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Die Seelen, sie stöbern im Rad der Zeit. So finden sie sich immer wieder zusammen in unterschiedlichem Kleid. Seelengestöber - die Buchreiche, welche von der Reise einer Seele durch die Gezeiten erzählt. Wieviele Leben braucht es, um sich an seinen Ursprung wieder zu erinnern? Buch 1. Mittelalter. Hexenfeuer lodern. Ein Kräutermädchen in einer Welt ohne Platz für starke Frauen. Ein Hauptmann, gefangen im Dienst der Gerechtigkeit. Zwei Eide miteinander verwoben. Ein Schicksal, Äonen vorher gesponnen.
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Seitenzahl: 246
Veröffentlichungsjahr: 2022
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Es muss durch die Dunkelheit wandern, wer die Morgenröte sehen will.
Khalil Gibran
Sie waren hinter ihr her. Dabei hatte sie doch so gut aufgepasst, verdammt nochmal. Wenn der Mond im zweiten Zeichen stand, war sie bisher immer sicher gewesen. Außerdem hatte sie sich nur in den Schattenbildern der knorrigen Baumriesen bewegt. Keuchen. Ihre Verfolger anscheinend auch. Sie wurde noch schneller. Den Weg kannte sie so gut wie ihre eigene Hand, und die Baumgeister waren ihr heute freundlich gewogen. Eine äußerst seltene Begebenheit in diesem Teil des Waldes. Sie hatte dies als gutes Zeichen gewertet. Jemand musste sie verraten haben.
»Aaaah!« Sie schreckte auf. War jemand hinter ihr gestolpert? Langsam verstummte der Nachhall. Die tiefe Schlucht zu ihrer rechten Seite verschlang ihn wie ein hungriges Tier. Dieser Wald hatte seine Tücken, wenn man ihn nicht gut kannte. So freundlich die Buchen bei Tag waren, in der Nacht zeigten sie sich von ihrer düsteren Seite. Die Schreie nahmen zu. Da waren wohl noch andere danebengetreten. Sie gewann Zeit. Ihre Lungen brannten wie die Scheiterhaufen auf Montshayu. Sie erhöhte das Tempo. Bald müsste sie da sein, nur noch kurz durchhalten. Plötzlich wurde sie nach hinten gerissen. Wild schlug sie mit den Händen um sich. Sie war an einem Seitenast der weit ausladenden Rotbuche hängen geblieben. Schon wieder. Dieser Baumgeist hatte es auf sie abgesehen. Schritte kamen näher. Ihr Körper war am Ende. Sie fokussierte ihren Geist und schaffte es, ihre Kräfte zu mobilisieren und loszusprinten. Oder zu stolpern. Nur noch ein paar Meter. Da! Die grau umwobene Eiche. Mit einem sanften Armschwung drehte sie sich am unteren Ast um ihre eigene Achse und rollte auf dem Bauch in den Fuchsbau hinab. Ihr Unterschlupf für Notzeiten.
Füchse waren scheue Wesen. Dennoch hatte sie Vertrauen zur Füchsin Lorah aufbauen können. Ein schwieriges Unterfangen in diesen Zeiten. Tiere wurden wie wild gejagt. Gefühle der Verbundenheit mit den Menschen wurden ihnen ausgetrieben. Sie hatte den Rat ihrer Großmutter befolgt und sich Verbündete geschaffen. Die Worte der weisen Frau hatten sich als wahr erwiesen und sie vor größerem Unglück bewahrt. Sie hörte Schritte und gut ein Dutzend Männerstimmen. Ein Dutzend! Die waren doch nicht mit einer ganzen Armee ausgerückt, nur um SIE zu schnappen? Warum waren die Obrigen überhaupt hinter ihr her? Sie hatte sich doch immer bedeckt gehalten. Wie waren sie bloß auf ihrer heutigen nächtlichen Reise auf sie aufmerksam geworden? Sie hatte doch alle Regeln bef … Ah! Der heimtückische Rabe Balthasar! Sie hatte den schwarzen Vogel oberhalb der Baumwipfel kreisen sehen und gehofft, sich getäuscht zu haben. Balthasar, der Unheilsbringer. Stets hatte er den Menschen nach der Macht getrachtet. Wer hatte am Hofe die Sprache der Tiere erlernt? Diese alte Kunst war in Vergessenheit geraten und nur von ihrem Volk an wenige Eingeweihte weitergegeben worden.
»Wo ist er?« Eine satte Baritonstimme fauchte die Gefolgsleute an. Die Stimme war ihr wohl bekannt. Der Großinquisitor Horux. Seit gut einem Jahr trieb er in diesem Landesteil sein Unwesen. Bei ihm standen Verfolgungsjagden geradezu an der Tagesordnung. Ganze Dörfer wurden ihrer Frauen entledigt. Gelegentlich traf es auch Männer. Fast jeden Morgen loderte bei Dämmerung ein neues »Freudenfeuer« am Hügel Montshayu. Lea war jedes Mal dort, um ihren Schwestern und Brüdern im Geiste beizustehen. Es war grauenhaft.
»Sagt bloß, ihr habt seine Spur schon wieder verloren?« Die Stimme wurde härter.
Es würden heute wohl noch Köpfe rollen. Sie musste schmunzeln. Die Köpfe der Söldner waren ihr egal – sie waren seelenlos. Aber dass ihre Spuren einem Mann zugeordnet wurden? Allerhand. Frauen traute man nicht viel zu. Sie waren zum Kinderkriegen da. Ansonsten hatten sie still zu sein. Und wenn sie diese Pflicht nicht erfüllten? Dann konnten sie sich des Feuers gewiss sein. So viele unschuldige Menschen erlitten diese Qualen. Nur wenige – so auch sie – waren in den Weißen Zirkel eingeweiht. Sie waren Bewahrer des alten Wissens, versuchten zu helfen und zu heilen. Wissen ist Macht. Und Macht war außerhalb der königlichen Mauern nicht gern gesehen. Ein sanftes Stupsen am Arm riss sie aus ihren Gedanken. Als sie sich umblickte, starrten sie zwei große gelbe Augen an.
»Lorah!« Sie grüßte ihre Freundin, indem sie ihre Stirn auf die der Füchsin legte. »Ich muss heute wohl bei dir bleiben.«
Die Füchsin blickte sie liebevoll an. Sie hatte jedes Wort verstanden und führte Lea zum kleinen Heulager, das die Magierin ihr im Frühsommer vorbeigebracht hatte. Müde und erschöpft von der Hetzjagd kauerte Lea sich auf die kratzigen Grashalme. Lorah setzte sich neben sie und hielt Wache.
Horux schnaubte. Die Wut kochte in ihm. Hätte sich ihm auch nur einer in den Weg gestellt, er hätte ihn mit aller Wucht zerschmettert. Selbst die Trinkbecher auf dem Tisch bangten um ihre unversehrte Gestalt. Das durfte doch nicht wahr sein! Mit gewaltigem Krach prallte seine Faust auf den Tisch. Der Inhalt der Becher ergoss sich über Tischplatte und Boden. Rastlos hetzte er in der Kammer auf und ab. Ein Junge, der seine Truppe so zum Narren machte. IHN zum Narren machte. Sie waren ihrem Ziel so nahe gewesen. Wie konnte dieses dunkle Wesen so plötzlich entwischen? Ein Hauch von Hilflosigkeit. Erinnerungen an jene Nacht vor Jahren … Aus! Nein! Er wollte diese Ereignisse nie mehr hervorholen. Zu lange hatten ihn die dunklen Schatten verfolgt. Die Menschheit endlich vor den dunklen Mächten befreien – das war sein Ziel, seine Mission, seine Bestimmung. Nur deswegen hatte er sich ein verdammtes Jahr lang in das harte Training Gons begeben. Nur deswegen hatte er bei jedem Schlag, den er zur Strafe bekam, die Zähne zusammengebissen und keinen Laut von sich gegeben. Nur deswegen diente er dem dämlichen König, der so gar nicht seiner Vorstellung eines mächtigen Mannes entsprach. Nur deswegen hauste er in dieser Kammer der Königsburg, anstatt als Waldhüter in den wilden Wäldern umherzustreifen. Er hatte sein Leben in den Dienst der Menschheit gestellt und all seine Kraft darauf verwendet. Das sollte von einem kleinen Vagabunden in Frage gestellt werden? Seit Monaten war er ihm auf den Fersen. Und ständig entwischte er ihm. Offenbar war er mächtiger, als der Großinquisitor dachte. Oh, wie er diese Magier hasste. Es klopfte an der Tür.
»Nein!«, schrie er. Er spürte, wie die Hand zögerlich zum erneuten Klopfen anhob. Unwirsch riss Horux die Tür auf. Er wusste genau, was ihn erwartete: der hagere Knecht Mürsol, der erschrocken zusammenzuckte. Er empfand eine merkwürdige Hassliebe zu diesem hageren Begleiter. Hass aufgrund seiner erbärmlichen Gestalt, Sympathie aufgrund seines treuen Wesens. Horux musterte den Diener mit forschem Blick. Mürsol würde das aus der Fassung bringen. Es bereitete ihm Vergnügen, den Kleinen herauszufordern. Der stotterte langsam: »Der König will Sie sprechen.« Kurze Verneigung und schon lief er fort. Zu oft hatte er als Antwort einen Schlag ins Gesicht bekommen. Horux schnaubte. Ausgerechnet jetzt diesem Dummkopf von König gegenübertreten? Er trat zurück in die Kammer, um tief Luft zu holen. Beim Anblick des Chaos’ musste er schmunzeln. Als hätte ein Wirbelsturm gewütet. Syna würde wieder ganze Arbeit leisten müssen. Er würde sich natürlich gebührend revanchieren. Gegen ein, zwei nächtliche Freuden hatte das Kammermädchen noch nie etwas einzuwenden gehabt. Ihm gefiel, wie er ein so verschrecktes Geschöpf zum Schnurren bringen konnte. Sie würde ihn zumindest ein paar Minuten von seinem Gedankengewitter ablenken. Diese Vorstellung heiterte ihn auf. Beinahe frohgemut schritt er zum Thronsaal.
Die Burg war klein. Der Thronsaal war winzig im Vergleich zu anderen Palästen, in denen Horux schon gearbeitet hatte. Welch großen Königen hatte er schon dienen dürfen. All den angrenzenden Reichen hatte Horux geholfen, die Zauberei auszumerzen und den Menschen wieder ein angstfreies Leben zu ermöglichen. Bis der Ruf von Moryala kam. Ein äußerst kleines Königreich. Horux hätte schnell fertig sein sollen. Wenn nicht dieser vermaledeite Vagabund sein Unwesen getrieben hätte.
»Großinquisitor Horux, tretet vor!« Die ihm so verhasste näselnde Stimme. Die anwesenden Berater und Hauptmänner drehten sich zu ihm. Kaum ein sympathischer Geselle unter ihnen. Alle machtgierig und stets bemüht, dem König bei jeder Gelegenheit in den Allerwertesten zu kriechen. Horux atmete tief ein und streckte seinen ohnehin mächtigen Brustkorb noch weiter. Langsam schritt er auf den Thron zu, machte den üblichen Kniefall und richtete sich wieder zu seiner imposanten Größe auf.
»Mir ist zu Ohren gekommen, dass Ihre Mission abermals missglückt ist. Es scheint, Sie können Ihrem Ruf nicht gerecht werden?«
Der Hohn der umstehenden Männer war spürbar. Horux ballte die Fäuste und knirschte mit den Zähnen. Atmen, Junge, atmen. Vor ihm die erbärmliche Gestalt des Königs. Dieser Mann hatte weder eine eigene Meinung noch wirkliche Macht. Konflikte und Kriege wurden von seinen Hauptmännern ausgetragen, seine Meinungen ließ er sich von Beratern einpflanzen, und selbst tanzte er wie ein Grashalm im Wind. Innerlich wie äußerlich, jämmerlich.
»Verehrter König, in der Tat ist auch die letzte Jagd auf den unbekannten Vagabunden missglückt. Zugegeben, ich jage unter erschwerten Bedingungen. Ihre Männer sind im Spurenlesen und Anschleichen denkbar schlecht ausgebildet. Sie sind wie ein Rudel Wölfe, die laut über den Gejagten herfallen und sich so vorzeitig verraten. Noch dazu scheint der Vagabund Verbündete zu haben, mit deren Hilfe er immer wieder auf unerklärliche Weise verschwindet.«
Am Gesichtsausdruck seines Gegenübers sah Horux, dass diese Informationen das Denkvermögen des Königs deutlich überschritten. Plötzlich hellte sich dessen Miene auf. Anscheinend war ihm doch noch eine bedeutungsschwere Frage eingefallen.
»Was macht Sie eigentlich so sicher, dass es sich dabei um einen Mann handelt, Meister Horux? Wir verbrennen jeden Tag zahlreiche Frauen, kaum Männer. Warum soll dieser Unheilstifter ausgerechnet ein Mann sein?«
Das war klar. Ihm war keine Strategie für die wirklichen Probleme eingefallen. Jetzt lenkte er vom eigentlichen Thema ab. Horux seufzte.
»Keine Frau ist fähig, sich so geschickt in den Schatten zu bewegen, so lautlos durch den Wald zu streifen und so schnell wegzurennen. Eine Fähigkeit, die nur den Waldhütern vorbehalten ist. Oder Magiern.«
»Was macht Sie dessen so sicher?« Wieder eine so dämliche Frage, die am Wesentlichen vorbeiführte. Was machte er eigentlich hier?
»Nun, Frauen sind im Grunde für die Freuden des Mannes geschaffen.«
Ein verhaltenes Lachen ging durch die Runde.
»Verweigern sie sich ihrer Aufgabe, werden sie zu Hexenweibern. Das sind, wenn Sie so wollen, die zwei ›Fähigkeiten‹ einer Frau. Niemals sind sie jedoch dazu in der Lage, die hohe Kunst eines Waldhüters zu erlernen. Das übersteigt ihren einfachen Geist.«
Ein zustimmendes Nicken ging durch die Reihen. Bloß der König kultivierte sein belämmertes Gesicht: »Nun denn, Meister Horux. Ich will Sie nicht umsonst bezahlt haben. Finden Sie diesen Vagabunden, ehe wir jedes verdammte Dorf niedergebrannt haben!«
Horux verneigte sich und kehrte um. Wie immer war es ein äußerst fruchtbares Gespräch gewesen.
Flammen. Schmerzen. Rauch. Schreie. Dunkelheit. Grelle Farben, die vor ihren Augen tanzten.
Ein Fauchen und Zischen ließ Lea aus ihrem düsteren Traum hochschrecken. Erleichtert atmete sie auf. Es war ein altbekanntes Bild: Die Füchsin verteidigte ihre Höhle gegen einen ungebetenen Gast, eine Kreuzotter.
»Oh, Sevus! Was machst du denn hier?!« Lorah sprang auf. Ihr Nacken schmerzte von der Nacht auf dem kargen Heubett und den Strapazen der Hetzjagd.
»Lorah, hör auf! So langsam müsstest du Sev doch vertrauen können!«
Widerwillig wich die Füchsin von der Otter ab und setzte sich trotzig in die Ecke, den Gast dabei keinen Moment aus den Augen verlierend. Lea schüttelte den Kopf und lachte über das Verhalten der kleinen Königin. Sie bückte sich und öffnete ihre Hände. Langsam schlängelte sich die Otter ihr entgegen und platzierte sich in ihren Handflächen.
»Was ist los?« Es kam selten vor, dass Sevus sich von zuhause so weit wegbewegte.
»Oh nein! Wie spät ist es?« Plötzlich kam der ganze Schmerz und Kummer der letzten Tage wieder hoch. Und der Grund für die nächtliche Mission.
»Fiebert er noch?« Die Antwort war offensichtlich. »Ist die Luft rein, kann ich raus, Sev?«
Die Otter bejahte.
»Möchtest du gleich mitkommen?«
Das war klar. Sevus legte ungern weite Wege zurück. Sanft rollte sich die Schlange ein, sodass Lea sie in den Beutel an ihrem Gürtel betten konnte.
»Lorah, ich verlasse dich wieder. Vielen Dank für die Herberge!«
Die Füchsin saß immer noch schmollend in der Ecke.
»Ach, komm schon!«
Träge erhob sich die Herrin des Hauses und schritt ihr entgegen.
»Was für eine Ehre!« Lea machte eine übertriebene Verbeugung und lachte leise. »Ich danke dir«. Sie verabschiedeten sich, indem sie ihre Stirn zum Gruße aneinanderlegten.
Das grelle Tageslicht schmerzte. Leas Gliedmaßen schmerzten noch viel mehr. Doch das zählte heute nicht. Sie rannte los. Ihr Heimathaus lag eine halbe Stunde von der Höhle entfernt, zumindest wenn man lief. Sie hatte keine Zeit zu verlieren, viel zu lange hatte sie ihn allein gelassen.
Halte durch, mein Kleiner, halte durch! Seit vier Tagen war ihr kleiner Bruder Pal an einem seltsamen Fieber erkrankt. Lea wusste nicht, woher es kam. All ihr medizinisches Wissen ergab keine vernünftige Diagnose. Ihr kleiner Pal. Er war gerade einmal acht Jahre alt und ihr Ein und Alles. Ihre Mutter hatte mit Haushalt und Bewirtschaftung der Felder genug zu tun und so hatte Lea ihn großgezogen. Der kleine Strahlemann. Er hatte das herzhafteste Lachen der Welt und stets den nächsten Streich im Kopf. Sie liebte ihn abgöttisch. Dann plötzlich dieses Fieber. Es stieg von Tag zu Tag, und er verfiel immer mehr. Lea hatte bereits all ihre Kräutertinkturen aufgebraucht, aber sie schienen immer nur Symptome zu lindern. Danach flammte das Fieber wieder auf. Ihre letzte Rettung war Großmutter Dana.
Es war der Abend des vollen Mondes, an dem Lea mit aller Kraft die Verstorbene gerufen hatte, worauf sie ihr auch tatsächlich im Traum erschien.
»Liebes, geh zum Hain am Rande des Waldes von Mahrlo. Dort stehen Farne, so hoch wie Sträucher. Du wirst einen Farn sehen, der seine Spitze noch verborgen trägt, obwohl er die stattliche Höhe der anderen sogar übertrifft. Verneige dich vor seiner Größe und bitte um seine Kraft. Nimm das silberne Messer aus meiner Truhe mit. Es wurde für die Pflanzen der Mondenwelt gegossen. Gebrauche es mit Sorgfalt! Seit Generationen weilt es im Zirkel der Eingeweihten. Niemand weiß, woher es stammt. Denk daran, du kannst die Kräfte des Farns nur mit diesem Messer bewahren! Frag den Geist der Pflanze, wie viel du davon brauchst. Doch bedenke, du musst den Farn noch vor Ort zur Medizin verarbeiten. Es braucht Mondlicht und die Kräfte der Pflanze verschwinden nach dem Abschneiden sehr schnell. Du musst rasch und sorgfältig arbeiten!«
»Aber Dana, du sagtest doch immer, Farne tragen ein tödliches Gift in sich und sind keinesfalls für den inneren Verzehr geeignet?!«
»Das stimmt auch. Nun … meistens. Es gibt immer Ausnahmen, Leandra. Und merk dir dies: Vergiss nie die Stunde des Kairos, in der alles anders ist als sonst. In der alle irdischen Gesetze aufgehoben sind und Magie geschieht. Dein Bruder ist ein Mondenkind, so kann ihn auch nur die Medizin des Mondes retten. Achte darauf, dass diese Tinktur niemals die Sonne berührt!«
»Wann ist die Stunde des Kairos?«
»Du wirst es fühlen!«
»Aber …!«
Und dann war sie weg. Dana hatte schon immer einen Hang zu dramatischen Abgängen. Ihr Tod war keine Ausnahme. Großmutter hatte gewusst, wann sie sterben würde. Das halbe Dorf wurde zum Abschied zusammengetrommelt. Doch als sie in ihr Zimmer traten, war sie einfach weg. Sie kehrte nie wieder zurück. Das Fenster stand weit offen, die Vorhangstoffe kräuselten sich im Wind, auf dem Bett lag ein einzelner Farnenhalm. Nicht mehr. Leas Familie hatte immer schon – selbst in ihrem sonderlichen Dorf – als etwas verrückt gegolten. Das war hauptsächlich den Absonderlichkeiten ihrer Großmutter geschuldet. Ihr Tod machte keine Ausnahme.
Nach diesem Traum studierte Lea nochmals alle Bücher von der ersten bis zur letzten Seite. Sie fand keine Einträge über Mondenmedizin oder einen Hinweis auf Kairos oder dass man Farn als Tinktur einnehmen dürfe. Ihre Verzweiflung stieg. Sie durfte ihren Bruder doch nicht vergiften! In jedem Eintrag über Farne stand die Warnung, dass man sie nicht innerlich einnehmen dürfe. Irgendwann gab sie auf. Ihre Großmutter hatte sie während ihrer Ausbildung so oft an die Wand rennen lassen. Sie konnte nicht mehr. Pal bekam erneut einen Fieberschub. Er zitterte am ganzen Leib, seine Haut war fahl und leblos. Wie so oft die Tage zuvor fantasierte er im Fiebertraum und redete wirres Zeug. Lea war bei ihm, legte ihm kühle Umschläge auf und hielt seine Hand. Plötzlich beobachtete sie, wie der Wind die Gardinen sonderbar zu kräuseln begann. Sie fühlte einen leichten Druck von Pals Hand. Immer wieder flüsterte er ein Wort, das sie nicht zu entziffern vermochte. »Pal, was ist los? Was willst du mir sagen?«
Seine Augen blieben geschlossen, er registrierte sie gar nicht. Als sie sich ganz nah zu seinem Mund beugte, um das Wort aufzufangen, verstand sie es klar und deutlich. »Kairos«. Ein Schauer lief durch ihren Körper.
Nun wusste Lea, was zu tun war. Entgegen all der besorgten Stimmen in ihrem Kopf packte sie ihren Beutel und wartete, bis der Mond im zweiten Zeichen stand. Dann schlich sie in die Nacht hinaus. Ihr Herz pochte wie wild. Sie hatte Angst – wie immer, wenn sie gegen jede Vernunft auf ihre Intuition hören musste. Es war alles gut gelaufen, niemand war ihr gefolgt. Nur einmal hörte sie einen seltsamen Krähenruf. Sie hatte sogar diesen speziellen Farn gefunden. Immer schon war ihr die Gegend dort unheimlich gewesen, nur wenige Wesen verirrten sich dorthin. Zumindest wenige von der guten Sorte. Zu nah lag der Ort am dunklen Mahrna-Wald. An diesem Abend strahlte der Platz jedoch eine ungewöhnliche Ruhe aus und der Hain wurde vom silbernen Licht des Mondes magisch eingefangen. Als Lea dem Riesenfarn gegenüber stand, kniete sie voll Demut nieder und öffnete sich dem Geist der Pflanze. Nach einer Weile zeigte sich eine große feingliedrige Gestalt, blaugrünlich schimmernd, vom Mondenlicht umwoben. Noch nie hatte sie ein so mächtiges Naturwesen in diesem Wald erlebt. Die launischen Baumgeister ausgenommen. Lea hatte das Gefühl, als würde das Wesen sie bis auf ihre Zellebene durchdringen. Es wies sie an, dem Halm genau acht Querzacken zu entnehmen, und beschrieb ihr bis in alle Einzelheiten, wie sie diese zu verarbeiten hatte. Voller Ehrfurcht tat Lea wie ihr geheißen. Als die Tinktur abgefüllt war, verneigten sich die beiden voreinander. Der Zauber war vorbei. Kairos.
Plötzlich wieder der Krähenschrei. Erst jetzt erkannte sie den fiesen Balthasar. Es war zu spät. Die Männer waren ihr bereits gefolgt. Die Erinnerung ließ Leas Lungen wieder schmerzlich brennen. Oder lag es daran, dass sie völlig außer Atem am Heimattor angelangt war?
Ängstlich öffnete sie das schwere Eichentor, welches knarrend aufschwang. Im Hof war niemand zu sehen. Ein schlechtes Zeichen. Es wird wohl nicht … Ihr ganzer Körper zitterte und bebte vor Furcht, was ihr bevorstehen könnte. Im Flur erblickte sie Kage, ihren großen Bruder. Er war selten zuhause und sein trauriger Blick konnte nichts Gutes bedeuten. Ein Stich in Leas Herzen. Langsam ging sie an ihm vorbei und öffnete die Tür zu Pals Kammer. Da lag ein halbtoter achtjähriger Junge, aufgebettet zum Sterben. Das fahle Gesicht ließ keine Erinnerung an das lebenslustige Kind von früher aufkommen. Ihre Mutter kniete daneben und blickte ihr leer und vorwurfsvoll entgegen. Wo warst du so lange? Gesagt wurde jedoch nichts. Wie so oft.
Lea eilte zu ihrem kleinen Bruder, fühlte die glühend heiße Stirn und legte erneut einen kalten Umschlag auf. Sie wollte nicht aufgeben wie alle anderen. Schnell kramte sie die nachtfrische Tinktur aus ihren Taschen und vollführte das Ritual, wie es ihr beigebracht worden war. Erwartungsvoll blickte sie in Pals Gesicht. Unverändert. Keine Regung. Die Mutter schluchzte laut und verließ das Zimmer. Lea hörte, wie sich Kage in tröstenden Worten versuchte. Vergeblich. Leas Herz pochte. Es hieß, sich führen zu lassen. Den ganzen Tag saß sie an Pals Seite, wechselte Umschläge, fühlte Puls und Atemstrom. Selbst in der Nacht hielt sie seine Hand und wiederholte Ritual um Gebet, Gebet um Ritual. Unermüdlich.
Irgendwann war sie doch eingeschlafen. Eine sanfte Regung ließ sie aufschrecken. Mit verquollenen Augen blickte sie auf. Die Vorhänge kräuselten sich sonderbar. Stammte das hereinfallende Licht von Mond oder Sonne? Wieder ging eine sanfte Regung durch den kleinen Körper neben ihr. Ihr Herz pochte. Schnell holte sie frisches Wasser und legte neue Umschläge auf. Die Lippen des Bruders kräuselten sich. Lea legte ihre Hand an seine Wange: »Ist schon gut, Kleiner. Das wird schon wieder, wir schaffen das! Hörst du? Wir schaffen das!!«
Aus dem kleinen Mund kam nur Luft. Er wollte ein Wort formen, das erkannte Lea genau. Sie versuchte aufmerksam hinzuhören.
»Ssssseevv«
Oh, verdammt. Sie hatte die Kreuzotter in ihrer Tasche ganz vergessen! Schnell öffnete sie den Beutel und Sevus kam langsam hervorgekrochen. Empört zischte er ihr entgegen.
»Ach es tut mir leid, ich wollte dich nicht vergessen mein Lieber! Aber du siehst doch, dass ich beschäftigt war oder?«
Die Schlange würdigte sie keines Blickes und bewegte sich auf den Jungen zu. Die beiden hatten schon immer eine besondere Beziehung zueinander. Der Junge liebte die Otter und umgekehrt schien es genauso zu sein. Sev rollte sich beschützend auf dem Bauch des Kleinen zusammen. Er wollte bei ihm sein. Bildete Lea es sich ein oder war tatsächlich ein sanftes Lächeln in Pals Gesicht zu erkennen?
Es vergingen weitere Stunden, in denen Lea im Halbschlaf über ihren Bruder wachte und die Lappen in regelmäßigen Abständen wechselte. Dazwischen mischten sich Erinnerungen an die letzte Jagd mit Traumzuständen in ihrem Inneren. Sie sah Feuer, hörte Verfolger hinter ihr keuchen, wurde gefasst, war gefesselt, sah Pal in weiter Ferne … Er schwebte wie ein Geist auf sie zu. Eine durchscheinende Gestalt, als käme er direkt aus dem Jenseits, um auch sie zu holen. Warum war sein Blick so angstverzerrt? Pal! Lea schreckte aus dem Halbschlaf hoch und tastete nach Pals Hand, um seinen Puls zu fühlen. Ein schwaches, deutlich vernehmbares Pulsieren. Plötzlich bewegten sich seine Finger, zart aber deutlich wahrnehmbar. Hoffnungsvoll blickte Lea auf ihren kleinen Bruder. War das soeben ein Zucken um seine Mundwinkel? Sanft streichelte sie seine Wangen und wuschelte sein Haar. Ihr Herz raste vor Aufregung.
»L … Lea?« Es war ein Hauch. Hatte sie richtig gehört? Sanft drückte sie seine Hand. »Pal! Hey mein Kleiner, ich bin bei dir! Du schaffst das Pal, hörst du? Lass mich nicht allein, du schaffst das!«
Sie sackte zusammen. Die Strapazen der letzten Nächte hatten ihre Nerven hauchdünn werden lassen. Tränenflüsse brachen aus ihr heraus. Sev verzog sich unter Pals Achsel, um geschützt zu sein. Lea umklammerte ihren kleinen Bruder. Sie hatte alles getan. Wurde sie jetzt auch noch verrückt und hörte Stimmen? Die Tränen flossen unentwegt. Da berührte sie eine Hand sanft am Hinterkopf. Sie hatte ihre Mutter gar nicht reinkommen gehört. Als sie hochblickte, verschlug es ihr den Atem. Blinzelten ihr da tatsächlich aus verklebten Wimpern die sternblauen Augen ihres kleinen Bruders entgegen? Sie zögerte: »Pal …?«
Als sich seine Mundwinkel zu einem zarten Lächeln verzogen, sprang sie jauchzend auf und fasste seine Hände: »Pal, bist du wirklich wieder da? Geht es dir besser? Bitte, komm zu mir zurück!«
Ein zarter Gegendruck und ein gehauchtes »Wasser« waren die Antwort.
»Oh ja, warte – ich hole frisches, ich komme gleich!«
Sie rannte, als ginge es um ihr Leben. Als sie zurückkam, lächelten ihr die geliebten Augen bereits deutlicher entgegen. In seiner Hand hielt er Sev, den er zärtlich streichelte.
Schluckweise leerte Pal das Glas. Dann sank er erschöpft in das Kissen zurück.
»Lea?«
»Ja mein Kleiner?«
»Warst du die ganze Zeit bei mir?«
»Fast, einmal war ich Medizin holen … aber sonst ja, ich kann dich doch nicht alleine lassen!«
»Großmama war auch da, ich hab sie gespürt … »
»Ja?«
»Sie meinte, ich darf noch nicht gehen …« Sein Blick wurde traurig.
»Wärst du denn schon gern gegangen?«, fragte Lea ängstlich.
»Es war so schön dort …«, hauchte er mit tränenerstickter Stimme.
»Hier ist es doch auch schön!«
»Ja, wenn du bei mir bist, schon …«
»Ich verlass dich doch nicht, mein Kleiner, nie!« Ein Schaudern überkam Lea, als ihr Bruder sie mit ängstlich fragendem Blick ansah und dabei eine dunkle Ahnung beiseite wischen wollte.
»Versprichst du mir das?«
»Hoch und heilig.« Sie beugte sich an sein Ohr und flüsterte »Hexenehrenwort. Und jetzt versuch wieder zu schlafen. Du brauchst viel Ruhe!«
Sanft glitt er in einen ruhigen Schlaf, der die nächsten Tage anhielt. Dazwischen war er wach, sprach ein paar Worte und verschwand daraufhin wieder ins Traumland. Lea war beruhigt. Der junge Körper wurde von Stunde zu Stunde kräftiger und rosiger. Sie war voll Zuversicht. Bloß Pals fragender Blick war in diesen Tagen ein unbehaglicher Begleiter.
Horux stöhnte. Diese prächtige Syna war ihr Geld allemal wert. Ihr üppiger Körper bäumte sich. Die Laken waren von Schweiß durchdrängt. Da klopfte es an der Tür. Beinahe grob schlug Horux seiner Bettgefährtin auf das Gesäß »Mach, dass du fortkommst, wir waren ohnehin schon fertig.«
Eilig schlupfte Syna in ihre Kleider und schlich leise durch die Seitentür hinaus. Wie sehr Horux Zofensex doch liebte – sie wussten, dass sie den Mund zu halten hatten und wann es Zeit war zu gehen. Das konnte er von den dreckigen Huren in diesem Königreich nicht behaupten. Das erneute Klopfen riss ihn aus seinen Gedanken. Nie hatte man Ruhe in diesem Haus. »Ja, jetzt kommen Sie doch rein. Verdammt!«
Zögerlich öffnete sich die knarrende Tür und die hagere Gestalt erschien. Mürsols Gesicht erstarrte vor Scham, als er seinen nackten Herrn im zerwühlten Bett erblickte. Horux musste schmunzeln. Der arme Kerl hatte bestimmt noch nie einen einzigen Tropfen Lust kosten dürfen. Den Blick starr auf den Boden gerichtet, stammelte der Diener: »Meister Horux … der Hauptmann erwartet Sie … bei den Ställen!«
»Der Hauptmann?!«
Als ob das zur Antwort genügte, machte sich Mürsol aus dem Staub. Überglücklich, aus dem sexgeschwängerten Raum entkommen zu können.
Was könnte der Hauptmann denn von ihm wollen? Der nächste Ausritt war doch erst morgen Früh geplant. Murrend machte Horux sich daran, die Teile seiner Uniform vom Boden aufzusammeln. Nicht mal zum Ankleiden war der kleine Nichtsnutz geblieben. Wie sehr Horux in diesen Momenten seine einfachen Waldhüter-Kleider vermisste. Er hatte es nicht so sehr mit Stahl und Blingbling. Nach einer gefühlten Ewigkeit schien er alle Teile an den richtigen Stellen seines Körpers platziert zu haben. Nach einem mürrischen Schnauben, das allen Frust seines Moryala-Aufenthaltes enthielt, machte er sich eiligen Schrittes auf zu den Stalltoren. Es mussten neue Informationen eingetroffen sein, anders konnte er sich diesen abendlichen Ruf nicht erklären.
Wie erwartet fand das Rendezvous vor den Stalltüren statt. Sein aufgesattelter Hengst und der Anblick des Hauptmanns bestätigten Horux’ Vermutung. Der Hauptmann schien aufgeregt zu sein. Horux mochte diesen Mann, er war einer der wenigen hier am Hofe, die noch so etwas wie Rückgrat besaßen. Und Waffengeschick. Was man von den wenigsten hier behaupten konnte.
»Meister Horux, gut, dass Sie so schnell kommen konnten.«
»Hauptmann Anha.« Horux neigte seinen Kopf zum Gruß. »Was gibt es denn so Dringendes? Irgendetwas Neues von unserem unsichtbaren Vagabunden?«
»Nun, es lässt zumindest vermuten. Unsere Späher haben unten im Mahrna-Tal Spuren gefunden, welche zu dem Magier passen könnten. Aber Sie kennen ja deren Fähigkeiten … Es ist wohl besser, wenn Sie es selbst überprüfen.«
Horux musste schmunzeln, zumindest noch jemand, der die fehlenden Kompetenzen an diesem Hofe wahrnahm. Zu schade, dass der Hauptmann nie auch nur eine winzige Gefühlsregung in seinem Gesicht erkennen ließ. Sie hätten sicher viel Spaß haben können. Aber nichts, nicht einmal ein verbündetes Zwinkern. Horux musste seufzen. Kein einziger Trinkkumpane hier. Noch ein weiterer Grund, so schnell wie möglich von hier zu verschwinden. Er räusperte sich: »Verstehe. Ich mach mich sofort auf den Weg. Bekomme ich Gefolge?«
»Wollen Sie das denn?«
Wieder musste Horux ein Schmunzeln unterdrücken. Wie wahr, wie wahr. Kein Mensch konnte das laute Getrampel dieser Gefolgschaft brauchen. Womöglich würden sie ihm noch die Spuren verwischen. Er schwang sich auf den Sattel. »Ganz und gar nicht« .
Der Hauptmann nickte und sah ihn verständnisvoll an. War da vielleicht doch ein Ansatz eines Zwinkerns zu sehen?
»Sie müssen sich beeilen – die Wolken deuten ein Unwetter an!«
Verheißungsvoll deutete Anha nach oben. Das Wiehern seines Hengstes war die Antwort und Horux ritt davon.
Leas Kräutervorräte gingen zu Ende. Alles, was sie in den letzten zwei Jahre gesammelt und verarbeitet hatte, schien Pal in seiner Not aufgebraucht zu haben. Zumindest war ihr Kleiner wieder im Leben zurück. Es war eine Freude, seine strahlenden Augen zu sehen und sein Lachen beim Spielen zu hören. Er war zwar noch schwach, aber von Tag zu Tag nahm seine Kraft zu. Lea verbrachte viel Zeit mit ihm. Oft spielten sie miteinander und wenn Lea Haushaltsarbeiten zu erledigen hatte, erzählte er ihr eine seiner erfundenen Geschichten. Dazwischen wurde er mit Kräuteranwendungen versorgt. Für Lea war es perfekt – von ihr aus hätte das Leben genauso weitergehen können. Ihr großer Bruder Karge war nach Pals Erwachen wieder abgereist. Mutter war zu ihrer normalen Tagesordnung auf dem Feld und in den Ställen übergegangen.
Nun wurde Lea zunehmend unruhig. Sie musste die verbrauchten Reserven auffüllen, damit sie für den Winter genug hatten. Es war August – also die perfekte Sammelzeit für Heilkräuter. Alles was rund ums Haus wuchs, hatte sie bereits gesammelt und verarbeitet. Für speziellere Kräuter musste sie jedoch weiter fort. Früher war das ja kein Problem gewesen, nur steckte ihr die letzte Verfolgungsjagd noch in den Knochen. Was waren das bloß für verrückte Zeiten. Vor einem Jahr hatte sie sich über den Zeitpunkt des Kräutersammelns noch keine Gedanken machen müssen. Wenn sie tagsüber unterwegs war, würde es wohl kaum Aufsehen erregen. Viele Frauen taten dies, und das reine Sammeln von Kräutern war noch lange kein Verbrechen.
