Seelengeflüster - Doris Fuentes - E-Book

Seelengeflüster E-Book

Doris Fuentes

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Beschreibung

Nach einem schweren Snowboardunfall wird Ramona ins künstliche Koma versetzt. Sie erlebt eine außergewöhnliche Nahtoderfahrung. Niemand außer ihr autistischer Bruder Henry kann Kontakt mit ihr aufnehmen - aber eben nur auf seelischer Ebene. Zwischen den beiden Geschwistern entsteht ein heiliger Dialog. Henry erklärt humorvoll seiner kleinen Schwester das Geheimnis des Lebens. Berührend und voller Leichtigkeit schildert Henry den wahren Weg zu mehr Frieden im Herzen und wie man das Leben achtsam, frei und voller Vertrauen meistern kann. Verblüfft stellt Ramona fest, dass ihr Bruder Henry trotz Autismus mehr weiß als viele andere Menschen. Sie entdeckt, dass in seinen Gedanken der Schlüssel zu ewigem Glück verborgen liegt. Henry wird zum Lehrer für das junge Mädchen. Die spirituellen Romane der Seelenreihe sind in sich abgeschlossen und können unabhängig voneinander gelesen werden.

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EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Bibliografische Information der Deutschen Bibliothek

Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar.

 

2. Auflage 2022

 

ISBN: 978-3-9817432-0-3

 

Copyright 2022 by Silentium-Institut

Heerstraße 157, D-78628 Rottweil

www.dorisfuentes.de

 

Das Werk ist urheberrechtlich geschützt. Die dadurch begründeten Rechte, insbesondere die der Übersetzung, der Entnahme von Abbildungen, der Funksendung, der Wiedergabe auf fotomechanischem oder ähnlichem Wege und der Speicherung in Datenverarbeitungsanlagen, bleiben, auch bei nur auszugsweiser Verwendung, vorbehalten. Die Wiedergabe von Gebrauchsnamen, Handelsnamen, Warenbezeichnungen usw. in diesem Werk berechtigt auch ohne besondere Kennzeichnung nicht zu der Annahme, dass solche Namen im Sinne der Warenzeichen- und Markenschutz-Gesetzgebung als frei zu betrachten wären und daher von jedermann benutzt werden dürften.

 

Cover: Buchgewand, Torsten Sohrmannwww.buch-gewand.de

Satz: Banholzer Mediengestaltung, Rottweilwww.banholzer-medien.de

Marketing: Mainwunder Media Housewww.mainwunder.de

Druck: GRASPO CZ, a.s, Czech Republic

Printed in EU

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Für dich, J. Enrique.

Du siehst das Leben

mit den Augen Gottes.

Du bist wunderbar,

so wie du bist.

 

Prolog

1 Der Alltag

2 Der Unfall

3 Der Weg der Seele

4 Seelenverträge

5 Karma

6 Wirkung und Ursache

7 Die Kraft der Resonanz

8 Der große Plan

9 Wo ist Gott?

10 Die Kraft der Manifestation

11 Der freie Wille

12 Geistige Welten

13 Sterben

14 Zu Hause bei Gott

15 Die Vergessenheit ist ein Segen

16 Mitgefühl und Liebe

17 Kraft – innere Ressourcen

18 Die Schöpfungskraft

19 Spirituelles Wachstum

20 Das irdische Leben

21 Der Kreislauf der Natur

22 Vollmacht – Eigenverantwortung

23 Respekt gegenüber uns selbst

24 Zeit ist kostbar

25 Selbstheilung

26 Die eigene Wahrheit

27 Nicht suchen – finden

28 Annehmen – ist der Weg ins Glück

29 Emotionen lenken uns vom wahren Glück ab

30 Wenn die innere Welt auf die äußere Welt trifft

31 Frei sein

32 Erwachen

33 Die Erinnerung

34 Ich lebe und bin frei

Danke

Glück ist das höchste Ziel und Gut des menschlichen Lebens. Mit Humor und voller Leichtigkeit schildert die Autorin in ihrem neuen Buch den Weg für ein erfülltes und glückliches Leben. Jedes Kapitel zeigt Einblicke in eine tiefe spirituelle Ordnung. Dieses Wissen führt uns zum vollständigen körperlichen und geistigen Wohlbefinden.

 

 

Die Geschichte

 

Nach einem schweren Snowboardunfall wird Ramona ins künstliche Koma versetzt. Sie erlebt eine außergewöhnliche Nahtoderfahrung. Niemand außer ihrem autistischen Bruder Henry kann Kontakt mit ihr aufnehmen – aber eben nur auf der seelischen Ebene.

Zwischen den beiden Geschwistern entsteht ein heiliger Dialog. Henry erklärt seiner kleinen Schwester humorvoll das Geheimnis des Lebens. Berührend und voller Leichtigkeit schildert er den wahren Weg zu mehr Frieden im Herzen und wie man das Leben achtsam, frei und voller Vertrauen meistern kann.

Verblüfft stellt Ramona fest, dass ihr Bruder Henry trotz Autismus mehr weiß als viele andere Menschen. Sie entdeckt, dass in seinen Gedanken der Schlüssel zu ewigem Glück verborgen liegt. Henry wird zum Lehrer für das junge Mädchen.

 

Prolog

 

Eine lange Reise wartete auf mich, wohl die abenteuerlichste Reise meines Lebens. Der Weg, der vor mir lag, sollte mein ganzes Sein verändern. Alles bekam eine neue Farbe, alles bekam einen neuen Ton. Als wäre ich in einer neuen Frequenz gelandet, einer Frequenz, die nichts mit dem Irdischen zu tun hatte. Doch genau diese Frequenz verband oben und unten, somit Himmel und Erde. Mittendrin stand ich in dieser Verbundenheit von Vollkommenheit.

Das Verständnis dessen schien möglich, was dieses Leben uns sagen will. Dieses eine Leben, welches wir jetzt in diesem Augenblick wahrnehmen. Nicht was sein könnte, sondern einfach was ist.

Ich und mein Leben in dieser neuen Frequenz von Vollkommenheit.

Es wollte mir bisher nicht gelingen, zu verstehen, was ich eigentlich verstehen sollte. Sprachen nicht alle spirituellen Meister in der heutigen Zeit von einer Kraft tief in unserem Herzen, von der Quelle der inneren Mitte, diesem Punkt von Heimat? Wo war dieser Punkt von Heimat? Je länger ich in mir suchte, umso verwirrter war ich. Auch über die Gefühlswelt war es für mich schwierig, nachzuvollziehen, wo sich diese Mitte befinden könnte.

Je mehr ich mich auf den Weg machte, die religiösen oder spirituellen Werte zu ergründen, desto schwieriger wurde es für mich, auf dieser irdischen Ebene zu überleben. Der Alltag war voll beladen mit Aufgaben und Auseinandersetzungen im zwischenmenschlichen Bereich.

Wie bei allen Menschen war mein Leben manchmal ein Kampf. Mein Herz sagte mir: „Kämpfe nicht, lass es geschehen, nimm alles an, so wie es ist.“ Dieses innere Wissen war für mich unerschütterlich klar, rein und sicher. Ein Urinstinkt, tief begraben in meinem innersten Wesen. Doch die Tat, es einfach geschehen zu lassen, fiel mir schwer. Dieses Wissen zerbrach immer wieder an meiner Menschlichkeit. Denn Mensch war ich nun mal, mit all meinen Gefühlen und Emotionen.

Viele Emotionen standen mir in dieser Zeit im Wege. Schreckliche Augenblicke meines bisherigen Lebens kreisten in meinem Kopfe. Diese unüberwindbaren Gefühle brachten mich durcheinander, und das Vertrauen war verschüttet.

Nun stand ich am Beginn dieser einzigartigen Reise, die geprägt wurde durch die Präsenz von einem einzigen Menschen: meinem älteren Bruder. Er baute die Brücke für mich und ließ mich teilhaben an seiner Welt. Einer Welt voller Geheimnisse, unnahbar und unvorstellbar. Seine Worte drangen unbewusst und sanft zu mir und schenkten mir Heilung. Die Gespräche, die ich in einer anderen Dimension mit ihm führte, erfüllten mich mit Wissen.

Durch diese Offenbarung gewann mein Herz an Erkenntnissen, und ich war nicht mehr nicht wissend mit einem Problem konfrontiert. Sondern ich hatte das Verständnis in mir, wie ich es angehen sollte, wie ich mein Leben meistern konnte.

Er half mir, Brücken zu bauen, damit das universelle Geheimnis in mir aufleuchten konnte. Dieses Geheimnis war ein Geschenk, ein Geschenk, mein Leben so anzusehen, wie es angesehen werden wollte. Ohne Vielleicht und Aber, ohne als Opfer dazustehen, jedoch mit einer großartigen Klarheit. Kleine Puzzleteile wurden zusammengestellt, das Bild, das entstand, war ein Meisterwerk, ein Meisterwerk aus dem Himmel erschaffen.

Das kleine Mädchen wurde über Nacht erwachsen.

 

1Der Alltag

 

„Ramona“, brüllte mein Vater durch die Wohnung, „lass deinen Bruder endlich ins Badezimmer rein! Du versperrst es schon seit über einer Stunde, du lebst nicht alleine in diesem Haushalt.“

Wie satt ich es doch hatte, in dieser Familie zu leben. Dieses Geschrei von morgens bis abends. Diese Lautstärke immer und immer wieder. Nie hatte man seine Ruhe, und ich sehnte mich nach Ruhe und Harmonie. Nichts war mir weniger vergönnt gewesen als Stille in meinem bisherigen Leben.

Ich hatte kein Schlupfloch, in das ich hineinkriechen konnte, immer waren diese Stimmen um mich herum, die etwas von mir wollten. Sie forderten und forderten mich täglich aufs Neue.

Wie bei jedem anderen jungen Menschen war mein Leben geprägt durch die Außenwelt, durch meine Erziehung, durch meine Familie, durch den Ort, an dem ich geboren wurde. Gesellschaftliche Einflüsse waren Teil meines Lebens, gaben meiner Denkweise den nötigen Impuls im Alltag.

Im Moment war nur klar, dass ich in eine sehr laute Familie hineingeboren worden war. Da gab es kein harmonisches Miteinander, sondern nur die Hektik des Alltags. Es wurde geschimpft, gestritten und Probleme gewälzt. So gesehen gab es wenig Freude in meiner Familie.

Wenn es nicht das Leben war, welches ihnen Probleme bereitete, dann suchten sich meine Eltern mit Sicherheit irgendwelche Probleme selbst. Was wäre ein Leben ohne Probleme? Das wäre doch viel zu langweilig. Wie ein Hamster drehten sie sich im Kreis, immer auf der Jagd nach dem nächsten möglichen Ungleichgewicht.

Mit meinen siebzehn Jahren hatte ich etwas kapiert: Meine Eltern brauchten Probleme, sonst würden sie eingehen ohne den emotionalen Austausch. Im Streit fühlten sie sich lebendig, es war das einzig Echte, was das Leben ihnen zu bieten hatte.

Sie geiferten gänzlich nach Unausgeglichenheiten in ihrem Leben. Hatten sie etwas gefunden, musste ein Schuldiger gefunden werden. Meistens waren es mein Bruder oder ich.

Mein Bruder, weil er nicht so geboren wurde, wie es sich mein Vater gewünscht hatte. Unvollkommen eben, nicht nach den gesellschaftlichen Richtlinien. Eine Schande für die Familie.

Mein Bruder Henry lebte in seiner eigenen Welt, er sah das Leben mit den Augen eines verspielten kleinen Jungen. Man konnte nicht definieren, was er in einem Moment dachte oder fühlte. Er konnte seine Emotionen gut verstecken hinter einer Fassade von Unzugänglichkeit. Nur die Augen zeigten seine wahren Gefühle, sie waren wie Tore zu seiner Innenwelt.

Als Henry sieben Jahre alt war, diagnostizierten die Ärzte Autismus. Für meine Eltern brach eine Welt zusammen, für meinen Bruder dagegen entstand eine neue Welt. Eine Welt der Zuflucht, eine Welt ohne Realität. Er konnte hineinschlüpfen und sich abschotten von der Außenwelt.

Um diese Gabe hatte ich ihn immer wieder beneidet. War ich nicht manchmal auch des Lebens müde und sehnte mich einfach nur nach Ruhe und Stille? Seine Möglichkeit, sich unsichtbar zu machen, die Welt mit anderen Augen zu sehen, versüßte diesen Gedanken.

Das zweite Sorgenkind meiner Eltern war ich. War meine Geburt für meinen Vater ein Geschenk gewesen, wurde sie mit den Jahren zur Bürde. Das süße kleine Mädchen wurde erwachsen, und mit dem Erwachsensein zeigten sich neue mögliche Charaktereigenschaften. Sie waren nicht konform mit den elterlichen Erziehungsmaßnahmen.

Ich war so, wie ich war: neugierig, rebellisch und immer auf der Suche nach neuen Auseinandersetzungen. Ich wollte nicht nach ihren Richtlinien leben, ich hatte meine eigenen Prinzipien, und die waren fremd für meine Eltern. Will nicht jeder Siebzehnjährige aus den Fängen seiner Eltern entwischen?

„Ramona!“, wieder die laute, erboste Stimme meines Vaters, die mich ziemlich schroff aus meinen Gedanken riss. Es war Freitag, mein Vater hatte wieder mal schlechte Laune. Freitags kam mein Bruder nach Hause. Unter der Woche lebte er in einem Heim für geistig behinderte Menschen. Nicht, dass es ihm da gefallen hätte, aber es war der Wunsch meines Vaters, ihn aus dem Haus zu haben. Er fand, ein siebenundzwanzigjähriger Mann gehöre nicht mehr in die Obhut der Familie. Meine Mutter dagegen sah es anders, sie hätte Henry gern um sich gehabt, ihn versorgt und verwöhnt.

Ich öffnete die Tür, und mein Bruder stand schon wartend davor. Er überragte mich um einen ganzen Kopf. Ich sah ihm in die Augen und dachte: Es ist ein Scherz, eine Laune der Natur, dass dieser gut aussehende junge Mann mit den dunklen Haaren einen unterentwickelten Verstand besaß. Seine Art, sich zu verständigen, war die eines fünfjährigen Jungen, kindlich und unreif. Seine Körpermaße ließen andere Menschen unsicher werden. So erschien dieser große Mann wie ein Kind in einem erwachsenen Körper. Die Menschen wussten nicht, wie sie reagieren sollten. Die Behinderung war nicht körperlich, sondern nur geistig. Der Umgang mit geistig behinderten Menschen war für viele eine Nummer zu groß.

Henry sah mich mit seinen bernsteinfarbenen Augen an und sagte stotternd: „Skiffa-a-ahren … Skifahren ist zu gefährlich.“ Ich beachtete ihn nicht und schlüpfte an ihm vorbei in mein Schlafzimmer.

Skifahren ist zu gefährlich, hatte Henry gesagt. Ach, was wusste er schon, er war noch nie in den Bergen gewesen, erst recht nicht auf Skiern. Meine Eltern hassten Wintersport, und außerdem war das Hobby Skifahren viel zu teuer. Ich war die Einzige in der Familie, die diesem Sport nachging. Mit fünfzehn kaufte ich von meinem ersparten Geld mein erstes Snowboard. Bis dahin war ich immer Ski gefahren. Ich glaube, Henry hatte mein Snowboard noch nie richtig realisiert. Wie sollte er auch, war diese Welt von Modetrends ihm völlig gleichgültig und fremd.

Ich zog meinen alten Schlafanzug an und bürstete mir die Haare. Heute würde ich früh ins Bett gehen. Meine zwei besten Freundinnen und ich wollten morgen früh in die Berge fahren, es würde ein anstrengender Tag werden. Ich liebte den Wintersport, auch wenn mir abends jeder Knochen schmerzte, war der Aufwand es wert. Ich freute mich auf die Berge, auf den strahlend blauen Himmel und die leuchtende Sonne. Oben auf dem Gipfel hatte man immer das Gefühl, den Himmel berühren zu können.

Mein neues Snowboard stand in einer Ecke in meinem Zimmer. Der rotblaue Lack glitzerte im Schein der Lampe. Fünf goldene Sterne verzierten die oberen Kanten. Diese Sterne waren der Grund gewesen, dieses Snowboard zu kaufen. Im Sommer lag ich nächtelang im Garten und schaute den Sternenhimmel an. Die Weite des Nachthimmels gab mir für einen Moment das Gefühl von Freiheit. Das beengende Leben, das ich führte, verlor für einen Augenblick seine Schärfe.

Von klein auf war die Natur ein Zufluchtsort für mich gewesen. Sie war ein Teil meines Daseins, meiner Glaubensphilosophie, da spürte ich die Schöpfung in all ihren Facetten, schön, rein und vollkommen.

Die Trostlosigkeit in meiner Familie machte mich schon als junges Mädchen sehr melancholisch. Meine Tante hatte mal zu mir gesagt: „Ramona, du bist so ein hübsches Mädchen, aber deine Augen sind immer so traurig.“

Was sollte ich darauf erwidern? Meine Eltern waren Gastarbeiter in einem fremden Land. Sowohl die Sprache als auch die Kultur waren fremd für sie geblieben. Sie konnten sich, wie viele andere Ausländer auch, nie richtig integrieren. Sie waren ausgezeichnete Arbeiter, aber suchten nicht den sozialen Kontakt zur Außenwelt. Das Leben bestand aus mühseliger Arbeit.

Die Geburt meines Bruders hatte ihnen eine schwere Bürde aufgeladen. Sie kämpften täglich ums Überleben. In unserer Familie gab es nichts zu lachen. Was wusste meine Tante vom Leben einer Familie im Ausland? Nichts, denn sie hatte ein gutes Leben, sie lebte mit ihrem Mann und ihren zwei Töchtern in einem vornehmen Haus in ihrer Heimat. Sie wurde nicht gezwungen, auszuwandern.

Sie kannte mein Leben nicht, sie wusste nichts von der Disharmonie in meiner Familie. Ich war das jüngste Kind einer schicksalhaft geprägten Familie.

 

2Der Unfall

 

War es so, dass mein Bruder den Unfall erahnte, oder wusste er es mit Bestimmtheit, dass der nächste Tag Gefahren mit sich bringen würde?

Meine ersten Pistenfahrten auf dem Snowboard verliefen reibungslos. Ich fühlte mich frei und glücklich. Es war ein traumhaft schöner Tag. Die Berge schimmerten im Glanz der weißen Schneepracht.

Später dachte ich: „Ein schöner Tag, um zu sterben.“ Wieso mir dieser Gedanke kam, weiß ich heute nicht mehr. Der Tag fühlte sich vollkommen an. War Vollkommenheit nicht ein Zustand, nach dem ich mich immer gesehnt hatte? Ich weiß es heute nicht mehr.

Ich weiß nur, dass ich diese große, gigantische Tanne nicht gesehen hatte. Ein Moment der Unachtsamkeit, und ich prallte mit voller Wucht gegen den Baum. Ich hatte keinen Schutzhelm auf, so war es mein Kopf, der die Wucht der Tanne zu spüren bekam.

Später sagte man mir, ich hätte drei Wochen im Koma gelegen, nur wegen einer Tanne. Ich konnte es nicht glauben, wollte es nicht wahrhaben. Wie konnte ein Schlag so vieles auslösen im Kopf?

Es war mein Bruder, der mich wieder ins Leben zurückholte. Doch bevor er das tat, schenkte er mir eine Reise, wohl die abenteuerlichste Reise meines Lebens. Er baute eine Brücke zwischen Himmel und Erde und schenkte mir die Geheimnisse des Universums.

Meine Eltern erzählten mir später, er habe Tag und Nacht an meinem Bett gesessen und mich stundenlang angeschaut. Keiner der Familie konnte ihn dazu bringen, nach Hause zu gehen. Er saß nur da, und eine Aura der Stille umgab ihn.

Meine Welt versank in Dunkelheit. Nichts als Dunkelheit umgab mich, ich sah und spürte nichts. Wie lange ich in diesem Zustand weilte, weiß ich heute nicht mehr. Nach dem Aufprall wurde es schwarz vor meinen Augen. Die Dunkelheit nahm mir jegliches Gefühl, auch die Erinnerung an den Aufprall war wie gelöscht. Das Erste was ich sehen konnte, war mein Körper, der auf einem Bett lag. Zuerst dachte ich zu träumen. Wie konnte das möglich sein, dass ich mich sah? Ich schaute mir selber zu, wie ich schlief. Ich musste träumen, anders konnte ich mir das nicht erklären. Der Traum fühlte sich sehr echt an, und das machte mir eine Heidenangst. Wie konnte das möglich sein? Ich spürte, dass ich unruhig wurde, als sich diese Bilder in meinen Geist einbrannten.

Später erinnerte ich mich, dass ich eine Stimme vernahm, es war die Stimme von Henry, meinem Bruder.

Ich konnte sie in der Dunkelheit nicht richtig deuten. Ich hörte Henry sagen: „Es ist deine Seele, die mich wahrnimmt und deinen Körper im Schlafzustand beobachtet. Dein Geist und dein Körper schlafen. Die Frequenzen von unseren beiden Seelen nehmen Kontakt auf, lass es geschehen.“

Ich nahm die Konturen meines Bruders wahr, es war aber nicht sein Körper, den ich da sah, sondern ein strahlendes Licht. Sein Wesen strahlte wie ein Diamant aus tausend kleinen Lichtpunkten, die in allen Farben leuchteten. Ich nahm dieses Bild in mein Bewusstsein auf, ohne genau zu wissen, welche Bedeutung es hatte. Es war, als würde sich mein Geist ausdehnen und die Welt um mich herum in ein farbenfrohes Licht tauchen. Ich spürte die Essenz meiner Seele, die mir die Möglichkeit gab, hinter den Schleier des irdischen Bewusstseins zu schauen. Ich war erfüllt von dieser Schönheit.

Ich sagte zu Henry: „Wie schön du bist, Henry, du bist das Schönste, was ich in meinem Leben gesehen habe.“ Wie ein warmer Sommerregen berührte die Seele meines Bruders meine Aura. Sanft legte sich das Licht über mich, als würde es mich streicheln.

„Wo bin ich, was ist geschehen?“, fragte ich meinen Bruder.

„Du hattest einen Unfall mit dem Snowboard. Man hat dich mit dem Hubschrauber ins Krankenhaus geflogen. Der Aufprall war so intensiv, dass du schwere Kopfverletzungen davongetragen hast. Du hast einen Schädelbruch und innere Blutergüsse, man hat dich ins künstliche Koma versetzt. Dein Körper regeneriert sich gerade. Er hat großen Schaden abbekommen. Du befindest dich in einem Zustand tiefen Schlafens. Deine Seele hat sich vom Körper abgeseilt, somit kommunizieren wir in der feinstofflichen Welt miteinander.“

„Ich spüre nichts, ich habe keine körperlichen Gefühle. Es fühlt sich alles so leicht und frei an. Wie ist das möglich?“, fragte ich langsam.

„Die Schmerzen, die dein Körper erdulden muss, sind fast unerträglich. Lass ihm Zeit, damit er sich selber heilen kann. Hab keine Angst, es kann dir nichts passieren. Stell dir vor, du wärst in einem Traum, und in diesem Traum komm ich vor.“

Merkwürdig, dachte ich. Er spricht ganz anders zu mir, sein Stottern und die Unsicherheit in seiner Stimme sind weg, als wäre hier nicht mein Bruder Henry, der mit mir spricht, sondern ein anderer Mensch. Was passiert hier gerade? Mein Bruder Henry, der Autist, der scheue junge Mann, eingesperrt in seiner eigenen Welt. Nie hat er Anteil genommen am Leben der Familie oder an anderen Menschen. Meistens saß er still herum und reagierte nur auf Forderungen meiner Mutter oder meines Vaters. Ich schüttelte verwirrt den Kopf. Wie konnte das möglich sein? Dies geschah doch nicht wirklich? Und von welcher feinstofflichen Welt sprach mein Bruder?

„Ich kann deine Gedanken hören“, sagte Henry in diesem Augenblick. „Was du hier siehst und hörst, ist meine Seele, nicht der Mensch Henry. Meine Seele trägt das Licht der Schöpfung wie alle anderen Seelen auch. Nur mein irdisches Wesen ist mit der Krankheit Autismus verbunden. Die Welt, in der wir kommunizieren, ist die geistige Ebene. Sie trägt keine sichtbare Form.“

„Ich verstehe das nicht“, sagte ich unsicher. „Wie kann so etwas sein, du bist so echt. Ich kann mit dir reden wie mit einem gesunden Menschen. Es fühlt sich an, als gebe es deine Behinderung nicht.“

„So sieht es aus“, sagte Henry lachend. „Diese Behinderung gibt es nicht, es ist nur eine Manifestation auf der irdischen Ebene. Meine Seele ist nicht krank, nur mein Körper und mein Geist fühlen und leben nicht nach den kollektiven menschlichen Normen. Ich bin anders, ich trage meine eigene Welt in mir.“

„Wieso, Henry, wieso tust du dir das an? Keiner nimmt dich für voll, alle sagen, du seist nicht normal. Man grenzt dich aus, man belächelt dich, und man hat Mitleid mit dir. Die Menschen schauen unsere Eltern mitleidig an und sprechen von einem harten Schicksalsschlag. Unsere Mutter weint sich die Augen wegen dir aus, und Papa kann dich nicht ausstehen“, sagte ich traurig.

Meine Gedanken schweiften zu meinen Eltern. Meine Mutter war einundzwanzig Jahre alt, als mein Bruder auf die Welt kam. Ungewollt war sie so früh schwanger geworden. Sie hatte schon reichlich viele Schicksalsschläge erlitten. Meine Großmutter musste sich um meinen Großvater kümmern. Er hatte sein Augenlicht im Krieg verloren und kam als gebrochener Mann nach Hause. Was ihm blieb, waren Zorn und Wut gegenüber dem Leben und seinen Mitmenschen.

Durch die harte Arbeit meiner Großmutter gehörte meine Mutter zu den Kindern, die von einer Familie in die andere verschoben wurden. Es blieb nicht viel Zeit für liebevolle Worte oder eine sanfte, fürsorgliche Geste. Das Leben zeigte sich von der harten Seite, sie hatte als Kind wenig Wärme und tröstende Worte erhalten.

Mein Bruder war für sie ein Geschenk. Ein Geschenk des Lebens, eine Wiedergutmachung des Schicksals. In diesem Kind fand sie Trost für all die dunklen Jahre in ihrer Kindheit. Ihre Gebete wurden erhört.

Immer wieder sagte sie, wie schön Henry als Baby gewesen sei. Das schönste Baby überhaupt. Zwischen meiner Mutter und Henry war eine tiefe Bindung, eine Bindung, die es wahrscheinlich öfter zwischen Mutter und Sohn gibt. Später brachte genau diese Beziehung meinen Vater dazu, meinen Bruder zu hassen.

Er hatte die Position an der Seite meiner Mutter schon lange verloren. Die einzige Liebe, die meine Mutter spürte und leben wollte, war die Liebe zu ihrem Sohn. Als ich älter wurde, verstand ich, wieso meine Mutter dieser Beziehung so viel Platz einräumte.

Als zweites Kind und mit über zehn Jahren Altersunterschied zu meinem Bruder hatte ich nie eine Chance, auch nur einen Bruchteil dieser Aufmerksamkeit abzubekommen. Nachdem man meinen Eltern gesagt hatte, mein Bruder werde nie ein normales Leben führen können, war für meine Mutter klar, sie würde sich aufopfern für ihren Sohn. Gott hatte ihr die Aufgabe gegeben, sich um diesen einen Sohn zu kümmern, und sie würde bis ans Ende ihres Lebens diese Aufgabe erfüllen.

Meine Geburt war ein Nebeneffekt gewesen. Nicht ungewollt, aber auch nicht unbedingt gewollt. Doch für meinen Vater ging das erste Mal die Sonne auf in seinem Leben. Mein Bruder war eher eine Strafe gewesen, ich dagegen war ein Geschenk, ein Geschenk des Himmels.

---ENDE DER LESEPROBE---