen Assistentin einen neuen Ablassversuch durch, wie das die Fachärzte nennen, wenn man versuchen soll, auf Befehl zu Pinkeln. Es klappt wieder nicht, daher legt sie mir erneut einen Dauerkatheter.

Der Urologe selbst kann für ein Gespräch mit mir immerhin fünf Minuten erübrigen. Da er während dieser Zeit nicht mich ansieht, sondern unentwegt auf den Computer vor ihm starrt, frage ich mich, ob er mit mir oder mit seinem Bildschirm spricht. Mit Sicherheit ist er jedenfalls kein leuchtendes Beispiel für eine am Patienten orientierte Medizin. Im Arztbericht lese ich später, das Ergebnis sei frustran gewesen. Stimmt genau.

Ich melde mich an für eine Selbst-Katheterisierungs-Schulung an der Neuro-Urologischen Klinikambulanz. Nach einer kurzen theoretischen Einführung geht es zur Praxis.

Nein, in diesem Zustand können Sie auf keinen Fall selber Kathetern, erklärt mir die Krankenschwester nach einem Harntest, der eindrücklich beweist, dass ich die Schmerzen bei der Einführung des Plastikschlauchs nicht vorgetäuscht habe.

Zuerst brauchen Sie eine Antibiotika-Behandlung, um die Entzündung loszuwerden, erklärt sie mir.

Der Leiter der Ambulanz bestätigt ihre Aussage und nimmt sich viel Zeit, die verzwickte Lage mit mir zu besprechen.

Oh, das ist aber ein nettes Team, denke ich, während mir Dauerkatheter Nummer vier eingesetzt wird.

Nach ein paar Tagen erfolgt ein neuerlicher Versuch des Umstiegs auf Einmalkatheter. Diesmal klappt es sehr gut. Ich habe mich soeben zum ersten Mal und erfolgreich selbst katheterisiert. Endlich bin ich den lästigen Schlauch los, zumindest als ständige Belastung und Belästigung. Ein Hochgefühl!

Ab sofort erfahre ich am eigenen Leib, wie hinderlich fehlende oder leere Seifenspender, nicht nachgefüllte Papiertücher und unhygienische Zustände auf öffentlichen Toiletten sein können, schließlich besteht immer die Gefahr eines Harnwegsinfektes.

Beim Behindertenrat fordere ich einen speziellen Schlüssel an, um Zugang zu barrierefreien WCs zu erhalten, die erhöhte Sauberkeit und ausreichend Platz zum Hantieren mit den erforderlichen Utensilien versprechen.

Da die Schulmedizin mit ihrem Latein am Ende ist, probiere ich es mit Akupunktur, chinesischen Heil-Tees und Moxa-Therapie bei einer jungen empathischen Ärztin, spreche über meine gesundheitliche Situation mit einer erfahrenen Psychotherapeutin und bitte eine Astrologin, einen Blick in mein Horoskop zu werfen. Ich lasse mich des Öfteren mit Cranio-Sacral-Therapie behandeln und gehe regelmäßig zu einem kompetenten Physiotherapeuten, der auch Osteopathie beherrscht. Nach einer Fußreflexzonen-Massage heißt es, organisch sei bei mir alles in bester Ordnung.

Auch wenn die kleine braune Ledertasche, in der Desinfektionsmittel und Katheter für unterwegs verstaut sind, zu meinem ständigen Begleiter wird und ich mich langsam an mein Handicap gewöhne, stellen sich mir viele Fragen: Bin ich der Paradefall der Psychosomatik? Wurde mein Harnverhalt einzig und allein durch Stresssituationen verursacht oder durch mein Denken und Fühlen erzeugt? Sind frühere Verletzungen körperlicher oder seelischer Art die Ursache dafür?

Langsam bekomme ich eine Ahnung dafür, was mir mein Körper durch das akute Blasenproblem sagen will, denn Erinnerungen an viele geweinte und mindestens ebenso viele nicht geweinte Tränen kommen an die Oberfläche.

Höchste Zeit also, das schon lange geplante Buch über meine Kindheit wirklich in Angriff zu nehmen…

Daheim

Gitterstäbe

Ich schreie und schreie, ohne dass man es hören kann.

Etwas drückt mich nieder, liegt tonnenschwer auf mir. Wie durch einen Nebel verschwommen sehe ich Wesenheiten um mich herumtanzen. Sie nähern sich bedrohlich.

Ich versuche, sie durch mein Schreien zu vertreiben, aber es gelingt mir nicht. Kein Laut kommt aus meinem kleinen Mund.

Ich sehe Stäbe, fühle mich gefangen, kann mich nicht bewegen, bin allein. Ganz allein.

Ich schreie so lange, bis es mir gelingt, die Schallmauer zwischen Unhörbarem und Hörbarem zu durchbrechen.

Ich versuche, meine Füße zu bewegen, mich frei zu strampeln, aber etwas lastet so schwer auf mir, dass ich mich kaum rühren kann. Tränen fließen mein Gesicht entlang.

Gelächter. Unbekannte Wesen beugen sich zu mir herab. Sie machen mir Angst.

Mein Schreien steigert sich, wird lauter und lauter, jemand muss mich doch hören können!

Warum kommt denn niemand? Ich brülle und spüre, wie ich im Nassen liege.

Plötzlich bewegen sich die Wesen zur Seite, schweben in den Hintergrund. Ich höre jemanden die Stiege heraufkommen und schreie so laut ich kann.

Was ist denn los? Bist du schon wach?

Ich wimmere und schüttle mich in Weinkrämpfen.

Endlich wird meine Mutter geholt, sie befindet sich einen Stock tiefer, im Geschäft.

Sie befreit mich vom schweren Bettzeug, hebt mich aus dem Gitterbett, nimmt mich in den Arm, wiegt mich hin und her, während ich vor mich hin schluchze.

Es dauert, bis ich mich beruhigt habe.

Aber jetzt ist alles wieder gut.

Außerdem heißt es: Schreien stärkt die Lunge.

Chefin

Wahrscheinlich hat sich meine Mutter nach der Geburt zweier Söhne, Franz und Hannes, eine Tochter gewünscht, doch dann brachte sie doch wieder einen Buben zur Welt: Hermann. Und dann kam ich: Peter, also wieder keine Tochter. Meine Mutter muss enttäuscht gewesen sein.

Nicht, dass sie mich das jemals spüren ließ, aber auf einigen Kindheitsfotos könnte man einen von uns auf Grund der langen blonden Locken für ein Mädchen halten.

Ich sehe meine Mutter nicht sehr oft, sie hat meistens im Geschäft oder Büro zu tun und wird von uns Chefin genannt.

Jahrelang hat sie mit Koliken zu kämpfen. Nach einer Operation zeigt sie uns die Gallensteine, die ihr entfernt wurden. Da sind einige sehr große Trümmer darunter und jede Menge kleinere.

∞∞∞

Als ich als Erwachsener rückblickend von meiner Kindheit erzähle, meint Gustl, ein Psychotherapeut, mit dem ich gemeinsam Zivildienst leiste: Das klingt ja so, als hättest du nie eine Mutter gehabt!

Worauf ich erbost erwidere: Spinnst du? Natürlich habe ich eine Mutter gehabt!

Aber er hat einen wunden Punkt getroffen, denn oft fühlte es sich tatsächlich so an, als wäre sie nie für mich da gewesen.

Kaufmann

Mit meinem Vater spreche ich nicht viel. Das liegt daran, dass er ein äußerst stiller Mensch und zudem mit seinem Elektrogeschäft vollauf beschäftigt ist.

Er überlebt den 2.Weltkrieg, heiratet, vier Kinder, eröffnet ein Elektrounternehmen, unterstützt den Bau eines Elektrizitätswerks, führt viele Jahre lang im ganzen Bezirk Installationen durch und ist der erste vor Ort, der Fernsehgeräte verkauft.

Wir sind eine angesehene Kaufmannsfamilie.

Christbäumchen

Seit ein paar Monaten zieht sich mein Vater regelmäßig in seine Werkstatt zurück.

Meiner Mutter fällt zwar auf, wie viel Zeit er noch abends nach Geschäftsschluss dort verbringt, aber da er immer eine passende Begründung liefern kann, wird sie nicht misstrauisch.

Mein Vater legt sich einige Kabel zurecht, entfernt deren graue Isolierung, kürzt die darunterliegenden verschiedenfarbigen Drähte und verbindet die winzigen Teile miteinander mit Hilfe eines Lötkolbens und etwas Zinn. Das Problem dabei: sobald er ein Stück dazu lötet, wird die entstehende Hitze über den Metalldraht weitergeleitet, wodurch das bereits angebrachte und inzwischen hart gewordene Zinn erneut weich wird, abtropft und sich bereits zusammengelötete Teile wieder ablösen. Die ganze Mühe umsonst!

Wie oft muss er wohl wieder von vorne angefangen haben?

Stunden um Stunden verbringt er damit, die einzelnen Teile zusammenzufügen bis sein Weihnachtsgeschenk endlich und gerade noch rechtzeitig fertig wird: ein nur etwa fünfzehn Zentimeter hoher Christbaum mit roten Kerzen darauf, winzig kleine Brezeln und Geschenkpäckchen hängen an den Ästen, auf der Spitze des Bäumchens prangt ein hellgelber Stern. Alles einzig und allein aus verschiedenfarbigen Drähten und etwas Lötzinn gefertigt.

Ein wundervolles Kunstwerk, das keiner außer ihm zu produzieren imstande ist, denn niemand sonst hat so unendlich viel Geduld.

Rose

Bei unseren sonntäglichen Spaziergängen geht mein Vater immer ein paar Schritte hinter uns her. Es ist ein Ding der Unmöglichkeit, ihn dazu zu bringen, vor uns zu gehen oder zumindest unter den Vorderen zu sein. Auch gelingt mir nie, zu ergründen warum das so ist.

Bevor wir losgehen, holt er seinen kleinen runden Spiegel aus der Jackentasche, kämmt sich die spärlichen Haare über den Kopf zurück und zieht seine Krawatte zurecht.

Geht nur vor, ich komme gleich nach!

Damit er nicht immer ganz alleine hinterher zockeln muss, geht eine Zeit lang meine Mutter neben ihm her.

Kommen wir an einem üppigen Rosengarten vorbei, zückt Vati die kleine Schere, die er immer mit sich führt und schneidet eine rote Rose ab, die er dann mit einer galanten Verbeugung Mutti überreicht. Sie freut sich immer sehr über sein duftendes Geschenk, aber meine Brüder bezichtigen ihn lautstark des Diebstahls und stellen grinsend wilde Vermutungen an, wie viele Jahre Gefängnis er dafür absitzen muss.

Schmunzelnd erklärt er uns: Alles, was über den Zaun wächst, gehört der Allgemeinheit!

Traditionen

Wenn am Sonntag die Blasmusikkapelle aufspielt und durch den Ort zieht, durchzuckt es meinen Vater und er marschiert fröhlich summend und wie ferngesteuert hinterdrein. Marschmusik ist tatsächlich das Einzige, was imstande ist, bei ihm eine etwas zügigere Gangart als üblich zu bewirken.

Ich kann den Tschinellen Spieler nicht aus den Augen lassen. Immer warte ich darauf, dass er seine Nase mit den glänzenden Tschinellen erwischt und einquetscht. Aber das passiert doch nie. Zumindest nicht dann, wenn ich hinsehe.

An besonderen Tagen rückt die Schützenkompanie aus. Mit dabei ist ein Mann, der die Böllerkanone schiebt und bedient. Er macht einen aufgedunsenen Eindruck, seine Haut ist rot wie die eines Alkoholikers. Sowohl die Visage als auch seine plumpen Hände sind über und über mit schwarzblauen Punkten übersät und ich finde es spannend zu sehen, wie er die Kanone mit Schwarzpulver stopft.

Ob er wohl wieder in das Rohr hinein schaut während alles explodiert?

Radrennen

Großes Fahrradrennen. Ein kleiner Mann mit runder Brille ist auch dabei.

Vom Start weg führt er die Kolonne an und baut seinen Vorsprung immer mehr aus bis er einsam an der Spitze liegt. Über Pässe und Bezirksgrenzen verläuft die lange Strecke und führt schließlich wieder zurück in den Ort. Gleich hat er es geschafft, der Zieleinlauf ist bereits in Sichtweite. Ein letztes Mal tritt er voll in die Pedale und schießt mit enormem Tempo ins Ziel.

Aber was ist da los? Keiner ist da, der ihm zujubelt, die Zielfahne schwenkt oder zu seinem Sieg gratuliert. Was ist passiert? Wo sind denn alle?

Beunruhigt begibt er sich auf die Suche und wird fündig: beim Wirt am Hauptplatz, in der Gaststube.

Die Jury hatte alles für den Zieleinlauf vorbereitet und sich anschließend ins Gasthaus zurückgezogen, schließlich sind die Teilnehmer gerade erst gestartet und die ersten werden frühestens in einer Stunde das Ziel erreichen, aller frühestens! Bis dahin: Wirt, bitte noch ein großes Bier!

Was für ein Hallo, als mein Vater völlig verschwitzt durch die Tür spaziert. Keiner der Anwesenden kann es fassen, dass er bereits wieder am Ziel angelangt ist.

Der unzweifelhafte Sieger des Radrennens scheucht die Juroren aus der Gaststube, wenig später fahren der Zweit- und Drittplatzierte durchs Ziel und nach und nach trifft auch der Rest der Sportler ein.

Kaum zu glauben, dass mein Vater mit dem Fahrrad so schnell war!

Abkassieren

Das wird sicherlich ein netter Ausflug. Meine Eltern sind bestens gelaunt und kutschieren uns ganz gemütlich im Auto ins Grüne.

Wir werden auswärts essen, in einem Wirtshaus mit Gastgarten, bunter Blumenwiese, vielen Schatten spendenden Kastanienbäumen, einem Spielplatz mit Rutsche und Sandkiste, daneben ein kleines Bächlein.

Heute dürft ihr alles bestellen, was ihr möchtet, versichern sie uns und liefern auch gleich die Erklärung dafür:

Der Wirt schuldet uns Geld, daher werden wir heute die offene Rechnung abkassieren. Vielleicht lädt er uns ja sogar ein, weil die Bezahlung für die Installationen überfällig ist.

Am Ziel angekommen frage ich, ob ich ein Kracherl haben darf und siehe da, gleich darauf steht köstliche Himbeer-Limonade vor mir auf dem Tisch. Wir essen gut und ausgiebig, als Nachspeise gibt es sogar noch gemischtes Eis mit Schlag und Waffeln, anschließend versuche ich gemeinsam mit meinen Brüdern den Bach mit Hilfe von Steinen umzuleiten.

Als wir damit fertig sind, verlangt mein Vater nach dem Chef des Hauses. Der Kellner verschwindet in Richtung Küche, um ihn zu holen, kommt aber wieder alleine heraus.

Da nichts weiter passiert, erinnert ihn mein Vater nochmals daran, dass er mit dem Besitzer sprechen will. Ich werde es ihm ausrichten, heißt es und wir warten und warten.

Schließlich kommt der Kellner zurück. Tut mir leid, ich muss jetzt abkassieren, sagt er.

Mein Vater erklärt ihm, dass er zuerst vom Wirt das Geld erhalten möchte, was er ihm schon seit vielen Wochen schuldet.

Der Chef ist nicht da, sagt der Kellner.

Gibt`s ja nicht, wir haben ihn doch vor ein paar Minuten noch selber gesehen, als er dort drüben die Gäste begrüßt und zu uns herübergewinkt hat.

Kann schon sein, sagt der Kellner, aber jetzt ist er nicht mehr da. Und nun muss ich wirklich endlich abkassieren.

Der Wortwechsel dauert noch eine Weile an, bis mein Vater genervt seine kleine schwarze Geldtasche zückt, sämtliches Bargeld zusammenkratzt und damit die Zeche bezahlt. Niemand soll ihm nachsagen können, dass er seine Rechnungen nicht begleicht.

Auf der Rückfahrt kommt ihm kein Sterbenswörtchen über die Lippen. Aber wir wissen auch so, dass er wütend ist auf den Wirt, der sich verleugnen ließ und sich somit weigerte, die Schuld zu begleichen.

So rasant und forsch, dass es uns in den Kurven auf der Rückbank wild hin und her wirft, fährt er sonst nie.

Äußerst selten aber doch kann sogar meinem Vater der Geduldsfaden reißen. Allerdings bleiben, auch wenn er sich grün und blau ärgert, seine Lippen versiegelt.

Frankfurter

Auf dem Elektroherd steht ein Kochtopf, zu zwei Drittel mit Wasser gefüllt, daneben eine Tube Kren-Senf und ein Teller, darauf ein Paar Frankfurter-Würstl sowie zwei Scheiben Schwarzbrot.

Mein Vater bleibt niemals alleine zu Hause, nur heute ist das ausnahmsweise der Fall. Meine Mutter möchte nicht, dass ihre Abwesenheit für ihn ein Problem darstellt und zeigt ihm, was sie für ihn als Mittagessen vorbereitet hat. Mein Vater isst Würste sehr gern. Er muss sie nur noch in den Topf geben, den Schalter am Herd auf Stufe drei drehen und in wenigen Minuten ist sein Essen fertig.

Als ich mit meiner Mutter spätabends zurückkomme, sehe ich auf dem Herd einen Topf stehen, zu zwei Drittel mit Wasser gefüllt, daneben eine Tube Kren-Senf und ein Teller, auf dem ein Paar Frankfurter sowie zwei Scheiben Brot liegen.

Fünf-Sterne-Koch wird mein Vater keiner werden.

Tante Anny

Fürs Kochen, Waschen, Bügeln und Putzen ist die Schwester meiner Mutter, Tante Anny, zuständig, denn sie ist unsere Haushälterin.

Ihr Verlobter ist im Krieg gefallen und sie zeigt kein Interesse, sich wieder einen Mann anzulachen, also ist sie alleinstehend. Sie wohnt zwar in einer eigenen kleinen Wohnung in der neu erbauten Siedlung, aber untertags ist sie bei uns und sorgt für Ordnung und einen geregelten Tagesablauf. Vor allem das Mittagessen muss rechtzeitig auf dem Tisch stehen, damit die Mittagspause nicht überzogen wird, schließlich muss das Geschäft wieder pünktlich aufgesperrt werden.

An manchen Tagen arbeitet Tante Anny auch in einer Medikamentenfabrik und wir müssen regelmäßig kleine Fluor-Tabletten gegen Karies schlucken, wobei immer wieder die Diskussion aufflammt, ob das tatsächlich so gesund oder, wie meine Brüder meinen, sogar schädlich sei.

In Tante Annys Hausapotheke darf Wipferl-Sirup, aus Trieben von Fichten hergestellt, nie fehlen. In der Erkältungszeit wird er herausgeholt und auch wenn man mal nicht krank ist, darf man ab und zu ein Löffelchen vom süßen goldenen Sirup naschen.

Tante Anny verlegt manchmal Sachen. Dann ruft sie Antonius, einen der 14 heiligen Nothelfer, zu Hilfe und ist überglücklich, wenn das Gesuchte im Laufe des Tages wieder zum Vorschein kommt.

Siehst du, sagt sie, Antonius hilft immer!

Tante Anna

Tante Anna, eine Tante väterlicherseits, fährt mich manchmal im Kinderwagen herum. Meistens führt unser Weg zu den Bahnschranken.