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Mia ist zwanzig und ihr Leben scheint perfekt zu sein. In wenigen Monaten wird sie heiraten. Doch sie spürt eine Leere im Herzen und die Zweifel an der Hochzeit wachsen. Zudem hat sie seltsame Träume von einem Wolf, die sie nicht mehr loslassen. Ihre beste Freundin überredet sie zu einer Reise nach Kanada. In einem abgelegenen Dorf in den Rocky Mountains lernt Mia den Glauben an alte indianische Ideale kennen sowie die Zusammengehörigkeit von Mensch und Natur. Und dass nur wirklich glücklich werden kann, wer einen Seelenpartner findet – egal, ob Mensch, Tier oder Element. Ihre Weltanschauung wird auf den Kopf gestellt. Als Mia den arroganten Einzelgänger Jace kennenlernt, führen ihr Kopf und ihr Herz einen bitteren Kampf gegeneinander. Ebenso bringt sein Schicksal beide in große Gefahr.
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Seitenzahl: 462
Veröffentlichungsjahr: 2016
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Manu Brandt
Seelenblau
In der inneren Stille hört jede Bewegung des Denkens auf
und das Herz beginnt zu sprechen.
Die Einsamkeit festigt die Liebe,
macht sie demütig und einzigartig.
«Mia?«
»Hm?«
»Bist du schon wach?«
»Hm.«
Langsam schaute ich unter meiner Bettdecke hervor und blinzelte Thomas an, der neben mir lag. In ein paar Minuten würde der Wecker klingeln. Wir waren meistens kurz vor seinem schrillen Weckruf bereits wach, doch letzte Nacht hatte ich erst gar kein Auge zubekommen. Wie immer, wenn mir zu viele Gedanken durch den Kopf gingen, was in letzter Zeit häufiger vorkam, als mir lieb war. Ich sehnte mich danach, eine Nacht durchzuschlafen und mich nicht von einer Seite auf die andere zu wühlen, begleitet von der Angst, Thomas damit zu wecken und ihm sagen zu müssen, was mich beschäftigte. Er wusste um meine Schlafstörungen, wenn mich etwas bedrückte und er ließ mich nicht eher in Ruhe, bis ich ihm Rede und Antwort gestanden und meinen Frust von der Seele geredet hatte. Doch dieses Mal konnte ich nicht mit ihm darüber reden.
Draußen begann es zu dämmern und die Vögel sangen mittlerweile ihr Morgenlied. Der Frühling konnte für mich gar nicht schnell genug kommen. Ich hasste den kalten Winter, auch wenn unser Skiurlaub dieses Jahr wirklich toll gewesen war. Wir hatten uns eine kleine romantische Holzhütte in der Schweiz gemietet. Dort lag richtiger Schnee und nicht solch ein Matsch wie hier in Deutschland. Wir waren über Weihnachten dort geblieben – nur Thomas und ich. Weit weg von all dem Familienstress, der zu Hause auf uns gewartet hätte.
Ich stellte den Wecker aus, bevor er klingeln konnte und mein Blick fiel auf den Ring, den ich seit Heiligabend trug.
»Willst du meine Frau werden?« Natürlich wollte ich. Ich musste nicht überlegen, denn bereits seit Monaten wünschte ich mir, dass Thomas mich das fragen würde. Ich malte mir unsere Zukunft in den buntesten Bildern aus: Wir würden uns ein Haus mit großem Garten kaufen, zwei Mal im Jahr in den Urlaub fahren und später auch Kinder bekommen. Ein perfektes Familienleben, wie es sich wohl jede Frau wünschte. Für mich war das alles so klar, dass ich es gar nicht hinterfragte. Bis jetzt.
»Soll ich uns Frühstück machen oder willst du wieder erst im Büro essen?«, fragte mich Thomas, während er aufstand und die Vorhänge öffnete.
»Büro.« Ich zog die Decke wieder über meinen Kopf und wollte noch ein paar Minuten liegen bleiben. Ich war tierisch müde und auf die Arbeit hatte ich erst recht keine Lust. Seit einiger Zeit wurden immer mehr Leute bei uns entlassen. »Sparmaßnahmen« wie es immer so schön hieß. Nur wurden die Aufträge leider nicht weniger und mussten trotz der Entlassungen abgearbeitet werden. Es fiel mir nicht gerade leicht, mir unter Stress neue Werbeslogans einfallen zu lassen. Also saß ich mit Lisa bis spät in die Nacht am Schreibtisch und wir versuchten, aus unseren ausgedörrten Hirnen noch etwas Brauchbares heraus zu quälen – letzte Nacht leider erfolglos. Lisa und ich waren eigentlich ein eingespieltes Team. Wir schafften es immer wieder, uns aufzumuntern, wenn es nicht gut lief, um vielleicht noch einen winzigen Geistesblitz hervorzurufen. Meistens war es jedoch Lisa, die mich aufbauen musste, da ich oft zu schnell aufgab. Das machte sie in den Jahren, in denen wir bereits zusammen arbeiteten, zu meiner besten Freundin.
»Ich muss auch schnell los. Wir haben heute Morgen eine wichtige Besprechung. Drück mir die Daumen, dass es klappt.« Thomas zog meine Decke herunter und drückte mir einen Kuss auf die Stirn. Wenn er das machte, fühlte ich mich immer wie ein kleines Kind, dessen Vater sich von ihm verabschiedete und einen schönen Schultag wünschte.
Thomas hatte seit Jahren hart gearbeitet, um sich als stellvertretender Geschäftsführer bewerben zu können. Heute sollte nun das Gespräch stattfinden, welches ihm den Aufstieg ermöglichen sollte – oder eben nicht.
Mein Kopf brummte bereits vor dem Aufstehen. Kein Wunder, nach dieser schlaflosen Nacht mit all den Gedanken. In unserer Beziehung drehte sich alles um die Arbeit. Entweder stand seine Arbeit und seine Beförderung im Mittelpunkt oder wir diskutierten über meine Arbeit und darüber, wie wir die Aufträge mit weniger Leuten schaffen könnten. Thomas gab mir Ratschläge, die ich meinem Chef weiterleiten sollte, was ich aber nie tat. Ich wollte mich nicht wichtig machen oder als Klugscheißer dastehen. Erst recht nicht vor meinem Chef. Wirklich Feierabend hatte deshalb keiner von uns beiden mehr. Auch wenn wir keine Arbeit mit nach Hause nahmen, in unseren Köpfen war sie ein ständiger Begleiter. Die wenigen Urlaube, die wir machten, genoss ich deswegen um so mehr. Wenn mein Kopf frei von allen Problemen war, erinnerte ich mich gerne an die Zeit zurück, in der ich Thomas kennengelernt hatte. Das war eigentlich noch gar nicht so lange her. Zwei Jahre waren seitdem erst vergangen.
Kurz vor meinem 18. Geburtstag hatte ich ihn auf einer Party getroffen. Thomas war mir sofort aufgefallen, denn er war nicht dermaßen besoffen wie die anderen Männer und ich konnte mich super mit ihm unterhalten. Seine braunen Augen waren mir von der ersten Minute an sehr vertraut, als würde ich sie schon ewig kennen. Er war durchtrainiert, hatte starke Arme, in denen ich mich sicher fühlen sollte. Seine kleinen blonden Locken ließen ihn jünger wirken, als er war – damals schon sechsundzwanzig. Mit dieser Frisur erinnerte er mich an die Engelsstatue, die in der Kirche stand, in die meine Oma mich jedes Jahr zu Weihnachten geschleppt hatte. Ich glaubte fest daran, meinen persönlichen Engel gefunden zu haben.
Nach unserem ersten Kennenlernen auf der Party ging alles ziemlich schnell. Wir trafen uns jeden Tag, unternahmen viel miteinander und verstanden uns einfach blendend. Es war so, wie ich mir eine glückliche Beziehung immer vorgestellt hatte. Nach ein paar Wochen zogen wir bereits zusammen und waren seitdem unzertrennlich. Sehr zum Unmut meiner Eltern, aber da ich mittlerweile volljährig war, war mir ihre Meinung zu meiner Beziehung egal. Ich wollte meinen eigenen Weg gehen und meine eigenen Entscheidungen treffen. Meine eigene Familie gründen. Meine Eltern waren immer zu fürsorglich gewesen, hatten mich in einen goldenen Käfig gesperrt, damit mir ja nichts passiert und hielten mich unter ständiger Aufsicht. In der Pubertät fiel es mir deshalb sehr schwer, flügge zu werden, da mich meine Eltern ungern mit Freunden weggehen ließen. In meiner Großmutter fand ich schließlich eine Verbündete. Ich übernachtete fast jedes Wochenende bei ihr und konnte mich auf diese Weise mit meinen Freundinnen treffen, ohne dass meine Eltern etwas davon mitbekamen.
Mit meiner Oma hatte ich eine Menge Spaß. Sie ließ mir vieles durchgehen, was meine Eltern sicher zur Weißglut getrieben hätte. Sie war die lockerste alte Dame, die mir je begegnet war, und ich fragte mich oft, ob sie wirklich die Mutter meiner Mutter sein konnte.
Oma wünschte mir einfach nur alles Glück der Welt, als ich zu Thomas zog. Ich konnte mich mit meinen Eltern unterhalten, ohne dass es gleich in Streit ausartete, aber wirklich warm wurden wir nie wieder miteinander.
Zwei Jahre war das erst her. Es kam mir wie zwei Jahrzehnte vor.
Ich schlug die Decke zurück und setzte mich auf. Langsam wanderte mein Blick durch das Schlafzimmer. Nein. In zwei Jahrzehnten hätte es hier mehr von mir geben müssen. Das Schlafzimmer sah aber noch genauso aus wie an dem Tag, an dem ich eingezogen war. Keine persönliche Note von Mia. Nur Thomas. Die Wände waren in einem hellen Cappuccino-Beige gestrichen. Die Wand hinter dem Bett in einem sehr dunklen Braun. Ich mochte diese Farben überhaupt nicht. Die langen Vorhänge waren hellgrau und auch der Teppich war mit seinem Mausgrau nicht sehr farbenfroh. Überhaupt fehlten mir hier Farben. Die restliche Wohnung war zwar modern eingerichtet, aber nur in Weiß gehalten. Weiß, wohin man nur schaute: weiße Möbel, weiße Wände und kalte weiße Fliesen als Bodenbelag. Da die Wohnung im Dachgeschoss lag, sah man nur das Hellblau des Himmels durch die Fenster – oder das Grau, wenn es regnete. Nicht einmal grüne Bäume, geschweige denn bunte Blumen, waren zu sehen. Unsere Wohnung lag zudem noch auf der zur Straße gelegenen Seite. Selbst wenn ich aus dem Fenster nach unten blickte, war alles grau. Nur die vorbeifahrenden Autos malten ab und zu Farbtupfer in die graue Suppe.
Ich versuchte mit ein paar bunten Kissen auf dem weißen Sofa etwas Farbe in die Wohnung zu bringen. Aber das fand Thomas kindisch. Es waren ihm zu viele verschiedene Farben.
In unserem gemeinsamen Haus sollte alles anders werden. Das hatte er mir versprochen. Dort würde ich alles einrichten dürfen. Bis dahin bat er mich, dass er noch seine weiße Wohnung genießen dürfe – und das braune Schlafzimmer. Braun. Ich musste mich schütteln und schlurfte ins Bad. Der Blick in den Spiegel zeigte nichts Gutes. Diese Augenringe würde ich nicht mehr mit Make-up verbergen können. Ich sprang schnell unter die Dusche, um wach zu werden. Vergebens. Ich wickelte mich in ein Handtuch und schaute wieder in den Spiegel, in der Hoffnung der Anblick hätte sich verbessert.
»Siehst du scheiße aus. So kannst du nicht unter Leute gehen.« Ich kramte meine Tasche mit dem Make-up hervor. Ich mochte es nicht, mich zu schminken, aber man sah es in der Firma gerne, wenn die Frauen etwas zurecht gemacht herumliefen.
Dabei fand ich meine grünen Augen auch ohne Lidschatten schön. Zum Glück waren meine Wimpern sehr dicht, sodass ich getrost auf Mascara verzichten konnte. Darum beneidete mich Lisa immer.
»Das ist voll ungerecht. Ich muss mir Tonnen von Farbe ins Gesicht schmieren und du schaust auch ohne Make-up wunderschön aus.«
Wunderschön? Nein. Wunderschön war ich nicht. Ich war immer zu blass und wurde ständig gefragt, ob es mir gut ginge. Etwas zu klein geraten war ich auch, aber auf hohen Schuhen zu laufen gab ich schnell auf. Das war nun wirklich nicht meine Welt. Ich war sehr schlank und sportlich, dadurch war ich einfach nur etwas kleiner und nicht auch noch mollig. Meine Haare fand ich immer zu dunkel. Sie waren fast schwarz.
Mit der Zeit wuchsen sie mir bis über die Schulter, was ich gar nicht schlecht fand. Nur im Frisieren war ich eine absolute Niete und so blieb es entweder bei einem Pferdeschwanz oder etwas Geflochtenem. Aber selbst dafür hatte ich heute keine Zeit mehr. Ich zog mir schnell eine schwarze Stoffhose und eine weiße Bluse an und rannte die Treppen hinunter. Die Firma, in der ich arbeitete, lag nur zwei Straßenbahn-Haltestellen weiter.
»Guten Morgen Frau Stern. Haben Sie ausgeschlafen? Es ist nach acht!«
Mein Chef plusterte sich dermaßen auf, dass ich dachte, seine Hemdenknöpfe würden jeden Augenblick abplatzen. Sein Bierbauch allein spannte das Hemd bereits fast bis zum Zerreißen. Seine Glatze versuchte er mit herüber gekämmten Haaren zu verbergen, wodurch er noch schmieriger aussah, als er ohnehin war.
»Guten Morgen Herr Riedberg«, antwortete ich aufgesetzt freundlich. »Tut mir schrecklich leid. Ich muss vergessen haben den Wecker zu stellen, als ich um zwei Uhr nachts von der Arbeit kam. Soll nicht wieder vorkommen.« Ich schlüpfte schnell in Lisas und mein Büro und schlug die Tür zu, bevor er etwas erwidern konnte.
»Siehst du scheiße aus.« Lisa schaute mich über ihren Monitor hinweg an und grinste breit. Sie sah kein bisschen besser aus. Ihre Brille saß etwas schief und ihre langen roten Locken standen in alle Himmelsrichtungen ab. Die Sommersprossen kamen auch langsam wieder zum Vorschein, je mehr die Frühlingssonne schien. Lisa war wie ich eine Sonnenanbeterin. Sie trug trotz der frischen Temperatur bereits einen sommerlichen Rock mit einer dünnen geblümten Bluse und einer Strickjacke. Ihre dicken Winterstiefel verrieten, dass ihr wohl doch etwas kalt war.
Ihr Anblick hatte immer etwas Beruhigendes auf mich. Sie kümmerte sich nicht um Mode und zog das an, was ihr gefiel, auch wenn der Chef ihre Outfits für nicht allzu vorzeigbar hielt. Aber Lisa hatte keinen Kundenkontakt und so kniff Herr Riedberg ein Auge zu, denn Lisa leistete gute Arbeit, auf die er nicht verzichten konnte. Erst recht nicht nach den vielen Kündigungen.
»Danke, gleichfalls«, erwiderte ich auch mit einem Lächeln und ließ mich in den Schreibtischstuhl fallen.
Lisa schob sich die Brille zurecht. »Du siehst aus, als hättest du gar nicht geschlafen. Habt ihr Streit zu Hause?«
Streit. Thomas und ich hatten uns noch nie gestritten. Ich glaubte mittlerweile, dass Thomas gar nicht streiten konnte. Er blieb immer sehr ruhig und brachte mich mit seinen sachlichen Argumenten zur Weißglut, was mich nur noch wütender machte. Wenn ich sauer war, dann wollte ich mich mit allem Drum und Dran streiten. Ich wollte ihn anschreien und wollte von ihm angeschrien werden, aber er wurde nie laut. Vielleicht war er als Kind in einen Topf voll mit Baldrian gefallen.
»Nein, alles ok«, log ich. Normalerweise konnte ich mit Lisa über alles reden, doch dieses Mal fiel es mir ungewohnt schwer, ihr mein Herz auszuschütten, was ich selbst nicht richtig verstand.
»Ok? Meine Liebe, du wirst heiraten. Du solltest auf Wolke Sieben schweben. Und danach siehst du nun wirklich nicht aus. Arbeit hin oder her. Dich beschäftigt doch schon seit Wochen etwas.«
Lisa kannte mich einfach zu gut. Sogar besser als Thomas. Vielleicht lag es daran, dass ich mit ihr mehr Zeit verbrachte als mit ihm, denn Thomas sah ich nur spät abends nach dem Feierabend oder am Wochenende. Lisa hingegen sah ich von Montag bis Freitag den ganzen Tag lang. Ich wusste, dass Lisa hartnäckig war. Sie würde nicht aufgeben, ehe ich ihr nicht irgendwas sagte, was ihre Besorgnis wenigstens einen Hauch minderte. Also atmete ich tief ein und versuchte mein Gefühlschaos annähernd zu beschreiben.
»Ich fühl mich … ich habe das Gefühl …«, ich wusste nicht, wie ich das, was in mir vorging, in Worte fassen sollte.
»Du bekommst doch nicht etwa kalte Füße? Mia, so einen Mann wie Thomas findest du nicht an jeder Straßenecke. Heute wird er zum stellvertretenden Geschäftsführer befördert, da bin ich mir sicher. Im Sommer bekommst du deine Traumhochzeit und danach kannst du dein Traumhaus nach deinen Wünschen einrichten. Ihr werdet genug Geld haben und sicher auch bald ein paar kleine Kinder. Er liest dir doch jetzt schon jeden Wunsch von den Augen ab.«
»Lisa, genau das ist das Problem.«
»Dass du einen gut aussehenden Mann heiraten wirst, der Geld verdient und dich liebt?« Lisa musterte mich ungläubig. Sie sah aus wie eine Lehrerin, wenn sie die Stirn runzelte. Wenn sie das tat, glaubte ich, dass sie die Antworten auf ihre Fragen bereits wusste. Sie unterstellte mir jedoch etwas anderes, nur um die Wahrheit von mir zu hören. Ich vermutete, dass sie das tat, damit ich selbst endlich glaubte, was ich dachte und fühlte, indem ich es aussprach. Irgendwie wusste Lisa, was in mir vorging, ohne dass ich etwas sagen musste.
»Dass ich all das jetzt schon tun werde«, murmelte ich schließlich.
»Wann willst du es denn sonst tun? Wenn du eine alte Rosine bist?«
Das liebte ich an Lisa. Sie schaffte es immer mir ein kleines Lächeln auf die Lippen zu zaubern, auch wenn es mir schlecht ging. Und gleichzeitig bohrte sie geschickt weiter, damit ich mich ja nicht aus ihrer Befragung herauswinden konnte.
»Nein. Aber ich hab doch noch gar nicht richtig gelebt. Ich arbeite nur noch und zu Hause ist es so … so langweilig geworden. Ich fühle mich mit zwanzig wie eine alte Rosine!«
Trotz meines verzweifelten Blickes lachte Lisa laut auf und beugte sich über ihren Monitor. »Du hast kalte Füße. Das wird wieder. Wenn wir erst mit der Planung der Hochzeit angefangen haben, wirst du dich freuen. Mia, stell dir nur mal das Kleid vor. Du in einem langen, weißen Kleid. Oh, das wird richtig romantisch!«
Lisa war gar nicht mehr zu bremsen. Anstatt sich auf die Arbeit zu konzentrieren, fing sie plötzlich an meine Hochzeit zu planen. Von den Blumenkindern über den Blumenschmuck bis hin zur Band, die spielen sollte. Sie wollte mich ablenken. Doch auch wenn sie es gut damit meinte, sie erreichte nur das Gegenteil. In mir wurde die Angst Thomas zu heiraten immer größer, genauso wie die Zweifel, die mich seit letzter Nacht zermürbten. Ich drehte meinen Verlobungsring hin und her. Er war mir schwer geworden.
Ein Freund kommt wie der Frühlingswind
mit dem Duft von Blumen
und dem sanften Licht des Himmels.
Er hält sich an der Schwelle zu deiner Seele auf, immer freudig und wohlwollend.
Es roch nach leckerem Essen, als ich die Tür zu Thomas’ Wohnung aufschloss. Nach meinem Lieblingsessen.
Ich hatte pünktlich Feierabend machen können, aber auch nur, weil Herr Riedberg fand, dass ich krank aussehe. Also schickte er mich nach Hause, bevor ich noch meine Kollegen anstecken könnte. Ich atmete tief ein: Nudelauflauf. Ein simples Essen, aber ich liebte es.
»Hallo Sternchen! Wie war dein Tag? Du siehst müde aus. Rate mal, was ich für dich gekocht habe.« Thomas stand mit zerwühlten Haaren in der Küche und grinste mich an. Es war immer sehr chaotisch, wenn er kochte, aber dafür war es auch lecker. In diesem Augenblick wusste ich wieder, warum ich ihn liebte. Er hatte heute seinen großen Tag wegen der Beförderung gehabt, aber er machte sich trotzdem die Mühe, für mich mein Lieblingsessen zu kochen und fragte mich auch noch als Erstes, wie mein Tag gewesen sei.
Ich legte meinen Schlüssel auf die Kommode im Flur und warf meine Jacke eher lieblos über den Haken an der Garderobe. Thomas liebte seine pingelige Ordnung in der Wohnung und wehe, ich warf meine Jacke auch nur ein einziges Mal über eine Stuhllehne oder das Sofa. Aber darüber wollte ich mich jetzt nicht ärgern. Schon gar nicht bei diesem himmlisch leckeren Geruch, der intensiver wurde, je näher ich der Küche kam. Thomas hatte gute Laune, aber das musste nicht bedeuten, dass es mit der Beförderung geklappt hatte. Er hatte immer gute Laune, oder konnte es zumindest gut überspielen, wenn er keine hatte. »Wie war denn dein Tag?«, fragte ich schließlich, nachdem Thomas nicht von selbst Bericht erstattete.
Sein Grinsen wurde breiter. Er ging zum Kühlschrank, holte eine Flasche Champagner heraus und schenkte uns zwei Gläser ein. Nudelauflauf mit Champagner. Ich lachte. Solche Absurditäten konnte auch nur Thomas bringen. Er war also wirklich befördert worden. Seine harte Arbeit in den letzten Jahren hatte sich bezahlt gemacht. »Ich gratuliere dir. Du hast das wirklich verdient.« Ich umarmte ihn und gab ihm einen Kuss.
»Nun stehen uns alle Türen offen, Sternchen. Ich werde dir jeden Wunsch erfüllen und du sollst deine Traumhochzeit bekommen. Und dein Traumhaus.«
Ich schluckte und löste mich aus seiner Umarmung, in der ich mich sonst immer geborgen und beschützt gefühlt hatte. Hochzeit und Haus. Ja. Das sollte ich dann wohl bekommen.
Der Champagner schmeckte zu meiner Verwunderung wirklich gut. Ansonsten waren Sekt und Co. nichts für mich. Generell trank ich selten Alkohol und wenn, dann nur Cocktails, in denen ich den Alkohol nicht schmeckte. Auch der Nudelauflauf war ein Traum. Thomas hatte ihn mit Spaghetti gemacht, wie ich es am liebsten mochte. Ich zog die Spaghetti mit spitzen Lippen ein und nicht selten bespritzte ich den Tisch und auch uns dabei, aber das gehörte für mich dazu. Thomas fand das kindisch, wie so viele Dinge, die ich für mein Leben gern tat, doch er tolerierte es.
»Hast du dir schon ein Datum ausgesucht?«, fragte Thomas, nachdem er einen großen Schluck vom Champagner genommen hatte.
Ich wusste, worauf er hinaus wollte, aber ich wollte es noch nicht wahrhaben und stellte mich ahnungslos: »Datum?«
»Wann möchtest du heiraten?« Er drehte einige Spaghetti auf die Gabel und schob sich den Berg Nudeln in den Mund. Diese Frage überforderte mich. Letzte Nacht war ich mir nicht einmal sicher, ob ich ihn überhaupt noch heiraten möchte und nun fragte er mich nach einem Datum. Er fragte mich nach dem Tag, vor dem ich momentan am meisten Angst hatte. Jedoch hatte ich auch Angst, Thomas zu verlieren. Ich musste mir nur noch klar darüber werden, welche Angst größer war. Doch das war alles andere als einfach.
Thomas lächelt mich an. »Du wolltest doch gern im Sommer heiraten, wenn alles schön blüht und die Sonne scheint. Wie wäre es mit August?«
Mir blieb eine Nudel im Hals stecken und ich musste husten. Wir hatten jetzt Ende April. Es war kein halbes Jahr mehr bis August.
Hastig trank ich meinen Champagner aus und schaute Thomas flehend an. »So schnell?«
»Schnell?«, fragte Thomas verwundert. »Vor unserem Urlaub konnte es dir doch nicht schnell genug gehen. Du hast dir unsere Hochzeit immer wieder richtig schön ausgemalt. Das hatte mir Mut gemacht, dich überhaupt zu fragen. Welche Frau sagt schon nein, wenn sie bereits von ihrer Hochzeit träumt?«
Hatte ich das wirklich? Hatte ich vor seinem Antrag von unserer Hochzeit geträumt und darüber geredet? Das lag alles weit in der Vergangenheit und ich konnte mich weder an meine Gedanken, noch an meine Gefühle erinnern, die ich damals gehabt hatte. Ich rührte in meinen Nudeln und versuchte mich zu erinnern. War ich bereits so alt, dass ich mich nicht mehr an das letzte Jahr erinnern konnte? Verlor man mit zwanzig Jahren den Verstand? Sein Gedächtnis? Ich konnte Thomas nicht vor den Kopf stoßen. Wusste ich nicht tief in meinem Inneren, dass es mein Wunsch war, mit ihm zusammen zu sein? Ich hatte den Antrag schließlich angenommen.
»Bist du dir nicht mehr sicher, Sternchen?« Thomas schaute mich traurig an. Dieser Blick tat mir im Herzen weh. Auch wenn ich noch dermaßen viele Fragen im Kopf hatte, ich wollte ihn nicht verletzen. Er machte mich glücklich und gab mir das Gefühl, jemand besonderes zu sein. Es war ein tolles Gefühl, geliebt zu werden, jemanden an meiner Seite zu haben, der immer für mich da sein würde, wenn es mir schlecht ging. Und das war Thomas. Dafür liebte ich ihn.
»Nein, nein. August klingt toll.« Ich musste mich zusammenreißen. Wahrscheinlich hatte Lisa recht und es waren nur die kalten Füße und der Stress auf der Arbeit in letzter Zeit. Ich hatte gar keine Gelegenheit mehr, mich auf die Hochzeit zu freuen.
Ich lächelte Thomas an. »Mia Lehmann. Das klingt doch gut, oder?«
»Für mich wirst du immer mein Sternchen sein«, antwortete Thomas erleichtert.
»Na, Lehmännchen hätte ich dir auch übel genommen!« Ich musste lachen. Es tat gut und es fühlte sich an, als ob eine Last von mir gefallen wäre. Ich tadelte mich selbst, dass ich Zweifel an uns hatte – und an mir. Thomas tat mir gut und das sollte er auch für den Rest meines Lebens tun.
»Lass nur, ich räum’ das auf.« Er nahm mir den Teller ab, als ich ihn in die Spüle stellen wollte. »Warum lässt du dir nicht ein Bad ein und entspannst dich ein wenig?«
Um einen Mann wie Thomas würden mich sicher viele Frauen beneiden. Er kochte nicht nur hervorragend, er machte auch noch den Abwasch und tat alles mögliche, damit es mir gut ging. Ich sollte endlich wieder anfangen, das Gute an ihm zu sehen und mich nicht mehr an das Schlechte klammern. Es sollte wieder wie früher werden, als wir glücklich waren und viel miteinander unternommen hatten.
»Willst du deine Beförderung nicht noch ein wenig feiern?« Vielleicht hatte er ja Lust, in einen Club oder eine Bar zu gehen.
»Das haben wir doch gerade. Ich kann mir keine schönere Feier vorstellen als gleich mit dir zusammen den Abend zu genießen.«
Meine gute Laune bekam einen kleinen Dämpfer. So sah eine Feier mit seinen achtundzwanzig Jahren also aus: man saß zusammen auf dem Sofa und sah fern. Doch ich wollte jetzt keine Diskussion mit ihm anfangen und gab mich geschlagen. Nach einem Bad hätte ich bestimmt auch keine Lust mehr auszugehen.
Ich ging ins Badezimmer und ließ Wasser in die Wanne laufen, während ich mich auszog. Schnell beschlug der Wasserdampf den Spiegel. Ich wischte ihn mit einem Handtuch ab und schaute mir mein Spiegelbild an. Es sah nicht wesentlich besser aus als am Morgen, aber mein Gesicht war nicht mehr völlig zerknautscht. Vorsichtig stieg ich in das warme Wasser. Ich bekam eine Gänsehaut und musste mich kurz schütteln, dann glitt ich langsam hinab und kuschelte mich in die Schaumwolken. Genauso müssen sich die Bettdecken im Himmel anfühlen. Allmählich begann ich mich zu entspannen. Jeder Wirbel meines Rückens knackte. Nach den kurzen Stichen fühlte sich alles weicher an. Ich schloss die Augen. So wohl hatte ich mich lange nicht mehr gefühlt. Thomas hatte wirklich eine gute Idee gehabt. Wie so oft. Er hatte einen Sinn dafür zu wissen, was mir gut tat, und dieses Bad tat mir verdammt gut.
Ich versuchte, an etwas Erfreuliches zu denken und stellte mir mein Hochzeitskleid vor: Weiß natürlich, mit kleinen roten Rosenblüten bestickt. Ein reinweißes Kleid erinnerte mich zu sehr an Thomas’ Wohnung. Es sollte eine Korsage haben, die hinten mit roten Bändern zusammengeschnürt wurde und eine kleine Schleppe. Beides wieder mit roten Rosen bestickt. Einen großen Reifrock wollte ich nicht. Mein Kleid sollte schmal geschnitten sein. Die Schuhe durften einen kleinen Absatz haben, aber nicht zu hoch, damit ich darin auch laufen konnte.
Plötzlich stand ich auf einer grünen Wiese. Überall blühten die wunderschönsten Blumen und der Duft der Fliederbäume, die am Rand der Wiese wuchsen, erfüllte die Luft. Es war ein herrlicher Sommertag. Vor mir stand Thomas. Er trug einen schicken schwarzen Anzug mit einer roten Krawatte, passend zu meinen roten Rosen auf dem Hochzeitskleid, das ich trug. Der Anzug betonte hervorragend seine breite Schultern, an die ich mich so gerne lehnte. Wir lächelten uns an, als Thomas meine Hand nahm. Ich drückte seine fest zurück, als wollte ich ihn nie wieder loslassen. Seine blonden Locken erstrahlten in der Sonne wie ein Heiligenschein. Mein Engel. Ich fühlte, wie die Wärme sich in meinem Körper ausbreitete. Ich war in Sicherheit. Ich war zu Hause – und glücklich. Thomas beugte sich zu mir herunter und gab mir einen zärtlichen Kuss. Keinen Vater-Tochter-Kuss, wie er es sonst tat. Seine Lippen fühlten sich weich und vertraut an. Ich schloss meine Augen, stellte mich auf die Zehenspitzen und legte meine Arme um seinen Hals. Thomas zog mich an sich und hielt mich fest.
Mein Herz begann schneller zu schlagen. Aber es war nicht wegen ihm. Etwas war anders. Ich öffnete die Augen und sah eine schwarze Gestalt zwischen den Fliederbäumen stehen. Ich erstarrte. Thomas schaute mich verwundert an. Er folgte meinem Blick und wich erschrocken einen Schritt zurück, als er die schwarze Gestalt ebenfalls sah. Langsam kam sie auf uns zu. Ihre intensiv blauen Augen fixierten mich. Ich konnte mich keinen Millimeter bewegen und wagte es auch nicht zu atmen. Es war kein Mensch, der auf uns zukam. Ein tiefes Grollen ertönte in seiner Kehle. Die Augen ließen von mir ab und starrten Thomas an. Die Gestalt fletschte die Zähne. Das Knurren wurde lauter.
Es war ein Wolf. Es war ein großer schwarzer Wolf mit strahlend blauen Augen. Sie hatten die Farbe des Himmels an einem sonnigen, wolkenlosen Tag. Er war doppelt so groß wie die Wölfe, die ich aus dem Zoo kannte und hundertmal furchteinflößender.
Der Wolf schritt ganz langsam auf Thomas zu. Sein Fell sträubte sich und er senkte den Kopf immer weiter hinab. Unterwarf er sich? Nein. Er setzte zum Sprung an.
Ich schrie auf. Als ich nach Luft schnappte, wurde mir klar, dass ich tatsächlich schrie, aber ich befand mich nicht auf einer Wiese. Neben mir stand auch niemand und es war kein Wolf zu sehen. Ich war nicht mehr in der Badewanne. Stattdessen lag ich im Bett. Draußen ging bereits die Sonne auf.
Thomas riss die Tür auf. »Was ist passiert? Alles ok? Wieder eine Spinne?«
Ein paar Sekunden lang schaute ich ihn an. Es ging ihm gut. Er war von keinem Wolf angegriffen und zerfleischt worden. Er stand völlig unverletzt vor mir und ich lag im Bett, welches im braunen Schlafzimmer stand. Keine Wiese, kein Wolf, betete ich herunter. Keine Wiese, kein Wolf.
»Ich … ich muss geträumt haben.« Langsam sammelte ich mich. »Aber wie bin ich …«
»Du bist in der Badewanne eingeschlafen. Es muss ein schöner Traum gewesen sein. Du hast gelächelt, als ich dich ins Bett getragen habe.«
»Das war er am Anfang auch.« Ich strampelte mich aus der Decke frei und setzte mich auf die Bettkante.
Thomas hockte sich vor mich und nahm meine Hände in seine. »Was hast du denn geträumt?«
Da war er wieder: Thomas der Psychologe. Sage mir, was du geträumt hast und ich sage dir, was dich bedrückt. Er hörte mir zu und gab mir dann Ratschläge, wie ich etwas besser machen könnte. Wie bei der Arbeit.
»Ich habe mein Hochzeitskleid gesehen. Du warst auch da.«
»Das ist doch ein wunderbarer Traum, Sternchen. Warum schreist du dann? Hatte ich zwei verschiedene Socken an? Nein, ich habe sicher die Ringe vergessen, oder?« Er versuchte mich mit einem Lächeln aufzumuntern.
»Ich weiß es nicht mehr. Aber das mit den Ringen würde ich dir zutrauen. Ich werde sie lieber an mich nehmen.«
Mein Herz sagte mir, dass es besser wäre, ihm nichts von dem Wolf zu erzählen. Sicher hielt er es wieder für kindisch. Sternchen und der böse Wolf oder so etwas. Außerdem war es auch nur ein Traum.
»Alles, was die Braut sich wünscht.« Thomas stand auf und gab mir einen Kuss auf die Stirn. Ich grummelte, aber er bemerkte es nicht. »Du frühstückst sicher wieder im Büro, oder? Bei mir kann es heute etwas später werden. Ich muss so viel erledigen, dass ich gar nicht weiß, wo ich anfangen soll. Der Nachteil bei einer höheren Position. Aber ich muss zum Glück nicht am Wochenende arbeiten. Da haben wir alle Zeit der Welt für uns und die machen wir uns richtig schön. Vielleicht machen wir eine Hafenrundfahrt. Was hältst du davon? Das haben wir schon lange nicht mehr gemacht. Oder zum Fischmarkt?«
»Hafenrundfahrt klingt gut.« Ich sah uns zwischen den Rentnern und Asiaten mit ihren Fotoapparaten durch den Hamburger Hafen schippern, aber das war tausend Mal besser, als in der Wohnung zu sitzen. »Wir könnten auch mal wieder an der Alster joggen gehen«, warf ich hinterher, doch Thomas hatte die Wohnungstür bereits hinter sich geschlossen. Wenn ich weiter zur Couch-Potato mutierte, müsste mein Hochzeitskleid bald drei Nummern größer sein.
Nach dem ausgiebigen Bad gestern Abend ersparte ich mir die Dusche, schminkte mich leicht und stiefelte zur Straßenbahn. Ob ich von unserem Haus aus ebenfalls schnell zur Arbeit kommen würde? Oder würde ich dann mit dem Auto fahren müssen? Direkt in der Stadt wird es schwer werden, ein Haus mit Garten zu finden.
Diese Gedanken kamen mir plötzlich ganz vertraut vor. Ich war mir sicher, dass ich sie letztes Jahr schon einmal gehabt hatte. Noch vor dem Antrag. Langsam kamen sie mir wieder ins Gedächtnis zurück. Ich träumte mir oft meine Zukunft zusammen, vielleicht um keine Angst davor haben zu müssen. Ich hatte mir vorgestellt, wie die nächsten Jahre aussehen könnten, hatte mir auf dem Stadtplan bereits die neuen Wohngebiete eingekreist, damit ich später leichter eine Entscheidung treffen könnte. Letztes Jahr waren meine Pläne bis auf einen Punkt fast vollständig gewesen.
»Gott, ich habe noch gar keinen Trauzeugen!«
Die Leute in der Bahn um mich herum starrten mich an. Ich hatte das wohl laut gesagt.
»Glückwunsch, wann ist es so weit?«, fragte die alte Dame neben mir.
»Diesen Sommer im August.« Nun flüsterte ich, damit ich nicht noch mehr Aufmerksamkeit auf mich zog.
»Wie schön. Das ist eine herrliche Jahreszeit. Mein Walter und ich haben im Winter heiraten müssen. Da war es kalt. Geschneit hat es, es war ein richtiger Schneesturm. Aber das ist alles nicht wichtig an diesem Tag. Wir mussten schließlich den Winter nehmen, weil er im Frühjahr an die Front sollte und man wusste ja nie …«
»Tut mir leid, aber ich muss hier aussteigen«, warf ich dazwischen. »Grüßen Sie ihren Walter.«
Ich war froh, dass meine Haltestelle gekommen war, denn ich hatte keine Lust auf Kriegsgeschichten. Dennoch ließ mich die alte Dame und ihre Erzählungen nicht mehr los. Vielleicht war ihr Walter nicht aus dem Krieg zurückgekommen. Dieser Gedanke begleitete mich bis in mein Büro. Das muss schrecklich sein, wenn man kurz nach der Hochzeit seinen geliebten Mann verlor.
»Hey, du schaust heute Morgen viel ausgeschlafener aus.« Lisas Augen blitzten mich wie immer hinter ihrem Monitor an.
»Willst du meine Trauzeugin sein?« Wen sonst außer Lisa sollte ich fragen? Ich hatte in Hamburg keine weiteren Freunde und sie war mir wichtig. Sie sollte an meinem großen Tag dabei sein.
Lisa rutschte die Brille ein Stück herunter und ihre Stirn legte sich wieder in Falten. Die Frau Lehrerin. Kurz kamen mir Zweifel, ob ich gerade das Richtige gefragt hatte, aber da rannte Lisa schon um den Schreibtisch herum und umarmte mich. Sie erdrückte mich fast. Weinte sie?
»Oh Mia … dass du mich fragst. Ich freue mich riesig. Natürlich will ich. Natürlich will ich meine Freundin an ihrem Hochzeitstag begleiten! Was für eine Frage!« Sie weinte tatsächlich. Zum Glück vor Freude. Als ob ihr jemand einen Heiratsantrag gemacht hätte.
»Ich kann mir keine bessere Trauzeugin vorstellen als dich.« Diese Worte kamen aus meinem tiefsten Herzen. Ich hatte Lisa lieb gewonnen und auch sie wollte ich für den Rest meines Lebens nicht mehr hergeben.
Lisa trat einen Schritt zurück und beäugte mich nachdenklich. Ihr Lachen war plötzlich verschwunden. Sie dachte über etwas nach, das konnte ich ihr an der Nasenspitze ansehen. Was war auf einmal mit ihr los? Eben freute sie sich wie ein kleines Kind und jetzt? Jetzt starrte sie mich an, als ob sie versuchte, meine Gedanken zu lesen.
Langsam fand Lisa ihr Lächeln wieder. »Mia, Liebes, ich habe eine Überraschung für dich. Eigentlich sollte es als Ablenkung dienen oder als Erholung, was auch immer. Aber nun kann es auch als Junggesellinnenabschied genommen werden.«
Ich ahnte Schlimmes. Grausame Kostüme, ein Bauchladen gefüllt mit Schnaps und Sexspielzeug, das ich auf der Reeperbahn verkaufen musste.
»Tadaaa!«, Lisa wedelte mit einem Briefumschlag vor meiner Nase herum. Gott sei Dank. Kein Kostüm, keine Vibratoren.
Vorsichtig öffnete ich den Umschlag. »Flugtickets? Nach Calgary? Hast du im Lotto gewonnen?« Das musste ein Scherz sein. Lisa hätte sich solche Tickets nie im Leben leisten können. Auch wenn sie viel reiste, sie bekam das Geld gerade so zusammen, dass es für sie alleine reichte.
»Nee, hab’ nichts gewonnen. Ich habe dir doch von Jan erzählt, meinem Bruder, der in Kanada wohnt.« Ich nickte. Sie flog sehr oft nach Kanada, um ihn zu besuchen. Anfangs war er in die USA ausgewandert und lebte nun irgendwo im Westen Kanadas. Mehr wusste ich aber auch nicht. »Ihm gehört eine dieser Mall-Ketten«, erzählte Lisa weiter. »Du weißt schon: diese großen Einkaufspassagen, die es in den USA überall gibt. Er verdient also nicht gerade wenig. Jan hat mich gefragt, wann ich ihn wieder besuchen kommen möchte. Er wollte mir einen Flug schenken, aber ich habe gesagt, dass ich nur mit meiner Freundin komme. Also hat er uns zwei Tickets geschenkt. Ist das nicht super? Ich dachte, da du den Kopf gerade voll hast mit der Hochzeit, Thomas und der Arbeit, würde dir ein wenig Abstand gut tun. Freust du dich gar nicht? Wenn du willst, dann nimm es als Hochzeitsgeschenk. Wobei, ich hab es ja selbst geschenkt bekommen. Dann nimm es einfach als kleine Geste deiner Trauzeugin an.«
Ich wusste gar nicht, was ich sagen sollte. Sollte ich mich freuen oder eher Panik bekommen? Jetzt, vor der Hochzeit noch nach Kanada fliegen? Es mussten so viele Vorbereitungen getroffen werden.
»Wie lange würden wir bleiben?« Neugierig war ich dennoch.
»Solange du möchtest. Allerdings müssen wir von Calgary noch ein Stück mit dem Auto fahren. Wir treffen uns in seiner Ferienhütte in den Bergen mit ihm. In den Rocky Mountains. Mia! Die Rocky Mountains!« Lisa verfiel in einen Freudentanz, der mich langsam aber sicher positiver stimmte.
Kanada, Rocky Mountains. Ja, das klang wirklich super. Aber der Zeitpunkt passte nicht.
»Thomas habe ich schon eingeweiht. Er weiß Bescheid und hat nichts dagegen. Er fand die Idee gut, dass du dich vor den Hochzeitsplanungen noch einmal entspannen kannst.«
»Du hast es Thomas vor mir gesagt? Soll das eine Verschwörung gegen mich werden?« So viel zu meinen Plänen für die Zukunft, damit mich nichts überraschen konnte. Sicher hatten die beiden miteinander telefoniert, als ich in der Badewanne lag. Oder Thomas wusste es schon länger und hat es mir die ganze Zeit verschwiegen.
Lisa stoppte ihren Freudentanz. »Mia, Liebes. Es war nicht böse gemeint. Es sollte eine Überraschung sein. Außerdem: Einem geschenkten Gaul – du weißt schon.«
»Schöner Gaul«, ich setzte mich auf meinen Schreibtischstuhl, verschränkte die Arme und schmollte. »Wann soll es denn los gehen?«
Lisa schaute auf ihre Füße. Wie ein kleines Schulmädchen, das etwas ausgefressen hatte, beichtete sie flüsternd: »Übermorgen.«
»Übermorgen?« Ich sprang auf und stemmte meine Fäuste in die Seiten. Pah! Von wegen Hafenrundfahrt! Thomas hatte sich das also nur ausgedacht, um mich an der Nase herumzuführen.
Mir fielen viele Argumente ein, nicht zu fliegen, die ich Lisa allesamt an den Kopf warf, aber sie zerschmetterte jedes Argument mit einem Gegenargument. Sogar unsere Projekte hatte sie bereits an andere Kollegen verteilt. Der Urlaub war auch schon vom Chef genehmigt, wobei sie mir den genauen Zeitraum, der genehmigt wurde, nicht verraten wollte. Vielleicht stand Herr Riedberg auf Lisa. Ansonsten hätte er das niemals abgesegnet. Nicht, wenn dermaßen viel Arbeit vorlag. Vielleicht war es ihre unkonventionelle Art, die er mochte, auch wenn er es immer abstritt. Auf jeden Fall musste sie das schon länger geplant haben. In dieser Firma bekam man nicht von einem Tag auf den anderen einfach frei. Mir kam das alles komisch vor. Angefangen mit Lisas Idee, bis hin zu ihrer Planung hinter meinem Rücken. Was hatte sie nur vor mit mir?
Erschöpft sank ich zurück auf meinen Stuhl. Das hatte ich nicht geplant. Ich konnte jetzt nicht weg. Ich musste heiraten! Die Hochzeit musste geplant werden. Kanada kam in meinen Plänen nicht vor.
Mir schwirrten wieder unzählige Gedanken im Kopf herum. Dabei wollte ich doch nur eines: Endlich einmal nichts denken müssen.
Ich seufzte.
»Gibst du auf?« In Lisas Stimme klang etwas Triumphales mit. »Gibst du auf und kommst mit mir nach Kanada?«
Ich hob den Kopf und massierte meine Schläfen. »Na schön. Ihr habt gewonnen. Eine Woche. Keinen Tag länger.«
Lisa stürmte auf mich zu und drückte mich gegen ihren Bauch. Wäre sie molliger gewesen, wäre ich erstickt. »Das wird toll! Ich freue mich. Wir haben schon lange nichts mehr miteinander unternommen und jetzt fliegen wir nach Kanada! Es wird dir gefallen!«
Lisa war von nun an gar nicht mehr zu stoppen. Sie redete wie ein Wasserfall von der Natur dort, von den Bäumen, den Bergen, den Tieren.
»Ich hasse Überraschungen.« Mehr hatte ich dazu nicht zu sagen.
•••
»Was fällt dir ein, über meinen Kopf hinweg solch eine Entscheidung zu treffen?« Ich war richtig wütend und knallte die Wohnungstür hinter mir zu, aber Thomas war nicht da. Ich erinnerte mich, dass er gesagt hatte, es könne später werden. Nun gut. Also musste ich meiner Wut auf einem anderen Weg Luft machen.
Ich zog meine Joggingklamotten an und rannte in den Park gegenüber unseres Häuserblocks. Ja, ich rannte. Die Luft war zum Glück nicht mehr so kalt, dass sie beim Atmen schmerzte, aber da ich schon lange nicht mehr gelaufen war, bekam ich schnell Seitenstiche. Ich ignorierte sie und rannte Runde um Runde im Park.
Auf dem kleinen Teich schnatterten die Enten, in der Hoffnung, jemand würde sie mit Brot füttern. Das taten die meisten Spaziergänger auch, trotz des Schildes »Enten füttern verboten«.
Ein junges Mädchen ging mit ihrem Hund Gassi. Bei genauerem Hinsehen fiel mir auf, dass wohl eher der Hund mit ihr spazieren ging. Sie musste ihr gesamtes Gewicht gegen die Leine stemmen, damit der Hund nicht davon raste. Der Hund tat mir leid. Er wollte gerne laufen, aber das Mädchen riss ihn jedes Mal an der Leine zurück. Er musste sich wie ein Gefangener fühlen. Seinen eigenen Instinkten nicht folgen zu können – nicht folgen zu dürfen.
»Wovor laufen Sie denn weg, Fräulein?«
Ich drehte mich um. »Meinen Sie mich?«
Ein älterer Mann in zerrissenen Klamotten saß auf einer Parkbank und hielt eine Flasche Bier in der Hand. Er nickte. Na toll, jetzt würde mich der Penner auch noch volllabern.
»Sie sind nun fünf Runden gelaufen. Sind Sie Ihrem Ziel schon näher gekommen?«
»Wer sagt denn, dass ich ein Ziel habe? Ich jogge! Da ist der Weg das Ziel.« Wenn der Mann schon philosophisch daher redete, wollte ich genauso antworten. Ich setzte erneut zum Laufen an.
»Also rennen Sie doch vor etwas davon.«
Der Mann hatte anscheinend ein starkes Mitteilungsbedürfnis.
»Ich jogge!« blaffte ich ihn an und ohne mich noch einmal umzudrehen, rannte ich zurück zur Wohnung. Nun hatte der Penner mich wirklich vom Joggen abgebracht. Wenigstens war ich nicht mehr allzu wütend auf Thomas.
Ich schleuderte meine Klamotten im Wohnzimmer in alle möglichen Ecken und ging duschen. Thomas hätte wieder geflucht und mich belehrt, wofür ein Wäschekorb da sei, aber vorläufig würde er nicht nach Hause kommen, also konnte es mir egal sein. Immerhin schien er mich auch nicht hier haben zu wollen – zumindest für den Zeitraum des Urlaubs.
Beim Abtrocknen betrachtete ich mich von oben bis unten im Spiegel. Nein. Einen Bauchansatz hatte ich zum Glück noch nicht bekommen. Ich war immer noch schlank. Das Hochzeitskleid würde ich also in meiner Kleidergröße kaufen können, vorausgesetzt ich würde durch das Essen in Kanada nicht auseinandergehen wie ein Hefekloß.
Kanada. Wieder spürte ich die Wut in meinem Bauch. Wut auf Thomas, dass er da mitmachte und mich vor unserer Hochzeit gehen ließ. Aber war es nicht gerade Thomas, der immer wusste, was ich brauchte? Vielleicht brauchte ich genau das: Eine kleine Auszeit, um meinen Kopf etwas klarer zu bekommen, um mich nur auf unsere Hochzeit konzentrieren zu können.
Warum hatte er mich nicht einfach gefragt, ob ich wegfahren möchte? Warum beschlossen Lisa und er das hinter meinem Rücken? Warum ausgerechnet Kanada? Die Nordsee hätte es auch getan. Wenn sie wollten, dass ich den Kopf frei bekam, dann hätten sie mich auch nach Helgoland schicken können. Dort gab es nichts, worüber ich hätte nachdenken können. Ich hätte mich auf eine Bank gesetzt und eine Riesenpackung Toblerone aus dem Duty-Free-Shop gegessen, bis mir schlecht gewesen wäre. Das hatte ich bei unserem letzten Ausflug nach Helgoland gemacht. Als es mit der Fähre zurück nach Hamburg ging, musste ich mich in die Nordsee übergeben. Thomas hatte es darauf geschoben, dass ich seekrank wäre. Mir tat es um die Toblerone leid.
Ich zog bereits meinen Lieblingsschlafanzug an, obwohl es noch früh am Abend war. Ein hellblauer kuscheliger Schlafanzug, von dessen Oberteil mich Snoopy anlachte. Ich liebte diesen Schlafanzug. Er war nicht nur superweich und bequem, es war auch das einzige Kleidungsstück, bei dem Thomas es aufgegeben hatte, mir einzubläuen, dass ich zu alt dafür wäre.
Ich machte mir schnell ein Toastbrot mit Erdbeermarmelade und eine heiße Milch mit Honig, danach warf ich mich auf die Couch vor den Fernseher. Marmelade am Abend. Auch ein Ding der Unmöglichkeit für Thomas.
Im Fernsehen lief wie immer nichts Interessantes, also legte ich meinen Tablet-PC auf den Schoß und gab bei Google »Kanada« ein. Wow, das Wasser wirkte blauer und die Berge bergiger als in Deutschland. Auf den meisten Bildern bot sich das gleiche Bild von Kanada: Ein blauer See in der Mitte, dahinter riesige graue Berge mit schneebedeckten Spitzen. Rechts und links am Bildrand standen hohe Bäume, die im saftigsten Grün erstrahlten. Die Landschaft spiegelte sich auf der glatten Oberfläche des Sees.
Sah ja ganz nett aus. Je länger ich mir die Bilder anschaute, desto mehr freute ich mich, dorthin zu fliegen. Unser Flug ging am übernächsten Tag um ein Uhr nachts. Ich hatte nur noch einen Tag Zeit, um meine Sachen zu packen und auf der Arbeit alles Nötige zu erledigen, falls Lisa das nicht auch schon getan hatte.
Plötzlich klingelte mein Handy. Ich rollte mich umständlich vom Sofa und ging zum Küchentisch, wo ich das Handy liegen gelassen hatte, als ich mir das Toastbrot machte. Auf dem Display erkannte ich das Bild von Thomas. Ich hatte es in unserem Skiurlaub aufgenommen. Man sah hinter der großen Skibrille kaum sein Gesicht, aber er musste ja eine Grimasse ziehen. Ich fand das Bild lustig und so stellte ich es gleich als sein Anruferbild ein.
»Hey du!«, meine Stimme klang müde. »Wann kommst du endlich nach Hause?« Ich war dermaßen erschöpft, dass ich sogar vergaß, dass ich eigentlich sauer auf ihn war.
»Sternchen, es tut mir leid. Ich wollte dich schon früher anrufen, aber wir hatten einfach zu viel zu tun. Hast du deine Überraschung von Lisa bekommen?« Er klang ziemlich gestresst.
»Ja, habe ich. Tolle Überraschung. Wie seid ihr nur auf diese Schnapsidee gekommen? Kanada, ausgerechnet Kanada. Weißt du, wie lange man dahin fliegt? Lange. Und ich muss noch so viel planen.«
»Du musst dich vor allem mal entspannen, Sternchen!«, fiel er mir ins Wort. »Du hast viel zu viel um die Ohren seit unserem letzten Urlaub. So gestresst hab’ ich dich noch nie gesehen. Du reagierst bei allem ziemlich genervt und ich möchte eine entspannte Braut heiraten. Also sei mir bitte nicht böse, dass ich der Reise mit Lisa zugestimmt habe. Es wird dir gut tun, da bin ich mir sicher. Lass es auf dich zukommen und genieße deine Auszeit.«
»Wann bist du zu Hause?« Ich hatte keine Lust am Telefon weiter darüber zu diskutieren, was ich bräuchte und was mir gut täte. Als ob ich das nicht selbst entscheiden könnte. Ich musste an den Hund im Park denken, der auch nicht drauf loslaufen konnte, wie er wollte und wohin er wollte. Das Mädchen wollte sicher auch nur das Beste für ihn. Immerhin hätte er vor ein Auto laufen können.
»Sternchen, ich bin auf dem Weg nach Stuttgart. Ich war heute Nachmittag kurz zu Hause und habe meine Sachen geholt. Es tut mir leid, aber ich muss zum Hauptsitz für die Jahresbesprechung. Es war eigentlich alles anders geplant, aber nun muss ich einspringen.«
»Ich sehe dich gar nicht mehr, bevor ich fliege?«
»Nein, ich werde erst nächste Woche wiederkommen.«
Meine Knie wurden weich und ich musste mich auf einen Küchenstuhl setzen. Noch eine Überraschung. Bestürzt starrte ich den Kühlschrank an. Erst schickte er mich weg und dann konnte er sich nicht einmal persönlich verabschieden.
»Sternchen? Ist alles ok? Du bist mir böse, oder?«
»Alles ok. Ich bin dir nicht böse.« Ich wusste selbst nicht, ob das eine Lüge oder die Wahrheit war. Wahrscheinlich war ich am ehesten enttäuscht. Enttäuscht darüber, dass alles hinter meinem Rücken geplant wurde und darüber, dass er nicht hier war.
»Freust du dich wenigstens ein bisschen auf die Reise?«
»Ja, schon, aber ich werde nicht lange bleiben. Eine Woche höchstens.«
Eine Woche kam mir plötzlich endlos lange vor, wenn ich daran dachte, dass ich Thomas in dieser Zeit nicht sehen würde.
»Nimm dir die Zeit, die du brauchst. Aber lass mich im August bitte nicht vor dem Standesamt stehen. Bis dahin hätte ich meine Frau gerne wieder.«
»Ich denke mein Chef will mich schon viel früher zurückhaben.«
Am anderen Ende konnte ich ein leises Lachen hören. »Ich liebe dich, Sternchen. Das darfst du niemals vergessen. Ich freue mich, wenn du wieder zurückkommst. Ich hole dich dann vom Flughafen ab, wenn ich dich schon nicht hinbringen kann. Ich liebe dich! Hörst du? Vergiss das nicht!« Die Verbindung wurde schlechter und es fing an zu knistern. Er fuhr wohl gerade durch ein Funkloch. »Sternchen?« Er war kaum noch zu verstehen. »Sternchen, bist du noch da?«
»Ja, ich bin da. Ich liebe dich auch. Viel Glück in Stuttgart.«
»Viel Spaß in Kanada!«
Die Verbindung brach endgültig zusammen und es war nur noch ein Rauschen zu hören. Was für ein Abschied.
Ich legte das Handy auf den Küchentisch zurück und starrte noch einige Minuten hinterher. Tausend Fragen hämmerten von innen gegen meine Schädeldecke. Wollte Thomas wirklich nur, dass ich mich erhole? Wollte er mich vielleicht loswerden, weil ich ihn nervte? Ich würde bei allem genervt reagieren. Das hätte er mir doch eher sagen können, wenn es ihn störte. Mein Herz schlug schneller und langsam kroch Panik meinen Hals hinauf. Das war das erste Mal seit zwei Jahren, dass ich länger als einen Tag von Thomas getrennt sein würde. Ich fühlte mich hilflos, überfordert und einsam. Meine Finger trommelten auf den Küchentisch. Warum war ich bloß so nervös? Ich würde morgen zur Arbeit gehen, meine Koffer packen, nach Kanada fliegen, mich eine Woche lang in der Hütte langweilen, zurück fliegen und wieder mit Thomas zusammen sein. Das konnte mir gar nicht schnell genug gehen. Ich vermisste ihn jetzt schon. Selbst den Kuss auf meine Stirn sehnte ich mir nun herbei.
Nein, ich würde jetzt nicht anfangen zu heulen. Ich wischte mir schnell die Träne von der Wange. Das wäre jetzt wirklich kindisch gewesen: mit zwanzig Jahren am Küchentisch sitzen und heulen, weil man eine Reise geschenkt bekommen hatte, aber der Freund sich nicht verabschieden konnte.
Ich stand auf und zupfte meinen Schlafanzug zurecht. Da ich nicht länger auf Thomas warten musste, ging ich ins Bett, damit ich einigermaßen fit für den letzten Arbeitstag war. Ich schloss die Vorhänge und kletterte ins Bett unter die Decke, die ich mir wie immer bis über die Ohren zog. Vom Gesicht war nur so viel frei, dass ich noch atmen konnte. Warum konnte ich nicht einfach hier Urlaub machen? Unter meiner Bettdecke im Snoopy-Schlafanzug. Man könnte mir mein Essen ans Bett bringen und als Cocktail würde ich eine heiße Milch mit Honig nehmen.
Langsam wurden meine Augenlider immer schwerer und die Welt um mich herum begann zu verschwimmen. Die leuchtend roten Zahlen auf meinem Wecker konnte ich nicht mehr erkennen. Das dumpfe rote Licht wechselte allmählich in ein helles Blau. Ich kniff die Augen zusammen, weil es mich blendete. Ich roch wieder den Flieder und spürte die warme Sonne auf meiner Haut. Ich blinzelte vorsichtig. Um mich herum blühte es in allen Regenbogenfarben. Was machte ich hier? Ich war schon einmal hier gewesen. Mit Thomas. Im Hochzeitskleid. Aber als ich an mir herunterschaute, hatte ich immer noch den Schlafanzug an. Plötzlich zuckte ich zusammen. Kalte Schweißperlen bildeten sich in meinem Nacken. Letztes Mal waren wir nicht allein gewesen.
Der Wolf!
Ich drehte mich um, blickte in alle Himmelsrichtungen, aber ich konnte niemanden sehen. Weder Mensch, noch Wolf. Erleichtert ließ ich mich zurück auf den Rasen fallen. Er war federweich. Ich sank ein wenig ein, wie in Berge aus weichen Kissen. Meine Hände glitten über das Gras und meine Finger spielten mit den Blüten der Blumen. Alles war so wunderbar weich. Die Vögel zwitscherten von den Bäumen herab und sangen ein fröhliches Lied. Niemals würden sie etwas anderes singen, denn sie sangen nur für mich.
Ich atmete tief ein und schmeckte fast den Flieder auf meiner Zunge. Die Sonne lud meine leeren Akkus wieder auf, ich fühlte mich mit jeder Sekunde erholter und zufriedener. Stundenlang hätte ich hier liegen und mit den Blumen spielen können.
Als ich meinen Kopf zur Seite drehte, sah ich sie. Am Rand der Wiese zwischen zwei Bäumen saß die schwarze Gestalt. Die himmelblauen Augen fixierten mich. Wie lange hatte der Wolf schon dort gesessen und mich beobachtet? Langsam richtete ich mich auf, in der Erwartung, er würde mich gleich angreifen, wie er es auch bei Thomas getan hatte, doch der Wolf blieb ohne jegliche Regung sitzen. Kein Zähnefletschen. Kein Knurren.
Ich setzte mich in den Schneidersitz und wartete ab. Den Wolf behielt ich jede Sekunde im Auge. So saßen wir da und schauten uns an. Ich hatte Zeit, ihn etwas genauer zu betrachten. Sein Fell war ganz glatt und glänzte in der Sonne. Es sträubte sich nicht wie bei unserer letzten Begegnung. Bei dieser Wärme hätte er eigentlich hecheln müssen, aber das tat er nicht, als würde er die Sonne nicht spüren. Sein Blick ruhte ganz friedlich auf mir. Die himmelblauen Augen waren wirklich wunderschön. Sie hatten etwas Sanftmütiges, etwas Vertrautes in sich. Ich hätte in ihnen versinken können.
Eine gefühlte Ewigkeit tauchte ich in seinem Blick ab und merkte plötzlich, dass ich lächelte. In diesem Augenblick war jegliche Angst verflogen. Meine Unsicherheit war verschwunden und ich fühlte so etwas wie Frieden. Lag es an ihm? Oder lag es an der Sonne und dem Rasen, nach denen ich mich nach dem langen Winter gesehnt hatte?
Der Wolf legte seinen Kopf schief. Das kannte ich von Hunden, wenn sie etwas zu fressen haben wollten, aber die Bewegung des Wolfs sah wesentlich anmutiger aus, fast schon elegant.
Als er sich vollständig erhob und nun in voller Größe vor mir stand, wich ich ein Stück zurück. Er war so riesig. Gleich würde er mich anspringen. Aber er tat es nicht. Er drehte sich um und verschwand zwischen den Bäumen. Ich überlegte kurz, ob ich ihm folgen sollte, doch er blickte nicht zurück, um mich dazu aufzufordern, also blieb ich sitzen, bis ich ihn nicht mehr sehen konnte.
Ich schaute zum Himmel und beobachtete die wenigen Schleierwolken, die über mir hinwegzogen. Nach einiger Zeit schloss ich die Augen, um die warme Sonne auf meinem Gesicht besser genießen zu können. Langsam wurde es dunkler und das grelle Blau des Himmels färbte sich rot. Ein dunkles Rot, das immer heller wurde.
7:45 Uhr.
Oh nein! Ich hatte verschlafen!
Ich bin frei geboren, frei wie der Adler,
der über den großen blauen Himmel schwebt;
ein leichter Wind streift sein Gesicht.
Ich werde frei sein.
»Zum Flughafen, bitte!«
Ich saß bereits im Taxi, als Lisa neben mir Platz nahm und dem Fahrer mit dem breiten Grinsen, das sie schon den ganzen Tag über hatte, unser Ziel nannte.
Sie hatte sogar in der Mittagspause eine Liste zusammengestellt, was ich alles mitnehmen müsste. Etwas für kalte Tage, etwas für warme Tage, etwas für regnerische Tage. Nicht zu vergessen Wanderstiefel und einen Rucksack für den Proviant. Ich nickte immer nur bereitwillig und ließ ihre Urlaubsvorbereitung über mich ergehen.
Meine Bitte, den Laptop noch auf die Liste zu setzen, verwarf Lisa mit einem lauten Lachen. »Was willst du damit? Wir wohnen praktisch in der Wildnis. Internet gibt es dort nicht. Wir haben gerade mal ein Satellitentelefon.«
Das klang ja hervorragend. Nicht einmal Internet gab es, um vielleicht eine E-Mail schreiben oder sich von der Einöde ablenken zu können.
»Aber Strom und heißes Wasser haben wir?« Die Frage war für mich gar nicht so abwegig.
»Natürlich, was denkst du denn?«, Lisa verdrehte die Augen. »Nur weil wir abgelegen von größeren Städten und Dörfern wohnen, landen wir nicht gleich im letzten Jahrtausend.«
Für mich schien alles möglich zu sein. Kein elektrischer Herd oder Ofen sondern eine kleine Feuerstelle, bei der wir Nachtwache halten müssten, damit das Feuer nicht ausging. Als Toilette würde es draußen ein altes Plumpsklo geben und waschen müsste man sich in einem kleinen, eiskalten Bach, der neben der Hütte floss. All das belachte Lisa nur und tadelte mich, ich hätte eine zu lebhafte Fantasie.
Nachdem ich meine Koffer gepackt hatte, versuchte ich noch ein Mal Thomas zu erreichen, aber es ging nur die Mailbox dran. Der Arme war anscheinend wirklich sehr beschäftigt. Ich schrieb ihm eine SMS, dass ich reisefertig sei und mich auf den Urlaub freute und dass ich ihn liebte und vermisste. Auch wenn es gelogen war, dass ich mich freute, aber so konnte ich ihn wenigstens beruhigen, dass es mir gut ging.
Es lohnte sich nicht mehr, mich vor der Abfahrt hinzulegen. Ich hätte sowieso kein Auge zubekommen. Der Wolf schwirrte mir immer noch im Kopf herum. Das Gefühl, das ich bei ihm hatte, wollte nicht verschwinden. Es hielt den ganzen Tag an – zum Glück, wie sich herausstellte. Ich hatte weder Panik noch Angst oder irgendwelche Befürchtungen, was den Urlaub betraf. Es fühlte sich sogar richtig an, auch wenn ich diesbezüglich keine Freudensprünge machte.
